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Kapitel 9

Zögerlich öffnete Janet die Tür zur Mädchentoilette.

Kurz kam ihr der Gedanke, dass es Blödsinn wäre, Sam nachzugehen. Sie kannte sie doch gar nicht. Doch unter diesen Umständen …

"Sam?"

Zaghaft ging Janet um die Ecke.

Dort stand Sam, über eines der Waschbecken gebeugt und wusch sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie war blass. Durch die schwarze Bluse und die enganliegende, ebenfalls schwarze, Jeans wirkte sie noch blasser, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre.
Trotz allem, fand Janet, dass Sam gut aussah und für ihre 15 Jahre sehr erwachsen wirkte.

Sam blickte nicht auf.

Erst als Janet fast neben ihr stand, hob sie den Blick und schaute sie einfach nur an.

Janet sah Sam eine Augenblick an, doch dann trat sie noch einen Schritte auf Sam zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

"Kann ich dir irgendwie helfen?", fragte sie ruhig und hoffte dadurch Sam zu vermitteln, dass sie ihr nur helfen wollte.

Sam sah sie weiterhin an.

Dann, als wenn sie aus einer Art Trance erwacht wäre, schüttelte sie den Kopf.

"Nein … schon gut!", sagte sie verschnupft.

Doch Janet war sich da nicht so sicher.

"Wirklich? Ich mein, die erste Stunde verpassen wir nun so oder so. Wenn du willst kann ich dich nach Hause bringen und …"

Weiter kam sie jedoch nicht.

"Und was? Willst du mir dann einen Tee kochen und meine Seelsorgerin spielen?", fuhr Sam ihr dazwischen.

Janet fühlte sich einen Moment so als wenn ihr jemand vor den Kopf gestoßen hätte.

"Hey … es ist kein Grund unhöflich zu werden. Ich meine es ja nur gut."

Danach herrschte wieder Stille im Bad.
Sam hoffte, dass sie gehen würde. Sie wollte ihre Ruhe haben und da sie so wie so nicht zum Unterricht gehen wollte, war ihr egal ob sie die Stunden verpassen würde.

Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr Haar und stieß leise die Luft aus, die sie, ohne es zu merken, angehalten hatte.

Janet startete noch einen weiteren Versuch.

"Ich weiß wie du dich fühlst.", begann sie, doch wieder erstickte Sam Janets Versuch schon im Ansatz.

"Du glaubst, du weißt wie ich mich fühle?"

Sie lachte hämisch auf und blickte Janet zornig in die Augen.

"Du hast ja gar keine Ahnung!"

Nun war es an Janet, sie kalt anzublicken.

"Woher willst du das denn wissen? Ich habe meine Mutter nie kennen gelernt. Sie ist nach meiner Geburt abgehauen und hat sich seit dem her nie wieder blicken lassen."

Daraufhin herrschte kurze Zeit Stille.

Sam sah Janet gerade heraus an.

"Das tut mir leid. Doch lieber so als wenn einem alles, was einem lieb und teuer ist, genommen wird und man alleine dasteht.", sagte sie leise und ging langsam an Janet vorbei, die ihr schockiert hinterher sah.

"Manchmal …", flüsterte Sam und Janet hatte das Gefühl, dass Sam eher zu sich als zu ihr sprach.
"Manchmal wünschte ich mir, dass ich nie wieder fühlen müsste ! Nie wieder … das wäre für mich das Beste, was mir seid langer Zeit passiert wäre."

Und mit diesen Worten verschwand Sam aus dem Waschraum und ließ eine ratlose Janet zurück.

Ende Kapitel 9