10. Night and Day

Severus hatte sich schon gedacht, dass es zu eine Art Routine werden würde, wenn auch zu einer Routine des Wahnsinns.

Eine Woche war seit Miss Grangers erstem Anfall mit Halluzinationen vergangen. Er erinnerte sich wage daran, dass er besorgt war, als sie ihn mit Malfoy verwechselt hatte und dass er bei dem Ausmaß an Angst und Panik, die sie gezeigt hatte, schockiert war.

Doch das war noch gar nichts im Vergleich dazu, was sie in den letzten sechs Tage durchgemacht hatte.

Nachdem sie an jenem Tag eingeschlafen war, hatte er es sich in einem Sessel an ihrem Bett gemütlich gemacht. Er hatte versucht zu lesen, war aber kläglich gescheitert. Severus war immer auf seine Fähigkeit, sich von allem, was ihn umgab zu distanzieren, stolz gewesen. Sich um etwas zu kümmern, sich Sorgen zu machen und Sachen die wirklich wichtig waren wegen kleiner bevorstehender Dinge zu vergessen, das war ein Fehler, den er nur einmal machen konnte. Die Todesser würden dafür sorgen, dass er keine Zeit für einen zweiten Versuch hatte.

Jahrelang war er ein Mann mit wenigen Schwächen gewesen. Er hatte sich strikt von allen anderen ferngehalten, hatte keiner Freundschaft oder Leidenschaft erlaubt, sich zu entwickeln. Aber als er in dem Sessel saß und ihr bloßes, ungeschütztes Gesicht beobachtete, bemerkte er dass ihn die letzten Monate hatten weich werden lassen.

Daraufhin hatte er geseufzt und sich dem Kamin zugewendet. Ein gewispertes Wort und die Flammen tanzten fröhlich. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seinen Zauberstab zu verwenden. Er tat das selten innerhalb seiner Räume.

Aus einer seiner verborgenen Taschen holte er eine Handvoll Floh – Pulver hervor und warf es in die Flammen. „Büro des Schulleiters", sagte er deutlich und stieß seinen Kopf in die Flammen. Im Gegenteil zu dem, was er Miss Granger erzählt hatte, waren seine Feuerstellen zwar wirklich mit dem Flohnetzwerk verbunden, jedoch waren sie an ihn gebunden und wirkten nur einseitig. Keiner außer ihm konnte erfolgreich eine Verbindung aufbauen und keiner konnte seine Räumlichkeiten auf diese Art betreten. Die Verbindung war in hohem Maße illegal. Verborgen von einigen „magischen Verstrickungen", innerhalb der Mauern von Hogwarts, erdacht von Albus, als der Dunkle Lord vor einigen Jahren wieder aufgetaucht war.

„Albus", rief er, während er die Flammen sein Gesicht kitzeln fühlen konnte. „Auf ein Wort bitte."

Das Gesicht des alten Zauberers erschien in der Vorderfront des Kamins. Seine Augen waren besorgt und müde.

„Ja lieber Junge?", antwortete er ruhig. „Ich bin hier. Wie geht es Miss Granger?"

„Es hat angefangen. Sie halluziniert. Albus, du musst meine Unterrichtsstunden für die nächste Woche ausfallen lassen. Sie kann nicht alleine gelassen werden."

„Natürlich, Severus", etwas im Gesicht des alten Mannes hatte sich verändert. Sorge hatte die Runzeln und Sorgenfalten vertieft.

„Du weißt, dass du das nicht alleine machen musst?", fragte er. „Minerva und ich könnten dir helfen, wenn du … etwas Freizeit brauchst."

„Nein, Albus", knurrte Severus praktisch durch den Kamin. „Sie ist in meiner Verantwortung. Das hast du selbst gesagt. Ich werde das schaffen."

„Aber Severus, du weißt, dass ..."

„Ich muss gehen, Albus", schnitt ihn Severus ab. „Sie könnte aufgewacht sein. Ich werde dich morgen wieder kontaktieren.

Während er seinen Kopf zurückzog, bemerkte Severus, dass Miss Granger begonnen hatte, sich auf ihrem Bett zu bewegen und sich herumzuwälzen. Er eilte zurück zu seinem Platz an ihrer Seite, und als ob seine Anwesenheit sie beruhigt zu haben schien, lag sie wieder ruhig.

„Miss Granger", murmelte er in seiner seidigen Stimme. „Sie machen mich wirklich wahnsinnig."

Oh wie gerne wäre er sie los! Ihre Krankenschwester zu spielen, würde ihn nicht nur davon abhalten zu unterrichten, sondern ihn auch von der weiteren Forschung mit Remus, von seinen eigenen Projekten und von seinen Pflichten als Hauslehrer von Slytherin abhalten. Keine Spaziergänge draußen in der Herbstsonne, keine Mahlzeiten in der großen Halle, keine Treffen mit Minerva.

Aber sie aus seinen Augen zu lassen, würde das Risiko der Enttarnung bedeuten. In ihrer jetzigen Verfassung konnte Miss Granger ihre übliche Kontrolle und Disziplin nicht ausüben und er würde es Albus nicht erlauben zu wissen, was er, Severus, wusste. Obwohl er sich nicht mehr sicher war, was er überhaupt von Miss Granger wusste. Er war sich über nichts mehr sicher.

Und sie würde es hassen in so einem Zustand gesehen zu werden, flüsterte eine innere Stimme. Er schnaubte irritiert und verbannte diesen Gedanken in die hinterste Ecke seines Verstandes.

Es waren Stunden vergangen, bis sie wieder aufwachte. Stunden der Albträume, der geflüsterten Bitten, der ruhelosen Bewegungen und lautlosen Schluchzer.

Als sie ihre Augen öffnete, enthielten sie einen anderen Ausdruck, eine ungesunde Helligkeit.

„Ich habe nachgedacht", verkündete sie langsam. Gier und Nervosität vibrierten in ihrer Stimme. „Es ist besser für uns beide, wenn wir das Ganze hier beenden. Sie können mir den Trank geben! Ich verspreche, dass ich es Dumbledore nicht erzählen werde. Wir können so tun, als wäre ich auf Entzug. Ich könnte in meinen Räumen bleiben und würde sie nicht stören."

Severus hatte darauf gewartet. Aber er musste sich immer noch darauf vorbereiten, was nun mit Sicherheit auf ihn zukam.

„Nein, Miss Granger", antwortete er kühl. „Das ist keine Option."

„Aber es macht keinen Unterschied für Sie, Professor!", argumentierte sie hitzig. „Sie wären Ihrer Verantwortung entbunden. Denken Sie mal darüber nach! Es kann Ihnen egal sein, ob ich lebe oder sterbe. Ich habe Sie verraten! Sie müssen mich dafür hassen, warum also sollten Sie sich mit mir rumplagen? Geben Sie mir den Trank! Es ist der beste Weg!"

„Nein und ich werde diesem Unsinn nicht mehr länger zuhören. Es ist die Sucht, die aus Ihnen spricht, nicht Sie."

Sie setzte sich in ihrem Bett auf und traf seinen eisigen Blick mit ihren entschlossenen Augen.

„Sie werden mir den Trank geben!"

„Nein, Miss Granger und das ist mein letztes Wort."

Mit einem Schrei, mehr dem einer Katze, warf sie sich selbst an ihn. Ihr gemeinsames Gewicht veranlasste den Sessel nach hinten überzukippen und Severus machte die unschöne Erfahrung hilflos, mit in die Luft zeigenden Beinen auf seinem Rücken zu liegen und eine beißende und kratzende Hermine Granger auf seinem Schoß zu haben.

Er fluchte, als einer ihrer Fingernägel eine brennende Linie über sein Gesicht zog.

„Ich werde Sie umbringen!", schrie sie. „Geben Sie mir den Trank! Geben Sie ihn mir!"

Mit einem ärgerlichen Knurren griff er ihre Handgelenke und hielt sie beide in seiner linke Hand. Die raue Behandlung würde Blutergüsse zur Folge haben, aber darum kümmerte er sich im Moment nicht. Mit einem eher plumpen Manöver gelang es ihm zurück auf die Füße zu kommen und das kämpfende, schreiende Mädchen wieder zurück auf den Rücken zu werfen.

„Ich finde es furchtbar, das tun zu müssen, Miss Granger", erklärte er, während er seinen Zauberstab mit der rechten zog. „Aber Sie lassen mir keine andere Wahl. Es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit."

Schnell sprach er den Erstarrungszauber, der sie unfähig machte, auch nur ein Körperteil zu bewegen. Nur ihre Augen bewegten sich wie wild von seinem Gesicht zu seinem Zauberstab. Der Zorn in ihnen wurde rapide durch Panik ersetzt. Mit einem weiteren Schlenker seines Zauberstabes beschwor er vier Ledermanschetten, die am Bett in der Nähe ihrer Hände und Füße befestigt waren. Vorsichtig band er sie an das Bett, während er den Horror in ihrem Gesicht aufsteigen sah.

„Nein", hörte er sie wimmern. „Bitte tun Sie das nicht! Ich kann nicht ..."

„Sie haben mich selbst gewarnt, Miss Granger", erklärte er müde. „Ich kann nicht riskieren, dass Sie sich selbst verletzen."

„Bitte! Ich verspreche Ihnen, dass ich gehorchen werde! Ich werde keinen Widerstand leisten ... Sie können mit mir machen, was sie wollen, Professor", bettelte sie. „Was immer Sie wollen! Nur machen Sie mich los und geben Sie mir den Trank!"

„Das steht nicht zur Debatte, Miss Granger", erklärte er. „Kämpfen Sie nicht, dann werden die Manschetten Sie nicht verletzen. Aber sie werden nicht entfernt werden, bis Sie nicht wieder einigermaßen bei Verstand sind."

„Neeiiiiiin!", mit dem letzten bisschen Kraft, das sie besaß, riss das Mädchen an den Manschetten, und benutzte ihr gesamtes Körpergewicht, um gegen sie zu kämpfen, aber es hatte keinen Zweck.

Langsam kehrte Severus zu seinem Sessel zurück, stellte ihn zu der Stelle am Bett zurück und ließ sich nieder.

Er hatte sie die fünf Tage kaum verlassen. Beobachtete den Kampf gegen den Trank, gegen die Manschetten und gegen ihre eigene Verwirrung. Es hatte nicht lange gedauert, bis die Albträume zurückkehrten und mit ihnen verschwand ihr Sinn für die reale Welt.

Manchmal hielt sie sich für eine Gefangene, manchmal verwechselte sie ihn mit einem Todesser und versuchte mitzuspielen und manchmal dachte sie aber auch sie hätten ihr Geheimnis aufgedeckt. Sie flehte ihn um Gnade an, um Rettung und um den Tod. Eigenartigerweise schienen sich diese drei Dinge für sie nicht zu unterscheiden.

Es war gut, dass kein Ton den Raum verlassen konnte, sinnierte er nun, während er langsam seinen Nachmittagstee trank und ihr blasses schwitzendes Gesicht untersuchte. Ansonsten wäre er sicher wegen Folter und Mord verhaftet worden. Sie hatte geschrien und geschrien, solange bis ihre Stimme nichts mehr weiter war, als ein raues Flüstern. Und immer noch hatte sie weiter geschrien. Ihre Schreie nichts mehr, als ein tonloser, verzerrter Mund, mit weit geöffneten, blutenden Lippen.

Er konnte ihr nichts gegen die Schmerzen geben. Weder gegen den physischen Schmerz, der ihren Körper, so wie eine Maschine mit Fehlfunktion, zucken und krampfen ließ, noch gegen den psychischen Schmerz, der ihr den Verstand Trank, den er aus Kräutern oder nicht magischen Zutaten hätte brauen können, wäre stark genug, um ihre Symptome zu lindern und die magischen würden sie noch schneller töten, als der Entzug an sich.

Er konnte ihr nicht helfen. Er konnte sie im Kampf gegen die Überreste des Tranks in ihrem Körper nicht unterstützen. Aber er konnte sich auch nicht dazu bringen, sie zu verlassen.

Seit er sie an das Bett gebunden hatte, war sie vollständig auf ihn angewiesen. Er konnte sie nicht alleine lassen.

So hatte er für Stunden an ihrem Bett gesessen und sie angeschaut, während er den Schweiß von ihrem Gesicht wischte, heilende Salbe auf ihren wunden Handgelenken, die sich in den Manschetten wanden, verteilte und die ganze Zeit darüber nachdachte, was das Mysterium Hermine Granger war, in der Hoffnung, dass sie das überleben würde, was für ihn eine lebende Hölle war.

Für einige wenige Momente legte sie ihre Verwirrtheit ab. Er sah von dem Buch auf, das er gerade las, und sah in ihre Augen sein, die ihn beobachten, während ihr Mund versuchte, Wörter zu formen. Er informierte sie, welcher Tag war und wie viel Zeit vergangen war. Immer fragte sie ihn mit kleiner verängstigter Stimme, ob sie „etwas" gesagt hätte. Sie fragte nach nichts anderem.

Sie schien nichts so sehr zu fürchten, als ihre Kontrolle zu verlieren und die Geheimnisse zu enthüllen, die er nicht kennen sollte. Und so log er sie an. Er sagte ihr nicht, dass sie um Hilfe gerufen hatte, dass ihm ihre Träume mehr über ihr Leiden erzählt hatten, als ihr wacher Verstand es je wagen würde.

Dass sie ihn wieder einmal völlig durcheinandergebracht hatte. Er wusste nicht länger, was er mit ihr machen sollte. Wie er sie beurteilen sollte. Die Zweifel, die ihn letzte Woche erfasst hatten waren in ihm gewachsen. Irgendetwas war nicht richtig an den Bildern, die er in ihrem Verstand gesehen hatte. Sie passten nicht. Nicht mit den Dingen, die ihre Halluzinationen und ihre Albträume offenbart hatten.

Wenn er ehrlich genug war, sich seine Gedanken einzugestehen und auszusprechen, auch nicht zu der Hermine Granger, die er über die Jahre kennen- und respektieren gelernt hatte.

Sicher, sie war eine Schülerin, eine Gryffindor und Freundin eines des unausstehlichsten Idiotenpaares, das er je das Unglück hatte, unterrichten zu müssen, aber ihr Verstand war scharf und strahlend. Ihre Tapferkeit hatte ihn mehr als einmal überrascht. Und sie hatte immer Aufmerksamkeit und Sanftheit gegenüber anderen Menschen gezeigt, was selten unter jungen Mädchen in ihrem Alter war.

Gerechtigkeit und Fairness, diese Zwei schienen während der letzten Jahre ihre treibenden Impulse gewesen zu sein. Natürlich hatte er sich über ihr komische B. Elfe R. lustig gemacht, gemeinsam mit den meisten Slytherin, aber auf eine pfiffige, komische Art hatte sie auf etwas aufmerksam gemacht.

Sie war niemand, der einfach aufgab. Egal ob es Menschen, oder eher abstrakte Ziele betraf. Zum Beispiel war sie ihm nie mit dem Hass und der Abscheu begegnet, den ihre Freunde so überdeutlich zur Schau stellten. Er hatte ihr Leben mehr als einmal zur Hölle gemacht und trotzdem zeigte sie ihm gegenüber dieselbe höfliche Akzeptanz, wie Professor Flitwick, der einer der meist geliebten Lehrer der Schule war.

Aber das war nicht der Beweis für irgendetwas. Tom Riddle selbst war in seiner Schulzeit nicht anders als Hermine Granger gewesen. Er schnitt immer am besten ab und unterwarf sich immer minutiös den Schulregeln, während er leidenschaftlich arbeite und lernte. Er hatte Respekt gezeigt. Selbst Bewunderung gegenüber den Professoren, die er heimlich verabscheut hatte. Niemand hatte nur ein Gesicht.

Keine Person konnte vollständig von Anderen gekannt werden. Hölle, die meisten Menschen kannten nicht einmal sich selbst!

Da war eine Dunkelheit in der Seele, ein lauernder Teufel, der sich in den Schatten versteckte und nie vom äußeren Umfeld erkannt werden konnte. Es war eine tiefe Freude, jeden um sich herum in die Irre zu führen. Ein Gefühl der Überlegenheit und Kraft, die mit der Täuschung und dem Betrug kam, die stärker war als jedes Gefühl der Loyalität oder der Freundschaft. Severus kannte es gut genug. Er hatte die Süße dieser Gefühle gekostet. Und vielleicht hatte Miss Granger das auch gekostet und beschlossen den Becher bis auf den letzten Tropfen zu leer zu trinken.

Aber er hatte Todesser gesehen, die sich unter den gleichen Ängsten wanden, die nun Miss Granger ergriffen hatte. Verwundete oder sterbende Männer und Frauen, die ihr ganzes Leben lang Monster waren, gnadenlos, grausam und entzückt von Gewalttätigkeit.

Er hatte zugesehen, wie diese Todesser plötzlich, wie kleine Kinder, weinten und alles was sie getan hatten bereuten, da sie die Rache ihrer Opfer fürchteten. Er hatte Lucius Malfoy einmal nach einer besonders blutigen Festivität gesehen, die allen einen großen Zoll abverlangt hatte. Lucius hatte sich zu der Zeit nicht wie ein Monster benommen. Nur wie ein müder Mann, der zu viel gesehen hatte und von ihrem Terror gejagt wurde.

Er war sicher, dass er die Gefühle, die mit den Bildern kamen, nicht fehlinterpretiert haben konnte. Sie waren viel zu klar, viel zu unmissverständlich dafür. Sie hatte wirklich triumphiert, hatte tiefen, ehrlichen Hass für ihre „Schulfreunde" empfunden. Ihre Lust und ihre Freude hatten sich weitaus realer angefühlt, als alles, was er die letzten Jahre empfunden hatte. Ihre Erregung war tief und wild gewesen.

Falls das nicht ihre wahren Gefühle waren, gab es nur einen Weg das zu erklären – sie musste sie absichtlich implantiert haben. Aber um solch scharfe Bilder zu erzeugen, Gefühle von einer solch realen Intensität, musste sie eine Meister- Occlumentikerin sein.

Doch es gab keine Möglichkeit, wie sie das erlernt haben könnte. Keiner hatte sie unterrichtet, da war er sich sicher. Nur zwei Personen in Hogwarts besaßen die Fähigkeit für Occlumentik und Legilimentik. Er selbst und Dumbledore.

Albus hätte ihn darüber informiert, da er genau wusste, wie es wichtig war, den Überblick über alle Occlumentiker in der Zauberwelt zu behalten und er selbst hatte sie sicher nicht unterrichtet. Daran hätte er sich ganz bestimmt erinnert.

Was ihn wieder zu seiner ursprünglichen Frage zurück brachte über die er die letzten Tage gebrütet hatte - Sollte er seinen Legilimentik- Fähigkeiten vertrauen, oder der Wahrheit, die in ihrem Wahnsinn lag?

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Der Tag verging mit Warten und Nachdenken, seine fragenden Augen wichen nur von ihrer Seite, wenn er sie verließ, um ins Bad zu gehen, oder etwas zu essen. Er bemerkte nicht, dass es Nacht wurde. Er war so in Gedanken versunken, dass das plötzliche Geräusch von Miss Granger ihn ruckartig zusammenfahren ließ.

„Es ist so dunkel", flüsterte sie, verloren und verängstigt wie ein kleines Kind.

„Lassen Sie mich die Kerzen anmachen", antwortete er schnell und erhob sich von seinem Stuhl.

„Professor!" Sie riss ihre Augen weit auf und Sorge verdunkelte ihre Stimme. „Haben die Sie auch gefangen? Ich hatte gehofft, dass ich die Einzige ..."

„Niemand hat uns gefangen, Miss Granger", versuchte er sie zu überzeugen, obwohl er wusste, dass es umsonst war. Sie hatten es nun schon so oft durchgemacht, dass er die routiniert die Antworten auswendig kannte. „Sie sind in meinen Räumen, sicher und gesund."

„Das ist das, was sie uns glauben machen wollen", antwortete sie bitter. „Und in dem Moment, in dem du dich sicher fühlst, kriegen sie dich. Es ist immer so - einen Moment der Sorglosigkeit und alles ist verloren."

Unwillig stimmte er ihr zu. 'Immer wachsam!' zog ihn die Stimme von Moody auf.

„Sie werden Sie hier nicht fangen, Miss Granger. Das verspreche ich."

„Haben sie Ihnen das auch angetan?", fragte sie plötzlich, während ihre Augen sein Gesicht mit einem irren Blick fixierten. „Haben die Sie in den dunklen Raum gebracht?"

„Ich ... weiß nicht was Sie meinen", antwortete er kühl. „Sie sollten nun schlafen, Miss Granger. Sie müssen ihre Stärke behalten."

„Sie tun furchtbare Dinge im dunklen Raum", flüsterte sie, während ihre Augen schwer wurden. Sie kämpfte, um sie offen zu halten, aber ihre Aussprache wurde von dem sich nähernden Schlaf, immer schleppender. „Und man weiß nie, wann der Schlag kommt. Das ist das Schlimmste ..."

Sie döste wieder weg, bevor sie ihren Satz zu Ende bringen konnte. Aber Severus beobachtete sie eine halbe Stunde lang, bevor er endlich die Kerzen anzündete. Gerade so, als ob er erwartete, dass sie noch mehr sagen würde. Dann seufzte er erschöpft und kehrte zu seinem Buch zurück.

Wieder las er stundenlang. Seine Augen wurden müde und sein Rücken tat von der ungemütlichen Position im Sessel weh und dennoch ging er weder zu Bett, noch verwandelte er den Sessel in etwas Bequemeres. Er hatte während der letzten Tage sehr wenig geschlafen. Sicher, er hatte sich um das Mädchen zu kümmern. Er musste auf ihre Anfälle und Albträume vorbereitet sein.

Doch um ehrlich zu sein, schob er den Schlaf nicht nur zum Wohle des Mädchens auf, denn seine Träume waren in letzter Zeit auch nicht gerade angenehm.

Ihre Halluzinationen, ihre Albträume und gewimmerten Ängste hatten auch seine eigenen Erinnerungen zurückgerufen. Erinnerungen, die er weit in den tiefen Höhlen seines Verstandes versteckt hatte. Nun krochen sie aus den Schatten wie Monster, die versuchten Teile seines Bewusstseins, die er als seine „Sicherheitszonen" gesehen hatte, einzunehmen.

Haben sie Sie in den dunklen Raum gebracht?, flüsterte ihr Echo in seinem Verstand.

Er wusste, worüber sie gesprochen hatte. Er erinnerte sich nur zu gut.

Er war eine Erfindung von Lucius, dieser „dunkle Raum". Gestaltet, um Feinde oder Todesser mit zu viel eigener Meinung in die Unterwürfigkeit zu zwingen. Er war eine Zelle, komplett abgeschottet von jeder Lichtquelle. Nur kalter, bloßer Stein. Kein Geräusch. Die Opfer wurden mit verbundenen Augen dorthin gebracht, nur damit sie keinen Unterschied erkennen konnten, wenn das Tuch vor ihren Augen entfernt wurde. Manche hatten geglaubt, dass sie blind geworden waren, aber manche hatten verstanden, was der Raum bezwecken sollte.

Schlau wie Miss Granger war konnte er sicher gehen, dass sie seinen Zweck sofort erkannt hatte. Die Gnade der Illusion geht nicht mit Intelligenz einher.

Es gab Öffnungen in der Wand. Diese befanden sich weit über den Köpfen der Gefangenen, damit sie diese nicht erreichen konnten. Öffnungen, von denen die Todesser die Gefangenen beobachten und ihren Zustand überprüfen konnten, ohne dass die zitternden Opfer sie bemerkten. Tage lang konnten in Isolation und Dunkelheit vergehen, bis der erste Schlag kam. Die Gefangenen tendierten dazu, in dem dunklen Raum jegliches Zeitgefühl zu verlieren.

Wenn die Gefangenen sich dann der Dunkelheit ergeben hatten, begannen sie. Irgendjemand, versteckt oben in der Öffnung, würde einen Fluch sprechen, der scheinbar von irgendwo aus dem Nichts kam. Es gab keine Möglichkeit, sich auf den Schmerzen vorzubereiten. Keine Möglichkeit den Effekt zu mildern.

Als Severus Augen vor Müdigkeit zufielen und sein Kopf zu einer Seite fiel, erinnerte er sich daran dort in der Dunkelheit zu stehen, während er auf den am Boden zusammengekrümmten Gefangenen herunterblickte. Ein Spruch hatte sein Sehvermögen verbessert und so konnte er ihn sogar durch die Dunkelheit sehen, die so schwer war, wie ein Laken aus dunklem Samt. Er sah die bittenden Hände, die in einem Flehen um Gnade, erhoben waren. Sah, wie die Angst das Gesicht zu etwas verzerrte, das kaum noch menschlich war.

Aber dann in einem Moment des Schocks und der Verwirrung realisierte Severus, dass der Gefangene in dem dunklen Raum dort unten dieses Mal kein Mann war. Eingerahmt von dreckigen, unordentlichen Locken, schauten die Augen von Hermine Granger zu ihm herauf und durchbohrten seine eigene Seele. Sie wusste, dass er da oben war.

Er sah sie unter den Sprüchen und Flüchen zittern, die ihr von den Öffnungen zugeworfen wurden. Doch sie wandte ihre Augen nicht ab. Ihr Blick war auf sein Gesicht fixiert. Sie sah ihn. Und sie wusste, dass das alles seine Schuld war.

Er knurrte. Seine Zähne waren zu einer Grimasse des Hasses gebleckt und er zeigte mit seinem Zauberstab auf sie. Der Schmerz traf sie in die Seite und mit einem Grunzen fiel sie hin. Da ihre Hände zusammengebunden waren, konnte sie den Sturz nicht verhindern und ihr Gesicht landete mit einem hörbaren Schlag auf dem kalten Stein. Er sah, wie das Blut ihre blasse Haut verdunkelte, beobachtete das verkrampfte Zucken ihres Körpers unter der Macht des Cruciatus. Und er lachte.

Lachte immer weiter und weiter. Das heisere Lachen wurde von dem Geräusch ihrer qualvollen Schreie übertönt ...

Mit einem qualvollen Schrei schreckte er auf und schnappte nach Luft. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum. Sein stoßweiser Atem klang laut in seinen eigenen Ohren. Graues Licht erfüllte den Raum. Der Morgen graute über Hogwarts und er hatte nur geträumt. Er war nicht in dem dunklen Raum, er war sicher ...

Severus Blick fiel auf Miss Grangers Füße, die sicher von den Ledermanschetten umschlossen waren. Sein suchender Blick wanderte die ruhige Form ihres Körpers hoch, bis er auf einmal von zwei weit offenen, braunen Augen getroffen wurde, die ihn nervös beobachteten.

„Miss Granger", bemerkte er kurz. Seine Stimme immer noch rau vom Schlaf. „Wissen Sie, wer ich bin?"

„Eine seltsame Frage, Professor", antwortete sie. „War es so schlimm?"

Er brauchte einen Moment, bis er verstand, dass sie von ihrer Krankheit sprach. Dumm ermahnte er sich. Natürlich kann sie nicht wissen, wovon Du geträumt hast! Sie weiß wahrscheinlich nicht einmal, dass Du einen Albtraum hattest.

„Schlimmer. Wie fühlen Sie sich jetzt?"

Sie runzelte die Stirn und dachte für einen Moment nach. „Ausgelaugt", sagte sie dann. „Und zerbrechlich. Wie ein Herbstblatt."

„Nun, wenn sie in der Lage sind, poetische Metaphern zu formulieren, müssen Sie sich besser fühlen", antwortete er trocken und sah, wie sich ihre Augenbrauen vor Überraschung hoben. Sicherlich, sie hatte keinen Witz von ihm erwartet.

„Habe ich mich seltsam benommen ...? Komische Dinge erzählt? Halluziniert?" fragte sie zögerlich, aber irgendetwas in der Art, wie sich ihre Hände in den Manschetten drehten, zuckten und verdrehten, sagte ihm, wie wichtig die Antwort für sie war.

„Sie haben versucht mich umzubringen, um an den Trank zu kommen", sagte er. „Deshalb musste ich Ihnen die Ledermanschetten anlegen. Lassen Sie sie mich losbinden."

Das tut mir leid, Professor", lächelte sie schwach, aber dann schlich sie die Nervosität wieder in ihre Augen. „Denken sie, dass das nun sicher ist?"

Er hatte schon einen Diagnosespruch gesprochen und zum ersten Mal seit zwei Wochen waren die Resultate für ihn zufriedenstellend.

„Ich habe das Ende der Entzugserscheinungen jetzt schon seit zwei Tagen erwartet," erklärte er. „Ihre Ergebnisse bestätigen meine Hypothese, dass Sie das Schlimmste überstanden haben. Die Halluzinationen und das Fieber sollten nun ein Ende haben. Dennoch werden Sie noch für einige Zeit schwach sein. Ihre Magie braucht noch Zeit, um zu Ihnen zurückzukehren und Sie dürfen Sich nicht überanstrengen, solange sie noch nicht wieder soweit sind.

Mit einer schnellen Bewegung seines Zauberstabes verschwanden die Manschetten und sie seufzte vor Erleichterung. Sie setzte sich langsam auf und massierte ihre Handgelenke. Dunkelblaue Flecke und Reste von getrocknetem Blut zeigten, wo sie gegen die Einschränkung gekämpft hatte.

„Sie sehen müde aus", sagte sie plötzlich und erwischte ihn wiedereinmal unvorbereitet. „Wovon haben Sie geträumt?"

Von der Aufrichtigkeit ihrer Frage schockiert, traf sein Blick ihre Augen. Dunkel vor Müdigkeit und Schmerz und da wusste Severus, dass sie es wusste.

„Das geht Sie nichts an, Miss Granger", knurrte er, wütend, dass sie genug mitbekommen hatte, um seinen Albtraum richtig zu deuten. „Ihre Neugier und ihre schlechten Manieren sind hier nicht erwünscht."

Sie zuckte zusammen, als ob er sie geschlagen hätte und er verfluchte seinen Selbstschutz, der Grund für seine harschen Worte war.

„Wenn Sie sich gut genug fühlen, sollten sie vielleicht einen Ausflug in das Badezimmer in Betracht ziehen, Miss Granger. Ein warmes Bad könnte ihnen gut tun."

Sie nickte lautlos. Sie bewegte sich mit der Gebrechlichkeit einer alten Frau, platzierte vorsichtig ihre Füße auf dem Boden und kämpfte darum sich aufzurichten. In einem Herzschlag war er bei ihr, half ihr sanft auf und bot ihr einen warmen Morgenmantel an, den sie dankbar, aber mit einem skeptischen Blick, annahm. Sicherlich erwartete sie eine Gemeinheit von ihm, aber er blieb still, während er sie hinüber zur Badezimmertür brachte.

„Schaffen Sie es?", fragte er sie neutral. Die Idee das ihr Professor Snape in ein warmes Bad helfen würde schien sie ziemlich zu schockieren und sie nickte energisch. Trotzdem waren ihre Schritte tollpatschig und unsicher und sie musste sich einen Moment am Türrahmen ausruhen, bevor sie es schaffte, die Badezimmertür hinter sich zu schließen.

Einen Moment lang wartete er, ob sie wieder erscheinen, oder um Hilfe rufen würde, dann ging er zu ihrem Wandschrank und begann, nach einem frischen Pyjama zu suchen.

Aber ein erstickter Schrei aus dem Badezimmer heraus ließ ihn herumwirbeln und den Raum in wenigen Schritten durchqueren. Er riss die Tür auf und fand sie auf dem Boden liegend. Sie atmete heftig und ihr Gesicht war beinahe so weiß, wie die Badezimmerfliesen.

„Was ist passiert?", fragte er und kauerte sich neben sie. „Kommen Sie, lassen sie mich Ihnen aufhelfen."

„Es war nichts, Professor", lehnte sie schwach ab. „Ich bin nur ohnmächtig geworden, oder so etwas in der Art. Entschuldigen Sie, dass ich Sie belästigt habe. Ich kann das wirklich alleine schaffen!"

Sie wendete ihre Augen ab, kämpfte so sehr sie konnte, alleine aufzustehen. Sie hat Angst, dass ich ihr wieder Vorhaltungen mache, bemerkte er betroffen.

Doch die verletzende Bemerkung kam nicht. Anstelle dessen fühlte sie zwei Arme in ihrer Achselhöhle, die ihr sanft auf und über die Seite die Badewanne halfen.

„Setzten Sie sich erstmal für einen Moment hin", riet er ihr, während er den Raum verließ und nach einer Sekunde mit dem Pyjama zurück kam. „Ich habe Ihnen Kleidung zum Wechseln mitgebracht. Nehmen Sie sich Ihre Zeit. Sie haben das Bett seit fast einer Woche nicht verlassen."

Pure Fassungslosigkeit war über ihr ganzes Gesicht geschrieben, als sie ihn vor Überraschung einen Moment lang sprachlos anstarrte. Dann riss sie sich sichtbar zusammen und nickte.

„Danke vielmals, Professor", antwortete sie schließlich. „Wenn es ihnen nichts ausmacht, könnten sie in der Zwischenzeit Professor Dumbledore benachrichtigen. Nun da das Schlimmste vorbei ist, könnte ich einfach in ein Gästezimmer umziehen, und Sie nicht weiter belästigen ..."

„Das wird nicht nötig sein", schnitt der er kurz hinein und bewegte sich wieder hinüber zur Tür. „Sie werden so lange hier bleiben, wie Ihre Genesung eben dauert."

„Aber Professor, ich dachte Sie wollten, dass ich gehe ..."

„Ruhen Sie sich aus, Miss Granger. Ruhen Sie sich aus und heilen Sie. Wir werden später reden", und damit schloss Severus Snape die Badezimmertür und ließ eine sehr verwirrte Hermine zurück, die hinter ihm herstarrte, als hätte sie einen Geist gesehen.