Name der Story: The Way of a Deatheater
Art der Story: Darkfiction
Autor: Josephine
Kapitel: 10
Titel: Erwachen
Erzählt von Albus Dumbledore:
Ich hatte mir gerade eine Tasse Tee gemacht und mich hinter meinen Schreibtisch gesetzt, als es an meiner Tür klopfte. Ich runzelte leicht die Stirn, denn eigentlich hatte ich an diesem Morgen keinen Besuch erwartet und alle Lehrer waren momentan im Unterricht. Poppy war heute Morgen noch bei Severus gewesen und ihn einer langwierigen Untersuchung unterzogen, denn gestern hatte er uns mit der Nachricht schockiert, heute auf jeden Fall wieder unterrichten zu wollen. Natürlich waren wir alle nicht wirklich begeistert von diesem Entschluss gewesen, doch wenn sich Severus einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es schier unmöglich, ihn von seinen Plänen abzuhalten. Natürlich war sie strikt dagegen gewesen und auch mir war nicht wohl dabei, ihn jetzt schon wieder auf den Beinen zu sehen. Poppy war noch vor kurzem bei mir gewesen und hatte mir mit einem Schnauben erzählt, dass Severus' gesundheitlicher Zustand noch immer zu wünschen übrig ließ, er ihre Bedenken jedoch alle unbeachtet in den Wind geschossen hatte.
Wer also sollte da vor meiner Tür stehen? Eine leichte Unruhe ergriff von mir Besitz, als ich befürchtete, es könnte Poppy sein, die mir erzählte, dass Severus erneut zusammengebrochen war – oder schlimmeres. Es klopfte noch einmal und ich beeilte mich, um meinen Schreibtisch herum zu gehen und die Tür zu öffnen.
Ich war sichtlich überrascht, mich niemand anderem als Harry Potter und Draco Malfoy gegenüber wieder zu finden, was meine Befürchtungen nur noch steigerte, denn wenn diese beiden gemeinsam vor meiner Tür standen, musste es sich wohl um etwas ziemlich Wichtiges handeln.
„Harry, Draco. Was verschafft mir die Ehre eures Besuches?"
Ich ließ sie herein und wies die Beiden an, sich auf die beiden Stühle vor meinem Schreibtisch zu setzen, während ich versuchte, mir meine Unruhe nicht anmerken zu lassen. Harry Potter und Draco Malfoy zusammen. Das sah man auch nicht alle Tage!
Ich selbst schloss zuerst die Tür, setzte mich dann wieder hinter den Schreibtisch und sah die beiden durchdringen an. Sie rutschten ein wenig nervös auf ihren Stühlen hin und her, während ihre Blicke unruhig durch mein Büro wanderten. Ich runzelte wieder die Stirn und schluckte hart. Es musste um etwas Ernstes gehen und um die Anspannung, die mir mit einem Mal fast greifbar erschien, etwas zu lösen, räusperte ich mich leise und blickte zuerst Harry, dann Draco fest in die immer noch unschlüssig wandernden Augen.
„Möchtet ihr eine Tasse Tee?"
Harry sah Draco kurz an, beide blickten sich, scheinbar noch unschlüssig, einen Moment lang in die Augen und nickten schließlich fast synchron. Ich zauberte zwei weitere Tassen, eine mit heißem, schwarzem Tee gefüllte Kanne und eine kleine Schale mit Zucker herbei. So, wie die Beiden wirkten, konnten sie einen kleinen Zuckerschub ziemlich gut gebrauchen!
Nachdem ich Harry und Draco jeweils Tee mit drei Löffeln Zucker eingeschenkt hatte, lehnte ich mich mit meiner eigenen Tasse in den Händen zurück und musterte die Beiden schweigend. Sie hatten bisher noch kein einziges Wort gesagt, blickten beide auf den Boden und verzogen keine Miene, als sie von dem garantiert viel zu süßen Tee probierten. Meine Gedanken kreisten und ich glaubte langsam zu wissen, weshalb sie zu mir gekommen waren. Es konnte sich eigentlich nur um Severus handeln, doch um endgültige Gewissheit zu erlangen, fragte ich noch einmal:
„Warum seid ihr Beiden denn nun zu mir gekommen?"
Harry nippte an seinem Tee, während Draco immer noch stumm auf den Boden starrte.
„Es geht um Professor Snape, Sir", meinte Harry und nippte wieder unruhig an seinem Tee.
Ich schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. Also hatte ich Recht gehabt, es ging wirklich um Severus. Was war geschehen?
„Was ist mit ihm?", fragte ich mit leicht zitternder Stimme und nahm einen Schluck süßen Tees, um mich selbst etwas zu beruhigen.
Harry war Draco einen unschlüssigen Blick zu, doch noch immer starrte der Blonde auf den Boden und schwieg.
„Nun ja. Wir hätten jetzt eigentlich eine Doppelstunde Zaubertränke bei ihm und da Professor Snape nicht kam, dachten wir, es wäre besser Ihnen Bescheid zu sagen!"
Ich spürte, wie Erleichterung sich schneller in meinem Körper ausbreitete wie der warme Tee. Also war Severus noch gar nicht im Klassenraum erschienen und womöglich ging es ihm gut – hoffte ich.
Ich blickte den jungen Mr. Malfoy durchdringend an, während ich einen weiteren Schluck Tee nahm. Er hatte es also tatsächlich keinem gesagt. Er war der einzige Schüler, der wusste, dass der Zwischenfall mit dem verunglückten Trank Severus das Leben hätte kosten können.
Erzählt von Severus Snape:
Ich versuchte nun schon seit einer geschlagenen Viertelstunde mein verknotetes Haar mit einer Bürste zu bändigen – natürlich ohne Erfolg. Leise fluchend, da ich in solcherlei belanglosen Dingen nicht gerade geduldig war, riss ich an der Bürste, die immer wieder an einem anderen Knoten hängen blieb. Den dabei entstehenden Schmerz ignorierte ich gekonnt und sichtlich erschöpft ließ ich es dann doch bleiben, löste die Knoten mit einem einfachen Zauberspruch und widmete mich meiner Robe.
Normalerweise machte ich mir nicht viel aus meinem Aussehen, doch ich hatte in den letzten Tagen ausgehen wie der Tod persönlich und ich musste ja nun wirklich nicht dem ganzen Schloss noch mehr Gründe zu den wildesten Spekulationen liefern. Wahrscheinlich kursierten ohnehin schon haarsträubende Geschichten über mich durch die Gänge, aber das war ich gewöhnt.
Der Weg zu meinem Kleiderschrank erschien mir heute besonders lang und bereits nach wenigen Metern überkam mich ein starkes Schwindelgefühl. Für einen kurzen Augenblick war vor meinen Augen alles schwarz und ich musste mich sichtlich bemühen, nicht ohnmächtig zu werden. Meine Beine drohten unter mir nachzugeben und nur mit Mühe und Not gelang es mir, stehen zu bleiben. Ein leises Fluchen kam über meine Lippen, während vor meinen Augen noch immer bunte Sterne tanzten. Ich zwang meinen Geist zurück in die Gegenwart und setzte, immer noch leicht schwankend, meinen Weg zum Kleiderschrank fort.
Unterwegs stieß ich gegen mindestens drei Möbelstücke, fragte mich flüchtig, ob die vorher auch schon da gestanden hatten und wäre beinahe über den Teppich gestolpert, bevor ich endlich am gewünschten Ziel ankam. Zwar mit einigen blauen Flecken, aber ich war immerhin angekommen.
„Ui toll, das muss in deinen Augen ja eine wahre Glanzleistung gewesen sein…", kam gleich ein Kommentar von oben, dem ich jedoch keine weitere Beachtung schenkte. Die Tatsache, dass sich diese leise Stimme, wahrscheinlich das Phänomen, was andere als „Gewissen" oder dergleichen bezeichnen würden, in letzter Zeit immer öfter meldete, ließ auf meinen geistigen Zustand schließen, der alles andere als gut war. Wie ich mein Leben doch hasste…
In Gedanken versunken und mit zitternden Händen zog ich mich um. Mein Blick wurde unscharf und mein ganzer Kopf pochte, doch ich würde heute, komme was wollen, wieder unterrichten!
Als ich fertig war ließ ich mich langsam nach hinten fallen und sank in die weiche Decke meines Bettes. Kurz schaute ich an die dunkle, steinerne Decke, bevor ich schließlich kurz die Augen schloss und versuchte, das Schwindelgefühl, welches ich die ganze Zeit schon hatte, zu verdrängen.
Was war nur los mit mir?
So vieles war in den letzten Tagen passiert und ich hatte die Kontrolle verloren. Über das, was geschah, aber auch über mich selbst – und damit konnte ich nicht umgehen. Jetzt würde es sicherlich jeder wissen, der aufgepasst hatte und eins und eins zusammenzählen konnte. Lupin, McGonagall, vielleicht sogar Potter und Co. …und auch Albus.
Was mochte er wohl gedacht haben, als er die schreckliche Wahrheit herausgefunden hatte?
Der bloße Gedanke daran schmerzt und ließ mich schaudern. In all den Jahren hatte ich den Direktor sehr zu schätzen gelernt, auch, wenn ich nicht ganz das war, für das er mich bisher gehalten hatte. Das änderte nicht viel an meinen „Gefühlen" ihm gegenüber.
Aber ich hatte ihn enttäuscht, wieder einmal.
Der Direktor hatte so viel für mich getan und trotzdem würde ich es nie schaffen, den Pfad des Dunkeln für ihn zu verlassen. Dafür war es schon lange zu spät und ich war den Weg bereits viel zu weit gegangen. Selbst, wenn ich es gewollt hätte, ginge es nicht mehr.
Nicht jetzt…niemals…
Immer noch erschöpft und mit schweren Gliedern erhob ich mich vom Bett, ging etwas im Zimmer umher und blieb auf einmal ruckartig stehen. Ohne zu wissen warum zog ich langsam meinen weiten, linken Robenärmel nach oben…und zuckte zusammen.
Drohend leuchtet es auf meinem schneeweißen Arm: Das Dunkle Mal. Ein Zeichen des Todes und der Finsternis. Blutrot. Sanft fuhr ich mit den Fingern über das Brandmal. Ich hörte die Schreie Jener, die ich im Namen des Dunklen Lords getötet hatte. Feinde, aber auch Freunde und Schulkameraden.
„Gebrandmarkt wie ein Stück Vieh!", durchzog ein grausamer Gedanke meinen Geist, der aber dennoch der Wahrheit entsprach.
In einem plötzlichen Anfall von Hysterie fing ich an, hoch und schrill zu lachen. Immer lauter…und unmenschlicher. Ich sank kraftlos zu Boden und mein hysterisches Lachen hallte von den undurchlässigen Wänden wieder. Tränen liefen mir die Wangen hinunter und hinterließen eine glitzernde Spur auf meinem Gesicht.
Es war falsch.
Alles war falsch.
Solch einen „Gefühlsausbruch" hätte ich niemals bekommen dürfen, denn so etwas war einfach nicht meine Art! Und dennoch gelang es mir nicht, in diesem Moment meine Gefühle zu kontrollieren. Ich schluchzte, lachte, schrie. Mein ganzer Körper zitterte und ich konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Es war, als würde ich von einer riesigen Welle mitgezogen und hätte keine Kraft mehr, mich gegen sie zu wehren. Wie eine schnurlose Marionette wurde mein willenloser Körper in einen Strudel aus Emotionen hineingezogen und ich drohte in ihnen zu ertrinken.
Was sollte ich jetzt nur tun? Wie würde es weitergehen?
Und vor allem…
…was geschah mit mir?
oOo
Erzählt von Albus Dumbledore:
Harry und Draco hatten gerade eben mein Büro verlassen und in Gedanken versunken hielt ich noch immer meine leere Teetasse in den Händen. Ein ungutes Gefühl beschlich mich und lähmte meinen gesamten Körper. Severus ging es nicht gut, das spürte ich. Hatte ich mir vor dem Besuch von Harry und Draco noch vorgemacht, dass sicherlich alles in Ordnung sei, so wusste ich nun, dass doch etwas schief gelaufen sein musste.
Wieso auch hatten wir uns ihm gegenüber nicht durchgesetzt und es ihm verboten, heute schon zu unterrichten?
Ganz einfach: Er wäre auch trotz unseres Verbotes gegangen. Wir hätten ihn schon mit einem Zauber an sein Bett fesseln müssen um zu verhindern, dass er heute bereits, viel zu früh, wieder aufstand und unterrichtete, doch das hatte ich nicht gewollt. Severus war alt genug, um die Grenzen seines Körpers selbst zu kennen…
„Er kennt sie, aber er akzeptiert sie nicht!", durchzog sogleich ein Gedanke meinen Kopf und ich schüttelte traurig den Kopf. Das stimmte – leider. Wenn das so weiter ging, würde Severus sich früher oder später selbst richten und das konnte ich einfach nicht zulassen!
Entschlossen, etwas zu unternehmen, stellte ich die leere Tasse mit einem leisen Klirren auf meinem Schreibtisch ab, vergewisserte mich, dass ich meinen Zauberstab in eine meiner Robentaschen hatte und machte mich auf den Weg hinunter in die Kerker.
oOo
Ich wusste nicht, wie lange er schon so da saß und seit wann er überhaupt wach war, aber sein Anblick erschreckte mich. Sein Körper war abgemagert und ausgezerrt. Er hatte die Knie an den Körper gelegt und den Kopf darauf abgestützt. Seine ganze Haltung drückte solch eine Verletzlichkeit, solch eine Verzweiflung aus, wie ich sie bei ihm noch niemals zuvor gesehen hatte.
Severus schien nicht bemerkt zu haben, wie ich in den Raum gekommen war, denn als ich langsam auf ihn zuging, zeigte er noch immer keine Regung.
„Severus?", fragte ich leise und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter, wobei er deutlich zusammenzuckte und ich diese Tat sofort bereute. Ich wusste doch, wie er auf körperliche Nähe reagierte und dennoch hatte ich ihn berühren müssen. Beinahe, als wollte ich mich davon vergewissern, dass der schwarze Schatten vor mir wirklich Severus Snape war.
Langsam hob er den Kopf und nun war es an mir, erschrocken zurück zu weichen.
Seine leeren, ausdruckslosen Augen starrten mich an, als hätte er mich noch niemals zuvor gesehen. Sein Gesicht war abgemagert, die Augen lagen in tiefen Höhlen und waren immer noch leicht glasig vom Fieber.
Ich setzte mich ihm gegenüber auf den kalten Steinboden und wollte seine Hand in die meinen nehmen, doch ruckartig sprang Severus auf und wich vor mir zurück. Sein Blick glitt panisch zu allen Seiten, ganz so, als suche er einen möglichen Fluchtweg.
„Severus…"
Ich hielt meine Arme beruhigend vor mich und sprach mit leiser, kaum wahrnehmbarer Stimme.
„Ganz ruhig, Severus. Ich bin es. Albus."
Nach wenigen Schritten stieß er an die Wand und starrte mich noch immer mit blankem Entsetzen an.
„Severus…Kind…", versuchte ich es ein weiteres Mal und bei dem Wort „Kind" zuckte er zusammen und der starre Ausdruck im Gesicht des Meisters der Zaubertränke wich zuerst Erstaunen und schließlich dämmender Erkenntnis. Severus sank an der gegenüberliegenden, dunklen Steinwand herab und legte seinen Kopf in die Hände.
Ich ging auf ihn zu, hockte mich neben ihn und strich sanft über seine langen, schwarzen Haare.
„Was hat das Leben dir nur angetan, mein Kind?"
Ich entfachte mit einer angedeuteten Handbewegung ein warmes, flackerndes Feuer im Kamin und als Severus den Kopf hob spiegelten sich die rötlichen Flammen in seinen Augen.
„Albus…"
Seine Stimme war leise und kalt, doch sie bebte nur so vor unterdrückten Gefühlen. Schwarze Haarsträhnen fielen ihm ins Gesicht und ließen ihn nur noch gespenstischer wirken.
„Schhhh…ganz ruhig, Severus."
Sein magerer Körper bebte vor Schmerz und er krümmte sich leicht in meiner Umarmung. Beruhigend strich ich ihm immer noch über den Kopf und langsam hörte das Zittern auf.
Erzählt von Harry Potter:
Das Abendessen ging zügig dem Ende zu und ich hatte mir immer noch keine Ausrede für Ron und Hermine einfallen lassen, warum ich gleich nicht mit ihnen in den Gemeinschaftsraum gehen konnte. Während ich immer noch fieberhaft nach einer wenigstens halbwegs plausiblen Erklärung suchte warf ich Malfoy einen kurzen Blick zu, der scheinbar nur auf ein Zeichen von mir gewartet hatte. Er nickte mir kurz zu und verschwand dann schnellen Schrittes in Richtung Ausgang. OK. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Ich erhob mich von meinem Platz und wollte mich gerade umdrehen, als Ron mich hinten am Umhang packte und völlig erstaunt fragte:
„Wo willst du denn hin?"
Hermine blickte mich neugierig an, als wollte sie sagen: „Na, das würde ich auch mal gerne erfahren."
Und jetzt? Was sollte ich jetzt sagen?
„Ich wollte mich nur mit Malfoy vor dem Büro des Direktors treffen und mich nach Snapes gesundheitlichem Zustand erkundigen."
Wieso auch nicht? Da klang auch wirklich sehr glaubwürdig…obwohl es doch der Wahrheit entsprach.
„Ich…ähm…ich", stotterte ich mir zusammen. „Ich wollte noch einmal in die Bibliothek."
Hermine und Ron sahen mich zuerst skeptisch an, grinsten dann jedoch beide unverschämt breit und ich wollte lieber nicht wissen, was sie in diesem Moment dachten. Wahrscheinlich vermuteten sie eine geheime Verabredung mit einem Mädchen oder dergleichen, wenn man nach ihrem Grinsen und dem beschwörenden Blick seitens Hermine ging.
Warum machte ich das hier eigentlich? Warum interessierte mich, wie es Snape ging? Immerhin war er der am meisten gehasste Lehrer hier in Hogwarts, mein persönlicher Feind innerhalb der Schulmauern zusammen mit Draco Malfoy…
…und mit eben jenem wollte ich jetzt hoch in das Büro des Direktors gehen und mich nach dem gesundheitlichen Zustand Professor Snapes erkundigen.
Sachen gab es…
Ich redete mir selbst ein, dass es daran lag, weil Professor Snape seit meinem ersten Tag in Hogwarts stets eine verlässliche Konstante gewesen war. Zwar immer fies, gemein und gefühlskalt, aber dennoch war er auf irgendeine Weise immer da gewesen, hatte mir, wenn auch auf etwas unorthodoxe Art und Weise, mehr als einmal zur Seite gestanden und…naja…irgendwie gehörte er für mich ganz einfach dazu, wenn es um Hogwarts ging. Er war ein Teil dieser Schule so wie wir auch und aus diesem Grund hatte ich anscheinend irgendwann in den vergangenen Wochen und Monaten begonnen, anders über diesen düsteren, abweisenden Mann zu denken.
„Meine Güte, du brauchst aber verdammt lange!" begrüßte mich Draco Malfoy am Eingang zu Dumbledores Büro und riss mich so mitten aus meinen Gedanken.
„Ich musste mir noch eine Ausrede für Ron und Hermine ausdenken", verteidigte ich mich schnell.
Malfoy grinste breit und zuckte dann nur mit den Schultern. Er nannte das Passwort und als der steinerne Wasserspeier schwungvoll zur Seite wich betraten wir wieder gemeinsam die Treppe, die hinauf zum Büro des Direktors führte.
„Hoffentlich wird das nicht zu Angewohnheit…", meinte Malfoy spöttisch.
Mit einem leichten Nicken in seine Richtung stimmte ich ihm zu. Das wäre ja noch schöner…
Erzählt von Draco Malfoy:
Das war mal wieder typisch Gryffindor. Eine halbe Ewigkeit brauchen um sich eine halbwegs glaubhafte Ausrede einfallen zu lassen, aber dann wie von der Tarantel gestochen in das Büro von Dumbledore stürmen. Jegliche Hilfe war bei diesem Zustand zwecklos. Diese Eigenartigkeiten waren den ach so tollen Gryffindors wohl angeboren.
Wir betraten also bzw. stürmten das Büro des Direktors, der uns zuerst verwundert ansah, dann aber leicht lächelte und uns herein bat.
„Harry, Draco. Was für eine freudige Überraschung. Setzt euch doch."
Wir setzten uns, beinahe schon in alter Gewohnheit, wieder auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch, bekamen prompt eine Tasse Tee in die Hand gedrückt und schwiegen einen Augenblick.
„Wir wollten eigentlich nur fragen, Sir, wie es Professor Snape geht!?", meinte ich trocken und schluckte hart. Ich hatte Angst vor der Antwort, doch nach außen hin musste ich unbedingt meine kühle Arroganz bewahren. Schon schlimm genug, dass ich hier mit Potter im Schlepptau aufgekreuzt war, da musste ich nicht unbedingt auch noch so etwas wie Gefühle zeigen.
„Das kann ich Ihnen leider nicht so genau sagen, Mr. Malfoy", antwortete der Direktor mit leiser Stimme und ich ließ bereits traurig den Kopf hängen, als er mit einem seltsamen Unterton in der Stimme fortfuhr. „Aber wieso fragen Sie ihn das nicht selber?"
Verwundert blickte ich Potter an, der aber genauso wenig zu verstehen schien wie ich - wenigstens etwas.
Langsam begann sich eine Hoffnung und gleichzeitig ein Verdacht in mir breit zu machen und langsam drehte ich mich um…
…und stockte mitten in der Bewegung. Meine Kehle erschien mir in diesem Moment wie ausgetrocknet und meine Stimme hatte sich verabschiedet, denn außer einem überraschten Krächzen bekam ich keinen Ton heraus. Schnell schaute ich zu Potter rüber um mich zu vergewissern, dass er das Selbe sah wie ich.
Er verzog leicht das Gesicht und machte den Eindruck, als würde er sich zwischen den Optionen Flucht und Erleichterung nicht wirklich entscheiden können. Also hatten mir meine Augen scheinbar doch keinen Streich gespielt!
Lässig gegen den Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt und mit leicht amüsiertem Gesichtsausdruck stand er da: Professor Severus Snape.
Es war so schön, ihn endlich wieder zu sehen, zu wissen, dass es ihm wieder besser ging. Ohne überhaupt darüber nachzudenken sprang ich auf, durchquerte das Büro mit ein paar großen Schritten und sprang meinem Hauslehrer förmlich in die Arme.
Dieser taumelte leicht zurück und als ich breit grinsend zu ihm hinauf sah schien er im ersten Moment so überrascht, dass mir erst jetzt richtig klar wurde, was ich getan hatte. Was würde Potter jetzt wohl über mich denken? Und Dumbledore erst? – Aber es war mir egal!
Alles, was zählte war Professor Snape, der seine Überraschung scheinbar überwunden hatte und nun meine Umarmung, wenn auch zögerlich und kaum spürbar, erwiderte.
„Professor…", stammelte ich und drückte ihn, eigentlich völlig untypisch für mich, noch etwas fester.
„Na na, Draco. Wenn du nicht aufpasst erdrückst du Severus noch", meinte Dumbledore leicht spöttisch und zwinkerte Harry Potter zu. Peinlich berührt und etwas unsicher schaute ich nach oben, doch mein Hauslehrer machte keine Anstalten, mich von sich zu schieben. Ein leichtes Lächeln lag stattdessen auf seinen schmalen Lippen und er nickte mir zu.
„Ich bin auch froh, dich wieder zu sehen, Draco!"
„Nun, Harry", begann der Direktor und seine Augen leuchteten immer noch freundlich hinter den halbmondförmigen Brillengläsern, „ich denke es ist Zeit für euch Beide ins Bett zu gehen, denn ihr habt morgen Beide Unterricht."
Er trank einen weiteren Schluck Tee und musterte das Schauspiel, welches sich in seinem Büro abspielte, mit einem amüsierten Lächeln.
„Sie haben Recht, Direktor. Es ist wohl das Beste, wenn wir jetzt endlich schlafen gehen."
Harry trank den letzten Schluck des viel zu süßen Tees, den ich unbeachtet auf dem Schreibtisch abgestellt hatte und erhob sich. Abwartend warf er mir einen fragenden Blick zu und alles in mir sträubte sich dagegen, dass Büro des Direktors jetzt schon zu verlassen. Ich hatte mir in den letzten Tagen solche Sorgen um Severus Snape gemacht, der für mich unendlich viel mehr war als bloß mein Hauslehrer, dass mir jede noch so kurze Zeit mit ihm in diesem Moment unendlich kostbar erschien. Wie oft hatte er mich schon wieder aufgerichtet, als ich bereits aufgegeben hatte? Wie oft war er an meiner Seite gewesen, wenn ich mich von allen verlassen gefühlt hatte? Ich verdankte diesem Mann so viel und war daran schuld, dass er beinahe gestorben wäre…
„Kommst du, Draco? ", riss mich Potter in diesem Moment unsanft aus meinen Gedanken und ich schüttelte leicht den Kopf.
Ich sah zuerst Potter und danach Professor Snape an, bevor ich schließlich leicht den Kopf schüttelte.
„Nein, ich bleibe noch kurz hier, wenn ich darf…"
Ich warf dem Direktor einen bittenden Blick zu, der mir daraufhin lächelnd zunickte und sich eine weitere Tasse Tee eingoss.
„Okay, dann sehen wir uns morgen", sagte er grinsend zu mir. „Professor…" Er verabschiedete sich mit einem verschmitzten Lächeln von Professor Snape, drehte sich zur Tür und machte sich auf den Weg.
Kaum war er zur Tür hinaus, drückte ich mich noch etwas fester an Professor Snape, sodass sein weiter Umhang meinen Körper bedeckte wie der weite Flügel eines großen, schwarzen Vogels.
„Wie die Flügel eines Raben!", dachte ich und musste grinsen. Mal wieder. Meine Lachmuskeln taten schon weh, weil sie so viel Arbeit an einem Tag gar nicht gewohnt waren.
„Ihr gebt ein ziemlich lustiges Bild ab, ihr Beiden. So etwas habe ich ja auch noch nicht gesehen…"
Diese Sätze, auch wenn sie freundlich gemeint waren, trafen mich hart und mir wurde auf einmal wieder klar bewusst, was ich hier tat und wie komisch es aussehen musste. Ich wurde leicht rot und sah beschämt zu Professor Snape hinauf.
Dieser schenkte mir eines seiner seltenen, schmalen Lächeln und meinte mit leiser Stimme: „Es ist schon in Ordnung, Draco. Ich bin ja auch froh, dich wiederzusehen."
Er drückte mich noch einmal fest an sich und ging dann einen kleinen Schritt zurück…
Nur für die Dauer eines Augenblickes konnte ich ihm in die Augen sehen, doch noch im selben Moment durchfuhr mich eine solche Angst, wie ich sie niemals zuvor empfunden hatte. Erschrocken taumelte ich einen Schritt zurück und starrte meinen Hauslehrer aus weit aufgerissenen Augen an.
Das sonst so bösartige Glitzern in seinen Augen, dieses unbändige Feuer, welches ich so gemocht hatte, war…verschwunden.
Seine Augen waren vollkommen leer und ausdruckslos – sie wirkten tot.
In diesem Moment konnte ich meine Gefühle einfach nicht mehr hinter einer Maske verstecken und wahrscheinlich stand in meinen Augen pures Entsetzen, denn Professor Snape schloss für einen kurzen Moment scheinbar gequält die Augen, ging einige Schritte von mir weg und schüttelte dann ganz leicht den Kopf. In seinen leeren Augen konnte ich keine Gefühlsregung ausmachen und seine Stimme klang gewohnt kühl und dunkel, als er sprach.
„Ich denke, Du solltest jetzt lieber auch ins Bett gehen, Draco. Es wird langsam Zeit, denn morgen ist Unterricht."
Mit diesen Worten drehte er sich um, ging zum Kamin und stellte sich wortlos mit dem Rücken zu mir und Dumbledore davor. Ich wollte zu ihm, mein Verhalten irgendwie erklären, doch Dumbledore hielt mich von hinten sanft zurück und flüsterte: „Lass es gut sein, Draco. Es ist wohl besser, wenn du jetzt wirklich gehst!"
Es wiederstrebte mir zutiefst, jetzt zu gehen, doch ich spürte, dass ich heute Nacht nichts mehr erreichen würde. Von einem Augenblick auf den nächsten war etwas zwischen uns zerstört worden und ich fühlte mich mit einem Mal so fehl am Platze, wie noch niemals zuvor. Es war, als hätte jemand eine unsichtbaren Mauer zwischen uns errichtet, die so weit in den Himmel hinauf ragte, dass ich ihr Ende nicht erkennen konnte und so fügte ich mich schließlich dem Willen des Direktors – und meines Hauslehrers.
Mit einem letzten Blick auf den schmalen, in schwarzen Stoff gehüllten Rücken vor mir drehte ich mich um, nickte traurig und ging zur Tür. Wortlos verließ ich das Büro, stolperte schweigend den Weg zurück in den Gemeinschaftsraum und ließ mich, noch vollkommen bekleidet, mit salzigen Tränen in den Augen in mein Bett sinken.
