Catherine kam gerade von einem anderen Tatort zurück, als sie den Fremden das erste Mal sah:
groß, schlank, lässige Kleidung ... verstaubt! Mit neugieriger Miene sah er sich um, schien beinahe wie ein Schwamm jede einzelne Bewegung und jedes einzelne Labor in sich aufzusaugen, während Nick und Warrick ihn durch die heiligen Hallen des CSI führten.
Stirnrunzelnd blieb Catherine stehen, sah dem Fremden nach. Aber ... war er wirklich so fremd?
Gil hatte sie noch nicht vom O'Donnell-Fall abgezogen, also kannte sie auch ein Foto von deren Begleiter, der nachweislich zur Tatzeit im Casino gewesen war.
Catherine hätte verstanden, wenn dieser Außenstehende zur Vernehmung hergebracht worden wäre, immerhin war er wohl ein wichtiger Zeuge. Aber für sie sah dieses Herumführen mehr nach ... ja, nach was aus? Jedenfalls, so beschloß sie, war das keine wie auch immer geartete Vernehmung. Die drei jungen Männer näherten sich nicht einmal der dafür vorgesehenen Räumlichkeiten.
Catherine beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen, nachdem Warrick und der vermeintliche Zeuge im Videolabor verschwunden waren. Nick dagegen hielt zielstrebig auf die Küche zu - und genau dorthin lenkte nun auch Catherine ihre Schritte.
Irgendetwas ging hier vor. Und sie würde herausfinden was ...
Nick war gerade damit beschäftigt, eine dritte, saubere Tasse zu suchen, als sie den kleinen Raum betrat. Glücklicherweise waren sie allein, keine lästigen Zuhörer.
"Hey", grüßte Catherine ihren Teamkollegen.
Nick, der gerade erfolgreich eine dritte Tasse aus dem Schrank geangelt hatte und sie jetzt auf Sauberkeit instizierte, warf ihr einen halben Blick zu. "Hallo", antwortete er, trat an die kleine, wie immer hoffnungslos überfüllte Spüle heran und begann, die ergatterte Tasse auszuspülen.
"Wen habt ihr zwei denn da im Schlepptau, du und Warrick?" kam Catherine gleich zum Punkt. Wenig geschickt, allerdings wußte sie auch, daß zumindest ihre Teamkollegen ihre Direktheit schätzten.
Nick drehte sich, die feuchte, aber wohl für ausreichend sauber befundene Tasse noch immer in der Hand, zu ihr um. "Hat Gil dir nichts gesagt?" fragte er überrascht.
Catherine faltete die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen den Türrahmen. "Was gesagt?"
XOXOXO
Gil brütete gerade über dem Personaleinsatzplan für die nächste Woche, als der blonde Racheengel Catherine Willows sein Büro stürmte.
Eigentlich, so mußte Gil zugeben, war ihr Temperament im Moment wie ein segensreicher Wolkenbruch nach einem schweren Gewitter: Allein ihr Auftauchen klärte die Luft und ein Teil der Anspannung, die seit gesten abend auf ihm lag, löste sich in Luft aus.
"Bist du noch zu retten?" fuhr sie ihn statt einer Begrüßung an.
Gil sah sie über den Rand seiner Brille forschend an, während er demonstrativ weiter über dem Papierkram gebeugt blieb. "Guten Morgen, Catherine", begrüßte er sie in seiner gewohnt ruhigen Art.
Die Miene seiner Kollegin sprach deutliche Worte. Irgendetwas war passiert. Irgendetwas, was sie wirklich wütend machte.
Dann sollte er wohl doch besser ...
"Wie kommst du dazu, jemanden von außen zu holen? Noch dazu jemanden, der sich verdächtig verhält?" fuhr Catherine ihn an.
Aha, es ging um ihre Aushilfe aus dem Nachbarstaat.
Gil schraubte mit beinahe pedantischer Bedachtheit den Deckel wieder auf seinen Füller, ehe er aufblickte.
"Dean ist nicht verdächtig, wie du sicherlich wissen solltest. Zudem sind wir durch ... Saras Fehlen unterbesetzt. Dean erbot sich auzuhelfen", antwortete er. "Außerdem hatte das letzte Wort Conrad, nicht ich."
"Aber du hast interveniert!" Catherine starrte ihn wütend an. "Außerdem ... du kennst die Akte von Dean! Du weißt ..."
"Ich weiß, daß ich im Moment jede Hilfe annehme, die ich bekommen kann", fiel Gil ihr ins Wort. "Sicher, Dean ist mit seiner Art ungewöhnlich. Aber wer sagt, daß uns ein wenig frischer Wind nicht gut tut?"
"Weil das kein frischer Wind sondern ein Tornado ist!" Catherine schüttelte den Kopf. "Du hättest das mit mir besprechen sollen, Gil. Ich bin deine Stellvertreterin!"
Gil seufzte.
Wahrscheinlich hätte er das wirklich tun sollen. Andererseits aber hatte Ecklie nur diesen einen schwachen Moment gehabt, in dem er nachgegeben hatte. Da war keine Zeit mehr gewesen, wen auch immer von der vorübergehenden Erweiterung des Teams zu informieren.
"Hast du dir die Aufklärungsrate in LA einmal angesehen?" fragte er. "Seit Dean dem dortigen CSI untersteht ..."
"Deren Methoden sind aber möglicherweise nicht mit den unseren kompatibel." Catherine änderte ihre Taktik, sah ihn jetzt anklagend an. "Dean ist schwer zu bändigen. Noch mehr, falls er persönlich in die Sache involviert sein sollte. Falls er ein Verhältnis mit O'Donnell hat, ist er zu dicht an der Sache dran."
"Das sind wir auch", konterte Gil und reckte stirnrunzelnd den Hals, als er Bewegung vor seinem Büro wahrnahm.
Wieso waren plötzlich so viele Techniker unterwegs? Und wieso schienen sie alle zum Videolabor zu streben?
"Wir wissen so gut wie nichts über die Ermittlungsmethoden in LA. Wir wissen nur, daß, seit das dortige CSI neu formiert wurde, die Erfolgsquoten steigen."
"Und das noch einmal um drei Prozent, nachdem Dean in das dortige Team versetzt wurde." Gil starrte weiter an Catherine vorbei nach draußen.
Was ging da vor?
"Und das ist wirklich alles? Weil in LA die Quoten steigen, müssen wir uns gleich einen von denen ins Boot holen? Gil!"
Nun reichte es. Gil erhob sich, nachdem auch das DNA-Labor verlassen wurde, und kam um seinen Schreibtisch herum.
"Was geht da vor?" Auch Catherine war endlich aufmerksam geworden.
"Das sollten wir herausfinden." Gil verließ, seine Stellvertreterin im Schlepptau, sein Büro und ging hinüber zu der Menschentraube, die sich vor dem Videolabor zusammengerottet hatte.
"Okay, alles zurück an die Arbeit, Leute. Hier gibt's nichts zu sehen", ertönte die Stimme von Nick über das Gemurmel hinweg.
Gil erhaschte einen ersten Blick auf die großen Monitore. Irgendetwas seltsames schien da gerade stattzufinden.
Er drängte sich durch die Reihen der Anwesenden, Catherine noch immer hinter sich wissend, bis er schließlich vor Nick stand, der Wache hielt und nicht bereit schien, irgendjemanden ins Videolabor zu lassen.
"Was geht hier vor?" fragte Gil den jüngeren Spurensicherer.
Nick grinste. "Wir probieren nur gerade Brendans Gebrauchsanleitung aus. Das ist wirklich interessant."
Und nach allem, was Gil aus dem Inneren erkennen konnte, war es das auch ...
