Kapitel 9
In den ersten Tagen ihres Aufenthalts abseits vom Schloss schlief Elizabeth einfach nur sehr viel, es war, als wolle der Körper den ganzen Schlafentzug der letzten Monate nachholen. Der Arzt, der sie immer noch jeden Tag besuchte, sagte aber, man solle sich deswegen keine Sorgen machen.
Georgiana blieb unterdessen Zeit, sich selbst zu beschäftigen. Longbourn Castle war ein ausgedehnter Landsitz (wahrscheinlich gab es hier noch mehr Zimmer als im Schloss), den es erst einmal zu erkunden gab. Zunächst wanderte sie nur durch das weitläufige Gebäude, bald fing sie aber auch an, durch den ausgedehnten Park zu streunen. Dies war einfach wundervoll, der Park war bald ihr bevorzugter Aufenthaltsort, sie nahm sich ein Buch mit, setzte sich ins Gras (meist ans Ufer des Teiches) und las. Doch irgendwann, das musste sie zugeben, wurde ihr das langweilig. Hier im Schloss hatte sie ziemlich wenig Anschluss, Elizabeth ging es noch nicht so gut, sehr häufig sah sie diese nicht (sie schlief ja fast immer) und Jane kümmerte sich ständig um irgendetwas. Selbst ihr Bruder war nicht da, sogar ihn hatte sie immer zum Reden gehabt, auch wenn er spät von der Arbeit zurückgekehrt war, so war er doch für sie da gewesen. Da wurde ihr plötzlich klar, dass Elizabeth in den letzten Monaten auch so einsam gewesen sein musste – allein im Schloss, niemand da, der ihr besonders nahe stand, mit dem sie sich einfach nur unterhalten konnte. Das musste schrecklich gewesen sein.
Etwa eine Woche später stand Elizabeth das erste Mal wirklich auf, d. h. sie verließ ihr Zimmer für längere Zeit und war mehr als 8 Stunden wach. Sie legte sich einfach nur auf die Terrasse, in die Sonne. Dort fand Georgiana sie, als sie gerade von einem Streifzug aus dem Park zurückkehrte.
„Lizzy, ich hatte ja keine Ahnung, dass du hier bist."
„Ich wollte einfach nur an die Luft, mir geht es schon ganz gut. Ja, ich weiß, das habe ich in der Vergangenheit viel zu häufig gesagt", sagte sie, als sie Georgianas Gesichtsausdruck sah, „aber diesmal stimmt es wirklich. Ich fühle mich besser und außerdem war ich mein Zimmer leid. Komm, setz dich zu mir, wir hatten in der Vergangenheit viel zu wenig Zeit, uns zu unterhalten. Was hast du denn so angestellt?"
„Ich war im Park und habe gelesen." Sie zeigte das Buch.
„Ah, Seide von Alessandro Barrico, das hast du mir ja auch geschickt, als Urlaubslektüre, zum Geburtstag. Wer hätte da gedacht, dass ich schon bald so viel Zeit haben würde. Das werde ich alles in nächster Zeit mal lesen."
Georgiana setzte sich in den Liegestuhl neben Lizzy.
„Was hast denn so die letzten Tage hier gemacht, als ich unpässlich war? Muss doch langweilig gewesen sein. Demnächst führe ich dich dann auch wieder hier durch Longbourn Castle, wie seinerzeit durchs Schloss. Dann zeige ich dir auch die Geheimgänge."
„Ihr habt echt Geheimgänge hier?", fragte Georgiana entzückt.
„Jep, in welchem Zimmer wohnst du denn?"
Georgiana sagte es ihr.
„Ach, schade, da gibt es keinen hin, auch nicht in der Nähe, aber es gibt so einige andere, aus grauer Vorzeit. Als Kind fand ich das immer unheimlich spannend, okay, das finde ich jetzt auch noch. Ich zeig dir das alles bei Zeiten mal – wenn es mir wirklich besser geht."
In diesem Moment kam Jane auf die Terrasse. „Lizzy! Hier bist du! Du warst nicht in deinem Zimmer, hast du wieder einen Alleingang gestartet?"
„Jane, so schlecht geht es mir dann doch nicht mehr, als dass ich bettlägerig bin."
Als Jane sie dafür mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck bedachte, wie eben Georgiana, lächelte sie sogar. „Jaja, von allen ernte ich nur Skepsis. Weil ich in der Vergangenheit so erfolgreich meinen wahren Zustand verleugnet habe, glaubt mir jetzt keiner mehr. Also: Ich fühle mich besser, bin noch ein wenig wackelig auf den Beinen, aber es geht."
„Das freut mich", sagte Jane und setzte sich in den Liegestuhl an Lizzys freier Seite.
„Sag mal, Jane, jetzt erzähl mal, was machst du eigentlich den ganzen Tag? Und vor allem: Wie steht's mit den Hochzeitsvorbereitungen?"
„Tja, zuerst musste ich noch einiges organisieren, auch dich betreffend, meine Liebe, und deshalb bin ich auch mit der Hochzeit noch nicht weiter gekommen. Aber wir haben uns inzwischen einen gewissen Zeitraum überlegt, Ende August bis Mitte September, da sollte es stattfinden."
„Na dann hast du ja gar nicht mehr so viel Zeit, maximal 4 ½ Monate, ihr habt es ja eilig", sagte Lizzy. „Aber sonst, ich will jetzt alles über die Planung wissen, jetzt habe ich ja richtig Zeit, bin ja in Urlaub geschickt worden."
„Ich habe mir schon überlegt, dass wir am Ende deines Urlaubs, wenn du wieder richtig fit bist, das Brautkleid kaufen gehen", kündigte Jane an.
„Auja, fein, super, steht im Terminkalender."
Georgiana begann, sich ein bisschen ausgegrenzt zu fühlen, als Jane ihr eine überraschende Frage stellte: „Georgiana, ich wollte ich fragen, ob du vielleicht eine Brautjungfer sein willst."
Einen Augenblick war Georgiana baff, sie kannte Jane doch kaum, dann aber freute sie sich und das mit dem Kennen lernen konnte ja noch was werden. Mit Freuden sagte sie zu und war fortan auch immer dabei, wenn es um die Planung der Hochzeit ging.
„Im September habe ich auch noch frei, glaube ich. Das Semester beginnt erst später", sagte sie.
„Ach ja, dein Studium! Georgiana will Medizin studieren", sagte Lizzy zu Jane. „Hast du dich schon entschieden, wohin du gehst? Bis wann musst du dich denn eingeschrieben haben?"
„Jaja, die Studienzeit, ich erinnere mich noch gut an meine", seufzte Jane. „Das war schon eine besondere Zeit… Es gibt tolle Erinnerungen."
Darüber unterhielten sie sich noch einige Zeit weiter, bis Lizzy schließlich erschöpft war.
„Ich glaube, ich hol mir jetzt wieder ne Mütze Schlaf", sagte sie. „Entschuldigt mich."
„Hast du was gegessen?", fragte Jane.
„Ja, hab ich. Ich werde hier ja auch regelrecht gemästet."
„Du bist aber auch dünn", warf Georgiana ein.
„Tja, das Essen habe ich auch vernachlässigt.", sagte Lizzy mit einem Schulterzucken. „Irgendwie habe ich es vergessen. Ich bin aufgestanden und habe gearbeitet und schwuppdiwupp war es schon wieder so spät, fürs Essen habe ich irgendwie keine richtige Zeit gehabt, ich hab's vergessen."
Die nächsten Tage verbrachten sie auf diese Weise viel Zeit miteinander, manchmal saßen sie alle einfach nur zusammen auf der Terrasse und lasen jeder ein Buch. Es wurde immer Rücksicht auf Lizzys Zustand genommen, die doch noch merklich schwach war. Sobald diese wieder mehr bei Kräften war, konnte man dann auch „anstrengendere" Sachen unternehmen.
Nach 2 Wochen kam Will das erste Mal vorbei. Er brachte Charles, den er in Caras Galad vom Flughafen aufgelesen hatte, gleich mit. Charles wollte aber länger auf Longbourn Castle bleiben, während Wills Aufenthalt nur fürs Wochenende geplant war – denn er war tatsächlich bei der Arbeit sehr stark eingespannt.
Die beiden Herren fanden die drei Damen auf dem Rasen vor dem Schloss vor, wo sie auf einer Decke saßen und Kataloge vor sich ausgebreitet hatten. Lizzy schaute zufällig auf, als sich Will und Charles näherten und wollte die beiden anderen darauf aufmerksam machen, als Will den Kopf schüttelte und den Zeigefinger auf den Mund legte.
Charles überraschte Jane, die mit dem Rücken zum Schloss saß, als er sie plötzlich von hinten umarmte und ihr den Nacken küsste.
Diese drehte sich überrascht um und rief: „Charles, du kommt früher als erwartet!"
„Na, das ist ja mal ne Begrüßung! Da habe ich mich extra beeilt, um schneller bei dir zu sein und dann machst du mir das zu einem Vorwurf! Ich erwarte jetzt aber mal eine richtige Begrüßung!"
Und das tat Jane dann auch. „Was macht ihr denn hier?", fragte Will währenddessen.
„Hochzeitsvorbereitungen", antwortete Lizzy. „Es müssen ja noch ne Menge Entscheidungen getroffen werden."
„Und, was entscheidet ihr gerade?"
„Och, dies und das", sagte Lizzy vage, „wir haben ja noch nicht mal einen Termin, geschweige denn eine Kirche. Wir blättern ein bisschen in den Katalogen, die der Hochzeitsplaner hier gelassen hat und schwelgen in Wunschträumen."
„Ahh", sagte Will und klang nicht sonderlich interessiert, was Lizzy sofort mit einem „Typisch Mann!" kommentierte.
Die beiden Neuankömmlinge setzten sich zu den Mädels.
„Wie geht's dir, Lizzy?", fragte Will.
„Ganz gut, aber nach meinem Zusammenbruch konnte es ja nur besser werden. Ich erhole mich ganz gut und auf mich wird ja auch ganz gut aufgepasst."
„Das ist gut. Ich will dich ja nicht noch mal bewusstlos in meinen Armen halten."
„Das dürfte diesmal auch unbequemer werden, denn ich bin bestimmt dicker geworden."
„Als ob du dir das nicht erlauben könntest", sagte Charles.
„Danke für das Kompliment. Wie steht's denn bei euch so?"
„Ziemlich viel zu tun", antwortete Will.
„Du solltest dir ein Beispiel an mir nehmen", scherzte Lizzy. „Alles hinter dir lassen und einfach nur Urlaub machen."
„Wahrscheinlich mache ich das nach Beendigung dieses Projekts auch."
„Nun ja, du bist herzlich eingeladen, auch noch hier einzuziehen. Je mehr Leute im Haus sind, desto besser. Ich will ja auch meine Ablenkung. Es ist doch auch bald fertig, oder? Die Einweihung ist doch demnächst. Jetzt könnte ich sogar kommen – der deutsche Außenminister kommt ja nicht. Aber leider nehme ich aktuell keine Termine wahr."
„Danke für die Einladung, ich überlegs mir."
„Tu das, wir würden uns freuen."
Von den anderen wusste keiner so genau, wovon die beiden redeten. Deutscher Außenminister?? Na ja, egal…
„Ich bin dafür, wir gehen rein", schlug Jane vor. „Wie war denn die Fahrt hierher? Anstrengend? Habt ihr schon eure Zimmer gesehen? Seid ihr hungrig?"
Die beiden letzten Fragen wurden verneint. Sie sammelten alle Sachen ein und gingen hinein.
Am nächsten Morgen (Sonntag) traf Will Lizzy bereits um 8 Uhr beim Frühstück. Er wurde mit einem „So früh schon auf?" empfangen.
„Ich war schon schwimmen. Ich konnte einfach nicht widerstehen, wo ihr doch hier einen Pool im Keller habt. Auf dem Rückweg hab ich mich dann auch ein wenig im Schloss verlaufen, es ist doch sehr groß."
„Ich könnte dir ja einen Diener zur Seite stellen, der dir den Weg zeigt."
„Ich glaube, den Rest des Tages komme ich auch noch ohne aus, danke. Beim nächsten Mal vielleicht. Und, was machst du schon hier?"
„Keine Panik, ich habe genug geschlafen, wie du sicher noch weißt, bin ich gestern früh ins Bett gegangen." Das war sie, gestern Abend hatten sie noch eine Weile auf der Terrasse gesessen und Lizzy hatte sich schon früh entschuldigt. „Ich bin halt ne Frühaufsteherin. Schwimmen gehen würde ich auch mal gerne wieder, aber noch erlaubt mir der Arzt keinen Sport."
„Du musst ja echt fertig gewesen sein."
„Oh ja, du hast es ja miterlebt, das war definitiv ein Tiefpunkt, so etwas möchte ich – und ich glaube, alle anderen auch – nicht noch einmal erleben. Jetzt fühle ich mich so, als hätte ich ne ganz schreckliche Grippe gehabt, ein bisschen wackelig und schwach, ich werde noch schnell müde, aber auf dem Weg der Besserung. Das wird schon wieder."
Die beiden widmeten sich schweigend ihrem Essen, dann schaute Lizzy auf die Uhr. „Ich glaube, dass Georgiana auch bald hier sein wird. Mit Charles und Jane rechne ich so schnell noch nicht. Was meinst du, hältst du eine weitere Schlossführung von mir aus? Ich wollte Georgiana die Geheimgänge zeigen und wenn du dabei bist, vielleicht verläufst du dich dann auch nicht mehr so schnell."
„Gute Idee."
Bis Georgiana sich zu ihnen gesellte, redeten sie über dies und das, aber nichts wirklich Tiefgründiges. Georgiana war sofort einverstanden mit Lizzys Vorschlag und so führte Lizzy die beiden kurz darauf erneut durch ein Schloss.
Nach der Tour durchs Schloss waren sie gerade auf dem Weg zu der zum Anwesen gehörenden kleinen Kirche, als auch Charles und Jane sich zu ihnen gesellten.
Georgiana war ganz entzückt von dem kleinen Gotteshaus. „Das ist ja wirklich malerisch, so schön klein! Hier passen ja wohl kaum mehr als 120 Leute rein. In so einer Kirche möchte ich heiraten. Du nicht auch, Lizzy?"
„Nun ja, über so etwas habe ich mir nie Gedanken gemacht. Es ist einfach nicht möglich, da ich als Mitglied der königlichen Familie in der Kathedrale der Hauptstadt heiraten muss und so. Es gibt dazu ein sehr striktes Protokoll." Zum ersten Mal seit langem sprach sie wieder über ihre royalen Pflichten.
Georgianas Äußerungen hatten aber Jane auf eine Idee gebracht. „Ich möchte gern hier heiraten", sagte sie plötzlich. „Was sagt du dazu, Charles? Und, vor allem, Lizzy, ist das möglich?"
Charles hatte nichts dagegen einzuwenden und auch von Lizzys Seite sprach nichts dagegen, die Kirche wurde ja nicht durch die regelmäßigen Gottesdienste belegt.
„Wunderbar!" Jane klatschte freudig erregt mit den Händen. „Dann haben wir eine Kirche, dann fehlt uns nur noch ein Datum und es kann alles beginnen."
„Ihr müsst dann aber auch im Schloss feiern, das ist doch perfekt", schlug Lizzy vor. „Es ist groß genug und alle Kapazitäten sind vorhanden."
„Aber ist es nicht irgendwie komisch, wenn ich hier feiere und nicht bei mir Zuhause?"
„Willst du nach der Feier etwa nach Nargotha fahren? Das ist doch kein Katzensprung. Und Jane, du bist quasi meine Schwester und ich würde mich so sehr freuen, wenn du das wirklich hier machen würdest. Es wäre echt schön."
Im Endeffekt wurde dann doch alles abgemacht, es sollte tatsächlich eine Hochzeit auf Longbourn Castle geben!
