Heute war Donnerstag, also musste ich wenigstens nicht im Unterricht Severus begegnen. Während des Essens in der Halle reichte es eindeutig. Zu frisch war die Erinnerung an heute Morgen.
Ich saß gerade zusammen mit meinen Freunden im Gemeinschaftsraum, die sich über meinen Kopf hinweg über Quidditch unterhielten. Wie ich es geschafft hatte, dass niemanden auffiel, wo ich heute Nacht war, war mir noch immer ein Rätsel. Eigentlich hätte es auffallen müssen, aber zu meinem Glück war dem nicht so.
Ich saß auf dem Schoß von Ron an seine Brust gedrückt, während sich sein Arm um mich schlang und mich bei sich hielt. Doch ich ignorierte seine Berührung, da ich meinen Gedanken nachhing. Gleich war es Zeit für das Abendessen und ich hatte Angst, ihm dort zu begegnen, da es mir noch immer peinlich war, dass ich so feige abgehauen war, obwohl mein Körper ihn genauso sehr wollte wie er mich.
Wie sollte ich ihm gegenübertreten, wenn ich ihn sah? Ich durfte mir nichts anmerken lassen. Aber wie, wenn meine Gedanken nur um seinen mir dargebotenen Anblick seines Körpers schwirrten?
„Hermine?", fragte Ginny aus heiterem Himmel an mich gewandt. Ich zuckte leicht zusammen und fokussierte mich auf sie. „Hast du einen Moment?" Ich nickte und folgte ihr schweigend nach draußen. Auf dem Flur fing sie sogleich auch schon an, mich anzufahren.
„Wolltest du nicht mit ihm Schluss machen? Wie kannst du ihn nur so hinhalten? Er ist mein Bruder", stauchte sie mich zusammen und ich fühlte mich recht klein, als sie mich so anfuhr. Sie hatte ja Recht. Ich hielt ihn nur hin.
„Ich konnte nicht", versuchte ich es, doch sie hielt mich auf, in dem sie mir einen wütenden Blick zuwarf. „Du kannst und du wirst. Ich akzeptiere es, dass du dich auf IHN einlässt, aber lass Ron da aus dem Spiel und lass ihn nicht so leiden."
Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und sah mich auffordernd an. Ich nickte. „Lass mir Zeit bis zum Wochenende. Da gehen wir nach Hogsmeade."
Ich bekam diese Zeit von ihr, aber auch nur, um mir zu überlegen, wie ich es machen konnte, ohne ihm das Herz unnötig qualvoll rauszureißen.
Während des Abendessens war ich irgendwie froh, dass er nicht an seinem Platz saß und ich somit gar nicht erst die Gelegenheit gehabt hätte, zu ihm zu schauen.
Als wir zu Ende gegessen hatten, liefen meine Freunde laut lachend aus der Halle und ich folgte ihnen schweigend. Ich lief als Letzte, da ich nicht bei ihnen sein und reden wollte.
An meinem Handgelenk spürte ich auf einmal einen festen Druck und wurde in eine Nische in der Eingangshalle gezerrt. Ein dunkler Körper ragte vor mir auf und ich wurde an eine männliche Brut gedrückt. „Waaa...", stieß ich überrascht aus, als sich sanft seine Lippen auf meine legten, und somit alles verschluckten, was ich sagen wollte.
„Es war nie meine Absicht, dich so zu verschrecken. Aber dein Anblick hat es mir selbst nicht leicht gemacht, dir zu widerstehen. Kommst du damit klar?", erklärte er sein Verhalten. Seine Augen bohrten sich in meine und versuchten, in mein tiefstes Inneres zu sehen. Aber mir war der feine Unterschied schon bewusst. Es war eine Erklärung, aber eine Entschuldigung würde ich nicht bekommen. Ich würde sie aber auch nicht verlangen und wollen, denn er war auch nur ein Mann, der nichts dafür konnte, wen er begehrte.
Ich schluckte meine Nervosität herunter und nickte. Zwar kam ich nicht so ganz damit klar, aber ich wollte schließlich nicht, von ihm wie ein kleines Kind behandelt werden und das war ich auch nicht, also würde ich damit klar kommen müssen. Er war ja nur nackt gewesen, also nichts, was mir fremd sein sollte.
„Gut. Wirst du heute Nacht wieder bei mir bleiben?" Ich nickte erneut. „Ich muss aber erst zurück in den Turm. Meine Freunde suchen mich schon bestimmt."
„Okay. Dann komm später zu mir. Ich warte." Er ließ mich los und rauschte mit wehenden Roben davon.
Er hatte mich nun wieder voll aus dem Konzept gebracht. Doch ich ging nur kopfschüttelnd zu meinen Freunden, die sich schon suchend nach mir umsahen.
„Wo warst du?", fragte Harry irritiert, doch ich winkte nur ab. „Ach, ist nicht so wichtig. Kommt, lasst uns weiter gehen."
So verbrachte ich noch den Rest des Abends bis kurz vor Sperrstunde bei meinen Freunden.
Ich wurde zunehmend nervöser, als ich realisierte, dass ich mich gleich rausschleichen würde und die Müdigkeit machte es auch nicht gerade besser. Ich würde mich gleich direkt schlafen legen.
Als Ausrede benutzte ich die Bibliothek. Das klappte eigentlich immer. So auch dieses Mal. Ein Glück.
Verstohlen huschte ich die Treppen hinab und stand nun vor Severus Räumen.
Als wüsste er, dass ich da war, schwang die Tür auf und ich ging direkt auf die offene Geheimtür zu.
In einer Leinenhose und einem weißen Hemd fand ich Severus lesend auf der Couch. Vor ihm stand ein Glas Feuerwhiskey. Ich gesellte mich zu ihm und legte meinen Kopf auf seine Schulter. Er legte das Buch zur Seite, um seinen Arm um mich zu legen.
„Bist du müde?", fragte er in die Stille, die bisher in dem Raum herrschte. „Ein wenig", erwiderte ich und mal ehrlich, wer konnte es mir denn auch verübeln. Nach all dem, was heute geschehen war, konnte das nicht spurlos an mir vorbei gehen. Und außerdem hatte ich auch einen langen Unterrichtstag hinter mir. Doch auch wenn es mir noch ein wenig unangenehm war, an seinen Körper zu denken, fühlte ich mich trotzdem bei ihm wohl.
„Dann leg dich schlafen. Ich komme später nach. Ich muss noch etwas nachschlagen." Er griff wieder nach dem Buch und las weiter.
Ich erhob mich und legte mich auf sein Bett und schlief mit meiner Schuluniform ein.
Ein unangenehmes Jucken an der Nase weckte mich. Ich rümpfte diese, doch es war immer noch da. Ich schlug die Augen auf und sah den noch schlafenden Mann neben mir.
Seine langen, schwarzen Haare waren kreuz und quer über mein Gesicht ausgebreitet. Das war also das eigenartige Jucken.
Ich lächelte leicht und strich die Haare aus meinem Gesicht. Gähnend drehte ich mich zur Uhr auf dem Nachttisch. Ich schrie laut auf und sprang aus dem Bett. Severus erschreckte sich so sehr, dass er vom Bett fiel und einen kleinen Schmerzenslaut von sich gab.
„Wieso schreist du denn so herum?", stöhnte er und rieb sich den Kopf. „Wir haben verschlafen. Es ist bereits kurz vor neun und in wenigen Minuten müssen wir beide im Unterricht sein", schrie ich und versuchte, meine Uniform mit einem Spruch zu glätten, was mir eher schlecht als recht gelang.
Mit einem Schlag war er hellwach und hüpfte in seine Sachen, die er sorgfältig über einen Stuhl gehängt hatte. „Scheiße!", fluchte er während des Anziehens.
„Bis gleich!", sagte er hastig, drückte mir schnell einen Kuss auf die Lippen und verschwand durch eine Tür, die direkt zu seinem Klassenzimmer führte. Ich huschte ungesehen aus seinen Privaträumen und hastete zum Klassenraum.
Mittlerweile waren schon alle im Raum und Severus spielte mal wieder seine Rolle perfekt. „Sie kommen recht spät, Miss Granger!" Er zog herausfordernd eine Augenbraue nach oben. Ich ließ es jedoch kommentarlos über mich ergehen. „10 Punkte Abzug von Gryffindor für diese Verspätung und jetzt setzten sie sich, bevor Gryffindor noch weitere Punkte verliert", herrschte er mich an und seine Augen glitzerten leicht vor Belustigung.
Ich setzte mich stumm neben meine Freunde. Ron und Harry sahen mich verwirrt an, dass ich, die Streberin, zu spät kam. Ginny grinste nur wissend, da sie vermutete, dass unser werter Herr Professor Schuld an meinem Zuspätkommen hatte. Er kam schließlich auch zu spät, wie Ginny mit in einem unbeobachteten Moment zuflüsterte. Und das war für ihn genauso untypisch wie für mich.
