Überraschung. Sicher habt ihr schon geglaubt, ich sei in der Versenkung verschwunden. Tut mir auch sehr leid, dass es so lange gedauert hat. Aber gut Ding will Weile haben, dann hatte mein Beta-Reader zwei Wochen Urlaub und im Anschluss war ich zwei Wochen weg, naja und so vergeht die Zeit. Hoffe ihr habt mich ordentlich vermisst, so dass ihr euch nun alle auf die Fortsetzung stürzt und mir fleißig Reviews hinterlasst ;).
Dies ist übrigens der vorletzte Teil. Viel Spaß (Spannung) dabei. LG
10. Red John
Die ganze Szenerie wirkte unwirklich. Die abwechselnd rot und blau flackernden Lichter der Polizei und Krankenwagen, die Lisbon vorausgeschickt hatte, und das unverständliche Stimmengewirr aus den Funklautsprechern schufen eine völlig surreale Atmosphäre. Das kleine leer stehende Haus wirkte beinah gespenstisch vor dem nachtschwarzen Himmel. Alles schien sich in Zeitlupe abzuspielen, obwohl Hektik herrschte. Teresa hielt mit quietschenden Reifen mitten auf der Straße, hinter den gelb-schwarzen im Wind flatternden Absperrbändern. Eilig löste sie den Sicherheitsgurt und sprang heraus, um einen der Officer, der in der offenen Autotür eines Streifenwagen stand und gerade eine Meldung über Funk herausgeben wollte, nach dem aktuellen Stand zu fragen. Patrick und Cho folgten ihr, damit sie ebenso aus erster Hand erfahren konnten, was sie im Keller des Hauses vorgefunden hatten. Doch das war gar nicht mehr notwendig. Patricks Blick wurde unweigerlich von der offenen Haustür angezogen. In dieser erschien im selben Augenblick Rigsby. Auf seinen Armen die reglose Gestalt seiner Partnerin. Bisher hatte er Grace immer als eine starke Persönlichkeit wahrgenommen, doch wie sie da in seinen Armen lag, wirkte sie so zerbrechlich wie eine zarte Blume im Wind. Ihr Oberkörper war in seine Jacke gewickelt. Ihr linker Arm und ihr Kopf hingen unkontrolliert nach unten. Rigsbys schmerzerfülltes Gesicht ließ erkennen, dass er nicht nur körperliche Qualen litt. Auf seinem Gesicht vermischten sich Tränen mit Blut und Staub. Einige der Deputys und Sanitäter wollten ihm helfen, aber er ließ es nicht zu. Er lief mit Grace einfach weiter den Fußweg entlang durch den verwilderten Vorgarten und steuerte eine Bahre an, die neben einem Krankenwagen bereitgestellt worden war. Patrick erreichte ihn, als er sie behutsam darauf legte. Zärtlich strich Rigsby ihr eine Strähne ihres roten Haars aus der Stirn. Sie sah aus als würde sie nur schlafen, wären da nicht die blutigen Schnitte an Hals und Schulter gewesen, die unter der Jacke hervorblitzten. Sofort wurden sie von Rettungskräften umringt und zurückgedrängt. Rigsby stand da wie ein Häufchen Elend, von seiner stattlichen Größe war in diesem Moment nichts zu erkennen. Er zitterte am ganzen Körper und vermittelte den Eindruck, dass er jeden Augenblick zusammenbrechen würde. Den Sanitäter, der sich um seine Verletzungen kümmern wollte, wies er jedoch zurück.
Patrick wollte ihm gerne sagen, dass alles wieder gut würde, aber für so eine Behauptung hatte er nicht den Mut. „Es tut mir leid", war deshalb alles, was ihm über die Lippen kam. Wer auch immer jetzt noch versuchen wollte ihm die Schuld daran auszureden, er würde ihm nicht zuhören.
Rigsby widersprach ihm nicht, stattdessen griff er in die Brusttasche seines zerrissenen und blutverschmierten Hemdes und reichte ihm ein kleines zusammengefaltetes Stück Papier.
„Versprechen Sie mir, dass Sie dieses Schwein zur Strecke bringen", presste er tonlos hervor ohne ihn anzusehen, sein Blick war starr auf den Krankenwagen geheftet, in dessen Inneren ein erbitterter Kampf um das Leben ihrer Kollegin stattfand.
Patrick entgegnete darauf nichts, stattdessen legte er ihm nur eine Hand auf die Schulter. Dieses Versprechen brauchte er nicht zu erneuern. Seit er sich das selbst beim Anblick seiner toten Familie geschworen hatte, hatte sich an dem Wunsch nach Vergeltung nichts geändert. Dann faltete er den Zettel auseinander. Auf dem vergilbten Papier waren ebenfalls Blutstropfen von der letzten Gräueltat ihres Gegners. Und dazwischen stach in schwarzen handschriftlichen Lettern der zweite Teil des Verses hervor, der den Treffpunkt für den Showdown verriet.
Ganze Familien finden Frieden,
tut erst der Tod die Sense schmieden.
Wie schon bei den ersten beiden Zeilen wusste er sofort, wohin Red John ihn locken wollte. Es handelte sich nicht um ein Gedicht, das einer Interpretation bedurfte. So wie es dastand, war es auch gemeint. Und nun war es an der Zeit dieser Einladung zu folgen. Er musste nur sicher gehen, dass er allein sein würde, wenn er IHM gegenübertrat.
Lisbon schien mit Cho in ein Gespräch über die weitere Vorgehensweise vertieft und Rigsby, der nicht mehr von Grace Seite weichen wollte, war mit in den Rettungswagen gestiegen. Was sich jetzt hinter der verschlossenen Tür abspielte ließ sich nur erahnen, denn die Tatsache, dass sie nicht längst auf dem Weg ins Krankenhaus waren, konnte nur bedeuten, dass Grace' Zustand einen Transport nicht zuließ. Patrick sah sich noch einmal um und ergriff die günstige Gelegenheit, die sich ihm bot, um sich ungesehen davonzuschleichen.
„Jane!", ertönte prompt sein Name, kaum, dass er einen Fuß vor das Grundstück auf den gepflasterten Gehweg gesetzt hatte. Lisbon musste ihn trotz ihrer Unterhaltung mit Cho im Auge behalten haben. Ihre Wahrnehmung, vor allem was ihn betraf, hatte sich seit ihrer Zusammenarbeit extrem verbessert. Fast ärgerte er sich darüber, sie in der Hinsicht unbewusst geschult zu haben.
„Wo wollen Sie hin, Jane?", rief sie erneut nach ihm. Kurz überlegte er, ob er nicht einfach weiter gehen und so tun sollte, als hätte er sie nicht gehört, doch die Gefahr, dass sie ihm folgen könnte, war einfach zu groß. Deshalb hielt er an und drehte sich nach ihr um. Lisbon ließ Cho mit einer Anweisung zurück, die wohl beinhaltete Rigsby aus dem Krankenwagen zu holen, damit die Rettungskräfte ungestört ihre Arbeit machen konnten, da dieser nun an der seitlichen Schiebetür des Transporters anklopfte. Schnellen Schrittes kam sie auf ihn zu, als wittere sie die Auflösung des Falls.
„Ich warte! Wo wollen Sie hin?", wiederholte sie forsch. Ihre grünen Augen funkelten misstrauisch. Er wusste, dass es nicht leicht werden würde sie zu täuschen. Aber es war notwendig. Nur so konnte er sie schützen.
„Spazieren ... ich brauch einen klaren Kopf", entgegnete er tonlos und achtete darauf ihr dabei direkt in die Augen zu sehen. Sie kniff ihre daraufhin leicht zusammen, als versuche sie seinen Geist zu röntgen.
„Sie wissen etwas, aber Sie wollen nicht mir darüber reden", kam sie schließlich zu einer Erkenntnis und kratzte damit gefährlich nah an der Wahrheit.
„Und das macht Ihnen Sorgen?", startete Patrick ein Ablenkungsmanöver.
„Es macht mir eher etwas Angst", gab sie zu.
„Ich werde wirklich nur ein Stück spazieren gehen. Ich hab noch keinerlei Erkenntnis gewonnen was das Gedicht betrifft", beteuerte er und sah ihr sofort an, dass er es erneut geschafft hatte, jemanden erfolgreich zu blenden. Aber daran hatte er auch keinerlei Zweifel gehegt, dafür hatte er diese Kunst viel zu lange trainiert. Lisbon hätte schon ein Hellseher sein müssen, um an seinem geübt emotionslosen Gesicht eine Lüge ablesen zu können. Nicht ohne Grund war er einer der Besten auf dem Gebiet gewesen und hatte damit Unsummen an Geld verdienen können. Denn das war seine eigentliche Gabe - Menschen das glauben zu machen, was sie hören wollten. Eine tiefe Traurigkeit umfing ihn, als ihm bewusst wurde, dass er sie seither das erste Mal wieder gegen einen guten Menschen eingesetzt hatte. Lisbon unterzog ihn trotzdem einer eindringlichen Musterung, nickte dann aber wie erwartet.
„Okay, gehen Sie." Der Rest Skepsis in ihrer Stimme rührte wahrscheinlich nur daher, dass sie hoffte keinen Fehler zu machen, wenn sie ihn in seinem Zustand unbeaufsichtigt ließ. Und das machte ihm nun etwas Angst. Dass eine gute Ermittlerin wie sie, jemanden mit seiner Vorgeschichte so schnell Glauben schenkte.
Patrick ging weiter die Straße hinunter. Nicht zügig. Gemächlich. Er wusste, ER würde auf ihn warten. Egal wie lang er brauchte. Das war der Sinn dieses einfachen Rätsels gewesen. Red John wollte von ihm gefunden werden. Er wollte es zu Ende bringen. Und auch ohne die erneute Demonstration von Gewalt an einem ihm lieb gewonnen Menschen, wäre er seiner bewusst hinterlassenen Spur gefolgt. Seit dem Tod seiner Familie reichte sein Hass auf diesen Mann für zehn Leben. Umso sinnloser erschien ihm deshalb der Übergriff auf Grace. Oder wollte er nur sicher gehen, dass er nicht vergaß mit wem er zu tun bekam? Als könnte er das je vergessen. Dem Mörder seiner Frau und Tochter endlich ins Gesicht sehen und nach dem Warum fragen zu können, hatte ihn die letzten acht Jahre angetrieben, da hätte ihm auch eine simple Email mit Adresse genügt.
Nach 300 Metern machte die Straße einen Bogen, doch Patrick folgte dem schmalen Pfad, der in der Kurve von der Straße abging, und über einen Hügel durch eine kleine Baumgruppe führte. Dieser Weg würde ihn geradewegs ans Ziel bringen. Mit jedem Schritt konnte er das kühle Metall der 9mm Beretta an seinem Rücken spüren. Die Waffe, die er von Max Winter geschenkt bekommen hatte, und seitdem genau für dieses Vorhaben sicher verwahrt in einer schlichten Holzkiste unter seinem provisorischen Bett auf dem Dachboden des CBI-Gebäudes gelegen hatte. Er hatte sie mitgenommen, wohl wissend, dass er den entscheidenden Hinweis erhalten würde, sobald sie Rigsby und Van Pelt fanden. Und wieder hatte ihn seine Eingebung nicht im Stich gelassen. Er hoffte nicht darauf, dass ihm Lisbon seinen Alleingang irgendwann verzieh. So oder so, es war ohnehin unnötig. Wenn er starb hatte sich das Thema eh erledigt. Und sollte er wider Erwarten überleben, kam er wahrscheinlich ins Gefängnis. Selbst wenn er dann nach ein paar Jahren wieder frei käme, würde es keine Rolle spielen, da er nicht vorhatte danach zum CBI zurückzukehren. Der einzige Grund, dass er überhaupt dort gewesen war, war der, um leichter an Informationen über Red John und die Fortschritte in den Ermittlungen gegen ihn zu gelangen. Was sich mit dessen Tod erübrigen würde. Fälle konnten sie auch ohne ihn aufklären. Das hatten sie schließlich vor seiner Anstellung auch hinbekommen.
Patrick durchquerte die wenige Yards breite Baumgruppe. Die letzten Blätter der beinah kahlen Bäume raschelten über ihm an den Zweigen bedrohlich im auffrischenden Wind. Der Boden unter seinen Füßen war mit blutrotem und goldgelbem Laub bedeckt und vom Regen der letzten Nacht durchweicht, so dass seine Schritte schmatzende Geräusche verursachten. Durch die dünnen Stämme der jungen Schwarzeichen und Ahorne konnte er bereits die schmiedeeiserne Umzäunung des Friedhofes erkennen. Und dahinter die vermoosten steinernen Bauten alter Familiengruften. Natürlich wusste er, dass es in Sacramento mehr als einen Friedhof gab, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er hier richtig war. Red John hatte keinerlei Informationen dazu hinterlassen, zu welchem er kommen sollte. Also lag es nahe, dass er vom nächstgelegenen ausgehen konnte. Sonst hätte er es ihn wissen lassen.
Er folgte der Umfriedung ein Stück nach links bis er einen Eingang fand. Es handelte sich nicht um den Haupteingang, deshalb war der Durchlass im Zaun nicht größer als ein Gartentürchen. Patrick betrat diesen Ort des Friedens und sah sich um. Er wusste nicht genau wohin er gehen sollte. Nach was er suchen sollte. Mehr als seine Pseudonyme kannte er nicht. Seine wahre Identität lag noch im Verborgenen und er bezweifelte, dass er sie je herausfinden würde. Wie Cho bereits sagte. Er war wie ein Schatten. Dunkel. Nicht greifbar. Wobei, eigentlich war er vielmehr wie der Flutlichtscheinwerfer, durch den man gleich mehrere Schatten warf und die sich zu allen Seiten ausbreiteten. Doch er war hier. Das konnte Patrick spüren. Er wartete auf ihn. Er wartete in einer der Gruften. Er führte ihn im wahrsten Sinne des Wortes ins dunkelste Innerste seiner selbst.
Hier im Schutz von Trauerweiden und Zitterpappeln war die heraufziehende Dunkelheit fast undurchdringlich. Die teilweise hunderte von Jahren alten Familiengrabstätten wirkten gespenstisch im Zwielicht des Mondscheins. Da entdeckte er eine angelehnte Tür. Ein schwacher flackernder Lichtschein schimmerte durch den schmalen Spalt. In den Stein gehauene verwitterte Buchstaben über dem Eingang wiesen diese letzte Ruhestätte als Eigentum der Familie John aus. Das dies nicht bedeutete, dass es sich dabei doch um seinen Nachnamen handelte, stand für ihn fest. Lediglich ein weiterer Hinweis. Und ein Zeichen seiner Grausamkeit, weil er die Ruhe der dort Bestatteten störte, um sich weiter in Szene zu setzen. Ein Initiator bis zum Schluss. Patrick würde dafür sorgen, dass es ein für alle Mal seine letzte Show war.
Vorsichtig öffnete er die schwere massive Steintür und schlüpfte ins Innere der bunkerförmigen Baute und fand sich am Rande einer steilen Treppe wieder, die unter die Erde führte. Eine feuchte Kälte umfing ihn und es roch nach Fäulnis, Erde und verbranntem Petroleum.
Patrick griff nach seiner Waffe und stieg die staubigen Stufen hinab. Er ging nicht vor wie es ein Polizist tun würde. Er hielt die Pistole nach unten gerichtet einfach nur in der Hand. Red John würde sowieso nicht erwarten, das er unvorbereitet käme. Er selbst würde genauso wenig unbewaffnet sein. Wieso also verbergen mit welcher Absicht er gekommen war. Außerdem hatte er nicht vor sofort abzudrücken. Zuerst wollte er eine Antwort und auch Red John würde nicht wortlos auf ihn losgehen.
Unten angekommen trat er in den tanzenden Lichtkegel, den die beiden Fackeln in den Wandhalterungen warfen. Der Mündung des Revolvers, der ihn empfing, schenkte er kaum Beachtung. Seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem Mann hinter der Waffe. Er stand im hinteren Teil der Gruft, mit dem Rücken zu einer der noch freien Nischen, in die man die Särge schob. Für einen Moment sah er sich selbst dort liegen. Die verstümmelte Leiche seiner selbst, nachdem Red John mit ihm fertig war. Wie lange würde es dauern bis man ihn hier fand? Würde Teresa wissen, wo sie nach ihm suchen musste? Oder würde man ihn erst Jahre später zufällig entdecken? Schnell schob er diese Gedanken beiseite. Soweit würde er es nicht kommen lassen. Diesmal war er am Zug.
„Hallo, Mr. Jane", wurde er schließlich betont freundlich begrüßt, als hätten Sie sich gerade zufällig auf der Straße getroffen. Seine Stimme klang weniger bedrohlich als damals in dem Theater, als er ihm das Gedicht von William Black aufsagte. Trotzdem hatte sie etwas Kaltes an sich, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Er trat einen Schritt aus dem Halbdunkel hervor, in dem er gewartet hatte, und entblößte sein Gesicht, das diesmal nicht von einer Maske verdeckt war. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass es jetzt und hier enden würde. Ob nur für einen von ihnen oder für beide blieb abzuwarten. Dass er den Mann kannte konnte er nicht behaupten. Es war nicht so, dass er in ihm den Typ vom Kiosk oder gar einen CBI-Mitarbeiter wieder erkannte, trotzdem glaubte er, dem Gesicht bereits hin und wieder auf der Straße begegnet zu sein. Mehrere Narben waren über Stirn und Wange verteilt. Und auch seine Augen, die klein und bösartig funkelnd in ihren Höhlen lagen, erinnerten ihn an solche, die ihn öfter an Tatorten aus der Menge von Schaulustigen heraus entgegenstarrten. Ansonsten gab es an ihm allerdings nichts Auffälliges. Ein stumpfes Graubraun zeichnete den kurzen Haarschnitt aus. Und auch der Rest seiner Statur ließ kaum vermuten, dass er ihn einst samt Stuhl, an den er gefesselt gewesen war, aufgehoben hatte, als wöge er kaum mehr als ein Kind. Dennoch, der Schein konnte trügen, das wusste er nur zu gut. Zwar hatte er ihn damals nicht sehen können, da er sich hinter seinem Rücken aufhielt und seine Lage es nicht zuließ sich im zuzuwenden, aber die Art wie er sich bewegt hatte, der Klang seiner Schritte, hatte ihn in seiner Vorstellung als groß und kräftig erscheinen lassen. Doch er entsprach nur den Maßen des normalen Durchschnittsmannes. Kaum auffälliger als er selbst. Nichts Besonderes. Patrick wusste nicht wieso, aber er war fast ein wenig enttäuscht.
„Red John", stieß er schließlich verächtlich als Erwiderung hervor.
„Nun haben Sie mich also endlich gefunden." Diebische Freude schwang in seinem Tonfall mit. Er wähnte sich offenbar am Ziel. Sie waren da, wo er sein wollte. Genau da, wo er ihn haben wollte. Sein Plan ging auf. Ein Plan, dessen Ende noch ungewiss war. Plötzlich übermannte Patrick das unbestimmte Gefühl, dass noch etwas Unvorhersehbares passieren würde. Etwas, das das bevorstehende Duell aus dem Gleichgewicht bringen könnte.
„War nicht schwer Ihrer Einladung zu folgen", erwiderte er und gab sich Mühe möglichst unbeeindruckt zu klingen. Er wollte ihm nicht zeigen wie sehr es in ihm brodelte. Nach jahrelanger Suche stand er endlich dem Menschen gegenüber, der den unbändigen Hass und unglaublichen Zorn in ihm hervorrief. Der Mann, über den er den Begriff Rache definierte. Der auch ihn zum Mörder werden ließ. Der Bastard, der ihn einfach süffisant anlächelte, weil er genau wusste, wie er ihn genau dazu bringen konnte.
„Und jetzt? Knallen Sie mich einfach ab wie einen tollwütigen Hund?" Red John deutete auf die Waffe in Patricks Hand, die er allerdings noch immer nicht erhoben hatte. Noch war es nicht soweit.
„Vorher hab ich eine Frage."
„Oh bitte, jetzt fragen Sie mich doch nicht etwa nach dem Warum? Warum hab ich all diese Menschen umgebracht? Ich verrat´s Ihnen: Ich hatte eine schwere Kindheit." Höhnisch klangen die Worte aus dem Mund dieser Bestie. Gefühllos.
„Dass Sie dafür keinen Grund hatten, weiß ich. Menschen wie Sie sind einfach nur gestört. Böse. Nein, ich will wissen, warum Sie damals nicht mich umgebracht haben. Wieso musste meine Familie für meine Taten büßen?" Diese Frage verlangte ihm alles ab. Er hatte so lange darauf gewartet sie endlich stellen zu können. Weil sie ihn so sehr quälte. Unweigerlich musste er nun gegen Tränen ankämpfen, die ihm bei dem Gedanken an jenen Abend als er sie fand, kamen, versuchte aber so gut es ging diese starken Emotionen zu verbergen. Er wollte Red John nicht geben, an was sich dieser offensichtlich ergötzte. Dem Leid anderer Menschen und der Macht, die er über sie hatte.
„Ganz einfach. Jeder Schurke braucht jemanden, der ihn jagt. Der einen zu etwas Besonderem macht. Und damit war mir Ihre volle Aufmerksamkeit gewiss. Sie denken dabei viel zu sehr an sich. Natürlich wollte ich Sie für Ihre Verleumdungen bestrafen, aber dabei ging es um mehr als Sie zu quälen. Selbst der übelste Schurke ist nichts Wert ohne jemanden, der ihn in seinen Taten bestätigt. Mein Ruf ist nur so viel Wert wie der, der mich zu schnappen versucht. Und ich wollte den Besten, weil ich der Beste sein wollte. Doch ich wollte mehr als nur Ihre halbherzige Aufmerksamkeit. Ich wollte nicht einer von vielen sein. Ich wollte einzigartig sein - der Einzige, den es für Sie zu schnappen galt. Und wie konnte ich das besser erreichen als Ihnen das Herz herauszureißen?", erklärte Red John mit sachlicher Gelassenheit, als würde er einen Vortrag vor einer Klasse halten. Als wäre diese Schlussfolgerung so logisch wie die Gleichung für eine Mathematikaufgabe.
„Das klingt, als wäre ich der Gute in diesem Spiel." Patrick missfiel diese Assoziation. Er war wohl kaum ein Ritter in glänzender Rüstung, der dem Chaos verbreitenden Drachen Paroli bot. Seine Weste war alles andere als weiß. Selbst jetzt handelte er weniger im Interesse der Öffentlichkeit, denn vielmehr aus Eigennutz.
„Hier geht es nicht um Gut oder Böse. Ich wollte einfach nur einen ebenbürtigen Gegner", stellte Red John unmissverständlich klar, dass er auf derlei Definitionen keinen Wert legte. Es ging ihm nicht darum, festzulegen wer auf welcher Seite stand. Er hatte lediglich eine Marionette für sein perfides Spiel gebraucht. Eine Garantie, damit es ihm nicht irgendwann langweilig würde.
„Aber wieso ... Wieso musste auch meine Tochter sterben? Sie war in Ihrem Zimmer. Sie hat geschlafen. Sie hätte nichts mitbekommen." Patrick wusste nicht, warum er aussprach was ihm noch immer durch den Kopf geisterte. Warum er glaubte, doch noch eine plausible Erklärung für alles zu erhalten. Aber es waren die einzigen Fragen, die ihn Nacht für Nacht terrorisierten und die er nur mit der Vorstellung, wie er diesen bestialischen Mörder qualvoll hinrichten würde, bändigen konnte.
„Na weil ich Red John bin", kam es mit verständnisloser Arroganz zurück, als erkläre sich das von selbst. Dieser Mann war psychisch nicht dazu in der Lage Entscheidungen der Gnade zu treffen.
Patrick konnte nun nicht mehr an sich halten. Ein unkontrollierbarer Reflex brachte ihn dazu, die Waffe zu heben und den Abzug durchzudrücken. Doch er schoss ihm nur ins Bein. Er würde ihm nicht den Gefallen tun und es schnell beenden. Er sollte so viele Schmerzen leiden, wie all seine Opfer zusammen. Red John zeigte keinerlei Reaktion. Auch schoss er nicht zurück, wenngleich er es gekonnt hätte. Einzig ein schwaches Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Und das war wesentlich beängstigender. Denn es konnte nur bedeuten, dass nach wie vor alles nach Plan lief. Doch Patrick sollte keine Zeit haben sich darüber Gedanken zu machen, was dies zu bedeuten hatte, denn im beinah selben Moment nahm er plötzlich leise Schritte auf der Treppe wahr. Sofort wusste er, wer sich ihnen da näherte. Die Person, von der er gehofft hatte, er könnte sie von diesem Zusammentreffen fernhalten. Sie beschützen, indem er sie anlog. Lisbon. Patrick war sich gewiss, dass er seine Bestürzung über diese Wendung nicht gut genug tarnen konnte. Red John bemerkte die Veränderung in seiner Mimik sofort, denn sein Lächeln wurde nun breiter. Gerade so als freue er sich darüber ihn erneut leiden zu sehen, weil ein Mensch, den er mochte, in tödlicher Gefahr schwebte. Patrick war sich bewusst, dass er es nun beenden musste, bevor sein Gegner es tat. Denn Red John würde es tun. Ohne zu zögern. Also hob er seine Waffe weiter an. Zielte genau zwischen die Augen und ...
„Patrick, tun Sie es nicht!" Es war das erste Mal, dass sie ihn mit seinem Vornamen ansprach.
„Verschwinden Sie, Lisbon!", fauchte er sie wütend an. Wieso nur war sie hier?
„Nein, Sie werden verschwinden. Nehmen Sie die Waffe runter und gehen Sie nach oben!", forderte sie in einem Tonfall, der keine Widerworte duldete. Doch Patrick konnte ihr diesen Gefallen nicht tun. Und das lag nicht einmal daran, dass er Red John für sich beanspruchte, dass er es sein wollte, der ihn für all die grausamen Taten, die er begangen hatte, bestrafen wollte. Es lag vielmehr an seinen Augen. Teuflisch spiegelte sich in den Pupillen das Fackellicht. Beinah wörtlich konnte er darin ablesen, dass Red John sich mit Sicherheit nicht einfach so verhaften lassen würde. Im Gegenteil, er würde dafür sorgen, dass es in einem Blutbad endete.
„Sie wissen, dass ich das nicht tun kann."
„Wenn Sie ihn jetzt erschießen, hat er gewonnen. Denn das ist was er will. Glauben Sie ernsthaft, das war nicht geplant, dass sie ihn schnappen? Er wusste, dass Sie seine Rätsel lösen würden. Er hat Sie systematisch zu sich geführt. Er will doch nur, dass Sie Ihr Leben für ihn aufgeben. Begreifen Sie denn nicht, dass Sie sein größter Triumph sind? Wenn Sie jetzt abdrücken, ist sein Plan aufgegangen. Dann hat er sie auf jedwede Weise zerstört." Während Lisbon mit ruhiger und doch vor Angst bebender Stimme auf ihn einredete, kam sie langsam Schritt für Schritt näher. Patrick wandte seinen Blick jedoch nicht von Red John ab. Er durfte ihn nicht eine Sekunde aus den Augen lassen und schon gar nicht sollte er den Eindruck gewinnen, Teresa hätte irgendeinen Einfluss auf ihn. Die Spannung in der Luft knisterte fast.
„Ich kann nicht."
„Bitte, Patrick. Geben Sie ihm nicht das, was er will. Er wird auf jeden Fall für seine Taten hingerichtet werden. Er wird auf jeden Fall dafür sterben."
„Ja, aber auf eine humane Art und Weise. Das hat er nicht verdient."
„Wenn Sie es nicht für sich tun können, tun Sie´s für mich." flehte sie ihn an und schaffte es tatsächlich an seiner Überzeugung zu rütteln.
Im selben Moment nahm er eine schwache Muskelzuckung im Gesicht seines Gegenübers wahr. Patrick musste kein Hellseher sein um zu wissen, was es zu bedeuten hatte. Red John wollte, dass er zum Mörder wurde. Und er würde alles tun um ihn dazu zu bringen. Dass Lisbon es womöglich schaffen könnte, ihn davon abzuhalten, war ein zu großes Risiko. Eine Möglichkeit, die er nicht zulassen durfte. Das hier war sein Spiel. Er machte die Regeln. Und er hatte die Kontrolle. Er würde sie töten. Es war eine Entscheidung binnen Sekundenbruchteilen. Ihre Schüsse lösten sich beinah zeitgleich. Der doppelte Knall hallte schmetternd in seinen Ohren und der Geruch nach Schießpulver vergiftete die Luft. Red John ging zu Boden. Tödlich verwundet durch einen gezielten Treffer in den Kopf.
Es war vorbei. Dennoch schaffte Patrick es nicht, seinen ausgestreckten Arm mit der Waffe zu senken. Er war von dem, was eben geschehen war, wie paralysiert. Er rechnete damit, dass Lisbon nun an ihn herantreten würde, ihre Hand auf seine legen würde und ihm die Waffe abnahm. Doch nichts geschah. Unsägliche Angst breitete sich schlagartig wie eiskaltes Wasser in seinem Körper aus, als er sich nach ihr umsah. Sie hatte sich nicht vom Fleck bewegt und starrte ihn mit schockgeweiteten Augen an. Einen irrwitzigen Augenblick lang glaubte er, dieser erschütterte Ausdruck in ihrem Gesicht galt ihm und der Tatsache, dass sie es nicht hatte verhindern können, ihn von seiner Vergeltungstat abzuhalten. Oder war es, weil er durch das ganze Adrenalin in seinen Venen noch nicht mitbekommen hatte, dass auch er getroffen worden war?
„Lisbon?", sprach er sie verunsichert an. Erst da fiel ihm ihre Hand auf, die sie krampfhaft auf ihre Halsschlagader presste. Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor. Und Erkenntnis überrollte ihn wie eine Dampfwalze. Zutiefst erschüttert ließ er seine Waffe fallen und erreichte Teresa gerade noch rechtzeitig um sie aufzufangen. Dann brach sie in seinen Armen zusammen und er legte sie behutsam auf dem Boden ab. Seine Hand hatte nun ihre ersetzt. Er umklammerte die Wunde so fest er konnte ohne ihr die Luft abzudrücken. Ihr schwächer werdender Puls war deutlich unter seinen Fingern zu spüren. In der Ferne glaubte er nun Sirenen zu hören. Oder war es nur das Dröhnen in seinen Ohren, was der explosionsartige Knall der Pistolenkugeln in dem kleinen unterirdischen Raum verursacht hatte? Aber selbst wenn draußen Rettungskräfte ankamen, wussten sie mit Sicherheit nicht, wo genau sie suchen mussten. Bis sie sie gefunden hätten war Lisbon womöglich verblutet. Mit einem kräftigen Ruck riss er ihr den rechten Ärmel ihrer weißen Bluse ab und band ihn ihr notdürftig um die Wunde. Er war nicht sonderlich trainiert und schon gar nicht aus dem Stoff aus dem Helden gemacht sind, trotzdem schaffte er es irgendwie, sich ihren Körper auf die Arme zu hieven. Und unter einer Kraftanstrengung, die ihm alles abverlangte, mit ihr aufzustehen. Als er mühevoll die Treppen emporstieg, wurde ihm mit jedem qualvollen Schritt voller Schmerz und Erschöpfung bewusst, zu was Menschen in der Lage waren, wenn Adrenalin die Steuerung übernahm.
Oben trat er aus der Gruft heraus und wurde von gleißend hellem Scheinwerferlicht empfangen. Etliche Krankenwagen, Polizeieinheiten und CBI-Fahrzeuge hatten das Gebiet weiträumig umstellt. Sofort kamen mehrere Rettungskräfte auf ihn zu, während Polizisten mit gezogenen Waffen sich der Gruft näherten, um sie zu sichern.
Was dann geschah realisierte er kaum noch. Er sank auf die Knie. Alle Geräusche klangen plötzlich gedämpft und sein Sichtfeld trübte sich ein. Er bemerkte nicht, wie man ihm Lisbon aus den Armen nahm. Lediglich die Feststellung, dass sie nicht mehr atmete, drang noch zu ihm durch. Schuldgefühle, die ihm nur allzu bekannt vorkamen, überrannten ihn. Er hatte sich geschworen, sie da raus zu halten. Doch nun musste er sich eingestehen, dass er nachgelassen hatte. Denn nicht er hatte sie vorhin auf dem Gehweg erfolgreich getäuscht, sondern sie ihn. Indem sie ihn in dem Glauben ließ, sie würde ihm seine kleine Flunkerei wirklich abkaufen. Dadurch war nun auch noch die letzte Person, die ihm irgendwie nahe stand, heute verletzt worden. Und der einzige Grund, wieso es dazu gekommen war, war er.
„Sir? Sind Sie verletzt?", sprach ihn eine der Sanitäterinnen an. Ob sie damit das warme Blut meinte, das neuerlich aus seiner von der Kraftanstrengung wieder aufgeplatzten Wunde quoll, oder lediglich der jämmerliche Anblick den er mit Sicherheit bot, wusste er nicht. Es war ihm auch egal. Er hatte gerade Red John erschossen und trotzdem konnte er so was wie Erleichterung oder gar Erlösung nicht verspüren. Sein ärgster Widersacher hatte es geschafft, auch noch in der letzten Sekunde seines Lebens jemanden zu verletzten - mit Absicht vermied er es töten zu denken - und raubte ihm damit auch noch die letzte winzige Chance, sich jemals wieder besser zu fühlen.
„Schon okay, geht gleich wieder", würgte er angestrengt hervor, um sie abzuwimmeln. Er wollte jetzt niemanden um sich haben. Er wollte einfach nur hier sitzen und in Ruhe gelassen werden. Dabei bemerkte er nicht, dass er bereits mit dem Gesicht im Gras lag. Und die Dunkelheit, die ihn umfing, war nicht die der vorangeschrittenen Nacht.
Fortsetzung folgt... demnächst ;)
Ach ja, falls jemand ein Tipp für mich hat, wie man hier einen Link (zb. zu Youtube zwecks Song) in die Story einfügen kann, wäre ich euch sehr dankbar. Hab es schon einmal probiert, da wurde es aus dem Dokument gelöscht. Einfach PM.
