10. Kapitel

Grausame Tatsachen

Jarlaxle kam an diesem Morgen spät hinunter, nachdem er seine Bettgefährtin verabschiedet hatte. Als er die Küche betrat empfingen ihn seine Freunde wie gewohnt, nur die immer vertraute Umarmung von Diana fehlte. Sie war mittlerweile wach und saß mit ihrem Vater, Drizzt und Zak am Tisch und frühstückte.

„Guten Morgen mein Schatz", sagte Jarlaxle zu seiner kleinen Nichte, doch sie schaute bei seinen Worten nicht einmal auf.

Verdutzt sah er sie, dann seine Freunde an. Doch diese zuckten nur unschuldig mit den Schultern.

„Mein Schatz, was ist denn los mit dir … bekommt dein Onkel keinen Kuss zum Morgen?", fragte er unbeirrt das kleine Mädchen.

Diese schaute zum ersten Mal auf und ihre grünen Augen funkelten. Dann machte sie einen Schmollmund und sah zu Zak hinüber und gleich wieder zu dem Söldner.

„Du hast mir nicht geholfen das Monster zu verjagen … ich mag dich nicht mehr", sprach Diana und trank genüsslich ihren Becher Milch aus.

Jetzt war es erneut Jarlaxle, der ein verdutztes Gesicht machte und sein Grinsen war verschwunden. Er erinnerte sich an die letzte Nacht und dass das Mädchen plötzlich in vor seinem Bett gestanden hatte. Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte sich seine Nichte nicht aussuchen können. Er war sich gar nicht bewusst, was dieses Ereignis mit sich ziehen würde.

„Mein Schatz … ich kann doch jetzt das Monster verjagen", sprach der Söldner munter darauf los, weil er nicht wusste, was er sagen sollte.

„Du bist doch blöd … jetzt ist es doch gar nicht mehr da … Zaknfafein hat es heute Nacht verjagt", antwortete das Mädchen und machte einen Schmollmund.

„Hey … das wusste ich doch nicht … hat mein Schatz mich noch lieb?", sagte der ältere Drow.

„Nein", kam die knappe Antwort von Diana und schaute jetzt sogar in eine andere Richtung.

„Tja, mein alter Freund … du solltest dir was einfallen lassen … deine Nichte ist mit Recht böse auf dich, du kannst sie doch nicht einfach alleine lassen … aber schon klar du musstest dein Geschick im Bett beweisen", warf nun Zak sich in das Gespräch mit ein und grinste dabei linkisch.

Ein lautes Seufzen erklang aus dem Mund von Jarlaxle, der soeben nicht mehr wusste, was er noch tun sollte, um seine Nichte wieder zu beruhigen. Dann drehte er sich um und sprach im hinausgehen, „Ich werde in die Stadt gehen … einen Besuch beim Bäcker tut mir bestimmt ganz gut und vielleicht bringe ich meinem Schatz einen Kuchen mit."

In dem Moment, als Diana Kuchen hörte, schaute sie kurz ihrem Onkel mit weit aufgerissen Augen hinter, wurde sich aber sogleich wieder bewusst, dass sie eigentlich auf ihn böse war. So machte sie wieder einen Schmollmund und schaute Zak, Drizzt und ihren Vater an.

Diese, die die Szene ruhig beobachtet hatten mussten augenblicklich lachen und zum Schluss konnte auch Diana ein Lachen nicht unterdrücken.

Jarlaxle kam gerade von einem Bäcker und balancierte in der einen Hand einen eingepackten Kuchen, den er seiner kleinen Nichte schenken wollte. In der anderen Hand hielt er ein loses Stück Kuchen, in das er herzhaft hinein biss. Einige Leute schauten ihn mit beunruhigenden Blicken entgegen, aber das störte den Drow nicht. Er durfte immerhin offen und mit der Erlaubnis von Lady Alustriel in Silbrigmond durch die Straßen gehen. Die Bewohner hatten sich immer noch nicht so richtig an ihn gewöhnt, aber er genoss immer wieder aufs Neue ihre Blicke. So schlenderte der Söldner eher langsam durch die Gassen und biss hin und wieder von seinem Kuchen ein Stück ab. Er fühlte sich, als ob ihm die ganze Welt zu Füßen liegen würde. Er konnte es immer noch nicht glauben, aber er wurde Vater. Viele Jahrhunderte hatte er es schon versucht und jetzt, plötzlich und wirklich unverhofft bekam er die Nachricht, die sein Leben für immer verändert würde. Die Mutter war ihm egal, es hätte jede andere Frau sein können. Doch je weiter seine Gedanken über das Vaterwerden kreisten und ein Bild der Mutter vor seinem inneren Augen entstand, wurde er sich bewusst, dass sie eine Magierin war, eine Auserwählte Mystra. Wenn das nicht ein Glücksgriff ist, sagte er zu sich selbst. Und eines wurde ihm dabei ebenfalls klar, dieses Kind war seins. Genau aus diesem Grund durfte die Mutter es nicht behalten, und er konnte dann wirklich stolz auf sich sein. Allerdings bräuchte er Männer, die ihm helfen würden das Kind zu entführen. Seine Freunde könnten ihm bestimmt dabei helfen und noch ein paar weitere helfende Hände würden bestimmt nicht schaden. Kimmuriel bräuchte er natürlich auch, doch da musste er sich keine Sorgen machen, ein Befehl von ihm und der Psioniker müsste machen was er sagt. Daraufhin biss er erneut genüsslich ein Stück seines Kuchens ab und seine Gedanken schweiften weiter ab. Er musste plötzlich an Shar denken. Dieser Assassine hatte es ihm wirklich angetan, er schwärmte doch tatsächlich für diesen Halbdrow. Er war hübsch, attraktiv und geschickt ebenfalls. So ein Mann würde sich in seiner Söldnertruppe doch bestimmt richtig gut machen. Wenn nicht sogar noch der Magier Calaunim. Seitdem sein eigener Zauberer Ray-guy nicht mehr unter den Lebenden weilte, hatte er keinen geeigneten Ersatz finden können. Jetzt, wo er auch wusste, dass Calaunim früher sogar mal sein Lehrmeister an der Akademie war und dieser seinem Freund Artemis das Leben gerettet und Zak ins Leben zurück geholt hatte, konnte er doch wohl mit einer gewissen Summe zu überzeugen sein. Damit wahrscheinlich auch sein Leibwächter Shar. Verdammt, wieso geht mir dieser Bursche nicht mehr aus dem Kopf, schimpfte sich selbst Jarlaxle. Nur wie finde ich die beiden? Kimmuriel und sogar Gromph hatten keinen Anhaltspunkt über den Aufenthaltsort des Magiers und des Halbdrow. Aus Frust biss er jetzt ein extragroßes Stück seines Kuchens ab. Vor seinem geistigen Auge erschien wieder die Gestalt von Shar. Er sah die verschlungen Symbole auf seiner muskulösen Brust und am liebsten hätte er sie berührt. Jarlaxle konnte sich noch gut daran erinnern, wie er vor fast zwei Monaten diese zarte Haut streichelte. Da fiel ihm etwas ein. Shar hatte ein Brandmahl an seinem Arm. Dieses Mahl war von einem Sklavenhändler, wie war noch mal sein Name? Ja, Nhaundar war es und er kannte ihn von früher. Aber auch nur, weil er im damals durch Zufall über den Weg gelaufen war. Er und Bregan D'aerthe waren zu diesem Zeitpunkt von einem niederem Adelshaus beauftragt worden, am Sturz eines anderen Hauses sich zu beteiligen. Als die Arbeit getan war, und nur noch einige niedrigen Sklaven und vereinzelte Soldaten übrig waren, kam Nhaundar und wollte sich an dem kläglichen Rest bedienen. Ein Plan nahm in seinem Kopf Gestalt an und vielleicht würde er funktionieren. Jarlaxle musste so schnell wie möglich nach Hause und dann sofort nach Menzoberranzan. Der Söldner wollte dem Sklavenhändler Nhaundar einen Besuch abstatten und ihn nach dem Aufenthaltsort von Shar befragen. Wenn er es nicht besser wüsste, wovon er ausging, dann würde dieser seine Männer auf der Suche nach dem Magier Calaunim und dem Halbdrow ausschicken, mit einer hohen Belohnung natürlich. Dabei konnte der Söldner ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Somit könnte er Bregan D'aerthe völlig außen vor lassen und keine Männer für diese Aufgabe abkommandieren. Sollte sich der Sklavenhändler ruhig die Hände dreckig machen. Er selber musste sich nur gemütlich zurück lehnen und konnte in aller Ruhe die Flucht von ihm und seinen Freunden aus Silbrigmond vorbereiten und am Ende hätte er trotzdem sein Ziel erreicht.

Nach einer Stunde stand Jarlaxle in einem herrlich dekorierten Raum, der durch mehrere Kerzen zusätzlich erhellt wurde. Ein junger Sklave hatte ihn hier her geführt und ihm gesagt, er müsse einen Augenblick warten, Nhaundar wäre gleich bei ihm. Der Söldner hatte es geschafft und war seinem Ziel schon etwas näher gekommen. So schaute sich der Drow in aller Ruhe um. Hier gab es eine Menge zu entdecken, wie er feststellen musste. Mehrere Sessel und ein großer Diwan mit rotem Samt überzogen zierten eine Hälfte des Zimmers. Auf der anderen Seite stand ein großer Tisch mit mehreren Stühlen, die ebenfalls mit dem gleichen Stoff wie die restlichen Möbelstücke überzogen war. An der Tafel hatten mindestens zehn Personen Platz. In jeder freien Ecke befanden sich Kerzenleuchter und ließen ihr Licht durch den doch relativ düsteren Raum fallen. An den Wänden befanden sich einige Gemälde und bei näherem Hinsehen erkannte Jarlaxle, dass es sich um Aktmalerei handelte. Oh ja, solche Art von Bildern gefielen ihm und so schritt er jedes einzeln ab und begutachtete es genau. Plötzlich fiel sein Blick auf ein ganz bestimmtes Bild. Bei näherem Betrachten musste er sich feststellen, dass ihm diese Person bekannt vor kam und wie Schuppen von den Augen erkannte er Shar. Der Söldner sah dort den Halbdrow, der nackt auf dem Diwan auf dem Rücken lag, an Hand, sowie an den Fußgelenken trug er Fesseln. An seinem Hals hatte er ein silbernes Halsband, woran eine Kette befestigt war. Shar auf dem Gemälde schaute ihn mit seinen tiefblauen Augen direkt an und Jarlaxle war ganz entzückt von dem was er erblickte. Ob es eine Möglichkeit gab, Nhaundar dieses Bild abzukaufen, fragte er sich. Vielleicht könnte er ja im Verlauf seines Gespräches einen guten Preis dafür aushandeln oder es gar umsonst mitgehen lassen. So schritt er erst einmal weiter und schaute sich erneut in dem Raum um. Da erspähten seine Augen etwas ganz anderes. In einer Ecke des Zimmers saß ein kleiner Drowjunge, höchstens fünfzig Jahre alt, zusammen gekauert gegen die Wand gelehnt. Seine Beine hatte er angezogen und sein Kopf lag auf dessen Knien. Er schien zu schlafen, denn er machte keine Anstalten aufzuschauen, als Jarlaxle sich ihm näherte. Bei dem Drow fiel ihm aber noch etwas anderes auf, dieser Junge trug ein eisernes Halsband, welches an einer Kette befestigt war und diese ebenfalls an einem Hacken in der Wand festgehalten wurde. Seine Arme und Beine wiesen Tätowierungen auf, die wie ein Tigermuster sich über seine Gliedmaßen erstreckte. Das scheint wohl das Bettspielzeug von Nhaundar zu sein, dachte sich der Söldner. Er selbst wollte so etwas für sich selber nicht. Jarlaxle hatte es lieber, wenn die Personen, die er beglückte sich ihm ohne Ketten um den Hals, freiwillig hingaben. Aber jeder wie er es gerne möchte, ging es ihm weiter durch den Kopf.

Gerade als er sich erneut umschauen wollte, hörte er hinter sich eine ältere Stimme, die ihn ansprach, „Guten Tag … was verschafft mir die Ehre eines so hohen Besuches?"

Als sich der Söldner umdrehte, erblickte er einen älteren Drow mit kurzen weißen Haaren. Er war für einen Dunkelelfen ziemlich schmal gebaut und trug eine schwarze Tunika, die durch einen breiten Gürtel aus Leder vorne zusammen gebunden wurde. Ein strahlendes Lächeln offenbarte seine weißen Zähne und in dessen roten Augen funkelten im Schein der Kerzen.

„Gestatten, mein Name ist Nhaundar", sprach der Drow weiter und kam nun direkt auf Jarlaxle zu, der einfach nur freundlich lächelte.

„Nhaundar … schön euch zu sehen", antwortete der Söldner gelassen.

„Mit so einem hohen Besuch habe ich nicht gerechnet … lasst uns doch setzen. Wollt ihr etwas Trinken oder Essen?", fragte Nhaundar in säuselten Tonfall.

„Wenn ihr mich so fragt … ich könnte etwas Trinken", sagte Jarlaxle und betrachtete sein Gegenüber nochmals mit forschendem Blick.

Der Drow vor ihm machte eigentlich einen netten Eindruck und er fragte sich, was noch alles auf ihn zukommen mag. Immerhin stand vor ihm der brutalste Sklavenhändler von ganz Menzoberranzan.

Nhaundar winkte kurz und als der Söldner der Bewegung der Hand folgte, erkannte er den Sklaven von vorhin, der ihn in dieses Zimmer verwies. Dieser verschwand augenblicklich durch eine Tür und kam nur einige Momente später mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Gläser mit einer dunkelroten Flüssigkeit standen. Wein, wie Jarlaxle annahm und als er sein Glas in der Hand hielt und daran roch, war er sich sicher, dass es sich um Rotwein handelte. Doch als der Sklave das andere Glas Nhaundar reichen wollte, fiel es ohne ersichtlichen Grund zu Boden. Das Glas zersprang und der Wein spritze. Jarlaxle und der Sklavenhändler blieben aber von diesem Missgeschick völlig verschont, nur der Sklave wurde mit dem Wein bespritzt. Augenblicklich erhob Nhaundar seine Hand und prügelte auf den Sklaven ein. Dabei dachte sich der Söldner noch nichts, für diesen kleinen Unfall konnte der Junge ruhig bestraft werden. Aber als der Sklavenhändler nun aufstand und in absoluter Brutalität weiter auf den Sklaven einschlug, wurde es Jarlaxle etwas flau im Magen. Der Drow prügelte auf den Jungen immer weiter ein, der vor Angst versuchte in eine Ecke zu kriechen und der Sklavenhändler folgte ihm. Erst nach einigen Minuten ließ Nhaundar von dem Sklaven ab, der bewusstlos auf dem Boden lag und sich nicht rührte. Der Drow kam zu dem Söldner zurück geschritten und tat so, als ob nichts geschehen war und setzte sich erneut auf den Diwan, dabei trat er die Glasscherben zur Seite.

„Entschuldigt das kleine Missgeschick … manchmal hat er es nicht mit dem Gehorsam … aber erzählt mir doch lieber, was euch hier her führt", sprach Nhaundar in ruhigem Ton weiter.

Jarlaxle musste einmal kurz schlucken, antwortete aber gleich, „Ich bin auf der Suche nach jemanden, den ihr kennen dürftet."

„Aha … und wer ist es?", der Sklavenhändler wurde neugierig.

„Shar ist sein Name … ich habe euer Brandmahl auf seinem Arm gesehen und glaube, er war früher eurer Sklave", sagte Jarlaxle ohne Umschweife.

Kaum dass der Söldner den Namen Shar ausgesprochen hatte, erkannte er, wie Nhaundar nachdenklich wurde und ein unbeschreibliches Feuer ins seinen Augen zu lodern anfing. Also hatte Jarlaxle doch Recht gehabt und er hoffte jetzt inständig, dass dieser Sklavenhändler ihn näher an den Halbdrow heran bringen konnte.

„Shar sagt ihr … den habe ich schon lange nicht mehr gesehen … das Drecksstück ist einfach verschwunden … diese Ratte von einem stinkendem Ork. Obwohl ich zugeben muss, dass ich ihn manchmal vermisse."

Bei diesen Worten musste Jarlaxle erneut schlucken. Somit hatte sich sein Verdacht voll und ganz bestätigt und auf dem Bild von vorhin war wirklich Shar zu sehen. Auf der eine Seite freute er sich, dass er wohl endlich durch den Sklavenhändler seinem Ziel näher gerückt war, auf der anderen Seite empfand er Ekel, wenn der Drow vor ihm, seinen Schwarm genauso behandelt hatte, wie den Sklave, der immer noch bewusstlos in der Ecke lag. Er wollte sich gar nicht ausmalen, wie es dem Halbdrow früher hier ergangen war, aber dies sprach zumindest für den kalten Ausdruck in den tiefblauen Augen des Assassinen. Mittlerweile kam ein anderer Sklave ins Zimmer gehuscht, beseitigte die Reste des zerbrochenen Weinglases, sowie die Flecken auf dem Boden. Übergab Nhaudar ein gefülltes Glas Rotwein und verschwand so leise, wie er eben noch den Raum betrat. Diese Umgebung wurde für den Söldner feindlicher, er fühlte sich nicht mehr so wohl, wie am Anfang.

„Könnt ihr mir helfen Shar zu finden … er ist seit geraumer Zeit mit einem Magier Calaunim zusammen, mehr weiß ich leider selber nicht", sagte dann Jarlaxle auf das Geradewohl, als er diese Szenen von eben aus seinem Gedächtnis verbannte und er jetzt keinen Hehl mehr aus der Suche nach dem Halbdrow machen wollte. Wenn es dem Sklavenhändler gelingen würde, Shar einzufangen, dann wäre Calaunim nicht weit entfernt und er hätte zwei Fliegen mit einer Klappe gefangen.

Nhaundar blickte den Söldner an und seine Augen funkelten jetzt noch mehr, ein verschmitztes Grinsen erschien auf dessen Gesicht und Jarlaxle erwiderte es.

„Aha … mit einem Magier, interessant. Wenn ich euch helfe … was springt dann für mich heraus?", fragte nun der Sklavenhändler und rieb sich dabei beide Hände.

Danach konnte Jarlaxle erkennen, wie er mit einer Hand über den Diwan strich, hinüber zu der Kette, wo der kleine Drowjunge befestigt war. Er zog mit so einem heftigen Ruck daran, dass der Sklave an der Wand augenblicklich hochgerissen wurde und mit einem lauten Knall auf allen vieren neben dem Diwan des Sklavenhändlers auf dem Bauch lag. Sofort richtete sich der Sklave auf, so dass er wie ein Tier neben dem Diwan kniete und Jarlaxle sich den Drow näher betrachten konnte. Er sah die gleiche Tigertätowierung, wie auf dessen Armen und Beinen, auch auf seinem Rücken, allerdings schien dies noch recht neu zu sein, denn die Farben wirkten intensiver und frisch. Als dann Nhaundar zuerst über dessen Kopf streichelte und weiter hinab, bis seine Hand über den Rücken wanderte, vernahm der Söldner ein leises Wimmern des Sklaven, der wohl Schmerzen haben musste. Dann konnte Jarlaxle sehen, wie die Hand des Sklavenhändlers weiter nach hinten zu dessen After strich und plötzlich eine Art Katzenschwanz in der Hand hielt. Mit seinen Fingern spielte Nhaundar damit, während er weiter seinen Blick auf den Söldner gerichtet hatte. Der immer so gewitzte Drow starrte Gedankenversunken auf das Schauspiel, was sich vor seinen Augen darbot. Er erkannte, dass diese Art von künstlichem Katzenschwanz zu einem Teil im After des Sklaven steckte und mit einem dünnen Lederband um dessen Hüften vorne am Bauch zugebunden war und mit einem eisernen Schloss zusätzlich verhindert wurde, dass er ihn nicht einfach entfernen konnte. Des Weiteren erkannte er, dass der junge Drow einen Keuschheitsgürtel trug, der zu dem Zweck diente, dass niemand so einfach eine seine Weichteile gelangen konnte und nach hinten mit dem Katzenschwanz Eins wurde. Bei diesem Anblick wurde es Jarlaxle noch flauer im Magen, als es ihm eh schon war. Irgendwie fühlte er sich ganz und gar nicht wohl. Ja, er selbst war auch grausam, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Er tötete lieber schnell und schlug sich gerne auf die Seite der Verlierer, nur um nach einem Gleichstand wieder die Seiten zu wechseln, alles, was seinem Vorteil und seinen Absichten gerecht wurde. Aber es war was anderes, jemanden so zu Foltern. Der Söldner fragte sich, ob Shar das Gleiche durchmachen musste, auf eine andere Art. Der Halbdrow trug auch Tätowierungen aber nicht dieses tigerähnliche Muster, was einer Katze so sehr glich.

Plötzlich sah Jarlaxle, wie der Sklavenhändler aus einer Tasche seiner Tunika einen Zuckerwürfel herausholte, gleich danach eine kleine Phiole. Er fragte sich, was denn kommen würde und beobachtete gespannt. Nhaundar träufelte zwei Tropfen einer grünlich aussehenden Flüssigkeit über den Zucker und verstaute zuerst wieder das kleine Flächchen. Kurz darauf hielt er es dem Sklaven unter die Nase, der kurz tief einatmete. Dann nahm er den Zuckerwürfel in den Mund. Jarlaxle fragte sich zur gleichen Zeit, was jetzt passieren würde. Lange musste er nicht warten, da stöhnte der Drowjunge vor ihm auf und wand sich plötzlich zuckend auf dem Boden. Er riss an dem Schloss des Keuschheitsgürtels und wimmerte leise vor sich hin. Dem Söldner gefiel es gar nicht, was sich vor seinen Augen abspielte.

„Ich habe ihm ein Aphrodisiakum gegeben … er ist erregt und kann sich nicht selbst befriedigen … gefällt er euch denn? Ihr beobachtete ihn schon die ganze Zeit?", fragte Nhaundar unverholen.

Im gleichen Moment riss der Sklavenhändler Jarlaxle damit aus seinen Gedanken und er musste sich zwingen, von dem jämmerlichen Anblick des Sklaven los zu kommen, der immer noch vor sich hin wimmerte, auf dem Boden lag und wild zuckte. Er hatte gar nicht bemerkt, wie er diesen Drowjungen angestarrt hatte.

„Was meint ihr?", fragte Jarlaxle kurz darauf und blickte nun wieder den Sklavenhändler an, der ihn wiederum mit diesem verschmitzten Grinsen auf seinem Gesicht anschaute.

„Ich schenke ihn euch, wenn ihr ihn haben wollt", Nhaundar deutete mit der Hand auf den Sklaven am Boden.

Der Söldner wusste im ersten Augenblick nicht was er sagen sollte und starrte nochmals den Jungen vor sich auf dem Boden an. Nun ja, er könnte ihn schon mitnehmen und ihn zumindest aus den Klauen des Drow vor ihm befreien, was er danach mit ihm anstellen sollte, musste er sich dann noch überlegen. Aber es wäre bestimmt besser als hier. Besonders wenn er an Shar dachte, an seine eiskalten Augen, die abgrundtiefe Verachtung für jeden aussprühten. Der Söldner war sich sicher, dass er hier mehr mitgemacht haben musste. Er war sich auch wieder bewusst, dass es hier eine ganze andere Welt war, eine die dem Söldnerführer mit all der Grausamkeit der Drowgesellschaft, nicht zusagte.

„Ich danke euch … ich nehme eurer Geschenk gerne an", antwortete Jarlaxle und schaute dann wieder zu Nhaundar hinauf.

„Er wird euch gefallen … da bin ich mir ganz sicher … wenn sie noch jung sind kann man sie ganz gut formen, müsst ihr wissen … aber lasst uns zum geschäftlichen zurückkehren. Was seit ihr bereit für das Aufspüren des Halbdrow zu bezahlen … wenn schon Bregan D'aerthe sich meiner Hilfe bedient wird es nicht ganz billig, besonders wenn sich ein Magier bei ihm befindet … Calaunim war sein Name habt ihr gesagt … ich kenne ihn nicht, aber ich habe zum Glück genug Informanten", sprach der Sklavenhändler in einem eiskalten Ton und völlig selbstsicher über seine eigenen Worte.

Und damit lag Nhaundar nicht einmal falsch, er konnte nun einen hohen Preis verlangen, ging es Jarlaxle durch den Kopf, denn es war nicht üblich, dass er sich der Hilfe anderer bemächtigte, sondern Bregan D'aerthe wurde für ihren Dienst bezahlt. So dachte er einige Sekunden angestrengt nach, eine Bezahlung ohne dass er große Verluste hinnehmen musste, wenn er überhaupt bereit war, dem Sklavenhändler eine zu gewähren.

„Ihr bekommt einige Edelsteine und den Magier Calaunim … sobald eure Männer den Magier und Shar eingefangen habt", antwortete Jarlaxle darauf, gleich mit dem Hintergedanken, dass er sich sobald es soweit sein sollte, die Beiden dem Sklavenhändler aus den Händen reißen würde. Dieser Kerl vor ihm würde nichts bekommen.

„Ich will Shar, wenn ihr mit ihm fertig seit und nicht den Magier … was soll ich mit einem Zauberer anfangen … mein kleines Hündchen ist mir lieber und natürlich die Edelsteine", sagte nun der Sklavenhändler und grinste wieder den Söldner an.

Jarlaxle überlegte einen Moment was Nhaundar mit Hündchen meinte, doch als er erneut den Drowjunge anschaute, der immer noch vor ihm auf den Boden lag, sich hin und her wand und dabei verzweifelt an dem Keuschheitsgürtel riss, konnte er sich das Ganze in seinen Gedanken lebhaft vorstellen. Ein kalter Schauer lief ihn über dem Rücken. Oh nein, dieser Drow würde wirklich niemals wieder Shar als sein Eigen ansehen, dafür würde er schon sorgen. In erster Linie sollte der Sklavenhändler seine Männer ausschickten, sich um die Drecksarbeit kümmern und sogleich fing ein weiterer Plan in seinem Kopf Gestalt an zu nehmen. Ein listiges Grinsen erschien nun auch auf dem Gesicht des Söldners, der daraufhin antwortet, „Abgemacht … ihr bekommt die Edelsteine und Shar … aber erst wenn ihr sie gefangen genommen habt und ich von dem Halbdrow das bekomme habe, was ich benötige."

„Ich nehme euren Angebot an", sagte Nhaundar und nickte Jarlaxle zu, „Auch wenn ich zu gerne wüsste, was ihr von meinen Liebling möchtet. Doch ich nehme ebenfalls an, dass ist eine private Angelegenheit."

Darauf nickte Jarlaxle und versuchte dabei listiger als sonst auszusehen, „Da habt ihr Recht … es geht euch nichts an."

Jetzt war es der Sklavenhändler der Gedankenversunken wirkte und vor sich hinstarrte. Auf einmal sprach er zu dem Söldner gewandt, „Ich kann mich noch so gut an Shar erinnern, als ob es gestern gewesen wäre … wisst ihr … Dantrag hatte damals so einen guten Preis für ihn gezahlt … er war wirklich gut. Shar wurde sehr oft an Dantrag ausgeliehen … selbstverständlich nur, wenn ich ihn immer im gleichen Zustand zurückbekommen habe, wie ich ihn auch hergegeben habe."

Dantrag, meinte der Kerl vor ihm Dantrag Baenre, schoss es Jarlaxle augenblicklich durch den Kopf. Wenn dem wirklich so war, dann wollte er die weiteren Ausführungen eigentlich nicht wissen. Er kannte den Waffenmeister des Hauses Baenre gut und er kannte auch dessen Vorlieben für junge Drow. Und bei diesem Gedanken hatte der Söldner das Gefühl, dass er ganz dringend frische Luft brauchte.

Doch schon erklang die Stimme von Nhaundar wieder und erzählte, „Wisst ihr … damals bei der Jagd, sie findet übrigens heute Abend wieder statt, sah er meinen Liebling das erste Mal. Habt ihr Interesse daran teilzunehmen?", unterbrach er dabei selbst seine Gedanken.

„Jagd?", wiederholte Jarlaxle das Wort und schaute den Sklavenhändler verwirrt an. Meinte dieser die Jagd im Braeryn, wo junge Adelige sich einen Spaß daraus machten, bürgerliche Drow, Orks, Goblins, Kobolde, Menschen und andere Lebewesen zu jagen und dabei alles niedermetzelten, was ihnen vor ihre Waffen kam? Aber ein innerliches Gefühl sagte dem immer so listigen Drow, das es sich um etwas anderes handeln musste.

„Die Jagd findet hier in meinem Hause statt. Wenn ihr möchtet seid ihr natürlich als mein Gast herzlich willkommen. Sie findet in meinen Gewölben unterhalb der der Höhle statt", brüstete sich Nhaundar voller Stolz.

„Entschuldigt … aber ich kann leider nicht teilnehmen", antwortete sogleich Jarlaxle, dem der Tonfall des Sklavenhändlers gar nicht gefiel. Er hatte so gesprochen, als wäre es das natürlichste im Unterreich, selbst in ganz Faerûn eine so genannte Jagd durchführen zu lassen und wieder stieg dem Söldner ein flaues Gefühl im Magen hoch. Aber die Neugier nahm nun doch über Hand und er wollte wissen, was es mit dieser Jagd auf sich hatte, so fragte er, „Was ist denn die Jagd … ich kenne nur eine und diese dürften sie nicht meinen, oder?"

„Wie soll ich es erklären … lasst es mich so sagen … die Sklaven werden nackt von jungen Adeligen in ein kleines Labyrinth gehetzt. Jeder Drow, der einen von ihnen erwischt kann machen, wonach ihm beliebt … und wenn ein Sklave zu schreien anfängt, dann lockt das natürlich andere Adelige an …", dann hielt Nhaundar kurz inne und musste kichern.

Jarlaxle verzog im gleichen Moment das Gesicht. Er malte sich aus, wie Shar wohl des Öfteren daran teilgenommen hatte und wie er nackt und ohne Wehr durch ein Labyrinth gehetzt wurde, nur um einer Vergewaltigung oder noch Schlimmeren zu entgehen. Jetzt war ihm wirklich schlecht und er musste sich den Magen halten. Er war viel Grausames gewohnt, jemanden schnell und geschickt eine Waffe in den Bauch zu rammen war doch was anderes, als jemanden auf so brutale Weise zu schänden. Vergewaltigungen waren überhaupt nicht seine Sache und am liebsten hätte er den Sklavenhändler beim Kragen gepackt und ihn in dieses so genannte Labyrinth gesteckt. Als dann gleich darauf sein Blick auf den Sklaven neben ihm fiel, dachte er sich nur, dass dieser Junge wohl auch schon daran teilgenommen haben musste. Er wollte versuchen hier auf dem schnellsten Wege zu verschwinden, bevor er noch mehr Details aus Shars Leben erfuhr.

„Wisst ihr … bei dieser Jagd wurde Dantrag damals auch auf Shar aufmerksam. Wenn er am Anfang mehr Gold geboten hätte, dann wäre wohl dieses Dreckstück früher im Haus Baenre verschwunden. Irgendwie schade … aber die Zeit lässt sich nicht zurück drehen", sprach Nhaundar nun wieder Gedankenversunken weiter. „Schade dass ihr nicht an der Jagd teilnehmen könnt … es würde euch bestimmt gefallen."

„Hmmmm … kann sein, aber ich muss jetzt gehen … viele Geschäfte liegen vor mir. Verbleiben wir so, ihr fangt den Magier Calaunim und den Halbdrow und dann folgt eure Bezahlung. Ich werde wieder kommen", antwortete Jarlaxle und stand in diesem Moment von dem Sessel auf.

„Natürlich … natürlich … aber vergesst eurer Geschenk nicht … Ryltar wird euch gefallen … ich habe noch einige junge Ratten … vielleicht habt ihr ja in Zukunft noch Interesse an weiteren Sklaven", sagte Nhaundar und stand jetzt ebenfalls auf.

Dann löste er die Kette von der Wand, die noch an dem Halsband des Sklaven befestigt war und überreichte sie Jarlaxle. Der wollte sich im Augenblick nicht ausmalen, was der Sklavenhändler noch alles zu bieten hatte, das Gespräch und die Details, die der Söldner erfahren hatte, waren schon mehr als genug für einen Tag. Er hoffte nur, dass die Männer des Drow fähig waren, den Magier und Shar zu finden und er seine Pläne in die Tat umsetzen konnte. Und als er soeben die Kette in die Hand gedrückt bekam, überkam ihn ein neuer Schauer auf dem Rücken. So wie der junge Drow aussah, konnte er ihn nicht mitnehmen.

„Nhaundar entschuldigt … aber mir wäre es lieber, wenn der Sklave keine Kette am Hals hängen hat und er zumindest einen Umhang trägt … meine Männer sollen nicht sehen was ich mir mitgebracht habe … am Ende werden sie noch Eifersüchtig auf ihren Anführer", sprach Jarlaxle und versuchte dabei ein Grinsen auf sein Gesicht zu zaubern, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

„Ihr habt Recht … außerdem gebe ich euch hier die Schlüssel für die Schlösser … es gebe ja keine Sinn wenn ich sie behalte, oder?", sagte Nhaundar und hielt dem Söldner plötzlich zwei paar Messingschlüssel vor die Nase und lachte erbärmlich.

„Ich danke euch", kam die knappe Antwort des Söldners, der augenblicklich die Schlüssel in seinem weiten Umhang verstaute.

Es dauerte noch einige Minuten, dann befreite der Sklavenhändler den jungen Drow mit den Tätowierungen von der Kette an seinem Hals, Hand- und Fußgelenken, wobei er jedoch das Halsband nicht abnahm. Dann reichte er diesem einen zerfetzten Umhang, den der Sklave sofort um sich schlang und wohl mehr als dankbar ausschaute, endlich wieder was an eigenen Leib tragen zu dürfen, dabei zuckte er immer noch heftig.

Jarlaxle verabschiedete sich von Nhaundar und trat mit dem Sklaven im Schlepptau auf die Straßen von Menzoberranzan. Als die Tür sich hinter den beiden schloss, seufzte der Söldner einmal tief durch und war einfach nur froh, dieses Haus endlich verlassen zu haben. Mit einem mitleiderregenden Blick bedachte er den jungen Drow neben sich und fragte sich gerade, was er eigentlich mit ihm machen sollte. Da fiel ihm nur einer ein und das war sein Psioniker Kimmuriel. Ja genau, dieser sollte sich um den Kleinen kümmern und vielleicht würde er sich eines Tages ja gut in seiner Söldnertruppe machen. Dann musste Jarlaxle wieder in alter Manier grinsen, er hatte einen Mann bekommen ohne großartig etwas dafür getan zu haben. Auf eine gewisse Art und Weise war der Besuch bei Nhaundar wenigstens ein kleiner Erfolg.

Eine halbe Stunde später stand Jarlaxle zusammen mit dem Drowjungen und Kimmuriel in seinem Büro.

„Kümmert euch um diesen Jungen … sein Name ist Ryltar … na ja, vielleicht kann er ja von einer meiner Soldaten ausgebildet werden, aber er könnte vielleicht mehr auf den Rippen haben", sprach der Söldner zu seinem Psioniker.

Kimmuriel rollte mit den Augen, aber so, dass es Jarlaxle nicht sehen konnte und antwortete, „Bin ich jetzt der Aufpasser von halbwüchsigen Drow?"

„Wenn ihr es so ausdrücken wollt, dann würde ich sagen ja … ich gehe wieder zurück. Ach und es wäre vielleicht gut, wenn er normale Kleidung bekommt. In dem Umhang macht er sich nicht gut", sagte der Söldnerführer.

Er und Kimmuriel tauschten einen letzten Blick aus und daraufhin war Jarlaxle mit seinem Teleportationsstab verschwunden.

Der Psioniker schaute auf den Drowjungen, der immer noch bewegungslos vor ihm stand. Er trug den alten Umhang und seine Augen sahen unentwegt auf den Boden. Dann ließ Kimmuriel einen tiefen Seufzer hören und meinte nur, „Bleib hier … am besten setz' dich da in die Ecke, ich komme wieder … ich muss dir etwas zum Anziehen suchen."

Dann ging der Offizier von Bregan D'aerthe aus dem Raum und ließ Ryltar alleine zurück.

In Silbrigmond tauchte Jarlaxle soeben mitten in seinem Schlafzimmer wieder auf. Es war Nachmittag. Der Kuchen für seine Nichte stand immer noch auf dem Bett und wartete überbracht zu werden. Ja, das wäre jetzt die richtige Ablenkung und Diana würde dann auch endlich wieder normal werden, dachte er sich. Er musste jetzt unbedingt etwas anderes sehen und das Beste wäre, wenn er Diana gleich sein Geschenk geben würde. So schnappte er sich den verpackten Kuchen und ging hinunter in die Küche. Da war seine Nichte wirklich, die gerade aufgeregt am Tisch saß, mit einem Blatt Papier vor sich und in der Hand hielt sie einen Kohlestift und malte eifrig. So trat Jarlaxle näher und setzte sich neben sie. Außer den beiden war nur noch Artemis und Drizzt im Zimmer, die ihre Unterhaltung unterbrachen und interessiert zu ihrem Freund und dem Mädchen schauten.

„Mein Schatz, ich habe dir etwas mitgebracht … einen Kuchen … bist du mir noch böse?", säuselte der Drow Diana ins Ohr.

Sie hielt augenblicklich inne und schaute ihren Vater an, doch dieser zeigte keine Regung. Dann blickte sie zu Drizzt, der ebenfalls keine Reaktion zeigte. So drehte sie ihren Kopf zu Jarlaxle und sagte, „Danke".

Dann nahm sie den Kuchen an sich, sprang von ihrem Stuhl auf und verschwand sofort durch die Küchentür.

„Halt", rief ihr der Söldner hinter her, blieb jedoch stehen.

„Tja … da musst du dir wohl was anders einfallen lassen", sagte Artemis in seinem gewohnt trockenen Tonfall und Drizzt musste sich beherrschen, nicht laut zu lachen.

Im gleichen Moment trat Zaknafein in die Küche ein und schaute noch verwirrt Diana hinter her, die gerade im Begriff war, mit dem Kuchen die Treppe hinauf zu rennen.

„Was ist denn hier los?", fragte er.

„Jarlaxle dachte er könnte sie mit einem Kuchen bestechen … doch dafür hat sie zuviel von ihm selbst angenommen und es hat nicht geklappt", antwortete Artemis.

Daraufhin brachen alle Drei in lautes Gelächter aus, nur Jarlaxle, der sich mittlerweile hingesetzt hatte, saß irritiert vor sich her blickend auf seinem Stuhl.

„Wenn ihr mich genug ausgelacht habt … dann habe ich eine Frage an euch", sprach der Söldner und brachte so seine Freunde zum Schweigen, aber auf ihren Gesichtern war noch immer ein Grinsen zu erkennen.

„Meine Freunde … ihr helft mir doch bestimmt meinen Sohn nach der Geburt zu mir zu holen", sprach Jarlaxle und grinste nun selbst alle drei an.

„Nein", erklang es im Chor und auf dem Gesicht des Söldners verschwand augenblicklich sein Lächeln.

„Wieso?", fragte der ältere Drow sofort.

„Du hast 150 Männer von Bregan D'aerthe hinter dir … die kannst du einsetzen, um dein Kind zu entführen, mein alter Freund", erklang die Stimme von Zak, der sich gleich danach sich von seinem Platz erhob.

„Kommt ihr, wir wollten noch einiges für die Flucht vorbereiten … die dieses Individuum uns beschert hat", sprach er weiter.

Artemis und Drizzt nickten ihm zu, bedachten Jarlaxle mit einem kalten Blick und standen ebenfalls von ihren Plätzen auf. Danach verschwanden alle drei ebenfalls durch die Küchentüre und Jarlaxle saß alleine in der Küche.

„Ihr werdet schon sehen was ihr davon habt", rief er seinen drei Freunden hinterher und dachte dabei wieder an Calaunim und Shar. Er hoffte, dass sein Plan mit Nhaundar aufgehen würde und dann würde er auch keiner von ihnen hier brauchen. Er beschloss, dass er erst einmal ins Badezimmer gehen sollte, um bei einem heißen Bad zu entspannen und sein Ärgernis über seine Nichte und seine Freunde zu vergessen und einfach seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Kimmuriel kam nach fast zwei Stunden zurück in das Büro von Jarlaxle und fand den Drowjungen noch genauso vor, wie er ihn verlassen hatte. Dieser saß in einer Ecke und schaute stur auf den Boden. Der einzige Unterschied zu vorhin war, dass er leise vor sich hin wimmerte. Was soll denn das?, fragte er sich. Er seufzte einmal und war immer noch wütend über Jarlaxles Entscheidung, ihm einfach dieses Kind überlassen zu haben. Sollte er jetzt für den Rest seines Lebens Aufpasser für so eine jämmerliche Gestalt sein, die sich nicht einmal aus eigenem Antrieb von der Stelle bewegte. Er hatte schon genug andere Probleme ohne sich hier, um das Häuflein Elend zu kümmern. Ja, Jarlaxle macht es sich wieder einfach und schieb alles auf mich ab, während er munter fröhlich auf der Oberfläche herumläuft, dachte der Psioniker weiter. Dann ging er zu dem Drowjungen und ließ ihn anhand seiner Gedanken aufstehen. Mit weit aufgerissen Augen starrte dieser nun Kimmuriel an, da er psionische Kräfte nicht kannte. Wieder erklang ein Seufzen des Drow und er musste erneute die Augen rollen. Kurz darauf warf er dem Jungen einige Kleidungsstücke entgegen, der sie auffing.

„Hier … zieh das an", zischte der Offizier von Bregan D'aerthe.

Der Junge schaute immer noch mit irritiertem Blick zu Kimmuriel hinüber, tat aber augenblicklich, was er gesagt bekommen hatte. Doch als er seinen Umhang öffnete, war es nun der Psioniker, der große Augen machte. Er sah das Tigermuster auf den Armen und Beinen des Jungen und erkannte auch den Keuschheitsgürtel, den der junge Drow immer noch trug.

„Oh nein … was ist denn das … ein Keuschheitsgürtel. Und ich habe den Schlüssel nicht", sagte Kimmuriel plötzlich mit affektierter Bedrängnis und sprach dabei zu sich selbst.

Der Psioniker überlegte, was er tun könnte. So versuchte er es erst einmal, das Schloss durch seine Gedanken zu öffnen, doch nichts tat sich und resigniert bedachte er den Jungen vor sich mit einem mitleiderregenden Blick. Der Typ wäre besser aufgehoben, wenn man ihn gleich irgendwo aussetzen würde, anstatt ihn bei Bregan D'aerthe aufzunehmen. Manchmal verstand er Jarlaxles Entscheidungen wirklich nicht. So blieb ihm jetzt nur noch eines, er musste zu seinem Anführer und die Schlüssel heraus fordern. Gleichzeitig könnte er seiner Missgunst Ausdruck verleihen. Er bedeute dem jungen Drow, dass er sich wieder in die Ecke verkriechen sollte, um gleich darauf einige Gesten in der Luft zu machen und mit einem Gedanken einen Wirbel zu erzeugen. Ein Dimensionstor erschien. Kimmuriel schaute ein letztes Mal zu dem Jungen, der mit großen Augen das Geschehen vor sich beobachtete und dann verschwand der Psioniker.