Kapitel 9 – Eine Einladung
„Oh, bevor ich es vergesse: Lady Vinara sagte heute, ich hätte ein besonderes Talent mit Patienten umzugehen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube sie hat das nicht nur gesagt, weil sie hofft, ich würde die Heilkunst wählen", schloss Sonea ihren allabendlichen Bericht. „Wenn sie mich anlügen würde, könnte ich das fühlen."
Sie streckte ihren Willen aus und ließ die Schüssel mit Crots und die Platte mit den Harrelkeulen heranschweben, um sich einen Nachschlag aufzutun.
„Wenn du ungeeignet für den Umgang mit Menschen wärst, würde sie nicht andauernd versuchen, dich für die Heilkunst zu gewinnen", bemerkte Akkarin. „Etwas mehr Vertrauen in deine eigenen Fähigkeiten würde dir manchmal gut tun."
Er faltete seine Serviette und legte sie beiseite. Sonea fragte sich, wie er mit nur einer Portion auskommen konnte, während sie jeden Abend fast zu verhungern glaubte.
„Vielleicht", überlegte sie. Sie musste einsehen, dass er recht hatte. Seit ihrer Rückkehr hatte das Oberhaupt der Heiler ihr mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass sie es begrüßen würde, wenn sie die Heilkunst wählte. Trotzdem konnte Sonea kaum glauben, so gefragt zu sein. „Ich bin es gewohnt, dass die Menschen keine hohe Meinung von mir haben. Deswegen wäre es umso anmaßender, hätte ich eine hohe Meinung von mir selbst. Denn das würde bedeuten, dass die anderen Menschen eine noch schlechtere Meinung von mir hätten."
Akkarin lachte leise in sein Weinglas.
Sie funkelte ihn an. „Was ist daran so komisch?", verlangte sie zu wissen.
„Nichts", antwortete er. „Ich bin nur immer wieder überrascht, wie hart du mit dir selbst ins Gericht gehst. Das bringt mich zu der Frage, ob du mich überhaupt brauchst."
Sie schüttelte den Kopf. Musste sie das verstehen?
„Was gibt es Neues bei dir?", fragte sie stattdessen.
Während des gesamten Abendessens hatte sie nur von sich erzählt. Sie wusste, Akkarin verbrachte viel Zeit damit, Lehrpläne für ihren Unterricht in Kriegskunst und für die Zeit nach ihren Prüfungen auszuarbeiten, wenn er sie weiter in schwarzer Magie unterwies. Zudem hatte er wieder begonnen, mit schwarzer Magie zu experimentieren, wozu er sich einen Raum in ihrem Keller eingerichtet hatte. Allerdings sprach er nur wenig davon, um sie nicht von ihren Prüfungen abzulenken.
„Heute kam ein offizielles Schreiben von König Merin", erzählte er. „Er möchte sich in aller Form für unsere Verbannung entschuldigen und sich für unsere Unterstützung bei der Schlacht bedanken."
Sonea ließ ihre Gabel sinken und starrte Akkarin über den Tisch hinweg ungläubig an. „Das fällt ihm erst jetzt ein?", entfuhr es ihr. „Wir sind doch schon seit Wochen wieder zurück."
„Das ist richtig. Doch die Reparaturen im Palast sind nun abgeschlossen. Merin möchte zu unseren Ehren ein Bankett veranstalten."
Ein Bankett? War das nicht ein wenig übertrieben?
„Wann?", wollte sie wissen.
„In drei Tagen."
Sonea nickte. Sie entschied, einen Abend ohne ihn würde sie überleben. Momentan musste sie so viel lernen, dass sie ohnehin kaum Zeit miteinander verbringen konnten. „Wenn ich den Abend über lerne, können wir das Wochenende vielleicht ein wenig für uns nutzen. Ich bin am Freitag zwar wieder mit Regin in der Bibliothek verabredet, aber abends …"
Akkarin runzelte missbilligend die Stirn. „Die Einladung gilt auch für dich, Sonea", sagte er streng. „Ich dachte, das müsste ich nicht erwähnen."
„Oh."
Sonea hätte nicht sagen können, was sie erwartet hatte, aber ganz sicher nicht das. Wenn Akkarin früher an irgendwelchen Feiern im Palast teilgenommen hatte, hatte er seine Novizin auch nicht mitgenommen. Aber es machte durchaus Sinn, da sie die Ichani gemeinsam besiegt hatten. Trotzdem missfiel ihr die Aussicht, an einem Fest teilzunehmen, bei dem sie beide womöglich vor sämtlichen Mitgliedern der Häuser gefeiert wurden.
„Muss ich wirklich mit?"
„Ja."
In einem Anflug von Rebellion schob sie ihr Kinn vor. „Und wenn ich nicht will?", fragte sie aufsässig.
„Eine Einladung des Königs schlägt man nicht aus", entgegnete er ungerührt. „Außerdem wünsche ich, dass du mitkommst."
Das klang vielmehr wie ein Befehl. Sonea seufzte. Die Autorität in seiner Stimme erfüllte sie dieses Mal mit widerwilliger Resignation.
„Warum hat er sich nicht etwas anderes einfallen lassen?"
„Weil er uns auf diese Weise offiziell rehabilitieren wird. Bei dem Bankett werden die wichtigsten Angehörigen der Häuser dabei sein. Das ist Politik, Sonea. Sieh es ihm nach."
Sonea wusste nicht, ob sie dem Mann, der sie beide nach Sachaka verbannt hatte und die Hüttenleute wie lästigen Abschaum behandelte, auch nur irgendetwas nachsehen wollte. Und Politik interessierte sie nun wirklich nicht.
„Ich muss lernen", wandte sie ein. „Es sind keine drei Wochen mehr bis zu meinen Prüfungen. Und ich habe Unterricht. Weiß er das denn nicht?"
„Es würde mich wundern, wenn er das nicht weiß. Deswegen findet das Fest an einem Vierttag statt."
Sonea wollte erneut protestieren, doch Akkarin fuhr unbeirrt fort: „Du lernst mehr als gesund ist. Ein freier Abend wird dir nicht schaden. Im Gegenteil, dich ein wenig zu amüsieren, wird dir guttun."
Sie wollte einwenden, dass sie nicht amüsieren würde, weil sie sich im Palast vollkommen fehl am Platz fühlen würde. Zudem wusste sie überhaupt nicht, wie man sich bei Hofe benahm. Doch sie schwieg, weil sie wusste, es war sinnlos zu protestieren. Es war schwer genug, sich gegen Akkarin auflehnen, wenn er auf etwas bestand. Aber sich gegen Akkarin und den König aufzulehnen, war schlichtweg unmöglich.
Mit nachdenklicher Miene trank Akkarin einen Schluck Wein. „Drei Tage sind nicht viel Zeit, um dich die Hofetikette zu lehren und dir die wichtigsten Gesellschaftstänze zu zeigen. Aber wenn du dich nicht ungeschickt anstellst, sollte es gehen", sagte er.
„Ich soll tanzen?", entfuhr es Sonea. „Also das kannst du wirklich nicht von mir verlangen!"
Akkarins Mundwinkel zuckten. „Jede andere junge Frau wäre über die Chance, auf einem Ball im Palast zu tanzen, mehr als glücklich", bemerkte er trocken.
„Wie du sehr gut weißt, bin ich nicht jede andere junge Frau. Ich dachte immer, das wäre einer der Gründe, warum du mich liebst!", gab sie zurück.
„Das ist es auch." Akkarin schien unbeeindruckt von ihrem Zorn. „Aber ich muss darauf bestehen. Ich bin sicher, es wird dir gefallen. Wenn du für heute mit Lernen fertig bist, fangen wir an."
Sonea verdrehte die Augen, worauf sie sich einen missbilligenden Blick von Akkarin einfing. Sie ahnte, aus dieser Sache würde sie nicht mehr herauskommen und wahrscheinlich war es besser, wenn sie sich schnell damit abfand. In wenigen Tagen würde ohnehin alles wieder vorbei sein.
„Müssen wir in Begleitung dorthin?", fragte sie unwirsch.
„Das ist kein Muss, aber erwünscht. Besonders, wenn man nicht mit einer fremden Person tanzen möchte."
Sonea fragte sich, wie sie es schaffen sollte, einen Begleiter zu finden und wen Akkarin wohl wählen würde. Wenn er früher bei Hofe gewesen war, hatte er dann auch immer eine Frau mitgenommen? Sie würde einen Magier fragen müssen, wenn sie nicht mit einem Mann aus den Häusern tanzen wollte. Allein der Gedanke war ihr unerträglich.
„Weißt du schon, wer dich begleiten soll?", fragte sie.
„Selbstverständlich."
Obwohl Sonea wusste, dass es unmöglich für sie war, als Paar zu einer solchen Veranstaltung zu gehen, verletzten seine Worte sie. Er hätte wenigstens sagen können, dass es ihm leidtue, weil er eigentlich sie als Begleitung wollte.
Ihre Enttäuschung unterdrückend überlegte sie, wer für sie überhaupt in Frage kam. Die Schatten wären sicher hellauf begeistert und würden sich anschließend darüber streiten, wer von ihnen sie nun begleiten durfte. Aber Sonea konnte sich Besseres vorstellen, als von Genel, seinem kleinen Bruder, oder Jarend einen ganzen Abend lang angeschmachtet zu werden.
Vielleicht mit Regin? Nein, er war jünger als sie. Das wäre wirklich seltsam. Und was für einen Eindruck würde es hinterlassen, wenn sie, die schwarze Magierin, mit einem Novizen erschien? Besser sie fragte einen ihrer Lehrer. Doch auf Anhieb fiel ihr nur Lord Larkin ein, der ihr sympathisch genug und nicht alt genug war, um ihr Vater zu sein.
Doch wie sollte sie das Trassia beibringen?
„Sonea, du wirst meine Begleitung sein", riss Akkarin sie aus ihren Gedanken.
Ihr Herz machte einen Sprung.
„Aber das … das geht nicht!", protestierte sie.
„Der König hat sich in seiner Einladung so ausgedrückt, als würde er genau das erwarten. Es wird niemanden überraschen, wenn wir gemeinsam zu dem Fest gehen. Es ist unangenehm, den Abend mit jemandem zu verbringen, wenn man weiß, dass diese Person einen fürchtet."
Sonea nickte. Von dieser Seite hatte sie das noch gar nicht betrachtet. Ob ihm unsere früheren Abendessen auch unangenehm waren?, fuhr es ihr durch den Kopf. Plötzlich hatte sie das Gefühl, ihm unrecht getan zu haben, weil sie ihn damals nicht besser gekannt hatte.
„Sonea, ich werde nicht dulden, dass dich jemand anderes begleitet", fügte Akkarin leise hinzu. Es klang beinahe wie eine Warnung. „Schon gar nicht Garrels Neffe."
Hatte er etwa schon wieder ihre Gedanken gelesen?
„Und wenn ich genau das wollte?", fragte sie und sah ihn herausfordernd an.
„Dann würde ich es dir als dein Mentor verbieten."
Auf Grund dieses so offenkundigen Missbrauchs seiner Position verschlug es ihr für einen Moment den Atem. Doch Sonea fühlte sich auch geschmeichelt, weil er sie nicht in Begleitung eines anderen Mannes zu diesem Fest gehenlassen wollte. Zusammen mit Akkarin würde sie den Abend so gut überstehen, wie es angesichts der Umstände überhaupt möglich war.
„Sonea, es ist mein Wunsch, dass du mich an diesem Abend begleitest", sagte er ein wenig sanfter und sie erkannte, dass seine vorherigen Worte nur eine Reaktion auf ihre offensichtliche Provokation gewesen waren. „Es gibt keine andere Frau, die ich lieber an meiner Seite sähe."
Seine Worten erfüllten sie mit einem Gefühl von Wärme. Sie lächelte besänftigt und leerte ihr Weinglas. Dann schob ihren Stuhl zurück und stand auf.
„Ich sollte jetzt besser lernen gehen", sagte sie. Umso eher konnten sie mit dem Tanzunterricht beginnen. Nicht auszudenken, wenn sie ihn vor den Angehörigen der Häuser blamierte!
Sie umrundete den Tisch, um Akkarin zu küssen. „Dürfen wir denn die Gilde für dieses Fest überhaupt verlassen?"
Akkarin umschlang ihre Hände und zog sie zu sich. „Die höheren Magier haben eine Ausnahme gemacht. Wir werden eine Eskorte von Kriegern bekommen. Außerdem hat der König die gesamte Führung der Gilde mit eingeladen. Rothen wird also auch mitkommen."
Soviel Aufwand wegen einer dummen Feier, dachte Sonea.
Warum konnte der König sich nicht etwas Sinnvolleres einfallen lassen, um sich zu entschuldigen? Dann müsste nicht die halbe Gilde ausrücken, weil ihre beiden schwarzen Magier die Gelegenheit nutzen könnten, um das zu tun, was alle fürchteten. Und sie müsste nicht tanzen lernen. Doch ein wenig freute sie sich auch. Rothen würde dabei sein.
Dann fiel ihr noch etwas ein.
„Werde ich ein Kleid brauchen?"
Er schüttelte den Kopf. „Du bist eine Magierin. Es gibt, wenn überhaupt, nur einen einzigen Anlass, zu dem es dir erlaubt ist, ein Kleid zu tragen."
„Zu welchem Anlass?"
„Zu deiner Hochzeit."
„Oh."
Sonea wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie hatte es bis jetzt vermieden, mit Akkarin über dieses Thema zu sprechen und sie wollte nicht diejenige sein, die damit anfing. Irgendwie schien bis jetzt auch nicht der richtige Zeitpunkt gewesen zu sein. Bis zu ihrem Abschluss waren es noch zwei Jahre. Solange würden sie ihre Beziehung noch geheim halten müssen. Es machte überhaupt keinen Sinn, vorher über eine Hochzeit nachzudenken.
Akkarin musterte sie durchdringend. Obwohl Sonea inzwischen wusste, warum er sie so ansah, spürte sie, wie ein Schauer ihren Rücken herablief. Plötzlich begriff sie, sie würde ihre Furcht vor ihm niemals ganz ablegen.
„Ich bin sicher, ein Brautkleid würde dir hervorragend stehen", sagte er mehr zu sich selbst und runzelte nachdenklich die Stirn.
Sonea blinzelte verwirrt.
Was war denn das schon wieder?, fragte sie sich. Fürchtete er sich genau wie sie vor diesem Thema? Oder hatte er ihr gerade einen Antrag gemacht? Dann schalt sie sich selbst für ihre Dummheit. Akkarin gehörte ganz sicher nicht zu den Männern, die einen Heiratsantrag mal eben in ein Gespräch einfließen ließen.
Besser, sie fragte gar nicht erst, wie er das gemeint hatte. Stattdessen schenkte sie ihm im Hinausgehen ein äußerst verlegenes Lächeln und konnte nicht verhindern, dass sie dabei rot anlief.
Ich bin viel zulange fort gewesen, fuhr es Dorrien durch den Kopf. Vor ihm machte der Weg eine Biegung. Dahinter kam ein sanft geschwungener Grashang in Sicht, auf dem eine einsame Kate stand.
Das Haus von Kullen, dem Reberhirten.
Seit einer Woche war Dorrien wieder zurück in Windbruch. Während er sich freiwillig in das nach der Schlacht in der Stadt herrschende Chaos gestürzt hatte, um vor dem unerträglichen Chaos zwischenmenschlicher Beziehungen zu fliehen, war er aus selbigem Grund schließlich in das Bergdorf in der Nähe des Südpasses geflohen, doch nicht ohne einen ordentlichen Vorrat an Arzneien. Obwohl Sonea für Dorriens Vater wie eine Tochter war, schien Rothen kein Verständnis dafür zu haben, wie es Dorrien ihretwegen erging. Verschiedene Diskussionen darüber, warum sie unbedingt mit diesem schwarzen Magier zusammen sein musste, hatten Rothens Meinung nicht ändern können und Dorrien war deswegen umso erleichterter, die Stadt endlich verlassen zu haben. Wenn er weit fort von der Gilde war, machte das den Schmerz Sonea verloren zu haben, ein wenig erträglicher.
Dorrien hatte gehofft, die friedliche Einsamkeit der Berge würde ihn wieder auf andere Gedanken bringen. Aber er war kaum zuhause gewesen, als die ersten Dorfbewohner an seine Tür klopften, weil sie oder ihr Vieh krank waren.
Dorrien seufzte. Er war wirklich viel zu lange fort gewesen. Die Erntezeit war vorbei, das Heu war gemäht, getrocknet und in die Scheunen gebracht worden. Die Nächte waren spürbar länger und kälter und die Menschen in den Bergen bereiteten sich auf den Winter vor. Inzwischen hatte die Jagdsaison begonnen. In dieser Zeit geschah es immer wieder, dass Männer während der Jagd von wilden Tieren angegriffen wurden und er ihre Wunden behandeln musste.
Am vergangenen Abend war Kullen zu ihm gekommen, weil seine Frau seit einigen Tagen hohes Fieber hatte und hustete.
„Hustet sie schwarzen Schleim aus?", hatte Dorrien gefragt, woraufhin der Reberhirt angstvoll genickt hatte.
„Dann hat sie wahrscheinlich das Lungenfieber befallen", hatte er Kullen erklärt. „Ist sie noch bei Bewusstsein?"
„Ja, Mylord."
„Lass niemanden zu ihr", hatte Dorrien den Reberhirt angewiesen. „Ganz besonders nicht deine Kinder – sie könnten sich anstecken. Und du solltest nicht mit deiner Frau im selben Bett schlafen, solange sie krank ist."
Er hatte Kullen versprochen, sofort am nächsten Morgen vorbei zu kommen, weil er noch die nötigen Arzneien zusammenmischen musste und den Reberhirten angewiesen, das Fieber seiner Frau bis dahin mit Wadenwickeln zu kühlen. Im Laufe des Abends und der Nacht waren noch weitere Dorfbewohner und Bauern aus den umliegenden Höfen zu ihm gekommen, weil ein oder mehrere Familienmitglieder von demselben Leiden befallen waren.
Jedes Jahr mit dem Beginn des Herbstes gab es eine Epidemie von Lungenfieber in den Bergen. Dorrien musste seine Kenntnisse über Heilkräuter und Medizin zur Hilfe nehmen, um all seine Patienten zu behandeln, weil seine Magie nicht ausreichte, um halbe Dörfer zu heilen. Nur in Fällen mit einem schweren Krankheitsverlauf vollzog er die Behandlung ausschließlich mit Magie.
Vor der Kate war ein kleiner Platz aus ebenem Erdboden mit einem Brunnen in der Mitte. Der Stall neben dem Haupthaus diente Kullens Rebern als Winterquartier. Das übrige Jahr grasten sie indes auf der weitläufigen Weide unterhalb von Kullens Haus. Dorrien versuchte einen Blick auf die störrischen Tiere zu erhaschen, bis auf einige vereinzelte Flecken in Weiß und Braun war die Weide verlassen, und er nahm an, die Reber grasten am Fuße des Hangs, wo ein kleiner Bach umsäumt von Tirobäumen entlang plätscherte.
Die Dächer beider Gebäude waren mit Schindeln gedeckt, die in regelmäßigen Abständen mit Steinen beschwert waren. Zum Schutz vor den in den Bergen oft heftig tobenden Stürmen, wusste Dorrien. In den meisten Fällen ging dies gut, doch nachdem zwei Winter zuvor ein heftiger Schneesturm das Dach von Gadens Bauernhof abgedeckt hatte, hatte Dorrien begonnen, sein eigenes Dach zusätzlich mit Magie zu verstärken.
Dorrien zügelte sein Pferd und band es neben dem Stall an einen Pfahl. Dann schritt er zum Haus und klopfte an.
Eine junge Frau von vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahren öffnete ihm die Tür. Ihre langen Haare waren golden wie die Tennfelder im Spätsommer und zu zwei dicken Zöpfen geflochten. Dorrien wusste, sie war Kullens ältere Tochter Viana.
Als sie Dorrien erblickte, weiteten sich ihre großen braunen Augen.
„Lord Dorrien!", entfuhr es ihr.
Sie verneigte sich anmutig. Dann wandte sie sich um und rief in das Innere der Kate. „Vater, Lord Dorrien ist hier!"
„Ich komme!", hörte Dorrien den Reberhirten von drinnen rufen.
Während sich Kullens schwere Schritte der Tür näherten, betrachtete die junge Frau ihn weiterhin. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte Dorrien ein wenig an einen verängstigten Harrel. Er wollte nicht, dass sie sich vor ihm fürchtete, doch bevor er etwas sagen konnte, um die Spannung zwischen ihnen zu lösen, trat ein großer, vierschrötiger Mann, neben Viana. Sein Haar war so tennblond wie das seiner Tochter, sein gutmütiges Gesicht, war indes von Sorgenfalten durchfurcht. Als er Dorrien erblickte, glomm Hoffnung in seinen Augen auf.
„Seid gegrüßt, Mylord", sagte er und verneigte sich. „Kommt rein."
Dorrien trat durch die Tür in eine kleine Wohnstube und sah sich um. Die Mitte des Raumes wurde von einem großen, grob gezimmerten Tisch mit zwei Bänken ausgefüllt. Hinter der Feuerstelle befand sich ein Alkoven, in dem Kullens Töchter schliefen. Unter einem der Fenster entdeckte Dorrien ein Spinnrad und einen Webstuhl. Er wusste, Kullens Frau verarbeitete die Wolle der Reber zu Garn und machte Kleidung daraus. Jetzt indes war ihre Arbeitsstätte verwaist.
„Wie geht es deiner Frau?"
Kullen hob die Schultern. „Sie hat noch immer Fieber und hustet schwarzen Schleim."
„Hast du ihr kalte Wadenwickel gemacht?"
Der Reberhirt nickte. „Wie Ihr gesagt habt. Das Wasser aus unserem Brunnen ist kalt wie Eis. Aber sie hat nichts gespürt."
Wenn Yuna keine Reaktion auf eiskaltes Wasser zeigte, dann war ihr Fieber so hoch, dass sie bereits im Delirium war. Das bedeutete, die Krankheit war schon weit fortgeschritten. Dorrien unterdrückte einen Fluch. Er hoffte, noch etwas für die Frau des Reberhirten tun zu können.
„Seit wann ist das so?"
„Es fing in der Dämmerung an."
Dann bestand noch Hoffnung. Es wäre schwieriger gewesen, hätte Yuna die Nacht in diesem Zustand verbracht.
„Bring mich zu deiner Frau", befahl Dorrien.
Kullen nickte und bedeutete Dorrien ihm durch eine Tür am anderen Ende des Raumes zu folgen. Dorrien trat in ein kleines Zimmer, das von einem großen Bett und einem Schrank beinahe komplett ausgefüllt wurde. Die vergilbten Papierblenden am Fenster gaben teilweise den Blick auf den grasbewachsenen Berghang frei.
Kullens Frau lag unter mehreren Wolldecken. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesicht hatte einen aschfahlen Farbton angenommen und ihre Stirn war mit Schweiß bedeckt. Ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren saß an ihrer Seite auf dem Bett. Ihre Haare hatten wie die ihres Vaters und ihrer Schwester die Farbe von reifem Tenn.
„Lina!", brüllte Kullen. Sein Gesicht hatte eine dunkelrote Färbung angenommen. „Geh sofort raus da!"
„Ich will bei meiner Ma sein!", protestierte das Mädchen.
„Raus!", befahl Kullen scharf.
Lina brach in Tränen aus.
„Lina, komm zu mir."
Kullens ältere Tochter stand auf der Türschwelle. Sie hatte eine Hand ausgestreckt.
„Du kannst mir mit dem Abendessen helfen", sagte sie mit sanfter Stimme. „Lass Lord Dorrien seine Arbeit tun."
Noch immer weinend gehorchte Lina und lief zu ihrer älteren Schwester.
„Viana, pass auf, dass sie dir nicht wieder wegläuft", sagte Kullen. „Sie darf nicht auch noch krank werden."
Viana nickte. Sie schenkte Dorrien ein entschuldigendes Lächeln und führte Lina dann hinüber zur Kochstelle.
Mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck schloss der Reberhirt die Tür hinter ihnen. „Tut mir leid, dass Ihr das miterleben musstet, Mylord. Lina hängt noch so fürchterlich an ihrer Mutter. Wenn sie auch krank wird, könnt ich das nicht ertragen. Sie ist doch so ein süßes Kind. Wenn Viana einen Mann findet, der sie ernähren kann, und dann hab ich nur noch sie."
Dorrien nickte verständnisvoll. Er wusste, der Reberhirt liebte seine beiden Töchter über alles. Das Leben in den Bergen war hart. Die Menschen hier wussten das, aber das machte sie nicht weniger empfindlich gegenüber einem Verlust. Die Mitglieder einer Familie waren sehr viel mehr aufeinander angewiesen, als es in den reichen Familien in der Stadt der Fall war.
Kullen wandte sich seiner Frau zu. „Yuna, mein Liebes", sagte er mit seiner rauen Stimme. Er streckte eine schwielige Hand aus und strich über ihre Wange. „Lord Dorrien ist hier. Er wird dich wieder gesund machen."
Yuna antwortete nicht. Ihr Atem ging schwer und rasselnd.
Dorrien trat zu ihr und legte eine Hand auf die Stirn der Frau. Er streckte seinen Geist aus und untersuchte, wie weit die Krankheit inzwischen fortgeschritten war. Entsetzt stellte er fest, dass sich der Schleim bereits auf einen Großteil der Lunge gelegt hatte. Ihr Puls ging viel zu schnell. Das Fieber war sehr hoch und drohte, ihren Körper zu verzehren. Er würde es lindern, doch er würde es nicht ganz zurückgehen lassen, weil es notwendig war, um die Infektion zu bekämpfen.
Dorrien setzte sich auf die Bettkante und begann die Behandlung. Zuerst kümmerte er sich um die winzigen Organismen, die ihre Lunge befallen hatten und die für den Schleim verantwortlich waren. Hätte er an diesem Tag nicht noch mehrere Hausbesuche wegen Lungenfieber vor sich, so hätte er Yuna vollständig geheilt, doch er musste seine Kräfte einteilen, weswegen er nur so viele der Organismen zerstörte, dass Yunas Körper mit den Übriggebliebenen alleine fertig werden konnte. Dann senkte er das Fieber auf ein Maß herab, das ihrem Körper keinen Schaden mehr zufügen konnte und ihr stattdessen bei der Selbstheilung half.
Als er die Augen öffnete, hatte Yunas Gesicht wieder eine etwas gesündere Farbe angenommen. Ihr Puls hatte sich beruhigt, aber ihre Atmung war noch immer schwerfällig.
„Wird sie wieder gesund?"
Dorrien sah auf und blickte in das besorgte Gesicht des anderen Mannes. „Das Lungenfieber deiner Frau war bereits sehr fortgeschritten. Ich habe getan, was ich konnte, um die Infektion zu bekämpfen und das Fieber zu senken. Nun muss ihr Körper den Rest erledigen."
Er griff in seine Tasche, die diverse Arzneien und Verbände enthielt, und zog eine kleine Flasche heraus.
„Gib ihr davon morgens, mittags und abends einen Löffel voll", wies der den Reberhirten an. „Es wird ihr helfen, den Schleim abzuhusten. Am besten, du vermischst es mit Wasser. Achte darauf, dass sie viel trinkt. Das ist wichtig, damit ihr Körper die Krankheit auswäscht. Und wechsele das Bettzeug und ihr Nachtgewand und koch die Sachen aus."
„Kann ich ihr auch was zu essen geben?"
Dorrien nickte. „Aber noch keine feste Nahrung. Suppe, Brei oder Grütze ist alles, was sie im Augenblick zu sich nehmen sollte."
„Danke, Mylord", sagte Kullen und verneigte sich.
Dorrien lächelte. „Dank mir lieber erst, wenn sie wieder gesund ist", entgegnete er. Yuna würde es noch lange nicht überstanden haben. „Morgen werde ich wiederkommen und erneut nach deiner Frau sehen. Bevor ich gehe, möchte ich aber noch dich und deine Kinder untersuchen."
Nach einem eher herbstlichen Beginn war der Spätsommer noch einmal überraschend warm geworden. Sonea und Trassia saßen auf einer Gartenbank, um in den warmen Strahlen der Mittagssonne zu lernen. In der Nähe jagten sich ein paar Squimps einen Baumstamm hinauf. Sonea gähnte ausgiebig und vertrieb ihre Müdigkeit mit ein wenig Magie. In der letzten Nacht hatte sie nicht viel Schlaf bekommen.
Nachdem sie mit ihren Hausaufgaben fertig geworden war, hatte sie mit Akkarin bis spät in die Nacht Gesellschaftstänze geübt. Takan hatte sie auf einer Laute begleitet, damit sie ein besseres Gefühl für den Rhythmus und die Abfolge der Tanzschritte bekam. Für Sonea war dieser Unterricht wie ein Albtraum gewesen. Sie verstand nicht, was die Frauen aus den Häusern daran so toll fanden. Erst gegen Ende hatte sie begonnen, zumindest ein wenig Gefallen daran zu finden.
Während ihres gemeinsamen Unterrichts bei Lady Indria hatte Sonea darauf gebrannt, Trassia von dem bevorstehenden Fest zu erzählen. Doch die junge Lehrerin für Medizin hatte ihre volle Aufmerksamkeit verlangt und so hatte sie sich bis zur Mittagspause gedulden müssen. Die Begeisterung ihrer Freundin überraschte Sonea nach dem vergangenen Abend nur mäßig. Für die Mädchen aus den Häusern schienen Bälle am Hofe des Königs ein besonderer Höhepunkt in ihrem Leben zu sein.
„Ich beneide dich", seufzte Trassia. „Wie gerne würde ich mit dir tauschen!"
„Wenn das ginge, dann dürftest du das auf der Stelle", erwiderte Sonea trocken und stieß damit bei ihrer Freundin auf erneutes Unverständnis. „Lass uns noch einmal die Liste mit den Heilkräutern und ihren Anwendungen durchgehen", schlug sie dann vor, um eine neuerliche Diskussion darüber, warum sie nicht auf diesen Ball wollte, zu vermeiden. „Ich möchte sichergehen, dass ich nichts vergessen habe."
Trassia reichte ihr die Aufzeichnungen, die sie sich für die Sommerprüfungen gemacht hatte.
„Am besten du vergleichst meine Notizen mit deinen", sagte sie.
Sonea nahm die Unterlagen entgegen und beugte sich darüber. Sie hatte gerade die erste Seite mit ihren Aufzeichnungen abgeglichen, als sie Schritte auf dem Kiesweg hörte und ein Schatten auf sie fiel. Verstimmt sah sie auf. Vor ihr standen Genel, Jarend und Yaen.
Die drei Schatten.
„Hallo, Sonea", sagte Genel.
„Hallo", sagte sie und unterdrückte ihre Verärgerung. Wann würden die beiden Novizen aus dem fünften Jahr und Genels kleiner Bruder endlich aufhören, ihr nachzustellen? Jede Woche versuchten sie, sich mit ihr für Freitag zu verabreden oder ihr beim Lernen zu helfen und tauchten überall auf, wo sie war. Sie kamen sogar in die Arena, wenn sie Kriegskunst hatte. Und das, obwohl Sonea noch kein einziges Mal gegen Akkarin gewonnen hatte. Dass sie den Schatten jedes Mal einen Korb gab, schien diese indes völlig unbeeindruckt zu lassen.
„Was wollt Ihr?"
„Wir haben von dem Bankett gehört, das dir und deinem Mentor zu Ehren übermorgen im Palast stattfindet", erklärte Genel eifrig.
Sonea runzelte die Stirn. „Das ist richtig. Es wird ein Bankett geben."
„Und da haben wir uns gefragt, ob wir dich begleiten können", fuhr Yarend fort. „Das heißt natürlich, nur einer von uns. Du kannst dir aussuchen, mit wem du gehen möchtest."
„Aber wenn du dich nicht entscheiden kannst, können wir uns auch duellieren", fügte sein Freund hinzu.
Nur mühsam gelang es Sonea, ihre Erheiterung ob der Vorstellung, wie sich die drei Schatten ihretwegen duellierten, zu verbergen. Allein der Gedanke daran war es wert vorzugeben, dass sie einen von ihnen als Begleiter wollte.
„Danke, aber ich brauche keine Begleitung", lehnte sie ab.
„Aber du willst doch sicher tanzen", wandte Yaen vorsichtig ein. „Dazu brauchst du einen Tanzpartner."
„Dann habe ich mich wohl nicht richtig ausgedrückt." Sonea unterdrückte ihre Gereiztheit und versuchte, mitfühlend zu klingen, weil sie den drei Novizen schon wieder einen Korb geben musste. „Ich habe bereits einen Begleiter."
„Wer ist es?", wollte Genel wissen.
Sonea betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Warum interessiert dich das?"
„Dann könnten wir ihn fragen, ob er etwas dagegen hat, wenn einer von uns mit ihm tauscht."
Das kann er unmöglich ernst meinen!, dachte Sonea. Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszulachen.
„Oh, ich glaube, er hätte eine ganze Menge dagegen", sagte sie kühl.
„Wir könnten uns mit ihm duellieren", schlug Yaen ungewöhnlich mutig vor.
Sonea brach in lautes Gelächter aus und hielt sich dann rasch die Hand vor den Mund. „Tut mir leid, aber gegen ihn würdet ihr eine ziemlich blamable Niederlage einstecken, fürchte ich. Versucht es lieber gar nicht erst."
Die drei Schatten waren nun offenkundig neugierig geworden. Vielleicht sollte ich die drei Schatten wirklich in die Arena schicken, um gegen Akkarin anzutreten, fuhr es ihr durch den Kopf. Vielleicht lassen sie mich dann endlich in Ruhe.
„Wer ist denn nun dein Begleiter?", fragte Genel.
„Jemand, mit dem keiner von euch mithalten kann", antwortete Trassia für sie.
„Ist es er?", fragte Jarend und zeigte auf den Anführer einer Gruppe von Novizen, die den Weg entlang kamen.
Regin und seine beiden Freunde Kano und Alend. Soneas ehemaliger Erzfeind schenkte ihr ein verschwörerisches Lächeln und nickte Trassia zu. Sonea erwiderte sein Lächeln, während Trassia ihm ein wenig verunsichert zuwinkte.
„Es geht das Gerücht, dass ihr auf einmal ziemlich gute Freunde seid. Manche behaupten sogar, ihr würdet miteinander gehen", sagte Jarend, als Regin und seine Freunde außer Hörweite waren.
Sonea schnaubte verächtlich. Allein die Vorstellung war völlig absurd. „Ich gehe nicht mit Regin zu dem Bankett."
„Sonea und Regin sind wirklich nur Freunde", fügte Trassia hinzu. Sie warf Sonea einen eindringlichen Blick zu. „Du würdest mir doch sicher erzählen, wenn da mehr wäre, nicht wahr?"
Sonea blinzelte verwirrt. „Natürlich würde ich das."
„Aber wenn es nicht Regin ist, mit dem du zu dem Bankett gehst, mit wem gehst du dann?", fragte Yaen verunsichert.
„Hast du es noch immer nicht geschnallt?", rief Trassia. „Sie geht natürlich mit ihrem Mentor auf das Fest. Wegen ihnen wird es doch überhaupt erst veranstaltet. Und ich glaube wirklich nicht, dass Lord Akkarin es wünscht, wenn jemand anders Sonea dorthin begleitet."
Wenn du wüsstest, wie Recht du damit hast, dachte Sonea. Sie hatte dieses Detail ihrer Freundin bewusst verschwiegen. Trassia wäre misstrauisch geworden und ihr wäre keine passende Ausrede eingefallen.
„Oh", machte Yaen bedrückt.
„Na, dann wünschen wir dir trotzdem viel Spaß", sagte Genel mit hängenden Schultern.
„Danke", sagte Sonea trocken.
„Bis bald, Sonea."
Sie unterdrückte ein Seufzen.
All ihrer Erfahrung nach, würde bald bald sein. Die Schatten schienen zwar zu akzeptieren, dass sie bezüglich des Banketts gegen Akkarin keine Chance hatten, doch sie glaubten weiterhin, Sonea sei noch zu haben.
„Bis bald."
Die drei Schatten trollten sich.
„Was ist denn auf einmal in dich gefahren?", wandte sie sich an Trassia. „So aufbrausend bist du doch sonst nicht."
„Naja, ich finde, das musste mal gesagt werden." Verlegen strich Trassia eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Zu Soneas Überraschung färbten sich ihre Wangen rosa. Sie senkte den Kopf und begann ihre Notizen zu sortieren. „Lass uns lieber weiterlernen."
Cery betrat das Bolhaus Zur lüsternen Jungfrau, das zugleich ein Bordell war. Hinter ihm polterte Gol in die selbst für diese Zeit verlassene Schankstube. Corbins Mädchen aalten sich gelangweilt in einer Nische auf einer Gruppe Polstermöbel. Als sie die Neuankömmlinge entdeckten, warfen sie ihm und Gol anzügliche Blicke zu, blieben jedoch, wo sie waren. Sie kannten Cery und wussten, dass er kein Interesse an ihnen hatte.
Corbin, der Besitzer, war damit beschäftigt, die Theke zu polieren. Als er Cery und seinen Begleiter erblickte, weiteten sich seine Augen.
„Du bist früh, Ceryni", sagte er statt eines Grußes.
„Es war nie Bestandteil unsrer Abmachung, dass ich erst abends komme, um mein Geld zu kassieren", entgegnete Cery.
„'Türlich", erwiderte Corbin nervös. Sein Blick wurde unstet und er sah auf die Theke. „Nur dann hätt' ich dir was mehr geben können."
Cery setzte eine drohende Miene auf und beugte sich über die Theke. „Also heißt das, du kannst nicht zahlen."
Der andere Mann nickte ängstlich. „Das heißt, ich kann dir die Hälfte geben", sagte er. „Was mehr, wenn du bis heute Abend wartest. Den Rest kriegst du, sobald ich's hab'."
„Corbin, so war das nicht vereinbart." Cery war es leid, sich von seinen Klienten immer wieder hinhalten zu lassen. „Dein Hurenhaus hat die Schlacht unbeschadet überstanden. Du kannst mir nicht verklickern, du hättest kein Geld."
„Die Kunden ha'm Schaden erlitten", verteidigte sich der andere Mann. „Sie kommen nicht, weil ihnen's Geld für'n bisschen Spaß fehlt."
Und ich dachte immer, das wäre das einzige Geschäft, das immer läuft, fuhr es Cery durch den Kopf.
„Ceryni, ich hab' wirklich alles gesammelt, was ich an Einkünften hab", fuhr Corbin fort. „Aber mehr's nicht drin. Ich kann meine Mädchen nicht hungern lassen. Und wenn ich die Preise erhöhe, bleiben die Kunden erst recht aus. Wenn du heute Abend wieder kommst, wirst du sehen, wie leer's hier geworden's."
Davon brauchte Cery sich nicht überzeugen. Er brauchte sich nur umzusehen. Trotzdem konnte er den Bordellbesitzer nicht so leicht davonkommen lassen. Seine Klienten sollten nicht auf die Idee kommen, er würde ihnen jede Zahlungsverzögerung nachsehen. Schließlich war er kein Wohltäter. Er war ein Dieb.
Cery warf einen Blick zu den Huren. Die meisten waren alles andere als attraktiv. Er konnte sich keinen Mann vorstellen, der sein Geld ausgeben würde, um sich von ihnen bedienen zu lassen.
„Wenn ich mir deine Mädchen so ansehe, würd' ihnen was weniger Fett auf den Rippen ganz gut stehen", sagte er hart. „Die Freier wären eher bereit, ihr Geld hier zu lassen, du hättest höhere Einnahmen und ich krieg' meine Zahlung pünktlich und vollständig."
Corbin zögerte. „Schon", gab er zu.
„'Ne andere Wahl hast du nicht. Außer, du kündigst unsere Vereinbarung."
Der Bordellbesitzer erbleichte. „Bitte nimm mir nicht deinen Schutz", flehte er. „Was wird denn dann aus meinen Mädchen? Wie soll ich sie dann vor brutalen Kunden beschützen? Oder den ganzen Überfällen, die hier in der letzten Zeit waren?"
Cery seufzte übertrieben. Ihm war wohlbewusst, dass Huren zuweilen hilflose Opfer der Gewalt ihrer Freier waren. Die Frauen, die in dieses Geschäft einstiegen, waren von Armut und Verzweiflung getrieben. Cery wusste das besser als alle anderen. Auch seine Mutter war eine Hure gewesen. Corbins Mädchen trugen keine Schuld daran, dass ihre Großmutter nicht das nötige Geld aufbringen konnte, um für ihren Schutz zu sorgen. Sie mochten keine Schönheiten sein, doch Die lüsterne Jungfrau war eines der am häufigsten besuchten Bordelle in der Gegend. Aber wenn das Geschäft seiner Klienten nicht lief, dann lief Cerys Geschäft ebenfalls nicht.
„Corbin, diese Entscheidung musst du selbst treffen", sagte er.
„Du hast ja recht", gab Corbin nach. „Ich brauch' deinen Schutz, Ceryni. In der letzten Zeit's hier zu viel passiert."
Cery nickte, eine verständnisvolle Miene aufsetzend. Vor einigen Wochen war eins von Corbins Mädchen bei einem Überfall auf das Bordell getötet worden. Er hatte sich darum gekümmert und den Übeltätern zwei seiner besten Messer vorbeigeschickt.
„Dann tätest du gut dran, meinen Vorschlag anzunehmen", sagte er.
„'Türlich", sagte der andere Mann rasch. „Aber's wird was dauern, bis ich das restliche Geld hab'". Er machte eine Pause, als warte er, dass Cery etwas sagte. Cery hielt seinem Blick kühl und unbeeindruckt stand. „Bis dahin kann ich dir als Gefälligkeit eins meiner Mädchen geben. Du kannst sie für umsonst haben, wann immer du willst."
„Danke, ich hab' kein Interesse."
„Du kannst sie auch haben, wenn ich meine Schulden bezahlt hab'", bot Corbin an. „Du kannst sie haben, solang und sooft du willst."
Erneut warf Cery einen Blick hinüber zu den Mädchen in der Ecke mit den Sesseln.
„Corbin, was soll ich mit 'ner Hure?", fragte er. „Davon kann ich mich und meine Leute nicht versorgen."
„Stimmt. Aber du kannst dich was amüsieren." Er warf einen Blick zu Gol. „Oder deine Leute. Ihr könntet sie alle haben."
Gol gluckste unverhohlen.
„Nein", sagte Cery entschieden. „Aber ich weiß dein Angebot zu schätzen."
„Aus der Nähe sind sie viel hübscher", wandte Corbin ein. Er bedeutete den Mädchen, näher zu kommen.
Mit gelangweiltem Gesichtsausdruck erhob sich ein Mädchen nach dem anderen und trottete hinüber zur Theke. Sie stellten sich in eine Reihe und betrachteten Cery und Gol mit mäßigem Interesse. Ihre Kleider ließen die Schultern unbedeckt, ihre Mieder waren lässig geschnürt und gaben mehr Blick auf das darunterliegende frei, als anständig gewesen wäre.
Cery unterdrückte ein Seufzen. Corbin würde keine Ruhe geben, bevor er ihm seine Mädchen nicht angepriesen hatte. Er beschloss, es könne nicht schaden, sich zumindest eine auszusuchen. Er brauchte diese Gefälligkeit ja nicht nutzen, doch er ahnte, er musste nehmen, was er kriegen konnte. Es würde dauern, bis Corbin oder die anderen seiner Klienten wieder komplett zahlungsfähig waren und er wollte keinen von ihnen an die Konkurrenz verlieren.
„An deiner Stelle würd' ich danach auswählen, was du am liebsten hast", riet der Bordellbesitzer. „Tanna's sehr geschickt mit ihrer Zunge, sie kann dir ungeahnte Höhen der Lust zeigen. Lania mag's gern sehr hart, an ihr kannst du dich austoben. Und das mein' ich so. Aber wenn du für 'ne Nacht lieber'n Sklave sein willst, musst du zu Dara gehen." Er zeigte nacheinander auf drei verschiedene Mädchen, die allesamt keine Schönheiten waren. Die Haut der Letzten hatte trotz ihrer kyralischen Gesichtszüge eine leichte Goldtönung, was vermuten ließ, dass sie zur Hälfte Sachakanerin war.
Ich glaube nicht, dass ich ein Sklave sein will, fuhr es Cery durch den Kopf. Er schauderte. Nicht einmal im Bett. Aber wenn es Freier gab, die Jungen bevorzugten, gab es sicher auch solche, die es erregte, von einer Frau unterworfen zu werden. Tannas so gepriesene Zunge reizte ihn jedoch auch nicht. Ebensowenig wie der Gedanke, grob zu sein.
„Was's mit den anderen?", fragte er Interesse heuchelnd und deutete auf die vier restlichen Mädchen.
„Die machen alles, was du willst. Egal was."
Cery runzelte die Stirn und musterte alle sieben Mädchen eingehend, die seinen Blick inzwischen erwartungsvoll erwiderten. Die Aussicht, sich einem Dieb hinzugeben, war für die meisten von ihnen offenkundig verlockend.
„Das Mädchen dort, wie's ihr Name?", verlangte Cery zu wissen und deute auf ein kleines, kyralisches Mädchen, von höchstens sechzehn Jahren. Sie gehörte zu jenen, die laut Corbin alles taten, aber sie war mit Abstand die Hübscheste.
„Das's Nenia", antwortete Corbin. „Aber die gehört mir."
Es war nichts Ungewöhnliches, dass ein Bordellbesitzer sich ab und an selbst mit seinen Huren vergnügte oder unter ihnen seine Lieblinge hatte, die er regelmäßig in sein eigenes Bett holte. Aber wenn Corbin ihm schon diese Gefälligkeit anbot, dann durfte er keine Einschränkungen machen, fand Cery.
„Die und keine andere", befahl er. „Oder unser Geschäft platzt."
Die Augen des anderen Mannes weiteten sich vor Entsetzen.
„Aber ich hab' keine Frau", protestierte er.
„Dann such dir eine", sagte Cery ungerührt. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie sich Gol drohend neben ihm aufbaute. „Am besten in deinem Alter. Ich will Nenia und keine andere und ich werd' sie jetzt mitnehmen. Ich bring' sie dir morgen zurück."
„Sie gehört dir", stammelte Corbin.
Cery lächelte. Neben ihm entspannte sich sein Leibwächter.
„Dann verstehen wir uns." Er nahm Nenias Hand. Sie blickte ihn aus ängstlichen Augen an, was ihn seine Entscheidung fast wieder bereuen ließ. Er entschied, sie nicht zu verführen, solange sie kein Vertrauen zu ihm gefasst hatte und er nicht den Drang verspürte, sie sich zu nehmen. Aber für heute Nacht würde sie ihm gehören.
„Ich kann Euch gar nicht sagen, wie froh ich bin, Euch wohlbehalten zurück in Elyne zu wissen." Botschafter Errend zog ein Taschentuch aus seinem Ärmel und tupfte sich damit den Schweiß von der Stirn.
Er und Dannyl spazierten durch den Garten der Botschaft zu Capia. Nach dem frühherbstlichen Wetter in Kyralia schien es Dannyl, als sei der Sommer noch einmal zurückgekehrt. Die Nachmittagssonne schien angenehm warm. Aus der Bucht wehte eine leichte Brise die Berghänge hinauf. Ein paar Insekten summten über den in allen Farben des Sommers blühenden Blumen in den akkurat angelegten Beeten.
„Dasselbe gilt für mich", erwiderte er. Endlich war er wieder zuhause. Spät am gestrigen Abend waren er und Tayend in Capia angekommen. Die erste Nacht in seinem eigenen Bett hatte er genutzt, um auszuschlafen. Anschließend hatte er ein ausgiebiges Bad genommen, bevor er sich bei Botschafter Errend gemeldet hatte. „Auch wenn ich befürchte, dass viel Arbeit auf mich wartet."
Seit Dannyl vor zwei Jahren nach Elyne gekommen war, hatte Errend einen Großteil seiner Pflichten auf ihn abgewälzt. Dannyl beklagte sich darüber indes nur selten, weil er seine Arbeit als Diplomat liebte. Dieses Mal war er jedoch länger als sonst fortgewesen.
„Das kann man wohl sagen", antwortete Errend. „Ich werde Euch eine Liste mit Aufgaben zukommen lassen. In den nächsten beiden Monaten wird es zudem mehrere Feierlichkeiten geben, zu denen Ihr eine Einladung erhalten habt. Die erste ist Bel Fiores Geburtstagsfeier in vier Wochen."
Dannyl lächelte. „Diesen Teil meiner Arbeit mache ich noch immer am liebsten", scherzte er. „Was gibt es sonst Neues?"
Botschafter Errend gab ihm eine kurze Zusammenfassung, wer von den Dems und Bels geheiratet hatte, wer gestorben war, welche Familien miteinander im Streit lagen und was sich politisch in Elyne während seiner Abwesenheit getan hatte.
„Und der König möchte Euch so bald wie möglich sprechen", beendete er seinen Bericht. „Er will wissen, ob Elyne auch Gefahr von Sachaka droht."
Dannyl unterdrückte ein Seufzen. Es war nicht bewiesen, dass Farand wirklich von König Marend vergiftet worden war. Doch nach diesem Vorfall verspürte er keine große Lust, dem Herrscher von Elyne gegenüberzutreten. Ein paar Tage würde er diese Angelegenheit vielleicht aufschieben können, aber auch nicht länger.
„Ich werde sehen, ob ich morgen Zeit finde", sagte er. „Spätestens zum Wochenende sollte sich ein Termin gefunden haben."
Errend nickte. „Es wäre ungünstig, wenn Ihr Seine Majestät zu lange warten lasst."
Sie erreichten eine Anhöhe, von der aus sich ein atemberaubender Blick über Capia und die Bucht bot. Errend schwebte hinüber zu einer Gartenbank aus behauenem Stein, die unter einem Baum mit ausladenden Ästen stand. Ein wenig schwerfällig ließ er sich mit seiner gesamten Körpermasse darauf nieder.
„Setzt Euch, mein Freund", sagte er. „Genießt den Duft der Heimat."
Dannyl setzte sich neben ihn und berührte mit den Handflächen den kühlen Stein der Sitzfläche. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Ja, er war zuhause.
Eine Weile saßen sie da und genossen die Stille.
„Erzählt mir von der Schlacht von Imardin", forderte der andere Mann ihn schließlich auf.
Dannyl unterdrückte einen weiteren Seufzer. Er hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Er ahnte, er würde diese Geschichte noch nicht zum letzten Mal erzählt haben.
Er berichtete Errend, was sich während der Schlacht zugetragen hatte, von den anschließenden Aufräumarbeiten in der Stadt und wie sich die Gilde neu organisiert hatte.
„Eine Handvoll sachakanischer Magier hat beinahe die komplette Gilde ausgelöscht", murmelte Errend. Er hatte sein massiges Kinn auf seine Hand gestützt und sah nachdenklich hinaus in die Bucht.
„Es waren schwarze Magier", korrigierte Dannyl. „Ich war dabei, wie wir einen von ihnen erledigt haben. Wir waren etwa vierzig Gildenmagier gegen einen Sachakaner. Nachdem wir ihn getötet hatten, hatten wir uns so gut wie erschöpft."
Errend schüttelte den Kopf. „Das ist grauenhaft, Dannyl. Wirklich grauenhaft."
Dannyl nickte zustimmend. Selbst jetzt verspürte er noch den Schrecken, den er an jenem Tag empfunden hatte. An das, was wäre, wenn weitere Sachakaner Kyralia angriffen, wollte er gar nicht erst denken.
„Und diese Sachakaner sind allesamt schwarze Magier? Auch ihr König, richtig?"
Dannyl nickte. „Zumindest jene Sachakaner, die über Magie gebieten. Die übrigen sind Sklaven, die für ihre Magie und nieder Arbeiten gehalten werden."
Errend erschauderte sichtlich. „Nur eine Bergkette trennt uns von diesen Barbaren. Seit Generationen treiben wir Handel mit diesen Leuten. Und die ganze Zeit wussten wir nicht, mit welch gefährlichen Ungeheuern wir es zu tun haben."
„Die frühere Gilde hat das Wissen über schwarze Magie fast vollständig vernichtet", wandte Dannyl ein. „Wir wussten weder wirklich, was schwarze Magie ist, noch dass die Sachakaner sie praktizieren."
Botschafter Errend nickte langsam. „Und die Gilde kann sich nur vor ihnen schützen, wenn sie selbst ein paar schwarze Magier hat."
„So ist es", sagte Dannyl. „So verabscheuungswürdig diese Kunst auch ist, so sind wir doch darauf angewiesen." Seit Akkarins Anhörung drehten sich seine Gedanken bei diesem Thema immer und immer wieder im Kreis. Es widerstrebte seinem gesunden Menschenverstand, wie etwas so Böses so gut sein konnte. Dannyl wusste, er würde niemals schwarze Magie zu erlernen – nicht einmal um die Verbündeten Länder vor dem Untergang zu bewahren. Er bewunderte Akkarin und Sonea, weil sie das gewagt hatten, feierte sie sogar, und wusste zugleich nicht, ob ihm das gefallen sollte.
„Dannyl, was denkt Ihr?", riss Errend ihn aus seinen Gedanken. Dannyl wandte sich ihm zu. Das Gesicht des Botschafters war bleich geworden. „Ist Elyne in Gefahr?"
„Ich weiß es nicht." Dannyl hatte sich diese Frage in den vergangenen Wochen oft gestellt. „Der Hass der Sachakaner bezieht sich hauptsächlich auf Kyralia. Wir waren es, die sie im letzten Krieg besiegt haben, auch wenn Elyne dabei geholfen hat. Wir haben ihr Land so sehr verwüstet, dass es noch immer in großen Teilen unbewohnbar ist. Lord Akkarin behauptet, die politische Lage in Sachaka sei dadurch sehr kompliziert geworden und dass eine Art Bürgerkrieg herrscht.
„Bis vor wenigen Monaten dachten die Sachakaner, die Gilde würde noch immer schwarze Magie praktizieren, weswegen sie uns gefürchtet haben. Sie wissen, dass die Gilde aus Magiern aller Verbündeter Länder besteht, wenn auch die meisten Kyralier sind. Es ist reine Spekulation, ich bin kein Krieger, aber wir sollten uns nicht allzu sicher wähnen. Die Sachakaner könnten zuerst Elyne einnehmen, sich stärken und dann von dort aus Kyralia angreifen. Umgekehrt könnte Elyne ihr nächstes Ziel sein, wenn sie erst einmal Kyralia erobert haben."
Errend nickte langsam. „Allein durch das Bündnis beider Länder wäre Elyne in Gefahr, weil es zur Hilfe verpflichtet ist, sollte es zu einem Krieg kommen. Es ist sehr schwierig vorauszusagen, was passieren wird."
Dannyl konnte seine Beunruhigung förmlich spüren. „Ich denke aber nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen", sagte er. „Die Elyner haben nicht viel getan, was ihnen den Zorn Sachakas einhandeln dürfte."
„Ist es das, was Ihr glaubt?"
„Ja", antwortete Dannyl. „Aber wir sollten dennoch anfangen, Sachaka als potentielle Gefahr zu betrachten. Selbst, wenn wir uns aus allem heraushalten, wären wir für die Sachakaner ein leichtes Ziel."
Der von Hecken gesäumte Weg vom Heilerquartier zur Arena war kurz. Sonea beeilte sich, weil Lady Vinara an diesem Tag ihren Unterricht wieder einmal überzogen hatte. Die Behandlung eines Patienten konnte mit dem Gong zum Unterrichtsende nicht einfach abgebrochen werden. Inzwischen hatte Soneas Lehrerin das mit Akkarin besprochen und er nahm ihr Zuspätkommen hin.
Aber wenn sie später zu Kriegskunst erschien, überzog Akkarin ebenfalls. Das bedeutete, sie waren später zuhause, aßen später zu Abend und sie fing später mit Lernen an. Und sie gingen später schlafen. Zu Soneas Freude wartete Akkarin mit dem Zubettgehen jeden Abend auf sie, egal wie lange sie lernte. Allerdings hatte sie dann oft nicht mehr viel von seiner Nähe, weil sie sofort einschlief, was zuweilen frustrierend war. An diesem Abend würde es sehr spät werden, weil Akkarin ihr wieder Unterricht in kyralischen Standardtänzen und Hofetikette geben würde.
Eine Gestalt trat aus einem der Seitenwege und versperrte ihr den Weg.
Veila.
„Hallo, Veila", sagte Sonea betont freundlich. „Tut mir leid, aber ich habe jetzt keine Zeit für dich. Ich muss zu Kriegskunst."
„Ich weiß, du willst deinen Liebsten nicht warten lassen", sagte Veila gespielt einfühlsam.
Sonea verschränkte die Arme vor der Brust. Musste sie sich das wirklich bieten lassen? „Er ist mein Mentor", zischte sie.
Mit einem nachsichtigen Lächeln strich Veila über Soneas Wange. „Süße, lassen wir doch einfach dieses Versteckspiel."
„Veila, was willst du?", fragte Sonea kühl, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. Es kostete sie all ihre Beherrschung, nicht nach ihrer Magie zu greifen und Veila von sich zu stoßen. Sie wusste, das würde Konsequenzen geben.
„Ich habe gehört, dass du deinen Liebsten zu dem Bankett begleitest, das morgen im Palast stattfindet."
„Weil er mir befohlen hat, ihn zu begleiten."
„Und du gehorchst ihm natürlich bereitwillig." Veila kicherte leise. „Hoffst du etwa, ihm damit zu gefallen?"
„Wenn ich ihm nicht gehorchen würde, dann wäre ich wohl eine schlechte Novizin", gab Sonea zurück. Du hättest bestimmt nicht viel bei ihm zu lachen, dachte sie verächtlich und verspürte mit einem Mal einen unverhohlenen Stolz, Akkarins Novizin zu sein.
Veila betrachtete sie mit einem abschätzigen Blick. „Etwas anderes gehört sich für jemanden wie dich auch nicht", sagte sie herablassend.
„Was soll das heißen?"
„Du kommst aus dem Dreck. Darüber kann weder dein perfekt gekämmtes Haar noch deine makellose Haut hinwegtäuschen. Du bist eine Schande für Haus Velan. Deswegen wirst du nicht mit Lord Akkarin zu dem Ball gehen."
Nur mit Mühe unterdrückte Sonea das Zittern, das sie bei Veilas Worten befallen hatte. Es stimmte, sie kam aus dem ärmsten Teil der Stadt. Aber sie besaß weitaus mehr Menschlichkeit und Anstand als diese andere Novizin. Nur leider würde ihr das nicht helfen. Veila hatte sich bereits ihre Meinung über sie gemacht.
„Wenn du so dringend mit Lord Akkarin zu dem Bankett gehen willst, warum fragst du ihn dann nicht einfach?", gab sie zurück. „Ich werde ihn jetzt gleich in der Arena sehen. Du kannst mitkommen und ihn direkt fragen. Ich weiß, du bist sowieso jedes Mal da um ihn anzuschmachten."
Veila wollte den Mund öffnen, doch Sonea schnitt ihr das Wort ab.
„Ich kenne genügend Männer, die sich sogar mit ihm duellieren würden, um mich morgen Abend zu begleiten. Aber wenn ich es mir recht überlege, kann ich mir kaum vorstellen, dass er in Begleitung einer so oberflächlichen Reberkuh wie dir zu einer Veranstaltung gehen will, wo der König ihm vor allen einflussreichen Leuten aus den Häusern verzeiht. Denn das würde wirklich Schade über Haus Velan bringen." Sie runzelte die Stirn und tat als denke sie nach. „Geh ruhig und frag ihn. Aber ich bin sicher, er wird nein sagen."
Veilas Gesicht war vor Zorn dunkelrot angelaufen und ihre vornehmen Gesichtszüge hatten sich verzerrt.
„Das werden wir ja sehen", zischte sie und stürmte in Richtung Arena davon.
Sonea lächelte humorlos. Sie gewährte Veila einen Vorsprung von zwei Minuten. Das war bereits überaus großzügig. Wahrscheinlich würde Veila sehr viel weniger Zeit benötigen, um einen Korb von Akkarin zu bekommen. Sonea hoffte, das würde der hochnäsigen Novizin eine hinreichend gute Lektion sein, um aufzugeben.
Schließlich nahm sie ihre Tasche und ging zur Arena.
Akkarin erwartete sie auf der Kampffläche.
„Entschuldigt die Verspätung, Mylord", sagte Sonea und verneigte sich. „Lady Vinara hat mich länger dabehalten."
Er winkte ab. „Mir ist selbst etwas dazwischen gekommen."
„Was denn?", fragte sie, bemüht ihre Neugier zu verbergen. Aber wahrscheinlich waren ihre Gedanken für ihn in diesem Moment nur unschwer zu ignorieren.
Akkarins Gesicht verfinsterte sich. Sein Blick huschte flüchtig zur Zuschauertribüne. „Jemand hat sich angemaßt, meine Entscheidungen in Frage zu stellen", sagte er gefährlich leise.
Sonea blickte zur Tribüne. Dort saß Veila zwischen ihren Freundinnen aus dem fünften Jahr. Sie wirkte noch wütender als wenig zuvor beim Heilerquartier. Ein wenig bewunderte sie ihre Rivalin, weil sie tatsächlich den Mut gehabt hatte, Akkarin zu fragen.
Siehst du?, dachte Sonea. Sie verspürte einen jähen Triumph. Er würde dich niemals in Betracht ziehen.
Als Akkarin ihr eine Hand auf die Schulter legte, um ihren Inneren Schild zu errichten, freute sie sich zum ersten Mal auf Kriegskunst.
