Kapitel 10: Wünsch dir was!
Chris musste unbewusst lächeln, als sein Blick immer wieder über den Tisch vor ihm glitt.
Nachdem der Zauber gebrochen war und er wieder sehen konnte, hatte Piper ihn zwar dazu gedrängt sich wieder hinzulegen, aber jetzt wo es ihm wieder besser ging, konnte nichts auf der Welt ihn davon abhalten, den Dachboden so schnell es ging zu verlassen.
Schließlich hatte sie eingesehen, dass sie ihn nicht würde aufhalten können und stattdessen beschlossen, ihm zur Stärkung ein ordentliches Frühstück zu machen. Chris hatte ihr verraten müssen, was er morgens am liebsten aß und dementsprechend stand nun ein riesiger Stapel Pfannkuchen in der Mitte des Tisches.
Sowohl Paige und Phoebe, die rechts und links von ihm saßen, als auch Piper, die am anderen Tischende, ihm gegenüber, Platz genommen hatte, sahen ihn erwartungsvoll an während Chris das Essen vor ihm begutachtete. Als er ihre Blicke bemerkte, sah er einen Augenblick lang verwirrt zu ihnen rüber, nicht sicher, was diese Aufmerksamkeit zu bedeuten hatte, bis ihm auffiel, wie sehr sie versucht hatten, ihm eine Freude zu bereiten. Mit einem, wie er hoffte, einnehmenden Lächeln wandte er sich daher kurz an seine Mutter, bevor er sich den ersten von mehreren Pfannkuchen griff, die er an diesem Morgen verdrücken würde.
„Das Frühstück sieht toll aus, danke mum."
Piper erwiderte sein Lächeln erleichtert. Sie wollte, dass Chris das Halliwell-Manor auch in dieser Zeit als sein Zuhause betrachtete, aber sie hatte Angst seinen Vorstellungen von ihr als Mutter nicht gerecht werden zu könnte.
Sie war nicht die Person, die er aus der Zukunft kannte und wenn sie an die ersten Monate dachte, die er bei ihnen verbracht hatte, wurde ihr nur allzu schmerzlich bewusst, dass auch Chris dies schon am eigenen Leib erfahren hatte. Damals, als Leo ihr und ihren Schwestern die Macht von Göttinnen verliehen hatte, war Chris der erste gewesen, der ihre neue Kraft zu spüren bekommen hatte und Piper war immer noch unglaublich dankbar, dass sie ihn zumindest nicht schwer verletzt hatte.
Sie hatte ihm damals nicht vertraut und wenn die letzten Wochen nicht gewesen wären, würde sie es vielleicht immer noch nicht tun. Piper wurde beinahe schlecht bei dem Gedanken, dass sie ihn sogar schon aus dem Haus geworfen hatte…
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Phoebe lächelte still vor sich hin, während sie sich über ihr Frühstück hermachte. Hin und wieder warf sie einen Blick auf Mutter und Sohn, die beide ebenfalls schweigend aßen, um festzustellen, wie sie die Situation aufnahmen. Aber obwohl niemand am Tisch ein Wort sagte, war es kein unangenehmes Schweigen. Die Atmosphäre war vielmehr erfüllt von einer freudigen Anspannung, so als könnte noch keiner der Anwesenden die neusten positiven Ereignisse richtig begreifen.
Als die Empatin abermals in Pipers Richtung sah, viel ihr Blick auch auf die Uhr an der Wand hinter ihren Schwester und vor lauter Schreck erstarrte ihre Hand mir der Gabel wenige Zentimeter von ihrem Mund entfernt. Verdammt, Elise bringt mich um.
Erstaunt blickte Paige von ihrem Teller auf, als Phoebe plötzlich mit einem leisen Schrei die Gabel fallen ließ und von ihrem Stuhl aufsprang.
Mit den Worten „Oh nein, ich bin viel zu spät", stürzte sie aus dem Esszimmer nach oben, um sich für die Redaktion anzuziehen. Nach etwa drei Minuten konnten sie sie wieder die Treppe runter laufen hören, wobei sie ständig wiederholte, wie sauer Elise sein würde, da sie sie extra gebeten hatte, heute pünktlich zu sein.
Mit einem Seufzen erhob sich jetzt auch Paige von ihrem Stuhl, um ihre Schwester im Flur abzufangen.
„Hey, Phoebe, warte mal. Soll ich dich hinbringen? Ich hab grad nichts vor und außerdem", ihre Stimme nahm einen verschwörerischen Flüsterton an, „will ich ja nicht bei irgendwelchen Mutter-Sohn-Gesprächen stören."
Phoebe sah ihre Schwester ein paar Sekunden überrascht an, bevor sie sie stürmisch umarmte.
„Paige, du bist ein Schatz!" Sie legte ihre Autoschlüssel wieder beiseite und ergriff stattdessen die Hand ihrer Schwester, die sie beide innerhalb weniger Augenblicke in den momentan leeren Flur vor der Tür zur Redaktion des Daily Mirrors beförderte.
Bereits eine Sekunde, nachdem Phoebe die Glastür aufgedrückt hatte, wurden sie von einer ziemlich aufgebrachten Elise lautstark begrüßt.
„Phoebe, wo haben Sie gesteckt? Ich hatte Sie doch noch gebeten, heute ausnahmsweise pünktlich zu sein. Ihr Schreibtisch biegt sich schon fast unter der neuen Post."
„Es tut mir wirklich Leid, aber mein Neffe…" Der wütende Gesichtsausdruck von Phoebes Chefin verschwand augenblicklich und machte echter Besorgnis Platz.
„Ist etwas mit Wyatt? Geht es ihm nicht gut?"
„Nein, Wyatt ist in Ordnung. Es ging eigentlich um Chris." Elise sah ihre Kolumnistin verwirrt an.
„Chris? Haben Sie denn noch einen Neffen?" Phoebes Mund blieb erschrocken eine Sekunde lang offen stehen. Sie hatte mal wieder viel zu viel gesagt.
„Ähm, nein. Aber eines Tages vielleicht, wer weiß? Sie wissen was ich meine." Damit ließ Phoebe eine äußerst irritierte Elise hinter sich und machte sich, mit Paige im Schlepptau, auf in ihr Büro.
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Nachdem sie die letzten Zeilen des Briefes in ihrer Hand gelesen hatte, musste sich Phoebe erst einmal ausgiebig strecken. Sie und Paige sahen jetzt schon seit einer ganzen Weile die Dutzenden von Leserbriefen durch, die auf ihrem Schreibtisch gelandet waren, aber bis jetzt war noch keiner dabei gewesen, der unbedingt in ihre Kolumne musste. Einige waren durchaus geeignet, aber die Empatin wollte einen Brief, der sie sofort packte und nicht mehr losließ, bis sie darauf geantwortet hatte.
Paige schien ebenfalls keinen Erfolg gehabt zu haben, denn nun legte auch sie das Blatt Papier aus der Hand und gönnte sich einen großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.
„Wer hätte gedacht, dass sich so viele Leute mit ihrem Liebeskummer an die Ratgeberin einer Zeitung wenden." Gelangweilt ließ sie ihren Blick über die unzähligen ungeöffneten Umschläge vor sich gleiten, bis sie schließlich den ihr am nächsten liegenden auswählte. Anstatt ihn aber selbst zu öffnen, hielt sie ihn ihrer Schwester vor die Nase.
„Ich hab' keine Lust mehr. Den nächsten kannst du aufmachen."
Phoebe griff nach dem Brief, aber in dem Moment, als ihre Finger das Papier berührten, zuckte sie zusammen und die Bilder einer Vision strömten auf sie ein.
Eine junge, äußerst verzweifelt wirkende Frau mit dunklen Haaren wurde in einer Höhle von einem Dämon mit Feuerbällen angegriffen. Voller Angst schrie sie auf.
„Nein! Bitte, bitte nicht!" Aber der Dämon kannte kein Mitleid und griff sie weiterhin an.
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„Bist du sicher, dass das der richtige Ort ist? Vielleicht hast du es falsch ausgependelt?" Paige sah ihre Schwester zweifelnd an. Sie hatte sie beide irgendwo in den mittleren Osten, mitten in die Wüste teleportiert und obwohl die Höhle so aussah, wie Phoebe sie beschrieben hatte, war die junge Hexe nicht so überzeugt davon, dass sie wirklich hier sein sollten.
„Ich meine, warum sollte denn jemand, der hier in der Wüste lebt, an ‚Frag Phoebe' schreiben? Das macht doch überhaupt keinen Sinn."
„Nun, ich bin halt weltweit bekannt.", erwiderte Phoebe lediglich mit einem Lächeln, bevor sie etwas ernster hinzufügte, „Sieh dich mal um, vielleicht ist sie eine Archäologin aus den Staaten, oder so etwas."
Sie ließ ihren Blick neugierig durch die Höhle schweifen. An den Wänden waren mehrer Regale aufgebaut, genau wie sie es in ihrer Vision gesehen hatte, aber weder von der jungen Frau, noch von dem Dämon gab es eine Spur.
Die beiden Hexen standen vor einem der Regale und studierten dessen Inhalt, als Paige plötzlich ein Geräusch hinter ihnen hörte. Sie drehte sich sofort in Richtung des Eingangs um und sah dort zu ihrer großen Überraschung etwas, womit sie wirklich nicht gerechnet hätte.
Ein Mann auf einem fliegenden Teppich war soeben in die Höhle geflogen und wollte die Halliwells nun angreifen, aber Paige war so geistesgegenwärtig, dass sie sich mit Phoebe zusammen ein paar Meter entfernt aus der Schusslinie des Dämons brachte.
Die rothaarige Hexe streckte den Arm aus und rief laut „Regal!", womit sie dieses dazu brachte, genau auf den fliegenden Teppich zu kippen.
Nur mit Mühe gelang es dem Dämon nicht herunterzufallen, aber dafür fiel die rosa Flasche, die er in der Hand hielt zu Boden und blieb dort unbeschadet im Sand stecken. Erst wollte er noch versuchen sie wieder zu holen, aber genau in dem Moment warf Phoebe ein Elixier nach ihm und er erkannte offenbar, dass er gegen die zwei Hexen vermutlich den kürzeren ziehen würde. Also zog er es vor, sich zurückzuziehen.
Phoebe atmete tief durch, erleichtert darüber, dass sie den Angriff hatten abwehren können, aber dann bemerkte sie plötzlich die Flasche, die der Dämon fallen gelassen hatte und ging hinüber um sie aufzuheben.
Sie begutachtete das Gefäß für einige Augenblicke, aber als sie den Schmutz darauf bemerkte, rieb die Empatin einige Male mit der Hand darüber um es zu säubern. Plötzlich quoll rosa Dampf aus der Öffnung, woraufhin sie die Flasche vor Schreck beinahe fallen lief.
Zwei Sekunden später stand nun die Frau aus ihrer Vision vor ihr, aber statt normaler Kleidung trug sie ein orientalisches Gewand – in rosa – und sah Phoebe mit zusammen gelegten Händen auffordernd an.
„Vielen Dank, dass Ihr mich gerettet habt. Was wünscht ihr, Meister?"
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Piper Halliwell war nicht begeistert von der Situation. Kein Bisschen.
Argwöhnisch beobachtete sie Jinny die Genie, wie sie versuchte Phoebe dazu zu bringen, sie frei zu wünschen, damit aber nicht viel Erfolg hatte. Genau wie ihre ältere Schwester wusste die Empatin schließlich aus eigener Erfahrung, wie gefährlich es war, sich von einer Genie etwas zu wünschen.
„Aber nur wenn ihr mich frei wünscht, verhindert ihr, dass Bosk wieder in den Besitz meiner Flasche kommt. Ich bitte euch, Meister, tut es, dann sind sowohl eure Probleme als auch meine gelöst." Sie sah Phoebe flehend an, aber diese schüttelte nur entschieden den Kopf.
„Es tut mir wirklich Leid, Jinny, aber ein Wunsch kommt nicht in Frage. Ich weiß alles über die Dschin, ihr seid Gauner." Damit war dieses Thema für die Hexe erledigt, aber Jinny würde nicht so leicht aufgeben. Nichts war ihr wichtiger als ihre Freiheit.
„Wenn ihr mich schon nicht freilassen wollt, dann wünscht euch wenigstens, dass Bosk vernichtet wird. Er wird sonst sicher früher oder später hierher kommen und wenn er die Flasche erst wieder in der Hand hat, wird er mich zwingen seinen dritten Wunsch zu erfüllen."
„Und der wäre?" Alle Anwesenden sahen die Genie erwartungsvoll an. Was auch immer der Dämon sich wünschen wollte, wenn es den Flachengeist so sehr verunsicherte, war es sicherlich nichts Gutes. Jinnys Stimme sank auf Flüsterlautstärke, als sie nun Phoebes Frage beantwortete.
„Zanbar."
„Zanbar?"
„Was ist Zanbar?"
„Die verlorene Stadt. Bevor sie von der Wüste verschlungen wurde war sie die Hauptstadt eines mächtigen Reichs des Bösen." Piper sah Jinny überrascht an. Was konnte ein Dämon denn schon mit einer verlassenen Stadt anfangen?
„Aber was will Bosk damit? Es ist doch schließlich nur eine Stadt."
„Eine Stadt der Magie! Bosk lässt seine Räuber da nach ihr suchen wo sie früher gestanden hat und wenn er sie findet und wieder herbei wünscht erfährt er eine unglaubliche Macht. Deswegen müsst Ihr mich frei wünsche, Meister." Jinny hatte sich wieder an Phoebe gewand, aber bevor sie etwas erwidern konnte, wurde sie von Piper energisch unterbrochen.
„Nichts da! Wir werden schon mit Bosk fertig werden, aber auf unsere Art. Und bis dahin sollte Jinny hier, erst einmal zurück in die Flasche." An die Genie gewandt fügte sie noch hinzu: „Nichts für ungut, ich will nur sicher gehen, dass sich niemand aus Versehen etwas wünscht. Wir haben da so unsere Erfahrungen."
Phoebe nickte zustimmend und hielt die rose Flasche auffordernd in die Richtung der nicht besonders glücklich wirkenden Jinny.
„Wenn es dir nichts ausmacht?"
„Ja, Meister!" Sie verschränkte die Arme und verschwand in einem Wirbel aus rosa Dampf zurück in ihre Flasche.
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„Also, was sagt das Buch über diesen Bosk?" Piper sah erwartungsvoll zu ihrem Sohn und Paige, die vor dem Buch der Schatten standen und nach dem Dämon suchten, der die Schwestern zuvor angegriffen hatte.
„Ein niedrigen Dämon mit geringen Kräften. Es gibt sogar ein Vernichtungselixier." Chris, der ebenfalls auf die Seite sah, warf seiner Mutter einen aufmunternden Blick zu.
„Es sollte nicht lange dauern, bis wir ihn vernichtet haben. Sobald Phoebe das Elixier fertig hat rufen wir ihn herbei und schon ist das Problem gelöst. Ganz einfach." Er sah kurz hinüber zu der Empatin, die in diesem Moment dabei war eben jenes Elixier zu mixen.
Piper wollte gerade etwas erwidern, wurde aber von einem fliegenden Teppich unterbrochen, der soeben mitsamt Dämon durch die Fenster hinter dem Buch der Schatten geflogen kam. Dabei warf er sowohl Paige als auch Chris zu Boden, die beide fürs erste benommen liegen blieben.
Piper hatte sich als erste von ihrem Schock erholt und versuchte nun den Dämon zu sprengen, aber ihr Angriff wurde von dem großen silbernen Medaillon, das er um den Hals trug abgewehrt. Er lachte nur verächtlich und versuchte nun seinerseits die Hexe zu töten, aber sie konnte sich in letzter Sekunde hinter einem Sofa in Sicherheit bringen.
Pipers Blick glitt hinüber zu Phoebe, die ebenfalls in Deckung gegangen war und jetzt zu der rosa Flasche sah, die vor ihr auf einem kleinen Tischchen stand. Die Hexe wusste, dass ihre Schwester vorhatte sich etwas zu wünschen und versuchte noch, sie davon abzuhalten, allerdings ohne Erfolg. Gerade rief Piper ihr noch, „Nein, tu es nicht", zu, als sie auch schon Phoebes Stimme hörte.
„Jinny, ich wünsche dich frei."
Rosa Qualm versperrte die Sicht und als Piper wieder etwas erkennen konnte, sah sie wie gebannt auf die junge Frau, die nun, ganz in schwarz gekleidet, erschienen war. Es war ohne Zweifel Jinny, aber außer ihrem Äußeren schien sie nicht mehr viel mit der quirligen Genie zu tun zu haben. Ihre Stimme war eisig, als sie sich nun an Bosk wandte.
„Wurde aber auch Zeit. Na, wer ist jetzt der Meister, häh?" Mit diesen Worten warf sie einen Feuerball auf den Dämon, der sofort in Flammen aufging und innerhalb weniger Sekunden schreiend zu Grunde ging.
Piper wusste, dass Jinny, bei der es sich offensichtlich um eine Dämonin handelte, sich als nächstes die Flasche greifen würde. Und genau das versuchte sie auch, aber die Hexe war schneller. Innerhalb einer Sekunde war sie aufgesprungen und hatte die Flasche in der Hand, aber als sie die Dämonin dann vernichten wollte, kam sie zu spät.
Als Jinny bemerkte, dass ihr ehemaliges Zuhause fürs erste verloren war, warf sie Piper noch einen finsteren Blick zu, sprang auf den fliegenden Teppich, der immer noch beim Fenster schwebte und war im nächsten Moment auch schon verschwunden.
Piper sah ihr noch für einen Augenblick hinterher, wandte ihre Aufmerksamkeit dann aber ihrem Sohn und Paige zu, die sich gerade wieder aufrappelten, immer noch leicht durch den Wind.
Chris sah seine Mutter erleichtert an, froh dass ihr nichts passiert war, aber dann erschien ein Ausdruck der Verwunderung auf seinem Gesicht. Sein Blick wanderte über den gesamten Dachboden, bis er schließlich wieder Piper fixierte.
„Wo ist Phoebe?"
Jetzt bemerkten auch die beiden Hexen die Abwesenheit ihrer Schwester. Sie blickten sich irritiert um, bis ihr Blick schließlich auf der Flasche in Pipers Hand endete, aus der nun gedämpft Phoebes Stimme erklang.
„Ich bin hier drin! Hallo!"
Piper senkte ihren Kopf, um einen Blick in die Öffnung der Flasche zu werfen und wurde im Innern von einer winkenden Miniatur-Phoebe begrüßt.
„Was zum Teufel machst du da drin? Warum kommst du nicht wieder raus?"
„Ich weiß nicht wie. Versuch mal es mir zu befehlen."
„Na gut. Verdammt noch mal, komm da gefälligst raus!" Augenblicklich quoll Dampf, diesmal aber in hellblau, aus der Flasche. Als ihre Schwester wieder in voller Größe vor ihnen stand, starrte Piper sie für einen Moment nur entgeistert an, bevor sie anfing zu lachen.
„Du siehst lächerlich aus." Beleidigt erwiderte Phoebe den Blick ihrer Schwester.
„Hey! Das ist nicht witzig, okay?" Hinter ihr ertönte nun ebenfalls Gelächter und als die frischgebackene Genie sich umdrehte, standen dort Chris und Paige, die beide vergeblich versuchten, ein ernstes Gesicht zu machen.
„Es tut mir wirklich Leid, Phoebe, aber Mum hat Recht. Du siehst lächerlich aus." Genervt wandte sich Phoebe von den anderen ab und steuerte auf den großen Spiegel in der Ecke zu. Dort konnte sie ihr neustes Outfit erstmals in voller Pracht bewundern und zumindest innerlich musste sie ihrer Familie Recht geben.
Sie sah in diesem hellblauen orientalischen Gewand, mit den passenden blonden Zöpfen wirklich albern aus. Als ginge sie zu einer Kostümparty. Aber trotzdem mussten sie sie ja nicht gleich auslachen, schließlich sah sie nicht freiwillig so aus.
„Ist ja schon gut, ich hab's kapiert. Aber jetzt hört endlich auf zu lachen und helft mir lieber das wieder rückgängig zu machen." Paige war die erste, die sich wieder einigermaßen zusammen gerissen hatte und sah ihre Schwester nun so ernst wie möglich an.
„Das würden wir ja gern, Phoebe, aber… musst du nicht zuerst Major Nelson helfen?"
Nach diesem Spruch konnten sich auch Piper und Chris nicht mehr beherrschen und fingen wieder an zu lachen. Paige musste sich sogar an dem Stuhl neben ihr festhalten und hatte schon fast Tränen in den Augen. Nur Phoebe war nicht wirklich zum Lachen zumute.
„Witzig. Wirklich witzig."
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„Ah, da ist ja unser neuster Familienzuwachs." Phoebe strahlte regelrecht, als sie nun das Wohnzimmer betrat und sich neben Chris auf die Couch setzte.
Er war zwar eigentlich hierher geflohen um etwas Ruhe vor dem Trubel in der Küche zu finden, aber scheinbar war Piper schließlich so genervt von ihrer kleinen Schwester gewesen, dass sie sie hinausgeschickt hatte. Und obwohl Chris seine Tante wirklich gern hatte, wünschte er, seine mum hätte sie in ihre Flasche geschickt. Sie konnte als sie selbst schon manchmal nervtötend genug sein, aber jetzt als Genie schien sich das noch verstärkt zu haben.
„Hey, Tante Phoebe."
„Aww, das ist ja so süß, wenn du das sagst. Ich hätte ja nie damit gerechnet, dass du mein Neffe bist. Ich meine, ich hatte dich natürlich auch vorher schon gern und irgendwie frag' ich mich jetzt auch, wie ich die Ähnlichkeit zwischen dir, Piper und Leo nicht sehen konnte, aber es ist mir erst klar geworden, als ich letzte Nacht diesen Traum hatte. Dann haben es mir Piper und Paige ja noch bestätigt und dann…" Phoebe wurde abrupt in ihrem Redefluss unterbrochen, als Chris sie plötzlich überrascht ansah.
„Traum? Was für ein Traum?"
„Nun ja, eigentlich denke ich, dass es mehr eine Vision war. Ich hab dich als Kind gesehen. Du warst vielleicht zehn oder elf Jahre alt und bist gerade von der Schule nach Hause gekommen und hast Piper von einer Geburtstagsfeier erzählt, zu der du gehen wolltest." Die Genie sah Chris nun gespielt vorwurfsvoll in die Augen und senkte ihre Stimme. „Und du warst froh, dass Wyatt nicht eingeladen war."
Der Wächter des Lichts versuchte angestrengt, sich an diesen Tag zu erinnern, aber es gelang ihm nicht. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass Phoebe nichts gesehen hatte, was sie nicht über seine Zeit wissen sollte.
Die Genie fuhr nun unbeirrt in ihrer Erzählung fort, ohne dass ihr der verletzte Ausdruck auf Chris' Gesicht bei ihren nächsten Worten aufgefallen wäre.
„Aber andererseits war er auch so gemein, allein etwas mit Leo zu unternehmen, ohne auf dich zu warten. Hätte dein Dad gewusst, dass es nicht mehr lange dauert, bis du nach Hause kommst, hättet ihr sicher alle zusammen etwas unternommen. Es muss sicher hart gewesen sein, mit einem Ältesten als Vater aufzuwachsen, der nicht einmal Zeit für seine Söhne findet."
Chris vermied es seiner Tante in die Augen zu sehen, als er ihr nun antwortete.
„Oh, aber das hat er doch. Nun, zumindest teilweise." Wie er erwartet hatte, hatte Phoebe den Sinn seiner Worte völlig missgedeutet und klopfte ihm nun aufmunternd auf die Schulter.
„Na, es kommt schließlich nicht unbedingt darauf an, wie viel Zeit man miteinander verbringt, sonder wie man sie verbringt, nicht wahr?" Chris nickte nur stumm und erhob sich dann vom Sofa. Bevor er aber den Raum verließ, wandte er sich noch einmal an seine Tante.
„Eine Sache hast du in dem Traum allerdings falsch verstanden. Wenn ich erleichtert war, dass Wyatt nicht zu der Geburtstagsfeier eines meiner Freunde eingeladen war, dann nicht weil ich ihn ärgern wollte, oder so etwas. Fast alle Kinder meiner Schule fanden ihn unheimlich und hatten Angst vor ihm, daher hat mich auch nie jemand zuhause besucht. Ich habe mum immer gesagt, ich würde niemanden einladen, weil ich Angst hatte, dass ein Dämon angreifen würde, aber in Wirklichkeit war es wegen Wyatt."
Der junge Mann zögerte kurz, bevor er weiter sprach.
„Sie hat es niemals geahnt. Niemand hätte das." Mit diesen Worten verließ Chris den Raum und die Genie konnte noch hören, wie er die Treppe nach oben ging.
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Phoebe sah ihrem Neffen mit ernstem Gesichtsausdruck nach, bis ihr plötzlich auffiel, dass Piper in dem Durchgang stand, der zur Küche führte. Sie hatte Tränen in den Augen und war sichtlich aufgewühlt von dem, was ihr Sohn gerade gesagt hatte.
Nach ein paar Sekunden kam sie schließlich weiter in den Raum hinein und sah nun auch zu der Stelle, wo Chris eben hinausgegangen war. Die Hexe wandte ihrer Schwester weiterhin den Rücken zu, während sie mit erstickter Stimme zu sprechen begann.
„Wie konnte ich nur so eine schlechte Mutter sein? Wie konnte ich es nur zulassen, dass Wyatt böse wird und es dann noch nicht einmal bemerken? Er muss seinen Bruder all die Jahre terrorisiert haben und selbst jetzt schmerzen ihn diese Erinnerungen noch."
Sie atmete kurz durch, bevor sie noch hinzu fügte, „Ich wünschte mir nur, er könnte all diesen Schmerz einfach loslassen und endlich glücklich sein." In der Sekunde, als Piper die Worte gesprochen hatte, schlug sie erschrocken die Hand vor den Mund und drehte sich zu ihrer Schwester um.
„Nein, Phoebe, nicht!" Aber es war bereits zu spät. Genie-Phoebe hatte die Hände zusammengelegt und nickte einmal mit dem Kopf, wobei ein Geräusch erklang, das unmissverständlich klar machte, dass sie soeben einen Wünsch erfüllt hatte. Entschuldigend sah sie zu ihrer Schwester auf.
„Es tut mir Leid, aber dein Wunsch ist mein Befehl."
Mit Panik in den Augen sah Piper auf zur Decke, dorthin, wohin ihr Sohn vermutlich gegangen war. Was hatte sie nur angerichtet?
tbc
