Der nächste Tag brachte wieder sehr schlechtes Wetter. Die Eingeschlossenen konnten nicht einmal in den Garten, was besonders die Jungs sehr verdross.

Hermione verschwand kurz nach dem Frühstück ohne weitere Erklärung. "Möchte wissen, was die den ganzen Tag so treibt." knurrte Harry. "Was wohl." antwortete Ron, "Sie sucht einen ruhigen Platz zum Lesen. Besser, wir stören sie nicht, dann wird sie wieder zickig." Harry kratzte sich den Kopf. "Hm." meinte er. "Sie ist seltsam geworden in der letzten Zeit. Irgendwie anders." Ron zuckte mit den Schultern. "So? Ist mir gar nicht aufgefallen. Ich lege mich noch 'ne Stunde hin." verkündete er dann und verschwand wieder in seinem Zimmer.

Harry ließ die Sache keine Ruhe. Er vermutete, dass Hermione ein neues Zimmer entdeckt hatte. Noch immer waren nicht alle Ecken des Hauses erschlossen. Irgendwie hatte sein berühmter Forschergeist wohl nicht so den richtigen Schwung. Er beschloss deshalb, einen neuerlichen Rundgang zu machen.

Mit diesem guten Vorsatz stieg er in den zweiten Stock hinauf und ging an Remus' Zimmer vorbei, in dem er Stimmen hörte. "Wir müssen's ihm vorsichtig sagen..." hörte er und blieb abrupt stehen. Er presste sein Ohr vorsichtig an die Tür. "Vorsichtig ist gut." hörte er eine zweite, männliche Stimme. "Er rastet aus, jede Wette." Harry kam zu dem Schluss, dass es sich um ihn handeln würde. Atemlos lauschte er weiter. "Ich möchte dich mal an seiner Stelle sehen." höhnte eine dritte(!) Stimme. Harry erstarrte. Er glaubte, diese Stimme zu erkennen.

Drinnen erneuerte Snape seinen Versuchsaufbau und Hermione las eifrig die Gebrauchsanweisung für die verschiedenen Zaubersprüche durch. Remus übernahm die Handlangerdienste, was ihm in diesem Fall überhaupt nichts ausmachte.

"Ich bin gespannt, was uns da drinnen erwartet." plauderte er, um seine Nervosität zu überdecken. "Und wie kriegen wir ihn hierher?".

"Das wird nicht nötig sein!" schrie Harry und öffnet schwungvoll die Tür. "Ich fasse es nicht." schrie er und vor Aufregung lag seine Stimme etwas höher. "Der Mörder, meine beste Freundin und der Freund meines Vaters in trauter Dreisamkeit! Jetzt wird abgerechnet!" Er hob den Zauberstab und seine Augen funkelten vor Zorn. Er holte noch einmal tief Luft und wurde von einem recht großen Band der Encyclopedia Magica getroffen.

Er sah Sterne und ging zu Boden. Severus hob den Daumen und nickte Hermione bewundernd zu. Dann schleiften sie den ohnmächtigen Mr. Potter auf die Couch und legten ein feuchtes Tuch auf seine Stirn.

Als er mühsam die Augen aufschlug, herrschte ihn Snape gleich an "Denkarium - jetzt!". Harry verdrehte die Augen. Als ihn Hermione anstupste, stand er widerwillig und schwankend auf. "Denkarium." ächzte er. "Warum?".

"Es ist doch eigenartig," begann Snape mit gewohnt giftiger Stimme, " dass Mr. Potter nur in Denkarien steigt, wenn es nicht erlaubt ist." Harry warf ihm einen hasserfüllten Blick zu und ging an den Tisch. "Es ist wichtig, Harry." erklärte Hermione. "Du musst das alles wissen, damit wir einen neuen Plan machen können. Alles hängt davon ab. Mach' schon."

Harry versenkte sich in die verschiedenen Erinnerungsketten.

Viele Bilder verstand er zunächst nicht, aber bald fügten sich einzelne Szenen, Gespräche und Ereignisse aneinander und bildeten eine furchtbare Einheit. Er sah,wie seine Eltern quicklebendig in Bulgarien am Stand picknickten, wie seine Geschwister, von denen er bis dato keine Ahnung haben konnte, Eis kauften und Ball spielten. Die Familie, die er sich ein Leben lang so sehnlich gewünscht hatte, lebte ihr Leben in Glück und Wohlstand, nur er - Harry Potter - war ausgeschlossen.

Harry war fassungslos. Er stolperte wieder an die reale Oberfläche und war nicht mehr fähig, sich auf den Beinen zu halten. Jemand fing ihn auf und legte ihn behutsam auf das Sofa. Harry war so paralysiert, dass er noch nicht einmal weinen konnte. Er wünschte sich, sofort zu sterben. Jemand schüttete ihm einen Becher eiskaltes Wasser ins Gesicht und gleich darauf bekam er noch eine schallende Ohrfeige. "Komm zurück Potter!" herrschte ihn Snape an.

Harry fand mühsam in die Realität zurück. "Autsch." sagte er beleidigt. "Tut mir leid, Potter." antwortete Snape, der die Ohrfeige trotzdem sichtlich genossen hatte, "Anders ging es nicht. Du fingst schon an zu hyperventilieren." Harry setzte sich vorsichtig auf und schaute seine 'Gastgeber' der Reihe nach an. "Was ist eigentlich los?" fragte er. "Was bedeutet das alles?"

Hermione setzte sich auf die Sofakante. "Es ist fürchterlich kompliziert und wirr." erklärte sie. "Ich erzähle es erst mal mit meinen Worten und die Herren hier können dann die Lücken auffüllen." Harry war ihr dankbar. Noch mehr Snape würde er im Moment nicht ertragen können.

Nachdem Hermione ihre Version der Geschichte erzählt hatte, zeigte sie ihm die Fotos und Kopien, die Snape gemacht hatte. Harry glaubte, dass sein Kopf jeden Moment zerspringen würde. "Es ist nicht rein zufällig ein Kopfschmerzmittel im Hause?" fragte er abwesend, während er ein Testprotokoll von Dumbledore las. Snape reichte ihm stumm eine Phiole. Harry spürte, wie sich in seinem Magen eine Art Eisblock bildete. "Verdammt." murmelte er immer wieder, "Verdammt."

Schließlich schob er die Papiere von sich. "Mehr geht im Moment nicht." erklärte er matt. "Nur ein paar Fragen noch. Was ist mit den Longbottoms? Bellatrix und die Lestrange Brüder, Barty Crouch, die waren doch bei denen, oder etwa nicht."

"Hm." machte Snape bedeutungsvoll. "Diese Geschichte ist ziemlich verworren. Ich persönlich glaube nicht, dass die Lestrange-Bande was damit zu tun hat. Nicht, weil sie besondere Menschenfreunde wären, sondern weil Bellatrix' Cruciatus - nun ja - zu wünschen übrig lässt. In guten Zeiten fühlt er sich an wie ein Muggelstromschlag der einfachen Sorte. Wie ein Weidezaun. Die Gebrüder Lestrange behaupteten, dass sie reingelegt wurden und dorthin kamen, als die Longbottoms schon ohnmächtig waren. Und genau in dem Moment, als sich Rabastan über Frank beugte, um zu sehen was er hat, kamen die Auroren. Komisch das."

Hermione legte den Finger an ihre Nase. "Du meinst, jemand hat die Lestranges hinbestellt, um sie aus dem Weg zu räumen?" Harry klopfte aufgeregt auf den Tisch. "Und Sirius - was ist mit Sirius?" rief er aufgeregt. "Black? Da vermute ich Dumbledore. Er hatte Angst, dass du tatsächlich mit ihm zusammenziehst und so seinem Einfluss entgleitest. Da steht irgendwo eine Notiz, die etwas kryptisch anmutet." Snape wühlte in den Papieren. "Da. Hier steht: SB 12J ASK verl. b.B." Er zuckte mit den Schultern. "Ich lese das als 'Sirius Black 12 Jahre Askaban verlängern bei Bedarf'. Er rechnete wohl damit, dass er früher oder später dort stirbt oder den Verstand verliert. Wäre nicht der Erste." Remus stöhnte laut auf. "Der Vorhang, kann man jemand zurück holen?" fragte Hermione. Snape und Lupin sahen sich an. "Wohl eher nicht." antworteten sie fast gleichzeitig.

Harry senkte traurig den Kopf. Er hätte Sirius gern wieder gehabt. Jetzt, wo er nicht mehr wusste, wem er überhaupt noch trauen konnte. "Eins nach dem anderen." ließ sich Hermione wieder vernehmen. "Erst Voldemort, dann James Potter und dann forschen wir wegen Sirius." "Kluges Mädchen." lobte Snape. Hermione lächelte stolz.

"Was wird mit Voldemort überhaupt?" fragte Harry. "Ich bin ja nun unmöglich der Auserwählte? Und wie kriege ich die Dinger aus meinem Kopf?". Remus schenkte allen einen Portwein ein. "Die Dinger, wie du sie so liebevoll nennst, werden wir entfernen. Bei Hermione hat es immerhin schon einmal geklappt. Derweil arbeiten die dunklen Termiten gegen Voldemort. Ich denke, zusammen können wir es schaffen." "Die dunklen Termiten?" fragte Harry ungläubig. "Was'n das?". Snape nahm einen tiefen Schluck und schaute belustigt drein. "Lucius Malfoy und diverse Todesser höhlen die Organisation von innen aus. Der dunkle Lord ahnt davon allerdings nichts und so gesehen..." Harry schüttelt lachend den Kopf. "Verstehe, wer will." sagte er.

Inzwischen hatte Lucius seine Leute auf Trab gebracht. Sie trafen sich regelmäßig an unterschiedlichen Orten und erstatteten Bericht. Rabastan Lestrange hatte den Einfall, Voldemorts Leibarzt zu beseitigen. Durch den heftigen Gebrauch von Schlangengift brauchte der dunkle Lord eine bestimmte Diät von Zaubertränken, die dieser Medicus ihm lieferte. Früher oder später würde er nun auf Snape zurückgreifen müssen. Das war ihre große Chance. Der dunkle Lord hielt sich derzeit in Russland auf, in einem als Ruine getarnten Palast aus der Zarenzeit, der Dolohov gehörte. Dort hielt er sich auch einen Hofstaat aus asiatischen Kriegern, die Rabastan ebenfalls auszuschalten gedachte. Wie und wann, wusste er jedoch noch nicht. Er wartete geduldig auf ein Treffen mit Snape, das bald stattfinden sollte.

Snape hatte derweil das spannendste und gefährlichste Kapitel seiner Laufbahn zu bestehen; die Heilung des Harry Potter. Remus, Hermione und Severus arbeiteten fieberhaft an der Vervollkommnung ihres Gedankenapparates. Sie lasen, recherchierten und probierten und schließlich einigten sie sich auf den kommenden Freitag Abend. Harry war selbstverständlich nervös und bekam einen kleinen Löffel eines leichten Beruhigungsmittels. Snape war ab Freitag Mittag quasi nicht mehr ansprechbar. Er sass auf seinem Bett, völlig in sich versunken und dachte nach. Er stellte sich den schlimmsten und den besten Ausgang des Abenteuers vor und versuchte sich darauf einzustellen. Schließlich öffnete er die Augen wieder und verkündete: "Ich bin bereit!".

Hermione präparierte den Gedankenapparat und Remus machte es Harry bequem. Er befestigte die Arm- und Beinschlingen und entzündete entspannende Räucherstäbchen. "So." sagte er. Mehr fiel ihm auch nicht ein. Severus gab Harry den Trank und holte das Pendel hervor. "Schau auf das Pendel!" befahl er und begann genau wie vorher bei Hermione eine Geschichte zu erzählen. Diesmal handelte sie von seinem Einzug in das Haus seines Großvaters, nachdem sein Papa auf See geblieben war.

"Er war Schreiner. Erst in der Spinnerei und später, als die geschlossen wurde, fuhr er zur See. Eines Tages kam ein Brief von der Reederei, dass mein Vater verschollen sei. Während eines Sturms vor Kap Horn. Meine Mutter wusste weder ein noch aus und schließlich überwand sie ihren Stolz und ging zu meinen Großeltern. Der Großvater hatte schon immer gewollt, dass er meine magische Ausbildung übernehmen konnte, aber Mutter war skeptisch. Sie kannte ihn zu gut. Er war kein guter Mensch, oh nein!" Snape lauschte, ob Harry noch wach war und fuhr dann fort: "Wir zogen nach Bourton on the Water, das heißt in die Nähe des kleinen Muggelortes in den Cotswolds. Mir war dort alles fremd. Ich war die Stadt gewöhnt, mit all den Ecken und Gassen, wo man prima Unsinn anstellen konnte. Dort war nichts als Einsamkeit und Kontrolle. Es hing mir bald zum Hals heraus. Das Schlimmste war, dass Mr. Prince, er bestand darauf, dass man ihn so nannte, Gedankenleser war. Einfach zum kotzen! Man konnte einfach nichts verbergen! Mein Onkel Gregorius Prince war der Pechvogel der Familie. Er hatte eine teure, arrangierte Ehe, die sehr unglücklich war, zwei Töchter, die Squibs waren und die Geringschätzung seines Vaters. Er war Doktor der Arithmantik und ein begnadeter Herbologe, aber das zählte natürlich alles nichts. Er nahm sich mit 37Jahren das Leben. Wir mochten uns sehr..." Hier hielt Severus wieder inne und fühlte Harrys Puls. Er nickte Remus und Hermione zu und zeigte fünf Finger. Sie nickten zurück. Dann zählten sie gemeinsam bis fünfzig.

Im fernen Burgas erwachte der Mann, der einmal James Potter gewesen war, aus einem Alptraum. Dieser Traum suchte ihn öfter heim, seit er seine Heimat England verlassen hatte.

Er träumte von einem zerschlissenen Teddybär, der in einem zerstörten Haus in Godrics Hollow auf der Erde lag. Dann änderte sich die Szenerie und James sass in seinem Studierzimmer in Burgas. Von draußen kam Rosenduft herein, die Sonne schien und es duftete nach frischem Kaffee. Dann klopfte es an die Tür. Er ging hin, machte auf und wich zurück. Draußen stand der Teddy, riesengroß und anklagend. James rannte zurück in das Zimmer, um seinen Zauberstab zu suchen. Er fand ihn nicht. Der Bär kam näher und näher...

James wischte sich über das schweißüberströmte Gesicht. Neben ihm schlief Lilly, ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. James ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Langsam beruhigte er sich...

'Dumbledore gibt uns Nachricht, wenn alles vorbei ist. Wir werden mit ihm die Zauberergemeinschaft beherrschen.' dachte er grimmig. 'Wie es einem Potter zusteht.' Er konnte nicht ahnen, dass sein Meister längst tot war. Diese Nachricht hatte das ferne Burgas nicht interessiert und deshalb auch nicht erreicht. Für James Potter war die Welt in Ordnung.