Disclaimer: siehe Kapitel 1.

Tag 4 - Hufflepuff

"Du bist unverbesserlich, weißt du das?" Severus schüttelte den Kopf, während er neben Eric lief. "Die Deadline rückt näher und du willst ernsthaft, dass wir draußen was machen? Spazieren gehen?"

Eric rollte mit den Augen. "Du solltest wirklich ein Ravenclaw sein. Du bist so ein Langweiler, manchmal. Ich wollte dir diesen tollen Platz am See zeigen -"

Severus seufzte nur, komplett ignorierend, was Eric sonst noch zu dem Thema zu sagen hatte. Vielleicht wäre es tatsächlich besser für ihn gewesen, in Ravenclaw zu sein. Verglich man das mit Hufflepuff, zumindest. Severus war sich immer noch sicher, dass er nach Slytherin gehörte, auch wenn die Zweifel ein wenig nachgelassen hatten. Vermutlich lag es daran, dass jemand sich um ihn bemühte - das war ungewohnt und er konnte nicht sagen, dass es schlecht war. Es war etwas Neues. Und es fühlte sich irgendwie gut an.

"Okay, du zeigst mir diese Stelle am See und dann -" Severus kam nicht dazu zu sagen, was dann sein würde. Er stieß mit jemandem zusammen und fiel rücklings zu Boden. Hart. Eric erging es auch nicht viel besser als ihm selbst. "Was zur Hölle -?!"

Er sah auf. Vor ihnen standen die vier Slytherinjungen. Man sah sofort, wessen Idee dieser Anschlag gewesen war - ihr Anführer grinste boshaft auf sie herunter, während sich die normaleren unter ihnen im Hintergrund hielten. Einer von ihnen machte sogar einen gequälten Gesichtsausdruck. Irgendwie kam das Severus bekannt vor, auch wenn er es noch nie aus dieser Perspektive gesehen hatte.

"Könnt ihr nicht aufpassen, wo ihr hinlauft?", höhnte ihr Anführer spöttisch.

Severus beschloss, ihn zu ignorieren. Er stand auf und klopfte sich seine Roben ab, dann drehte er sich zu Eric um, um ihm auf die Beine zu hören.

"Nicht nur blind, sondern auch schwerhörig", bemerkte ein anderer Slytherin, dessen Namen sich Severus nicht wirklich gemerkt hatte.

"Hast du gesehen, welcher Drache uns niedergetrampelt hat?", fragte Eric leise.

"Kein Drache - eine Horde Trolle", sagte Severus, wobei er sich keine Mühe gab, das leise zu tun. Sollten die doch wissen, was er davon hielt. So viel zu den Slytherins, wie es schien.

"Wen nennst du hier einen Troll?", grollte der Anführer. Mulbeaver, wenn Severus sich richtig erinnerte. Oder Muldiver? Sein Name begann jedenfalls mit Mul- und der Rest konnte auch nicht so wichtig sein.

Severus sah ihn an und musterte ihn abschätzig von oben bis unten. "Ich habe dich nie erwähnt. Ist nicht meine Schuld, wenn du dich angesprochen fühlst. Aber jetzt, wo ich dich genauer ansehe ... eine gewisse Ähnlichkeit besteht, ja."

Mulbiter wurde rot vor Wut und packte Severus am Kragen. "Findest dich wohl sehr lustig, was, kleiner Hufflepuff, ja?"

Eric sah besorgt drein. "Komm schon, lass es, Sev, ich meine -"

"Weißt du, Muldings", meinte Severus eisig, "ich mag kleiner als du sein, aber das liegt nur daran, dass bei dir so viel Stroh in den Kopf passen muss. Wenn Dummheit klein machen würde, könntest du zwischen den Steinritzen Quidditch spielen."

"Na warte!" Muldriver stieß ihn erneut zu Boden. "Und ich heiße Mulciber, klar?!"

"Muldings, Mulciber ... wo ist da der Unterschied?", murmelte Severus mehr zu sich selbst, aber es schien, als hätte sein Angreifer ihn nicht gehört. Was wohl auch besser war. Er hatte bestimmt schon genug blaue Flecken.

"Lass uns gehen, Parry, die sind's nicht wert", meinte einer der anderen Slytherins. Severus kannte ihn aus Zauberkunst, Rosier. Vielleicht war der ja die Stimme der Vernunft in dem Quartett. Oder er war der einzige mit einem Funken Verstand - wie hatte Mulciber es in das Haus geschafft, dass für Ehrgeiz und Ambition bekannt war? Das würde ein ewiges Mysterium sein. "Außerdem, wir wollten es den Gryffindors heimzahlen."

Mulciber schnaubte und griff nach Severus' Schultasche, die er überall hin mitnahm. "Na gut, Evan. Du hast recht. Hufflepuffs sind solche Waschlappen." Er kippte die Tasche aus - Bücher, Pergamentrollen, Federkiele, alles fiel zu Boden. Severus war heilfroh, dass sein Tintenfass nicht auch herausfiel. Merlin sei Dank für Spezialfächer. "Man sieht sich, ihr Croissants!"

Mulciber zog ab, Rosier und den anderen, Avery, im Schlepptau. Der vierte blieb zurück und sah seinen Hauskameraden fast schon müde hinterher. Severus schüttelte den Kopf.

"So ein Idiot. Und was meinte der mit Croissants?" Eric machte sich daran, zu helfen, Severus' Sachen einzusammeln.

"Ich schätze, er meinte eigentlich Kretins", meinte Severus und seufzte. "Und ich dachte, diese Gryffindorknalltüten wären die schlimmsten."

"Tut mir Leid, wegen Parry", murmelte der verbleibende Slytherin - Severus' anderer Sitznachbar in Zauberkunst, Wilkes. "Er ist einfach ein ziemlicher ..."

"Kretin", grinste Severus. "Oder seinen Worten zufolge ein Croissant." Er musterte Wilkes, während er seine Bücher unzeremoniell wieder in seine Tasche packte. "Wolltest du etwas Bestimmtes oder dich nur für einen Idioten entschuldigen, für den du nichts kannst?"

"Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du mir in Zaubertränke helfen kannst", gab Wilkes zu. "Du scheinst viel davon zu verstehen, wie es scheint."

Severus blinzelte. "Woher weißt du davon?", fragte er misstrauisch.

"Ich hab euch in der Bibliothek gehört", gestand Wilkes. "Und es ist kein großes Geheimnis, Slughorn ist unser Hauslehrer und er erwähnt immer mal wieder irgendwelche Schüler, die gute Leistungen erbringen."

Severus sah zu Eric, der nur die Schultern zuckte. "Für einen Slytherin scheint er okay", erklärte Eric nur. "Und du bist gut in Zaubertränke."

"Wir hatten nur eine Doppelstunde", protestierte Severus. "Das ist gar nichts!" Er ließ die Schultern hängen. "Aber na schön ..." Er sah zu Wilkes. "Du kommst aber allein - heute Abend in der Bibliothek."

"Ich werde da sein." Wilkes lächelte. "Danke."


Severus kehrte am Abend sehr zufrieden in den Gemeinschaftsraum zurück. Er konnte nicht sagen, dass es ein voller Erfolg gewesen war - Wilkes schein genauso wenig Ahnung von Zaubertränke zu haben wie Eric, auch wenn er vermutete, dass es mehr an Faulheit denn an irgendetwas anderem lag - doch zumindest konnte er einen Erfolg in Sachen Kommunikation verbuchen. Wilkes hatte sich sehr anständig verhalten und Severus hoffte ja, dass er einen weiteren Freund neben Eric gefunden hatte.

Der Gedanke ließ ihn stutzen. Einen Freund? Seit wann dachte er von Eric als einem Freund? Er sah zur Seite, wo Eric mit den anderen Jungen saß. Eric entdeckte ihn kurz darauf und winkte ihn begeistert zu sich rüber. Ein wenig zögerlich folgte Severus der Aufforderung. Auch wenn er bisher recht gut mit Eric klarkam ... das traf nicht auf die anderen vier Jungen zu.

"Setz dich!", meinte Eric mit Begeisterung und zog ihn neben sich auf die Bank.

Severus ließ seine Schultasche von der Schulter gleiten und sah in die Runde. "Ich hoffe doch, dass du mich nicht nur wegen irgendwelchen Hausaufgaben hergebeten hast", sagte Severus mit dem Anflug eines Lächelns.

Eric zog einen Schmollmund. "Für wen hältst du mich?"

Severus verkniff sich jede Antwort darauf. Es würde sicherlich nicht helfen, wenn er Eric sagte, dass er ihn für einen Faulpelz hielt. Stattdessen sah er in die Runde. Die anderen musterten ihn mal mehr, mal weniger neugierig. Sie alle schienen nicht genau zu wissen, wie sie Severus begegnen sollten. Nicht wirklich verwunderlich - Severus war ein Einzelgänger, der mehr durch Zufall an Eric geraten war.

"Ähm, ich schätze, du kennst alle hier?" Eric sah zwischen ihnen hin und her.

"Kennen wäre zu viel", murmelte Severus. "Wir haben kaum ein Wort gewechselt in den letzten drei Tagen, oder?"

"Na ja, aber du weißt schon, wer wer ist?"

"Natürlich, ich bin nicht dumm", erwiderte Severus. "Ist das die Fortsetzung der Vorstellungsrunde von gestern ...?"

"Jupp." Eric grinste. "Ich dachte mir, da du die letzte verpasst hast -"

Die anderen Jungen sahen Severus neugierig an. Severus ahnte, dass ihm diese Runde nicht gefallen wurde, schon allein deshalb, weil er es ablehnte, mit anderen über sich selbst zu reden. Merlin, er hatte selbst Lily vieles über sich verschwiegen - vor allem, wenn es um seine Familie ging. Schlimm genug, dass Lily wusste, in was für einer Gegend er lebte. Vor allem, da er sich sicher sein konnte, dass Lilys Schwester Petunia lang und breit darüber referiert hatte, wie schrecklich die Gegend in und um Spinner's End war, genauso, wie alle, die dort lebten. Und dann erwartete Eric ernsthaft, dass er sich an einer Vorstellungsrunde beteiligen wollte? Das war Irrsinn.

Trotzdem widersprach er nicht. Er wartete ab, wie diese Runde ablaufen sollte. Falls die fünf glaubten, dass er einfach so damit anfangen würde, über sich zu erzählen, dann irrten sie sich gewaltig. Wie hieß das noch? Quod pro quad? Nein. Quid pro quo. Das war es. Ohne, dass sie etwas über sich preisgaben, würde er gar nichts sagen. Nicht einmal seinen Namen. Nun, okay, den kannten sie vermutlich. Aber seinen Geburtstag würde er verschweigen.

"Uhm..." Eric sah zwischen ihnen hin und her. "Okay ... was haltet ihr davon, dass jeder sagt, wer er ist, einfach noch einmal so, und dann ... err ... eine Sache, die man mag, und eine, die man nicht mag?"

"Meinetwegen", sagte Severus. Er lächelte boshaft. "Du fängst an, Eric. War ja deine Idee."

Eric verzog leicht das Gesicht. "Na gut." Er wiegte den Kopf ein wenig hin und her. "Okay ... also ... nun, ich bin Eric Munch, wie ihr sicher wisst, und etwas, was ich mag ... nun ... ich mag unheimlich gerne Apfelpfannkuchen." Severus hob eine Augenbraue. "Und ich hasse Spinat."

Severus seufzte innerlich. Natürlich, was für Vorlieben und Abneigungen hatte er eigentlich erwartet? Die Tatsache, dass er mit Lily meistens über andere Dinge sprach, musste ihn irgendwie auf die falsche Fährte gelockt haben. Wie auch immer. Er sah zu den anderen vieren, die sich nun ebenfalls vorstellten.

"Aaron Stebbins", stellte sich der nächste vor. "Ich mag Quidditch und ich mag diese langweiligen Fächer, in denen man nur Sachen aufschreibt, nicht."

Severus übersetzte es als alle Fächer, in denen man etwas lernt. Er sah zum nächsten. Er würde sich seine Vorstellung bis zum Ende aufheben, wenn er damit durchkam. Tatsächlich schien keiner der anderen Jungen das für merkwürdig zu halten. Der nächste war Ambrosius Flume, der Severus eindeutig zu sehr von Süßigkeiten vorschwärmte. Danach kam Bertam Aubrey, der nicht viel mehr zu bieten hatte als Eric. Vielleicht sollte Severus zusehen, dass er sich Betram auch noch ins Boot holte. Dann würden sie der Klub der Mittelmäßigen sein - zumindest mit Ausnahme von ihm selbst.

"Und was ist mit dir?", fragte Severus und sah den letzten im Bunde an - Shawn.

Shawn lächelte. "Ich bin Shawn Ogg. Ich habe einen älteren Bruder, Jason, der Schmied ist, und meine Mutter ist Gytha Ogg. Wir haben eine große Familie und -"

Severus' Aufmerksamkeit ließ an diesem Punkt nach. Während es ja ganz nett war, dass Shawn eine so große Familie hatte, so war sie gänzlich uninteressant. Zumindest für Severus. Die Oggs waren definitiv keine der großen magischen Familien - und Shawn schien ein Einfallspinsel zu sein. Nein, Severus würde sich doch lieber mit Eric und vielleicht Bertram zufrieden geben. Wobei, Bertram schien sich bereits sehr gut mit Aaron zu verstehen. Es schien so, als gäbe es bereits eine Menge an Zweierpärchen in Hufflepuff. Zum Glück musste Severus nicht hingehen und sich auch noch mit den Mädchen befassen. Nicht, dass er auch nur eine Sekunde daran glaubte, dass er da irgendetwas interessantes erfahren könnte.

"Nun, du bist dran", meinte Shawn als er seine Familiengeschichte beendet hatte und strahlte Severus an. Waren alle Hufflepuffs so entsetzlich freundlich und naiv?

"Severus Snape", stellte sich Severus knapp vor. "Ich mag wenig, aber ich kann vieles nicht leiden."

Eric machte ein böses Gesicht. Offensichtlich hatte er nicht die richtige Antwort gegeben. Aber mal ehrlich - was für eine Art Antwort hatte Eric von ihm erwartet? Severus ignorierte ihn jedoch gekonnt.

Er wandte sich an die anderen. "Wie sieht es bei euch mit den Hausaufgaben aus?"

Die verlegenen Blicke waren Antwort genug. Scheinbar stand die große Hausaufgabenmacherei noch bevor. Severus grinste innerlich. Das war der Beweis dafür, dass sein System das bessere war. Er warf Eric einen Blick zu, aber der wirkte nicht im geringsten verlegen. Eher selbstzufrieden. Severus runzelte die Stirn. Hatte Eric etwa doch auch schon die Aufgaben erledigt? Eigentlich kaum vorstellbar. Vor allem, da er sich nicht vorstellen konnte, dass Eric ihn nicht wegen Zauberkunst gefragt hätte - er hatte schließlich in der Stunde mehrfach Flitwicks Erklärung wiederholen müssen.

Stattdessen fragte Bertam. "Du schienst Zauberkunst verstanden zu haben", begann er. "Könntest du mir deinen Aufsatz leihen? Ich will gucken, ob meiner Sinn ergibt ..."

Severus nickte nur. Vergleichen war definitiv drin. Er griff nach seiner Tasche - und erstarrte. "Mein Aufsatz ist weg!"