Disclaimer im Prolog
Geliebte Tochter
Kapitel 9
Die Sonne schien von einem leuchtend blauen Himmel auf die Straßen Edoras', der Hauptstadt von Rohan. Es war Markttag, entlang der Wege waren Stände aufgebaut, und die Menschen tummelten sich in den Gängen zwischen den Ständen, um zu sehen, was die vielen fahrenden Händler im Angebot hatten. Zum Markt, der einmal im Monat stattfand, kamen immer viele Fremde – und so fiel auch die Reiterin, die gegen Mittag durch das Stadttor kam, kaum auf. Trotz der Wärme trug sie einen langen Umhang, dessen Kapuze tief in ihrem Gesicht hing.
Etwas später hielt die junge Frau vor den Toren zu Meduseld, der Halle des Königs, an und band ihr Pferd an einem dafür vorgesehenen Pfahl fest. Sie ging raschen Schrittes zu den Türen der Halle, wo sie von einem misstrauisch aussehenden Wachposten angehalten wurde.
„Halt!" rief der Soldat. „Ihr könnt die Halle nicht ohne vorherige Ankündigung betreten."
„Ich bin angekündigt." Sie nahm ihre Kapuze ab, sodass man ihr Gesicht erkennen konnte – und die spitz zulaufenden Ohren. „Silivren Telcontar."
„Oh. Verzeiht, Herrin, ich habe Euch nicht erkannt. Bitte, tretet ein." Er öffnete rasch die Türen und ließ sie hindurch gehen.
Silivren beobachtete die Wache aus den Augenwinkeln und fragte sich, warum der Mann plötzlich so breit grinste. Was wusste er, was sie nicht wusste? Gab es Neuigkeiten? Nun, das würde sie vermutlich bald erfahren.
„Silivren, wie schön, dich zu sehen." begrüßte der König Rohans, Elfwine, sie.
„Die Freude ist meinerseits." antwortete sie höflich, während sie eine Art Knicks andeutete – und strafte sich selbst innerlich Lügen, da sie sich ganz und gar nicht freute, wieder am Hof eines Königs zu sein. Aber sie hatte ihr Wort gegeben und das musste sie nun einlösen.
„Wenn ich dir einen Rat geben darf", bemerkte Elfwine mit amüsiertem Unterton in der Stimme, „schau dich hier ein wenig um, sobald du mit dem Auspacken fertig bist. Du wirst eine Überraschung erleben."
Dieser kryptische Satz überraschte Silivren, aber sie hatte auch den versteckten Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Sie verabschiedete sich rasch und machte sich dann auf den Weg, um sich in dem rasch vorbereiteten Gästezimmer einzurichten – und sich ein Kleid anzuziehen, schließlich konnte sie am Hof nicht in den Kleidern der Waldläufer herumlaufen.
Einige Stunden später wanderte Silivren langsam durch Edoras, nicht nur, um nach der Überraschung zu suchen, sondern auch, um etwas Ruhe zu bekommen. Sobald sie in einen Raum kam, wurde sie entweder von Adligen oder Dienern bestürmt, die alle etwas von ihr wollten oder ihr etwas anboten, und sie brauchte ein wenig Abstand davon, bevor sie zum Abendessen ging.
Schließlich schlug sie den Weg zu einem der hohen Wachtürme ein, von denen man einen wundervollen Blick über das Land hatte; sie wusste außerdem, dass die Soldaten auf den Türmen sie in Ruhe lassen würden. Vielleicht konnte sie dort oben ein wenig Ruhe und Frieden finden.
Sie stieg langsam die Stufen hoch, die auf den nördlichen Turm hinaufführten, und sah sich derweil um. Die wenigen Wachen nickten ihr respektvoll zu, schwiegen aber und wandten sich sofort wieder ihrer Aufgabe zu.
Als Silivren sich der Plattform näherte, sah sie, dass anscheinend schon jemand vor ihr dort Ruhe gesucht hatte - auf einer Bank saß ein Mann, der ihr seinen Rücken zuwandte, er schien sich das Land anzusehen. Ein langer dunkler Umhang verdeckte seine Haare und seine Kleidung, sodass Silivren nicht erkennen konnte, wer der Fremde war.
„Entschuldigt", sprach sie ihn leise an, um ihn nicht zu sehr zu erschrecken, „würde es Euch-"
Sie hielt inne, als der Mann sich umdrehte und sie ebenso ungläubig ansah wie sie ihn. Dann zog ein breites Grinsen sich über sein Gesicht, während sie einen Freudenschrei ausstieß und ihm um den Hals fiel.
„Silivren!"
„Eldarion!"
Die beiden sahen sich an und lachten. Dann sagte Eldarion: „Es ist so schön, dich zu sehen. Was machst du denn hier, hast du bereits genug vom Abenteuer?"
Ebenfalls lachend, schüttelte Silivren den Kopf. „Niemals, ich bin nur zu Besuch hier. Halb Edoras weiß von meiner Reise, es wäre unhöflich gewesen, nicht vorbei zu kommen – und ich musste es Ada versprechen."
„Das habe ich mir gedacht."
„So?" Sie zog überrascht eine Augenbraue hoch, während sie sich wieder neben ihn auf die Bank setzte.
„Ja. Du würdest niemals freiwillig an den Hof kommen. Es wundert mich schon, dass du tatsächlich ein Kleid trägst." bemerkte er amüsiert.
„Nun…" murmelte sie, grinste ihrem Bruder verschwörerisch zu und zog ihren Rock so weit hoch, dass der junge Prinz sehen konnte, dass sie darunter eine schwarze, eng anliegende Hose trug. „Ich habe nie behauptet, dass es das einzige ist, das ich trage."
Eldarion lachte. „Schwesterherz, du bist unmöglich."
„Ich weiß." entgegnete sie ungerührt. „He, kannst du mir vielleicht einen Gefallen tun?"
„Wenn es in meiner Macht liegt, gern."
„Kannst du ein paar meiner Sachen nach Minas Tirith mitnehmen, wenn du zurückkehrst? Ich brauche sie nicht… und ich würde gerne einen Brief an den Rest der Familie schicken, damit sie wissen, dass alles in Ordnung ist."
Einen Moment lang schwieg Eldarion und seine grauen Augen wurden von Kummer umnebelt. Dann seufzte er tief und antwortete: „Natürlich. Aber du solltest den Brief besser einem Boten geben, ich werde vermutlich für ein paar Monate hier bleiben."
„Warum das?" fragte sie verblüfft. Sie hatte schon vorher bemerkt, dass ihr Bruder über irgendetwas unglücklich war, und hoffte nun, eine Antwort von ihm zu bekommen. Was hatte ihm so sehr das Herz gebrochen, dass er nicht nach Hause zurück wollte?
„Erinnerst du dich an meine… meine Freundin, Laer?" Als sie nickte, fuhr er fort: „Vor ein paar Wochen, kurz nachdem du aufgebrochen warst, hat… hat ihr Vater sie mit irgendeinem Adligen aus Osgiliath verheiratet. Ich habe nicht einmal die Chance bekommen, ihr Lebwohl zu sagen…"
Silivrens Augen weiteten sich vor Schreck. Sie wusste, wie sehr ihr Bruder Laer liebte, und sie wusste auch, dass dieses Schicksal für beide schlimmer war als der Tod. Um einen Toten konnte man trauern – aber wie sollte man um eine verlorene Geliebte trauern, die am Leben, aber auf ewig unerreichbar war?
Eldarion fuhr leise fort: „Ich bin bei der Hochzeit gewesen… und danach habe ich sofort meine Sachen gepackt und bin gegangen, ich habe es einfach nicht ausgehalten."
„Ich verstehe." murmelte sie. „Es tut mir so Leid."
„Danke."
Für eine Weile saßen die Geschwister nur nebeneinander und schwiegen, dann fragte Silivren: „Weiß Ada, dass du hier bist?"
„Er weiß nicht, dass ich hier bin, aber er weiß, dass ich für eine Weile fort bleibe. Ich glaube, er hat irgendwas geahnt."
Silivren versteckte ihr Lächeln nur mühsam. Anscheinend hatte ihr Bruder trotz seiner Intelligenz immer noch nicht realisiert, dass seine geheime Beziehung zu Laer längst kein Geheimnis mehr gewesen war – aber sie wollte ihn nicht seiner Illusionen berauben, vor allem jetzt nicht. Er würde es schon früh genug herausfinden, wenn er nach Minas Tirith zurückkehrte; es gab sicher Menschen, die ihm ihr Beileid ausdrücken würden. Eigentlich war es sogar schade, dass sie seinen verdutzten Blick nicht sehen würde, wenn er es erfuhr.
„Herr, Herrin?" ertönte eine Stimme hinter ihnen.
Silivren fuhr erschrocken herum und wollte schon eine Hand an ihren Schwertgriff legen, als sie merkte, dass sie gar kein Schwert trug und dass es nur ein Diener war, der sie erschreckt hatte. Ein wenig verärgert über sich selbst, fragte sie: „Was ist denn?"
„Das Abendessen wird gleich serviert, Herrin." informierte der Diener sie und verließ den Turm wieder.
„Nun denn." sagte Silivren. „Gehen wir?"
„Gern." Er lächelte schief, seine normale gute Laune schien langsam zurückzukehren; Silivren vermutete, dass es ihm tatsächlich ganz gut ging, solange er nicht an Minas Tirith und die Ereignisse dort denken musste.
Silivren blieb nicht lange in Edoras; schon am dritten Tag nach ihrer Ankunft verließ sie die Stadt wieder, um nach Helms Klamm zu reiten. Sie hatte tatsächlich einen Brief an ihre Familie zurückgelassen, den ihr Bruder mit nach Hause nehmen würde, wenn er zurückkehrte. Der Abschied fiel kurz, aber intensiv aus; dann ritt Silivren aus der Stadt hinaus und in die unbewohnten Ebenen, wieder in der Kleidung der Waldläufer.
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