Eine halbe Stunde später stand sie vor Dwins Tür. Es war offen und drinnen waren zwei Zwerge mit Putzarbeiten beschäftigt. Dís erhielt die Auskunft, dass Meister Balin bereits im Kontor, Hauptmann Dwalin im Dienst und seine Gemahlin schon auf der Baustelle seien. Dís seufzte und machte sich auf den Weg zum Westtempel. Am Portal traf sie auf Helle und begrüßte ihn erfreut. Sie unterhielten sich kurz und er führte sie hinein. Zehn Zwerge und zwei Zwerginnen waren im Innern an der Arbeit. Es war laut und staubig. Von weitem sahen sie Dwin in ihrer Kluft in drei Metern Höhe auf einer Plattform an einem Wandfries stehen. Sie trug einen Mundschutz gegen den allgegenwärtigen Steinstaub und arbeitete mit Eisen und Knüpfel an einer Reihe Ornamente. Ihre Schläge fielen gleichmäßig und konzentriert. Helle bedeutete Dís, sie nicht unvermittelt anzusprechen.
„Wenn sie erschrickt und das Eisen verreißt, können wir die Reihe von vorne beginnen", rief er ihr durch den Lärm der Schläge hindurch zu.
Sie gingen langsam um Dwin herum nach vorne zum Altarraum. Dwin blickte von ihrer Arbeit auf und hielt inne. Sie nahm ihren Mundschutz ab und strahlte.
„Dís! Wie schön!", rief sie und kam zu ihnen herunter. Sie klopfte sich den gröbsten Staub von den Kleidern und umarmte sie. Die Prinzessin ließ sich zeigen, woran Dwin gerade arbeitete und nickte anerkennend.
„Thorin hat recht. Das ist meisterliche Arbeit", sagte sie und Dwin war anzusehen, wie sehr sie das Lob freute.
Der Meister beantwortete Dís' Frage nach einem freien Tag für Dwin natürlich nicht abschlägig und die beiden Zwerginnen gingen plaudernd zurück zu Dwins Wohnung. Tauriel würde nicht vor dem späten Vormittag eintreffen und so hatten sie noch eine Weile Zeit. Dwin wusch sich rasch, zog sich um, kochte Tee und die beiden Freundinnen setzten sich an den Küchentisch. Dwin holte einen Rest Apfelkuchen aus der Speisekammer und schnitt zwei Stücke für sie ab.
„Alles in Ordnung? Du siehst müde aus, Dwin", fragte Dís. Dwin lächelte matt.
„Eigentlich ist alles in bester Ordnung", sagte sie lächelnd und sah zu Boden.
„Eigentlich?".
Dwin seufzte.
„Dís, ich habe alles bekommen, was ich mir je gewünscht habe: Den Gefährten, den ich wollte und den ich von ganzem Herzen liebe. Einen Bund und eine Feier, wie sie schöner nicht hätten sein können. Sogar mit dem König und seiner Schwester als Zeugen! Ein Besuch zuhause in den Eisenbergen, der so harmonisch war, wie ich es nicht zu hoffen gewagt hatte. Eine Arbeitsstelle genau nach meinen Wünschen. Helle und Tombur wohlbehalten zurück. Eine wunderbare Wohnung, den liebsten Schwager von ganz Mittelerde und ein Leben, in dem niemals ein zu wenig Gold ein Hindernis sein wird. Und ...", sie brach ab und legte die Hand auf ihren Unterleib. Dís riss die Augen auf.
„Du bist schwanger?", fragte sie freudig.
Dwin nickte und schlug die Augen nieder. Dís griff über den Tisch hinweg ihre Hände.
„Aber Dwin! Das ist doch wundervoll! Dwalin war sicher außer sich vor Freude!", sagte sie, besorgt über Dwins Niedergeschlagenheit.
„Er weiß es noch gar nicht".
„Warum nicht, um alles in der Welt?", fragte Dís verblüfft.
Dwin zögerte einen Moment, aber dann sprudelte es unglücklich aus ihr heraus.
„Er will nicht, dass ich meinem Beruf nachgehe. Es gibt jeden Tag Genörgel und Reibereien deshalb. Es tut mir jedes Mal weh, wenn er schlecht über meine Arbeit spricht, aber er wertschätzt nur das da", antwortete sie abschätzig und zeigte auf den Apfelkuchen.
„Kochen und backen und herausgeputzt auf dem Sofa sitzen, soll ich. Aber das will ich nicht! Ich will Stein formen und eines Tages Meisterin sein. Aber er ist der festen Überzeugung, wenn erst Kinder da sind, muss ich zuhause bleiben. Dís! Ich will mich nicht entscheiden müssen zwischen einem Kind und meiner Arbeit. Und für keine der Zwerginnen in der Zunft ist das je ein Problem gewesen. Es gibt Kinderbetreuung ganz nach den Bedürfnissen der Familien im Zunfthaus und für uns zuhause war das völlig selbstverständlich. Wir sind dort alle zusammen aufgewachsen. Die Zunft ist Familie! Wie oft habe ich versucht, Dwalin das zu erklären. Aber er ist so etwas von stur! Ich fürchte mich davor, dass er mir tatsächlich verbieten wird, weiter im Tempel zu arbeiten, wenn er davon erfährt, dass ich schwanger bin. Er war auch noch nicht einmal dort. Er weiß gar nicht, was ich überhaupt tue und versteht nicht, wie wichtig mir die Anerkennung dort ist. Aber das allerschlimmste ist, dass ich manchmal Schmerzen im Leib habe und ich mich fürchte, dass es tatsächlich besser wäre, zuhause auf dem Sofa zu liegen und nicht auf Arbeit zu stehen".
Jetzt standen ihr die Tränen in den Augen.
„Warst Du bei Oin?", fragte Dís mitleidig. Dwin nickte.
„Ja. Er hat versprochen, Dwalin nichts zu sagen. Er untersucht mich regelmäßig. Die Arbeit ist seiner Meinung nach auch überhaupt keine Gefahr für das Kind. Was ihm Sorgen bereitet, ist eher, dass ich so unglücklich bin. Er sagt, wichtig sei nicht, dass ich mich wer weiß wie schone, sondern dass Dwalin und ich uns zusammen mit Zuversicht und Liebe auf das Kind freuen".
„Da hat er nicht ganz Unrecht, Dwin", sagte Dís und drückte ihre Hände.
„Ich weiß", antwortete Dwin unter Tränen, „Ich bin so zerrissen, Dís!".
„Hör zu. Keines unserer Gesetze gibt Dwalin das Recht, Dir irgendetwas zu verbieten. Schon gar nicht etwas so Wichtiges wie Deine Profession. Wenn es hart auf hart kommt, ziehst Du Dein Kind ohne ihn groß in der Zunft und mit meiner Hilfe. Das ist immer noch besser, als unglücklich zuhause zu sitzen. Aber soweit wird es mir Sicherheit nicht kommen! Du musst ihm in der Frage nicht nachgeben, aber Du musst ihm von der Schwangerschaft erzählen! Es ihm zu verschweigen ist keine Lösung. Im Gegenteil. Diese Heimlichkeit ist eine Last und sie schadet Dir. Und womöglich dem Kind auch. Versprich mir, dass Du mit Dwalin heute noch darüber redest. Sonst mache ich das!", sagte sie eindringlich.
„Das hat Oin auch schon angeboten. Aber ich schaffe das schon. Du hast ja völlig recht, Dís. Gut, dass Du gekommen bist", sagte Dwin und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie umarmten sich.
„Und? Wie läuft es in der Stadt?", fragte Dwin. Dís schwieg und lächelte sie nur breit an.
„Wie schön!", meinte Dwin augenzwinkernd.
Als es schließlich auf Mittag zuging, schlenderten beide zum Tor herunter. In ihren warmen Pelzen spazierten sie an der kalten, klaren Luft über den tief verschneiten Vorplatz. Sie mussten nicht lange warten, da sahen sie Tauriels hohe Gestalt zu Pferde herankommen. Dís ließ jemanden Tauriels Pferd zu den Ställen führen und versorgen und die drei gingen ins Innere hinein. Dís führte ihren Gast ein wenig herum. Tauriel war noch niemals in einem Zwergenheimatberg gewesen und sie sah sich staunend um. Die Hallen verloren sich in schwindelnden Höhen und schier bodenlosen Tiefen unter ihnen. Ein grünliches Licht aus Lampen und Fackeln erhellte die Wege und die Luft war entgegen ihrer Erwartung frisch und auch recht warm. Dís versuchte, ihr das komplizierte Belüftungsnetz zu erklären, aber Tauriel, die in ihrem Zuhause über Luftzufuhr niemals hatte einen Gedanken verschwenden musste, konnte ihr offensichtlich nur schwer folgen. Sie lachte.
„Wie unglaublich! Luft aus Röhren!".
Gemeinsam stiegen sie hinauf zum königlichen Wohnflügel und Dís führte sie in den Speisesaal, wo für sie drei gedeckt war. Tauriel hatte einen kleinen Ballen wunderbaren, silbrigen Stoffes für Dwin als verspätetes Bundgeschenk mitgebracht und für Dís drei Flaschen sehr guten Weines. Sie aßen zusammen und Dís ließ sich von Tauriel dabei von ihrem erster Begegnung mit Kíli erzählen. Dwin saß neben ihr und hörte zu, war aber in Gedanken zwischendurch immer wieder bei Dwalin und ihrem ungeborenen Kind.
Tauriel gab Dís gerade einen Runenstein, den Kíli bei sich getragen hatte. Dís nahm ihn entgegen und schlug mit einem Schluchzen die Hand vor den Mund. Dwin rückte näher an Dís heran und legte ihr den Arm um die Schulter. In diesem Moment ging die Tür auf und Thorin kam herein. Dwin sprang auf und verbeugte sich und auch Tauriel erhob sich, neigte den Kopf und legte ihre Rechte auf ihr Herz zum Gruß. Thorin begrüßte Dwin freundlich und Tauriel förmlich und mit finsterem Blick. Dann wandte er sich stirnrunzelnd seiner Schwester zu.
„Dís, was ist denn? Was hast du da?", fragte er leise und ging neben Dís' Stuhl in die Hocke. Dís wurde immer noch von Schluchzen geschüttelt. Sie öffnete ihre Rechte, die den kleinen Stein umklammert hatte und hielt ihn ihm hin. Thorin betrachtete den Stein, seufzte und nahm seine Schwester in den Arm. Er flüsterte ihr ins Ohr und küsste ihre Stirn. Dwin war maßlos erstaunt, wie sanft der strenge König sein konnte und als sie Tauriel einen verstohlenen Blick zuwarf, sah sie das gleiche Erstaunen auf ihrem Gesicht. Dís beruhigte sich langsam, putzte sich die Nase und fragte:
„Isst Du mit uns?".
Der König schüttelte den Kopf.
„Nein", sagte er knapp und erhob sich wieder, „Ich werde Euch drei nicht weiter stören. Ich bin die nächsten Tage im Grenzgebiet zu Rhun. Es gab Überfälle auf die Handelsstraßen. Dwalin packt auch gerade", sagte er freundlich zu Dwin.
Die erschrak und sah Dís an.
„Geh zu ihm. Jetzt gleich!", sagte die Prinzessin nur.
Die blonde Zwergin sprang auf, hielt inne, verbeugte sich eilig in Richtung des Königs, winkte Tauriel lächelnd zu und eilte hinaus.
Dwin lief die Treppen hinab und stand einen Moment später vor Dwalin, der gerade Winterhemden und Fäustlinge in seine Satteltaschen stopfte. Er sah überrascht auf als sie hereingestürmt kam. Dwin warf sich in seine Arme.
„Ihr müsst nach Rhun sagt der König?".
Dwalin nickte und zog sie einen Moment lang an sich. Dann hielt er sie auf Armeslänge von sich und sah sie liebevoll an. Er berührte mit zwei Fingern seiner schweren, tätowierten Hand versunken den Anhänger an ihrer Kette, den er ihr anlässlich ihres Bundes hatte anfertigen lassen und den sie ständig trug. Ein Bergkristall, in den der Goldschmied den auf Hochglanz polierten Orkzahn eingelassen hatte, wunderschön in runengeschmücktes Gold gefasst und an einer dreireihigen Goldkette befestigt.
Dwalin hatte ihr dazu gesagt, dass der Anhänger sie für immer an ihre eigene Kraft und an ihn erinnern solle. Sie hatte geweint vor Glück. Dís und Helle hatten auch geweint, Balin und so manch einer der anderen Gefährten, die alle anwesend waren, war den Tränen nahe gewesen und selbst der König hatte sie lächelnd angesehen. Dann hatte Dwalin ihr die Kette umgelegt und seitdem trug sie sie. Ihr Geschenk für Dwalin war ein Ring gewesen, der eine Achatkamee mit ihrem Abbild trug. Dwin hatte ihn mit Balin zusammen ausgesucht und in Auftrag gegeben. Balin hatte ihn auch bezahlt, aber Dwin bestand darauf, ihm den Preis zu erstatten, sobald sie wieder in Arbeit sein würde. Doch als ihre Brüder in den Eisenbergen mit Balin über die Mitgift beraten wollten und dieser nur bereit war, einer quasi symbolischen Summe zuzustimmen, einigte man sich dort auf genau den Preis des Ringes. Damit waren alle zufrieden gewesen. Dwalin trug den Ring am Ringfinger seiner rechten Hand. Manchmal sah sie ihn ganz in Gedanken mit der Linken danach fassen, ihn berühren und reiben, wie um sicher zu gehen, dass er da war und sie freute sich sehr darüber.
Immer wieder war ihr klar, dass er der Richtige war und doch, war ihr elend zumute, wenn sie an ihre Schwangerschaft dachte. Sie war so furchtbar durcheinander. Mal war ihr zum Lachen, gleich danach zum Weinen zumute. Einen Moment war sie voller Elan und und im nächsten wieder völlig mutlos. Oin hatte ihr gesagt, dass das seines Wissens manchmal mit einer Schwangerschaft einher gehe. Und er hatte auf den nächsten Trupp Siedler aus den Blauen Bergen verwiesen. Mit denen würde neben Bomburs Frau und Familie auch eine erfahrene Hebamme eintreffen. Die könne ihr sicherlich mit diesen Fragen noch viel besser weiterhelfen, hatte Oin gesagt. Seine eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet beschränkten sich leider auf eher theoretisches Wissen.
Wie im Fieber zog sie Dwalin jetzt zu sich herunter und küsste ihn mit Tränen in den Augen. Er hob sie auf eine Stufe, die zu ihrem etwas erhöht stehenden Bett hinaufführte. So stand sie mit ihm auf Augenhöhe. Er wischte ihr ungeschickt die Tränen von den Wangen und sagte leise:
„Na, na. Was soll denn das? Keine Tränen! Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich mir unterwegs den Arsch abfriere. Die sind auch schlau genug, sich ohne Deckung im Winter nicht blicken zu lassen. In höchstens zehn Tagen sind wir wieder hier, ohne was erreicht zu haben, wette ich. Aber los muss ich morgen früh trotzd...". Sie küsste ihn hitzig, zog ihn zum Bett hinauf, zerrte mit fahrigen Fingern ihr Kleid vom Leibe und riss ungeduldig an seinem Gürtel. Das sie fast ständig vor Lust brannte, hatte sie Oin gar nicht sagen mögen.
„He! Auf Vergewaltigung stehen vierzig Stockschläge. Das weißt Du, ja?", brummte er belustigt.
„Ich geb´ Dir gleich vierzig, wenn Du nicht sofort herkommst und Deine verdammte Pflicht tust!", knurrte sie zurück.
Dwalin grinste und zog sich betont langsam aus. Dwin stöhnte. Endlich stieg er zu ihr ins Bett und legte sich bedächtig auf sie. Er spürte, wie sie sich unter seinem Körper wand und sah, wie sehr sie es genoss, die Schwere seines Leibes auf sich zu spüren. Er packte ihre Handgelenke und hielt sie fest auf das Bett gedrückt. Sie sahen sich in die Augen.
„Wie willst Du´s?", fragte er rau.
Sie formte ein einzelnes Wort mit ihren Lippen ohne es laut auszusprechen.
„Sollst Du haben", raunte er.
Er ließ ihre Handgelenke los und sie packte mit beiden Händen nach den Streben am Kopfende ihres Bettes.
Im nächsten Moment war er in ihr und warf sich mit seinem Gewicht in die Stöße. Tief und hart. Sie hielt mit aller Kraft gegen. Ihr Schoß glühte. Fast bedauerte sie, wie schnell sie ihren Höhepunkt erreichte und schrie ihre Lust ungehemmt hinaus. Dwalin kam wenige Stöße später. Danach lagen sie eng umschlungen beisammen. Sie lag auf der Seite mit ihrem Rücken an seinem warmen Bauch. Sein Arm umfing sie und er küsste bedächtig ihre Schulter.
„So warm werd' ich's 'ne Weile nicht haben", brummte er.
„Kannst Du nicht bleiben? Ich mag's nicht, wenn ich nachts alleine hier liege", flüsterte sie, obwohl sie genau wusste, dass er seinen König nie würde alleine losziehen lassen. Sie kuschelte sich noch enger an ihn und presste ihren Hintern an seinen Schoß.
Er ächzte und drückte sein Gesicht an ihren Nacken.
Ihr fiel mit einem Mal wieder ein, warum sie überhaupt zu ihm gelaufen war und sofort stellte sich wieder dieses Unbehagen ein. Sie wollte es ihm jetzt sagen. Wollte es wirklich. Sie grübelte nach den richtigen Worten, da unterbrach er sie. Er brummte schläfrig:
„So mag ich das. Einmal kein verdammter Staub und keine klobige Arbeitskluft!".
Aufheulend schleuderte Dwin seinen Arm und die Decken von sich. Sie warf ihm einen verletzten Blick zu, fuhr in ihr Kleid und rannte ohne Schuhe und Mantel hinaus aus dem Zimmer, hinaus aus der Wohnung und warf die Türen hinter sich zu. Weinend lief sie die Treppen hinab in die Tiefen des Erebor. Und immer weiter, tiefer hinein stolperte sie mit tränenverschwommenem Blick. Hinein in die alten Minen. Soweit unten war sie noch nie zuvor gewesen. Sie hörte Stimmen und Gelächter aus einem Seitengang und stürzte hinab ins Dunkel der gegenüberliegenden Seite. Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihren Unterleib. Sie erschrak, strauchelte, schlug mit dem Kopf an einen Vorsprung der niedrigen Decke und fiel in tiefe Dunkelheit.
Es war reiner Zufall, dass Bifur sie fand. Er hatte eigentlich nur Bofurs Geplapper einer Weile entgehen und in Ruhe seine Pfeife rauchen wollen. Aber als er das Hölzchen entzündete, um den Tabak in Brand zu setzen, fiel der Lichtschein auf die kleine, zusammengekrümmte Gestalt ein paar Schritte von ihm entfernt. Bifur erkannte sie sofort, fiel neben ihr auf den steinernen Boden und sprach sie erschrocken an. Als sie nicht reagierte, hob er sie hoch und lief zurück zu den anderen. Ihr Kleid fühlte sich nass an, aber erst als er in der hell erleuchteten Stube der Minenarbeiter ankam, sah er, dass es nicht Grubenwasser war, das dass Gewebe tränkte, sondern Blut, das von ihren nackten Füssen tropfte.
Dwalin war verwirrt und verärgert zurückgeblieben, als sie so plötzlich ohne ein weiteres Wort davongelaufen war. Er verstand es einfach nicht. Eben noch hatten sie voller Leidenschaft zusammengelegen und dann das! Was zum Balrog ging nur in ihr vor? Versteh einer die Weiber! Er hatte überlegt, sie suchen zu gehen, aber er wusste nicht recht, wo er beginnen sollte und vermutete sowieso, dass sie zu Dís gelaufen war und sich dort über ihn beklagte. Warum auch immer. Schon seit ein paar Wochen war es oft schwierig mit ihr auszukommen. Mürrisch und ratlos schloss er die Augen und gähnte. Ermattet döste er ein. Als er eine Stunde später endlich wach wurde, stand er auf, zog sich rasch an und packte zu Ende. Sie war immer noch nicht zurück und seine Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Gerade hatte er beschlossen, sich doch auf die Suche zu machen, als es so heftig klopfte, als wollte jemand die schwere Eingangstür einschlagen. Dwalin öffnete und stand vor Bofur, der keuchte, als wäre er gerade zehn Meilen bergauf gerannt. Zudem funkelte er Dwalin wutentbrannt an. Dwalin starrte grimmig zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Was denn?", fuhr er ihn an.
„Beweg Deinen Arsch zu Oin runter!", brüllte Bofur ihn an.
Dwalin erstarrte.
„Was ist passiert?".
„Das fragst Du mich, verdammt?", brüllte Bofur weiter und hielt ihm seine blutverschmierten Hände und Ärmel hin, „Verdammt, Dwalin!".
Dwalin packte ihn zornig mit einer Hand am Hals.
„Wovon redest Du?", presste er zwischen den Zähnen hervor.
Bofur trat ihm mit voller Wucht zwischen die Beine. Dwalin klappte ächzend vorn über und ließ ihn los.
„Beeil Dich, Du Idiot! Sie verblutet Oin unter den Händen weg!", bellte Bofur krächzend. Dwalin stieß ihn zur Seite und lief mit wankenden Schritten zur Treppe.
Als er die Krankenstation betrat, war dort nur Oins eindringliche Stimme zu hören. Ansonsten war es totenstill. Er sah Bifur mit betroffener Miene vor einer Bettnische stehen und stürzte auf ihn zu. Bifur blickte auf und sein Gesicht verfinsterte sich. Feindselig stellte er sich Dwalin in den Weg. Aber Oin hatte ihn auch kommen sehen und rief verzweifelt:
„Lass den Unsinn, Bifur! Dwalin, schnell! Komm her und sprich Du mit ihr! Sieh zu, dass sie bei Bewusstsein bleibt! Sonst verlieren wir sie auch noch!".
Dwalin stürzte zu ihm und nahm seinen Platz neben Dwins Bett ein. Dwin lag bleich und zitternd auf ihrem Lager, ihr glasiger Blick an die Decke gerichtet. Er griff ihre Hand. Kalt und feucht und ohne Kraft lag sie in seiner. Seine Finger fühlten ihren Pulsschlag als er seine Hand um ihre schloss. Zu schnell. Zu schwach. Wie viele Male hatte er Kameraden so sterben sehen. War es nicht sogar Fíli gewesen, der genauso in seinen Armen verblutete war? Angst kroch ihm den Rücken herauf und drohte, ihm die Kehle zuzuschnüren.
„Dwin! Dwin! Sieh mich an! Bitte, sieh mich an!", bat er heiser und seine Stimme klang ihm fremd in den Ohren. Sie wandte ihm ihren flackernden Blick zu, schien ihn zu erkennen und fing an, stumm zu weinen.
„Was ist passiert? Dwin, sag mir, was passiert ist!", beschwor er sie und zog ihre Hand an seinen Mund. Dwin bewegte die Lippen, brachte aber keinen Ton zustande, während ihr weiter die Tränen über die bleichen Wangen liefen. Dwalin spürte plötzlich Oins Hand auf seiner Schulter
„Dwalin, sie hat Euer Kind verloren", sagte der alte Heiler leise.
„Was?", fragte Dwalin verstört und sah Oin verständnislos an, „Was für'n Kind?".
Oin seufzte und fuhr fort:
„Dwalin, Dwin war schwanger. Es tut mir so leid! Wir können nur hoffen, dass es für sie selber nicht zu spät ist. Bifur hat sie unten in den Minen gefunden".
Dwalin sah kurz zu Bifur hinüber, der mit Bofur immer noch am Bettende stand. Beide sahen beklommen aus und Dwalin dämmerte es langsam, dass sie ihn für Dwins Zustand verantwortlich gemacht hatten. Immerhin hatte er ihr schon einmal Gewalt angetan.
Dwalin ließ seinen Kopf auf Dwins Schulter sinken und schloss die Augen. Oins Worte dröhnten in seinem Kopf. Ein Kind. Sein Kind. Sein Kind war tot. Und Dwin würde vielleicht auch für immer gehen. Alles seine Schuld. Irgendwie war es bestimmt seine Schuld. Wie immer. Warum war sie sonst von ihm fortgelaufen? Warum war sie in die Minen geflohen? Warum hatte sie ihm nichts von dem Kind gesagt?
„Dwin! Bleib bei mir! Bitte, bleib bei mir!", flüsterte er ihr heiser ins Ohr.
Dís hatte den Nachmittag mit Tauriel verbracht. Viel erzählt, gelacht und geweint. Sie waren zusammen in der Grabkammer gewesen und Tauriel war, wie Dís, beim Anblick von Kílis steinernem Abbild fast zusammengebrochen. Sie hatten Kílis Runenstein zusammen auf sein Grab gelegt und sich minutenlang weinend im Arm gehalten. Beiden hatte dieses Treffen gut getan. Sie versprachen sich gegenseitig, in Verbindung zu bleiben und nachdem Dís ihre Elbenfreundin verabschiedet hatte, ging sie langsam und ganz in Gedanken in ihre Gemächer hinauf. Junkin fing sie noch beim Hereinkommen ab und berichtete rasch, was man sich im Berg über die Gemahlin von Hauptmann Dwalin erzählte. Ohne weiteres Wort rauschte Dís hinunter zu Dwins Wohnung, traf dort aber nur Balin an, der von den Gerüchten noch nichts gehört hatte. Auf das höchste besorgt machten sich beide auf den Weg zu Oin.
Auf der Krankenstation angekommen, griff sich Balin einen Stuhl und setzte sich stumm neben seinen Bruder. Sie sahen sich kurz an, bevor Dwalin sich wieder Dwin zuwandte und leise auf sie einredete. Zwischendurch versuchte er immer wieder, ihr etwas zu Trinken einzuflößen, wie Oin es ihm gezeigt hatte.
Dís aber ging direkt zu ihrem alten Heiler.
„Und?", fragte sie ernst.
Oin sah zu Boden.
„Ich weiß nicht, wie lange sie schon dort unten in den Minen gelegen hat. Wie viel Blut sie genau verloren hat, kann ich nur raten. Aber es sieht nicht gut aus. Ich fürchte, dass sie die Nacht nicht überleben wird. Oh, Dís! Das es soweit kommen musste! Sie hatte sich mir doch anvertraut! Hätte ich nur früher mit Dwalin gesprochen!", sagte er leise und fuhr sich mit der Hand durch seinen Bart.
„Oin, ich weiß nicht, was heute passiert ist, aber es ist mit Sicherheit nicht Deine Schuld! Ich hätte für sie da sein müssen. Ich wollte auf sie aufpassen hier im Erebor".
Sie winkte Bifur und Bofur heran und wies sie an, Thorin und die übrigen Gefährten und auch Tombur und Helle holen zu gehen, damit alle Dwin noch einmal sehen konnten, falls es wirklich zum Schlimmsten kommen sollte. Die beiden verbeugten sich und gingen stumm hinaus.
Im Laufe des Abends kamen sie alle an Dwins Krankenbett zusammen. Bifur und Bofur, Ori, Dori und Nori, Bombur und Gloin, Helle und Tombur. Sie alle traten zu Dwalin, sprachen ihm Mut zu, streichelten Dwins Hand und versammelten sich im Warteraum. Sie unterhielten sich leise. Thorin kam und setzte sich wortlos hinter Balin und Dwalin, nachdem er kurz mit Oin und Dís gesprochen hatte. Gegen Mitternacht schickte Oin alle Besucher nach Hause. Helle weinte haltlos und Tombur führte ihn hinaus. Nur Dwalin, Balin, Dís und Thorin blieben. Oin selber legte sich auf eine Pritsche in der Ecke und bat, ihn sofort zu wecken, falls er gebraucht würde. Dís und Balin lösten Dwalin einige Male ab, damit er sich kurz ausruhen konnte.
Gegen drei Uhr früh war Dís in Thorins Arm eingeschlafen und auch Balin schnarchte leise auf seinem Stuhl, das Kinn auf der Brust. Thorin saß an die Wand gelehnt mit geschlossenen Augen schräg hinter Dwalin, der immer noch wie in Trance auf Dwin einredete.
„Wenn sie Eurem Kind folgen will, solltest Du sie nicht gehen lassen?", fragte Thorin leise. Dwalin hielt inne, sah sich zu Thorin um, der seinen Blick ernst und fragend erwiderte.
„Nein! Nein, nein, nein!", knurrte Dwalin zähneknirschend und wandte sich wieder ab, „Glaub mir, wenn sie geht, bin ich morgen auch tot".
Thorin löste sich sanft von Dís und lehnte sie vorsichtig an die Wand hinter ihnen. Er legte ihr seinen Pelzumhang um und sie kuschelte sich schlafend hinein. Thorin aber kam zu Dwalin herüber.
„Ich löse Dich ab", sagte er. Dwalin sah ihn an und nickte. Er stand auf und legte Dwins Hand in Thorins. Er warf noch einen verzweifelten Blick auf seine Gemahlin, die wie tot dalag. Dann ging er schulternrollend hinaus, um sich etwas zu Trinken zu holen. Thorin wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte.
Dann sagte er streng:
„Dwin! Sieh mich an!".
Dwins Blick flackerte zu ihm hinauf und er sah, dass sie ihn erkannte und sich ihre Augen erschrocken weiteten. Ihre Hand zuckte schwach in seiner, aber er hielt sie fest. Der Blick aus seinen blauen Augen war hart und durchdringend und hielt den ihren unerbittlich fest.
„Höre Deinen König! Ich will, dass Du lebst, Dwin. Alles andere kommt wieder in Ordnung. Darauf hast Du mein Wort. Aber Du musst leben! Ich weiß, dass Du die Kraft dazu hast. Das hast Du bereits bewiesen. Und jetzt wirst Du anfangen, zu kämpfen. Kämpfe!", befahl er gebieterisch.
Als Dwalin ein paar Augenblicke später zurückkam, stützte Thorin gerade Dwins Kopf und sie trank ihren Becher bis auf den Grund leer. Noch immer sah sie den König bang an. Sie entspannte sich erst, als Thorin aufstand, um Dwalin Platz zu machen. Thorin setzte sich wieder auf seinen Platz und sah, dass Dís aufgewacht war und ihn liebevoll und voller Hochachtung ansah. Er legte wieder seinen Arm um sie und senkte verlegen den Blick.
„Vielleicht hilft ja das", flüsterte er seiner Schwester ins Ohr. Sie küsste ihn auf die Wange und flüsterte kaum hörbar zurück:
„Mein König".
Um kurz vor fünf ließ Dwalin seinen Kopf neben Dwins auf das Kissen sinken. Er war bis ins Mark erschöpft und seine Stimme heiser.
Er träumte wirre, unzusammenhängende Bilder von Grausamkeiten in der Schlacht. Zwerge, Elben, Männer, Frauen und Kinder, Kíli, Fíli, Dwin, sein Vater... Alle tot, in Stücke gerissen, verstümmelt, verbrannt. Er stand da auf einem Berg von Leichen. Er war so unglaublich müde. Unfähig zu einer weiteren Bewegung sank er auf die Knie und ließ seine Waffen zu Boden gleiten. Er erwartete einen tödlichen Hieb und hieß ihn willkommen. Warmer Wind strich über sein Gesicht. Er wunderte sich darüber, denn überall lag Schnee. Wie aus weiter Ferne hörte er jemanden seinen Namen nennen und kam völlig benommen zu sich. Grauen überfiel ihn.
„Sie ist tot!", dachte er verzweifelt, „Sie ist gegangen! Und ich Idiot hab geschlafen! Und jetzt weckt Dís mich, um es mir um die Ohren zu hauen!"
Widerstrebend hob er den Kopf. Aber es war nicht Dís.
Dwin sah ihn an. Ihr Blick war müde, aber klar und sie strich mit der Hand zittrig über seine Wange.
„Dwin!", krächzte er und seine Stimme versagte. Sie lächelte matt. Sie setzte an, etwas zu sagen und Dwalin neigte sich dicht zu ihr herunter.
„Ich bin hier", hauchte sie.
Dwalin nahm ihre Hand und presste sie an seine Lippen. Tränen liefen ihm in seinen Bart, ohne dass es ihm bewusst war. Sie sah in Richtung des Bechers, der auf dem Betttischchen stand und leckte sich die aufgesprungenen Lippen. Dwalin griff den Becher. Leer. Er nahm die Kanne zur Hand, die Oin ihm gestern Abend gegeben hatte. Auch leer.
„Ich hol Dir was", sagte er und erhob sich. Die plötzliche Bewegung nach der Nacht im gebeugten Sitzen, ließ seine Knochen ächzen und ihm wurde schwindelig. Die Kanne fiel ihm aus der Hand und zerbrach scheppernd auf dem steinernen Boden. Dís schrak mit einem spitzen Schrei aus ihrem Schlaf auf, Thorin und Balin kamen mit schmerzlich verspannten Gliedern langsam zu sich und aus Oins Ecke war ein Schnaufen zu hören.
Dís blinzelte, sah die Scherben und Dwalins tränennasses Gesicht. All ihre Hoffnung schwand. Merkwürdigerweise schien Dwalin guter Dinge zu sein.
„Oin! Ich brauch mehr von dem Tee für Dwin!", rief er gerade mit Nachdruck und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. Dann ging er mit dem Becher in der Hand hinüber zu Oin.
Jetzt erst sah Dís zu Dwin herüber und bemerkte, dass sie bei Bewusstsein war und Dwalin nachsah. Sie lebte! Glücklich nahm Dís Dwalins Platz an der Seite ihrer Freundin ein und streichelte sanft über ihre weiße, feuchte Stirn.
„Du lebst! Du hast die Nacht überstanden! Jetzt kommt alles wieder in Ordnung, Schatz! Was bin ich froh!", schluchzte sie.
Auch Balin war inzwischen wach.
„Mahal! Mahal sei Dank!", brachte er nur hervor und legte seiner Schwägerin die Hand auf die Schulter. Dwin aber sah scheu an beiden vorbei. Dís wandte sich um. Thorin blickte wohlwollend auf Dwin herab, nickte ihr zu und ging schweigend hinaus.
Dwin trank zwei volle Becher Wasser, während Oin neuen Weißdorntee kochte und einen Pfleger in die Küchen schickte, um eine gehaltvolle Suppe und frische Obstsäfte zu holen. Danach schickte er alle ins Wartezimmer hinaus und untersuchte Dwin.
Als er zurück zu den Wartenden kam, war er vorsichtig zuversichtlich, denn die Blutung war versiegt und ihr Puls ruhiger und stabiler als gestern.
„Sie schläft und wir können sie jetzt ruhen lassen. Ihr solltet auch gehen und etwas schlafen. Dwalin, Du kannst Dir eine Pritsche neben ihr Bett stellen, wenn Du willst". Dwalin nickte und wollte gehen, aber Oin hielt ihn am Arm.
„Warte. Etwas ist da noch".
Er seufzte tief und hob ein kleines Bündel weißer Tücher von einem Tisch. Er schlug behutsam die Lagen auseinander. Darin lag das Sternenkind. Ein winziges, lebloses Wesen mit durchscheinender rötlicher Haut. Dís schlug die Hand vor den Mund und unterdrückte ein Aufheulen. Balin wandte sich ab, blass im Gesicht. Nur Dwalin regte sich nicht. Scheinbar ungerührt sah er auf das kleine Geschöpf.
„Ein kleiner Junge. Etwa vier Monate, würde ich sagen", sagte Oin leise und wollte das tote Kind wieder abdecken. Aber Dwalin hielt ihn zurück. Mit seinem schweren Zeigefinger berührte er behutsam das winzige Köpfchen.
„Warum?", fragte er tonlos.
