Die vorgezogene Hochzeitsreise verbrachten wir in Australien.

Der Flughafen von Canberra lag nur einige Minuten von unserer Unterkunft entfernt, die Tony schweigend zubrachte. Es war ungewöhnlich. Und beängstigend. Normalerweise konnte ich sie lesen wie ein offenes Buch, aber nun war die Luft so schwer, dass es schon fast ein Wunder war, dass ich nicht am Boden lag.

Ich sah immer wieder zu ihr hinüber, aber sie mied Blickkontakt. Sie war angespannt, nervös, auf der Hut.

Ich lehnte mich zu ihr hinüber und hielt sie an der Taille fest, zog sie zu mir, sodass ihr Rücken vor meiner Brust lag.

„Was bedrückt dich?"

„Nichts." Ihre Stimme klang weitentfernt, als wäre sie mit den Gedanken ganz woanders.

„Lüg' mich nicht an."

Sie drehte sich um und hatte schon den Mund weit offen, um zu protestieren, aber ich ließ sie nicht.

„Du kannst mir nicht erzählen, dass nichts ist. Es ist immer was, wenn du so ruhig bist. Worüber denkst du nach?"

Ihr Gesicht wurde wieder zur neutralen Maske, als sie nach vorn auf das verdunkelte Glas starrte, das uns von unserem Fahrer trennte. „Kannst du dir das nicht denken?"

„Tony, wir sind hier im Urlaub. Wir sollten nicht daran denken."

„Du hast mich falsch verstanden, Steve. Ich meinte das, was du mich in Paris gefragt hast."

Sie lächelte. Es war das Lächeln, das sie bei Pressekonferenzen auf den Lippen hatte. Das, welches nur wenige durchschauten.

Sie log, spielte alles herunter, verharmloste es schon fast.

Sie dachte über ihren Tod nach.

„Ich will deinen Namen annehmen."

Sie versuchte mich abzulenken, weil sie wusste, dass ich sie durchschaut hatte.

„Ach, wirklich?" Und ich ließ es zu. „Ich dachte, du wärst stolz eine Stark zu sein." Weil ich selbst nicht daran denken wollte.

„Schon, aber der Name Rogers klingt doch auch nicht schlecht."

Ich konnte und wollte nicht daran denken.

Unsere erste Nacht in Canberra war traumhaft. Es war sternenklar und angenehm warm draußen.

Tony und ich schlenderten durch die Stadt und machten am West Lake halt, von wo aus wir auf die Springbank Island sehen konnten. Der Mond spiegelte sich im glatten Wasser, als wir uns im Staub am Rande des Sees niederließen. Die Sterne funkelten über uns, als eine leichte Brise das Wasser kräuselte. Auf einmal wurden die Wellen größer, als würde ein winziges Boot übers Wasser fahren.

„Sieh mal da", flüsterte Tony und deutete auf etwas im Wasser.

Ich konnte es erst nicht erkennen, aber dann sah ich es doch: die beiden Schnabeltiere die an der Spitze der Wellen schwammen.

Eine Safari im australischen Busch war unser Highlight.

Wir fuhren von Canberra aus los und bewegten uns in nordwestlicher Richtung. Tony hatte, wie weiß ich bis heute nicht, eine Karte besorgt, in der die Lebensräume verschiedener Tiere markiert waren.

Einige Stunden lang passierte gar nichts und wir beschlossen eine kleine Pinkelpause einzulegen.

Als ich mich dann aber wieder umdrehte, tat ich erst einen Schritt zurück, als ich plötzlich ein Känguru vor mir stehen sah. Es blickte mich nur stumm und mit zur Seite geneigtem Kopf, fast schon fragend an, bevor es sich einfach umdrehte und davonhoppelte.

Ich fuhr allerdings heftig zusammen, als ich Tonys spitzen Schrei hörte. Ich wusste erst gar nicht, was los war, befürchtete schon sie wäre von einer Schlange gebissen worden. Aber als ich sie rennen und ein Känguru fröhlich hinter ihr her springen sah, konnte ich mir ein Kichern einfach nicht verkneifen.

Tony sprang auf den nächsten Baum und klammerte sich mit Armen und Beinen am höchsten Ast fest, den sie erreichen konnte, während das Känguru ihr dabei zuschaute.

Ich ging langsam und vorsichtig auf Tony und das Tier zu.

„Tony, was ist passiert? Was hast du dem armen Tier denn getan?", fragte ich meine verschreckte Verlobte, die mich angesäuert beäugte.

„Was ich dem armen Tier getan hab'! Dieses 'arme Tier', wie du es nennst, hat mich beim Pinkeln überrascht!"

„Es hat dich beim Pinkeln überrascht?"

„Ja, und jetzt mach's weg! Ich kann mich nicht mehr lange halten und ich will da nicht runter, solange das da ist!"

„Meinst du nicht, dass du etwas überreagierst?"

„Steven!"

„Okay." Ich drehte mich zum Känguru und beobachtete es. Es sah mich an wie das, welches hinter mir stand, bevor es tatsächlich ebenfalls davonhoppelte. „Zufrieden?"

„Immens." Tony sah zu ihrer Rechten ein aschgraues Tier sitzen, das sie beobachtete. „Was geht?", sagte sie, als der Koala von Dannen krabbelte.

Sie ließ sich vom Ast hängen, bevor sie losließ und wieder auf mich zukam. Ich musste immer noch grinsen, als sie 'völlig cool' zu mir rüberschlenderte. „Mensch, das war mal 'n Erlebnis, was?", kicherte sie, versuchte die durchaus vorhandene Peinlichkeit zu dämpfen.

„Das stimmt." Ich grinste immer noch und versuchte krampfhaft nicht zu lachen.

„Tja, passiert", meinte sie und grinste zurück, bevor ihre Augen Richtung Boden wanderten. Plötzlich schrie sie auf und ich konnte im letzten Moment meine Arme ausbreiten, um eine mir entgegen springende Tony aufzufangen, die immer noch panisch kreischte.

„Steve, Steve, STEVE!"

„Was, was, was ist denn?"

„Da, da, DA!"

„Sprich in ganzen Sätzen!"

„Da ist Gruselvieh!"

Naja, fast. Sie zeigte auf etwas vor uns und als ich sah auf was, wich ich erstmal einige Schritte zurück.

Vor uns stand eine aufgerichtete, ausgewachsene Kragenechse, die uns böse anzischte.

„Steve, mach das weg!", quietschte mir Tony ins Ohr.

„Wie soll ich das bitte machen?"

„Was weiß denn ich! Tritt auf sie drauf oder so!"

„Ich werd' doch nicht auf sie drauf treten!"

„Dann lass du dir doch was einfallen!"

Ich drehte mich ein wenig von der kampfbereiten Echse weg und setzte Tony wieder auf die Füße, die auch sofort hinter mich sprang. Ich trat vorsichtig auf die Echse zu und machte immer wieder „Husch"-Geräusche und wedelte mit den Armen, aber leider schien das dem Tier nur wenig zu imponieren. Stattdessen flitzte es urplötzlich an uns vorbei, als Tony vor Schreck fast einen Herzinfarkt erlitt.

„Bescheuertes Drecksviech", keuchte Tony, die immer noch in leicht gebückter Haltung hinter mir kauerte.

Wir machten uns wieder auf den Weg. Tonys Nerven waren nach einer guten Dreiviertelstunde wieder halbwegs beruhigt, als sie mich bat anzuhalten.

„Was ist das?", fragte sie und hockte sich neben etwas, das wie ein Nest aussah. Darin lagen türkisfarbene Eier. Ich wusste, dass ich so was schon mal gesehen hatte, nur wo…? … Eier… türkis… Australien…

Hinter uns hörte ich ein lautes Trampeln und als ich mich umdrehte wusste ich auch, wessen Eier hier vor uns lagen. Ein großer Emu kam auf uns zu gerannt und hatte Tony bereits ins Visier genommen.

„Tony, geh da weg!", schrie ich und lenkte den riesigen Vogel erfolgreich von Tony ab.

Sie lief los und der Emu kam ihr natürlich hinterher. Ich lief ihr entgegen und packte sie, als mich erreichte, warf sie hinter mich und wich im letzten Moment dem Vogel aus. Ich schnappte mir Tony und rannte zu Jeep.

Ohne Rücksicht auf mögliche Verluste schmiss ich meine Verlobte auf den Rücksitz, sprang selbst auf den Fahrersitz und trat das Gaspedal durch.

„Steve, er kommt näher", rief Tony und drehte mich kurz um, um zu sehen, dass der Emu immer noch hinter uns her sprintete.

„Nicht mehr lange", sagte ich und schaltete in den nächsten Gang. Es dauerte nicht mehr lange, bis wir den Emu endlich abgehangen hatten und Tony sagte:

„Ich will ins Hotel zurück."