Disclaimer: siehe erstes Kapitel

Beta: morbides_maedchen und Poet, vielen Dank euch beiden!


10. Friedenskraniche


Harrys Versöhnung mit den Weasleys, oder zumindest mit den Eltern und Percy, war wundervoll gewesen. Die Weasleys hatten eine Richtigstellung verfasst, welche in mehreren Zeitungen abgedruckt wurde. Darin war zu lesen, dass ihr Sohn wohlbehalten zu ihnen zurückgekehrt war und es sich bei der sogenannten Entführung lediglich um ein Missverständnis unter Freunden gehandelt hatte. Es erwähnte ebenfalls die entspannte, kinderfreundliche und warme Atmosphäre am neuen Standort des Riddle Waisenhauses.

Leider hatte auch das den beiden Todessern im Gewahrsam des Ministeriums nicht geholfen.

Täglich wurden den beiden neue Variationen des Veritaserums gefüttert, und mit jedem Experiment erhöhte sich die Chance, dass irgendwann eine Mischung dabei wäre, die ihre Gesundheit mit weit reichenden Folgen beeinträchtigte. Rabastan hatte bereits einmal drei Tage über der Kloschüssel verbracht, unfähig, irgendetwas zu sich zu nehmen, das er nicht sofort wieder von sich gab. Narcissa war diese Tortur erspart geblieben, dafür war sie von einer anderen Giftmischung einen halben Tag lang erblindet, was bei ihr zu einem heftigen Panikanfall geführt hatte, von dem sie sich erst nach Verabreichung eines doppelten Beruhigungsmittels wieder erholte. Ein anderes Gebräu hatte sie unvermittelt alle Körperbehaarung inklusive der Kopfbehaarung verlieren lassen. Ihre Peiniger mochten diesen Nebeneffekt lustig finden, doch Narcissa fühlte sich in erster Linie gedemütigt.

Von alledem wusste man in Malfoy Manor nichts, dennoch war allen die Gefahr für Leib und Leben bewusst, in der die beiden Versuchskaninchen schwebten. Die angespannte Stimmung im Haus übertrug sich auch auf die Kinder, die schließlich lautstark eine Erklärung forderten, warum ihre beiden Betreuer nicht mehr da waren. Als man ihnen schonend beibrachte, dass die beiden von der Regierung gefangen genommen worden waren, weil man sie mit jemandem verwechselte, erwachte bei den Kindern der Zorn der Gerechten.

Einer der älteren Jungen schlug vor, eine Petition zu schreiben und der Plan wurde unvermittelt in die Tat umgesetzt. Jedes der Kinder unterschrieb, wenn auch in den Fällen der Jüngeren nur mit einem krakeligen Schnörkel oder einem Bild. Aber immerhin.

Mit der Überschrift 'Gebt uns unsere Nannys wieder!' und einem erklärenden Begleitschreiben aus Mrs. Parkinsons Feder wurde die Petition unverzüglich abgeschickt.

Keiner der Todesser konnte ahnen, dass die Petition der Kinder nicht die erste war, die das Ministerium erreichte.

Auch die Muggel hatten geschrieben.

Als man in Little Hangleton darauf aufmerksam wurde, dass es im alten Riddle-Haus verdächtig still geworden war, begannen die Ortsansässigen herumzufragen. Bald stellte man fest, dass alle schulreifen Kinder des Waisenhauses seit geraumer Zeit im Unterricht fehlten. Einige Besucher klingelten an der Türe des Hauses, doch vergeblich. Schließlich alarmierte man die Polizei.

Frustriert mussten die Bewohner Little Hangletons sich anhören, dass der Leiter ihres Waisenhauses wegen 'zwielichter Machenschaften' festgenommen worden sei und die Kinder daraufhin allesamt verschwunden waren.

Ein empörter Brief mit den Unterschriften sämtlicher Bewohner der Gemeinde fand sich einige Tage später im britischen Ministerium ein, in dem sie forderten, dass die Regierung etwas unternähme, um die Kinder zu finden und sicherzustellen, dass es ihnen an ihrem jetzigen Aufenthaltsort nicht schlechter ginge als in ihrem bisherigen Waisenhaus. Schließlich sei doch die Regierung daran schuld, dass sie es verlassen hatten. Und überhaupt, wie komme man überhaupt auf die Idee, den Herrn Riddle zu verdächtigen, er sei doch so ein herzensguter Mensch...

Das Schreiben wurde postwendend ans magische Ministerium weitergeleitet, wo man es mit großem Unglauben betrachtete. Riddle, Voldemort, ein herzensguter Mensch? Und in dem Haus sollten tatsächlich Kinder gewesen sein?

Man schickte Auroren aus, um vor Ort Nachforschungen anzustellen. Bald mussten sich die Ministeriumsangestellten eingestehen, dass es in Little Hangleton tatsächlich ein Waisenhaus gegeben hatte, dessen Kinder nicht nur sehr glücklich, sondern auch sehr unmagisch gewirkt hatten. Immer mehr Leuten krampfte sich der Magen zusammen, wenn sie hörten, dass an den beiden 'Todessern' im Kerker wieder eine neue Variante des Veritaserums getestet werden sollte.

Was, wenn sie tatsächlich die Wahrheit sagten?

Und nun dieser Brief. Gebt uns unsere Nannys wieder.

Nicht eben wortgewandt, aber dafür umso glaubwürdiger. Es brach so einigen Angestellten fast das Herz. Das konnte doch nicht mehr gespielt sein?


Harry klopfte vorsichtig und trat dann ein. Vorlost saß mit dem Rücken zu ihm an seinem Schreibtisch und schien sehr konzentriert an etwas zu arbeiten.

"Vorlost, was tust du da?"

"Papierkraniche für Sadako falten. Sieht man doch."

Harry hob ein verknittertes, weißes Etwas vom Tisch. "Das soll ein Kranich sein?"

Vorlost guckte böse. "Ja, soll es. Und er ist auch genau nach Anleitung!" Mit seinem nächsten papierenen Opfer wedelte er in Richtung einiger Origami-Bücher. Harry erkannte sie aus der Bastelecke der Kinder wieder. Nur hatten deren Origami-Figuren irgendwie besser ausgesehen.

"Vermutlich ist es gut, dass du noch weiter übst", sagte er mit einem entwaffnenden Lächeln.

Vorlosts säuerlicher Ausdruck bewies, dass auch Harry noch üben musste, wenn sein Lächeln den Mann jemals entwaffnen sollte. Ruckartig strich Vorlost eine Falte glatt. "Ich übe nicht; ich sammle."

"Ach? Wie viele sollen es denn mal werden?"

"Eintausend."

Harrys schiefes Grinsen erlosch. "Und wie viele hast du schon?"

"Fünf."

"..."

"Sag jetzt nichts Falsches!"

Harry legte seinem Freund die Arme um den Hals. "Verrätst du mir, warum du tausend Papierkraniche brauchst?"

Vorlosts Zorn verrauchte. Er ließ sich in Harrys Umarmung fallen und schloss müde die Augen. "Theo hat vorhin mit ein paar der älteren Kinder das Buch "Sadako and the Thousand Paper Cranes" diskutiert. In Hiroshima soll es ein Denkmal für das Mädchen geben, und es werden bis zum heutigen Tag im Namen des Friedens Kraniche dort abgegeben. Aber eben mindestens eintausend Stück..."

Er sah geschlagen auf seine kläglichen Versuche hinunter. "Ich dachte, es wäre eine nette Geste, wenn die 'T.V. Riddle Stiftung' auch ihren Beitrag leistet. Wo mir doch niemand glaubt, dass ich jetzt friedlich bin..."

Harry runzelte die Stirn. "Vorlost, wie groß ist die Chance, dass auch nur ein britischer Zauberer Wind von einer Spende an ein japanisches Muggeldenkmal bekommt?"
Vorlost seufzte. "Ist mir schon klar. Aber was soll ich denn sonst tun? Ich mache mir Sorgen um Narcissa und Rabastan. Wenn ich nicht wieder als Dunkler Lord agieren und sie mit Gewalt befreien will, sind mir die Hände gebunden. Das Gefühl kenne ich nicht und ich mag es nicht!"

So kindisch seine Worte auch wirken mochten, Harry hörte den sehr erwachsenen Schmerz dahinter. Vorlost fühlte sich hilflos und damit konnte er nicht umgehen.

Zumal es ja stimmte.

Harry schloss seine Arme enger um seinen Freund. Konnte er denn gar nichts tun? Wenn schon nicht die beiden befreien, dann doch vielleicht wenigstens etwas, um Vorlost aufzuheitern?

"Komm, mach mal Pause", sagte er schließlich. "Ich mach uns beiden jetzt erstmal eine heiße Schokolade."

"Aber es ist Sommer!"

"Das ist kein Argument gegen heiße Schokolade."

"Nicht?"

"Es gibt kein Argument gegen heiße Schokolade. Jedenfalls keins, das ich gelten lasse."

Vorlost gab sich geschlagen und folgte seinem jungen Liebhaber in die Küche. Bald darauf saßen beide eng aneinandergekuschelt auf dem Sofa, jeder eine dampfende Schale frisch aus hundertprozentigem Kakaopulver und Rohrzucker angerührten Kakaos in den Händen.

"Du, Vorlost?"

"Hm?"

"Wenn die Kraniche im Namen der ganzen Stiftung sein sollen, warum lässt du dann nicht auch die ganze Stiftung mitfalten?"

"Wen meinst du?"

"Deine Todesser. Und die Kids, falls sie Lust haben."

Vorlost dachte einen Moment darüber nach."Ich hatte es eigentlich ganz alleine schaffen wollen. Ein bisschen über den Frieden meditieren und so."

"Sehr meditativ hat das aber nicht ausgesehen."

"..."


"Mrs. Malfoy, was tun Sie da?"

"Ich falte Papierkraniche."

Die beiden Auroren blickten ihre Gefangene mit Fragezeichen in den Augen an.

"Für den Frieden", erklärte die Frau geduldig.

"Mrs. Malfoy, könnten Sie uns bitte erklären, woher Sie das Papier haben?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Ich habe die Herren vor Ihnen darum gebeten. Es schadet niemandem, also haben sie mir den kleinen Wunsch erfüllt. Es ist sehr langweilig hier."

Dagegen konnten die Auroren nichts sagen, zumal da sie sich der immer größer werdenden Fraktion der Ministeriumsangestellten bewusst waren, die die Freilassung der beiden Todesser forderten.

Ein paar schnelle Zauber bestätigten, dass an dem Papier keinerlei schädliche Magie haftete. Die beiden Auroren gaben den Vorfall an ihre Vorgesetzten weiter und ließen es damit gut sein.

Die Vorgesetzten freilich waren wenig begeistert, als sie die Meldung per fliegendem Memo erhielten.

"Sie auch?!"

Nur eine Stunde zuvor war eine Meldung eingegangen, dass Rabastan Lestrange aus unerfindlichen Gründen begonnen hatte, in seiner Zelle Papierkraniche zu falten.


"Woher wissen Sie, wie man Papierkraniche faltet?"

Die vollkommen vom Wahrheitsserum vereinnahmte Mrs. Malfoy antwortete ohne zu zögern. "Ein Mäuschen trug mir die Anleitung zu."


"Mr. Lestrange, woher hatten Sie Ihre Anleitung für das Kranichfalten?"

"Die hat der Storch gebracht."

Die Auroren sahen sich an. Das Veritaserum wirkte schon wieder nicht!


"Wirklich Harry, ein Storch im Ministerium? Wie willst du das erklären?!"

Harry grinste. "Gar nicht."


Natürlich waren die Auroren nicht sehr glücklich darüber, dass ihre beiden Gefangenen einige Tage später einstimmig erklärten, ihre fertigen Kranichketten hätte eine Kakerlake fortgetragen. Wiederfinden konnten sie die Kraniche deshalb trotzdem nicht.

Etwas später wurden beide Gefangenen gemeinsam ins Befragungszimmer gebracht. Sie nickten einander zu.

"Hallo Rabastan."

"Narcissa."

"Ich habe gehört, du faltest auch Kraniche?"

"Ja, was soll man hier auch sonst tun?"

Rabastan biss sich auf die Lippe, als ringe er mit sich selbst. "Kannst du... Ich habe ein Problem mit dem Schritt, wo der Diamant aufgefaltet wird. Trotz Hilfslinien ist es bei mir jedes Mal ein Kampf."

Narcissa sah ihn aufmerksam an. Das Kranichfalten hatte ihr gut getan, sie hatte seitdem keine Panikattacken mehr bekommen und fühlte sich insgesamt ruhiger. "Welche Hilfslinien faltest du denn?"

"Alle vier."

"Daran liegt es. Es gibt fünf; einer hat in der Anleitung gefehlt, aber ich erinnerte mich nach einer Weile daran. Ich habe ja mit Justin schon oft Origami gefaltet. Erst jede Kante, und dann noch das obere Dreieck runterfalten, wenn..."

"Jetzt ist es aber genug!", unterbrach der heutige Inquisitor das Gespräch. "Wir sind doch nicht zum Spaß hier!"

"Es ist mir auch ernst!", fauchte Narcissa.

Während der Mann sich noch von ihrer unerwartet heftigen Reaktion erholte, erklärte Narcissa Rabastan seelenruhig, wie er seine Kraniche zu falten hatte, wenn er mit möglichst wenig Aufwand schöne Ergebnisse erzielen wollte.


"Wie, fünf?" Vorlost schaute sehr verloren auf seine Zeitung. "Ich habe immer nur zwei gefaltet..."

Harry tätschelte ihm den Rücken und verkniff sich das Lachen. Dass Vorlost aus dem Tagespropheten lernen musste, was er falsch gemacht hatte, war schon gemein; aber dass der Tagesprophet die Unterhaltung der beiden 'fälschlich angeklagten Waisenhaus-Lehrer' auf der Titelseite druckte war einfach zu absurd um wahr zu sein. Und doch stand es da, Wort für Wort, schwarz auf weiß.

"Unsere Welt hat schon irgendwie einen Schaden, oder?", fragte Harry schließlich.

"Hm?" Vorlost sah nicht von seinem neuesten Kranich auf.

"Ich meine, dass eine Story über papierfaltende Häftlinge die Titelseite schafft, ist doch ein bisschen bedenklich, oder? Als gäbe es sonst keine politischen Neuigkeiten."

Vorlost zuckte kurz die Schultern, vertiefte sich dann aber wieder in seine Kranichfalterei. "Ich und meine Aktionen waren schon immer auf der Titelseite. Gewöhn' dich dran."

Harry grummelte. "Ist bei mir nicht anders. Aber diesmal wissen sie nicht mal, dass du und ich daran beteiligt sind, und trotzdem..."

"Ha!"

Harry lächelte müde, als Vorlost ihm endlich seinen ersten wirklich schönen Kranich entgegenhielt.

"Na also, geht doch!"

"Der wievielte Versuch war das jetzt?"

"Ähm..."

"Sag. Wie viele sind es?"

"Dreihundertfünfundzwanzig."

Harry verkniff sich erneut das Lachen. Stattdessen gab er Vorlost einen Kuss auf die Stirn. "Hast du gut gemacht."


Am nächsten Tag kamen die ersten Eulen.


Mein Mann und ich wollen Ihnen unsere Unterstützung für Sie und Ihr Waisenhaus ausdrücken; im Namen Ihrer beiden Mitarbeiter, welche das Ministerium unrechtmäßig gefangen hält, möchten wir Ihnen hiermit einhundert Kraniche überreichen..."


Dieser Brief und ähnliche häuften sich in den nächsten Tagen, und die Anzahl der enthaltenen Kraniche wurde immer größer. Vier Tage nach dem Zeitungsartikel kam der erste Brief mit einem kompletten Satz von eintausend Kranichen in Regenbogenfarben an.

Harry sammelte und organisierte die Spenden, während Vorlost emsig weiter faltete. Auch die übrigen Todesser falteten in jeder freien Minute Papierkraniche, um Vorlost ihre Unterstützung zu zeigen, selbst wenn nicht alle an den Sinn der Aktion glaubten. Doch mit jedem eingehenden Brief stieg der Enthusiasmus im Haus. Auch die Kinder wurden davon ergriffen und immer wieder sah man einige in einer Ecke zusammensitzen und Origamipapier falten.


"Vorlost, stop."

"Ich kann jetzt nicht aufhören Harry, ich habe fast die siebenhundert voll!"

"Vorlost. Hör mir zu. Hier im Haus liegen jetzt insgesamt Vierunddreißigtausendfünfhundert Kraniche - und ein paar Zerquetschte. Wörtlich. Meinst du nicht, es reicht langsam?"

"Vier- vierund-"

"-dreißigtausend. Ja. Wir haben jeden Tag mehr Spenden bekommen. Ich glaube, es wird langsam Zeit, dass wir sie publikumswirksam an den Mann bringen, meinst du nicht auch?"

"Sie sind für Sadako..."

"Ja, aber das heißt nicht, dass nicht auch ganz England von ihnen wissen darf, oder?"

"Was schlägst du vor?"

"Eine Ausstellung!"


Minister Moody fehlte sich extrem fehl am Platz. Warum nur hatte seine Sekretärin so voreilig zugesagt, als man darum bat, dass der Minister persönlich die neue Ausstellung eröffnete? Freilich, er hatte ihr befohlen, bei guten PR-Mitteln immer sofort zuzuschlagen. Aber musste es ausgerechnet diese Ausstellung sein?

Seufzend erhob er die Schere zum Band. "Im Namen aller friedliebenden Bürger des magischen Großbritanniens erkläre ich hiermit die Ausstellung der Kraniche für Hiroshima-"

"Für Riddle!"

Er knirschte mit den Zähnen. "- der Kraniche, die der T.V. Riddle Stiftung gespendet wurden und die in Kürze nach Hiroshima geschickt werden sollen, für eröffnet."


Die Ausstellung war ein voller Erfolg.

Zwei Squib-Bewohner Little Hangletons standen bei den Exponaten und erzählten bereitwillig jedem interessierten Besucher von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem liebreizenden Mr. Riddle und seinem herzensguten Personal. Sie zeigten Bilder der Kinder und forderten lautstark, dass die Regierung endlich etwas tat, um sie zu finden. Die ausschließlich magischen Besucher der Ausstellung waren vom Einsatz der Squibs teils peinlich berührt, teils schwer beeindruckt. Wenn dieser Riddle wirklich Voldemort sein sollte, hätte er doch gewiss nicht mit Squibs gearbeitet, um die Welt von seiner Unschuld zu überzeugen? Immerhin wusste jeder, dass Voldemort Muggelgeborene hasste und Squibs verachtete – und dass es nie sein Ziel gewesen war, unschuldig zu wirken.

Im Ministerium wurden die Stimmen immer lauter, welche die Befreiung der Gefangenen forderten. Als hierauf vom Minister weiterhin keine Reaktion kam, forderte man immer lauter dessen Abdankung.


In ihrem Büro im siebten Untergeschoss saß die Beauftragte für Völkerverständigung, H. Granger, und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Seit ihrem Hogwarts-Abschluss hatte sie zwei Ziele im Leben gehabt: Harry wieder zu finden und mit dem Rassismus in der magischen Welt aufzuräumen. Unter Alastor Moody als Minister war es ihr gelungen, die Stellung der magischen Wesen in ihrer Gesellschaft weit über ihre Hoffnungen hinaus zu verbessern, doch von Harry gab es weiterhin keine Spur.

Und dann tauchte er plötzlich wieder auf – einfach so, als sei nichts gewesen.

Sie hatte es nicht geglaubt. Der Harry, den sie kannte, wäre nicht einfach so für vier Jahre verschwunden, ohne seinen besten Freunden zumindest ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Nicht Harry.

Ihr war Dumbledores Folgerung, dass er entweder verhext oder wahnsinnig geworden war, daher durchaus plausibel erschienen. Nur so ließ sich erklären, warum er so rücksichtslos gehandelt und sich dann zu allem Überfluss auch noch Voldemort angeschlossen hatte.

Dass der Dunkle Lord tatsächlich 'gut' geworden sein sollte, hatte sie nicht eine Minute in Betracht gezogen. Sie hatte sich die Erzählung der Zwillinge über Harrys Reisen angehört; doch auch diese wussten die genauen Details über seine Entführung nicht und konnten ihr nicht erklären, wie es zu Harrys krassem Gesinnungswandel kam.

Hermine wäre nicht Hermine, wenn sie sich mit den Aussagen anderer Leute zufrieden gegeben hatte. Leider gab es aber über Harrys Leben nirgendwo zuverlässige Quellen; kein Buch, in dem geschrieben stand, ob Dumbledores Plan ein guter war und ob es tatsächlich unmöglich war, dass Harry zwar mit Voldemort im Waffenstillstand, aber dennoch weiterhin weder verrückt noch böse war. Es gab einfach zu wenige Informationen und niemand hatte mehr als reine Spekulationen.

Letztendlich konnte Hermine nur auf das vertrauen, womit sie bisher immer am besten gefahren war: Dumbledores Anleitung.

Es war ihr schwer gefallen, Harry zu belügen, doch schien ihr ein einmaliger Obliviate sowie ein Verschleierungszauber, der Harry davon abhielt, die Unstimmigkeiten in Dumbledores 'Wahrheit' näher zu untersuchen, ein geringer Preis dafür, ihren Freund wieder auf ihrer Seite zu wissen. Aber es war nicht bei dem einmaligen Obliviate geblieben, nicht wahr?

Ihre Miene verfinsterte sich.

Sie hatte die letzten Monate weiß Gott nicht müßig verbracht. Intensive Nachforschungen hatten ergeben, dass die wiederholte Anwendung des Obliviate zu irreparablen Schäden des Hirns führen konnte. Das hatte Harry nicht verdient, selbst wenn er aufgrund von Folter und Flüchen zeitweise die Seiten gewechselt hatte! Er war doch immer noch ihr Freund!

Weitere Recherche hatte ihr gezeigt, dass sich Dumbledore auch in der Vergangenheit einiger grober Fehleinschätzungen schuldig gemacht hatte. Allein das Schicksal seiner Schwester Ariana sprach Bände über sein Urteilsvermögen. Natürlich war er damals noch wesentlich jünger und hitzköpfiger gewesen; Hermine konnte nicht verleugnen, dass Dumbledore mit den Jahren durchaus an Weisheit hinzugewonnen hatte und in den meisten Fällen tatsächlich wusste, was er tat.

Aber traf das auch auf diesen zu?

Hatte Dumbledore tatsächlich noch Harrys Wohlergehen im Sinn – oder ging es ihm nur noch um das hehre 'Gemeinwohl'?

Hermine dachte an ihr letztes Treffen mit Harry, ehe er von Neuem verschwunden war. Er war Arm in Arm mit diesem Tim aufgetaucht und Ron hatte auf dem Absatz kehrt gemacht und den Raum verlassen. Hermine dagegen war sitzen geblieben und hatte sich zu einem Lächeln gezwungen.

Nach wiederholten Anwendungen des Obliviate kann es gelegentlich zu Störungen des Essverhaltens, des Geruchssinns, der räumlichen sowie der sexuellen Orientierung kommen, stand in einem der Lehrbücher für magische Medizin. In der fünften Klasse hatte Harry ja durchaus noch Interesse an Cho Chang gezeigt; aber wer wusste schon, wie sich Harrys Vorlieben in den vier Jahren, die er verschwunden gewesen war, weiter entwickelt hatten; fest stand jedenfalls, dass er seit seiner Rückkehr deutlich dem männlichen Geschlecht zugetan war. Für Hermine war nicht ergründlich, ob dies seine natürliche Veranlagung oder das Resultat von Dumbledores Gehirnwäsche war. Nachdem sie eine Weile darüber nachgedacht hatte war sie aber zu dem Schluss gekommen, dass Harry so oder so nichts dafür konnte, in wen er sich verliebte. Warum also sollte sie ihm sein Interesse an Männern vorwerfen?

Harry schien ihre neu gefundene Toleranz durchaus zu schätzen. Dennoch änderte es nichts daran, dass sie sich immer seltener trafen. Harry hatte sich mit den Slytherins angefreundet; Ron und Hermine waren Teil eines Lebens, das für ihn viele Jahre zurück lag – oder zumindest hatten sie, so weit er wusste, vier Jahre ohne ihn ihr Leben weiter geführt, während er 'im Koma lag'.

Ihr eigenes Schuldbewusstsein, weil sie es zuließen, dass Dumbledore mit Harrys Erinnerungen spielte, machte es ihr unmöglich, wieder eine so enge Bindung zu ihrem besten Freund aufzubauen, wie damals.

Und nun war Harry erneut verschwunden, und es sah ganz so aus, als wäre er erneut bei diesem Tom Vorlost Riddle. Voldemort? Oder wirklich ein harmloser Waisenhausleiter?

Hermine dachte an die beiden 'Todesser' in den Kerkern des Ministeriums. Sie wusste, dass bei Harry das Veritaserum nicht funktioniert hatte; es war schon möglich, dass es auch bei Mrs. Malfoy und Lestrange nicht wirkte. Aber gab ihnen das das Recht, Experimente an lebenden Menschen durchzuführen?

Nein!

Das widersprach allem, wofür sie sich hier im Ministerium einsetzte. Sirius würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er wüsste, dass Gefangene weiterhin sämtlicher Menschenrechte beraubt wurden, und das obwohl Hermine mittlerweile in einer Position saß, wo sie gerade gegen solchen Missbrauch tatsächlich etwas bewirken konnte!

Entschlossen stand sie auf und verließ ihr Büro.


Urdrache, wie immer danke für deine Review! ^^