Kapitel 5

Der Alptraum

Es waren Tage vergangen, in denen Legolas es nicht gelang, Nefhithwen seine Gefühle zu offenbaren und zu erfahren, was sie für ihn empfand. Er wußte nicht, warum oder weshalb sie ihn mied, sobald sich ihre Gespräche auf eine persönlichere Ebene zu bewegen begannen. Legolas glaubte allmählich, daß er sich die Anziehung zwischen ihnen nur eingebildet hatte. In den letzten Tagen hatte er deshalb nicht gut schlafen können und sich an diesem Nachmittag entschlossen, Galawait zu verlassen. Er hatte entschieden, daß es besser war, wenn er ging, bevor sein Herz noch an dieser unerwiderten Liebe zerbrach. Wenn Nefhithwen die Gefühle zwischen ihnen nicht zulassen konnte, weil der Haß gegen seinen Vater so groß war, daß sie ihn nicht begraben konnte, dann würde er umsonst warten und langsam daran zerbrechen. In dieser Nacht lag er wieder wach in seinem Bett und fand keinen Schlaf. Er trat deshalb aus seinem Zimmer und wollte seine Kräfte im ‚Schlaf der Seele' im Lichte der Sterne finden. Der Schlaf der Seele war eine Art Meditation, in der die Elben viel mehr Kraft fanden als im normalen Schlaf, den der Körper auch von ihnen ab und an verlangte. Solange sie in der Dunkelheit der Nacht das Licht der Sterne tief in sich aufnehmen konnten, war der normale Schlaf für sie nicht lebensnotwendig. Menschen, die Elben in dieser Meditation sahen, glaubten, sie würden mit offenen Augen schlafen, weshalb diese unsinnige Geschichte schon zu den gebräuchlichsten Mären gehörte, die von Elben berichteten. Er war auf dem Weg in den Garten, als er an einem Zimmer vorbei kam und ein Schluchzen wahrnahm, das ihm zu Herzen ging. Leise klopfte Legolas, um sich Gehör zu verschaffen, aber niemand antwortete und das Weinen wurde nur durch kurze Pausen unterbrochen. Vorsichtig öffnete der junge Prinz die Türe und blickte in das Zimmer. Seine scharfen Elbenaugen ermöglichten ihm, die Einrichtung im Mondlicht zu erkennen und seine Ohren leiteten ihn zum Bett, von wo das zu Herzen gehende Klagen kam.

Legolas trat leise näher und erkannte in der weinenden Person im Bett Nefhithwen. Rasch setzte er sich auf die Bettkante und versuchte, die junge Königin zu wecken. Als sie nicht reagierte, zog er sie in seine Arme und versuchte, ihr Sicherheit und Kraft zu vermitteln. Aber Nefhithwen war in einem Alptraum verstrickt, der, wie so oft schon, sie nicht aus seinen Fängen lassen wollte und sie bereits seit jenem Tag vor vierzehn Jahren, als ihre bis dahin heile Welt zugrunde ging (1) , quälte.

'Seit Tagen wurde Galawait schon von Orks aus Isengard belagert und die Verluste der Verteidiger der Stadt waren hoch. Viele Menschen aus dem Umland hatten sich in die Stadt vor den anrückenden, mordenden Horden in Sicherheit gebracht. Hûniest, König von Galawait, kämpfte mit seinen Männern auf den Stadtmauern, aber er sorgte sich auch um seine Familie und kehrte deshalb immer wieder zu seiner Frau und seiner kleinen Tochter zurück, um ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu geben. Seine Gemahlin erwartete zum zweiten Mal ein Kind und er wollte deshalb durch seine Anwesenheit ihr die Ängste nehmen. Aber auch seine kleine Tochter Nefhithwen brauchte ihn, um nicht in einer namenlosen Furcht vor den Angreifern zu versinken.

An diesem Tag hatten sie wieder erfolgreich die Angreifer zurückgeschlagen und es schien so, als wären diese im Abzug begriffen und würden ihr Vorhaben, die Stadt einzunehmen, aufgeben. Hûniest saß bei seiner Familie im kleinen Kaminzimmer, als plötzlich Kampflärm durch den Palast tobte. Er befahl seiner Frau und seiner Tochter, das Zimmer nicht zu verlassen und begab sich rasch nach draußen, um zu sehen, was vorging. Als der Elb in den Innenhof des Palastes kam, mußte er mit Schrecken erkennen, daß Unmengen von Orks gegen die Palastwachen anrannten und diese auf Dauer keine Chance hatten, sie aufzuhalten. Aber was war geschehen, die Angreifer waren doch schon abgeschmettert? In diesem Moment kam Theodan, einer seiner ersten Wachmänner, auf ihn zugelaufen. Er blieb vor seinem König stehen und sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

"Mein Herr, wenige von ihnen haben die Mauern still und heimlich überwunden und es geschafft, ein Seitentor zu öffnen. Die Orks sind überall in der Stadt. Wir können sie nicht mehr aufhalten, bringt Euch in Sicherheit." In diesem Augenblick traf den braven Soldaten ein Pfeil in den Rücken und er brach in den Armen seines Königs zusammen.

Hûniest erkannte, daß es keine Rettung geben konnte und so machte er kehrt, um bei seiner Familie zu sein und sie vielleicht noch zu verbergen. Aber als er das Zimmer erreichte, waren ihm bereits etliche gräßliche Gestalten dicht auf den Fersen. Er trat in das Zimmer und packte seine kleine Tochter, schob sie in den kalten Kamin, der für die Holzablage einen versteckten Freiraum besaß und beschwor sie, sich still zu verhalten, bis ein Mensch käme, um sie zu holen. Sacht küßte er sie nochmals auf die Stirn, dann drehte er sich weg und nahm seine Frau in den Arm. In diesem Moment stürmten Orks bereits in den Raum.

Hämisches Lachen lag auf ihren Gesichtern, als sie das Königspaar so sahen und rissen die beiden sich liebenden Menschen auseinander. Ein Ork fuhr mit seiner Klaue über den geschwollenen Bauch der jungen Königin und blickte dabei auf den König:

Es wird keinen Nachkommen für Galen geben. Galen wird von uns von der Karte Mittelerdes gewischt wie auch alle anderen Völker, die glauben, sich Sauron und Saruman widersetzen zu können." Und der Ork stach mit einem Messer in den Leib der Königin und entriß ihr noch bei Bewußtsein das ungeborene Kind. Ihr Schrei gellte durch den Palast, aber kein Mensch konnte ihn mehr vernehmen. Nur Hûniest und Nefhithwen waren noch da, um die Frau und Mutter, die sie liebten, leidvoll sterben zu sehen. Hûniest, bar jeder Vernunft ob dieses grausamen Handelns der Orks, wütete in dem Zimmer wie ein Berserker, aber die Übermacht war zu groß und schließlich streckte auch ihn der gezielte Hieb einer Orkklinge nieder. Noch im Sterben nahm er die Hand seiner Frau und küßte sie. Er würde sie wiedersehen. Daran glaubte er fest.'

Das Wimmern der Königin hatte auch Toben gehört, der bereits seit Kindertagen immer an ihrer Seite war und sie wie eine Schwester beschützte. Auch als sie Königin wurde, blieb er immer in ihrer Nähe und hatte sogar ein Zimmer auf dem gleichen Flur wie Nefhithwen. Es war nicht das erste Mal, daß er ihr Weinen vernahm und sich hilflos fühlte, denn sie erwachte nie, bis irgendein Geräusch des erwachenden Morgens sie aus ihrem namenlosen Grauen befreite. Toben hatte schon alles mögliche probiert, sie in der Nacht aus ihrem Entsetzen zu befreien, aber es war ihm nicht gelungen, so hatte er sie immer nur gehalten und über sie gewacht.

Als er diesmal zu ihr ins Zimmer kam, sah er den Elben an ihrem Bett sitzen und sie sanft wiegen. Er streichelte ihre Wangen und ihren Rücken und sprach leise, weich und melodiös zu ihr in seiner Sprache. Aber auch er schien sie nicht zu erreichen. Aber Toben sah noch mehr. Er sah die Anspannung des jungen Prinzen und sah, wie er mit ihr litt. Leise trat er näher und sprach dann traurig:

„Wenn sie diese Alpträume hat, erreicht sie niemand. Ihre Pein muß unendlich groß sein. Sie findet den Weg aus diesem Leid immer erst gegen Morgen, was auch immer ihr dann den Weg weisen mag."

Legolas, der zunächst erschrocken war ob der Stimme, die da aus dem Dunkeln kam, beruhigte sich rasch wieder, weil er dann doch Toben erkannte. Er hatte ihn nicht kommen gehört, viel zu sehr hatte er sich auf Nefhithwen konzentriert. Er erwiderte fragend:

„Wißt Ihr, wovon sie träumt?"

Toben zuckte nur mit den Schultern und antwortete:

„Sie hat nie davon gesprochen. Wir, Vater und ich, konnten nur Vermutungen anstellen aufgrund dessen, was uns Gandalf erzählt hatte. Es gab in Galawait ein Massaker durch die Orks und auch ihr Vater und ihre Mutter waren unter den Opfern. Gandalf fand sie versteckt im Kamin in dem Raum, in dem das Grauen geschehen ist. Sie wird alles gesehen haben und immer wieder, wenn sie das Leid sieht, das Orks anrichten können, kommen die Träume entsetzlicher als vorher zurück."

'Im Kamin saß Nefhithwen starr vor Angst und stumm vor Entsetzen. Sie hatte gesehen, was man mit ihrer Mutter gemacht hatte. Hatte gesehen, daß ihr Vater Recht hatte, der immer sagte, sie würde ein Brüderchen bekommen. Der kleine Wurm, der nun achtlos neben ihren toten Eltern lag, hatte kleine, süße, spitze Ohren. Sie hatte sich so auf ihren Bruder gefreut. Lautlos rannen ihr die Tränen über das Gesicht und sie blickte starr und ohne sich zu rühren auf die Leichen ihrer Familie. Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war als die Orks endlich das Zimmer verließen, aber die toten offenen Augen ihres Vaters gemahnten sie seiner letzten Worte:

Rühr dich nicht, bis dich ein Mensch holt, mein geliebtes Kind, egal was passiert. Wir sind nicht fort oder tot, wir sind immer bei dir in einer anderen Welt."

Und so blieb sie sitzen, wo sie war, die Tränen waren versiegt und ihr kleiner Körper merkte nicht die Kühle der hereingebrochenen Nacht oder die Hitze des nächsten Tages. Zwei Tage saß die kleine Nefhithwen dort und starrte still und ohne Tränen mit rotgeränderten Augen und zusammengepreßten Lippen auf ihre Familie.

Dann kam eine Hand, streichelte ihr sanft über das Gesicht und verdeckte das grausame Bild. Die Stimme kannte Nefhithwen. Sie hörte nicht was sie sagte, aber sie nahm die Wärme in ihr war und ließ es zu, daß die Hand sie aus dem Kamin zog, die Person sie in den Arm nahm und in einen Mantel wickelte. Sie sah ihre Familie nie mehr. Gandalf, der gekommen war, um seine Nichte zu besuchen, hatte das Grauen gefunden und ein letztes Leben. Er nahm das Kind und barg es in seinen Armen und seinem Geist und gab ihm Schlaf.'

Legolas blickte Toben an und sagte:

„Wir Elben haben die Fähigkeit in den Geist eines anderen einzudringen. Wir nutzen sie nie, wenn es nicht erwünscht ist, nur unsere Heiler tun dies, um dem Leben in einem sterbenden Körper nochmals eine Chance zu geben. Ich will Nefhithwen helfen, sie mit meiner Liebe und Kraft umfangen, und sie aus dieser Spirale der schwärenden Erinnerungen reißen. Toben, Ihr seid mit ihr aufgewachsen. Erlaubt Ihr es mir, es zu versuchen? Ich will ihr nicht weh tun und ich werde sie nicht beeinflussen", flehte Legolas.

Toben, der zunächst erschrocken war bei der Vorstellung, Elben könnten sich seiner Gedanken bemächtigen, verlor bei den nachfolgenden Worten von Legolas seine Bedenken. Dieser Elb wollte nichts Böses oder Falsches. Er war durch die Galaner fast getötet worden und hat ihnen doch beigestanden. Wenn er durch seine Kraft Nefhithwen heilen konnte, sollte er es tun, und so nickte Toben nur und fragte:

„Kann ich Euch dabei helfen, Herr?"

Und Legolas, der wohl wahrnahm, daß ihn Toben das erste Mal respektvoll angeredet hatte, erwiderte:

„Ich bin nicht als Heiler ausgebildet und es kostet mich sehr viel Kraft und Überwindung dies zu tun. Ich weiß nicht, was mich erwartet, und gegen was ich mich stellen muß. Es kann sein, daß ich danach zu erschöpft bin, um mich weiter um Nefhithwen zu kümmern. Bitte tut Ihr dies dann."

Und Legolas sah Toben an und wußte, daß er diese Bitte nicht hätte äußern müssen, aber daß sie ein Band des Vertrauens zwischen ihm und Toben flocht.

'Aber im Schlaf drangen die grausamen Gestalten immer und immer wieder in das Zimmer ein und sie sah aufs Neue den Tod ihrer Mutter und das Wüten ihres Vaters, bis alles ganz still im Zimmer wurde. Sie hatte das Echo des gequälten Schreies ihrer Mutter in ihren Ohren und die Augen ihres kleinen Bruders blickten sie an und stellten stumm die Frage: „Warum lebst du noch? Wärst du nicht besser bei uns?"

Sie wollte aufspringen und aus ihrem Versteck in das Zimmer rennen. Sie wollte sich in die Arme ihres Vaters werfen. Aber da waren immer wieder die Klauen der Orks und in ihrem Traum wurde sie zur Mutter und erlitt deren Qualen bis sie starb. Aber sie konnte nicht sterben. Sie war das Kind im Kamin, das dort saß, ihrem Vater gehorchend und auf den Tod starrte. In die toten Augen ihres Bruders, die sie bannten. Wie lange noch, wie lange würde sie noch ausharren und auf Vergebung dafür hoffen, daß sie noch lebte?

Dann hörte sie eine sanfte und liebevolle Stimme. Nefhithwen kannte diese Stimme, aber sie wußte nicht, von wem sie kam, noch verstand sie, was sie sagte. Sie war nur einfach da. Warm und weich wie ein lauer Sommerwind, schmeichelnd und lockend wie das Lied einer Drossel, stark und zuversichtlich wie die Hoffnung selbst. Die Starre, die sie die ganze Zeit in ihren Fängen gehabt hatte, löste sich, ihr Atem beruhigte sich und das furchtbare Bild vor ihren Augen begann, sich aufzulösen. Dann spürte sie eine Hand, die ihr sanft über das Gesicht streichelte, ihre Wangen liebkoste und mit ihrer Vertrautheit die Dunkelheit um sie herum verscheuchte.'

Legolas hatte Nefhithwen so in seinen Armen gebettet, daß er sicher saß und Toben sie auffangen konnte, wenn seine Kräfte erschöpft waren. Leise begann er heilende Worte der Elben zu sprechen und immer wieder liebevoll ihren Namen zu rufen. Er suchte ihren Geist und ihre Seele und bewegte sich dabei durch ein namenloses Grauen in tiefster Dunkelheit. Er blieb nicht wie die Elbenheiler am Rande der Dunkelheit stehen und gab nur dem Licht den Weg frei, wie sie es taten. Das Licht war der Wegweiser für die verlorenen Seelen, aber die Kraft daran zurückzukehren mußte von ihnen für gewöhnlich selbst kommen. Die Heiler verschafften nur dem Licht den Zutritt in diese Finsternis. Kein Elbe beeinflußte einen anderen, indem er dessen Seele zur Rückkehr zwang, wenn diese sich bereits für das Gehen entschieden hatte. Aber Legolas liebte Nefhithwen und sie lag nicht im Sterben, sondern war in ihrer eigenen Qual gefangen. Legolas ließ seinen Geist weiter in die Dunkelheit treten. Diese griff nach ihm und versuchte, ihn zu verschlingen. Es kostete Legolas viel Kraft und Überwindung, weiter in dieser Finsternis zu wandeln und Nefhithwens Namen zu rufen. Legolas war bereits weiter vorgedrungen, als Heiler es selbst in schwersten Fällen taten und er hatte nicht das Rüstzeug wie diese oder die Macht von Gandalf und so zehrte seine Suche in diesem Alptraum an seinen körperlichen und geistigen Kräften. Er hatte große Mühe das Licht mit in diese Dunkelheit zu nehmen und so sich den Weg zurück offen zu halten. Toben sah, wie Legolas' Versuch Nefhithwen zu bergen, ihn mitnahm und er zweifelte plötzlich daran, daß es funktionieren könnte. Er wollte gerade den jungen Prinzen rütteln, um ihn wieder zurückzuholen, als ihm auffiel, wie entspannt Nefhithwens Gesichtszüge waren. Toben zog seine Hand zurück und wartete.

'Nefhithwen lauschte dieser so vertrauten Stimme und langsam erkannte sie, was die geflüsterten Worte bedeuteten. Die warme Stimme rief ihren Namen. Sie rief ihn flehend und zärtlich und die Liebe, die sie darin spürte, brachte wieder Licht in ihre Dunkelheit und dann sah sie die Hand, die ihr Halt geben wollte und die Person zog sie aus ihrem Versteck und nahm sie in den Arm. Nefhithwen hob ihre Augen, aber sie sah nicht wie all die vielen Male zuvor Gandalf, der sie mit einem Mantel aus Stärke und Sicherheit umgab, sie erblickte Legolas. Und sie spürte, daß sie nicht mehr allein war und wie ihre Seele durch seine Liebe heilte. Und Nefhithwen sank in einen heilenden Schlaf, der von lichten Wiesen, bunten Vögeln, warmen und hellen Tagen handelte.'

Legolas kam aus Nefhithwens Geist zurück und war völlig erschöpft. Er blickte Toben an, lächelte müde und nickte nur. Toben nahm Nefhithwen vorsichtig aus seinen Armen und bettete sie in ihrem Bett. Legolas war so ausgelaugt, daß er, als er sich erhob, schwankte und nur mühsam auf den Beinen blieb. Er hatte Tage nicht geschlafen, weil es ihn grämte, daß Nefhithwen sich so von ihm zurückgezogen hatte und nun hatte er seine Kraft aufgebraucht, um ihr Frieden zu geben. Seine Beine versagten ihm den Dienst und er wäre hart auf die Knie gestürzt, hätte ihn Toben, der seine Königin bereits wieder gebettet hatte, nicht noch im letzten Moment aufgefangen und gestützt. Der Soldat legte Legolas' Arm über seine Schulter, griff um seine Taille und half ihm in sein Zimmer. Legolas legte sich mit seiner Hilfe nieder und griff nach Tobens Hand, als dieser wieder gehen wollte, und sprach:

„Geh zu ihr und bleibe bei ihr. Ich habe getan, was ich konnte. Ich hoffe, es war genug."

Dann schloß er die Augen und fiel in einen traumlosen Schlaf. Toben blickte auf den Elben nieder. Lange sann er nach. Toben hatte den Ausbruch von Aragorn mitangehört, als er auf dem Ritt nach Galen bei dem malträtierten Elben kniete und den Hass der Königin maßlos und ungerechtfertig bezeichnete. Toben glaubte inzwischen, daß Aragorn und auch Gandalf recht hatten und daß dies langsam auch die Menschen der Stadt erkennen mußten. Dann wandte sich Toben ab, ging zu Nefhithwen, wie Legolas ihn gebeten hatte und blieb bei ihr, bis sie am späten Vormittag erwachte.

Nefhithwen fühlte sich erholt und frei wie schon lange nicht mehr. Sie spürte noch immer eine Wärme und Kraft in sich, die nicht die ihre war. Sie blickte Toben fragend an und er antwortete auf ihre unausgesprochenen Worte:

„Es war Legolas, der dich letzte Nacht hielt und tröstete. Ich weiß nicht, was er getan hat, aber zum ersten Mal, seit ich dich kenne, hast du den Alptraum hinter dir gelassen und bist vor Morgengrauen in einen ruhigen und tiefen Schlaf gesunken."

Nefhithwen ergriff Tobens Hand, denn er klang schuldbewußt:

„Was hast du Toben, freut dich das etwa nicht?"

Aber Toben schüttelte den Kopf und sah sie an:

„Nein, es macht mich glücklich. Es zerriß mir immer das Herz, dich so leiden zu sehen, aber ich fühle mich schuldig, weil ich all die Jahre deinen Haß gegen die Elben unterstützt habe, und nie den wirklichen Grund hinterfragte. Legolas mußte erst beinahe sterben, und Gandalf dich in das Zimmer deiner Furcht zwingen, bevor ein Wandel im Denken einsetzte und so frage ich dich nun: Hast du je Thranduils Entscheidung hinterfragt? Hast du je versucht, zu verstehen? Legolas ist sein Sohn. Wäre Thranduil ein so furchtbarer Geist, könnte dann sein Sohn eine so gute Seele haben? Er hat uns zur Seite gestanden, sich geopfert und dir nun seine ganze Kraft gegeben, obwohl wir ihm bisher nur mit Mißtrauen, Argwohn und Wut begegnet sind. Glaubst du nicht, daß wir hier einen Fehler begangen haben?"

Toben wandte sich ab und verließ das Zimmer und eine sehr nachdenkliche Nefhithwen. Ihr Freund und Bruder war kein Mann von vielen Worten. Daß er nun eine solch lange Rede gehalten hatte, zeigte ihr, wie sehr er aufgewühlt war und ihr Ruf hielt ihn noch vor der Türe auf:

„Toben, was ist mit Legolas? Wo ist er?"

Sie sah ihn flehend an.

Toben sprach fast tonlos:

„Er ist gestern zusammengebrochen. Ich brachte ihn in sein Zimmer und er bat mich, bei dir zu wachen. Ich habe ihn noch nicht gesehen."

Damit wandte er sich endgültig ab und ging.

Nefhithwen fühlte sich stark, erholt und von einer Last befreit, wie noch nie seit jenen Tagen. Sie stand rasch auf, wusch und kleidete sich und lief zu Legolas' Zimmer. Gimli kam ihr entgegen und er war erstaunt über das Leuchten in ihrem Gesicht.

„Herr Gimli Gloinssohn, guten Morgen, sagt mir, habt Ihr Legolas gesehen?"

Und Gimli, immer noch von ihrer Fröhlichkeit und Heiterkeit überrascht, schüttelte nur den Kopf und meinte:

„Nein! Ich habe Legolas heute noch nicht gesehen, und auf ein Klopfen an seiner Türe reagiert er auch nicht. Vielleicht ist er im Garten."

Nefhithwen nickte ihm zu, dankte und lief davon in Richtung Garten. Sie wußte, wenn er dort war, wo sie ihn suchen mußte. Sie lief zum Gehege mit den Tieren und ihr wurde warm ums Herz, als sie ihn dort stehen sah. Sie beeilte sich, zu dem Geviert zu kommen und rief seinen Namen, aber als er sich umdrehte, stockte ihr der Atem und sie preßte eine Hand an ihre Brust. Legolas sah erschöpft, krank und elend aus, seine Augen waren rot umsäumt und seine Hände zitterten. Rasch lief sie zu ihm. Legolas versuchte, ihr die Sorge durch ein Lächeln zu nehmen. Nefhithwen wollte aber nicht beruhigt werden, sie wollte sich um Legolas sorgen, wie er es die Nacht zuvor um sie getan hatte. Sie stand ganz nahe und still vor ihm. Ihre Hand fuhr sanft über sein Gesicht, das vor Fieber glühte und ihre Augen fragten ihn, was sie für ihn tun konnte. Legolas hatte seinen Kopf müde gesenkt. Er hatte keine Kraft mehr und spürte, wie er schwand. Er war zu erschöpft für Worte und sein Herz schlug immer schwerer und langsamer. Legolas blickte Nefhithwen zärtlich an, versenkte sich in ihre Augen und erkannte, daß sie geheilt war. Diese Erkenntnis schenkte ihm tiefe Befriedigung und seine Seele berührte die ihre. Nefhithwen spürte Legolas, seine Seele, sein ganzes Sein und plötzlich wußte sie, wie sie ihm helfen konnte. Es war wie ein lautloses Wort, das sie erreicht hatte, wie eine leise Bitte. Sie setzte sich in den Sonnenschein und zog Legolas mit sich ins Gras. Behutsam bettete sie seinen Kopf in ihren Schoß, streichelte liebevoll sein Haar und begann leise zu singen. Legolas war trotz des langen Schlafes, er war nur wenig früher als Nefhithwen erwacht, noch immer völlig erschöpft und ausgebrannt. Nun entspannte er sich in ihren Armen und schlief ein. Diesmal war es für ihn ein heilsamer Schlaf, denn ihr Lied hielt die Schatten, die er von ihr genommen hatte und welche nun sein Licht zu ersticken drohten, fern von seiner Seele.

Legolas schlief tief und fest in ihrem Schoß und Nefhithwen hatte genügend Zeit über das, was Toben gesagt hatte, über Aragorns und Gandalfs Worte und über das Verhalten von Legolas nachzudenken. Ihr war schon lange klar, daß sie Legolas liebte, aber erst langsam begriff sie nun, daß sie ihren Gefühlen vertrauen mußte. Sie mußte dem Gefühl, das Legolas ihr entgegenbrachte und so stark war, daß er sich ihren Alpträumen stellte, um sie für immer zu bannen, vertrauen, sollte ihre Liebe eine Chance haben.


E
s ist nicht richtig, sagt die Vernunft.

Es sollte nicht sein. Er ist ein Elb, unsterblich

und ich nur ein sterblicher Mensch.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe und mein Herz.

Es wird uns vielleicht unglücklich machen...

Es ist mein Glück seine Liebe zu haben.

Es ist alles, was ich will und brauche.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe und mein Herz.

Es ist Legolas, dessen Liebe ich brauche
wie die Luft zum Atmen.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe und mein Herz.

Es ist die einzige, große und wahre Liebe. (2)


Sie sah auf Legolas nieder und liebkoste mit ihren Fingern sanft seine Lippen. Es waren bereits einige Stunden vergangen und Legolas spürte ihre zarten Berührungen und wachte langsam auf. Als er die Augen öffnete, blickte er in ihre wunderschönen, braunen Augen und ihr Haar fiel wie ein dichter Vorhang vor ihr Gesicht, da sie sich ein wenig zu ihm hinunter geneigt hatte. Er hob seine Hand hinter ihren Hinterkopf, zog sie sanft zu sich hinunter und suchte ihre Lippen. Zart war sein Kuß, ein Versprechen, eine Verheißung, aber auch respektvoll und ohne Forderung. Er wollte ihr nur seine Gefühle zeigen, aber ihr selbst die Entscheidung überlassen. Und Nefhithwen erwiderte seinen Kuß und suchte scheu Einlaß zwischen seinen Lippen. Die junge Königin spürte Schmetterlinge in ihrem Bauch und ein Kribbeln in ihren Fingern. Sie strich voller Liebe über seine Brust und ihre Hand suchte seine Haut unter dem leicht geöffneten Hemd. Legolas gab sich ihren Liebkosungen hin und fuhr seinerseits sanft mit seinen Fingerspitzen über ihre Wangen. Dann fragte er sie:

„Nefhithwen, willst du mir nicht erzählen, was damals geschah und wie es zu der Zurückweisung durch meinen Vater kam? Ich war damals in Bruchtal und als ich heimkehrte und davon hörte, hatte ich einen großen Streit mit ihm, war dein Vater doch einst mein liebster Lehrer."

Er hatte vorsichtig und voller Sanftmut gesprochen, um sie nicht zu schrecken. Aber Nefhithwen hatte durch ihn ihre Angst vor der Vergangenheit verloren. Er gab ihr Sicherheit und sie wußte, daß ihre Alpträume keine Gewalt mehr über sie hatten, wenn er nur bei ihr war. Und so begann sie langsam, leise, aber nicht zögerlich von jenem Tag zu erzählen. Legolas hatte sich aufgesetzt und sah ihr dabei die ganze Zeit in die Augen und gab ihr Kraft. Es dauerte fast eine Stunde, bevor sie fertig war und er hatte sie keinen Moment unterbrochen. Als sie endete, zitterte sie und ihre Stimme war brüchig. Legolas nahm sie in seine Arme und die Wärme und die Kraft, die er ausstrahlte, gaben ihr Halt und Zuversicht. Sie wischte sich die Tränen aus ihren Augen und dachte an das Bild im kleinen Kaminzimmer, das ihren Vater und Legolas zeigte, die beieinander standen wie Vater und Sohn. Sie lächelte, denn sie war sich plötzlich sicher, daß ihr Vater ganz nahe bei ihr war und ihre Liebe zu Legolas gut hieß.

Tage vergingen, in denen Legolas und Nefhithwen fast ständig zusammen waren. Sie erzählte immer wieder von ihrer Kindheit. Immer wenn die Erinnerungen ihr Angst und Schrecken zurückbrachten, war es Legolas, der sie sanft, aber fest in seinen Armen hielt und ihr Halt und Sicherheit vermittelte. Legolas liebte Nefhithwen aus ganzem Herzen und er ließ sie dies auch spüren, aber er bedrängte sie nicht. Die junge Königin hatte die Kontrolle darüber, wie weit ihr Vertrauen in ihn und ihre eigenen Gefühle ging. Es war nun sieben Tage her, daß Nefhithwen ihren Alptraum hatte. Seit jener Nacht war er nicht wiedergekehrt.

Legolas konnte nicht mehr ständig nur im Schloßgarten wandeln. Ihm fehlte die Weite der Landschaft und die Wälder und so wollte er etwas mit seinem Pferd ausreiten. Der Elb wollte aber nicht im Galopp die Stadt durchqueren und vielleicht Ungemach provozieren und so führte er sein Tier am Zügel und ging langsam zum Stadttor. Er spürte nach wie vor die Ablehnung der Menschen, auch wenn sie keinen offenen Haß zeigten und ihn diesmal nur Schweigen traf. Er war gerade beim Tor angekommen, nickte den Soldaten zu, schwang sich auf sein Roß und ritt an, als ihn plötzlich und unvermittelt ein Schlag am Hinterkopf traf. Legolas wurde es schwarz vor Augen und er konnte sich nicht auf seinem Tier halten und stürzte zu Boden. Mühsam rappelte er sich wieder auf und blickte sich um. Die Soldaten, die ob des Vorfalles herbei geeilt waren, halfen ihm auf und zwei von ihnen hatten den Übeltäter des Angriffes gefaßt. Eine Frau war hinzugeeilt und umklammerte den Täter, der von den Soldaten an den Schultern gehalten wurde. Legolas, dem immer wieder schwindlig wurde, blickte den Angreifer an und mußte lächeln. Es war ein Knabe, der mit Bogen und Pfeil bewaffnet war, aber die Ausmaße der Waffe waren noch so, daß keine ernsthaften Verletzungen damit passieren konnten. Dennoch spürte Legolas, wie es ihm warm am Genick in den Kragen seiner Jacke lief, aber außer dem Schwindel schmerzte die Wunde nicht. Die Soldaten, deren Einstellung sich seit jener Nacht im Kampf gegen die Orks ihm gegenüber geändert hatte, sahen grimmig auf den Knaben, dessen Mutter ihn beschützend umklammerte. Der völlig verängstigte Junge blickte gehetzt und nach Hilfe heischend um sich. Legolas ging auf den Knaben zu und kniete vor ihm nieder. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, aber die Mutter beruhigte dies nicht. Was immer sie nun erwartete, dachte Legolas, sie mußte Furchtbares von Elben denken, und diese Möglichkeit stimmte ihn traurig. Der junge Prinz griff nach Pfeil und Bogen des Knaben und betrachtete sie genau. Dem Jungen war der Bogen angerissen, wodurch wahrscheinlich dieser Pfeil irregeleitet worden war. Legolas gab den beiden Wachen, die den jungen Galaner hielten, ein Zeichen ihn loszulassen. Die Wachen lächelten beruhigt, weil sie inzwischen erkannt hatten, daß der Elb nicht vorhatte, hier eine Strafe zu fordern. Dann sprach er den Burschen an:

„Diesen Bogen wirst du nicht mehr nutzen können. Er ist gebrochen. Hast du ihn dir selber gemacht oder ihn von deinem Vater erhalten?"

Der Junge blieb stumm und blickte den Elben, dessen Kleidung sich um den Hals langsam rot färbte, nur ängstlich an. Legolas blickte ihn sanft an und fragte leise:

„Wie ist dein Name?"

Und diesmal erhielt er eine geflüsterte Antwort:

„Arimar, mein Herr."

Legolas erhob sich wieder, wobei ihm abermals schwarz vor Augen wurde. Amarn war bei den Torwächtern und neben ihn getreten. Er stützte den Prinzen, als dieser beim Aufstehen stark schwankte. Besorgt blickte er auf den sich immer weiter vergrößernden Blutfleck im Rücken des Elben.

„Nun, Arimar, wie verhält es sich mit deinem Bogen?", fragte Legolas erneut. Seine Stimme war schwach, aber mild und einschmeichelnd. Der Knabe verlor ein wenig von seiner Furcht:

„Mein Vater hatte ihn mir gemacht, aber er ist im Kampf gefallen", bekam der Elb traurig zur Antwort und eine Träne rann dem Jungen über das Gesicht. Legolas fing sie mit seinen Fingerspitzen auf und strich ihm sanft über seine schmutzige Wange. Die Mutter des Jungen war hin und her gerissen, zwischen dem, was sie von Elben erwartete und der sanften Art, wie Legolas mit ihrem Sohn umging. Legolas fuhr dem Knaben durch sein kurzes blondes Haar und sprach zu ihm:

„Wenn du mir einen Ast aus geschmeidigem Holz in der Länge dieses Bogens bringst, werde ich dir einen neuen Bogen anfertigen, Arimar, damit du weiter üben kannst, und irgendwann wirst du mir dein Können zeigen."

Der Junge blickte zu dem Elben auf, seine Augen waren voller Erstaunen und scheu erwiderte er das Lächeln Legolas'. Seine Augen begannen zu leuchten, als ihm langsam klar wurde, daß er keine Strafe erhalten würde und sogar noch einen neuen Bogen. Arimar nickte wortlos. Legolas verabschiedete sich und wandte sich ab. Er konnte nicht mehr, ihm war übel und laufend wurde im schwarz vor Augen. Er spürte, wie ihm die Kleidung im Rücken an der Haut klebte. Wie immer ihn da dieser verunglückte Pfeil des Jungen getroffen hatte, obwohl wirklich nur eine Kinderwaffe, sie mußte ihn in einer Weise verletzt haben, die ernster war, als er es zunächst erwartete. Er spürte außer einem leichten Stechen keinen Schmerz, weshalb er sich keinen Reim auf seine Schwäche machen konnte. Ein Soldat hatte sich seines Pferdes angenommen und Amarn hielt sich neben Legolas, um ihn, wenn notwendig, zu stützen. Was Legolas nicht wahrnahm, sahen sie. Der Stoff seiner Jacke war bereits im Rücken bis zu den Schulterblättern rot von Blut. Und sie sahen, wie die Pfeilspitze der Kinderwaffe im Genick des Elben knapp über dem Kragenrand steckte.

Der Anführer der Wachen hatte einen Soldaten ins Schloß vorgeschickt, damit ein Heiler bereitstand, sich um den Prinzen zu kümmern und die Königin von dem Vorfall informiert wurde. Als sie den Hof des Palastes erreichten, war Legolas kaum mehr imstande einen Schritt vor den anderen zu setzten. Er spürte eine bleierne Schwere in sich und die Übelkeit und der Schmerz hatten immer mehr zugenommen.

Nefhithwen lief über den Hof auf ihn zu und er versuchte, sie mit einem Lächeln zu beruhigen, aber dies verunglückte gänzlich. Ein neuer Schwindelanfall ließ ihn aufstöhnen und er brach in die Knie, bevor Amarn an seiner Seite reagieren konnte. Nefhithwen erschrak über das Aussehen von Legolas.

Hieß es nicht, daß es eine Kinderwaffe war?'

Mehrere helfende Hände griffen dem Elben um die Taille, halfen ihm auf und stützten ihn, bis in sein Zimmer. Dort wartete bereits Nefrot, der Heiler. Nefhithwen half Legolas, die Jacke und das Hemd auszuziehen und sich niederzulegen. Bäuchlings auf dem Bett liegend, schloß Legolas die Augen und stöhnte auf, als der Heiler die Wunde an seinem Genick abtastete. Dann gab es einen kurzen stechenden, aber unendlich qualvollen Schmerz, der durch seinen ganzen Körper raste. Legolas krampfte seine Finger in das Laken und schrie gequält in das Kissen. Nur mühsam entspannte er sich wieder, als der Heiler die Wunde reinigte und verband. Er tat dies alles schweigend, aber nun sprach er zur Königin und Legolas vernahm seine Worte wie aus weiter Ferne:

„Es war eine Kinderwaffe, aber die Spitze hat eine Ader aufgerissen und war zwischen zwei Wirbeln stecken geblieben. Er braucht ein wenig Ruhe, aber jetzt wo der Pfeil entfernt ist und der Blutverlust durch den Verband gestoppt wird, besteht keine Gefahr mehr."

Damit verabschiedete sich der Heiler und verließ das Zimmer. Und auch Gimli, der von Legolas' Ausflug nichts gewußt hatte und ebenso erschrocken von dessen Zustand, sich um seinen Freund zutiefst sorgte, nickte der Königin zu und verließ den Raum.

Legolas mußte trotz seiner Schwäche lächeln, man sollte keine Waffe unterschätzen, auch nicht die eines Kindes. Er wollte sich aufrichten, aber Nefhithwen hielt ihn davon ab und begann mit einem feuchten Tuch seine Schultern zu reinigen. Sanft wusch sie ihn und er ließ sich ihre zärtlichen Berührungen gefallen. Er drehte sich auf den Rücken und betrachtete sie liebevoll, während sie sich nun seiner Brust widmete. Seine Hand fuhr gefühlvoll über ihre Wange und er strich ihr eine vorwitzige Locke aus der Stirn. Sie ließ das Tuch in die Schüssel fallen, die sie neben dem Bett auf das kleine Tischchen gestellt hatte, beugte sich zu Legolas nieder und küßte ihn neckend am Mundwinkel. Legolas legte seinen Arm um sie und zog sie sanft zu sich nieder, so daß Nefhithwen von seinen Armen umfaßt auf ihm zu liegen kam. Er war erschöpft und müde, aber die Zärtlichkeit von Nefhithwen hatte ihn in ihren Bann gezogen und er wollte alles, was sie ihm bereit war, zu geben. Er sehnte sich nach ihren Berührungen und wünschte sich nichts mehr, als sie ebenso verwöhnen zu dürfen. Legolas hatte sich die ganze Zeit über selbst Zurückhaltung auferlegt, aber sie nun so nahe und auf seiner Haut zu spüren, quälte ihn mehr, als zuvor die Pfeilspitze in seinem Genick.


(1) Begriffsdefiniton von Trauma.

(2) Aus: "Es ist was es ist" von Nefhithiel, 2005, vollständig im Anhang nachzulesen.