Friend – Teil IX
Als sich die Türen zum Maschinenraum vor ihm öffneten, schien auf den ersten Blick das blanke Chaos zu herrschen. Menschen liefen durcheinander. Es wurde geschrien und gerufen. Es wurde gehämmert und geschweißt. Und doch war Spocks Verstand innerhalb von 0,13 Sekunden in der Lage zu erkennen, dass diesem scheinbaren Chaos eine durchaus logische Struktur innewohnte. Und die Fäden dieser Struktur liefen bei einem Mann zusammen, der im Zentrum des Geschehens stand und lauter schrie als alle anderen.
Diesem Mann näherte er sich nun zielstrebig.
„Mr. Scott."
Der so Angesprochene fuhr herum und er konnte erkennen, wie sich die Augenbrauen des Schotten überrascht hoben.
„Mr. Spock. Was tun Sie denn hier?"
Er verschränkte die Hände auf dem Rücken.
„Auch wenn meine Kenntnisse in Warptechnologie sicherlich weder die Ihren noch die von Ensign Chekov erreichen können, sind sie doch ausreichend, um Ihnen bei der Reparatur des Warpkerns behilflich zu sein. Da Ensign Chekov zur Zeit auf der Krankenstation weilt und dort die nächsten 48 Stunden verbleiben muss, war es eine logische Entscheidung, Ihnen stattdessen meine Hilfe anzubieten, was ich hiermit tue."
Mr. Scotts Gesichtsausdruck wurde immer erstaunter.
„Sie wollen bei den Reparaturen helfen?"
Er neigte den Kopf leicht nach rechts.
„Wie gesagt, es ist eine logische Entscheidung."
„Und was ist mit den Verhandlungen auf Ferrolos Prime? Braucht Sie der Captain nicht dort unten?"
„Die Verhandlungen sind bereits abgeschlossen. Nach der jüngsten Konfrontation mit den Klingonen zeigte sich König D'hjang mehr als gewillt sein Versprechen einzuhalten und die Verträge zu den Bedingungen der Föderation zu schließen. Der Captain und ich sind bereits seit 0,24 Stunden wieder an Bord der Enterprise. Ich habe den Captain von meinem Wunsch, im Maschinenraum behilflich zu sein, in Kenntnis gesetzt und er hatte keine Einwände."
Und schließlich – grinste Mr. Scott ihn an.
„Na, wenn das so ist – ich freue mich, dass Sie hier sind, Mr. Spock."
Der Schotte drehte sich um, bedeutete ihm mit einer Handbewegung mitzukommen.
„Sind Sie mit der Funktionsweise der Jeffrey-Röhren vertraut, Mr. Spock?"
„Selbstverständlich, Mr. Scott."
„Gut. Sehr gut. Dann zeige ich Ihnen, was Sie machen müssen."
Und während Mr. Scott bereits anfing mit Händen und Füßen die anstehenden Reparaturen und Programmierungen zu erklären, führte er ihn immer weiter hinein in den hinteren Teil des Maschinenraums.
„Und deshalb hat König D'hjang letztlich die Bedingungen der Föderation akzeptiert, die Verträge unterschrieben und den Beitritt Ferrolos Primes zur Föderation erklärt. Die Föderation ist demnach nun im Besitz der alleinigen Delithiumschürfrechte auf Ferrolos Prime für die nächsten hundert Jahre."
Sein Blick wanderte abwechselnd von Admiral Pike zu Admiral Archer und wieder zurück, während er in seinem Quartier an seinem Schreibtisch saß und den kleinen Bildschirm vor sich nicht aus den Augen ließ. Gerade hatte er den beiden Admirälen einen vollen Bericht der Ereignisse seit ihrer Ankunft auf Ferrolos Prime geliefert und nun wartete er gespannt auf deren Reaktionen.
Einige Augenblicke – schwiegen beide.
Dann ergriff Admiral Archer zuerst das Wort.
„Mit den Verträgen haben Sie gute Arbeit geleistet, Captain. Die Föderation ist auf die Schürfrechte dringend angewiesen, wenn die Sternenflotte vergrößert werden soll, was ja das mittelfristige Ziel ist. Was den Zwischenfall mit den Klingonen betrifft – bin ich äußerst beunruhigt und ich denke, dass dies eine Angelegenheit ist, die in der Admiralität ausführlich besprochen werden sollte, bevor wir uns zu weiteren Schritten entschließen."
Er sah Admiral Pike zustimmend nicken.
„Es handelt sich hierbei um einen Zwischenfall von hoher diplomatischer Brisanz. Die Sondierungsgespräche mit den Klingonen über eine mögliche friedliche Koexistenz zwischen der Föderation und dem klingonischen Reich befinden sich gerade in einer schwierigen Phase. Den Klingonen jetzt einen Bruch des Waffenstillstandes vorzuwerfen, könnte deren Gemüter und deren Ehrgefühl – wie auch immer dies letztlich definiert ist – weiter anstacheln und zu einer Beendigung der Gespräche führen. Und dies kann sich die Föderation im jetzigen Augenblick unmöglich leisten. Seit dem Vorfall mit Nero ist unsere Flotte empfindlich dezimiert – nicht nur sind uns viele Schiffe verloren gegangen, sondern auch der Großteil unserer vielversprechenden Kadetten. Die Klingonen durch diplomatische Verhandlungen in Schach zu halten um sie davon abzuhalten uns anzugreifen ist im Moment die beste Taktik, um die Föderation zu schützen. Ich hoffe, dass diese instabile Lage nicht schon durch Ihren Angriff auf das klingonische Schiff ins Wanken geraten ist."
Jim hatte plötzlich das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.
„Bei allem Respekt, Admiral, aber hätte ich tatenlos zusehen sollen, wie ein Planet Unschuldiger von den Klingonen angegriffen wird? Man kann König D'hjang mögen oder auch nicht aber sein Volk hat es sicherlich nicht verdient, von einer Horde wildgewordener, bluttrinkender, fluchender Stirnwülste mit falschen Vorstellungen von Ehre und Ruhm bedroht und angegriffen zu werden. Ich dachte bisher immer, die Föderation steht auch für Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung. Oder gilt das nur solange, wie diese Grundprinzipien nicht mit der Diplomatie kollidieren?"
Pike hob beschwichtigend die Hand.
„Natürlich war es richtig, den Ferrolen zu helfen, Jim. Ich sage nur, dass wir nun alles versuchen müssen, um aus diesem Vorfall auf diplomatischer Ebene kein Desaster werden zu lassen. Und wie hierbei die beste Vorgehensweise ist – da gebe ich Jonathan absolut recht – müssen wir mit den anderen Admirälen besprechen."
Ein wenig beschwichtigt lehnte er sich in seinem Sessel zurück.
„Eines würde mich aber interessieren."
Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Admiral Archer, der ihn nachdenklich ansah.
„Fragen Sie, Admiral."
Noch immer musterten ihn Archers durchdringende Augen.
„Wie haben Sie es geschafft, den Bird of Prey trotz der Tarnvorrichtung aufzuspüren und dessen Koordinaten zu bestimmen?"
Jim entspannte sich ein wenig und erlaubte sich ein leichtes Lächeln. Denn dies war der Punkt, der ihn noch immer besonders stolz machte.
„Anhand der akustischen Signale zwischen dem Bird of Prey und den kleineren Kampfschiffen auf der Planetenoberfläche. Mr. Spock, Lieutenant Uhura und Ensign Chekov gelang es, die Breitbandfrequenz unserer Spracherkennungssensoren zu modulieren und auf diese Weise die akustischen Signale zu verfolgen. Dort, wo sich diese Signale gebündelt hatten, war das Mutterschiff zu vermuten. Auf diese Koordinaten haben wir dann unsere ersten Angriffe konzentriert. Offensichtlich mit Erfolg."
Er sah, wie Admiral Archer anerkennend nickte.
„Das war ein brillanter Schachzug, Captain. Meinen Glückwunsch."
Sein Lächeln vertiefte sich.
„Gratulieren Sie nicht mir. Gratulieren Sie meiner Crew. Es war Spocks geniale Idee und Uhura und Chekov waren für die Umsetzung unentbehrlich. Ich habe nur von der Genialität anderer profitiert."
Er sah sowohl Archer als auch Pike nicken und ahnte, dass diese an Situationen dachten, in denen es ihnen in ihrer Zeit als Captain ihres jeweiligen Schiffes ähnlich gegangen war. Situationen, in denen sie sich auf ihre Crew hatten verlassen können und in denen sie gemeinsam mit ihren Leuten beinahe ausweglos scheinende Situationen gemeistert hatten.
Doch dieser Moment dauerte nur kurz. Dann richtete sich Pikes Blick wieder auf ihn.
„Wie groß sind die Schäden an der Enterprise?"
„Der Warpantrieb ist beschädigt und wir haben im Maschinenraum auch einen Hüllenbruch. Mr. Scott und sein Team arbeiten Tag und Nacht. Trotzdem wird es noch mindestens 36 Stunden dauern, bis alle Schäden beseitigt sind."
„Ist König D'hjang damit einverstanden, dass Sie die Reparaturen im Orbit seines Planeten durchführen?"
Sein Blick wanderte wieder zu Archer.
„Ich habe ihn gefragt und er hatte keine Einwände."
„Gut, dann führen Sie Ihre Reparaturen durch, während Jonathan, die anderen Admiräle und ich über das weitere diplomatische Vorgehen mit den Klingonen beraten. Erwarten Sie Ihre neuen Befehle ebenfalls innerhalb der nächsten 36 Stunden."
Er nickte Pike zu.
„Ich habe verstanden."
„Gut. Wir hören uns, Jim. Pike Ende."
„Nochmals – gute Arbeit, Captain."
„Danke Admiral."
„Archer Ende."
Und fast im selben Augenblick wurde sein Bildschirm schwarz. Aufseufzend ließ sich Jim in seinem Sessel zurück sinken und rieb sich kurz mit beiden Händen über das Gesicht.
Doch schon im nächsten Moment stand er wieder auf.
Kurz überlegte er, was er als nächstes tun sollte, entschied sich dann aber dafür, zunächst Chekov einen kurzen Besuch in der Krankenstation abzustatten. Seit dem Zwischenfall im Maschinenraum hatte er noch keine Zeit gehabt, sich persönlich über den Gesundheitszustand seines Navigationsoffiziers zu informieren.
Mit langen Schritten verließ er sein Quartier, ging zum Turbolift, betrat diesen, nannte sein gewünschtes Ziel und fand sich nur wenige Augenblicke später auf der Krankenstation wieder.
Als erstes begegnete er Pille, der, kaum dass er ihn gesehen hatte, mit offensichtlicher Sorge auf ihn zukam.
„Jim, bist du verletzt?"
Lächelnd schüttelte er den Kopf, während er amüsiert darüber nachdachte, dass Pille in seiner Sorge um ihn manchmal schlimmer war als jede Glucke. Andererseits wusste er auch diese Seite an seinem Freund zu schätzen, denn es gab tatsächlich wenig Menschen auf der Welt, die sich so sehr um sein Wohlbefinden sorgten.
„Nein, Pille, es geht mir gut. Ich wollte nur nach Pavel sehen. Wie geht es ihm denn?"
Er sah, wie sich Pille ein wenig entspannte.
„Es geht ihm schon besser. Die Knochenbrüche sind geheilt und die Hautpartien, die von den Verbrennungen betroffen sind, sprechen gut auf die Regenerationsheilung an. Ich werde ihn heute und morgen noch hier behalten. Aber ich denke übermorgen wird er wieder diensttauglich sein."
„Das sind gute Neuigkeiten."
Er war tatsächlich erleichtert. Der junge Russe war ihm in den letzten Wochen ans Herz gewachsen. Durch seine unschuldige Art und sein herzliches Wesen hatte Pavel die Herzen der gesamten Crew im Sturm erobert. Er selbst sah Chekov immer ein wenig wie einen kleinen Bruder, den es zu beschützen galt. Manchmal verglich er den Jungen auch heimlich mit einem Welpen. Und doch vermutete er, dass es in seiner Crew einen Menschen gab, dem Pavel besonders ans Herz gewachsen war. Und der noch einen größeren Beschützerinstinkt entwickelt hatte, als er selbst.
Hätte er Wetten gegen sich selbst nicht langweilig gefunden, hätte er seinen nächsten Monatslohn darauf gesetzt, dass er Hikaru an Pavels Bett vorfinden würde.
Und tatsächlich – kaum betrat er den Raum, in dem Pavels Biobett stand, konnte er sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Hikaru hatte seinen Stuhl so dicht an Pavels Bett geschoben, dass er ihm nur dann hätte näher sein können, wenn er sich gleich zu Pavel ins Bett gelegt hätte. Pavel saß aufrecht in seinem Bett, den Rücken mit Kissen gestützt und strahlte schon wieder wie ein ganzes Uranbergwerk. Hikarus rechte Hand und Pavels rechte Hand lagen beide nur wenige Millimeter voneinander entfernt auf Pavels Bettdecke.
In Pavels Gesicht und auf dessen Händen waren noch die Brandwunden von der Explosion im Maschinenraum zu erkennen. Trotzdem sahen die Verbrennungen schon nicht mehr so schlimm aus, wie er dies befürchtet hatte. Und Pavels Lächeln nach zu urteilen schien er auch keine Schmerzen mehr zu haben.
„Captain!"
Pavels Lächeln wurde – falls das überhaupt noch möglich war – noch größer, während er versuchte, sich aus seinem Bett zu schälen, offensichtlich um ihn mit dem gebührenden Respekt zu begrüßen. Und auch Sulu, der erst in diesem Moment bemerkt hatte, dass er den Raum betreten hatte, beeilte sich aufzustehen.
Er antwortete mit einer abwehrenden Geste und einem Lächeln.
„Bleiben Sie sitzen, respektive liegen. Ich bin nur hier um nachzusehen, wie es meinem besten Navigator geht."
Er sah, wie Pavel bei seinen Worten ein wenig rot wurde, sein Gesicht aber noch mehr aufleuchtete.
„Es geht mir gut, Captain. Dr. McCoy meinte, dass ich übermorgen meinen Dienst wieder antreten kann."
Er blieb am Fußende von Chekovs Bett stehen.
„Die Hauptsache ist, dass Sie wieder gesund werden, Pavel. Alles andere kann warten."
Sein Blick wanderte von Chekov kurz zu Sulu, der seinen Blick wieder auf den jungen Russen gerichtet hatte, offensichtlich nicht gewillt, je wieder die Augen von diesem zu nehmen. Und er konnte nicht verhindern, dass sein Grinsen noch ein wenig breiter wurde. Und noch viel weniger konnte er sich verkneifen zu sagen:
„Wir haben uns alle Sorgen um Sie gemacht, Pavel. Aber die meisten Sorgen hat sich unser guter Hikaru hier gemacht. Ich glaube, wenn ich ihn nicht zurück gehalten hätte, wäre er augenblicklich in den Maschinenraum gestürmt und hätte Sie höchstpersönlich zur Krankenstation getragen."
Belustigt sah er, wie Hikaru seinen Blick doch wieder verlegen zu Boden senkte, während sich eine verräterische Röte auf seinen Wangen abzeichnete. Pavel dagegen starrte erst ihn, dass Hikaru aus großen Augen an.
„Wirklich, Hikaru?"
Er sah, wie Hikaru vorsichtig wieder den Kopf hob und zögernd Chekovs Blick suchte.
„Wir sind Freunde, Pav. Natürlich habe ich mir Sorgen um dich gemacht. Ich würde immer kommen, um dich zu retten."
Noch immer breit grinsend beobachtete er, wie sich seine beiden Offiziere vor ihm in die Augen sahen und die Welt um sich herum zu vergessen schienen. Doch bevor sie eine Chance gehabt hätten, seine Anwesenheit völlig zu vergessen, machte er sich mit einem Räuspern wieder bemerkbar.
„Eine Freundschaft ist doch etwas Wunderbares, nicht wahr?"
Er schenkte Hikaru und Pavel sein unschuldigstes Grinsen.
„Jedenfalls bin ich froh, dass es Ihnen wieder besser geht, Pavel. Ich werde Sie jetzt wieder Ihrem Heilungsprozess und Hikarus Fürsorge überlassen und erwarte Sie dann übermorgen wieder zur Alphaschicht auf der Brücke."
Wieder strahlte Chekov ihn an.
„Ich werde bestimmt da sein, Captain."
Er verabschiedete sich mit einem Lächeln und einer nachlässig winkenden Geste von den beiden und verließ Chekovs Krankenzimmer. Auf dem Rückweg zum Turbolift hielt er noch einmal Ausschau nach Pille, konnte diesen aber nirgendwo entdecken. So verließ er schließlich die Krankenstation. Und nur kurze Zeit später öffneten sich die Türen zum Maschinenraum vor ihm.
Augenblicklich hatte er das Gefühl, direkt in der Hölle gelandet zu sein.
Der Lärm war ohrenbetäubend.
Das Gewusel vieler Menschen völlig unübersichtlich.
Und trotzdem sah er, dass Scotty und sein Team schon erhebliche Fortschritte erzielt hatten. Der Bruch der Außenhülle war kaum noch zu erkennen und auch die Reparatur des Warpantriebs schien gute Fortschritte zu machen.
Irgendwo inmitten des Gewühls erspähte er Scotty und hielt direkt auf diesen zu.
„Hey, Scotty."
Der Schotte drehte sich zu ihm um.
„Jim!"
„Ich wollte mal nach dem Rechten schauen und sehen, wie weit Sie sind."
„Es läuft alles nach Plan. Der Riss in der Außenhülle ist beinahe vollständig repariert und die Reparatur des Warpantriebs geht gut voran. Und ich muss zugeben – Commander Spock macht sich ausgezeichnet als Warpspulenprogrammierer."
Scotty nickte in eine Richtung links vom ihm und Jims Blick folgte automatisch Scottys Kopfbewegung. Und sah tatsächlich Spock, der an einer der vielen Konsolen stand und diese hochkonzentriert bediente. Der Anblick ließ ihn unwillkürlich ein wenig lächeln.
„Ich sage Ihnen was, Jim, wenn Sie den Commander jemals loswerden wollen – hier unten im Maschinenraum hätte ich immer ein Plätzchen für ihn frei."
Jim musste lachen, während er Scotty mit der Hand auf die Schulter schlug.
„Machen Sie sich da mal keine falschen Hoffnungen, Scotty. Spock ist für mich unentbehrlich."
Gespielt traurig seufzte Scotty auf.
„Dachte ich mir fast."
Noch einmal schlug er Scotty lachend auf die Schulter.
„Jedenfalls gute Arbeit, Scotty. Halten Sie mich über den Fortschritt auf dem Laufenden, ja?"
„Wird gemacht, Captain."
„Ich werde jetzt Mr. Spock noch einen kurzen Besuch abstatten."
„Tun Sie das – ich muss mich sowieso wieder um meine Leute kümmern."
„Bis dann, Scotty."
„Auf Wiedersehen, Captain."
Dann war Scotty laut rufend auch schon wieder in die andere Richtung verschwunden und er selbst überbrückte schnell die wenigen Schritte zu der Konsole, an der Spock noch immer stand.
„Hey, Spock."
Kurz sah Spock von seiner Arbeit auf, richtete dann seinen Blick aber wieder auf die Konsole, deren Bedienung er keine Sekunde unterbrochen hatte.
„Captain."
„Jim. Wir sind nicht im Dienst, schon vergessen?"
Diesmal sah Spock einen Moment länger auf, unterbrach sogar für einen Moment seine Arbeit, musterte ihn kurz und neigte dann leicht den Kopf nach rechts.
„Jim."
„Na also, geht doch."
Er schenkte Spock ein Lächeln, während er seinen Blick festhielt.
„Kann ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein, Jim?"
Jim nickte, ohne dabei Spocks dunkelbraune Augen loszulassen.
„Ja, das können Sie tatsächlich. Sie könnten mir heute Abend gegen 2000 für ein Abendessen und eine Partie Schach in meinem Quartier Gesellschaft leisten. Es gibt einiges, das ich gerne mit ihnen besprechen würde."
„Haben Sie mit der Admiralität gesprochen?"
Wieder einmal sah er sich von Spock durchschaut aber es störte ihn nicht. Im Gegenteil zwickte es ihn jedesmal angenehm in den Magen, wenn dies passierte. Ebenso wie es ihn immer dann zwickte, wenn ihre Gedankengänge in exakt dieselbe Richtung gingen und es nur wenige Worte brauchte um zu wissen, was der andere genau dachte. Doch als er sah, dass Spock noch immer auf eine Antwort wartete, schüttelte er diese Gedanken ab.
„Ja, und ich habe einige beunruhigende Dinge erfahren, zu denen ich gerne Ihre Meinung hören würde. Außerdem ist mir nach der ganzen Aufregung der letzten beiden Tage nach einem ruhigen Abend mit einem guten Gespräch und einer Partie Schach. Was meinen Sie dazu?"
Wieder neigte Spock leicht seinen Kopf.
„Das wäre äußerst akzeptabel."
Er konnte nicht anders, als wieder zu lächeln.
„Großartig. Okay, ich lasse Sie dann hier mal weiter machen – uhm, was immer Sie hier auch genau tun. Und erwarte Sie dann um 2000 bei mir."
„Ich werde pünktlich sein."
„Davon bin ich überzeugt."
Und mit einem Grinsen winkte er Spock noch einmal zu bevor er sich umdrehte und sich einen Weg durch den Maschinenraum hindurch zum Ausgang bahnte. Er würde die Zeit bis 2000 nutzen, um noch ein wenig Papierkram zu erledigen.
Es war auf die Zehntelsekunde genau 2000, als er den Türbuzzer zu Jims Quartier bediente. Es dauerte nur weitere 0,78 Sekunden, bis sich die Tür öffnete und ihm Zutritt zu Jims Quartier gewährte. Er fand Jim an seinem Schreibtisch sitzen, über ein PADD gebeugt, das er nun, zumindest kam es ihm so vor, mit einem erleichterten Seufzen zur Seite legte und sich stattdessen von seinem Sessel erhob.
„Sie sind mal wieder mein Retter in der Not, Spock. Hätte ich auch nur noch eine Minute länger mit diesem Bericht verbringen müssen, wäre ich wahrscheinlich vor Langeweile gestorben."
Er beschloss, Jims seltsame und unlogische Wortwahl für den Moment unkommentiert zu lassen – er hatte inzwischen schon oft genug festgestellt, dass er Jim nicht immer allzu wörtlich nehmen durfte – und konzentrierte sich stattdessen auf die Kernaussage dessen, was Jim ihm offensichtlich versucht hatte mitzuteilen.
„Wenn ich Ihnen mit dem Bericht behilflich sein kann, werde ich mein Bestes tun, um Sie zu unterstützen."
Zu seiner Überraschung lachte Jim und kam um den Schreibtisch herum auf ihn zu.
„Ich weiß, Spock, und ich weiß es zu schätzen. Aber ich bin schon beinahe fertig. Ich habe heute Abend nur einfach keine Lust mehr."
Das menschliche Konzept von Lust und Unlust hatte er bisher noch nie so ganz verstanden. Seiner Ansicht nach hatte man schlicht seine Pflichten und diese erledigte man so gewissenhaft, pünktlich und effektiv wie möglich. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, hatte Jim bereits weiter gesprochen.
„Und außerdem habe ich jetzt Hunger. Und ich freue mich auf eine Partie Schach mit Ihnen. Und wie gesagt gibt es auch noch einige Dinge, die ich gerne mit Ihnen diskutieren möchte und jedes einzelne dieser Dinge schlägt diesen Bericht da auf meinem Schreibtisch um Längen. Und alle drei Dinge zusammen ist genau das, was ich mir heute unter einem entspannten Abend vorstelle."
Er neigte seinen Kopf leicht nach rechts, verschränkte die Hände auf seinem Rücken und folgte Jim einige Schritte in den Raum hinein – zu dem kleinen Tisch, an dem sie das letzte Mal bereits gesessen und gespielt hatten und zum Replikator, der gerade Jims Aufmerksamkeit einforderte.
„Uhm, vegetarisch, richtig? Irgendwelche Wünsche? Salat vielleicht? Oder lieber Gemüse? Oder Obst?"
„Salat wäre akzeptabel."
„Also Salat."
Nur Augenblicke später reichte Jim ihm, nur halb zu ihm umgewandt, einen Teller mit Salat und machte hierbei eine vage Handbewegung zu dem kleinen Tisch.
„Setzen Sie sich. Ich bin gleich bei Ihnen."
Er kam Jims Vorschlag nach und setzte sich auf denselben Stuhl, auf dem er bei ihrer letzten Schachpartie bereits gesessen hatte. Den Salat platzierte er vorsichtig direkt vor sich. Nur kurze Zeit später ließ sich Jim ihm gegenüber auf einen der anderen Stühle fallen, stellte seinen Teller mit einem vernehmlichen Geräusch auf die Tischfläche, schob ihn näher zu sich heran und griff nach dem Besteck.
„Und Sie sind sicher, dass Sie nichts von meinem Steak wollen?"
Kurz ließ er seinen Blick zu Jims Teller wandern und zu dem Stück Rindfleisch das dort lag und nach seiner Schätzung eher blutig als medium sein dürfte. Dann wandte er seinen Blick wieder Jim zu, wobei er eine Augenbraue hob, demonstrativ sein Besteck in die Hand nahm und sich ein erstes Salatblatt aufspießte.
„Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen, Jim. Aber ich bedaure, es ablehnen zu müssen."
Jim grinste ihn an.
„Dachte ich mir. Aber ich dachte auch, es kann nicht schaden, Sie zu fragen."
„…In der Tat."
Jim grinste nur noch breiter. Dann beugte er sich über seinen Teller, trennte das erste Stück Fleisch ab und schob es sich in den Mund. Einige Momente verbrachten Sie essend und schweigend, doch dann nahm Jim das Gespräch wieder auf.
„So."
Er suchte Jims Blick, wartete darauf, dass dieser weiter sprechen würde, doch dieser schwieg und schob sich ein weiteres Stück Fleisch in den Mund.
„Erklären Sie sich bitte, Jim."
Er sah, wie Jim kaute, dann schluckte, ihn wieder ansah und schließlich bereit schien, weiter zu sprechen.
„Ich habe heute Nachmittag mit Admiral Pike und Admiral Archer gesprochen. Sie waren erfreut über den Ausgang der Verhandlungen mit König D'hjang aber besorgt über den Zwischenfall mit den Klingonen."
„Eine logische Reaktion."
„Ja, wahrscheinlich. Und trotzdem stinkt diese Sache mit den Klingonen zum Himmel wenn Sie mich fragen."
Er hob eine Augenbraue.
„Zugegeben, der klingonische Körpergeruch ist im Allgemeinen weder angenehm noch dezent. Aber ich kann nicht bestätigen, dass er über eine Strecke von mehreren tausend Kilometern zu riechen wäre. Darüber hinaus verstehe ich nicht, was klingonische Körperpflege mit Ihrem Gespräch mit den beiden Admirals zu tun hat."
Zu seiner Überraschung fing Jim an zu lachen – ein Lachen, dessen Klang er inzwischen in der Regel als äußerst angenehm empfand, das ihn im Moment allerdings irritierte. Doch kurz darauf hatte Jim sich bereits wieder soweit beruhigt, dass er ihm antworten konnte.
„Das ist nur eine Redewendung, Spock. Ich wollte damit nur sagen, dass diese ganze Sache mit den Klingonen seltsam ist und für mich im Moment viel zu wenig Sinn ergibt."
Sofort ließ er seine Augenbraue wieder sinken.
„Erklären Sie sich."
Jim schob sich ein weiteres Stück Fleisch in den Mund, kaute und dachte offensichtlich darüber nach, wie er seine Gedanken am besten in Worte fassen sollte. Dann schluckte er schließlich, legte ebenfalls seine Gabel nieder und suchte seinen Blick, den er erwiderte.
„Naja – auf der einen Seite erzählen mir die beiden Admiräle, dass die Föderation in Sondierungsgesprächen über eine dauerhafte, friedliche Koexistenz mit dem klingonischen Reich steht. Auf der anderen Seite finden wir in der Höhle eines Planeten der Föderation klingonische Schmugglerware und werden Zeuge davon, wie ein klingonischer Bird of Prey zuerst einen ganzen Planten und dessen unschuldige Bevölkerung angreift und sodann auf ein Raumschiff der Föderation schießt. Irgendetwas stimmt doch da nicht."
Einen Moment lang dachte er über Jims Worte nach. Dann erwiderte er:
„Nicht unbedingt, Jim."
Jim erwiderte noch immer seinen Blick.
„Was meinen Sie damit?"
„Wir haben keinerlei Beweise, dass hinter unserem Fund in der Höhle klingonische Schmuggler stehen oder dass die Ware auch nur für das klingonische Reich bestimmt war. Insofern handelt es sich lediglich um Spekulation von unserer Seite. Was den Angriff auf Ferrolos Prime betrifft, ist zu beachten, dass Ferrolos Prime zum Zeitpunkt des Angriffs kein Mitglied der Föderation war. So ist der Angriff auf Ferrolos Prime nicht zwangsläufig als kriegerischer Akt gegen die Föderation zu sehen. Des Weiteren kann nicht geleugnet werden, dass die Enterprise zuerst das Feuer auf den klingonischen Bird of Prey eröffnete, so dass die Feuererwiderung des klingonischen Schiffs streng genommen ein Akt der Verteidigung war."
„Die Klingonen haben Ferrolos Prime angegriffen, obwohl sie wussten, dass die Ferrolen mit der Föderation in Verhandlungen über einen Beitritt stehen."
„Das allein genügt aber nicht, um ihr Verhalten als kriegerischen Akt anzusehen. Aus ihrer Sicht haben Sie nur versucht ihren Anspruch auf Ferrolos Prime geltend zu machen, so, wie es die Föderation auch versucht hat. Auch wenn die Mittel der Klingonen andere waren, als die der Föderation."
In Jims Gesicht konnte er inzwischen deutlich dessen Ärger sehen.
„Und trotzdem sagt mir mein Bauchgefühl, dass das alles kein Zufall ist. Irgendetwas geht bei den Klingonen vor. Ich weiß nur noch nicht was."
Er hielt es für besser nicht zu erwähnen, dass ein ‚Bauchgefühl' keine empirisch messbare Größe war. Stattdessen sagte er:
„Genauso wenig wie sich beweisen lässt, dass das Verhalten des klingonischen Reichs verdächtig ist, lässt sich anhand der vorliegenden Fakten das Gegenteil beweisen. Es kann demnach durchaus sein, dass Sie recht haben mit Ihrer Vermutung, Jim. Es wäre unlogisch, diese Möglichkeit auszuschließen, solange es sich hierbei weiterhin um eine mögliche Alternative handelt. Ich habe nur auszudrücken versucht, dass Ihre Sichtweise nicht die einzig ausschließliche ist."
Und tatsächlich schien sich Jim bei seinen Worten wieder ein wenig zu entspannen.
„Ich habe verstanden, Spock. Und das ist genau der Grund, warum ich diese Sache mit Ihnen diskutieren wollte. Weil Sie es immer schaffen, mir auch andere Möglichkeiten und Standpunkte aufzuzeigen. Und trotzdem bleibe ich bei dieser Sache bei meinem Bauch."
Er sah, wie Jim ihn plötzlich angrinste.
„Auch, wenn Sie das wahrscheinlich völlig unlogisch finden."
Er hob eine Augenbraue, nur noch milde erstaunt darüber, dass Jim anscheinend seine vorangegangenen Gedanken mühelos entlarvt hatte.
„Ich muss zugeben, dass mir solche Institutionen wie ‚Bauchgefühl' oder ‚Intuition' im Allgemeinen fremd sind. Nichts desto trotz habe ich Sie bisher schon mehr als einmal dabei beobachten können, wie Sie diesem ‚Bauchgefühl' gefolgt sind und dabei erfolgreich waren."
Er sah, wie Jims Lächeln sich vertiefte.
„Ich sehe schon, wir lernen hier beide nützliche Dinge voneinander."
Und auf diese Aussage wusste er nichts zu erwidern.
Stattdessen beobachtete er, wie Jim aufstand, nach ihren beiden inzwischen leeren Tellern griff, diese zurück in den Replikator stellte, dann zu dem Regal in seinem Arbeitsbereich ging, diesem das Schachspiel entnahm und mit dem Schachspiel unter dem Arm an den Tisch zurückkehrte, wo er das Spiel abstellte und begann es aufzubauen. Schließlich schob er ihm grinsend die weiße Seite zu, suchte seinen Blick, drohte ihm scherzhaft mit dem Finger und meinte:
„Und wagen Sie es nicht, diesmal wieder mit diesem Höflichkeits-bullshit zu kommen. Ich denke, ich habe das letzte Mal bewiesen, dass ich durchaus ein würdiger Gegner bin."
Er unterdrückte seine Amüsiertheit, neigte stattdessen leicht den Kopf und sagte schlicht:
„Wie Sie wünschen, Jim."
Dann machte er seinen ersten Zug.
Eine Weile spielten sie stumm und konzentriert und er musste zugeben, dass es ebenso faszinierend war mit Jim zu schweigen, wie mit diesem zu sprechen. Es war ein einvernehmliches Schweigen, dem das ruhelose Suchen nach dem nächsten Gesprächsthema, wie er es schon so oft in Gesellschaft anderer Menschen – sogar in Nyotas Gesellschaft – erlebt hatte, vollkommen fehlte. Es schien vielmehr, als sei nicht nur er, sondern auch Jim vollkommen zufrieden damit, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, Schach zu spielen und dabei nichts zu sagen. Eine Erfahrung, die ihm – zumindest unter Menschen – bisher völlig fremd gewesen war, die ihn aber gerade deshalb faszinierte. Wahrscheinlich – vermutete er selbst – lag es daran, dass es Jim und ihm offensichtlich nie an Gesprächsstoff zu fehlen schien, wenn sie sich wirklich unterhalten wollten. Vielleicht machte dieses Wissen es auch einfacher, einverständlich miteinander zu schweigen.
Und so dauerte es weitere 54,56 Minuten und 43 Spielzüge, bis Jim, seinen König mit einem Springer abdeckend, das Schweigen schließlich wieder brach.
„Im Übrigen haben Sie heute Morgen fantastische Arbeit geleistet. Auch Admiral Pike und Admiral Archer waren sehr beeindruckt von Ihrer Idee, das klingonische Schiff anhand dessen akustischer Signale zu orten."
Er sah auf und begegnete dem Blick aus Jims blauen Augen. Doch fast augenblicklich senkte er seinen Blick wieder auf das Schachbrett, seine nächsten Züge planend, während er antwortete:
„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. Außerdem wäre es mir ohne die Hilfe von Lieutenant Uhura und Ensign Chekov nicht möglich gewesen, das gegnerische Schiff zu orten. Ebenso wenig hätten wir die Schlacht ohne die Fähigkeiten Mr. Sulus als Steuermann und Mr. Scotts als Ingenieur gewonnen. Ganz zu schweigen von Ihrer Kommandostärke in dieser Situation."
Er schlug mit der weißen Dame den schwarzen Springer und hob erneut die Augen, um Jim anzusehen.
„Schach."
Er sah, dass auch Jim seinen Blick wieder auf das Schachbrett gerichtet hatte.
„Sie sind zu bescheiden, Spock. Pflicht oder nicht – Sie haben heute Morgen fantastische Arbeit geleistet und das muss einfach mal gesagt werden."
„Vulkanier streben nicht nach Ruhm."
Jim brachte seinen König aus der Gefahrenzone und sah mit einem Lächeln wieder auf.
„Aber wir Menschen loben gerne. Also gewöhnen Sie sich daran."
Er zog es vor, das Thema zu beenden und sich stattdessen wieder auf das Spiel zu konzentrieren und Jim tat es ihm gleich. Nach weiteren 59,21 Minuten und weiteren 49 Spielzügen konnte er das Spiel schließlich knapp für sich entscheiden.
Und weitere 10,73 Minuten später lag er in seinem Bett. Er hatte gar nicht mehr versucht zu meditieren. Stattdessen hatte er beschlossen, sich Ruhe durch ein wenig Schlaf zu verschaffen. Und tatsächlich war er nur wenige Minuten später eingeschlafen.
