9. Dracos Bestimmung
Es war noch früh am Morgen und langsam erhob sich der Nebel über Malfoy Manor dem Wohnsitz der Familie Malfoy. Nervös ging Draco im Zimmer auf und ab. Immer wieder blickte er aus dem Fenster zum nahe gelegenen Wald herüber.
Mit Leichtigkeit verscheuchte die aufgehende Sonne die letzten Reste des morgendlichen Nebels und glitzerte in den Tau behafteten Spinnennetzen welche sich sanft zwischen den hohen Gräsern bewegten. Doch Draco hatte keinen Blick für dieses wunderschöne Naturschauspiel.
Er hatte letzte Nacht Besuch bekommen, oder war es doch nur ein Traum? Er konnte es sich nicht erklären. Alles war so real gewesen, und die Ankündigung klar und deutlich. Die Worte der alten Frau hallten noch in seinem Kopf wieder.
„Du bist auserwählt! Noch ehe diese Welt die Sonne vollständig erblickt wirst du geholt! Mach dich bereit deine Welt zu verlassen!" Doch was sollte das bedeuten. Wer wollte ihn holen, und wohin? Seine Welt verlassen, was konnte das nur bedeuten? Fragen über Fragen. Er ging das Gespräch mit der unheimlichen alten Frau noch einmal in Gedanke durch. Sollte das etwa heißen dass er sterben sollte? Es konnte nichts anderes sein. Das war sicher eine Gesandte des dunklen Lords.
Draco war nach dieser Begegnung hellwach, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Kurz erwog er die Möglichkeit zu fliehen, sich zu drücken, so wie es seine Eltern und Großeltern immer getan hatten. Da die Malfoys schon immer sehr mächtig und einflussreich waren und sich so viele Feinde gemacht hatten, hatte sein Vater die üblichen Schutzmaßnahmen, die jeder Zauberer auf sein Grundstück hatte, noch erheblich verstärkt.
Doch das schien jetzt nichts zu nützen. Wenn der dunkle Lord, wie er inzwischen auch Balthasar nannte, ihn in seinem gut geschützten Anwesen erreichen konnte, dann wäre er nirgendwo auf der Welt sicher. So beschloss er abzuwarten. Er war gut trainiert und wachsam. So einfach würde er sich nicht in sein Schicksal ergeben. Langsam wich die Sorge einer starken Entschlossenheit.
Er ging hinunter in den Salon holte sich ein großes Glas aus dem schweren Eichenschrank und schritt zur Bar. Schnell hatte er die Flasche mit seinem Lieblings Whisky zwischen einer Sammlung wohl sortierter Whiskysorten gefunden. Er goss sich ein wenig in sein Glas ein. Er mochte den Geruch des edlen Getränkes, auch wenn er fast nichts davon trank.
Er wollte es genießen, und wenn es das letzte war was er in diesem Leben tun würde. Er ging hinüber zur Sitzgruppe stellte das Glas auf den niedrigen Beistelltisch und ließ sich in den mit dicken dunkelbraunen Leder überzogenen Sessel fallen.
Seine Gedanken wanderten zu seiner Frau Parvati und seinem Sohn Niclas. Zu Begin des neuen Schuljahres hatte er Niclas nach Paris zu einem Auslandsstudium geschickt.
Seine Frau hatte ihren Sohn begleitet und wollte die ersten Wochen, bis sich Niclas an die neue Umgebung gewöhnt hatte, bei Freunden in der Stadt bleiben. Sollte er sie unterrichten, ihr sagen auf was er jetzt wartete? Er beschloss es bleiben zu lassen. Wahrscheinlich war es doch nur ein Traum und er wollte Parvati nicht unnötig ängstigen.
Draco blickte auf den Kamin. Ein gemütliches Feuer prasselte darin und tauchte den Salon in eine angenehme wärme. Lucy die Hauselfe hatte wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Es zahlte sich aus, dass er anders als sein Vater, seine Untergebenen gut behandelte. So konnte er sich ihrer Loyalität sicher sein.
In Gedanken wanderte sein Blick an den auf dem Kaminsims aufgestellten Bildern entlang. Ganz rechts stand ein Bild von Niclas, wie er stolz in seiner Hogwarts Uniform posierte. Es wurde letzen Herbst in den Ferien gemacht kurz nach seiner Einschulung. Niclas war Dracos ganzer Stolz. Er hatte den Mut von seiner Frau, aber auch das nötige Quäntchen Gerissenheit der Malfoys. Nicht zu viel, aber gerade genug um sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie waren alle mächtig stolz, als Niclas berichtete dass er es nach Slytherin geschafft hatte. Links daneben ein Familienfoto.
Das wurde vor zwei Jahren während eines Urlaubs bei Freunden aufgenommen. Das war eine schöne Zeit gewesen. Dann viel sein Blick auf das Hochzeitsfoto. Niemand hätte damals gedacht, dass er jemals eine Gryffindor heiraten würde. Doch zu viel war in diesem Schicksalsreichen Jahr, ihrem siebten Schuljahr passiert. Und seine Gedanken schweiften zu den Ereignissen damals ab.
Es war ein ziemlicher Schock für Draco als er in seinem fünften Schuljahr erfahren musste das sein Vater ein echter Todesser war, und sogar nach Askaban gesteckt wurde, nachdem sie ihn in der Mysteriumsabteilung festgenommen hatten. Davor hatte er immer geglaubt, dass sein Vater Voldemort nur nachredete, aber sich ansonsten zurückhielt, wo er doch so gute Kontakte zum Ministerium hatte.
Und auch Draco genoss die Macht die Voldemorts Anhänger zweifelsohne hatten. Schon in der Schule war er der unumstrittene Anführer in Slytherin, nur weil alle glaubten sein Vater hätte sehr viel Macht und hätte einen guten Draht zu den Todessern. Dass er dann wirklich ein Verbündeter war erfuhr Draco viel später. Er war sehr stolz auf seinen Vater, dass er zu dem mächtigsten schwarzen Magier gehörte. Er wünschte sich auch, wenn seine Zeit gekommen war, dass man ihn ebenso in den Kreis der Auserwählten aufnehmen würde. Das war in der Zeit kurz bevor Voldemort wieder Gestalt annahm..Damals hatte Draco eine gewaltige Wut auf diesen Harry Potter, der Schuld an der Verhaftung seines Vaters war.
Das ganze sechste Schuljahr versuchte er Harry seine Wut, und seinen Ärger spüren zu lassen doch war dieser nicht mehr so leicht einzuschüchtern gewesen. Als er dann in den Ferien wieder zuhause war merkte er langsam auf was sich da sein Vater eingelassen hatte. Draco hatte sich auch sehr verändert und er ängstigte sich mehr denn je vor den Wutausbrüchen seines Vaters. Er flüchtete immer wieder in sein Zimmer um nicht zwischen die Auseinandersetzungen seine Eltern zu geraten. Als sein Vater, der nach dem Ausbruch aus Askaban auf der Flucht vor den Auroren war, nach Hause kam um ein paar dunkle Zaubergegenstände zu holen, kam es wieder einmal zu einem gewaltigen Streit.
Dracos Mutter wollte, dass er sich endlich freiwillig stelle. Sie sagte, dass er doch gute Beziehungen zum Ministerium und Fudge hätte und mit einer milden Strafe rechnen könne. Daraufhin war sein Vater völlig ausgerastet, hat rum gebrüllt und sie als Verräterin beschimpft, seinen Zauberstab gezogen und sie mit dem Cruciatus-Fluch belegt. Narzissa Malfoy schrie Minuten lang unter der Folter bevor sie schließlich bewusstlos zusammen brach.
Draco war zu der Zeit auf seinem Zimmer, wie immer wenn es Streit gab. Er konnte die Schreie seiner Mutter kaum ertragen und wäre ihr am liebsten zu Hilfe geeilt, doch dann hätte sein Vater ihn sicher auch gefoltert. So auch bei diesem letzten Streit. Er verkroch sich in seinem Zimmer und wartete darauf, dass sein Vater endlich wieder verschwinden würde. Und dann als es still wurde hörte er die verhängnisvollen zwei Worte „Avada Kedavra!" Er wusste was dies bedeutete, seine Mutter war tot.
Getötet von seinem eigenem Vater. Er begann langsam Harry zu verstehen. Voldemort trug dafür die Verantwortung, dass Menschen umgebracht und Familien auseinander gerissen wurden. Ihn galt es zu bekämpfen, nicht Harry, der versucht hatte Voldemort zu stoppen. Und langsam hatte er damals begonnen sich mit Harry im Kampf gegen Voldemort zu verbünden.
Seine Wandlung blieb nicht unbemerkt, und so machte er sich auch in den anderen Häusern immer mehr Freunde. Als er sich dann in Parvati verliebte, und sie seine Liebe erwiderte, konnte er zum ersten mal, seit dem Tod seiner Mutter, wieder glücklich sein. Nur wenige gaben den beiden eine Chance, doch trotz seiner dunklen Vergangenheit hielt Parvati immer zu ihm. Am Abschlussball in ihrem siebten und letzen Schuljahr schließlich hielt er um ihre Hand an. Bald darauf wurde Hochzeit gefeiert. Als dann Niclas zur Welt kam, waren sie die glücklichsten Menschen auf Erden.
Nach ihrer Schulzeit begann Draco heimlich Harry zu unterstützen. Er ließ anonym genaue Informationen Harrys Auroren-Abteilung zukommen welche daraufhin erfolgreich die Todesser festnehmen und nach Askaban bringen konnte. Harry gelang es zwar nicht Voldemort völlig zu vernichten, aber zumindest konnte er ihm seinen Körper und seine Macht rauben.
Als Voldemort aber letztes Jahr mit einer List die Gewalt über Dracos Sohn Niclas gewann um Harrys Tochter in eine Falle zu locken, gab Draco die Anonymität auf und rettete an der Seite von Harry die Kinder. Dabei gelang ihnen zwar die Vernichtung Voldemorts, doch konnte dieser sein dunkles Gedankengut auf Balthasar übertragen, der von da an ständig an Macht gewann.
Ein Geräusch hinter Draco ließ ihn aufschrecken. Seine Nackenhaare stellten sich auf und er hatte das unangenehme Gefühl beobachtet zu werden. Er umfasste seinen Zauberstab, den er die ganze Zeit in der Hand hielt, noch fester und konzentrierte sich.
Zuerst musste er aus diesem Sessel raus, auf dem er wie auf einem Präsentierteller saß. Er versuchte in der Spiegelung im Fenster zu erkennen was hinter ihm war, doch konnte er nichts erkennen. Hatte er sich das nur eingebildet? Egal, er musste zumindest weg hier. Geschmeidig wie eine Katze sprang er auf, rollte sich über die Armlehne des Sessels ab und hechtete hinter das Sofa. Von hier konnte er notfalls leicht die Tür erreichen.
Vorsichtig schaute er über die Lehne. Nichts war zu sehen, er war alleine. Jetzt beruhig dich wieder, mahnte er sich selbst, du musst einen klaren Kopf bewahren. Noch einmal blickte er vorsichtig über das Sofa und feuerte dann in schneller Folge einige Schocker ziellos in den Raum. Doch diese verpufften, ohne irgendeinen Schaden an zu richten. Vorsichtig stand er, den Zauberstab im Anschlag, auf und schritt den Raum ab. Es war niemand hier.
Vorsichtig ließ er den Zauberstab sinken und drehte sich zum Fenster um. Und dann dachte er sein Herz würde stehen bleiben. Die unheimlich aussehende Frau stand direkt vor ihm, keine Armlänge entfernt. Seine Gedanken rasten. An Verteidigung war nicht mehr zu denken. So schnell war er dann doch nicht mit dem gesenkten Zauberstab. Trotzig blickte er ihr ins Gesicht.
Er würde ihr nicht die Genugtuung erweisen um sein Leben zu flehen. Doch irgendetwas stimmte hier nicht. Die Frau rührte sich nicht und schaute ihn nur an. Er ging einen Schritt zurück und hob langsam seinen Zauberstab. Da ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Jetzt war Draco verwirrt. Todesser lächeln nicht, bevor sie einen umbringen, sie grinsen vielleicht gehässig, doch das war eindeutig ein Lächeln.
„Wer sind sie? Und was wollen sie von mir?" fragte er nun unsicher.
„Das hab ich dir doch letzte Nacht gesagt, Draco", antwortete die alte Frau mit sanfter Stimme.
„Aber ich verstehe nicht, sie sind kein Todesser? Ich dachte ich soll heute sterben!" Jetzt wusste Draco wirklich nicht mehr was er denken sollte.
„Nein, sterben sollst du noch lange nicht, aber das hab ich dir doch gesagt. Du bist auserwählt!" Noch immer sah sie ihn lächelnd an.
„Aber sie haben gesagt, dass ich meine Welt verlassen werde, sollte das nicht heißen ich werde sterben?" Draco taumelte zum Sessel rüber und ließ sich hineinfallen. Das war irgendwie alles zu kompliziert für ihn.
„Nein, es hieß, dass dein Geist, dein Verstand sich von dieser Welt lösen soll um frei zu sein für eine viel größere, mächtigere Welt. Du wirst weiterhin so lange du lebst hier auf der Erde verweilen und für deine Familie sorgen können. Doch wirst du eine Aufgabe bekommen, die dich darauf vorbereitet ein neuer Wächter des Schicksals zu werden. Du wirst mein Schüler sein und ich werde dich auf diesem Weg begleiten und dir helfen wo immer es nötig wird."
Draco musste erstmal schlucken. Eine andere Welt, und er kann trotzdem hier bleiben, bei seiner Familie? Er verstand immer noch nicht was das sollte. „Aber was ist das für eine Welt und wer seid ihr?" wollte er wissen.
„Das ist schwer zu erklären, es ist die Welt, die du schon unendlich oft betreten, doch nie darüber nachgedacht hast. Es ist die Welt in deinen Träumen. Wir beschützen den Lauf der Zeit. Wir können Menschen in ihren Träumen besuchen und ihnen raten bestimmte Dinge zu tun, wir können sie warnen, denn wir wissen was kommen wird. So garantieren wir für den korrekten Fortgang der Zeit. Aber behalte es für dich, nur wenige auserwählte Personen wissen um uns."
„Und was ist diese Aufgabe, von der sie gesprochen haben? Was hab ich zu tun?"
„Du hast zu lernen und zu helfen. Keine Sorge, ich bin immer an deiner Seite und gebe auf dich Acht. Da du nun ein Wächteranwärter bist kannst du mich jederzeit rufen. Ich muss nicht länger auf deine Träume warten. Wenn du mich brauchst rufe einfach „Wächter Agnes!" Die alte Frau sah Draco warmherzig an.
„Aber warum ich? Warum nicht Harry Potter? Der war schon immer gut. Seine ganze Familie gehört zu den Guten. Mein Vater ist ein Verbrecher, der seine eigene Frau umgebracht hat." Traurig ließ Draco den Kopf hängen, der Gedanke an den Tod seiner Mutter schmerzte ihn immer noch.
„Gerade weil du eine so dunkle Vergangenheit hast haben wir dich auserwählt. Weil du die größte Wendung in deinem Leben vollzogen hast und das mit ganzem Herzen. Du bist es würdig, ein Wächter zu werden! So und nun leg dich hin und schlaf dich erst einmal aus. Du hättest nicht die ganze Nacht wach bleiben müssen." Agnes zwinkerte ihm zu und verschwand so plötzlich wie sie gekommen war.
„Wächter Agnes!" rief Draco. Agnes erschien wieder und sah ihn fragend an. „Danke für das Vertrauen, dass ihr in mich habt." Agnes lächelte ihn an und verschwand.
