Lucas öffnete die Tür zu seinem Quartier um sich zum Wissenschaftsdeck zu begeben, als jemand anders davor stand, mit der Hand erhoben um zu klopfen. "Die haben dich nicht eingesperrt und sofort von Bord geworfen?" sagte Lucas mit einem kritischen Blick auf den unerwarteten Besucher.
"Nein, wir bekommen sogar eine Chance um das wieder gut zu machen. Wir sollen zusammen arbeiten um das System besser zu machen. Wenn es besser gesichert wäre, dann gäbe es einen weiteren Vorfall wie diesen nicht mehr." sagte der Teenager schüchtern. Bill Waxler wirkte äußerst nervös, woran das nun lag, vermochte Lucas nicht zu sagen. Bill indessen vermied jeden Blickkontakt und knetete seine Hände ineinander.
"Wer hat das angeordnet?"
"Der Captain. Nachdem ich erklärt habe, wie einfach es für mich war in das System zu kommen, fand er es wäre notwendig wenn das mal durchgesehen wird. Das meinten auch die anderen Leute, die uns betreuen. Chief Gabrewski arbeitet im Hauptquartier als Computertechniker und meinte, selbst dort hat man gewisse Sicherheitsprogramme. Darum kam man erst auf die Idee."
Mehr als einen abschätzigen Blick hatte Lucas für ihn nicht übrig. "Weißt du warum es das hier auf der seaQuest nicht gibt?"
"Weil du behauptest Frankenstein zu sein und meinst das nicht nötig zu haben?" Das Gespräch dauerte noch nicht lange, doch Bill hatte seine arrogante Art bereits zurück. Dem Blickkontakt konnte er jedoch nur kurz stand halten.
"Unter anderem ja." Der Ensign zeigte sein strahlendes Lächeln. "Ich kann nicht von jemanden erwarten, der nicht einmal gut genug ist heraus zu finden, das ich wirklich der bin, der ich vorzugeben scheine, das er auch meine Handlungsweisen versteht. Du kannst umkehren und dich mit sonst was beschäftigen, der Befehl mir bei einem Sicherheitsupgrate des Systems zu helfen ist hinfällig. Er wird nicht ausgeführt werden. Bye, ich hab zu tun." Ensign Wolenczak drückte sich an dem Teenager vorbei und ging zügig durch den Gang.
Bill ließ sich das nicht gefallen. Er hatte eine Ehre als Hacker zu verteidigen und tief im Innern musste er sich eingestehen, sogar schon eine Strategie für das neue Sicherheitsprogramm sich zurecht gelegt. "Warte doch mal!" Eilig sprintete er dem Wissenschaftler hinterher. "Ihr habt hier sämtliche Computer völlig ungeschützt gegen so einen Zugriff, das ist wirklich gefährlich und solltest du Frankenstein sein, dann kann ich mir nicht vorstellen, das du das einfach so lässt."
"Glaub es oder nicht, aber Frankenstein lässt es wie es ist und das aus gutem Grund." Lucas war stehen geblieben und hatte sich herum gedreht. "Die seaQuest verfügt über ein hervorragendes Sicherheitssystem, das ich entworfen habe. Versucht jemand von außerhalb sich Zugriff zu verschaffen wird er gnadenlos abgeschmettert. Mehr musst du nicht wissen. Innerhalb ist es jedoch notwendig von überall und jederzeit mit den entsprechenden Codes, oder in speziellen Fällen durch einen Hack, an die Kontrollen zu kommen. Es ist schon mehrmals vorgekommen, dass die Brücke unerreichbar war und genau in solchen Momenten wird man froh sein, wenn man von jedem Computer zugreifen kann und nicht bei einem Sicherheitsprogramm verzweifelt, das einen nicht einloggen lässt." Der Wissenschaftler wartete auf eine Reaktion von Bill, doch der Junge sah ihn nur an.
"Nichts zum Wiederspruch?" Lucas legte die Stirn in Falten.
Bill starrte Lucas weiterhin unverwand an. "Beweis mir, dass du Frankenstein bist."
Augenrollend drehte sich Lucas herum. "Wenn es denn sein muss. Aber ich werde mich nicht in irgendwelche Datenbanken hacken, solange wir auf dem Boot sind und ich zudem noch im Dienst! Das kann Ärger bringen. Tust du mir einen Gefallen?" Bill würde nicht im mindesten nachlassen ihn wegen der Frankensteinsache in Ruhe zu lassen. In den letzten Jahren war dieser ominöse Hacker zu einer Kultfigur unter dem Nachwuchs geworden, dass Lucas sich mehrmals überlegt hatte, ob er überhaupt noch mit diesem Namen irgendwo sich einloggen sollte. Letztendlich siegte die Vernunft. Zuviel Aufmerksamkeit war in den meisten Fällen nicht gut und daher nahm er sich einen neuen. DolphinDarwin war doch schließlich auch ein sehr netter Name.
Der Teenager folgte ihm die Treppen hinab zum nächsten Deck. "Welchen?"
"Wenn du deinen Beweis hast, kannst du das deinem Freund Randy richtig schön auf die Nase binden?"
"Erst einmal beweisen, dann sehen wir weiter. Ich glaube es nämlich nicht. Es gibt zuviele Spinner, die sich als Frankenstein ausgeben. Mit Biff zusammen haben wir erst letzte Woche wieder zwei eines besseren belehren müssen."
"So, wenn du derart genau Bescheid weißt, dann sag mir doch mal wie ihr das heraus finden wollt? Der richtige Frankenstein lässt sich nicht einfach testen. Das weiß sogar Biff und ihm sollte bereits beim Kontakt mit diesen Personen auffallen, wer der richtige ist. Er kennt mich und würde mich sofort online auch erkennen, jedoch", er setzte eine kurze Pause ein. "solange ich mich nicht blicken lasse, wird er mich auch nicht finden."
Sie waren nun bereits zwei Decks weiter und steuerten direkt auf das Hauptlabor zu. Bill hatte Mühe mit Lucas Schritt zu halten, der es sich einfach nicht abgewöhnen konnte durch die Gänge zu huschen. "Das ist nicht schwer, wir stellen ihnen immer ein und dieselbe Aufgabe. Etwas wovon sie behaupten, dass sie es bereits geschafft hätten."
"Das wäre?" Lucas öffnete die Tür zum Labor und ließ den Jungen als erstes eintreten ehe er ihm folgte.
"Die Weltbank muss geknackt werden und das während wir dabei sind und jeden Schritt überwachen. Die meisten scheitern bereits in den ersten Minuten."
"Dann scheidet diese Möglichkeit aus, dir etwas beweisen zu wollen. Setz dich dort hin." Lucas zeigte auf eine Reihe Hocker, die vor einem langen Tisch standen auf welchem viele Reagenzgläser in entsprechenden Halterungen hingen. Er suchte in einer Schublade ein Buch hervor, das vollgestopft mit tausenden von kleineren Zetteln war. Sobald er gefunden hatte, was er suchte, gab er es in den Computer ein und schaltete auf den großen Monitor an der Wand gegenüber der Röhre.
"Was machst du?" fragte Bill.
"Psst!" ermahnte Lucas ihn, der wartete, dass jemand am anderen Ende des Vidlinks endlich den Anruf entgegen nehmen würde. Als er schon dachte, es würde niemand mehr das Klingeln hören, erschien auf einmal das Gesicht eines ungefähr dreißig jährigen, dunkelhaarigen Mannes, der sehr verschlafen aussah. "Was?" brummelte er, doch als er sah, wer ihn anrief wurden seine Augen größer und die Müdigkeit wirkte wie weggeblasen. "Das ist ein Witz, oder?"
"Nein, kein Witz und ich verzichte auch gerne auf den Weltbank Test, das könnte mir nur mehr Ärger einbringen als nötig. Ich wäre dir aber sehr dankbar Biff, wenn du deinem jungen Freund Bill hier sagst, dass ich wirklich Frankenstein bin und es nicht einfach nur sage, um ihn ruhig zu stellen."
"Äh, wie ... oh, hi." Biff hatte nur Lucas gesehen gehabt und gar nicht bemerkt, dass da eigentlich noch jemand anders im Raum war.
"Mensch Lucas, das ist ja... wow ewig her. Wieso hast du mich nicht schon früher angerufen? Wir hätten uns mal treffen können, um die Häuser ziehen." Er legte einen seiner heimtückischen Blicke auf. "Wir hätten uns ein wenig mit meinen kleinen Freundinnen amüsieren können."
"Was sagt denn deine Ehefrau dazu?" Lucas lehnte lässig an einer Tischkante, die Arme vor der Brust verschränkt.
"Oh... du weißt von Roberta? Wie, ach ne, komm schon..."
Lucas grinste. "Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft ich hole mir keine Informationen über meine alten Freunde ein, nachdem ich zehn Jahre lang nichts mehr mir habe hören lassen. Ich muss doch wissen was sie machen, ehe ich mich unverhofft mal melde."
Bill war aufgestanden und näher an den Monitor und damit auch an Lucas heran getreten. "Dann ist das also war? Er ist wirklich Frankenstein?" Seine Stimme war nun mit einem mal wieder umgeschlagen. Mit dem Finger zeigte er seitlich auf den Wissenschaftler.
"Ja, worauf du wetten kannst! Der kann uns allen einiges beibringen und selbst wenn wir das können, hat der wieder was neues. Wo wir bei neuem sind, ist das eine Uniform? Ich hörte mit dem Wechsel des Captains soll es einige Veränderungen gegeben haben, aber ich bin nicht mehr in die Datenbanken rein gekommen. Irgend so ein Spinner hat da einen Virus rein gesetzt, der sich aktiviert, sobald man erfolgreich war."
"Ach, das hätte ich jetzt nicht gedacht." meinte Lucas unschuldig. Er begutachtete dabei seine Fingernägel.
Biff schlug sich die flache Hand vor die Stirn. "Du warst das, richtig? Du hast die Personalakten und Datenbanken über die seaQuest auf die Art gesichert!"
"Natürlich, das war eine der ersten Sachen die ich getan habe. Eigentlich habe ich das schon getan bevor die seaQuest verschwand, allerdings konnte ich zum damaligen Zeitpunkt meine Arbeit nicht beenden."
"Erzähl mal, wie geht das genau? Ich könnte das auch sehr gut für meine Firma gebrauchen."
"Hat dir dein Vater nun doch endlich das Erbe abgetreten?"
"Ja, endlich. Wobei ich sagen muss, mittlerweile könnte er ruhig noch ein wenig selbst darin herum fummeln. Mir ist das meistens wirklich zuviel Arbeit. Und was für Papier... Ich habe jeden Tag einen riesen Stapel Papierkram auf meinem Tisch. Meistens bleibt es liegen, weil ich ununterbrochen im Internex bin, das ändert nur nichts daran. Selbst wenn ich es nicht wäre, ist der Stapel da. Ich versteh es nicht. Doch mit deinem System könnte ich wenigstens verhindern, dass man unsere Zahlen ausspioniert. Ich hab das bereits mehrmals in dieser Sektion gehabt. Kannst du mir eine Kopie des Programmes geben?"
Lucas schüttelte den Kopf. "Nein, tut mir leid, das geht nicht. Ich will mir das noch patentieren lassen, wenn es wirklich auf die Art funktioniert, wie ich mir das erhoffe. Außerdem geht es hier um die seaQuest, da ist es besonders wichtig, das keine gleichen Programme an anderen Stelle zu finden sind. Ein System das viele haben, wird bald geknackt sein, das weißt du. Ich kann dir höchstens anbieten eines für dich zu entwickeln."
"Gut, ist mir gleich. Solange das von dir kommt, kann es nur was gutes sein. Meinst du ich könnte die nächsten Tage mal auf das Schiff kommen? Mit Bill gemeinsam können wir ein paar Lan-Parties machen."
"Wäre Bridger noch an Bord, dann könnten wir darüber reden." Lucas legte die Stirn in Falten.
"Wieso Bridger? Der neue wird vor vollendete Tatsachen gestellt, ganz einfach. So haben wir das mit Bridger auch mal gemacht. Erinnerst du dich als ich gemeinsam mit Nick einfach so im Shuttle bei euch waren?"
Lucas musste lächeln. Ja, daran erinnerte er sich wirklich noch gut. Mitten im Atlantik bat ein kleines Shuttle um Andockerlaubnis und Bridger hatte wirklich nicht schlecht geguckt, als die Freunde von seinem jüngsten Crewmitglied aus diesem stiegen. Vollbepackt mit ihren Computern und entsprechenden Spielen. "Leider ist Hudson kein Bridger. Der würde dich durch die Torpedorohre raus in den Ozean schleudern, als dich hier an Bord zu lassen. Schlimmstenfalls. Wenn es gut läuft kommst du in die Arrestzelle und wirst in der nächsten Kolonie ausgesetzt, unabhängig davon was es für eine ist."
Biff war sichtlich enttäuscht. "Ach schade... da geht wirklich nichts? Mensch Lucas, wir haben uns soviel zu erzählen, das geht nicht kurz hier am Vidlink und wir beide wissen sehr genau, das du so schnell nicht wieder anrufen wirst."
"Das kann gut möglich sein. Es tut mir leid, wenn ich meine Freunde so vernachlässige, vor allem wenn es welche sind die ich schon so lange kenne."
"Kann ich mich kurz einklinken?", unterbrach Bill sie. Ensign Wolenczak sah zur Seite. "Ihr zwei seid wirklich miteinander groß geworden? Ihr kennt euch schon seit eurer Kindheit, wie man sich das auch erzählt? Ich meine, Biff hat zwar davon erzählt, aber viele der Kids im Internet meinen, das sei nur eine Masche von ihm. Angeblich gäbe es sogar eine Gedenkseite für Frankenstein von seinen alten Freunden aus Kindheitstagen, aber keiner hat die bisher gefunden. Man vermutet dahinter nur eine Taktik um dich berühmter zu machen, als du bist."
Biff winkte ab. "Ja, die hat David damals aufgebaut gehabt."
"David? Wo kann ich die sehen?" Lucas war sofort hellhörig geworden. Von einer Gedenkseite wusste er noch gar nichts. Jetzt konnte er doch noch nicht auflegen, weil er wissen wollte, was hier passierte. David war einer seiner besten Freund. Sie waren sogar Nachbarn gewesen und Davids Mutter hatte immer dafür gesorgt, dass Lucas zu Mittag regelmäßig eine warme Mahlzeit nach der Schule bekam. Manchmal hatte sich das Computergenie sogar gewünscht er wäre Davids Bruder, dann könnten sie immer zusammen sein und er hätte eine Mutter, die jederzeit für ihn da wäre.
"Ich schick dir eine E-Mail mit dem Link. Da kommt man nur mit einem Passwort rein, aber ich glaube du kannst das umgehen. Es war zur Sicherung deiner Person und auch um deine Eltern ein wenig zu schützen. David hat sehr viele private Dinge dort mit rein gepackt. Videos sind eine Menge dabei. Unsere ganzen verrückten Parties und Fotos wie wir im Sandkasten sitzen und Burgen bauen." Biff schüttelte den Kopf, als könnte er es nicht glauben, jemals in einem Sandkasten gesessen zu haben. "Lauter verrückte Sachen."
"Das würde mich wirklich mal interessieren. Aber nun ist wirklich Schluß Biff. Schick mir die E-Mail und dann melde ich mich ein andernmal bei dir. Ich habe noch eine Menge zu tun und das erledigt sich leider nicht von selbst. Du kennst das doch sicherlich von deinem eigenen Papierkram, nicht?" Er grinste frech.
"Ich hab deine Adresse für die E-Mail aber nicht." wiedersprach Biff.
"Stimmt, die kriegst du ja noch. Heute abend wenn ich dazu komme. Bis später." Bevor Biff wieder mit etwas neuem beginnen konnte, legte Lucas schnell auf. Er machte eine längere Pause, ehe er wieder mit Bill Waxler Blickkontakt aufnahm. "Bist du nun überzeugt?"
Bill blieb weiterhin stumm. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und schien über etwas nachzudenken. "Ich kann es ehrlich nicht glauben. Das ist alles zu unglaublich um es aufzunehmen." Bill verfiel in Schwärmereien. "Mein ganzes Leben habe ich mir gewünscht einmal mit dem richtigen Frankenstein sprechen zu können. Nie hätte ich auch nur daran gedacht ihm einmal von angesicht zu angesicht gegenüber zu stehen. Ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll. Kann ich für immer, also ich meine solange wir hier noch an Bord sind, bei dir sein? Ich mache alles was du willst. Oh, kann ich ein Foto mit dir noch bekommen? Ich brauche etwas um das beweisen zu können und die meisten die dich kennen, halten alle Bilder zurück. Wenn welche da waren, so wurde die von ihnen ganz schnell entfernt. Es ist als würde man verhindern wollen, das man dich schnell findet."
"Aus gutem Grund, wie du dich erinnern wirst. Wenn es im Internet groß gefeiert wird, dass ich die Weltbank geknackt habe, so wird man bei der Weltbank selbst das nicht besonders toll finden. Ganz im Gegenteil, noch kann ich eine Menge Ärger dafür bekommen und das will ich beim besten Willen nicht."
"Ach, das ist doch Schnee von gestern. Du bist jetzt jemand bei der UEO. Wenn du einfach so einen Befehl ignorieren kannst und hey, das mit dem Virus ist eine echt geile Sache! So jemanden wird man wohl kaum verhaften. Kannst du mir meinen Computer signieren? Ich hole ihn schnell her, das dauert nur zwei Minuten." Bill war bereits aufgesprungen und wollte los, doch Lucas hielt ihn am Arm zurück.
"Du wirst nicht wieder zurück kommen zu mir. Geh zu deinen Freunden, erzähl ihnen wen du in mir getroffen hast und erhol dich von diesem aufregenden Tag. Ich habe hier eine Menge zu tun und ich möchte das nun auch bald schaffen. Darüber hinaus bin ich kein Star aus irgendeinem Jugendmagazin, der Autogramme vergibt oder diese Vergötterung verdient, die man ihm teilweise entgegen bringt. Im Moment ist es nur fehl am Platz."
Bill sah ihn enttäuscht an, doch er nickte. Mit hängenden Schultern verließ er das Labor und Lucas hoffte inständig, dass sich sein Fan Nummer eins im Laufe der Stunden beruhigen würde...
written 22/09/05
