Kapitel 9: Beziehungen
„Hören Sie, Doktor…" John warf noch mal einen Blick auf das Namensschild des Arztes, „Dr. Pitt! Meinem Sohn geht es gut! Sie brauchen keine Tests durchführen. Er bleibt hier bei uns!"
Der Arzt schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, warum Sie sich so dagegen wehren?" fragte er und warf noch einen Blick auf Dean, der bewusstlos auf dem Boden lag. Sein Kopf lag in Sams Schoß. „Ihr Sohn hatte starke Schmerzen und ist seit einigen Minuten bewusstlos. Dafür muss es einen Grund geben! So etwas passiert nicht einfach so."
John starrte den Mann einen Moment einfach nur an. Dr. Pitt nahm seine Arbeit zumindest ernst, aber er wünschte wirklich, er wäre nicht so hartnäckig.
„Ich weiß, warum Dean Schmerzen hatte, also bitte ich Sie, uns nun einfach allein zu lassen," versuchte er den Arzt zum Gehen zu bewegen.
„Sie wissen es?" fragte dieser stattdessen. „Dann erklären Sie mir das bitte!"
"Herrgott noch mal…" fing John an zu schreien, doch Bobby legte ihm beruhigend eine Hand auf dem Arm.
„Dr. Pitt," sprach er den Arzt dann selber an und John nickte ihm dankbar zu, er solle fortfahren. Er hatte nicht die Geduld für dieses Gespräch.
„Mein Neffe hier," Bobby deutete mit einem Nicken auf Dean, „hat die Schmerzen seines Zwillingsbruders gespürt," erklärte er. „Die beiden haben eine sehr enge Beziehung und einer kann oft spüren, was der andere fühlt. Das ist nicht das erste Mal passiert. Alles was Sie für Dean tun können ist, Jensen schmerzfrei zu halten, jedenfalls im Augenblick."
Das Gesicht des Arztes veränderte sich, als er einen Blick auf die Zwillinge warf. Seine Augen begangen zu leuchten und ehe Bobby etwas sagen konnte, erhob John seine Stimme und sie klang drohend.
„Denken Sie nicht einmal dran, Doc," sagte er. „Sie werden das sich nicht näher studieren. Tun Sie einfach ihre Arbeit und lassen sie meine Jungs ansonsten in Ruhe!"
Und zu Johns Erleichterung machte Dr. Pitt endlich einen Rückzieher und verabschiedete sich.
Er wusste nicht, was er getan hätte, wenn der Arzt nicht endlich Einsicht gezeigt hätte. Die letzten beiden Tage hatten enorme Kraft gekostet und wenn er es auch niemandem eingestehen würde: er war einfach nur besorgt, müde und ausgelaugt. Es machte ihn beinahe wahnsinnig, Jensen so zu sehen: blass wie die Laken, auf denen er lag, dunkle Ringe unter den Augen und angeschlossen an viel zu vielen Geräten.
Das konstante Beepen des Herzmonitors ging ihm schon jetzt auf die Nerven.
So hatte er sich das Widersehen mit seinem ältesten Sohn nicht vorgestellt.
Und nun auch noch die Sache mit Dean. Bei diesem Gedanken riss er sich aus seiner Starre und hockte sich neben seinem Zweitältesten, der immer noch auf dem Boden lag, die Augen geschlossen.
„Dean?" sprach er den Bewusstlosen an und klopfte ihm erst leicht, dann ein wenig fester auf die Wange, bis er schließlich begann sich zu rühren.
Es dauerte trotzdem noch eine Weile, bis der Junge endlich die Augen richtig geöffnet hatte und verwirrt um sich blickte.
John wartete mit einer, wie er wusste, für ihn eher untypischen Geduld, bis Deans Blick klar wurde und er sich langsam und mit Sams Hilfe zum Sitzen aufrichtete.
„Was ist passiert?" fragte sein Sohn schließlich mit krächzender Stimme.
„Das wollten wir eigentlich dich fragen," meinte Sam, der seinen Bruder nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen hatte.
Dean fuhr sich unsicher mit einer Hand durch das Gesicht und blickte sich um. John sah sein Unbehagen, weil sich alle Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Mit Aufmerksamkeit hatte Dean noch nie besonders gut umgehen können.
„Ich weiß nicht genau," sagte er schließlich leise. „Ich hatte auf einmal höllische Schmerzen, keine Ahnung, was passiert ist."
„Jensen war am aufwachen und es war das, was er gefühlt hat," erklärte John und Deans Augen weiteten sich.
„Was?" fragte er verwirrt und starrte hinüber zu seinem Zwillingsbruder, der wieder still und reglos in dem Krankenhausbett lag.
„So wie es aussieht, hat die Trennung nichts an eurer Verbundenheit geändert," sagte John, während er aufstand und seinem Sohn aufhalf, damit er sich in einen der Sessel setzen konnte. Er setzte sich neben ihn und überlegte, wie er ihm erklären sollte, was er selber nicht wirklich verstand. Auch Sam und Jared warteten auf seine Erklärung, aber John richtete sich an Dean.
„Eure Mom und ich," er zögerte kurz bei dem Gedanken an Mary, schüttelte aber die Traurigkeit für diesen Moment ab, die ihn immer überfiel, wenn er an seine tote Frau dachte. „Wir merkten schon nach eurer Geburt, dass ihr ganz eng miteinander verbunden seid. Wir konnten euch nicht trennen, ohne dass ihr anfingt zu schreien. Es reichte, wenn ihr in verschiedenen Räumen wart. Und das änderte sich auch nicht, als ihr älter wurdet, ihr habt nie etwas alleine gemacht. Und ihr habt auch kaum mit uns gesprochen. Wir haben euch zu allen möglichen Ärzten geschleppt, weil wir dachten, irgendetwas stimmt nicht." Er lachte leise bei dem Gedanken. „Erst nach eurem dritten Geburtstag habt ihr angefangen zu sprechen, aber ihr habt nie miteinander geredet. Irgendwann haben wir mehr durch Zufall erfahren, dass ihr euch in Gedanken unterhalten habt."
„In Gedanken?" fragte Dean ungläubig.
„Ja. Es hat eine Weile gedauert, bis wir es voll begriffen haben und bis ihr selber gemerkt habt, dass euch niemand verstehen kann, wenn ihr miteinander redet. Ihr dachtet, dass wir es auch hören. Danach habt ihr dann in unserer Gegenwart laut gesprochen, jedenfalls meistens."
„Und wie kommst du darauf, dass es Jensens Schmerzen waren, die Dean vorhin gespürt hat?" fragte Sam.
„Weil es schon vorher passiert ist," sagte John. „Dean ist beim Klettern gefallen und hatte sich einen Arm gebrochen, als er knapp 3 ½ Jahre alt war. Und Jensen hat sich ebenfalls den Arm gehalten und über Schmerzen geklagt, so dass wir erst dachten, er hätte sich ebenfalls verletzt. Aber im Krankenhaus wurde festgestellt, dass sein Arm gesund war."
„Wow, das ist ganz schön verrückt," warf Jared ein.
John zuckte daraufhin nur mit den Schultern. Dem würde er sicher nicht widersprechen.
Dean lauschte den Morgenaktivitäten des Krankenhauses und gab den Versuch auf, noch etwas schlafen zu wollen.
Sein Vater lag in einem der anderen Sessel und hatte sich einen zweiten dazu geholt, um seine Füße darauf zu legen. Er schlief seit einiger Zeit tief und fest. Dean beneidete ihn ein wenig darum.
Seine Gedanken fuhren viel zu sehr Achterbahn, um an Schlaf auch nur zu denken.
Es waren in den letzten zwei Tagen einfach zu viele Informationen gewesen, die er zu verarbeiten hatte. Sein Verstand schien nicht mehr ganz mithalten zu können. Und auch seine Emotionen machten ihm zu schaffen. Es fiel ihm immer schwerer, seine Fassade aufrecht zu erhalten. Er würde es trotzdem weiter versuchen, weil es ihm einfach zur zweiten Natur geworden war und er auch nicht wusste, ob er es überhaupt ändern wollte. Es behagte ihm nicht, wenn andere – auch wenn es seine Familie war – sehen konnten, was in ihm vorging.
Und er fragte sich unwillkürlich, wie es werden würde, wenn Jensen bei Bewusstsein war. Denn vor ihm würde er wie es aussah nichts verbergen können. Und er hatte keine Ahnung, ob er damit umgehen konnte oder es wollte.
Und seit seinem Gespräch mit Sam in dieser Nacht, fragte er sich außerdem, was für Auswirkungen seine Beziehung zu Jensen wohl auf ihn und Sam und auch Jared haben würde.
Sam und er hatten einige Minuten für sich alleine gehabt, als ihr Vater noch etwas mit Bobby besprach und Jared weggegangen war, um auf Toilette zu gehen und Kaffee für ihn und John mitzubringen. Sie würden bei Jensen im Krankenhaus bleiben, hatte ihr Vater beschlossen, während, Sam, Jared und Bobby ihre neue Unterkunft beziehen und sichern sollten.
Sobald sie allein gewesen waren, hatte Sam sich neben ihn gesetzt und sich entschuldigt. Dean hatte das Gespräch noch ziemlich genau im Kopf:
„Dean?" Sam setzte sich neben ihn und starrte ihn mit so ernster Miene an, dass er sich fragte, ob er irgendetwas getan hatte, was Sam geärgert hatte. Ihm fiel nichts ein, aber dieser Tag war so durcheinander gewesen, dass er es vielleicht einfach vergessen hatte.
„Ich wollte mich bei dir entschuldigen!" fuhr der jüngere fort.
„Wofür denn?" fragte Dean erstaunt. Er hatte keine Ahnung, wovon sein Bruder sprach.
„Wenn ich ehrlich sein soll, dann sind es so viele Dinge, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll," fing sein Bruder zu erklären.
„Also, ich weiß wirklich nicht, ob ich für so ein Herz-zu- Herz Gespräch in der Stimmung bin, Sammy!" unterbrach er ihn.
„Ich möchte aber mit dir sprechen und wer weiß, wann wir die nächste Gelegenheit dazu haben," erklärte dieser und Dean wusste, dass er nicht darum herum kam, seinem Bruder zuzuhören.
„Na schön, dann versuch mal, mir das genauer zu erklären," munterte er den jüngeren halbherzig auf.
„Ich… Bobby hat da so einiges gesagt, als er mich in der Uni abgeholt hat und ich nicht mitgehen wollte. Das hat mich nachdenklich gemacht und es ist mir erst jetzt bewusst geworden, wie Recht er hat. Und deshalb wollte ich mich entschuldigen, dass ich alles für selbstverständlich genommen habe, was du getan hast. Ich habe einfach immer gefordert und getan was ich wollte. Und dabei habe ich nie einen Gedanken an dich verschwendet, ich habe es eben einfach getan. Und das war nicht richtig."
„Sam…"
„Nein, warte!" Sam war anscheinend richtig in Fahrt gekommen und Dean klappte den Mund vorerst wieder zu.
„Und es tut mir leid, dass ich dich mit in meine Streitigkeiten mit Dad reingezogen habe. Du standest immer zwischen uns und wir haben nie an dich gedacht. Ich habe so oft versucht, dich auf meine Seite zu ziehen und das war auch falsch. Und außerdem habe ich beinahe nie Danke gesagt, wenn du etwas für mich getan hast – und du hast so viel für mich getan. Wie gesagt, ich habe das immer für selbstverständlich gehalten. Himmel, du warst beinahe mehr ein Vater für mich als Dad…"
„Sam!" Dean wusste nicht, was er darauf sagen sollte, aber irgendetwas musste er sagen. „Hör zu, ich habe es verstanden, okay?!"
Diesmal brach er seinen Bruder mit einer Handbewegung zum Schweigen, bevor dieser weiter sprechen konnte.
„Sam, du konntest auch nichts dafür, dass Dad so oft nicht da war und deshalb brauchst du dich nicht bedanken. Ich bin der Ältere und es ist meine Aufgabe auf dich aufzupassen!"
„Aber das ist es ja grade," unterbrach ihn Sam nun doch. „Vielleicht ist das deine Aufgabe, aber es ist auch meine Aufgabe auf dich aufzupassen. Wie sind Brüder! Wir halten zusammen und das ist auch gut so. Aber es war bestimmt nicht normal, dass du mich bekocht, unsere Wäsche gewaschen, alles in Ordnung gehalten hast, mich ins Bett gebracht und mir Gute-Nacht-Geschichten erzählt hast und all diese Dinge. Du hast all das getan, was eigentlich Dads Aufgabe gewesen wäre, auch als du selber noch ein Kind warst, und ich habe es so hingenommen. Und oft genug habe ich es dir noch schwer gemacht und ganz bestimmt habe ich nur sehr selten Danke gesagt."
„Ich… was soll ich denn nun darauf sagen?" Dean war baff, etwas anderes viel ihm dazu grade nicht ein. Manchmal war es ihm wirklich ein Rätsel, was sein Bruder bewegte. Über all diese Dinge hatte er sich selber beinahe nie Gedanken gemacht. Er hatte einfach getan, was getan werden musste.
„Wie wäre damit, wenn du das einfach so akzeptierst und mein Danke und meine Entschuldigung annimmst?" fragte Sam und sein Gesicht war immer noch ernst.
„Gut," antwortete Dean schließlich. „Gern geschehen! Und die Entschuldigung ist auch angenommen."
Kurz darauf hatte Jared das Gespräch unterbrochen und seine beiden Brüder hatten mit Bobby das Krankenhaus verlassen. Aber Deans Gedanken wanderten immer wieder zu den Worten seines Bruders. Und schließlich stand er auf, und verließ sehr leise, um seinen Vater nicht aufzuwecken, das Zimmer.
Er brauchte unbedingt mal ein paar Minuten Ablenkung. Er musste raus aus diesem Zimmer und brauchte frische Luft.
Und deshalb machte er sich auf den Weg zum Gartenbereich des Krankenhauses. Dort war um diese Zeit mit Sicherheit niemand und er konnte endlich ein wenig allein sein.
