Uns? Draco zog eine Augenbraue nach oben.
„Ihr werdet mir eine spannende Geschichte doch nicht verwehren – oder?" Diese Frage war rein rhetorisch gemeint, das bewies schon die Betonung.
Für dich mag sie ja spannend sein, du blöde Ziege, für mich ist sie vor allem peinlich.
Dann stieß er einen tonlosen Seufzer aus, was blieb ihm übrig? So wie die beiden, Nyer und Charyn, zueinanderstanden, würde der Haddien der Prinzessin sowieso alles haarklein berichten. Eigentlich schon komisch, fast war er geneigt zu glauben, die beiden hätten was miteinander.
Das ist keine lange Geschichte und schon gar keine spannende. Es gab einen Unfall und dann war ich hier, fertig.
Damit kommst du nicht durch, auf keinen Fall!
Nyer und Charyn wechselten einen fast amüsierten Blick.
„Tja … dann erzähl doch einfach mal, wo dort ist, wenn du schon hier gelandet bist." Nyer nahm den Krug und wollte nachschenken, aber Draco bedeckte mit der Hand seinen Kelch und schüttelte abwehrend mit dem Kopf. Es war eine Weile her, dass er Alkohol getrunken hatte, und das Zeug war stark. Er wollte sich nicht betrinken, jedenfalls nicht hier und unter Zeugen, weiß der Himmel, was er dann erzählen mochte!
Ich habe keine Ahnung, wo dort ist, wenn du das meinst. Aber es muss weit weg sein.
„Wie kommt Ihr auf die Idee?"
Der Himmel. Ich erkenne nicht einen Stern, und ich glaube von mir behaupten zu können, dass ich recht gut in Astronomie war.
Es gab gewisse Dinge, die er natürlich in der Handzeichensprache nicht ausdrücken konnte, weil sie in Hadvaldien einfach nicht bekannt waren, wie zum Beispiel der Begriff Astronomie – bei solchen Sachen verließ es sich auf sein Improvisationstalent, um zu umschreiben, was er meinte. Scheinbar gelang ihm das nicht schlecht, das hatte er schon früher bemerkt, Nyer hatte selten einmal nachgefragt.
„Was ist das für eine Welt, in der Ihr gelebt habt?", fragte die Prinzessin weiter.
Draco zuckte zusammen. Gelebt habt – das hörte sich so nach Vergangenheit an.
Habt Ihr Papier und Stift für mich? Das wird glaube ich etwas komplizierter.
Charyn nickte und schon bald hatte er das Gewünschte. Wann immer er das Wort nicht ausdrücken konnte, schrieb er es nieder und die Prinzessin las es Nyer vor. Im Lesen und Schreiben lernen war der nämlich nicht halb so schnell wie Draco gewesen, die Handzeichensprache zu lernen, Kunststück, bei ihm hing ja auch nicht so viel davon ab.
Der Planet nennt sich Erde. Ich komme aus einem Land, das England genannt wird.
„Planet?", echoten Charyn und Nyer fast gleichzeitig.
Vergiss nicht, die leben noch im Mittelalter. Wahrscheinlich glauben sie, dass die Welt flach ist und am Ende ein gewaltiger Abgrund.
Die Welt. Wenn ich das jetzt auch noch ausführen soll, sitzen wir in einer Woche noch hier. Ist auch nicht weiter wichtig.
Ohne auf Einzelheiten einzugehen, versuchte Draco ihnen zu beschreiben, wie die Welt aussah, aus der er kam. Das war leichter gesagt als getan, denn die beiden bombardierten ihn mit Fragen und wurden immer neugieriger.
„Also gibt es auch bei Euch Zauberer und solche, die es nicht können … wie nanntet Ihr sie doch?"
Muggel.
„Wird das nur innerhalb der Familie weitergegeben? Oder wenn nur ein Elternteil begabt ist, dann auch?
Das kommt sogar vor, wenn keiner der Eltern Zauberkraft hat. Draco lag das Wort Schlammblut auf der Zunge, aber er verkniff es sich. Das hätte nur noch zu mehr Fragen geführt, außerdem musste er vorsichtig sein, wer wusste schon, wie sie es auslegen würden. Dennoch war er nicht ganz unglücklich über die Entwicklung, es lenkte vom eigentlichen Thema ab.
„Eure Familie … bestehen sie nur aus Zauberern?"
Dracos Blick wurde eisig.
Wir sind reinblütig. Bei uns werdet Ihr keine Muggel finden.
„Oho, höre ich da etwas leicht Hochnäsiges heraus?" Charyn grinste. „Dann müssen wir für Euch ja etwas ganz Minderwertiges darstellen."
Draco zog vor, das zu überhört zu haben.
„Gut, soweit habe ich es jetzt verstanden. Aber was genau ist passiert, dass du jetzt hier gelandet bist? Können eure Zauberer das, zwischen Welten herumspringen?" Nyer brachte die Sache auf den Punkt zurück.
Nein. Es gibt zwar etwas, was Apparieren genannt wird, aber ich wüsste nicht, dass das außerhalb der Erde möglich ist. Es ist schon nicht leicht, zwischen den Kontinenten zu wechseln. Er sah den verständnislosen Blick und schüttelte nur mit dem Kopf. Führt zu weit. Wie ich schon sagte, es war ein Unfall.
„Darüber würde ich aber trotzdem gerne Näheres hören", erwiderte Charyn und Nyer nickte dazu.
Wie verpacke ich das bloß, damit es sich nicht so dämlich anhört, wie es tatsächlich war? Ich stehe da wie ein Idiot.
Draco dachte angestrengt nach.
Da waren gewisse Umstände … sagen wir einfach mal, ich hatte schlechte Laune.
„Noch schlechter als sonst?", spottete Charyn.
Er warf ihr seinen stechendsten Blick zu, der ungerührt gekontert wurde. Eins musste man ihr lassen, die Prinzessin war nicht leicht zu irritieren. Gut, brachte vielleicht auch ihr „Job" mit sich, und außerdem, von ihm hatte sie wohl kaum etwas zu befürchten. Jedenfalls noch nicht, leider.
Ich bin mit einer Stinkwut in Hogwarts herumgelaufen und hätte am liebsten jeden in der Luft zerreißen können.
„Hogwarts, das ist die Zauberschule, wo du gelernt hast, richtig?", vergewisserte sich Nyer.
Draco nickte.
Für alle anderen war es ein besonderer Tag, klar? Die Aurora borealis, das Nordlicht, sollte sich am Abend selbst in England zeigen, das ist schon außergewöhnlich, passiert nur alle hundert Jahre mal, wenn überhaupt. Ich weiß, das sagt euch nichts, es ist eine Himmelserscheinung und man erzählt, dass sie ein paar außergewöhnliche Kräfte hat. Also, alle anderen rannten da mit blendender Laune durch die Gegend und ich … ich hätte platzen können. Ich brauchte irgendwas, womit ich mich abreagieren konnte. Ich fing Streit an, mitten im Unterricht. Zum Dank wurden zwei andere und ich am Abend zum Aufräumen im Zaubertranksaal verdonnert, während alle anderen verzückt das Nordlicht anstarren durften.
Er brach wieder ab, ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen. Egal, wie man es drehte oder wendete und wie gern er immer noch Potter die Schuld an seiner Misere geben wollte – hätte er sich nicht dermaßen idiotisch benommen, wäre es nie dazu gekommen. Dabei war das längst noch nicht alles.
„Beim Aufräumen ist es nicht geblieben, was?" Die Prinzessin hatte eine bemerkenswerte Art, ihre Finger genau in die noch offenen Wunden zu bohren.
Wäre ich dann hier? Draco entschied sich in diesem Moment, dass er die dummen hübschen Mädchen doch lieber mochte. Die konnte man wenigstens um einen Finger wickeln und dafür sorgen, dass sie ihren Mund hielten und lediglich schmachteten. Ein ganz entschieden machohafter Gedanke, eigentlich konnte er zirpende Weibchen nicht leiden, aber in dieser Situation wären sie ihm mehr als recht gewesen.
Ich sollte dazu sagen, dass es sich hier genau um die zwei Leute handelte, die ich am wenigsten von allen leiden konnte, zwang er sich zu sagen.
„Warum?"
Das hat Gründe, die absolut nichts zur Sache tun! Draco sah ärgerlich in Nyers Richtung.
Der hob beide Hände in einer beschwichtigenden Geste. „Ich hab nur gefragt, okay?"
Charyns Augen glitzerten, als sie sich vorbeugte und genau in Dracos Augen sah.
„Lasst mich raten, einfach nur so, ja? Ein Wort ergab das andere, und dann habt ihr … wenn ich recht in der Annahme gehe, dass hier ausschließlich männliche Personen anwesend waren … das Zaubereräquivalent eines Schwanzvergleiches angestellt?"
Draco verschluckte sich und spuckte den letzten Schluck Granèl, den er gerade getrunken hatte, quer über den Tisch.
Nyer sah die Prinzessin einigermaßen schockiert an.
„Was?" Sie zuckte mit den Achseln und lächelte maliziös. „Für mich hört sich das nach der typisch-männlichen Handlungsweise an. Aber vielleicht wollt Ihr mich eines Besseren belehren, Herr Draco."
Herr Draco konnte im Moment noch nicht antworten, er war noch damit beschäftigt, röchelnd zu husten und sich von der Bemerkung zu erholen. Und seine Meinung zu revidieren über das Klischee von unschuldigen, tugendhaften Prinzessinnen. Endlich bekam er Luft – und fing an zu lachen, es ließ sich einfach nicht unterdrücken. Die Situation war nicht danach, absolut nicht, noch schlimmer, die Prinzessin hatte im weitesten Sinne sogar mit einer Hand und ganz locker den Goldenen Schnatz direkt aus der Luft gefangen. Trotzdem konnte er sich nicht beherrschen und prustete weiter.
„Muss was dran sein, siehst du?", sagte sie ganz cool zu Nyer, während der nur verwirrt von einem zum anderen sah und Draco immer noch mit seinem Lachkrampf kämpfte.
Das war der Moment, in dem Draco beschloss, dass die Prinzessin trotz allem doch nicht so übel war. Skurriler, schwarzer Humor, der es so sehr auf den Punkt brachte, und dann noch so freimütig ausgesprochen, verdiente Achtung, ganz einfach.
„Ich finde es ja toll, dass ihr euch so amüsiert, aber … ich verstehe kein Wort." Nyer war nahe daran, beleidigt zu sein.
Charyn griff nach vorn und strich ihm entschuldigend über die Schulter. „Das ist, weil du eine völlig andere Denkweise hast, Nyer. Wir könnten es dir erklären und trotzdem würdest du es nicht verstehen. Belass es dabei, es sollte dich nicht ausgrenzen. Übrigens bin ich froh, dass Ihr tatsächlich darüber lachen konntet, Herr Draco."
Draco winkte grinsend ab.
Auch wenn ich es ungern zugebe – es hat gutgetan.
„Habe ich mir gedacht", versetzte sie völlig ungerührt. „Und – bekommen wir den Rest jetzt auch noch zu hören?"
Ich weiß zwar nicht, wie Ihr euch den Schwanzvergleich vorgestellt habt – er hörte deutlich, wie Nyer die Luft einsog – aber bei uns nennt man das Duell. Eigentlich habe ich solange gestichelt, bis der andere praktisch keine Wahl mehr hatte, als einzuwilligen. Ja, in diesem Moment wollte ich unbedingt wissen, wer der Bessere von uns beiden ist. Woher sollte ich wissen, dass es solche Konsequenzen haben würde? Wir haben anfangen, uns mit Flüchen zu bombardieren, und einer davon ging schief. Ich weiß nicht mal welcher … und in diesem Moment muss das Nordlicht seinen Teil mit beigetragen haben, jedenfalls gab es eine Art Explosion, ein Portal tat sich auf, ich wurde hindurchgeschubst … und schon stand ich in einer Felswüste. Und das Portal war weg. Vollständig verschwunden. Versteht Ihr? Deswegen habe ich keine Ahnung, wie ich zurückkommen könnte. Selbst wenn ich den Fluch kennen würde … es gibt sicher kein Nordlicht hier in Hadvaldien. Ich kann die Ausgangsvoraussetzungen nicht wiederherstellen.
Jegliches Lachen war aus ihm gewichen und er fühlte sich wieder schlecht wie eh und je.
„Ich verstehe." Auch das Gesicht der Prinzessin war ernst geworden. „Verzeiht mir, wenn ich an die Worte meiner Mutter anknüpfen muss – wenn es keinen Weg für Euch zurückgibt, dann müsst Ihr lernen, hier bei uns zu überleben. Die Möglichkeit habt Ihr."
Und wenn das schiefgeht? Draco starrte zurück. Ich weiß einfach nicht, ob ich es schaffen kann. Der eine oder andere Zauber hat geklappt, aber … zwei Wochen, das ist nicht viel. Wenn ich es bis dahin nicht perfektionieren kann, dann wird Barey dafür plädieren, dass man mich am höchsten Baum aufhängt! Darüber hinaus sehe ich einfach nicht, wie meine Zauberkraft euch nützen könnte, diesen bescheuerten Krieg zu gewinnen!
„Ihr solltet Dinge nicht bescheuert nennen, wenn vielleicht Euer Leben davon abhängt."
Da waren sie wieder – auf zwei vollkommen verschiedenen Seiten.
„Ich kann Euch nur einen Rat geben." Charyn sah ihm kalt ins Gesicht. „Übt, solange Ihr die Chance dazu habt. Perfektion ist nicht das Stichwort, der Rat wird nur Beweise erwarten, keine Perfektion. Niemand wird ein Geheimnis darum machen, dass Ihr noch lernen müsst, Eure Kraft in Hadvaldien zu benutzen – aber Ihr müsst beweisen, dass Ihr ein Zauberer seid. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
Glasklar.
