Kapitel – 10

Jede Berührung seiner Hände genoss sie beinahe und das machte ihn noch wütender. Nicht nur, dass sie es zuließ, dass er ihr Schmerzen zufügte, sie gegen ihren Willen, ohne ihre Zustimmung berührte. Zudem merkte er, wie ihr Körper reagierte, sich dem seinen fügte, auch wenn ihr Kopf wahrscheinlich etwas anderes verlangte, ihre innere Stimme sie ermahnte.

Sie konnte das leise Stöhnen nicht verbergen, als seine Hand plötzlich den Weg zwischen ihre Beine gefunden hatte. Liv hatte versucht es zu kontrollieren, versucht, diesen Laut ihrem Mund nicht entkommen zu lassen.

Und plötzlich hörte man den unüberhörbaren Ringtone von Elliots Handy durch das Haus schallen. Unter Sekunden waren seine Hände von ihrem Körper gewichen, er hatte die Türe aufgemacht und war in Richtung Telefon gelaufen. Nur wenige hatten seine Nummer, daher musste es wichtig sein.

Olivia hingegen lehnte mit den Oberarmen gegen den Schreibtisch gelehnt da und wusste nicht, was eben gerade passiert war. Vorwürfe? Provokation?

„Seid ihr euch sicher, dass es das Paar ist, welches wir suchen?", fragte Elliot beinahe euphorisch.

Auf der anderen Seite befand sich Fin und ein Agent vom FBI, beide redeten teilweise gleichzeitig auf ihn ein. Es waren die Informationen gewesen, die Elliot und Liv Munch weitergeben haben lassen.

Es war das erste Paar. Der aller erste Abend. Jack und Christina.

Elliot hatte die Servietten eingesteckt, besser gesagt in Olivias Korsett versteckt, die das Paar benutzt hatte, auf denen zuvor ihre Getränke gestanden waren. Es war eine Last-Minute-Aktion gewesen, ein Glücksgriff.

Elliot machte sich Notizen. Jack und Christina Daniels. Er war offiziell Personalvermittler, sie Anwältin für Fremdenrecht. Es passte perfekt. Offiziell und inoffiziell hatten sie alle Drähte in der Hand. Man versprach Elliot an eine gefakten Emailadresse Bilder, Profile, Informationen zu schicken, in verschlüsselter Form, passwortgeschützt.

„Wir treffen sie am Ende der Woche im Frederick's."

„Dort braucht man eine Einladung, eine schriftliche und darf nur in Sonderfällen Bekannte und Freunde mitbringen. Es ist ein Sonderfall, dieser Club", informierte ihn Fin. „Es herrschen strenge Vorschriften. Swingen bedeutet dort Partnertausch und es werden diverse Mädchen und Frauen, aber auch Männer zur Verfügung gestellt, die nach unseren Nachforschungen, dem Club gehören und so zu sagen, mit dem Eintritt angemietet werden. Es ist ein sehr komplexes System. Sehr komplex. Man muss am Anfang Formulare ausfüllen, Daten kundtun. Von einem Informanten haben wir gehört, dass auch Bluttests gemacht werden, aber nicht immer. Drogen sind streng verboten, Alkohol wird nur in leichter Form ausgeschenkt, nur Bier und Wein und dieser nicht immer. Dort wird mehr auf das Sexuelle Wert gelegt, der Unterhaltungsfaktor steht im Hintergrund. Ihr müsst höllisch aufpassen und du musst auf Babygirl achtgeben." Elliot stimmte leicht genervt zu. „Wir haben gehört, dass es dort einige sehr einflussreiche Kunden geben soll. Männer, die in diversen höheren Positionen zuhause sein sollen, ein Informant meinte, er habe Senator Oliver Jackobson den Club besuchen gesehen."

„Jackobson, Senator von Nevada?", fragte Munch nach.

„Genau dieser John. Wo ist übrigens Olivia?"

„Oben, bereitet sich auf ihre erste Unterrichtseinheit vor", schob Elliot schnell vor. Er hatte keine Lust sie zu rufen, sie jetzt zu sehen. Zu sehr verspürte er immer noch die Wut in sich, den Ärger, den sie in ihm auslöste, wenn sie so reagierte, handelte und dann schließlich gefügig war. Oder sich einfach nicht wehrte.

„Es kann sein, dass man einen von euch zum Partnertausch überreden will. Wer nicht mitspielt, wird aus dem Club geworfen. Es gibt Tage an denen es Frauenwahl und Männerwahl gibt."

„Das sind viele Punkte, die ihr beachten müsst."

Fin war kurz leise.

„Pass mir ja Liv auf. Einige Frauen sind schon umgekommen. Und ihr müsst mitspielen. Und nun sage, wie ist es in California?"

„Warm, sonnig und du weißt ja Fin," sagte John, „Frauen in Bikinis …."

„Nummer sieben oder sechs, die wievielte wäre es denn John?", scherzten die beiden Partner.

Langsamen Schrittes kam Liv die stiegen hinunter, mittlerweile umgezogen in ein lockeres Paar auf Jeans, ein Top und eine halb offene Bluse darunter. Sie würdigte Elliot keines Blickes.

„Hey Fin", sagte sie spielerisch und entnahm dem Kühlschrank eine kleine Flasche Wasser.

„Babygirl …"

„Wie läuft es in New York?"

„Alles wunderbar. Ich habe Elliot alle News gemailt, das Passwort für die Dateien gesagt. Passt auf, dass niemand diese Ausdrucke sieht. Ihr habt einen Aktenvernichter in einem Schrank im Arbeitszimmer, nutzt diesen. Im Hausmüll sollten nur die normal üblichen Papiere langen."

„Könntet ihr beide ein paar Schritte zurück gehen, damit ich tippen kann?", bat Liv, leicht aggressiv, die beiden Männer, die hinter ihr Standen, als würden sie sich am liebsten den Sessel mit ihr teilen.

Als die Profile der beiden geöffnet waren, staunten sie nicht schlecht, wie anders sie in Business-Outfits aussahen. Professionell, elegant und doch hatten sie etwas an sich, dass sie geheimnisvoll, irreal und irgendwie nach Unterwelt aussahen – zu perfekt. Zu sehr Armani und Versace, die Prada Handtasche von Christina, die teuren Schuhe von Jack. Ihre Profile waren über die Jahre genau geworden, man hatte diverse Lücken füllen können, doch was nie möglich gewesen war – sie auf frischer Tat zu erwischen, ihnen klar machen zu können. Aktiv beim Handeln. Der Club war bisher immer ein Schutzschild gewesen.

Olivia druckte alle Unterlagen aus, sie verteilten sie unter sich und alle fanden in Olivias Arbeitszimmer, der Bibliothek, einen bequemen Platz, um sich zu informieren. Alle Informationen in sich aufzusaugen und nach einmaligem Lesen alles zu vernichten.

Es war kaum möglich Elliots Parfum nicht wahrzunehmen für Liv. Es irritierte sie auf der einen Seite und machte sie auch wütend, aber nicht in ihrer sonstigen, aggressiven Art und Weise, sondern in einer eher sanften, die nur er schaffte, in ihr hervorzurufen.

Immer noch schwirrten Gedanken in ihrem Kopf umher, Bilder von dem Moment, in dem sie an die Türe gepresst dort gestanden war, und seine Hände schließlich über ihren Körper glitten. Das Tabu brachen, welches für dieses Haus herrschte.

Als der Abend immer weiter fortschritt, entschuldigte sich Elliot rasch und zog sich ins Schlafzimmer zurück, als Olivia zwei Stunden später das Zimmer betrat, hatte schlief er bereits tief. Sie setzte sich mit einem Buch in die vorhandene Nische, knipste die kleine Leselampe an las.

„Die Situation zwischen euch scheint angespannt", kommentierte John am nächsten Morgen, selbst noch im Morgenrock, Elliot inzwischen im dunkelblauen Anzug. Einem Kleidungsstück, welches er sich in dieser Art und Weise niemals gekauft hätte. Der Stoff war leicht glänzend, es war Seide, das Hemd darunter in einem helleren Blauton, die Krawatte hingegen war grün. John hatte bereits Witze über die eleganten italienischen Schuhe gemacht, handgenäht.

„Es ist alles bestens", versicherte ihm Elliot, als er beobachtete, wie Olivia in einem dunklen Kostüm – Rock und Blazer, darunter ein rosa Top, die Stiegen hinabstieg und mit den Schuhen in der Hand, den Unterlagen in der anderen, in die Küche kam.

„Kaffee, bitte, doppelt so viel wie sonst."

„Er wird dich nur nervöser machen", kommentierte John und stellte ihr einen schwarzen Kaffee auf den Tisch.

„Ich bin vorbereitet", murmelte sie vor sich hin und packte ihre Unterlagen in die bereitstehende Tasche.

„Wie viele Klassen hast du heute?"

„Drei glaube ich. Aber macht mich nicht wahnsinnig. Einmal Literatur der Tudor Zeit, ein anderes Mal moderne Kriminalliteratur und ich glaube, dass die dritte heute kreatives Schreiben ist, aber …."

„Ändert sich das denn so oft?", fragte John interessiert nach.

Er täuschte das Interesse gekonnt vor, um eine kleine Unterhaltung am Frühstückstisch anzuregen aber Elliot schwieg und Olivia würdigte ihn keines Blickes. Irgendetwas war vorgefallen. Er hatte zuvor den Streit gehört, aber jeder hatte ihm versichert, dass alles in bester Ordnung wäre, man keinen Diskussionsbedarf hätte.

Olivia packte, ohne Worte, noch eine Flasche Wasser in ihre Tasche und bereitete sich vor, zu gehen.

„Elliot es wird Zeit."

Er blickte sie verwundert an und trank weiter seinen Kaffee. „Du bringst sie in die Arbeit, wir haben nur ein Auto. Immerhin dürft ihr arbeiten gehen, ich muss mich hier zu Tode langweilen", meckerte John und strich seinen Pyjama glatt.

Wortlos, in kompletter Stille gingen sie zum Auto. Er schloss auf und ließ sie einsteigen bevor er sich einmal über das Gesicht fuhr und dann schließlich neben ihr Platz fand. Olivia fühlte sich unwohl in den Kostüm, aber in den Notizen stand etwas über Kleidungsvorschriften an der Schule und genau daran musste auch sie sich halten. Es störte sie. Bisher hatten immer dunkle Hosen, ein Hosenanzug oder sogar dunkle Jeans und eine Bluse, Top oder einfach nur T-Shirt gereicht, niemand hatte ihr vorgeschrieben, was sie zu tragen hatte. Hier war ein Rock empfohlen worden.

„Hör auf an deiner Strumpfhose zu ziehen, Liv, sonst holst du dir noch eine Laufmasche." Seine Stimme war monoton, emotionslos.

„Wie bin ich letzte Nacht ins Bett gekommen?", fragte sie leise und versuchte seine Monotonie zu übernehmen, doch dies gelang ihr nicht vollständig. Sie war im Sessel eingeschlafen und im Bett aufgewacht, das Buch lag neben ihr auf dem Nachttisch und jemand hatte ihr die Socken ausgezogen.

Als sie bereits am Highway waren, beinahe bei der Schule, antwortete er ihr erst: „Ich habe dich ins Bett getragen, weil ich nicht wollte, dass du heute Rückenschmerzen vom Sitzen hast."

Es war ein kurzes Lächeln, welches er in ihrem Gesicht vernehmen konnte, bevor sie sich wieder fasste, besann, dass sie böse auf ihn war.

Als sie am frühen Nachmittag schließlich vor der Schule stand und auf Elliot wartete, war sie froh, dass der Tag vorüber war. Die Sonne brannte auch an diesem Herbsttag vom Himmel herunter, der klar und blau war, vereinzelt sah man eine weiße Wolke – filmreifes Wetter.

Vor längerer Zeit war ihr bereits warm geworden, sie hatte den Blazer ausgezogen und stand nun, bereits strumpflos – sie hatte sich in einer Pause von dem Nylon befreit – am Parkplatz.

Ihr erster Arbeitstag war im Rahmen des Erwarteten verlaufen. Für Hamlet konnte sie kaum jemanden begeistern, auch wenn es eines ihrer Lieblingswerke war. Es schien eine Strafklasse zu sein, ein Kurs, den man nur deswegen belegte, weil man in keinen anderen hineingekommen war. Genau das Gegenteil war bei Kriminalliteratur der Fall. Der Raum war mehr als nur gefüllt, es gab Schüler, die sogar gebettelt hatten, noch zusätzlich teilnehmen zu dürfen, da dieses Genre sonst kaum angeboten wurde. Sie hatte Literaturlisten ausgeteilt, einen Zeitplan an die Wand projiziert und Referatstermine besprochen. Ein voller Erfolg.

Kreatives Schreiben war auch für sie in gewisser Weise Neuland. Natürlich hatte sie einige Kurse belegt, Gedichte und Kurzgeschichten verfasst aber dieses Mal ging es darum, ein Konzept und die ersten Kapitel für einen Roman herzustellen. Neuland, wie gesagt. Es befand sich bereits eine Liste mit passender Literatur in ihrer Tasche, die sie sich noch an diesem Nachmittag besorgen wollte. Aber wo blieb Elliot, nein, ihr Ehemann bloß?

Irgendwann riss ihr der Geduldsfaden und sie rief ihn schließlich an. Er hob nicht ab. Wo war Elliot nur?

Es verging eine weitere halbe Stunde und keine Antwort. Irgendwann kam eine Kollegin aus dem Gebäude und bot ihr an, sie mitzunehmen, heimzubringen. Und als Debbie sie schließlich vor dem Strandhaus absetzte, es genügend bewundert hatte, erkannte Olivia Elliots Auto in der Einfahrt stehen.

Er hatte auf sie vergessen.

Absichtlich?

Ende Kapitel 10

Mehr?