Kapitel 10 (Die Vereinigung der Schwestern)

Es war dunkel. Die Tür wurde geöffnet. Mit einem Mal wurde es hell. Valentina blinzelte. Langsam formten sich die verschwommen Pixel in ein Bild um. Sie sah drei Personen. Die Tür war wieder zu. Eine lag auf dem Boden. Valentina erkannte sie als ihre Schwester. Sie rührte sich nicht. Valentina schaute auf und sah, wie Ling sie beobachtete. Meng Long stand neben ihr.

James Raven hatte Feierabend. Es war Donnerstagabend um halb zehn. Es war viel zu spät, um jetzt noch im Büro zu sein. Aber er hatte viel Arbeit zu tun. Den Rest verschob er jedoch auf morgen. Er nahm seinen Mantel in die Hand und schaltete das Licht aus. Er ging zum Aufzug und drückte auf den runden Button mit dem Pfeil nach unten. Für heute war er fertig. Mit der Arbeit, mit sich und der Welt. Die Fahrstuhltüren öffneten sich, aber gerade, als er einsteigen wollte, hörte er seinen Namen und drehte sich um. Sandra war offensichtlich gerannt. Sie hatte rote Augen und sah aus, als hätte sie gerade eben geweint. „Was ist los, Sandra?" Ohne ein Wort drückte sie ihm einen braunen Umschlag in die Hand. Er drehte ihn. Er war bereits geöffnet und an Sandras Büroadresse adressiert. Er griff hinein und holte drei Fotos und ein paar Papiere heraus. Zunächst sah er sich die Fotos an und erschrak. Alle drei Fotos zeigten dasselbe Motiv, aus drei verschiedenen Blickwinkeln fotografiert: Theresa, auf dem Boden liegend, blutüberströmt, die Leblosigkeit war zu sehen, obwohl es nur ein Foto war. „Oh mein Gott", murmelte er, als er die Fotos nacheinander durchsah. „Oh mein Gott", wiederholte er. „Komm mit Sandra", sagte er. Sein Feierabend war vergessen. Sie folgte ihm in sein Büro.

„Setzen sie sich", sagte er. Sie setzte sich auf die kleine Couch und er sich neben sie. Er legte die Fotos und den Din B4-Umschlag auf den kleinen Tisch und schaute sich die Papiere an. Der erste Brief war ein Bericht über Theresas Verletzungen, Schnittwunden und blaue Flecken. Er war von einem chinesischen Krankenhaus gedruckt worden. „Sind die echt?", fragte er. „Ich habe dort angerufen. Theresa wurde heute Morgen eingeliefert. Sie wurde nach einem anonymen Notruf in Shanghai gefunden. Sie starb im Krankenhaus." Er nahm das nächste Papier. Die Papiere waren auf Englisch. Es war der Obduktionsbericht, Todesursache war ein Genickbruch, der durch Gewalteinwirkung hervorgerufen wurde. Vermutlich durch einen Schlag auf den Nacken. Ebenfalls aufgeführt waren die starken inneren und äußeren Blutungen. Die nächsten zwei Blätter enthielten Beweise zur Identifizierung des Körpers. Die Befunde eines DNA-Tests und eines Gebissabgleichs. Ohne Zweifel war die Leiche Theresa Riddle. „Sind die echt?", fragte er und schaute noch einmal auf den Umschlag. Kein Absender, die Adresse war mit Computer aufgedruckt worden. „Ich vermute, dass die Papiere vom Krankenhaus selbst stammen, aber die Fotos von ihrem Mörder gemacht wurden. Er hat vermutlich auch die Obduktion veranlasst. Die chinesischen Behörden waren nicht sehr kooperativ. Ich habe außerdem von ihnen verlangt, dass sie uns ihren Körper schicken." „Werden sie es tun?", fragte James gedankenversunken und starrte ein Foto nach dem anderen an. Es sah ziemlich echt aus. „Ja. Sie schicken uns schon am Montag ihren Leichnam. Wir sollten die Identität noch einmal überprüfen lassen." „Sandra, es gibt keinen Zweifel. Das ist Theresa." „Da gibt es noch etwas. Der FBI hat eine Vermutung, wer die Mörderin sein könnte. Ling Yang hatte Gelegenheit und Motiv." „Bringen sie die Sachen ins Labor. Lassen sie sie auf Fingerabdrücke und DNA untersuchen", sagte James, ohne darauf einzugehen. Sandra nickte und stand auf. James ging zu seinem Schreibtisch und holte eine Flasche aus der Schreibtischschublade. Wenn es Momente gab, in denen man sich im Büro betrinken sollte, dann war dies so einer.

Janet starrte auf den Bildschirm in ihrem Büro. Sie klickte mit dem Pointer vorwärts und sprang zwischen den drei Bildern hin und her. Die Berichte hielt sie in ihrer Hand, Kopien des MI5, sie hatte sie viermal durchgelesen. Sie konnte es nicht fassen. Ihre Mission war fehlgeschlagen. Valentina und Ari gingen beide nicht an ihr Handy, von allen drei fehlte jegliche Spur. Theresa war jetzt angeblich aufgetaucht. Bald würde die Rettungsmission auffliegen und Janet gefeuert werden. Sie hatte es erlaubt, vorgeschlagen, mitgeholfen. Dean und Paul taten ihr Leid. Die beiden waren erst neunzehn, hatten gerade ihre Freundinnen verloren und einen Rausschmiss beim FBI riskiert. Monica und Sharon waren auch in beides verwickelt. Janet hatte Kopfschmerzen. Sie wusste nicht, ob es am Whiskey oder an den schrecklichen Bildern auf ihrem Plasmabildschirm lag oder auch an den vielen schlaflosen Nächten. Ihre Augen waren rot und nass, sie hatte geweint, versucht sich zu betrinken, war gescheitert und nur ein wenig beschwipst, noch fähig, klar zu denken. Klar denken konnte sie jetzt aber nicht. Sie fragte sich, ob die Fotos echt waren, was mit Valentina und Ari geschehen war. Was mit ihnen hier geschehen würde. Valentina wird nicht aus dem Urlaub zurückkommen, dachte sie sich. Wie erkläre ich das Burton? Sie konnte sich schon vorstellen, wie sie gefeuert wurde. Sie sah schon Burton sie anschreien, danach ruhiger werdend und es ihr sagend.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. „Herein", sagte sie und schaltete im selben Moment den Bildschirm aus. Luke kam herein und schloss die Tür hinter sich. „Komme ich ungelegen?", fragte er mit einem Blick auf die geöffnete, halb leere Whiskeyflasche auf Janets Schreibtisch. Sie drehte sich um und setzte sich wieder an ihren Bürotisch. „Nein, nein. Was gibt es, Luke?", fragte sie, schraubte die Flasche zu und legte sie wieder in die Schublade. Sie trank das halb volle Glas aus und stellte es beiseite. Mit ihren roten, verweinten Augen schaute sich Luke an und versuchte ein Lächeln. Sie mochte Luke, er war ihr Senior Agent und hatte das Team geleitet, als Gibson im Probe-Ruhestand gewesen war. „Was ist los, Janet?", fragte er und stellte sich vor ihren Schreibtisch. Janet machte den Fernseher wieder mit ihrer Fernbedienung an und kam um den Tisch herum. Auf dem Bildschirm erschien Theresas Bild, ein Körper reglos am Boden liegend. Janet hatte Valentina, die Thomson-Brüder und Monica und Sharon schon informiert, niemanden sonst. „Ist das…Valentina oder Theresa?", stotterte er unglaubwürdig. „Theresa. Das Bild kommt aus einer anonymen Quelle und wurde gestern Nacht dem MI5 zugesandt. Ich habe Kopien bekommen, auch von einem Krankenhaus- und Autopsiebericht aus China. Sie schicken den Briten am Montag ihre Leiche. Die werden sie erneut obduzieren, Identität und Todesursache feststellen." „Oh mein Gott", murmelte Luke.

Es war ein veregneter Montag und drückte bestens die Stimmung von James Raven aus. Nicht dass es in London selten regnen würde und Regen am Anfang der Woche war nichts Ungewöhnliches. Es plästerte nicht, nur der nasse Regen klatschte gegen die Scheiben und es entstand das typische Regengeräusch. Es war morgen. Sandra Cassidy kam in sein Büro. In den letzten zwei Monaten war sie öfter hier gewesen als in den vergangenen zwei Jahren. „Es gibt ein Problem", sagte sie, ohne ihm einen guten Morgen zu wünschen. Den gab es sowieso nicht. „Das ist was Neues. Ich weiß nicht, ob ich noch mehr schlechte Nachrichten vertrage", sagte er mürrisch. „Schießen sie los." Sandra holte tief Luft. „Ich komme gerade aus der chinesischen Botschaft." „Die haben keine Leiche?", vermutete James. „Doch, aber sie erlauben uns nicht, den Sarg zu öffnen." „Die haben nichts von einem Sarg gesagt. Und wir auch nicht." „Ich weiß. Aber nach der Autopsie haben sie sie direkt in einem Sarg nach Großbritannien gesandt." „Dann öffnen sie ihn ohne Einwilligung." „Das habe ich auch vorgehabt. Aber die Chinesen haben etwas dagegen. Sie meinen, wir würden denken, sie hätten bei der Autopsie geschlampt. Sie wollen dabei sein, wenn der Sarg ins Grab gelassen wird. Sie haben uns Vertreter geschickt, die den Sarg Tag und Nacht beobachten. Da sie die Leiche gefunden haben, meinen sie, wir hätten nichts damit zu tun." „Verdammt, es ist unsere Agentin!", schrie James. Er fasste sich wieder. „Ich habe die Beerdigung für Mittwoch geplant. Ich möchte Theresa hier in England begraben lassen, hier hat sie sich mehr zu Hause gefühlt als in Amerika. Ich habe mit Paul geredet, er hat mir zugestimmt, sie hier zu beerdigen. Dean und Paul werden beide kommen. Ihr Flieger landet um vier Uhr Mittwochnacht. Sie haben keinen früheren Flug mehr bekommen." „Planst du auch zu gehen?", fragte Sandra. „Natürlich." Plötzlich hörten sie einen dumpfen Schlag und duckten sich instinktiv. „Was war das?", fragte sie erschrocken. „Keine Ahnung." Sie warteten einen Augenblick. Er schaute auf. Im Fenster war ein Riss entstanden. „Jemand hat versucht, dich zu erschießen", murmelte Sandra. „Oder dich." James setzte sich wieder auf. „Warum-" Sandra stellte sich wieder hin. „Das Glas ist kugelsicher", erklärte er. „Wer auch immer das war, er wird es jetzt nicht noch einmal versuchen."

Das hatte sie auch nicht vor. Ling baute das Gewehr wieder ab. Die Patronenhülse ließ sie in ihre Jackentasche fallen.

„Hast du eine Ahnung, wer das war?", fragte Sandra. „Nein." „Beunruhigt dich so etwas nicht?" „Es bedeutet nur, dass ich meinen Job richtig mache." Er stand auf. „Ich finde jetzt heraus, wer das war. Oder ich finde heraus, wer das herausfinden soll." „James, wenn du auf Theresas Beerdigung gehst, sollte ich mich ein wenig um die Sicherheitsvorkehrungen kümmern. Dort hast du kein kugelsicheres Glas, das dich schützen kann." Ohne ein weiteres Wort verließ James sein Büro und ließ Sandra alleine zurück. Sie ging zum Fenster und schaute nach draußen. Weit und breit nur Hochhäuser und keine Menschenseele war auf einem Dach zu sehen. Sie schaute das Glas an. Der Schuss war von ungefähr der gleichen Höhe gekommen.

Dienstagabend machte James das Licht schon um halb acht in seinem Büro aus. Er nahm den Aufzug, fuhr aber nicht in das Erdgeschoss, sondern in den Keller. Er sah das Schild und folgte dem Pfeil in Richtung Autopsie. „Sie ist schon weg", sagte der Pathologe, als er eintrat. „Woher wusstest du, dass ich wegen ihr komme?" „Hier gibt es keine andere Leiche, die dich interessieren könnte. Die Chinesen haben sie vor einer Stunde abgeholt. Ich habe das Sarginnere nicht gesehen. Meinst du, sie ist da nicht drin?" „Ich bin mir nicht sicher", antwortete James. „Warum sonst sollten sie uns nicht den Inhalt zeigen." „James, ich bin seit vierundzwanzig Jahren hier Pathologe. Ich habe mir die Bilder angeschaut. Aufgrund der Platzierung der Wunden und der Tiefe muss Theresa auf jeden Fall verblutet sein. Natürlich könnte das per Computer nachbearbeitet worden sein, aber es besteht kein Zweifel, James: Theresa Riddle ist tot." „Dafür gibt es keine Beweise!", entgegnete James und stürmte wieder aus der Autopsie. Er wollte sich betrinken, brauchte aber einen klaren Kopf für die Beerdigung morgen. Der Pathologe seufzte und widmete sich wieder seiner Arbeit. Die Chinesen waren wirklich unfreundlich zu ihm gewesen.