Teil 10
House und Wilson saßen mittlerweile bei einem Bier zusammen auf House' Couch. Wilson kannte seinen Freund lange genug, um zu wissen, dass es eine Weile dauern würde, den Schlamassel, den er verursacht hatte, wieder in Ordnung zu bringen. Also hatte er beschlossen vorbei zu kommen.
„Okay, lass mich das noch mal zusammenfassen: Du bist in Cameron verliebt. Aber statt dich um sie zu bemühen, was ein normaler Mann in dieser Situation täte, behandelst du sie wie den letzten Dreck. Dann erfährt sie von deinem geheimen Seelenleben und statt einen weiten Bogen um dich zu machen, kann sie es kaum abwarten all deine Phantasien Wirklichkeit werden zu lassen. Aber weil du eben du bist, benimmst du dich wie der letzte Arsch. Und statt in diesem Moment mit der Frau deiner Träume im Bett zu liegen, sitzt du hier mit mir, weil Cameron dir die Polizei auf den Hals hetzen will, wenn du sie noch mal belästigst. Habe ich irgendwas vergessen?"
„Nein, das trifft es in etwa. Können wir den Teil mit der Moralpredigt überspringen und gleich zu dem Punkt übergehen, an dem du mir sagst was ich tun soll?" fragte House genervt.
„Ich könnte dir einen Rat geben, aber du wirst ihn sowieso nicht befolgen."
„Versuchs doch einfach mal. Vielleicht überrasche ich dich."
„So tief wie du dich diesmal rein geritten hast hilft nur noch eins: Das gute alte zu Kreuze kriechen und um Vergebung betteln," stellte Wilson sachlich fest.
„Das ist dein Rat?" fragte House ungläubig.
„Siehst du? Ich wusste, dass du dich nicht an meinen Rat halten würdest. Nach all den Jahren kannst du mich nicht mehr überraschen. Aber ich sag dir eins: Wenn du diesmal nicht über deinen Schatten springst wird du Cameron verlieren."
House warf seinem Freund einen wütenden Blick zu. Nach gut einer Minute Stille fragte er. „Und wie hast du dir dieses zu Kreuze kriechen genau vorgestellt?" Wilson warf seinem Freund einen überraschten Blick zu. In diesem Moment erkannte er, dass House es mit Allison Cameron wirklich ernst meinte.
„Zuerst musst du dich entschuldigen. Du musst ihr erklären, dass du sie nur aus Angst vor deinen eigenen Gefühlen beleidigt hast." House sah seinen Freund entsetzt an. „Tut mir Leid, aber daran führt kein Weg vorbei. Du musst ihr sagen, was du für sie empfindest. Du kannst jetzt entweder alles haben oder nichts. Ein Mittelding gibt es nicht."
Diesem Statement folgte ein langes, angespanntes Schweigen. House war der erste, der wieder sprach. „Da gibt es nur ein Problem. Cameron will die Polizei rufen, wenn ich noch mal an ihre Tür klopfe."
„Weißt, du, da gibt es diese wunderbare Erfindung namens Telefon. Ruf sie an und entschuldige dich. Wenn es gut läuft, lädst du sie für Freitagabend ein. Dann bleiben uns noch 3 Tage um das Date vorzubereiten."
House nickte. „Okay, bringen wir es hinter uns." Er griff zum Telefon und wählte Camerons Nummer. Nach dem zweiten Klingeln hob sie ab und meldete sich.
„Cameron, hier ist House, ich rufe an um …" Weiter kam er nicht. Cameron hatte aufgelegt.
„Es ist nicht gut gelaufen," informierte er Wilson.
„Sie ist wohl wirklich wütend, was? Gut, wenn sie nicht mit dir sprechen will, müssen wir zu Plan B übergehen."
Später am Abend stand House wieder vor Camerons Tür. Wilsons Plan gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber da er keine bessere Idee hatte musste er es wohl oder übel versuchen. Er nahm einen Notizblock und einen Kuli aus seiner Jackentasche und schrieb eine Notiz, die er unter der Tür durch schob.
Cameron, es tut mir Leid, was ich gestern zu ihnen gesagt habe. Ich habe gelogen. Nichts von dem was ich gesagt habe ist wahr.
Dann klopfte er an die Tür.
„House, wenn sie es sind, verschwinden sie!" rief Cameron durch die geschlossene Tür.
„Cameron, hören sie. Sie müssen mir nicht die Tür öffnen. Sie müssen auch nicht mit mir reden. Bitte, sehen sie einfach nur auf den Boden vor ihrer Tür."
House wartete gespannt. Er kam sich vor wie ein 12-jähriger, der seinem Schwarm im Unterricht Zettelchen zusteckte.
Eine Minute später hörte er das Rascheln von Papier und sah auf den Boden. Vor ihm lag seine eigene Notiz. Cameron hatte sie zerrissen und die Schnipsel unter der Tür durch geschoben.
House seufzte und setzte sich auf den Fußboden neben der Tür. Er hatte Wilson doch gleich gesagt, dass das eine blöde Idee war. Trotzdem schrieb er eine weitere Nachricht für Cameron.
Ich habe gelogen, als ich sagte, dass ich nichts an ihnen liebe, außer ihrem Körper.
House schob die Nachricht zu Cameron herüber. Der Zettel kam wenige Sekunden später zerrissen zurück. Immerhin steht sie noch vor der Tür, dachte House und schrieb schnell den nächsten Zettel, bevor sich das änderte.
Ich liebe ihren Verstand und ihre schnelle Auffassungsgabe.
Ich liebe die Leidenschaft, mit der sie für und um Menschen kämpfen, auch wenn sie es nicht verdient haben.
House hoffte beinahe, dass Cameron diesen Zettel auch zerreißen würde. Wenn sie ihn aufhob und jemandem zeigte, wäre sein Ruf als unnahbarer Zyniker für alle Zeiten dahin.
Aber der Zettel kam nicht zurück. Er bekam allerdings auch keine Antwort. House befürchtete, dass Cameron von der Tür weggegangen war und seine Nachricht ignorierte. Aber er hatte trotz aufmerksamen Lauschens keine Schritte gehört. Also schrieb er eine weitere Nachricht.
Ich liebe es, dass sie es schaffen in Menschen das Beste zum Vorschein zu bringen, die andere als hoffnungslos aufgegeben haben.
Ich liebe es, dass sie nicht aufgeben, sondern kämpfen, wo andere es schon lange nicht mehr tun.
Diesmal hörte House Schritte die von der Tür wegführen und er spürte Panik in sich aufsteigen. Noch während er überlegte, was er jetzt tun sollte sah er, wie ein Zettel unter der Tür durch geschoben wurde. House atmete erleichtert auf. Sie war nur weggegangen, um sich etwas zu schreiben zu holen. House griff eilig nach der Notiz und las.
Tun sie das?! Sich für augenscheinlich aussichtslose Kämpfe zu engagieren ist für sie Naivität und Mitgefühl Schwäche. Und sie haben mich nicht wegen meiner Intelligenz eingestellt, sondern damit ich als Kunstwerk diene!
Aus der Notiz sprach eindeutig Wut und Bitterkeit, aber wenigstens hatte sie geantwortet und das war ein deutlicher Fortschritt.
Bei dem Bewerbungsgespräch sind sie mir aufgefallen, weil sie die schönste Frau waren, die im Krankenhaus rumläuft. Aber eingestellt habe ich sie, weil sie nicht ihre Schönheit nutzen, um voran zu kommen, sondern ihren Geist.
Und ja, ich finde ihren Glauben an die Menschheit naiv. Die wenigsten Menschen sind wie sie Cameron. Die Menschen verdienen kein Vertrauen. Aber manchmal fängt ein Mensch an zu sehen, was sie in ihm sehen und sehr, sehr selten, versucht einer dieser Menschen das Potential zu nutzen, das sie in ihm sehen. Für sie.
House schob den Zettel unter der Tür durch und wartete einen Moment. Als nach zwei Minuten noch keine Antwort gekommen war, schrieb House eine weitere Notiz.
Ich möchte der Mensch, werden, den sie in mir sehen. Geben sie mir eine Chance mich zu entschuldigen. Ich möchte ihnen erklären, warum ich sie verletzt habe. Aber nicht so.
Ich möchte ihnen dabei ins Gesucht sehen. Bitte.
Nach einer weiteren Minute angespannten Wartens hörte House, wie das Türschloss geöffnet wurde.
