Kapitel 10: Arthur III


Männer werden generell überschätzt." (Die deutsche Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin Maren Kroymann)


Harrenhal, 279 n. A. E.

„Es ist unwahrscheinlich, dass es ein Bolton gewesen ist, auch wenn sie eine grausame Geschichte haben", sagte Rhaegar. „Das Gesicht zu häuten wird nirgendwo beschrieben und passt nicht zu ihrer Folter. Ein Bolton tötet langsam. Der Mörder, den wir suchen, tötet schnell und präzise. Das abschälen des Gesichts passierte nach dem Tod von Cersei Lennister."

Dann waren es doch die Gesichtslosen Männer in Braavos und das bedeutete sie hatten gar nichts. Ein reicher Auftraggeber, das konnte jeder in Westeros sein.

Heute begann das Turnier und alle machten sich bereit. Die meisten trainierten auf den Übungsplätzen und Rhaegar schaute nach seinen ehemaligen Knappen, Richard Lonmund und Myl Muton. Beide waren zu guten Kämpfern geworden und wollten sich bei diesem Turnier erstmalig beweisen. Die beiden trainierten gegeneinander.

„Arthur, schau mal", sagte Oswell spöttisch und zeigte auf einen der Plätze nicht weit entfernt. „Deine kleine Freundin ist auch da."

Tatsächlich war Aryana da und trainierte mit einem kleinen Jungen, der wie eine weitere Ausgabe der Starks aussah. Sie sahen alle gleich aus. Ernste lange Gesichter, dunkelbraune fast schwarze Haare und graue Augen, wie ihr Wappen. Anscheinend war Aryana dabei den Jungen zu trainieren und ihn Anweisungen zu geben.

„Sie ist gut", stellte Ser Barristan fest und Arthur kniff die Augen zusammen, studierte ihre Bewegungen genau. Meist wich sie aus, drehte und duckte sich. Sie war schnell und geschickt.

„Geht ruhig hinüber", meinte Rhaegar und verwirrt sah Arthur seinen besten Freund an. „Ser Gerold und ich bleiben hier."

Arthur konnte sich kaum wehren, da Oswell ihn am Arm packte und ihn mitzog. Als wäre er ein Kind. Auch Ser Barristan folgte ihnen ebenfalls. Es war das erste Mal, dass er Aryana kämpfen sah. Zu seiner Verteidigung, sie kannten sich auch erst seit zwei Tagen.

Aryana trat dem Jungen die Beine weg und er fiel unsanft nach vorne auf den Boden. „Nicht vorhechten", meinte sie kalt. Der Junge nahm sein Schwert und stand wieder auf. Er nutzte beide Hände, um sein Schwert zu halten, wie die meisten. Aryana dagegen nutzte eine Hand, aber ihr Schwert war klein und dünn, sehr leicht und passend für eine Person ihrer Statur. Es brauchte nur ein paar Schläge bis sie ihn wieder vor die Füße trat und er hinfiel. „Nicht dahin gehen, wo der Gegner dich hinführt. Auf!"

Anscheinend wusste sie wirklich was sie tat, sogar Ser Oswell und Ser Barristan sahen beeindruckt aus. Der Junge hielt beim nächsten Wechsel wieder nicht lange stand. Aryana packte ihn an der Schulter und hielt ihn fest. „Überschätzte niemals deine Stoßkraft. Das macht dich angreifbar und bringt dich aus dem Gleichgewicht." Ein kleiner Schubs reichte aus und der Junge landete wieder im Schlamm.

Sichtlich zornig stand er auf und griff an. Aryana brauchte sich nur einmal ducken und ihr Schwert auszustrecken. Der Junge stoppte, als er das Schwert an seiner Kehle bemerkte. „Du darfst niemals in Zorn geraten. Wenn dein Kopf nicht mehr auf deinen Schultern sitzt, ist es vorbei." Wahrere Worte wurden nie gesprochen.

Wieder zog sich Aryana zurück. In ihrer Ausgangsposition hielt sie ihr Schwert immer hinter dem Rücken. Ein erneuter Hiebaustausch endete genauso schnell wie die vorherigen. Aryana schlug ihn mit den Ellbogen in den Magen und der Junge kippte nach vorne auf den Boden. „Und versuch-" „Versuch gar nicht erst mit einer Person zu kämpfen, die so viel besser ist als du", unterbrach Oswell ihr Training.

Knapp nickte Aryana und fügte hinzu: „Werde besser und kämpfe erst gegen einen Gegner, wenn du weißt das du ihn schlagen kannst." „Keiner ist besser als du", klagte der Junge. „Brandon verliert jedes Mal."

Brandon Stark? Er sollte ein guter Kämpfer sein. Das war beeindruckend.

„Gegen einen wahren Ritter verliert auch sie, Kleiner", spottete Ser Oswell. Lächelnd schlug Oswell ihm gegen die Schulter, aber Arthur bewegte sich nicht. Er wollte immer noch nicht gegen sie kämpfen, auch wenn er wusste, dass sie gut war. „Gut, dann kämpfe ich."

Der junge Stark schaute verwirrt von Oswell zu seiner Schwester, lief dann aber zur Seite, während Oswell aufs Kampffeld trat. „Wollt ihr kein anderes Schwert benutzen?" „Ich werde euch nicht schneiden. Sorgt euch nicht", antwortete Aryana leichthin. „Ich werd es versuchen", spottete Oswell lächelnd.

Sein Schlag nach vorne kam zuerst, während Aryana sie sich drehte mehrere kurze Schläge gegen sein Schwert gab und es an seine Kehle hielt. Oswell sah überrascht aus. Aryana drehte ihr Schwert mehrmals und hielt es wieder hinter ihren Rücken.

Oswells nächster Hieb kam schneller, aber Aryana drehte ihren Oberkörper nur leicht zur Seite und beim darauffolgenden Schlag duckte sie sich. Den dritten wehrte sie mit der Hand ab, indem sie seine Schwerthand in eine andere Richtung drückte und beim vierten Schlag – bei dem sein Herz ein Moment aussetzte – da beugte sie ihren Oberkörper weit nach hinten, sodass der Schlag über ihr vorbei glitt. Dann war Aryana mit einer Drehung hinter ihm, griff ihn an und gewann ihre kurze Auseinandersetzung indem sie erst gegen sein Handgelenk und dann gegen seine Hüfte schlug. Die Schwachpunkte einer Rüstung.

Lächelnd trat Aryana zurück und ging in ihre Ausgangsposition. Der nächste Wechsel war heftiger. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft. Aryana duckte sich und schlug gegen sein Knie. Den nächsten Wechsel gewann Oswell nur, weil er ihr einen schnellen Tritt gegen die Brust gab und sie so weit nach hinten auf den Boden flog. Arthurs erster Instinkt war es zur ihr zu laufen und ihr zu helfen, doch sie drehte ihre Beine und sprang geschickt wieder auf die Füße.

Ihr verbissenes Gesicht zeigte wie ernst sie es nahm. Ihr Schwert hatte sie nach hinten gestreckt, bevor der Kampf weiterging. Aryana wich zurück und parierte, während Oswell Schläge verteilte. Mit einem kräftigen Hieb konnte er ihr Schwert nach unten schlagen und sie so endlich entwaffnen. Aryana wich den nächsten Hieb aus, hielt danach Oswells Hand auf und hielt ihren Dolch an seine Kehle, während sein Schwert stoppte. „Ein Unentschieden", rief der Junge neben ihnen aufgeregt. „Nicht wirklich", widersprach Ser Barristan. „Aryana hat gewonnen. Sie hätte Oswell in mehreren Momenten töten können."

Aryana war tatsächlich gut und fähig als geschworenes Schild zu dienen. Nicht nur Oswell hatte sie unterschätzt. „Wer hat euch das alles gezeigt?", fragte Ser Barristan interessiert und Aryana hob lächelnd ihr Schwert auf, als sie antwortete: „Niemand."

Natürlich. „So besiegt man einen Ritter der Königsgarde, Benjen", sagte Aryana, als wäre es nur eine weitere Lektion für den Jungen gewesen. Jetzt war sie es die spottete, als sie über die Schulter zu Oswell sah: „Viel Glück beim Spielen im Turnier." Spiele. So bezeichnete sie hartnäckig ein Turnier.

„Schönes Schwert", lobte Ser Barristan, obwohl sein Blick auf ihre andere Waffe lag. „Sehr schöner Dolch."

Aryana zog ihn heraus und drehte ihn ein paar Mal in der Hand, bevor sie ihn an Ser Barristan überreichte. „Valyrischer Stahl", erkannte Arthur und sah Aryana genauer an. Woher hatte sie eine solche Waffe?

Ihr Blick fiel auf sein Schwert und er zog es. Er überreichte es ihr, damit sie es in den Händen halten konnte. Wie ihr eigenes Schwert, hielt sie es nur mit einer Hand und drehte es. „Wie Eis!", sagte Benjen. Benjen Stark, der jüngste Sohn aus dem Haus Stark. Sie hatten vier Kinder – offiziell. „Nein, nicht wie Eis", widersprach Aryana, als sie ihm sein Schwert zurückgab. „Eis ist ein Zweihänder. Das Schwert führt man mit einer Hand."

„Wenn man stark genug ist", fügte Ser Barristan hinzu und gab Aryana ihren Dolch zurück. Aryana fasste nach ihrem Schwertgriff. „Deswegen bevorzuge ich meine Nadel." „Nadel?", fragte Oswell nach und Aryana wandte sich ihm kurz zu. „So habe ich mein Schwert genannt. Als Kind habe ich Handarbeit gehasst. Meine Schwester hat mich dafür aufgezogen, dass ich keinen richtigen Stich setzen konnte, während ich mit meinen Brüdern nur trainieren und jagen wollte."

Gab sie gerade offen zu, dass ihre Geschwister die Starks waren? Aber nein, Lady Lyanna wirkte selber nicht so, als mochte sie still sitzen und Handarbeit.

„Ich wusste nicht, dass du Geschwister hast", klagte Benjen. Kurz sah sie ihn an und lächelte dann traurig. „Sie sind tot, wie alle guten Dinge." „Sie sind tot?", fragte Benjen nach und Aryana nickte bestätigend. „Sie wurden ermordet."

Schockiert sah Arthur sie an und wollte eigentlich weiterfragen. Doch Aryana nahm bereits Benjens Hand und sagte: „Lass uns zum Turnier gehen und zusehen wie Brandon sich blamiert." Bevor sie weg war, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. „Dummkopf, ich werde zusehen, wie du vom Pferd fällst. Also mach es mit etwas Würde."

Nachdem sie gegangen war, schlug Oswell ihm auf die Schulter. „Also entweder liebt sie dich oder sie hasst dich." Verdutzt sah er seinen Freund und Bruder an. „Du auf jeden Fall bist hoffnungslos in die kleine Kriegerprinzessin verliebt."


Anmerkung:

Es war diese wunderbare Szene aus Folge 4 der Siebten Staffel, die mich zu dieser Geschichte überhaupt inspiriert hat. Deswegen durfte sie hier auf keinen Fall fehlen.