Kapitel 10

Lupin

„Aha!", rief Marcus triumphierend und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich.
„Aha was?", entgegnete ich irritiert. Es war Freitagmorgen, der letzte Tag vor den Ferien, wir hatten zusammen Frühschicht und ich hätte eher ein Wort der Begrüßung erwartet.
„Jetzt weiß ich bescheid, mein Guter. Nicht auf die Patientinnen hast du es abgesehen..." Marcus schüttelte energisch den Kopf. Er schien ganz aus dem Häuschen ob seiner neu gewonnen Weisheit zu sein. „Nein, es muss die Chefin sein. Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass ihr zusammen zum Ärztekongress geht."
Würgende Wasserspeier! Wie hatte sich diese Neuigkeit denn so schnell herumsprechen können? Dabei hatte mir Dr. Earhart vor kurzem noch verkündet, dass es mir frei stünde, eine Begleitung mitzubringen...Und ich hatte schon jemanden im Kopf.

Meine überraschte und nachdenkliche Miene deutete Marcus offenbar als Zeichen dafür, dass er ins Schwarze getroffen hatte:
„Ich wusste es immer, Remus. In dir schlummert ein Tier."
Ich musste lachen. Wenn der wüsste, wie recht er damit hatte...zumindest mit dieser Aussage! Seine andere, wilde Vermutung, für die er ohnehin eine Vorliebe zu haben schien, konnte ich überhaupt nicht bestätigen. Es stimmte wohl, dass ich Dr. Earhart schätzte und in gewisser Weise attraktiv fand. Aber über gegenseitigen Respekt ging unser Verhältnis nicht hinaus, nein.
Marcus war ein überaus netter, wenngleich etwas schräger Typ, und ich war sehr erleichtert, dass er mittlerweile meinen richtigen Namen gelernt hatte, doch in anderen Belangen blieb er einfach unverbesserlich.
Ich machte Anstalten, Marcus seine Vorstellungen auszureden, wurde dabei aber von Gregory und ein paar weiteren Pflegern unterbrochen, die gerade gähnend in die Umkleide schlurften.
„Was gibt's denn hier so früh schon zu lachen?", fragte der Voranschreitende mit müder Stimme. Marcus warf ihm einen amüsierten Blick zu.
„Offensichtlich bringt Remus nicht nur gern Lebensmittel zum Kochen! Ratet mal, wer das Glück hat, den Boss dieses Jahr zu diesem Ärzte-Schaulaufen zu begleiten: niemand Anderes als unser Chefkoch!"
Durch die kleine Gruppe ging ein erstauntes Raunen.
„Aber das war doch nicht meine Idee!", rief ich. Allerdings schien das die Fantasie meiner Kollegen nur weiter anzustacheln.
„Dr. Earhart hat dich eingeladen? Obwohl du erst so kurz dabei bist? Das macht sie sonst nie bei Neuen!"
„Tja...gegönnt wäre es euch", sagte Marcus fröhlich. „Nur verrate mir mal bitte dein Erfolgsrezept bei den Damen."
Ganz einfach: Ich hatte keines. Aber das würden sie mir ohnehin nicht glauben. Das Gerücht konnte noch so absurd sein – die Hauptsache war, dass es etwas zu tuscheln gab.
„Er hat irgendetwas Tragisches in den Augen" , mutmaßte eine junge Kollegin. „Irgendwie...verletzlich. Das könnte es sein."
Ich verdrehte besagte Augen. Na sicher, das kam gleich nach meinen Unmengen Galleonen und meinem umwerfenden Aussehen.
„Was ziehst du denn an?", fragte sie neugierig.
„Ich – keine Ahnung", erwiderte ich. Das war tatsächlich eine schwere Frage. Mein eigener Kleiderschrank gab nichts her, was einigermaßen festlich wirkte. Vielleicht konnte ich mir von einem Ordensmitglied etwas borgen. Von Kingsley? Das wäre sicher ein paar Nummern zu groß. Mad-Eye? Zu klein. Mundungus? Zu...geruchsintensiv, außerdem war es fraglich, ob Mundungus etwas für solche Anlässe Passendes besaß.
Von Sirius? Das wäre einen Versuch wert.
„Du bist so schweigsam, Remus", bemerkte Marcus. „Denkst du an deine Herzdame?"
„Hm...", entgegnete ich mürrisch und tastete in meinen Hosentaschen nach dem Schlüssel für den Spind. Dabei stießen meine Finger gegen ein Stück Papier. Verwirrt zog ich es heraus und entknitterte es. Was war das denn?
Der Zettel mit Tonks' Adresse! Hatte ich den etwa die ganze Zeit über mit mir herumgetragen? Beim Gedanken an Tonks stahl sich unmerklich ein kleines Lächeln auf mein Gesicht. Wie viel besser unser Verhältnis seit dem letzten großen Ordenstreffen geworden war! Wahrscheinlich weil die Dramen mit Sirius und Snape aus der Welt geschafft waren, hatten wir in letzter Zeit einen sehr viel entspannteren Umgang miteinander pflegen können. Tatsächlich half mir unsere Freundschaft dabei, meine ständigen Selbstzweifel und die alltäglichen Probleme des Alltags nicht zu vergessen, aber zumindest zeitweise an die Seite zu schieben.
Marcus hatte mich beobachtet und nickte nun selbstzufrieden mit dem Kopf. „Ah, und wie du das tust!"

Herzdame hin oder her – bei meinem nächsten Aufenthalt im Grimmauldplatz hatte ich nun zwei für mich eher untypische Dinge zu erledigen. Erstens würde ich Sirius um Erlaubnis bitten, einen seiner Festumhänge ausleihen zu dürfen. Zweitens würde ich all meinen Mut zusammenkratzen und Tonks fragen, ob sie mich zu dem Ärztekongress begleiten würde.
Ich hatte lange überlegt, ob sie Interesse an einer solchen Veranstaltung haben konnte, die inhaltlich für sie recht langweilig sein mochte. Doch schon während Dr. Earhart mir von der Option, Gäste mitzubringen, erzählt hatte, war mir ein Bild vor Augen erschienen: ich, an einem festlich gedeckten Tisch inmitten von fabelhaft aussehenden Hexen und Zauberen, und an meiner Seite, sie alle übertreffend, Nymphadora Tonks.
Das war, zugegeben, ein ziemlich alberner und unerwartet romantischer Gedanke, den ich jedoch ebenso wenig wie meine Tagträume hatte verhindern können. Natürlich würden Tonks und ich – wenn sie zusagte – nicht als Paar zu dem Empfang gehen. Aber vielleicht würde es ihr Spaß machen, einen Abend lang die Büroarbeit und den Orden zu vergessen und sich einfach nur an dem hoffentlich guten Essen und an netter Gesellschaft zu erfreuen. Immerhin war sie ja laut Snape „das neueste Mitglied meines Fanclubs" und fand meine Anwesenheit eventuell ganz angenehm.

„Doch doch, na klar kannst du dir Klamotten von mir leihen", sagte Sirius großzügig und fügte hinzu: „Wofür brauchst du die denn?"
„Für einen festlichen Anlass", entgegnete ich. Seit einigen Tagen verstanden Tatze und ich uns wieder blendend. Er wirkte merklich erleichtert, seit Tonks ihm nach dem letzten Ordenstreffen nach einer kurzen Phase der Abneigung zu verstehen gegeben hatte, dass sie ihm verzieh. Ich bewunderte sie für diese Haltung, die auf eine viel tiefere innere Reife schließen ließ, als ich anfangs bei der Frau mit den bonbonrosafarbenen Haaren vermutet hatte.
„Aber nicht für ein Date, oder?", unterbrach Sirius meinen Gedankengang.
„Jetzt fängst du auch noch damit an! Haben wir nicht andere Sorgen als mein Privatleben?", stöhnte ich.
„Na ja...du musst zugeben, viel hat sich darin ja nicht getan. Oder habe ich während meiner Zeit in Askaban etwas verpasst?"
Seufzend verneinte ich. Da hatten sowohl er als auch Marcus ein Thema angeschnitten, das mir ganz und gar nicht lag. Einen Irrwicht konnte ich wohl bezwingen, wenn es aber um die Liebe ging...Sagen wir so: Andere Männer waren auf dem Gebiet deutlich forscher als ich.
Das war schon zu Schulzeiten so gewesen. Niemand hatte Interesse an dem schüchternen, etwas sonderbaren Jungen gehabt, so lange James Potter und Sirius Black in der Nähe gewesen waren. Immer waren es die beiden gewesen, die bei den Mädchen einen Stein im Brett hatten (was Peter anbelangte, verfügte ich über keinerlei Informationen. Und wollte es ehrlich gesagt auch nicht).
Allerdings müsste ich lügen, wenn ich behauptete, dass keine Frau je Interesse an mir gezeigt hätte. Ein wenig Erfahrung besaß ich schon. Doch eine ernsthafte, tiefe Beziehung, wie ich sie mir manchmal wehmütig erträumte, war nie zu Stande gekommen.
Möglicherweise war das auch das Beste. Immerhin führte ich schon eine sehr enge Verbindung mit dem Monster und die ließ wenig Platz für jemand Drittes.
„...mal im Schrank in meinem Zimmer gucken gehen?", sagte Sirius. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er die ganze Zeit über geredet hatte. Etwas zerstreut nickte ich und folgte ihm die Treppen hoch in den 1. Stock.

„Das ist es!", rief Tatze etwa eine halbe Stunde später. „Guck mal in den Spiegel."
Ich richtete meinen Blick auf das monströse Etwas eines Spiegels in der Ecke von Sirius' Schlafzimmer, fragte mich kurz, ob dessen Anwesenheit auf die Eitelkeit seines Besitzers zurückzuführen war – und erstarrte.
Dieser vornehm gekleidete, schlanke Herr im dunkelgrauen Gewand sollte ich sein?
„Steht dir", meinte Sirius anerkennend. „Du siehst darin fast besser aus als ich."

„Vielen Dank", meinte ich und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

In diesem Moment klopfte es an die Tür. Die Klinke wurde knarrend heruntergedrückt und die vertraute Stimme von Molly Weasley rief: „Essen ist fertig!"
Ohne unsere Reaktion abzuwarten, betrat sie den Raum. „Was macht ihr beiden denn hier oben? Oh!", sagte sie erstaunt, als sie mich erblickte. „Remus, du siehst aber elegant aus!"
„Nicht wahr? Als wollte man ihn für die Hexenwoche fotografieren", lachte Sirius.
„Danke, Molly", entgegnete ich verlegen. Obwohl sie mir inzwischen den halben Ausraster bei Snape verziehen hatte, war ich in ihrer Gegenwart noch immer leicht befangen. Heute hatte sie sich dazu entschlossen, eine Art vorweihnachtliches Mittagsmahl für uns zu kochen, da Arthur eine lange Schicht in der Mysteriumsabteilung übernahm, die Kinder noch eine Nacht in Hogwarts blieben und somit niemand im Fuchsbau war.
„Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob du das zum Essen tragen solltest", meinte sie nun kritisch. „Nachher landet noch ein Fleck drauf!"
„Ich ziehe mich sofort um und komme runter", beeilte ich mich zu sagen.

Sie verließ mit hochgezogenen Augenbrauen das Zimmer. Sirius sah ihr nach und ließ sich dann mit einem Seufzer aufs Bett fallen, während ich mich beim Ausziehen im Umhang verhedderte.
„Warum müssen Frauen nur immer so herrschsüchtig sein?", meinte er. „Und dann wundern sie sich, dass man keine Beziehung eingehen will."
Ich ahnte bereits, worauf das hinauslaufen sollte, und tat so, als würde der Kleidungswechsel meine volle Aufmerksamkeit beanspruchen. Sirius warf mir vom Bett her einen prüfenden Blick zu.
„Und du bist sicher, dass du nicht mit Tonks-"
Ja, ich bin sicher!", fauchte ich. Als das Umziehen endlich vollbracht war, gingen wir gemeinsam in die Küche. Sirius schwieg zwar die ganze Zeit über, aber ich meinte zu spüren, dass ihn meine Antwort ein wenig enttäuscht hatte.

***

Aber war ich denn wirklich so sicher?
Nach dem Abwasch, bei dem sie von allen Anwesenden tatkräftig unterstützt wurde, nutzte Molly die Büchse Flohpulver auf dem Kamin, um nach Hause zu gelangen und sich etwas zu entspannen. Nicht gänzlich unbeabsichtigt fand ich mich mit Tonks, einer Tasse Schokocappuccino und einer weiteren mit Kaffee im Wohnzimmer des Black-Hauses wieder. Es war schon Abend geworden. Während Tonks mit dem Geschirr hantierte und ich darüber nachsann, wie ich ihr mein Anliegen am besten vortragen konnte, ging Sirius nach oben. Als er uns beide sah, lächelte er wissend und formte mit den Händen ein Herz. Ich gab ihm mit einem ziemlich wölfischen Blick zu verstehen, dass er sich besser verziehen sollte.

Wie schon die Male davor konnte ich mich mit Tonks hervorragend unterhalten. Sie war witzig, sie war klug und sie war schlagfertig. Und...hübsch. Das fiel mir nun, da ich für das Thema sensibilisiert war, besonders stark auf. Wobei „hübsch" eigentlich untertrieben war. Es war nur eines dieser Worte, die man häufig benutzte und die völlig ungeeignet waren, hinreichende Wertschätzung auszudrücken. Tonks war etwas ganz anderes: Sie war einzigartig.
Aber lag es nun an meinem Unvermögen oder an der Tatsache, dass ich nicht daran glaubte, dass sie sich über mich in ähnlicher Weise Gedanken machte: Ich sagte nichts davon zu ihr. Irgendetwas hatte mich schon immer daran gehindert, meine Empfindungen in Worte zu fassen. Wenn ich es täte, könnte ich sie möglicherweise abschrecken und unser Verhältnis wäre nie wieder so gut wie jetzt. Da war noch zu viel, was gerade erst begonnen und was ich hätte kaputt machen können.
Also scherzte ich und redete mit Tonks über Kaffee. Als ich schließlich auf den Ärztekongress zu sprechen kam und dabei Dr. Earhart erwähnte, röteten ihre Wangen sich plötzlich und ihr Blick wurde merkwürdig leer.
„Tonks?", fragte ich beunruhigt.
Was war denn los mit ihr? Sie schwieg.
„Ist dir nicht gut?", hakte ich nach. Hatte ich etwas falsch gemacht? Ich hatte sie doch nur auf die Frage vorbereiten wollen, die mir gerade auf der Zunge brannte.
Dann sagte sie mit tonloser Stimme: „Nein, keine Sorge. Da geht wohl der Pfleger mit dir durch." Und kurz darauf mit einem merkwürdig steifen Lächeln: „Herzlichen Glückwunsch."
Wie bitte?
Irgendetwas war hier nicht in Ordnung. Obwohl Tonks mich beglückwünschte, klang ihre Freude gekünstelt. Vielleicht fand sie ja, dass ich mich zu sehr mit dem Beruf befasste! Unsicher hob ich dennoch zu der Frage an. Wahrscheinlich würde sie absagen. Egal. Den Versuch war es wert.
Doch auf einmal kam Sirius ins Wohnzimmer gestürmt und warf uns völlig aus der Bahn mit der Nachricht, dass Arthur von Nagini angegriffen worden war. Tonks und ich sprangen gleichzeitig auf. Atemlos berichtete uns Sirius seine schrecklichen Neuigkeiten. Also hatte Dumbledore recht gehabt mit seiner Vermutung, dass Voldemort einen Hinterhalt plante!
Tonks wollte kurzerhand zu Arthurs Rettung aufbrechen, doch Sirius und ich hielten sie davon ab. Ein überstürztes Handeln war viel zu gefährlich und darüber hinaus ein Risiko für unsere Geheimhaltung. Es war gut möglich, dass wir Arthur – und allen anderen – mit so einer Aktion mehr schadeten als nützten.
Als wir Tonks mit unseren Einwänden beschwichtigt hatten, saßen wir eine Zeit lang schweigend beieinander. Mir schwirrte so viel im Kopf herum: vom Schmerz, den mein Gehirn wegen meines Fußes signalisierte, über das Vertrauen in Dumbledore, die Sorge um Harry, und schließlich bis hin zu einer gewissen Enttäuschung darüber, dass ich Tonks die Frage nicht hatte stellen können. Nach einigen endlosen Minuten bat Sirius mich, Tonks nach Hause zu bringen. Sie willigte nicht direkt ein, aber ich wollte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen und forderte sie auf, mir nach draußen zu folgen. Wir apparierten vor ihr Wohnhaus.
Noch immer schneite es. Ich bemerkte beiläufig die winterliche Pracht und konnte kaum glauben, dass ein so schöner Anblick von so furchtbaren Nachrichten überschattet wurde. Hätten wir doch nur einmal, einmal Frieden, dachte ich griesgrämig, wurde dann jedoch durch Tonks' Anblick besänftigt. Na gut, viel konnte ich im spärlichen Licht nicht von ihr erkennen, aber anscheinend war auch sie ganz eingenommen von der weihnachtlichen Atmosphäre.

In der Kälte konnte ich plötzlich deutlich den Druck ihrer warmen Hand auf meiner spüren. Wann, wenn nicht jetzt, war ein guter Zeitpunkt, sich um seine Bedürfnisse zu kümmern?
„Tonks?", sagte ich schüchtern.

***

Sie hatte ja gesagt.

Und gelächelt. Glaubte ich. Ich hatte es nicht sehen können.

Aber sie hatte ja gesagt.
Das war mehr, als ich hatte ich erwarten können.

Mein Herz klopfte freudig, als ich nach einer langen Nacht endlich vor meiner Wohnung stand. Irgendwann waren Harry und die Weasleys im Grimmauldplatz eingetroffen und Molly hatte zu unser aller Erleichterung verkündet, dass Arthur über den Berg sei. Das war natürlich wundervoll – für den Moment, denn uns alle trieb die Frage um, wie wir von nun an vorgehen mussten und was mit Harry geschehen sollte.
Doch trotz aller Aufregung überkam uns in den frühen Morgenstunden Müdigkeit. Um die Familie nicht weiter zu stören, apparierte ich schließlich nach Hause. Am besten würde ich Tonks per Patronus mitteilen, was Molly und die anderen uns von dem Angriff berichtet hatten.

Entschlossen schritt ich rasch auf meine Eingangstür zu, als mit einem Mal ein stechender Schmerz in meinen Hinterkopf fuhr und ein erzürntes Kreischen ertönte.
„Was?!", rief und ich riss die Hände hoch, fuhr herum und sah, dass es sich bei meinem Angreifer um eine Schleiereule handelte. Mit einem Brief in den Klauen flatterte sie nun höchst verärgert um mich herum, und trotz meines Schocks wurde mir bewusst, dass ich diesen Vogel schon einmal gesehen hatte.

Im Büro meiner Chefin.

„Was ist denn jetzt los?", murmelte ich, schloss die Tür auf und ließ den Vogel herein. Die Eule fand ohne zu zögern ihren Weg in die Küche, in die ich ihr ziemlich perplex folgte. Sie ließ den Brief auf den Tisch fallen und setzte sich dann auf eine Stuhllehne, von der aus sie mich vorwurfsvoll anschaute.
„Hast du so lange warten müssen?", fragte ich sie und wandte meine Aufmerksamkeit dem Brief zu. Der Absender war tatsächlich niemand anderes als Dr. Earhart. Was wollte die denn? Es waren doch Ferien.

Die Eule klapperte erbost mit dem Schnabel. Mir dämmerte, dass sie wohl Hunger und Durst hatte, und so versorgte ich sie schnell mit ein paar Speiseresten und Wasser. Während der Vogel fraß, las ich den Brief.

Mr. Lupin,

ich weiß, dass ich eigentlich versprochen hatte, Sie in den Ferien in Ruhe zu lassen. Aber es gibt wichtige Neuigkeiten.
Sie erinnern sich hoffentlich daran, dass nächste Woche der Ärztekongress stattfindet, zu dem ich Sie eingeladen habe. Nun – darauf beziehen sich die Neuigkeiten. Da ich Angelegenheiten wie diese gern persönlich kläre, würde ich Sie bitten, mich doch morgen im Tropfenden Kessel gegen 10 Uhr zu treffen.

Sollte ich nichts Gegenteiliges von Ihnen hören, gehe ich davon aus, dass Sie kommen.

Mit freundlichem Gruß

Simone Earhart

Ich ließ das Pergament sinken. 10 Uhr...Das war ja heute! Was sie mir wohl zu sagen hatte? Unbeabsichtigt schwebte auf einmal Marcus' Bild vor meinem inneren Auge, der mit seinen großen Händen ein Herz formte.
So ein Blödsinn! Ich verdrängte den lächerlichen Gedanken damit, dass ich mir Wasser für einen Kaffee aufsetzte. An Schlaf war jetzt anscheinend nicht mehr zu denken.

Tonks

„Nymphadora! Du bist ja sogar pünktlich!"

Es war vermutlich nicht so besonders höflich, die eigene Mutter am Weihnachtstag mit einem Augenverdrehen zu begrüßen, aber was blieb mir bei dieser Aussage Anderes übrig?

„Natürlich bin ich pünktlich. Stell dir vor, Mum, ich habe Hogwarts und eine Aurorenausbildung hinter mich gebracht – Disziplin wird bei uns groß geschrieben, wie uns Rufus Scrimgeour schon beim Bewerbungsgespräch mitgeteilt hat – und ich bin schon fast ein halbes Jahr ohne Verspätung im Büro erschienen." Ich schaute sie gespielt herausfordernd an. „Zumindest meistens", grinste ich.

„Komm rein, Kleine. Wie geht es dir?", fragte meine Mutter und trat zurück, damit auch ich durch die Tür eintreten, meine stellenweise mit weißen Flocken bedeckten Stiefel abstreifen und ihr ins Wohnzimmer folgen konnte.

Wie es mir ging… das war tatsächlich eine gute Frage. Einerseits war Weihnachten, und ich liebte Weihnachten, ich liebte wunderbares Weihnachtsessen, würzige Gerüche, Schnee, warmen Tee, gemeinsame Stunden mit meiner Familie, schief geträllerte Weihnachtslieder, auf merkwürdige, weihnachtsmäßig-verkorkste Weise sogar die Songs von Celestina Warbeck … und Remus. Also letzten liebte ich natürlich nicht. Ich war aber sehr froh, dass er mich zum Empfang auf dem Ärztekongress eingeladen hatte. Mich. Und nicht mit seiner Chefin dorthin ging. Also, selbstverständlich ging er mit seiner Chefin hin, doch mich hatte er als offizielle Begleitung eingeladen. Ich grinste stolz. Nicht, dass es mir nicht vollkommen gleichgültig gewesen wäre, wenn Remus etwas mit seiner Chefin am Laufen gehabt hätte. Überhaupt nicht. Aber ein netter Abend mit einer guten Freundin war doch besser, als wenn er ständig nur mit seinem Jobumfeld zu tun hätte.

Andererseits unterschied sich Weihnachten dieses Jahr deutlich von den vorhergehenden. Ich musste meine Zeit zwischen meiner Familie und dem Orden aufteilen und machte mir Sorgen um Arthur und Harry und, wie widersprüchlich das auch scheinen mochte, um Sirius. Ich hoffe, er möge sich nicht aus Sorge um Harry zu irgendeiner heldenhaften Dummheit hinreißen lassen, wobei mir auch bei bestem Willen nichts einfiel, was er unternehmen könnte. Remus hatte mir gegenüber ohnehin schon des Öfteren angedeutet, dass Sirius sich im Orden überflüssig fühlte, da er ans Haus gefesselt war. Die Gefahr, der nur ein anderes Ordensmitglied ausgesetzt war, obwohl Arthur offensichtlich nicht mehr zwischen Leben und Tod schwebte, sondern sogar schon Besuch empfangen konnte, war nur eine Bestätigung des Gefühls, dass andere wichtige und gefährliche Aufgaben erledigten, während er tatenlos daheim saß.

Außerdem hatte ich keine Ahnung, ob und wie ich meinen Eltern und vor allem meiner stets besorgten Mutter von dem Angriff auf Arthur erzählen sollte.

Was sollte ich also antworten?

„Ganz gut", lächelte ich schließlich schief.

„Na, da hat aber jemand lang überlegt", entgegnete meine Mutter.

„Wie geht's Sirius?"

Ich war meinem Vater einen strafenden Blick zu. „Normal, denke ich. Wie es jemandem eben so geht, der zu Hause rumsitzen muss", sagte ich schulterzuckend.

Meine Eltern schauten sich vielsagend an. Um die Klippen, die das Thema Sirius noch immer für mich barg, zu umschiffen, zu umschiffen, erzählte ich knapp: „Tja, auf der Arbeit läuft alles gut und ruhig" – ich blickte meine Mutter schmunzelnd an – „Ferien sind aber auch schön, übermorgen gehe ich mich Remus aus dem Orden auf einen Empfang… Was gibt's zu essen?"

Mein Fehler wurde mir erst zu spät bewusst.

„Remus aus dem Orden…?", echote mein Vater.

„Auf einen Empfang…?", ergänzte meine Mutter.

„Was gibt's zu essen…?", versuchte ich im gleichen, langgezogenen Tonfall zu erwidern. Eltern. Überneugierig.

Ich liebte Weihnachten. Zumindest diese wenigen Stunden Normalität fernab vom Büro, von Sorgen und Ordensaufgaben, fernab vom Chaos in meiner Wohnung und – last but not least – von Sirius genoss ich aus vollem Herzen. Zumindest bis der letzte Löffel Nachtisch in meinem ohnehin fast bis zum Platzen gefüllten Bauch verschwunden war und mein Vater das Gespräch zufällig wieder in gefährliche Fahrwasser lenkte.

„Ach, Tonks, hast du das eigentlich auch gehört? Aber du warst ja in den Ferien nicht im Büro…"

„Was soll ich gehört haben?"

„Im Ministerium soll jemand angegriffen worden sein, ein Arthur Weasley… Ziemlich übel verletzt, lebensgefährlich… Keiner weiß so genau, von wem, oder was er überhaupt dort getrieben hat so kurz vor Weihnachten."

Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass das doch kein so zufälliges Gesprächsthema war. Wahrscheinlich hatte meine Mutter meinen Vater auf dieses Thema angesetzt, um mich hinterher wieder überzeugen zu wollen, dass mein Beruf im Ministerium zu gefährlich war.

„Denkt nicht, ich hätte den Braten nicht gerochen", sagte ich entschlossen und blickte auf die Tischplatte. Irgendwie schien das bei unangenehmen Themen eine Angewohnheit zu werden. Die Kerbe, bei der ich mich vor einigen Monaten noch gefragt hatte, ob es sich um einen Vollmond oder ein Herz handelte, war meiner Meinung nach eindeutig ein Herz. Merkwürdig, wie sich die Wahrnehmung änderte.

„Arthur arbeitet in einer ganz anderen Abteilung als ich, ihr könnt also gar keine Rückschlüsse über die Gefährlichkeit meiner Arbeit ziehen. Außerdem geht es ihm inzwischen wieder gut und er bekommt fleißig Besuch", beruhigte ich meine Eltern. Diese sahen mich, als ich wieder von der Tischplatte hochblickte, mit ausdruckslosen Gesichtern an. Offensichtlich war der Beruhigungsversuch fruchtlos gewesen. Bevor ich einen zweiten Versuch starten konnte, meldete sich meine Mutter zu Wort.

„Wir wissen sehr gut, dass Arthur Weasley im Büro gegen den Missbrauch von Muggelartefakten arbeitet. Wir sind nicht blöd. Wenn ein Zauberer, der dafür bekannt ist, nie mit den Todessern sympathisiert zu haben, kurz vor Weihnachten in einem Korridor vor der Mysteriumsabteilung herumhängt, obwohl er dort auch im Arbeitsalltag nie etwas zu suchen hat, und dabei auf ungeklärte Weise lebensgefährlich verletzt wird, dann könnte es vielleicht etwas mit Dumbledores Orden zu tun haben, in dem auch unsere Tochter Mitglied ist."

Es war alles ein abgekartetes Spiel gewesen. Sie hatten vollkommen absichtlich bis zum Ende des Essens gewartet, um mich jetzt ungestört bearbeiten zu können. Und entgegen meiner Aussage, die höchstens auf das weihnachtliche Hauptgericht zutraf, hatte ich den Braten nicht gerochen. Was nun?

„Ähm…" Mein Hirn arbeitete fieberhaft. Argumente, wo seid ihr?, dachte ich verzweifelt. „Ich … ähm … ich … muss mal dringend aufs Klo."
Perfekt! Ich ging schnurstracks eiligen Schrittes zur Tür, bevor meine Eltern mich aufhalten konnten, legte die wenigen Schritte im Flur zurück und schloss mich ein. Einen kurzen Moment lang war ich versucht, einfach von hier aus direkt ins Hauptquartier zu apparieren, aber das Donnerwetter beim nächsten Treffen mit meinen Eltern würde vermutlich nur umso größer werden. Fakt war jedoch: Ich hatte keine Argumente mehr, keine Ausrede und keinen Plan. Also blieb mir nur eine möglichst diplomatische Flucht.

Zur Tarnung spülte ich einmal, wusch mir langsam die Hände und trocknete sie noch langsamer ab. Mehr Aufschub gab es nicht.

„Es tut mir total leid", verkündete ich, als ich wieder im Wohnzimmer stand, „aber ich muss los. Ich habe es euch ja vorhin schon gesagt, ich bin verabredet." Entschuldigend sah ich meine Eltern an.

„Es ist gut, Nymphadora", antwortete meine Mutter traurig. „Wir wissen durch diesen Vorfall, dass die Gefahr real ist. Es ändert nichts, wer man ist und wo man arbeitet. Alle sind betroffen. Und besser das Richtige und Gefährliche tun als sich meine Schwester zum Beispiel nehmen." Die Stimme meiner Mutter klang bitter.

Ich hatte erwartet, dass die Zustimmung meiner Eltern mich freuen würde, aber ich konnte nicht anders, als ebenfalls betrübt zu sein. Es war eine schreckliche Welt, in der sich jeder um jeden sorgen und so viele Menschen ein so viel schwereres Los hatten, als ihnen eigentlich zustand. Ich dachte an Harry, der mit Sicherheit so gern ein normales Leben, eine normale Kindheit mit Eltern, eine normale Zeit in Hogwarts gehabt hätte, als die Prüfungen und Verantwortung, mit denen er jetzt zu leben hatte. Ich dachte an Dumbledore, der so viele wichtige Entscheidungen treffen musste und sich nicht, wie es seinem Alter entsprechen würde, ein geruhsames Leben leisten konnte. Ich dachte an Molly und Arthur und alle Weasleys, die sich mit einem Sohn zerstritten und bereits zwei Familienmitglieder fast an Voldemort verloren hatten. Ich dachte an Sirius, der dreizehn, dreizehn - vor dreizehn Jahren war ich gerade in meinem ersten Jahr in Hogwarts gewesen – Jahre seines Lebens unschuldig in Askaban gesessen und die Dementoren ertragen hatte. Ich dachte an Remus, den herzensguten, hilfsbereiten Remus, der von Fenrir Greyback zu einem quälenden Leben und zu Verachtung durch die Zauberergesellschaft verurteilt worden war. Ich dachte sogar an Snape, der als Spion jedes Mal aufs Neue sein Leben aufs Spiel setzte und den Grausamkeiten Voldemorts ausgeliefert war. Es war einfach alles so furchtbar ungerecht, dass sich mir das Herz zusammenzog.

„Danke", sagte ich leise. „Ich muss leider aber wirklich los."

Meine Eltern lächelten mir aufmunternd zu. Nach einer Umarmung und einigen herzlichen Abschiedsworten stand ich wieder im Schnee. Ich konzentrierte mich auf mein Ziel und befand mich schon bald wieder am Grimmauldplatz.

Nach einem anstrengenden Nachmittag im Orden fand ich mich am Abend mit einer Tasse warmen Tees auf meinem Lieblingssofa im Hause Black wieder. Und leider suchte mich dort genau der Mensch auf, mit dem ich noch immer unter keinerlei Umständen allein sein wollte: der Hausherr persönlich.

„Frohe Weihnachten, Tonks! Noch mal so ganz privat", strahlte mich Sirius an.

„Dir auch", erwiderte ich nicht ganz so enthusiastisch.

„Hey, was ist los? Freust du dich nicht auf dein Date mit Remus?"

„Mein Date?!"

Sirius nickte und grinste begeistert – etwas zu begeistert, meiner Meinung nach.

„Sirius", brummte ich genervt, „hör auf mit deinen dämlichen manipulativen Spielchen." Zu meiner Freude wechselte der Gesichtsausdruck meines Cousins schlagartig zu enttäuscht. „Wie du von Remus bestimmt ganz sicher weißt, handelt es sich bei der Einladung nicht um ein Date, demzufolge kann ich mich auch auf kein solches freuen, zumal mir wegen nicht ganz so lang zurückliegender Ereignisse die Lust auf derlei Veranstaltungen erst einmal gründlich vergangen. Außerdem ist die Stimmung nach dem Angriff auch nicht unbedingt zum Vor-Freude-in-die-Luft-Springen. Also, sei ein braves Hündchen und lass mich in Frieden."

„Du kannst ganz schön kaltherzig sein. Ich weiß gar nicht, was Remus an dir findet. Aber er hat ja wohl nicht umsonst neulich alle meine Festumhänge durchprobiert – und ich sage dir, ich habe so einige!"

Vor Wut zitterten meine Hände so sehr, dass ich fast meinen heißen Tee verschüttete. Was erlaubte sich der Kerl eigentlich? Er prahlte auch noch damit herum, dass Remus aus Mangel an Geld und eigener Garderobe seine Festumhänge leihen musste?

„Dass du nicht verstehst, wie jemand etwas an mir finden kann, habe ich bemerkt", zischte ich. „Jetzt verzieh dich!" Um diese letzten Worte zu unterstreichen, warf ich ein hässliches, schwarz berüschtes Sofakissen nach ihm.

„Also, sein Umhang ist dunkel und äußerst elegant. Du musst dir Mühe geben, dass der gute Remus dir in dem Outfit nicht ausgespannt wird." Sirius hatte sich offensichtlich von seiner Enttäuschung schnell erholt und wollte seine bescheuerten Verkupplungspläne nicht aufgeben. Warnend hob ich noch ein Sofakissen. Wenn mich meine Augen nicht täuschten, sah es noch scheußlicher aus als das vorige.

„Ich geh ja schon", murrte mein Cousin. „In seinem eigenen Haus wird man auch noch herumkommandiert."

Das Chaos in meiner Wohnung war unverändert und mein schlechtes Gewissen lenkte mich für einen kurzen Moment von dem Grund ab, der mich eigentlich nach Hause hatte zurückkehren lassen. Übermorgen war der Empfang. Und ich hatte – ähnlich wie es Remus gegangen war – nichts zum Anziehen.

In meinem Hinterkopf war mir durchaus bewusst, dass die Welt und eigentlich auch der Orden und ich andere Probleme als festliche Kleidung an einer nachweihnachtlichen Protzveranstaltung hatten, aber ich musste an Remus denken. Ich durfte schon allein wegen ihm nicht einfach irgendwie auftauchen! Er hatte offensichtlich Mühe in seine Kleidungswahl gesteckt und vielleicht waren seine Wirkung und natürlich auch die seiner Begleiterin wichtig für seinen Job. Nicht nur vielleicht, sogar höchstwahrscheinlich.

Und ich stand hier in meinem Zimmer. Wie der Rest der Wohnung herrschte absolute Unordnung, verschiedenste Kleidungsstücke, Tassen, Bücher, Zettel, Federn und anderer Kram lagen, standen und hingen auf Möbeln, Bett und Boden verteilt. Wie sollte ich hier etwas finden, noch dazu etwas Passendes? Wahrscheinlich würde ich nicht einmal mein Erste-Hilfe-Zaubertränke-Set wiederfinden, dass ich schon nach meinem ersten Arbeitstag irgendwo hier verschlürt hatte, obwohl ich es nach Dienstvorschrift immer bei mir tragen müsste! Was war ich nur für eine gescheiterte Aurorin! Ich wollte irgendetwas Gutes für die Welt tun und Menschen helfen, dabei bekam ich nicht einmal meine eigenen vier Wände in Griff!

Wahrscheinlich hatte Sirius sich die ganze Festumhang-Geschichte nur ausgedacht, um mich in Verzweiflung zu stürzen. Ich ließ mich aufs Bett fallen, wickelte mich fest in meine Decke und fing an zu schluchzen. Das Bewusstsein, dass ich hysterisch und albern war, half mir auch nicht weiter. Mir war das alles zu viel. Ich wollte Ruhe. Und Ordnung in meinem Leben.