Kapitel 10
Wahrscheinlich hatte es sich ausgezahlt, dem Schlammblut zu folgen. Er hatte noch einige Zeit gewartet. Aber es war fast zu leicht. Sie wollte ein Bad nehmen? Wie überaus zuvorkommend von ihr. Sie machte es ihm fast zu einfach. Seine Schritte gingen schnell, in jedem von ihnen eine dunkle Absicht.
Granger war dumm. Sie hätte ihren Freunden besser erzählen sollen, was sie bedrückte, überlegte er lächelnd. Er traute der kleinen Weasley einen Mord zu. Und vor wenigen Tagen hätte er es begrüßt, aber im Moment hielt ihn etwas anderes am Leben.
Und das Schlammblut würde ihm helfen, ob sie wollte oder eben nicht. Es spielte keine Rolle mehr. Für ihn spielte nichts mehr eine Rolle. Sein Zweck auf dieser Welt war begrenzt. Er erfüllte keinen Sinn mehr auf dieser Welt.
Er würde seinen Vater rächen, und bot sich die Gelegenheit, dass er noch einige Leben auf dem Weg dorthin mit zerstören konnte, dann sah er es als willkommene Abwechslung.
Er erreichte das fünfte Stockwerk. Die Portraits tuschelten, beobachteten ihn, aber er ignorierte alle. Gegenüber von Boris dem Bekloppten sprach er leise das Passwort.
Lotusblüte.
Das runde Bad eröffnete sich ihm in seiner bekannten Pracht. Der helle Marmor glänzte im warmen Licht des Petroleums, und kurz orientierte er sich. Lautlos hatte er das Badezimmer betreten. Die Wanne war bereits gefüllt, aber niemand badete darin. In den Regalen stapelten sich sauber die weißen Handtücher. Aus einem der Hähne tropften noch stetig rosa Schaumtropfen lautlos in die dichten Schaummassen.
Und dann erkannte er ihren Schatten hinter dem Paravent, hinter dem sie sich wohl gerade auszog.
Sein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Der Zauberstab lag fest in seiner Hand. Er sah, wie ihr Schatten plötzlich in der Bewegung gefror. Ihre Silhouette wirkte unförmiger. Er nahm an, sie hatte ein Handtuch um ihren Körper gewickelt.
„Hallo?", ertönte plötzlich ihre Stimme hinter dem bespannten Raumtrenner, und er wartete. Wartete darauf, dass sie reagierte. Dass sie hervorkam. Er wollte nicht sprechen. Er bemerkte eine schnelle Bewegung von ihr. Sie erschien schneller hinter dem Paravent als er es ihr zugetraut hatte, und sie hatte ebenfalls den Zauberstab erhoben.
Sie trug tatsächlich bereits ein Handtuch um ihren Körper gewickelt.
„Stupor!", rief sie, ohne zu zögern, ohne den Hauch von Angst in der Stimme, und er duckte den Kopf gerade noch rechtzeitig zwischen die Schultern und wich ihrem nächsten Schockzauber geschickt aus.
Stumm wollte er sie entwaffnen, aber sie antizipierte bereits seine Flüche und parierte stumm. Allerdings musste sie mit einer Hand ihr Handtuch festhalten. Sie fragte ihn nicht einmal, was er wollte, ging ihm auf. Nein, sie griff direkt an!
Und dann zielte sie nach oben. „Nox!", rief sie zornig, und alle Lichter im Badezimmer erloschen gleichzeitig. Er bewegte sich hastig von der Stelle, vorsichtig, damit er nicht in die Wanne fallen würde. Ihre Bewegungen folgten gespiegelt, nahm er an. Kam er näher, entfernte sie sich nur weiter von ihm.
Es war jetzt komplett dunkel im heißen Badezimmer. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er verengte die Augen, glaubte, ihren Schatten ab und an erkennen zu können, wollte aber den Lumos nicht ausführen, denn wahrscheinlich würde sie ihn dann schocken. Er hörte ihre Schritte. Er hatte nicht bemerkt, dass er begonnen hatte, in der Runde um die Wanne zu laufen. Sie wolle zur Tür, wurde ihm schlagartig bewusst, und er machte hastig kehrt.
Er ging wieder zurück, vorsichtig, an der Wand entlang. Keiner von ihnen hatte bisher gesprochen. Er glaubte, den Spalt des Portraits ausmachen zu können, und er zielte auf gut Glück.
„Expelliarmus!", sprach er rau. Ein Blitz folgte und klappernd flog ihr Zauberstab über den Boden, rollte aus ihrer Reichweite davon. Er sah ihre hektische Bewegung direkt vor sich in der grauen Dunkelheit und griff nach vorne, dorthin, wo er ihren Arm vermutete.
Seine Hand schloss sich um ihren warmen Unterarm, und sie keuchte auf.
„Lass mich los!", schrie sie jetzt, wehrte sich, aber er war heute nicht betrunken. Er drehte den Arm auf ihren Rücken, presste sie mit dem Gesicht voran gegen das Portrait und lehnte sich gegen ihren Rücken. Schmerzhaft entfuhr ihr ein Fluch, und er drückte zur Sicherheit die Spitze seines Zauberstabs in ihren bloßen Rücken. Faszinierend, dass ihr Handtuch noch nicht längst gefallen war. Aber besser so. Sonst hätte er sich übergeben und sie wäre noch entkommen!
So hielt er sie. Solange, bis sie ruhig unter ihm wurde. Und so standen sie im Dunkel im heißen Dampf des Badezimmers. Er spürte in seinem Körper, wie sie ruhiger atmete. Wie sie sich nicht mehr rührte. Und er sprach nicht. Er ließ ihren Arm los. Er stand immer noch direkt hinter ihr, den Zauberstab gegen sie gerichtet. Ihre Hände waren an ihre Seiten gesunken. Ihre hochgesteckten Haare kitzelten sein Kinn. Er spürte den rauen Stoff des Handtuchs.
Und kurz schloss er die Augen. Er atmete ihren Duft ein. Er ging von ihr aus, wie ein Gift, was seine Nase kitzelte.
Er hörte, wie sie kurz schniefte. Er hörte, wie sie weinte. Er atmete mit geöffnetem Mund, war immer noch außer Atem, und sie zitterte, wann immer sein Atem ihren bloßen Rücken traf.
Es störte ihn, dass sie nicht sprach. Dass sie nicht fragte, was er wollte. Dass sie… dass sie weinte. Er hatte keine Lust darauf, dass sie in seinen Augen menschlich wurde. Denn sie war nichts. Nichts weiter. Die Dunkelheit hatte sie beide eingehüllt, aber sie machte nichts ungeschehen.
Seit wann… wandte er eigentlich Gewalt an, fragte er sich plötzlich, im dumpfen Nebel seiner selbst.
Und dann spürte er, wie sie sich umdrehte. Er ließ sie gewähren. Er konnte ihr Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen, aber er wusste, er hatte zu lange gezögert, sie zu lange gehalten, ohne sie zu verfluchen, ohne ihr echte Gewalt anzutun. Er wollte nicht sprechen. Nicht, bevor sie es tat! Er wusste, wie bescheuert er sich verhielt. Er hatte das hier begonnen, also sollte er besser langsam mal anfangen, es durchzuziehen. Sein Zauberstab war immer noch auf sie gerichtet. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel. Er erkannte ihr weißes Handtuch, erkannte ihr helles Gesicht in der Dunkelheit.
„Lumos", flüsterte er, und warmes Licht erhellte das Bad.
Sein Mund öffnete sich, als er in ihr Gesicht blickte.
Ein schweres Gefühl fiel in seinen Magen. Es schmerzte ihn plötzlich. So sehr, dass er nicht atmen wollte.
Sie blutete.
Nicht wirklich stark. Nicht besonders viel. Aber sie blutete! Er hatte sie zu hart gegen das Portrait gepresst, ging ihm auf. Ihre Wange zierte ein feiner Kratzer. Er war kaum so lang wie sein Fingernagel, aber… - es war… egal. Sie schien es nicht einmal bemerkt zu haben.
Es war als würde er aufwachen, aus einer seltsamen Trance.
Es war wie eine Ewigkeit, die jetzt verging, ehe er geschlagen die Hand mit dem Zauberstab sinken ließ. Das Licht fiel jetzt nach unten auf die Fliesen.
„Geh", sagte er rau. Es war ein bitteres Wort.
Sie reagierte nicht vor ihm. Er sah sie weiterhin an. Sah, wie sie schlucken musste.
„Salazar verflucht, geh!", knurrte er. Sein Herz schlug unregelmäßig. Er war ein Weichei. Er war ein scheiß Feigling. Er sollte sie mit dem Cruciatus noch ein wenig länger foltern, als einzuknicken, und ihr erlauben, zu gehen – ihr die Möglichkeit zu geben, Snape direkt vom Abendessen zu holen, damit er seine Sachen persönlich vor die Tore des Schlosses befördern konnte. Sie wich ihm aus, schritt über den glatten Boden zu ihrem Zauberstab, während er reglos wartete. Sie entfachte wieder das Licht im Badezimmer und blieb stumm.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie ihn zornig anstarrte.
Merlin, war sie zu fassen?!
„Ich wollte nicht-", begann er, und er hasste bereits, dass er überhaupt in Erwägung gezogen hatte, zu sprechen! Denn sie öffnete ihren verdammten Mund!
„-was, Malfoy?", fuhr sie ihn tatsächlich heiser an. Sein Mund schloss sich zornig. „Was wolltest du nicht? Mich bedrohen? Mir auflauern? Mich wieder einmal erniedrigen? Was wolltest du nicht?", schloss sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Wahrscheinlich auch, um so das Handtuch vom Fallen abzuhalten. Dass sie sich gerade gegenseitig um die Wanne gejagt hatten, war ihr wohl nicht mehr so wichtig, denn sie bedrohte ihn nicht mal mehr. Er erkannte plötzlich an ihren Armen, selbst an ihren Oberschenkel, tiefblaue Flecken.
Er starrte sie wütend an. Dann atmete er zornig aus. „Ich habe dir gesagt, du kannst gehen!", knurrte er. Sie kam wieder auf ihn zu. Immer noch barfuß, immer noch das lächerlich kurze Handtuch um ihren Körper geschlungen.
„Und dann was?", wollte sie wissen. Sie sah ihn direkt an. Immer wieder fiel sein Blick auf den mikroskopischen Kratzer in ihrem Gesicht. Er wagte nicht mal, ihr zu sagen, dass sie blutete. Dass er sie verletzte hatte. Schon wieder. „Du machst mich wahnsinnig, Malfoy!", schrie sie jetzt, und er zuckte tatsächlich zusammen.
„-was willst du?", fragte sie ihn verzweifelt. Sein Kiefermuskel spannte sich hart an. Er wollte nichts von ihr! Er… - er wusste es nicht! „Merlin, verdammt, was zur Hölle willst du von mir?", schrie sie wieder. Er sagte nichts. Sie atmete aus, fuhr sich über die Stirn und sah ihn wieder an. „Weißt du…", begann sie verzweifelt und schüttelte den Kopf, „ich… ich denke, du bist nicht so! Ich denke immer, du bist nicht so ein großes Arschloch – aber weißt du was?" Sie schüttelte wieder den Kopf. „Vielleicht bist du einfach nur ein Arschloch. Und wahrscheinlich willst du wieder irgendetwas Bescheuertes von mir! Wahrscheinlich willst du wieder einmal ein Passwort wissen, habe ich recht? Du willst wieder raus? Du willst dich endlich zu Tode trinken? Dich duellieren und im Graben von Hogsmeade elendig sterben? Weißt du, das ist ok. Ich habe keine Kraft mehr, Malfoy. Aber dein Aufwand, deine Gewalt und deine ganze Show hier waren umsonst! Ich habe kein Passwort! Und wenn du etwas anderes willst – dann kann ich nicht erraten, was es sein soll! Wenn du mich wieder vergewaltigen wolltest, dann hast du deine Chance gehabt – und sie vertan!"
Er hatte ihr zugehört. Und sogar er spürte die Grenze, die sie erreicht hatten. Denn wenn er nicht langsam seinen Mund aufbekommen würde, dann… dann…-
„Hörst du mir zu? Bist du noch da?" Sie hatte aufgegeben. Da war kein Kampfgeist mehr. „Harry hat Recht. Vielleicht…" Sie schüttelte abwesend den Kopf. Es verging ein weiterer sinnloser Moment, in dem er wie ein Vollidiot vor ihr stand. Wartete, dass sie sprach. „Ich will baden, Malfoy. Ich will einen Abend Ruhe vor dir haben. Kannst du… dir nicht ein anderes Opfer suchen? Ich bin sicher, es lässt sich jemand finden", informierte sie ihn müde.
Und irgendwie durchkreuzte sie alle seine Pläne. Irgendwie jedes Mal, stellte er fest. Alles lief immer anders. Und dieses Mal war er nicht mal betrunken, um es zu leugnen. In seinem Kopf hatte er oftmals eine andere Wahrnehmung der Dinge, denn… in seinem Kopf glaubte er dann, sich Grangers Verhalten nur eingebildet zu haben – aber nein. Sie war tatsächlich… zu gut zu Menschen.
Und es war einfach nur zum Kotzen.
„Du bist dumm, Granger", sagte er schließlich, steckte seinen Zauberstab zurück, und sie sah ihn an.
„Ja", bestätigte sie tatsächlich, was ihn etwas überraschte, denn er wusste, das war eine Eigenschaft, die sie sich selber wohl niemals unterstellen würde. Tränen schimmerten verdächtig in ihren Augen. „Ich unterstelle selbst dir irgendetwas Gutes. Dumm von mir", flüsterte sie. Und sie war unerträglich. Sie tat irgendetwas mit ihm, was er verdrängen konnte, wenn er betrunken war, aber nicht, wenn er so wahnsinnig nüchtern vor ihr stand.
„Du bist selber schuld", erwiderte er kühl. Sie nickte wieder.
„Ja. Ist man nicht immer selber schuld?", wollte sie rau von ihm wissen, und er atmete entnervt aus.
„Ich wollte dich nicht vergewaltigen. Und ich wollte nicht…" Er unterbrach sich. Schon allein diese Worte waren wie messerscharfe Klingen über seine Lippen gekommen, und sie klangen falsch. Sie klangen so fruchtbar falsch. Aber er wusste nicht genau, was schlimmer war – dass er sich überhaupt entschuldigte – bei ihr! – oder dass es ihm tatsächlich Leid tat. Wieder sah er den schmalen Kratzer auf ihrer Wange.
„Betrunken bist du berechenbarer, Malfoy. Und ich denke, du willst mir immer wehtun. Außer wenn du betrunken bist", informierte sie ihn tonlos. Und verdammte Scheiße.
Was? Er tat ihr genauso weh, wenn er betrunken war! Vielleicht machten ihre Worte irgendwie Sinn, aber er begriff sie nicht – wollte sie auch nicht begreifen.
„Wenn du nicht zu Snape gehst, selber Schuld", informierte er sie jetzt, fast wütend. „Ich brauche dein Mitleid nicht", endete er und wandte sich ab. Er hörte, wie sie hinter ihm zorniger wurde.
„Nein. Ich gehe nicht zu Snape! Ich gehe nirgendwohin!", zischte sie böse. Es klang, als hätte er irgendetwas in ihr ausgelöst. „Und du! Du brauchst jemanden, der dir Anstand und Manieren einprügelt, nichts sonst! Mitleid hast du genug bekommen", entgegnete sie eisig.
Er drehte sich um und kam entschlossen zu ihr zurück. So entschlossen, dass kurz Angst über ihr Gesicht zuckte.
„Dann tu es doch!", forderte er knapp, forderte er beinahe lautlos.
Sie starrte ihn an. Ihre dunklen Augen flogen über sein Gesicht.
„Was?", flüsterte sie verständnislos, und er verdrehte die Augen, so wie sie es ständig tat.
„Tu es! Schlag mich, verfluch mich. Irgendwas, Granger!", fuhr er sie an. „Das muss es doch sein, was du unbedingt willst! Du hast den scheiß Zauberstab doch in der Hand!" Und wieder sah er, wie sie weinen wollte.
Er hasste es! Sie sollte schreien, sie sollte sich wehren! Sie sollte verdammt noch mal auf ihn einschlagen! Und sie sollte nicht… Verständnis haben! Endloses scheiß Granger-Mitgefühl! Er umfing ihre bloßen Schultern. Ohne darüber nachzudenken, ohne irgendetwas Sinnvolles denken zu können. Ohne bewusst zu begreifen, dass er schon wieder Gewalt mit ihr anwandte.
„Hass mich einfach!", schrie er, dass seine Stimme von den weißen Fliesen widerhallte. „Hör auf mit deinem scheiß Verständnis und deinem Mitleid und hass mich einfach!" Er zwang sie, ihn anzusehen, und sie weinte wieder.
„Ich hasse dich!", sagte sie schluchzend. Endlich! Endlich sprach sie! „Glaub mir, ich hasse… nichts mehr als dich!", flüsterte sie. Es tat gut, die Worte zu hören. Es tat gut, denn es tat weh. Es schmerzte ihn. Und das war es, was er kannte. Schmerz. Alles war nur ein böser Schmerz, was er empfand. Er nickte bitter.
„Gut", erwiderte er rau.
Er konnte nicht mehr. Es fraß ihn auf, das Dunkel, zerstörte ihn beinahe ganz. Das einzige Licht, was er kannte – das einzige, was irgendeiner scheiß Hoffnung gleich kam, war…- Er sah hinab in ihre braunen Augen. Sie waren warm. So warm, dass sie ihn verbrennen konnten. Er musste schlucken, atmete bereits unregelmäßig. Er war näher gekommen. Ohne, dass er es bemerkt hatte, ohne dass sie es unterband. Ohne, dass die scheiß Welt es hätte verhindern können.
„Verdammt gut für dich", murmelte er noch, in einer letzten verzweifelten Sekunde, bevor er sie an sich zog.
Bevor er den Kopf senkte.
Bevor er sie endlich küsste! Tausend Gefühle flatterten in seinem Bauch. Tausend Dinge schlugen praktisch auf ihn ein. Es war übelerregend, so gut war es!
Sie hatte erschrocken eingeatmet. Und er drängte seine Zunge zwischen ihre Lippen, schmeckte noch den Hauch von Tränen auf ihrer Haut, und er küsste sie – küsste sie, bis er sich völlig verlor.
Das!
Das war es, was er wollte.
Jetzt.
Ihre Finger lagen auf seiner Brust. Völlig bewegungslos. Er hatte den Arm um sie geschlungen, die andere Hand in ihrem Nacken vergraben, halb auf ihrer Haut, halb in ihren Haaren, eroberte ihren Mund, testete jede Grenze, stöhnte ungehalten, bis er glaubte, ohnmächtig zu werden. Bis er fast glaubte, dass sie den Kuss erwiderte. Bis er glaubte…, er hätte begriffen. Warum es so war. Warum es nicht anders ging.
Und er hatte sie so eng an sich gepresst, sie waren fast eins geworden, so kam es ihm vor. Ihr spärlich bekleideter Körper gegen seinen, während er diesen Machtkampf gewinnen musste. Während er immer wieder ihre geschwollenen Lippen küssen musste.
Sie immer wieder schmecken musste.
Bis das Gefühl von ihrer Zunge gegen seiner, im trägen, fast erotischen Kampf, ihn wahnsinnig machte!
Bis er den Kopf mit aller Macht zurückriss.
Sein Atem ging schwer. Sein Mund war halb geöffnet. Er sah hinab in ihre weiten Augen.
Ja. Oh fuck.
Und es war ihm so vertraut! Ihre scheiß Nähe. Alles an ihr!
„Ich… hasse dich, Draco", wisperte sie tonlos. Sie weinte wieder, aber er neigte den Kopf, und er küsste federleicht den Kratzer auf ihrer Wange. Sie zuckte zusammen, kurz zuckte die Erkenntnis von leisem Schmerz über ihr Gesicht. Er war so nah, dass er jeden goldenen Funken in ihrer Iris erkennen konnte. Und sie sah ihn an! Merlin, wie sie ihn ansah!
Ihr Duft betörte ihn, wie sie nur im Handtuch vor ihm stand, während er nur vor Sekunden ihre Lippen auf seinen gespürt hatte.
Ihre Hand hob sich zu ihrer Wange, berührte den feinen Schnitt. Ihr Mund verzog sich kurz vor Schmerz, und er fing ihre Finger mit seiner Hand ab. Sofort schoss ihr Blick zurück zu seinem Gesicht, und sie wirkte so endlos überfordert.
Aber er wusste, sie waren schon soweit gewesen! Er wusste, er hatte sie bereits unzählige Male so berührt – unzählige Male ihre Hand in seiner gehalten – also wieso starrte sie ihn so an?
Weil es nie echt gewesen war, sagte er sich.
Und jetzt…
Jetzt war es echt geworden. Ihre Augen waren so offen.
Seine Arme fielen an seine Seiten. Er hielt noch immer ihre Hand. Er hatte alles verloren. Selbst seinen Verstand. Und er löste den Blick nicht von ihrem Gesicht.
Er hatte Angst. Angst vor sich selbst. Angst, diesen Moment zu schnell zu verlieren.
Denn er wusste, der Moment konnte nicht bleiben.
Das hier… musste enden. Alles Gute endete immer irgendwann.
Quidditch. Was für ein Konzept….
Er war so neben sich. So absolut abgefuckt. Es machte überhaupt keinen Sinn. Nichts machte noch Sinn.
„Malfoy?" Larry Fudge stand ihm gegenüber. Klein und unscheinbar. Draco verdrehte die Augen, wie er es sich von Granger abgeguckt hatte.
Granger…
„Wir hatten keine Taktikbesprechung", beschwerte sich der kleine Fudge und unterbrach seine Gedanken.
„Taktikbesprechung?", wiederholte Draco nachdenklich. „Wenn du eine Taktikbesprechung willst, hättest du in Potters Team gehen müssen", knurrte er praktisch.
„Mein Onkel ist heute hier, Malfoy! Und du wirst dumm dastehen, ohne einen Plan!", beschwerte sich der Junge vorlaut. Malfoy fixierte ihn näher, mit einem mörderischen Blick. „Ich… ich… ich übe draußen meine Taktik! Allein!" Der Junge wich hastig vor ihm zurück und stürmte aus dem Kapitänszelt.
Das Leinen stob erneut zur Seite, nachdem der Junge gegangen war. Es war nett, wie Potter ihn musterte. Wenn doch jeder den fabelhaften Helden jetzt sehen könnte! Wie er nämlich nicht jeden Menschen auf dieser Welt mit Respekt behandelte. Potter hob den Blick.
„Wäre es nicht einfacher, wenn du sofort aufgeben würdest?", schlug Potter ihm bitter vor. „Dann würdest du dir die Blamage ersparen, wieder einmal nicht den Schnatz zu fangen", endete er, und Draco hatte das Gefühl, Potter wäre heute extra schlecht gelaunt. Dracos Mundwinkel zuckten bitter.
„Ich will dir doch nicht deinen einzigen Spaß nehmen, den du noch in deinem Leben hast", erwiderte Draco seelenruhig, während er sich die Handschuhe überstreifte. Potter betrachtete ihn finster. Er schien ihn provozieren zu wollen, stellte Draco fest. Es herrschte eine unangenehme Spannung zwischen ihnen. Draco war nicht so dumm, um es nicht zu merken, auch wenn ihm Potter sonst am Arsch vorbei gehen konnte.
Und er nahm an, es lag an Granger. An was sollte es sonst liegen?
Nachdem er vor zwei Tagen im Badezimmer der Vertrauensschüler seinen Kopf verloren hatte, hatte sie ihn stehen gelassen. Sie hatte nichts mehr gesagt, hatte ihm ihre Hand entzogen, hatte ihre Sachen zusammen gesucht und war abgehauen. Und Draco war geblieben. Reglos und überfordert. Eine ganze Weile lang.
Unwillkürlich lächelte er. Potters Blick wurde wenn möglich noch dunkler.
„Ist irgendwas besonders komisch, Malfoy?", wollte dieser wissen, schien nur darauf zu warten, dass Draco einen Fehler beging.
„Oh, Potter. Nein, absolut nicht", begann er lächelnd. „Mir ist nur eingefallen… heute ist Freitag. Ich kann es kaum erwarten, dass Granger meinen Gemeinschaftsraum putzt und mich dann ins Bett bringt", endete er, mit dem eindeutigen Wackeln seiner Augenbrauen. Potters Mund öffnete sich kurz, ehe Zorn seine Züge entgleisen ließ.
Bevor Potter jedoch auf ihn zukommen konnte, stob der Zelteingang erneut zur Seite.
„Malfoy, Fudge macht mich verrückt! Können wir ihn nicht bis zum Anpfiff sedieren oder irgendwas?" Dana Wades hatte die dunklen Haare hoch zum Pferdeschwanz gebunden und bedachte nun Potter mit einem spöttischen Blick. „Zieh dich warm an, Harry", ergänzte sie in seine Richtung, mit einem falschen Lächeln. Potter schien davon abzusehen, Draco jetzt umzubringen und verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Zelt. Nachdenklich blickte Draco ihm nach. Potter musste gerade ordentlich Stress mit dem Schlammblut haben, wenn er schon um die Konfrontation regelrecht bettelte. „Hallo?!", beschwerte sich Dana und winkte vor seinem Gesicht eindeutig mit der Hand. „Unterstützung, bitte!", befahl sie in Slytherin-Manie. Draco musterte sie verklärt. „Weißt du, wenn du mir den kleinen Gefallen erfüllst und Fudge loswirst…" Sie kam näher und fuhr mit dem Zeigefinger seinen Quidditchjersey hinab, „…könnte ich dir später auch einen kleinen Gefallen tun, Malfoy." Sie klimperte mit langen Wimpern.
Und so sehr es ihm gefiel, dass sie seinen Nachnamen sagte, schüttelte er knapp den Kopf.
„Mir sind die Hände gebunden, Wades", erwiderte er lasziv. „Oder vielleicht wären sie mir später mit Glück gebunden, sollte ich mich auf dein Angebot einlassen?", ergänzte er lächelnd. „Aber ich habe bereits ein Date später", endete er achselzuckend. Technisch gesehen hatte er das nicht, aber… er ging fest davon aus, Granger später noch zu sehen. Nur zu sehen und ihr ein wenig… auf den Zahn zu fühlen. Einmal die Lage zu testen…. Dass er so krank war, das in seinem Kopf als ‚Date' zu qualifizieren reicht ihm völlig aus, seinen Zustand zu erkennen. Er war verrückt.
„Später ist doch Party im Gemeinschaftsraum", entgegnete sie eine Spur enttäuscht. „Was für ein Date meinst du? Pansy?", wollte sie ungläubig wissen, und es war nett, wie kein Slytherinmädchen das andere leiden konnte. Er schmunzelte.
„Deine Besorgnis ist nicht notwendig. Und jetzt raus", befahl er kälter. Sie betrachtete ihn noch eine Sekunde länger und schüttelte dann den Kopf.
„Idiot", sagte sie nur, während sie das Zelt verließ. Sie gefiel Draco. Aber im Moment hatte er andere… Wünsche. Und Gedanken. Und er wollte zumindest versuchen, den Schnatz zu fangen. Einfach mal aus Spaß, versuchen, das Mistding zu finden, ehe es Potter tat.
Er hörte Musik draußen. Es ging los.
Er verließ ebenfalls das Zelt. Als der Eingang des Zelts sanft hinter ihm zufiel, hörte er ein hohes Geräusch. Fast wie…? Er wandte den Blick. Hastig mit den Flügeln schlagend taumelte eine Fledermaus in der Luft und verschwand aus seiner Sicht. Er schritt weiter zum Platz. Ungewöhnlich, dachte er unwillkürlich. Aber wahrscheinlich war sie aus dem Wald gekommen.
Der kleine Fudge tänzelte nervös von einem Bein aufs andere, als Draco das Feld betrat und sein Team ihm folgte. Draco hob den Blick zu den Tribünen. Sie waren dicht besetzt. Und in der Lehrertribüne erkannte er Cornelius Fudge tatsächlich. Neben ihm einige weitere Zauberer, die hier nicht unterrichteten. Und er erkannte zwei Zauberer. Auroren. Ihre Namen wusste er nicht, aber er kannte sie vom Sehen. Vom… Krieg.
„Was tun die hier?", stellte er die Frage an niemanden bestimmten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Auroren dem kleinen Fudge dabei zu sehen wollten, wie er vom Besen in die Tiefe stürzte. Keine antwortete ihm.
„Besteigt die Besen!", rief Madame Hooch.
Draco war nicht paranoid, allerdings spürte er die fremden Blicke der fremden Männer auf sich geheftet als er in die Mitte des Feldes schritt und seinen Besen bestieg.
Auf den nächsten Pfiff hin stiegen alle Spieler in die Luft. Höher und höher. Er war es gewöhnt, zu tun, was Potter tat, also stieg er gleichzeitig mit ihm höher.
Er hörte das Geräusch wieder. Den hohen Ton. Schon streifte ihn die Fledermaus. Ob es dieselbe war, wusste er nicht.
„Hey!", rief er zornig, versuche sie mit dem Handschuh wegzuschlagen, aber wieder trafen ihre Flügel sein Gesicht. Ihr Gekreische war unangenehm hoch. Wieder schlug er nach ihr und erwischte ihren Flügel. Sie flog hastig von ihm fort. Potters Blick war mehr als verwirrt auf ihn gerichtet. Draco ignorierte Potter einfach, lehnte sich in die Kurve und drehte den Besen ab.
Und noch immer spürte er die Blicke der Auroren auf sich.
Ab und an hörte er den hohen Schrei der Fledermaus, dicht hinter sich.
Es verwirrte ihn zutiefst. Abe es verwirrte ihn nicht, dass Potter nach einer halben Stunde den Schnatz sicher in der Faust gefangen hielt, während Draco sich immer wieder umwandte, um die verdammte Fledermaus zu erwischen.
Er hasste Fledermäuse!
Dana Wades hatte während der kurzen Zeit zehn Tore für Slytherin schießen können. Draco nahm an, sie verwirrte Weasley dadurch, dass sie ein Mädchen mit Brüsten war. Wahrscheinlich war das der ganze Trick an der Sache, dachte er dumpf. Hätte er mal schon eher Mädchen ins Team aufgenommen.
Und er sah, wie die Lehrer die Tribüne verließen. Gemeinsam mit den Auroren, während Fudge seinem Neffen auf die Schulter klopfte. Larry Fudge hatte den Quaffel heute nicht zu Gesicht bekommen.
Die Auroren schienen mit Dumbledore ins Gespräch vertieft, während alle zum Schloss verschwanden.
Er hatte verloren.
Es wurde Zeit für etwas Stimmung im Gemeinschaftsraum, beschloss er finster, während sein Blick unwillkürlich auf Granger fiel, die Weasley am Spielfeldrand umarmte. Seine Mundwinkel zuckten verächtlich. Er hasste Weasley, fiel ihm plötzlich auf. Hasste ihn wirklich.
