10. Razzia im eigenen Haus.
Es fühlte sich ein wenig seltsam an, Harry Potter zu sein. Am meisten störten ihn die Brille und die Tatsache, dass er wesentlich kleiner war als gewohnt. Es war auch ungewohnt, am Steuer eines Wagens zu sitzen, der vom Grimmauldplatz hierher appariert war und jetzt durch Cokeworth fuhr.
Vor allem aber war es das erste Mal, dass er einen Einsatz auf der richtigen Seite mitmachte. Erstaunt hatte er festgestellt, dass er sich darauf freute, aus dem riesigen Haus heraus zu kommen. Sie hatten den verzauberten alten Muggelwagen geholt, den sich Alastor Moody vor seinem Tod zugelegt hatte, und waren mit ihm in den Norden des Landes appariert. Nicht ohne dem Tagespropheten einen anonymen Hinweis zukommen zu lassen, natürlich. Severus musste neidlos anerkennen, dass Potter gut darin war, solche Pläne aufzustellen. Er würde wirklich einen erstklassigen Auroren abgeben.
Severus sah in den Rückspiegel. Hinter ihm saßen Hestia Jones, George Weasley, Hermine Granger und Fleur Weasley. Auf dem Beifahrersitz beobachtete Arthur Weasley aufmerksam ihre Umgebung. Im Wagen herrschte Schweigen, bis sich George etwas nach vorn beugte. „Verzeihung, Professor, würden Sie mir kurz mal Ihr Ohr leihen?"
„Höchst ungern, Mr Weasley, aber für Sie mache ich eine Ausnahme. Was gibt es denn?" Fragend sah er sich zu dem jungen Mann um, dem die trockene Antwort auf seine scherzhafte Frage ganz augenscheinlich gefiel.
„Tja", meinte George mit einem Anflug seines früheren Grinsens, „es ist nur… ich würde schon gern wissen, wie wir vorgehen wollen. Haben Sie ´nen Plan? Oder steigen wir nur aus und rennen dann rein?"
„Oh."
Er hatte nicht bedacht, dass sie vermutlich auf seine Anweisungen warteten; immerhin war er nicht daran gewöhnt, sie anzuführen. Doch er wusste, wie es ablaufen sollte. „Hestia, ich hätte gern Sie und Fleur draußen vor dem Haus, falls wir unerwünschten Besuch bekommen sollten. Der Rest folgt mir zum Eingang. Sie betreten das Haus erst, wenn ich Ihnen sage, dass es sicher ist. Miss Granger, Sie werden unsere Beute in Umzugskartons unterbringen, und zwar so, dass alles in den Kofferraum passt. Ich weiß, Sie haben Erfahrung damit. Die Wache bleibt draußen und sichert uns ab, bis wir alles im Wagen verstaut haben, verstanden? Wir sorgen dafür, dass die vom Propheten eine gute Show zu sehen bekommen. Sind alle einverstanden?"
Alle nickten. Er wandte den Blick wieder nach vorn und atmete innerlich auf. Das war leichter als erwartet gewesen, was vielleicht zu einem gewissen Grad an seinem momentanen Äußeren lag. Sie waren wohl daran gewöhnt, Harry Potter zu folgen. Nun kam es nur noch darauf an, möglichst so aufzutreten, dass der Trupp für die Öffentlichkeit eine äußerst effektive und disziplinierte Eliteeinheit darstellte.
An einer Kreuzung, wo sie in die Straße namens Spinner´s End abbiegen mussten, parkte ziemlich auffällig ein grauer Kleinbus mitten im Grünstreifen. Kein Muggel, in welcher geistigen Verfassung auch immer, hätte sein Fahrzeug so abgestellt. Nun gut, von seinem Vater vielleicht einmal abgesehen... wenn sie je so etwas wie ein Auto besessen hätten.
Als er diese unerträgliche Kimmkorn samt Fotograf in dem Wagen sitzen gesehen hatte, knurrte Severus kurz: „Festhalten!" Dann trat er voll aufs Gaspedal und beschleunigte den alten Wagen, der mit aufheulendem Motor die Straße entlang schoss und mit einem eindrucksvollen Quietschen vor dem verlassenen Haus zum Stehen kam.
„Beeindruckend", kommentierte George mit hochgerecktem Daumen und begutachtete durchs Heckfenster die entstandenen Bremsspuren. Severus erlaubte sich ein kurzes grimmiges Lächeln und warf seinem Einsatztrupp einen auffordernden Blick zu: „Showtime! Here we go!"
Die anderen hatten verstanden und spielten voller Überzeugung mit: kaum brummte der altersschwache Motor nicht mehr, sprangen Hestia und Fleur mit gezogenen Zauberstäben heraus und gaben den anderen Deckung, die mit gut inszeniertem Elan und Selbstvertrauen hinter Harry/Severus her auf das Haus zu spurteten und einen Halbkreis um ihn und die Tür bildeten, die Zauberstäbe sichernd im Anschlag.
Grinsend stellte Hermine fest: „Der Prophet ist auch schon da. Sie werden umwerfende Bilder von uns drucken können!"
Snape schnaubte abfällig, während er die Tür öffnete und in den dunklen Flur spähte. „Von mir aus. Wenn die Bevölkerung sich dann sicherer fühlt, können die mich meinetwegen auch im Morgenmantel fotografieren."
Hermine konnte sich ein Schmunzeln kaum verkneifen, während sie wie die anderen mit dem Rücken zur Tür die Umgebung im Auge behielt, und auch George schien Mühe zu haben, ein Grinsen zu unterdrücken. Fleur kicherte leise. „Mit Zeitung und Kaffeetasse in der ´and?"
Gut gemacht, Sev, dachte er im Stillen. Sie hatten alle schon so viel durchgestanden, dass er ihnen die vermutlich durchaus vergnügliche Vorstellung gönnte, die finstere Fledermaus mit Morgenmantel und Hausschlappen im Propheten abgebildet zu sehen. Wieder einmal wunderte er sich über sich selbst. Du liebe Güte, was war nur mit ihm passiert, dass er sich plötzlich um das Wohlergehen anderer scherte?
Da sich auf seine Enthüllungszauber kein Eindringling im Haus zeigte, hob er seine Schutzzauber auf, betrat den Flur und ließ die anderen ebenfalls eintreten. Mit einem kurzen Schnippen des Zauberstabs ließ er die Tür ins Schloss schnappen, dann entzündete er die Lampen im Haus, die ein gedämpftes Licht in die Zimmer warfen.
„Wachsam bleiben", ermahnte er seine Begleiter leise, „die Konkurrenz hat auch keine Idioten ausgebildet."
Von George kam eine gedämpfte Antwort: „Naja, ein paar schon, wenn ich´s mir genau überlege. Zielen Sie im Notfall bitte auf die Richtigen, Sir – Sie schulden mir jetzt schon ein Ohr, und ich hab nicht vor, auch noch das andere für die gute Sache zu opfern. Mum würde uns beide umbringen!"
„George", flüsterte Arthur Weasley tadelnd, doch Snape nickte mit grimmiger Miene, einigermaßen erleichtert, dass der junge Weasley seinen Unfall offensichtlich mit Humor nahm. Der scherzhafte Unterton in seinem Kommentar war deutlich heraus zu hören gewesen. Dennoch würde er sich in einer ruhigen Minute noch persönlich bei ihm entschuldigen müssen.
Vorsichtig und wachsam folgten ihm seine Begleiter hinunter in den Keller, wo er seine Zutaten und die fertigen Zaubertränke aufbewahrte. Er reichte die Flaschen, Phiolen und Holzkästchen nacheinander an Hermine Granger weiter, die zwei Umzugskartons mit einem Ausdehnungszauber belegte und alles darin verstaute. Die beiden Weasleys trugen die gefüllten Kartons nach oben und stellten sie im Flur ab, dann verfuhren sie mit Snapes erstaunlich großzügiger Büchersammlung auf die gleiche Weise.
Während sie die alten Bücher verpackten, warf Severus des Öfteren flüchtige Blicke auf Hermine Granger und bemerkte in ihrem Gesicht denselben Wissensdurst, den er selbst nur zu gut kannte. Sie musterte die Buchrücken sehnsüchtig und hätte sich wohl am liebsten sofort irgendwo hingesetzt, um in den seltenen Ausgaben zu lesen. Bücherwürmer, in der Tat.
Mit einem verlegenen Lächeln nahm sie einige große Folianten von ihm entgegen und legte sie vorsichtig in einen großen Karton. „Haben Sie die alle gelesen?" fragte sie mit einem fast ehrfürchtigen Blick auf die Regale, die sich dank ihrer Sammelzauber nun rasch leerten. Unzählige Bücher schwebten auf die kleine Gruppe zu, schrumpften auf Puppenstubengröße zusammen und sanken in die magisch vergrößerten Umzugskartons.
„Ich hatte viel Zeit in den Ferien", gab er ausweichend zurück. Das war untertrieben. Abgesehen von gelegentlichen, meist ziemlich unangenehmen Ausflügen mit den Gefolgsleuten Voldemorts sowie ab und zu einem Ordenstreffen, hatte er sein Haus nicht oft verlassen. Hier, in Gesellschaft seiner Bücher, hatte er sich immer sicher und wohl gefühlt, und er hatte die freie Zeit tatsächlich beinahe ausschließlich damit verbracht, sein Wissen zu erweitern. Oft genug hatte er über einem richtig guten Buch sowohl Essen als auch Schlafen vergessen.
Die junge Hexe schien ihn nur zu gut verstanden zu haben. Sie nickte mit dem winzigen Anflug eines Lächelns, schloss kommentarlos einen gefüllten Karton, schob die Finger in die Griffe und trug ihn behutsam hinaus zu den anderen. Noch jemand, mit dem du mehr gemein hast, als du dachtest, flüsterte eine Stimme in seinem Inneren ihm zu.
„Okay", schnaufte George schließlich und machte den letzten Karton zu, „alles da? Oder brauchen Sie noch was von hier, bevor wir den Laden endgültig dicht machen?"
Die Beschäftigung mit etwas wirklich Sinnvollem schien dem jungen Mann gut getan zu haben: er sah nicht mehr so grüblerisch und verloren aus wie neulich beim Abendessen, und eine leichte Röte überzog seine Wangen, während er Severus aufmerksam ansah.
Snape legte die Stirn in Falten und dachte kurz nach. „Nichts, was gefährlich wäre. Aber ich würde gern ein paar private Dinge mitnehmen, wenn Sie erlauben."
Alles blieb wie nicht anders zu erwarten ruhig, als sie schließlich die vollen Umzugskartons und einen alten Schrankkoffer zur Haustür hinaus schleppten. Severus versiegelte die Tür, die sich daraufhin in massives Mauerwerk verwandelte; ohne seine ausdrückliche Erlaubnis würde dieses Haus niemand mehr betreten. Vor allem niemand, der das Dunkle Mal trug.
Mit den Zauberstäben publikumswirksam im Anschlag, sicherten Fleur und Hestia die Umgebung, während die anderen die Kartons im Kofferraum des klapprigen Vehikels verstauten. Dann stiegen sie einer nach dem anderen wieder ein, und das Auto setzte sich in Bewegung.
Der Kleinlaster, in dem die Leute vom Tagespropheten saßen und sich unentdeckt wähnten, blieb in der verlassenen Straße zurück. Vermutlich wollte Kimmkorn nicht unnötig auf ihre Anwesenheit aufmerksam machen. Und das war auch gut so, denn zwei Straßen weiter verschwand Moodys altes Auto mit einem lauten Knall. Davon musste die magische Bevölkerung nun wirklich nichts wissen.
