Kapitel 10
„Aragorn, ich…"Die Worte kommen mir schwer über die Lippen. Meine Knie beginnen zu weich zu werden, meine Augen fassen nichts mehr klar im Raum und ich merke nur noch, wie meine Hände und mein Körper hüllenlos werden. Es kribbelt bis zu den Fingerspitzen und angestrengt versuche ich Luft zu holen.
Alarmiert schreckt der Waldläufer auf, greift mir unter die Achseln, eine Hand zwischen den Schulterblättern um mich gerade zu halten und sucht meinen Blick. Meine Haut ist aschfahl, meine Lippen blutleer. „Mir ist schlecht.", flüstere ich gepresst und hastig nickt der Waldläufer, wirft Legolas einen vielsagenden Blick zu.
„Wasser. Rasch!"
In Sekundenschnelle hat Legolas einen Stuhl hinter mich gestellt und langsam lässt mich Aragorn zurücksinken. Schwer und zitternd sitze ich vornübergebeugt auf dem Stuhl, versuche mich auf meine Atmung zu konzentrieren und halte mir eine Hand vor den Mund. Gimli ist unterdessen in die Küche gerannt und wie unter Watte höre ich, wie er wahllos Schränke und Türen aufreist um nach einem passablen Gefäß zu suchen.
Ich halte meine Augen geschlossen und atme stoßweise. Das flaue Gefühl im Magen hört nicht auf und die Ohren dröhnen.
„Míre min… tiriel a min." (« Mein Juwel … sieh mich an. ») Der Elb hat sich lautlos vor meinem Stuhl auf ein Knie begeben und seine Hände auf meine Oberarme gelegt. „Was?" Ich öffne kurz die Augen, aber alles tanzt vor mir auf und nieder, wirbelt in Kreisen und mir wird nur noch schlechter. Hastig schließe ich unter Stöhnen wieder die Augen und presse noch mehr die Hand vor den Mund, atme stoßweise.
„Tiriel a min! Sieh mich an!"
Sein Griff wird um meine Oberarme fester, sein Ton auch. Stumm schüttele ich den Kopf und beuge mich noch weiter vor. „Mir… ist… so schlecht.", kommt es unter meiner Hand leise hervor und Aragorn blickt sich gehetzt um. „Gimli… das Wasser!", ruft er und ein erschrockener Zwerg kommt aus der Küche gestolpert, einen tiefen Teller in der Hand. „Ich fand keinen Krug.", murmelt er entschuldigend und ich fühle, wie jemand meine eiskalte Hand von den Lippen lösen will. Doch umso mehr presse ich meine Hand verzweifelt darauf.
„Trink. Du musst nur einen kleinen Schluck trinken.", bittet mich Aragorn hastig und Legolas fügt hinzu: „Dann geht es dir besser." Der Griff um mein Handgelenk wird beinahe eisern und ich gebe nach, löse meine Hand von meinem Mund und im nächsten Augenblick fühle ich den kalten Tellerrand an meinen Lippen. Er ist viel zu breit und zuviel Wasser kommt im Schwall, aber willig öffne ich die Lippen und fühle, wie kaltes Nass in meinen Mund dringt, dabei aber auch an den Mundwinkeln vorbei läuft, an meinem Kinn hinunter und auf meine Hose tropft. Es ist jämmerlich und ich schäme mich, aber ich greife den Teller mit beiden Händen und nehme noch einen Schluck.
Als ich absetze bin ich ab der Nase abwärts komplett durchnässt. Auf meiner Hose haben sich große, dunkle Flecken gebildet und die Haare hängen mir ins Gesicht. Aber es geht mir etwas besser, ich sehe wieder klar und mein Magen beruhigt sich.
Ich fühle, wie mir jemand den Teller wieder aus der Hand nimmt und neben dem Stuhl, auf dem ich zusammengesunken sitze, leise abstellt. Ich fühle, wie drei Augenpaare mich beobachten, während ich mit dem Oberärmel meines Pullovers über meinen Mund wische und versuche, Wangen und Kinn zu trocknen.
„Wie fühlst du dich?"
Stumm nicke ich nur und blicke den Elben vor mir langsam an. In seinen Augen lese ich Besorgnis und leise Verzweiflung und seine Stirn ist in Falten gewölbt. Ich hole kurz Luft, dann lege ich meine Hände auf seine Schultern. „Besser.", flüstere ich, dann ziehe ich ihn langsam zu mir heran. Seine Hände fahren unter meine Arme, legen sich auf meinen Rücken und ich kann ihn nun ganz an mich heranziehen, ihn umarmen. Mein Gesicht vergräbt sich an seiner Schulter, meine Haut spürt seine Haut und tief atme ich ein. „Besser.", wiederhole ich noch einmal, leise, aber bestätigend.
„Du hast uns einen Schrecken eingejagt.", wispert er und sein Atem geistert über mein Ohr. Unbewusst verstärke ich den Griff und halte ihn fest. Er ist das Einzige, was ich noch gebrauchen kann, um wieder ganz klar denken zu können und ich fühle, wie sich eine Hand von ihm auf meinen Hinterkopf legt und seine Finger sachte beginnen, mein Haar zu streicheln. „Was könnte mehr Schrecken einjagen, als das, was wir soeben erleben durften?", gebe ich genauso leise zurück und fühle, wie der Elb sich versteift. Meine Lippen flatterten bei dem soeben Gesagten federleicht über seinen Hals und er muss die Augen schließen um klaren Gedankens zu bleiben.
Aragorn und Gimli sehen sich stumm an. Sie sehen genug um zu begreifen, was da imstande ist zu entstehen. Ein Gefühl, das Freundschaft bei weitem übersteigt. Ein Band, was dazu verdammt ist, unweigerlich zerschmettert werden zu müssen. Sie kehren zurück, nach Mittelerde. Die Wege müssen sich trennen und traurigen Auges verfolgen sie mit, wie der Elb die junge Menschenfrau nur noch fester umarmt. Ihr geht es besser, das weiß Aragorn und er weiß auch, dass so eine Umarmung dafür nicht nötig sein müsste, um sich dessen sicher zu sein.
Aber meine letzten Worte hat er gehört und versteht die doppelte Bedeutung dahinter. „Nur noch drei Tage.", flüstert er zu Gimli und weist mit einem bedeutendem, doch traurigem Kopfnicken zu dem Paar, was sich fest umschlungen hält. „Mehr… haben sie nicht."
Der Zwerg blickt stumm nach unten, dann seinen Freund an. Er kennt Legolas noch nicht lang, aber ihre Freundschaft wurzelt schon tief, tiefer, als das jede Widrigkeit, jeder Streit sie jemals ausreissen könnte. Und er versteht genug von der Welt und dem Lauf der Dinge, dass er seinen Freund nicht zu fragen braucht, was zwischen ihm und der Menschenfrau geschehen ist.
Zögernd tritt er auf uns zu und nimmt den Teller wieder an sich. „Du solltest dich ausruhen, Josephine.", brummelt er in seinen Bart und legt eine kleine, schwere Hand auf meine Schulter, drückt sachte zu. „Es war zuviel für sie.", fügt er sanfter hinzu, als sich Legolas von mir löst und ihn mit einem undurchdringlichen Blick ansieht.
Doch ich schüttele den Kopf. „Mir… mir geht es schon besser, ich… ja, es war …ich…"
Aragorn räuspert sich. „Es war zuviel für dich! Du musst dich ausruhen. Jetzt." Sein Ton ist ruhig, aber fest gewesen und genauso fest heftet sich jetzt sein Blick in mich.
„Nein, ihr hatte noch kein Frühstück und ich möchte nicht, dass ihr…", versuche ich zu antworten, doch werde unterbrochen.
„Aragorn hat Recht. Du benötigst Ruhe." Der Ton des Elben war liebevoll, doch zugleich bestimmt und müden Auges sehe ich ihn an. „Vielleicht hast du Recht.", murmele ich leise. „Aber zuvor braucht ihr noch Frühs…"
„Wir kümmern uns!", ruft Aragorn und erschrocken fahre ich auf. „Was? Nein, ausgeschlossen, ich mache das.", und will aufstehen, doch Legolas hält mich an den Schultern fest und drückt mich zurück auf den Stuhl. „Du hast genug für uns getan. Du hast uns genug umsorgt, nun sind wir für dich da."
Meine Hände legen sich auf seine Unterarme und ich will sie von meinen Schultern wegnehmen, schüttele vehement mit dem Kopf und versuche, mich zu erheben. „Lass mich los, mir geht's wieder gut, ich mach euch nur schnell was zu essen und dann…"
„Nein. Du bleibst sitzen." Sein Ton war scharf, schärfer als beabsichtigt und erschrocken sehe ich ihn an. Sofort legt sich ein entschuldigender Ausdruck in seine Augen und sein Griff lockert sich etwas, aber nur soweit, wie er sicher sein kann, dass ich nicht aufspringen werde. „Bitte.", flüstert er. „Du hast genug getan und dafür werden wir dir auf ewig dankbar sein, Josephine. Aber jetzt… war es zuviel für dich und du bist am Ende deiner Kräfte. Ich spüre es.", schließt er flüsternd.
Verwundert sehe ich ihn an und aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, wie Aragorn leise etwas zu Gimli sagt, dieser bestätigend mit dem Kopf nickt und seine Schritte Richtung Treppe zum Gästetrakt lenkt. „Ich hole nur noch meine Axt!", kommt es über die Schulter zurück, dann ist er verschwunden.
Meine Blicke geistern zwischen Legolas und dem Waldläufer hin und her. „Was geht hier vor?"
Der Elb wirft einen raschen Blick zu Aragorn und nur das genügt ihm, um zu wissen, was zu tun ist. „Was geht hier vor?", frage ich noch einmal, nun etwas bestimmter. Wieder kniet er sich vor mich hin, legt eine Hand sachte auf meine Wange und mein verwirrter Blick bleibt in dem Azurblau seiner Augen haften. „Sorge dich nicht mehr. Du wirst jetzt ruhen und wieder zu Kräften kommen, dass verspreche ich dir. Vertrau uns."
In seinen Augen suche ich nach mehr, aber genauso wie seine Worte bleiben sie ein weiteres Rätsel für mich. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel und Wärme flösst sich in mich ein. Seine Hand bleibt noch kurz federleicht an meiner Wange liegen, dann springt er auf, lautlos, elegant, wie eine Katze und geht mit raschen Schritten an Aragorn vorbei, ebenfalls zur Treppe des Gästetraktes.
„Komm, steh auf Josephine."
Aragorn steht neben mir und legt Halt bietend einen Arm um mich, als ich mich schwerfällig erhebe. „Gibt es einen ruhigen Ort in der Nähe, an dem du dich hinlegen kannst?", fragt er mich und Kopfnickend weise ich den Weg durch die Bibliothek in einen hinteren Bereich. Dort stehen ein paar große Sofas, zum gemütlichen Lesen und ausruhen. Der Waldläufer begleitet mich dahin und erklärt mir unterdessen, was die Gefährten vorhaben zu tun. Ich bekomme nicht viel mit außer „…. Feuer machen… Jagd ….Kräuter…"
Als mein Kopf auf das einladende Kissen sinkt und er noch eine weiche, leichte Decke über mich legt, merke ich, wie langsam alle Anstrengung von mir weicht und einem Gefühl Platz schafft, was einer Müdigkeit nach einem langen, harten Arbeitstag gleich kommt. Meine Muskeln und Glieder schmerzen, als hätten sie unter stundenlanger Anspannung gelitten. Er will sich schon erheben, als meine Hand die seine sucht und festhält. „Versprich mir nur eines. Egal, was ihr im Begriff seid zu tun… kein Gas."
„Versprochen.", antwortet er mir ernst, lächelt aber gleich danach. „Nun ruh dich aus, ich komme bald wieder. Dann…. wirst du schlafen.", spricht er ruhig, aber bestimmt und ich kann nur ein „Ja." flüstern. Prüfend blickt er mich nochmals an, dann nickt er. Seine Hand verlässt die meine und gemessenen Schrittes entfernt sich der Waldläufer von mir, durchquert die Bibliothek und begibt sich in den nächsten Raum.
Laut seufzend schließe ich kurz die Augen und lasse mich in die Kissen zurücksinken. Meine Hände suchen unter der Decke nach den nassen Flecken auf meinen Oberschenkeln. Die Flecken haben sich ausgebreitet und sind größer geworden und es ist unangenehm. Jeansstoff reibt kalt auf der Haut und kurzerhand öffne ich den Gürtel, schlüpfe im Liegen aus der Hose und kicke den Stoff mit den Füßen einfach weg. Viel besser.
`Was ist hier nur los…. was passiert hier nur?`
Der Tag ist verrückt, seit er begonnen hat. Mit den Fingerspitzen massiere ich über Schläfen und Augenlider und fahre mir durchs Haar. Mein Blick heftet sich an die Zimmerdecke und minutenlang liege ich still, starre hinauf und versuche mir einen Reim aus dem zu machen, was komplett gegen Vernunft, Rationalität und gesundem Menschenverstand spricht. Beinahe Gasexplosion und eine Stimme aus dem Kamin. Was kommt als nächstes? Eine Horde Uruk-hai, welche auch hierher transportiert werden? Bei dem Gedanken verdoppelt sich mein Herzschlag und erschreckt setze ich mich auf.
Ein Kloß formt sich in meinem Hals und mein Mund wird trocken. Was mit den drei Jägern funktioniert hat kann doch auch mit allen anderen Lebewesen Mittelerdes geschehen? Doch dann schüttele ich den Kopf. Gandalf hat die Fäden in der Hand. Und ich schätze den Zauberer klug genug ein, dass er die Tatsache, dass sie hier sind und das dies unbeabsichtigt war, geheim halten wird. Sarumans Interessen liegen auf der Zerstörung Rohans und auch er ist klug genug, das Spiel zu durchschauen. Barahirs Ring, Isildurs Erbe… Frodo bleibt solange ungestört von ihm, soviel weiß ich noch aus den Büchern… aber Saruman ahnt, das die Linie Numenors durchaus weitergeführt werden kann. Grima Schlangenzunge bringt ihm den entscheidenden Hinweis, nachdem er aus Edoras geflohen ist. Ob dies schon geschehen ist, dass kann ich mir nicht beantworten. Aber nein, es kann nicht sein. Aragorn ist hier, nicht in Rohan. Grima KANN nichts von ihm wissen.
Ich schlucke den Kloß im Hals hinunter und bemühe mich um Konzentration. Ich bin so geschafft, so durcheinander und wieder schließe ich müde die Augen, bleibe aber sitzen und lege den Kopf auf meine Knie.
Aus dem übrigen Haus höre ich leise Geräusche, Kommen und Gehen. Ich frage mich, was die Drei machen und will schon aufstehen, als ich Aragorn bemerke, wie er auf mich zukommt. In seinen Händen trägt er eine große Tasse, aus welcher heißer Dampf in kleinen Wolken aufsteigt. Vorsichtig pustet er darauf und läuft entsprechend auch langsam.
Fragend blicke ich ihn an, als er an das Sofa herantritt und langsam auf ein Knie niedergeht, um auf Augenhöhe mit mir zu sein. Ich kneife leicht die Augen zusammen, und möchte warten, bis er anfängt mit sprechen. Ich habe keine Ahnung warum, aber irgendetwas beunruhigt mich. Und meine Geduld ist nicht unbedingt die Beste mehr heute.
„Ich habe dir versprochen…"
„Das ist kein normaler Kräutertee, nicht wahr?"
Stumm schüttelt der Waldläufer den Kopf. „Ich habe mir erlaubt, in deiner Küche die verschiedenen getrockneten Kräuter von dir zu begutachten. Es gibt einige Pflanzen, die schnelle Heilung verschaffen, andere, die eine beruhigende Wirkung haben oder aufwecken. Du hast eine gut sortierte Sammlung davon."
Ich runzele die Stirn. Ich habe nichts dergleichen `an Sammlung`, nur Magen-Darm-Tee, `Guten Morgen`-Tee und verschiedene Kräuter-Tee´s. Aber das, was er mir nun unter die Nase hält riecht alles andere, als was ich normalerweise unter Tee verstehe.
„Was ist das hier genau?", flüstere ich leise und greife langsam nach dem Becher.
„Ein Trank, der dich nur kurz schlafen lässt." Meine Augenbrauen schießen hoch. „Wieso sollte ich jetzt schlafen?"
Aragorn holt tief Luft. „Nimm einen Schluck davon und du wirst schnell wieder zu Kräften kommen. In der Verfassung, wie du jetzt bist… fürchten wir für deine Gesundheit. Sieh,… „, der Waldläufer nimmt den Blick von mir und lässt seine Augen im Raum umherwandern…"… wir fühlen uns schuldig. Schuldig, dass du diejenige warst, die den Schlüssel zur Rückkehr gefunden hat, obwohl das doch hätte unsere Aufgabe sein sollen. Du magst es nicht zugeben wollen, aber es trifft uns alle sehr, dass wir nichts beisteuern konnten und du diejenige bist, die ihre Kräfte dafür aufbraucht. Ich sehe es dir doch an.", fügt er noch leise flüsternd hinzu und streicht mir eine Strähne aus der Stirn. „Es brennt dich aus. Schon seit Tagen."
„Nicht nur das…", pflichte ich ihm leise bei und muss nicken. Scheu sehe ich ihn an. Aragorn ´s Blick spiegelt Wehmut und Traurigkeit wieder. Seufzend holt er tief Luft und blickt nach unten. „Du wirst ihm nicht folgen, nicht wahr?"
„Ich… ich weiß es nicht. Noch… nicht."
Meine Hände umklammern die Tasse und mein Blick bohrt sich in die weiche, leichte Decke um meine Beine.
„Was weißt du über das unsterbliche Volk, Josephine?"
„Um ehrlich zu sein weiß ich nicht viel, Aragorn.", beginne ich ruhig und kann ihn wieder ansehen. „Aber ich weiß, was Legolas tun wird, sobald der Ringkrieg beendet ist. Ja, er wird ihn überleben, Aragorn.", füge ich noch an, als der Waldläufer den Atem anhält. „Das Meer wird ihn rufen. Und er wird sich dem nicht entziehen können, du weißt das. Die Herrin Galadriel hat es prophezeit, nicht wahr?"
Gedankenvoll nickt der zukünftige König Gondors. „Für mich gibt es dort keinen Platz. Für mich ist der Platz hier, in meiner Welt. Und außerdem…", und plötzlich muss ich leise schmunzeln und zwinkere ihn an…"…. ich werde altern. Noch mag ich, na ja, gutaussehend sein?" Ich muss leise auflachen und stecke Aragorn damit an. „Aber was kommt dann? In etwas mehr als zehn Jahren gehe ich auf meinen vierzigsten Geburtstag zu. Und jetzt sag mir mal, welche Frau in dem Alter noch, nunja… attraktiv ist? Ich bitte dich…Augenringe, Bauchansatz, die ersten grauen Haare? Und für ihn sind Jahre doch nicht mehr als nur Augenblicke der Zeit."
Ich presse plötzlich die Lippen aufeinander und muss tief durch die Nase einatmen. Aragorn verlagert etwas sein Gewicht und legt mir eine Hand auf die Schulter, drückt leicht zu. „Ich weiß, ich kann offen mit dir sprechen.", flüstere ich, während mir der schwere Duft des Getränks schon leicht die Augen schließen lässt. „Er ist das Schönste, was mir jemals unter die Augen getreten ist. Er ist…. wie ein Gott? Unerreichbar. Für ein menschliches Wesen. " Ich merke, wie sich der Waldläufer etwas versteift. „Nunja… wie sollte ich etwas beschreiben können, für das Worte niemals ausreichend genug wären.", füge ich hinzu, dann nehme ich den ersten Schluck aus der großen Tasse.
Widerlich. Einfach widerlich und entsprechend des Geschmacks sehe ich den Waldläufer aus zusammengekniffenen Augen an. „Warum tust du mir DAS an?", muss aber dabei lächeln. Aragorn grinst leicht und nickt. „Sollte es dir nicht munden, so ist das nur recht. Dann ist es der richtige Trank."
„Du hättest wenigstens etwas Honig hineingeben können. Er ist… bitter und… erdig?"
„Trink noch etwas mehr, ein paar Schlucke genügen und du wirst merken, es wird dir gut tun."
Seine letzten Worte dringen schon leicht im Nebel an mein Ohr und meine Glieder werden schwer. Ich schaffe noch ein paar Schlucke, dann nimmt er mir die Tasse aus den Händen und mein Kopf sinkt nach vorn, meine Hände hinab und meine Beine versagen ihren Dienst, werden schlaff.
Meine Augen sind schon halb geschlossen, als ich nur noch merke, wie er meinem Körper zu einer komfortablen Position hilft, dann umfängt mich friedvolle Dunkelheit.
Der zukünftige König Gondors gönnt sich noch ein paar Momente neben der schlafenden Frau und betrachtet sie ruhig. Es kam in seinem Leben bislang nicht oft vor, dass eine menschliche Frau ihren Worten soviel an Weisheit und Wahrheit verliehen hat. Und wahr hat sie gesprochen.
Seine Fingerspitzen berühren sacht den Abendstern auf seiner Brust und selbige zieht sich schmerzvoll zusammen. Er ahnt, dass es kein Wiedersehen geben wird. Selbst wenn die Hoffnung, Mittelerde wieder zu sehen, in greifbare Nähe gerückt ist. Doch auch wenn sie nicht in die unsterblichen Lande mit ihrem Volk gegangen ist… dem Erben Isildurs ist ein langes Leben beschieden, das weiß er, das Alter wird aber auch an ihm seine Zeichen hinterlassen. Kurz schließt er die Augen und seufzt tief.
„Schlaf.", flüstert er, kaum hörbar und küsst die schlafende Frau auf die Stirn. "Schlaf tief und sammle neue Kräfte." Dann erhebt er sich und verlässt leisen Schrittes den Raum.
„Brennt das Feuer noch?", spricht er leise, als er die Außentür hinter sich schließt und tief die frische Winterluft atmet. Legolas erhebt sich ruhig von der Feuerstelle und tritt auf seinen langjährigen Freund zu. „Wir halten es in Gang, brauchst du noch mehr von dem Trank?"
Der Waldläufer schüttelt den Kopf und lächelt. „Es bedurfte nur einer kleinen Menge für sie. Jetzt geht ihr Atem ruhig und tief, sie schläft." Der Elb legt eine Hand auf die Schulter seines Freundes und blickt ihn dankbar an. „Hannon le. Du hattest Recht. Sie braucht es." Sein Blick wandert zur Tür und weiter in die Richtung des Raumes, in der er meine schlafende Form vermutet. „Geh schon.", flüstert Aragorn und nickt kurz seitlich mit dem Kopf. „Soll ich auf dich warten, oder…."
Ein kurzer kräftiger Händedruck auf die Schulter, dann geht der Elb schon an ihm vorbei in Richtung Haus. „Ich finde dich. Wie immer."
Aragorn ist der leicht ironische Unterton nicht entgangen und lächelnd tritt er auf das Feuer zu, die Hände ausgestreckt. „Natürlich. Wie immer.", murmelt er schmunzelnd.
„Wieviel Holz werden wir brauchen, Gimli?"
„Soviel wie ihr heranschaffen könnt. Zwei Bäume… und… bringt ordentlich Wild mit. Ich habe Hunger.", und prüfend begutachtet der Zwerg seine Axt, gibt sie dann an Aragorn weiter. „Sie soll gut durch den Winter kommen und wir haben schon etliches an Holz verbraucht." Mit einem Seitenblick auf den zusammengeschrumpften Holzstapel neben der Hausmauer bestätigt er seine Worte und der Waldläufer muss nicken. „Zwei Bäume. Gut!"
„Du hälst ein Auge auf das Feuer, Gimli. Und … auch auf sie, ja?" Aragorn legt die Axt über seine Schulter und bedenkt den Zwergen mit einem bedeutungsvollen Blick. Dieser baut sich breitbeinig zu voller Größe auf und deutet mit Zeige- und Mittelfinger auf seine Augen. „Zwei! Ich werde zwei Augen auf sie haben. Und sollte der Junge dann mal wieder herauskommen, schicke ich ihn sofort hinter dir her.", fügt er noch an und Aragorn nickt, dann läuft er los, in Richtung Wald. Die Wintersonne lässt den Schnee glitzern und vollkommene Stille umfängt ihn. Tief atmet der Waldläufer ein. Der Geruch des Feuers, welches Legolas und Gimli entfacht haben, während er in der Küche nach den richtigen Zutaten und nach einem schweren Topf gesucht hat, hängt zart in der Luft und begleitet ihn noch lange auf seinem Weg.
Es war die richtige Entscheidung gewesen, mir den Trank zu geben, auch wenn meine Zustimmung dafür nicht ganz so leicht zu erreichen gewesen ist. Aragorn weiß aber auch, dass ich nicht viel getrunken habe und deswegen nicht mehr als zwei bis drei Stunden schlafen werde. Nun, dann müssten sie sich eben sputen und schon wandern seine Augen über die erstbesten Bäume, die in Frage kämen, gefällt zu werden.
Es freut ihn, dass es nicht vieler Worte benötigt hat, seine zwei Freunde zu überzeugen, dass Josephine nicht länger ihre bloße Gastgeberin sein sollte, vielmehr eine Begleiterin ihrer Wege und sich deswegen jeder um das Wohl des Anderen zu bemühen hat, nicht nur sie allein um ihrer Wohl. Sie haben die Abmachung getroffen, dass sie sich von nun an um das leibliche Wohl sorgen wollen. Sicherlich ist die Speisekammer an ihr Ende gekommen, nicht nur das Holz für den Kamin.
Ab sofort werden sie das Essen zubereiten. Wild scheint es dafür ja genug zu geben. In die Küche traut sich allerdings niemand mehr. Aber was ist schon eine Küche gegenüber einem prasselnden, rotglühenden Feuer und frisch erlegtem Fleisch, was sich langsam am langen Spieß darüber dreht? Der Waldläufer muss lächeln. Was ich wohl dazu sagen werde, sobald ich wieder erwacht bin?
In meinen Träumen:
Gras umspielt sanft die Zehen meiner Füße und meine Finger. Ich liege mit angewinkelten Beinen auf der Lichtung eines hellen Waldes und beobachte das Sonnenlicht, wie es im Blätterdach der Bäume über mir spielt.
Vollkommener Friede umfängt mich und ich atme die reine, samtige Luft von Wald, klaren Bächen und genieße die sanften Geräusche, die mich umgeben. Nichts anderes als leises Vogelgezwitscher und das Rauschen und Wiegen der Bäume dringt an mein Ohr und ich fühle, ich bin sehr glücklich hier, auch wenn ich allein bin. Ich fühle Frieden und Wärme. Ich fühle Ruhe und Geborgenheit. Ich fühle Grenzenlosigkeit.
Lautlos erhebe ich mich. Wundere mich nicht über das lange Kleid und den Stoff, welchen ich noch niemals in meinem Leben getragen habe. Meine Schritte sind ebenso lautlos. Nicht das kleinste Geräusch gebe ich von mir, nicht einmal meine Atmung höre ich. Alles um mich herum lebt aber ich? Schwerelos bin ich und fühle mich auch so. Federleicht nur treten meine Füße auf den Waldboden und obgleich sie nackt sind spüre ich keine Kälte. Es ängstigt mich nicht.
Ziellos lenke ich meine Schritte, doch brauche ich ein Ziel, wenn ich ahne, ich bin willkommen?
Tiefer in den Wald gehe ich nun, fühle weder Zeit noch Raum. Nur der Wald atmet mit mir und atmet für mich. Meine Blicke greifen nichts Bestimmtes und doch gehe ich vorwärts, werde sogar noch leicht gezogen, von was ist mir nicht bewusst.
Unter die Stimmen des Waldes mischt sich ein anderer Ton, heller noch und menschlicher. Nur manchmal, dann verebbt es wieder. Ist es eine Täuschung, dass sich die Bäume etwas langsamer wiegen und die Luft zarter weht, als ob sie lauschen würden, mit mir? Meine Füße bleiben wie von selbst stehen.
Sonnenlicht fängt sich in dunkelblonden, halblangen Haaren. Auch seine Schritte sind federleicht, aber nicht lautlos, als er wenige Meter an mir vorübergeht. Es ist ein Junge, nicht älter als sechs oder sieben Jahre. Dunkelgrüne Augen unter langen, schwarzen Wimpern treffen sich mit den meinen. Doch nur kurz, dann wendet er sich wieder ab. Wieder dringt helles Lachen an mein Ohr, leiser werdend, als er weiter geht, an mir vorbei, im Wald verschwindet. Ich drehe mich nicht um.
Ich ahne, er hat mich nicht gesehen. Es ist ein Traum und ein Traum soll es bleiben. Weiter lenke ich meine Schritte und als meine Füße den sandigen Boden treffen habe ich den Jungen vergessen. Lauer, salziger Wind streichelt mein Gesicht und glitzernd liegt wie ein Spiegel die glatte See vor mir. Dumpfer wird das Licht und Abendstimmung kehrt in mein Herz ein, so wie es Abendstimmung ist.
Langsamer geht mein Atem nun, langsamer schlägt mein Herz. Und leise flügelschlagend rauschen Möwen über mir hinweg, fliegen hinaus aufs offene Meer und ihre zarten Schreie vermischen sich mit den Geräuschen und Bewegungen der See. Meine Hand legt sich auf die Schulter des Jungen. Ich sehe ihn nicht an, doch weiß ich, er ist gewachsen und älter nun. Unsere Blicke gehen hinaus aufs Meer und suchen einen Punkt in der Ferne, welcher aber für uns beide unerreichbar ist. Unerreichbar bleiben wird. Trauer und Sehnsucht bleiben fern. Ich fühle nichts außer Frieden. Friedvolle Endgültigkeit.
Legolas` Augen ruhen unentwegt auf den ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Meine Gesichtszüge sind glatt und er weiß, ich träume.
„Calad… ar glas." („Licht… und Freude"), wispert er an meinem Ohr. Hauchzart legt er seine Wange an mein Haar und schließt die Augen, nimmt meinen Duft auf. Sein Verlangen, mit seinen Lippen die freie Haut an Hals und Schulter zu berühren, wächst mit jeder Sekunde und schaudernd nur hält er sich zurück.
`Sie schläft.`, maßregelt er sich innerlich und atmet tief durch. Sein Blick fällt auf den Arm, welcher achtlos vom Sofa herunterhängt. Meine Fingerspitzen streifen den Fußboden und liebevoll nimmt er meine Hand in die seine und legt sie zurück auf meinen Bauch, lässt sie aber nicht sofort los. Er spürt unter seiner Handfläche die tiefen, ruhigen Züge von mir und etwas weiter gleiten seine Fingerspitzen, wandern neben meine Hand und legen sich flach auf meinen Bauch. Die leichte Decke endet gleich dort. Einladende Wärme empfängt seine Hand und wie von selbst wandern die ersten Fingerspitzen unter den Rand der Decke. Er spürt den Stoff von meinem Oberteil, doch nur wenige Zentimeter schafft seine Hand, dann hält er verzagt inne. Tief atmet er ein. Sein Blick ist an meiner Hose hängen geblieben, welche achtlos neben der Couch liegt und mit einem raschen Zug zieht er die leichte Decke höher über mich. Atemlos und etwas durcheinander betrachtet er noch einmal meine schlafende Form, dann erhebt er sich lautlos, nimmt die Jeanshose und legt sie über einen abseits stehenden Sessel. Die Flecken sind immer noch deutlich zu sehen. Seine Gedanken überschlagen sich und bewusst langsam sind seine Bewegungen. Sie rufen ihn zur Ordnung, beruhigen sein schnell schlagendes Herz.
„Lantanye.", (`Ich falle.`) wispert er und lenkt seine Schritte durch den Raum nach draußen. An der Tür dreht er sich noch einmal um und ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. `Warum nur hast du mich entfacht?`
