Ein Hausbesuch, ein häuslicher Konflikt und Hausaufgaben

Eigentlich war es kaum zu glauben, dass ich in der Nacht tatsächlich irgendwann eingeschlafen war, aber als ich die Augen aufschlug, war es draußen bereits hell. Ich warf nur aus Gewohnheit einen Blick auf meinen Wecker. Fast neun Uhr. Na toll. Glücklicherweise schienen meine schlimmsten Schwindelgefühle der Vergangenheit anzugehören, wie ich erleichtert feststellte, als ich etwas umständlich aus meinem Bett kletterte.

Das bedeutete, dass heute Plan A der Ich-will-zurück-zur-Schule-Kampagne anlaufen konnte. Ich hatte ihn in der vergangenen Nacht minutiös ausgearbeitet. Und solange ich mich bei seiner Umsetzung nicht umbrachte, standen die Chancen ganz gut.

Ich schlüpfte in meinen Morgenmantel, in einen Hausschuh und den grässlichen Vorfußentlastungsschuh und nahm neben meinem Kulturbeutel und einem Bündel frischer Wäsche sogar die Krücke mit. Nur für den Fall, dass Charlie mir auf dem Weg ins Badezimmer begegnen und zu einem Vortrag über Dr. Cullens ärztliche Anordnungen ansetzen würde. Dafür hatte ich im Augenblick nämlich gar keine Zeit – schließlich war die Teekanne über Nacht fast leer geworden.

Ähem.

Das Glück war auf meiner Seite, der Weg zum Badezimmer war frei von überbesorgten Vormunden und anderen Stolpersteinen. Das bedeutet, dass ich meine morgendlichen Verrichtungen ungestört erledigen konnte. Ich duschte kurz, obwohl ich wusste, dass mir das wahrscheinlich Vorhaltungen einbringen würde, putzte mir gründlich die Zähne, föhnte und kämmte mir die Haare und band sie zu einem Pebbles-Pferdeschwanz zusammen – so hatte mein Dad diese Frisur immer genannt. Frei nach Pebbles Flintstone. Die Wahl der Frisur hatte ich getroffen, weil ich dazu die Arme hoch über den Kopf nehmen musste, was beweisen sollte, dass meine Rippen gar nicht so schlimm dran sein konnten. Ich benutzte sogar etwas von meiner selbstbräunenden Tagescreme. Und ich warf meinen Schlafanzug in den Wäschekorb und zog mir demonstrativ meinen gelb- und türkisfarbenen Jogging-Anzug an, weil ich wusste, dass diese Farben mich nicht allzu blass erscheinen lassen würden.

Es wurde Zeit, ein Zeichen zu setzen. Wenn ich Charlie bewies, dass es mir gut genug ging, um mich nicht mehr ins Bett legen zu müssen, würde ich vielleicht eher wieder zur Schule gehen dürfen.

Als ich das Badezimmer verließ, stand Charlie bereits im Flur. Gleich neben dem Wandtelefon. Ganz ehrlich; er sollte sich mal etwas entspannen, ich würde weder an einem gebrochenen Fuß sterben, noch an ein paar geprellten Rippen. Und meine Gehirnerschütterung war – zumindest offiziell – nur noch ein nicht allzu schlimmer Kopfschmerz.

„Guten Morgen, Charlie", begrüßte ich ihn freundlich, während ich an ihm vorbei in Richtung Küche hinkte. „Hast du schon gefrühstückt?"

„Guten Morgen." Er folgte mir auf dem Fuße. „Wie geht es dir, Janice?"

„Großartig." Wenn es nicht so aussah, machte ich eindeutig etwas falsch und würde mich noch etwas mehr anstrengen müssen.

Ich ging hinüber zum Küchenschrank und inspizierte den Lebensmittelvorrat, während er in der Tür stehen blieb. Offenbar hatte Charlie bisher nur ein paar von Tante Marthas Keksen gegessen. Mutig von ihm, aber vom ernährungswissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet nicht besonders vernünftig. Auch wenn ich es natürlich zu schätzen wusste, weil das bedeutete, dass das süße Gift bald aufgebraucht sein würde.

Eigentlich hatte ich gar keinen Hunger, aber großen Zielen müssen gelegentlich auch große Opfer gebracht werden. „Ich habe einen Riesenkohldampf. Ein paar Eier wären jetzt nicht schlecht. Willst du auch welche?"

Er runzelte besorgt die Stirn. „Bist du sicher, dass du schon Eier essen solltest?"

War ich nicht, allein der Gedanke daran drehte mir den Magen herum. Aber da ich unbedingt so schnell wie möglich wieder zur Schule wollte ... „Natürlich bin ich sicher."

Ich kramte eine beschichtete Pfanne aus dem Schrank neben dem Herd hervor und rieb sie mit einer Speckschwarte aus, bevor ich sie auf die Herdplatte stellte. Die Eier waren im untersten Fach des Kühlschrankes, auf der anderen Seite der Küche. Das war der erste Schwachpunkt meines brillanten Planes. Wenn ich beim Versuch, sie dort herauszuholen bewusstlos zusammenbrach, würde mich das meinem Ziel nicht unbedingt näher bringen.

Charlie, seinen hervorragenden Manieren sei Dank, löste das Problem für mich, indem er sie mir reichte. „Bitte sehr."

„Danke." Ich lächelte ihn strahlend an. „Was ist nun, frühstückst du mit?" Wenn er selber aß und mich nicht nur mit Argusaugen beobachtete, bräuchte ich vielleicht nicht so viel in mich hineinzustopfen, dass ich anschließend kotzen musste.

„Gern. Für mich bitte zwei Eier. Gewendet."

„Kommen sofort!" Ich schlug drei Eier in die Pfanne, warf die Schalen in den Mülleimer und schob zwei Scheiben Brot in den Toaster. Und krönte meine schauspielerische Glanzleistung dadurch, dass ich dabei noch vor mich hinsummte. Offenbar wirkte ich tatsächlich nicht, als würde ich jeden Moment aus den Latschen kippen, denn Charlie wandte lange genug den Blick von mir ab, um den Tisch zu decken.

So weit, so gut.

Ich salzte die Eier vorsichtig, wendete sie genau zum richtigen Zeitpunkt und ließ sie dann auf zwei Teller gleiten. Zwei Eier für Charlie, eines für mich. Der Toast war fertig. Ich legte das geröstete Brot auf Charlies Teller und schob nochmals eine Scheibe in den Toaster. Dann trug ich die Teller zum Tisch.

„Soll ich dir noch einen Kaffee aufbrühen?", erkundigte ich mich etwas verspätet. „Oder möchtest du ein Glas Milch?"

Diesmal enttäuschte er mich. „Milch ist okay."

Verdammt, und ich hatte gehofft, durch das Kaffeekochen vielleicht doch noch irgendwie um das Spiegelei herumzukommen ... Etwas missmutig füllte ich zwei Gläser mit kalter Milch und stellte sie ebenfalls auf den Tisch.

Das Brot sprang aus dem Toaster und ich legte es neben mein Ei auf den Teller.

„Butter?" Charlie reichte sie mir hinüber.

Ich schluckte. Machte er das absichtlich? Wenn er mich dazu bringen wollte, dass ich gleich in die Spüle reiherte, leistete er verdammt gute Arbeit.

„Danke." Ich strich sie sehr dünn auf meinen Toast, immerhin bestand ja die akute Gefahr, dass ich ihn tatsächlich essen musste.

„Dr. Cullen hat vorhin angerufen", informierte Charlie mich, bevor er sich mit großem Appetit den ersten Bissen in den Mund schob. „Er kommt nachher vorbei, um noch mal nach dir zu sehen."

Mist, damit hatte ich nicht gerechnet. „Warum denn das? Mir geht es prima!" Um meine Worte zu beweisen, biss ich in meinen Toast und schnitt in das Spiegelei. Das Eigelb war noch halb flüssig und lief hinaus. Ich schluckte hastig herunter. ‚Oh nein, lass mich jetzt bitte nicht kotzen ...'

„Davon will er sich wahrscheinlich selbst überzeugen. Immerhin ist er der Arzt, Janice. Und zwar ein sehr guter."

„Seit wann kennst du ihn eigentlich schon?" Ich biss erneut in meinen Toast, um mein Interesse etwas zu kaschieren. Das Ei auf meinem Teller ignorierte ich geflissentlich.

„Wie meinst du das?" Die Vorsicht in seinem Ton war nicht zu überhören.

„Na ja, kann sein, dass ich mich irre, aber ich glaube nicht, dass du Dr. Cullen oder seine Familie erst hier in Harlan kennen gelernt hast." Er hatte schließlich gefragt. Und wenn ihm die Wendung des Gespräches nicht gefiel, so war das wohl kaum meine Schuld, oder?

„Wie kommst du denn darauf?"

Ich zog lediglich eine Augenbraue hoch. Das ist ein guter Trick, um jemanden zum Reden zu bringen. Er impliziert, dass die Antwort auf die Frage völlig offensichtlich ist. Mein Dad hat ihn über Jahre hinweg erfolgreich bei mir angewandt – jedenfalls bis ich ihn endlich irgendwann durchschaut hatte.

„Er hat ein paar Jahre in Forks praktiziert", gab Charlie schließlich zu. „Das war, bevor er und seine Familie nach Alaska gegangen sind."

Da er jetzt, dank meiner genialen Ablenkungstaktik, nicht mehr besonders auf mich achtete, konnte ich meinen Toastrest auf den Teller zurücklegen. „Merkwürdig. Er wirkt gar nicht alt genug, um schon so lange als Arzt zu arbeiten."

„Wie meinst du das?", wollte er zum zweiten Male wissen.

„Die Cullens haben sieben Jahre lang in Alaska gelebt, bevor sie hierher gekommen sind. Und jetzt erzählst du mir, dass Dr. Cullen davor noch ein paar Jahre als Arzt in Forks gearbeitet hat. So alt ist er doch noch gar nicht, oder? Also ich schätze ihn auf höchstens Ende Zwanzig, Anfang Dreißig."

Beiläufig stand ich auf und begann, den Tisch abzuräumen. Offenbar hatte Charlie seinen Appetit verloren, es fiel also gar nicht auf, dass auch mein Ei im Müllschlucker landete. Ich wischte den Tisch ab und ließ Wasser über die benutzen Teller laufen, bevor ich sie in die Spülmaschine räumte. Merkwürdigerweise machte mir das Bücken plötzlich wirklich gar nichts mehr aus, so gespannt war ich, was er erwidern würde.

Ich habe keine Ahnung, ob und wie Charlie sich aus der Affäre gezogen hätte, wenn es nicht plötzlich an der Haustür geklingelt hätte. Irgendwie fand ich die Situation schon etwas komisch; da musste erst Dr. Cullen klingeln, um meinen Vormund einer Antwort zu entheben, die ihn selbst betraf. Ironie ist gelegentlich etwas Merkwürdiges.

Ich ging hinauf in mein Zimmer. Sollte Charlie getrost ein wenig Panik unter der neuen Einwohnerschaft verbreiten; nach dem Schock, den das Gemälde mir letzte Nacht versetzt hatte, konnte auch der liebe Onkel Doktor ruhig mal etwas nervös werden.

Seufzend zog ich mein Laken glatt und schüttelte Kissen und Decke auf, bevor ich mich auf mein Bett setzte und der Dinge harrte, die da auf mich zukamen. Um die Untersuchung würde ich trotz meiner kleinen Vernebelungsaktion nicht herumkommen, soviel war klar.

Ich hasste Untersuchungen. Ich hasste Krankenhäuser. Und ich hasste Ärzte. Dass ausgerechnet Dr. Cullen da eine Ausnahme bildete, war für mich selbst eine ziemlich große Überraschung. Wenn ich nur wüsste ...

Ein kurzes Klopfen an meiner Zimmertür, dann streckte besagte Ausnahme den Kopf herein. „Guten Morgen, Janice. Darf ich reinkommen?"

„Guten Morgen, Dr. Cullen."

Er schloss leise die Tür hinter sich; offenbar hatte Charlie nicht die Absicht, unser angefangenes Gespräch im Beisein des Doktors weiterzuführen. Welch eine Überraschung.

Der Arzt stellte seine Tasche auf dem Hocker neben meinem Bett ab und entnahm ihr ein Blutdruckmessgerät. „Wie geht es dir? Hast du noch starke Schmerzen?"

Mit einem unhörbaren Seufzer schob ich meinen Ärmel hoch, damit er mir die Manschette über den Arm streifen konnte. „Das Übliche. Fuß und Rippen tun noch etwas weh, aber nicht schlimm."

„Und der Kopf?" Er drückte auf den Knopf, der den Aufpumpmechanismus in Betrieb setzte.

Ich zuckte die Achseln. „Leichte Schmerzen, wenn ich mich bücke. Sonst ist alles in Ordnung." Das war zwar untertrieben, aber ich hatte einfach keine Lust, auf lange Diskussionen.

„Aha." Er fixierte die Anzeige des Messgerätes und notierte dann etwas in einem kleinen Buch. „Dein Blutdruck ist okay."

Wie schön. „Heißt das, ich kann morgen wieder zur Schule?"

Er wiederholte die Untersuchung mit dem Lichtstift, aber diesmal hielt die Übelkeit sich erfreulicherweise in Grenzen. Ich war mir sicher, dass er mir nichts angemerkt hatte.

Trotzdem schüttelte er den Kopf. „Morgen ist schon Donnerstag, Janice. Ich denke, du wirst es wenigstens noch bis Montag aushalten."

Er hatte ja keine Ahnung.

„Ich habe Defizite in Mathe", grummelte ich. „Und in Physik, da ganz besonders. Jeder Tag, der mir fehlt, macht es mir schwerer." Das war noch nicht einmal gelogen.

Um seine Lippen zuckte es, seine Stimme klang belustigt. „Alice, Jasper und Gabe haben für dich mitgeschrieben. Und du bekommst, soweit ich informiert bin, heute Nachmittag auch die Hausaufgaben."

Nein, ich würde nicht fragen, wer sie mir bringen würde, selbst wenn das bedeutete, dass ich mir die Zunge abbeißen müsste.

Es war offensichtlich, dass Dr. Cullen mich vollkommen durchschaute. „Glaub mir, Janice. Die Schule wird dir in den paar Tagen nicht davonlaufen. Und ... alles andere ... auch nicht."

Das Achselzucken bekam ich beeindruckend lässig hin. Schade, dass meine Stimme nicht so richtig mitspielen wollte und mich dennoch verriet. „O ... okay ..."

Mit einem leisen Seufzer ging er um mein Bett herum, setzte sich auf meinen Schreibtischstuhl und blickte mir ernst in die Augen. „Ich weiß, dass so eine erzwungene Ruhepause ziemlich langweilig sein kann, Janice. Aber ich habe deine Schulbefreiung nicht angeordnet, weil ich dich ärgern will. Eine Gehirnerschütterung ist nicht ungefährlich. Und wir wollen ... alle ... nicht, dass es zu Komplikationen kommt."

Ich nickte nur. Die kurze Pause in seinen Worten war mir nicht entgangen. Und plötzlich wusste ich, warum ausgerechnet Dr. Cullen eine Ausnahme für meine Arztphobie darstellte. Ich konnte ihn mögen, weil er mich auch mochte. Irgendwie.

Sein Blick ruhte noch einen Augenblick lang eindringlich auf meinem Gesicht. Ich weiß nicht, was er in meinen Augen suchte, oder ob er es fand, aber er wirkte etwas weniger angespannt, als er sich erhob. „Dann werde ich mal wieder ..."

Das Handy auf meinem Nachttisch piepste quengelnd, ich musste mal wieder den Akku laden. Unwillkürlich fiel sein Blick auf die Geräuschquelle. Und ich sah, wie er mitten in der Bewegung innehielt. Mein Blick folgte seinem und ich lief augenblicklich dunkelrot an. Die Spieluhr. Die hatte ich für einen Augenblick völlig vergessen.

Dr. Cullen starrte ebenfalls auf die kleine, silberne Schatulle. Um seine Lippen zuckte es wieder, aber diesmal sah er nicht im Geringsten belustigt aus. Sondern so, als hätte er einen Geist gesehen. Oder eher noch etwas schrecklich Trauriges.

„Darf ich?"

Ich nickte nur.

Vorsichtig nahm er die Spieluhr in die Hand, strich fast andächtig über das reich verzierte Kleinod und ließ schließlich den Deckel aufschnipsen. Sofort hatte der Zauber der letzten Nacht mich wieder in seinen Bann gezogen; die Melodie und die Tänzerin waren einfach nur traumhaft. Aber was mir wirklich die Tränen in die Augen trieb, war die leise Stimme des Doktors, als er nach ihrem Verklingen mit flüsternder Stimme die Inschrift vorlas: „Ein Traum für meinen Traum."

Mit einem leisen Seufzen klappte er den Deckel wieder zu, sorgsam darauf bedacht, nichts zu beschädigen. „Ich hatte diese Spieluhr fast vergessen", flüsterte er, mehr zu sich selbst als an mich gewandt. „Ich wusste gar nicht, dass Gabe sie noch in seinem Besitz hatte. Nach all den Jahren ..."

„Sie ... kennen sie?"

Ernst blickte er mir in die Augen und diesmal erkannte ich die tiefe Trauer in seinem Gesicht. Er litt ohne jeden Zweifel. „Sie hat Gabes verstorbener Mutter gehört, Janice. Ein Familienerbstück." Vorsichtig strich er mit dem Finger über die feinen Ornamente. Es sah aus, als würde er eine Erinnerung liebkosen, die er schon längst verloren geglaubt hatte.

Dann, plötzlich, als ob die Sonne durch eine dichte Wolkendecke brach, lächelte er. „Die Inschrift ist allerdings neu. Die hat er wohl für dich eingravieren lassen."

Ich konnte nicht verhindern, dass ich sofort wieder feuerrot wurde und mein Herz sich in meiner Brust überschlagen wollte. Ein Traum für meinen Traum ...

Dr. Cullen stellte die Spieluhr sehr vorsichtig an ihren Platz mitten auf meinem Nachttisch zurück. Als er sich wieder umdrehte, stieß er versehentlich gegen die Maus meines Laptops.

Ich stöhnte unwillkürlich auf, als der Bildschirmschoner sich ausschaltete und die letzte Anwendung auf dem Display erschien. Warum hatte ich nicht daran gedacht, das verdammte Gerät auszuschalten?

Die Augen des Arztes weiteten sich erschrocken, als er den Bildausschnitt des Solimena auf meinem Computer erblickte. Den Ausschnitt, aus dem sein eigenes Gesicht ihm entgegenblickte. Mit einer Bewegung, die fast zu schnell war, als dass ich sie mit bloßem Auge hätte verfolgen können, fuhr er zu mir herum.

Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich den Ausdruck auf seinen bleichen Zügen sah. Schock, Wut, Trauer, Zorn und noch etwas anderes, etwas, das ich nicht gleich benennen konnte.

„Dir entgeht nicht viel, oder?" Es war keine Frage, eher eine tonlos vorgebrachte Anklage.

Plötzlich fühlte ich mich wie das letzte Miststück auf Erden. Vielleicht, weil ich gerade in diesem Augenblick die letzte Emotion in seinem Ausdruck identifiziert hatte; es war Schmerz. „Es ... es tut mir Leid. Ich wollte nicht ... es war keine Absicht ... Ich ..."

Nervös verschränkte ich meine Finger miteinander und rang um verständliche Worte anstelle meines hilflosen Gestammels. Was sollte ich tun? Was konnte ich sagen? Es gab nichts. Nichts, um den leichten, vertraulichen Ton zwischen uns zurückzuholen, in dem das Gespräch zuletzt verlaufen war. Unwillkürlich steckte ich trotz seines abweisenden Blickes die Hand nach ihm aus und berührte leicht den Ärmel seines Hemdes, während mir Tränen in die Augen traten. „Dr. Cullen, bitte, ich wollte wirklich nicht ..."

Seine Miene veränderte sich, wurde wieder weicher, zugänglicher. Ein winziges Lächeln legte sich um seine Mundwinkel. Es war kein fröhliches Lächeln, es drückte eher so etwas wie müde Resignation aus. „Ist schon in Ordnung. Mach dir keine Sorgen, Janice. Das ... beschleunigt die Dinge nur etwas, denke ich."

Sein Blick verharrte erneut kurz auf der Spieluhr, dann riss er sich los und ging mit den entschlossenen Schritten eines Mannes zur Tür, der einen Entschluss gefasst hatte und diesen schnellstmöglich umsetzen wollte. Bevor er mein Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal um. „Ich sehe morgen früh noch einmal nach dir. Nur zur Vorsicht. Und du machst bis dahin bitte keine Dummheiten, versprichst du mir das?"

Ich nickte. „Natürlich, Dr. Cullen."

Sein Ausdruck wurde wärmer, er blickte wieder auf die Spieluhr und dann zurück in mein Gesicht. Als ich womöglich noch röter wurde, lächelte er wieder leicht. „Carlisle. In Anbetracht der Umstände ..."

„Natürlich, Carlisle", wiederholte ich gehorsam.

„Bis morgen, Janice."

Die Tür fiel leise hinter ihm ins Schloss.

***

Die Hausaufgaben brachten mir Alice und Jasper.

Ich gebe zu, dass ich schon vom frühen Nachmittag an unten im Wohnzimmer herumlungerte. Zum einen wollte ich natürlich sofort zur Stelle sein, falls Gabriel mein nachmittäglicher Besucher wäre, der Gedanke, auch nur eine Sekunde mit ihm zu verschwenden, grenzte schließlich an blanken Irrsinn. Selbst, wenn wir uns wieder nur ansehen würden, wie in der letzten Nacht ... Tja, und zum anderen wollte ich Charlie beobachten, wenn er irgendeinem Mitglied der Cullen-Familie gegenüber stand. Ich hatte schließlich noch immer nicht herausbekommen, warum er sich ihnen gegenüber einerseits so merkwürdig verhielt, während er sie andererseits nicht mied.

Nach einem späten Mittagessen, von dem ich sogar ein paar Bissen zu mir genommen hatte, hatte ich mich deshalb sofort ins Wohnzimmer verkrümelt, wo ich mich hinter einem der Kriminalromane verschanzt hatte, die in Charlies Bücherregal standen. Alles für einen guten Zweck. Über das Buch hinweg und durch den Vorhang meiner Haare hindurch hatte ich einen guten Blick auf alle Vorkommnisse im Korridor.

Als es klingelte war ich bereit. Natürlich nicht bereit genug, die Tür selbst zu öffnen – so ein gebrochener Fuß ist manchmal doch ziemlich praktisch – aber bereit, Charlies Reaktionen genau zu beobachten und zur späteren Analyse abzuspeichern.

Ich wurde nicht enttäuscht. Es war allerdings auch keine besonders große Überraschung, dass seine Lippen eine schmale, harte Linie bildeten, während er Alice und Jasper begrüßte. Er war nicht unfreundlich, nicht wirklich, aber ich hatte dennoch den Eindruck, dass er ihnen vermutlich am liebsten noch an der Haustür die Mitschriften abgenommen und sie wieder fortgeschickt hätte. Aber da ich von meinem Platz auf dem Sofa aus fröhlich ihre Namen rief und sie hereinbat, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Weg freizumachen. Was ich allerdings wirklich etwas überzogen fand, war die Tatsache, dass er sich mit verschränkten Armen hinter ihnen aufbaute, als sie zu mir ins Wohnzimmer kamen.

„Hallo Alice, hallo Jasper!" Ich erhob mich etwas mühsam von Charlies Couch und umarmte beide, insgeheim dankbar, dass sie sofort auf diese vertrauliche Form der Begrüßung eingingen. Es tat mir zwar ein wenig Leid für Charlie, aber ich hatte die leise Befürchtung, dass ich im Interesse einer friedlichen Koexistenz in diesem Hause wohl von vornherein ein paar Dinge absolut klarstellen musste. Zum Beispiel, dass ich mir meine Freunde immer noch selbst aussuchen würde.

Also setzte ich noch einen obendrauf, indem ich Alice auf die kalte Wange küsste, bevor ich fragte: „Was haltet ihr davon, wenn wir hochgehen in mein Zimmer? Meine Schulsachen sind oben." Ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff ich meine Krücke und humpelte zur Treppe.

„Was war denn das?" Alice drapierte sich im Schneidersitz auf meinem Bett und sah mich stirnrunzelnd an.

„Fandest du es ein wenig zu dick aufgetragen?" Ich setzte mich auf meinen Schreibtischstuhl, drehte ihn in ihre Richtung und versuchte, wenigstens ein bisschen reumütig auszusehen. „Charlie ist zwar ein Schatz, aber manchmal übertreibt er seine Beschützerrolle ein wenig, weißt du? Und eben sind wahrscheinlich gerade alle meine Teenagerinstinkte mit mir durchgegangen. Tut mir Leid."

„Er macht sich nur Sorgen um dich, Janice", versuchte Jasper zu beschwichtigen. Er hockte mitten im Zimmer auf dem Fußboden und zog eine blaue Mappe aus seinem Rucksack.

Ich ignorierte die Mitschriften, die er mir zuschob, noch einen Moment und ging lieber erst einmal auf seine Bemerkung ein. „Natürlich. Und ich bin ihm auch dankbar dafür, sehr sogar. Aber ... ich habe manchmal den Eindruck, dass er mich nicht als die Person sieht, die ich bin, Jasper. Als würde er mir in gewisser Weise eine Rolle zuweisen in einem Spiel, dessen Regeln ich nicht kenne und das ich eigentlich auch gar nicht spielen möchte. Es ist, als würde er mich gar nicht richtig sehen, sondern versuchen, mich in jemanden zu verwandeln, der ich nicht bin. Besser kann ich es nicht erklären. Es ist nur so ein Gefühl."

Alice und Jasper wechselten einen kurzen Blick. Und dann seufzte Alice leise, kaum hörbar: „Es war vielleicht doch noch zu früh ..."

Jasper zuckte die Achseln. „Er wird sich wieder fangen, ganz bestimmt. Vermutlich haben ihn nur deine ganzen Verletzungen etwas aus der Bahn geworfen, Janice. Jetzt sollten wir uns lieber mit Mathe und Physik befassen."

Alice lächelte mich an. „Carlisle sagte, du hättest Angst, in diesen Fächern nicht mitzukommen."

„Schön, dass dich das so amüsiert!" Ich verzog das Gesicht. „Der Bluff ist keine Minute später aufgeflogen. Ich nehme an, ich habe für einige Belustigung gesorgt mit meinen Bemühungen, ein paar Tage früher wieder zur Schule zu dürfen."

Sie schüttelte den Kopf. „Wirklich, Janice. Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst."

Ich schluckte. „Du meinst ... euer Vater hat wirklich nur gesagt, dass ich Nachhilfe in Mathe und Physik bräuchte?"

„Was denn sonst?"

Okay, gelegentlich stellte man sich wohl selbst ein Bein ... und mir persönlich schien das eindeutig häufiger zu passieren, als anderen Leuten. Die Tatsache, dass ich mich gerade mal wieder selbst der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, erboste mich so sehr, dass ich grummelte: „Lass' ihn einfach eine Weile in Edwards Nähe und frag dann den, wenn du wissen willst, wie gründlich ich mich heute Vormittag zur Idiotin gemacht habe!"

Alice schüttelte nur den Kopf. Meine Anspielung auf die besondere Fähigkeit ihres Adoptivbruders nahm sie völlig gelassen hin. Offensichtlich waren also alle im Bilde darüber, dass ich informiert war. „Edward plaudert nicht aus dem Nähkästchen, Janice. Dazu ist er viel zu rücksichtsvoll. Schade eigentlich, wenn man bedenkt, wie peinlich dir das Ganze zu sein scheint."

„Ha, ha!" Wütend auf mich selbst griff ich nach der blauen Mappe und schlug sie auf.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte; jedenfalls keine gestochen scharfen Mitschriften, so sauber und übersichtlich, dass ich meine eigenen Unterlagen vielleicht lieber wegwerfen sollte. Herrgott, wer immer diese Mathematikstunden dokumentiert hatte, der hatte nicht nur die Lösungswege sogar für mich völlig nachvollziehbar aufgeschrieben, sondern sogar die Grafiken so übersichtlich gestaltet, dass ich auf den ersten Blick erkennen konnte, um was es ging.

„Wow. Alice, du solltest Schulbücher schreiben!"

Jasper lachte schallend. „Die Mitschriften stammen von Gabe, Janice. Alice' Sauklaue kann sie nicht einmal selbst lesen."

Giftig zischte Alice: „Danke, Schatz!"

Er grinste nur.

Von Gabe ... Behutsam stich ich über das Papier und ignorierte ihr Geplänkel. „Er hat echt Talent dafür, das Wichtigste übersichtlich zusammenzufassen", bemerkte ich leise, während ich die Seiten durchblätterte. „Da habe sogar ich das Gefühl, dass Eins plus Eins tatsächlich Zwei ergeben könnte."

„Du bist leicht zufrieden zu stellen", bemerkte Alice trocken, aber ihre Stimme klang mit einem Mal irgendwie anders, so als ob sie plötzlich aus weiter Ferne käme ...

Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, aber von einer Sekunde auf die andere waren die sorgfältig beschriebenen Blätter vor meinen Augen verschwunden. Und ich war auch nicht mehr in meinem Zimmer, sondern stand auf einem schroff abfallenden Felsen und blickte hinab in ein wildes, bewaldetes Tal, durch das sich ein schäumender Fluss schlängelte.

Und dann sah ich Alice, die etwa fünfzig Meter unter mir an der Felswand hing. Ihre Finger und Zehen krallten sich in die steinerne Wand, während sie sich langsam, Schritt für Schritt, daran entlang hangelte. Es sah nicht so aus, als würde sie Mühe mit dieser Fortbewegungsweise haben; eher so, als würde sie auf etwas lauern und sich nur deshalb so vorsichtig bewegen, um bloß kein Geräusch zu verursachen. Tief unter ihr bewegte sich ebenfalls etwas, aber verborgen im Wald. Ich sah Bewegungen von Ästen und Zweigen, die eindeutig nicht vom Wind verursacht worden waren. Und ich roch etwas, etwas Saftiges, Appetitanregendes. Etwas Unwiderstehliches.

Und dann sprang Alice. Ihr kleiner, zierlicher Körper streckte sich wie der eines Raubtieres, sie drehte sich im Flug wie ein Geschoss und durchbrach schließlich mit schier selbstmörderischer Geschwindigkeit die dichte Decke der Baumwipfel.

Ein wilder Schrei, so roh und urwüchsig in seiner Kraft und Ungezähmtheit, dass er mir durch Mark und Bein ging, erklang. Etwas krachte, lauter noch als der Schrei zuvor drang das brechende Geräusch eines umstürzenden Baumes zu mir herauf, ich sah, wie der gewaltige Wurzelballen durch die Luft gewirbelt wurde und der gesamte Baumriese ein ganzes Stück weiter wieder durch das dichte Blätterdach zu Boden krachte.

Und dann veränderte sich plötzlich alles. Das Leichte, Spielerische war verschwunden, von einem Moment auf den anderen war die Atmosphäre bedrohlich. Und mir stockte der Atem. Dort, wo der Baum zuvor gestanden hatte, war jetzt ein riesiger Krater zu sehen, in dessen Mitte Alice hockte und mit weit aufgerissenen Augen in die Runde blickte.

Erschrocken keuchte ich auf, als ich sah, auf was sie starrte.

Da waren sieben Gestalten in dunklen Umhängen, die einen Kreis um den Krater gebildet hatten, und jetzt den Ring immer enger zusammenzogen. Und ihre Körperhaltung ließ keinen Zweifel daran zu, dass sie sich ihre Beute nicht entgehen lassen würden. Dass Alice nur die Wahl hatte, sich ihnen zu ergeben, oder zu sterben ...

„Janice! Janice, was ist los?" Kalte, harte Hände hatten sich um meine Schultern geschlossen und schüttelten mich. „Janice, verdammt noch mal, rede mit mir!"

Benommen starrte ich in Jaspers Gesicht, das in diesem Moment noch bleicher wirkte, als ich es von ihm gewöhnt war. „Jasper? Was ist passiert?"

„Ich hatte gehofft, dass du mir das sagen würdest." Sein Griff veränderte sich, wurde weniger fest und stützte mich jetzt nur noch, statt mich durchzuschütteln. „Du warst plötzlich völlig weggetreten. Ich hatte schon Angst, du bekämst irgendeinen Anfall, oder so."

„Oder so." Mühsam holte ich Atem, dankbar, dass Jasper mich immer noch festhielt. Und dann sah ich auch Alice' erschrockenes Gesicht. Sie stand knapp hinter ihrem Freund und ihre Augen waren genauso panisch geweitet wie seine.

„Ich glaube ... ich glaube, ich habe gerade geträumt. Irgendwie. Es war ein völlig verrückter Traum. So, als könnte ich plötzlich Dinge sehen, hören oder riechen ... fast wie ein wildes Tier, oder so." Ich atmete wieder tief durch, meine Stimme zitterte. „Ich glaube, ich drehe durch, Alice! Erst höre ich die Gedanken deines Bruders und jetzt sehe ich dich, wie du von einer Felswand springst und von unheimlichen Gestalten in dunklen Umhängen gefangengenommen wirst ... Au!"

„Jasper, du tust ihr weh!" Alice' Stimme war leise und eindringlich. Der eisenharte Griff um meine Oberarme verschwand augenblicklich.

Ich spürte kaum, wie das Blut mir wieder in die Arme schoss. Und mir war auch herzlich egal, dass ich bestimmt blaue Flecken an den Oberarmen bekommen würde. Ich war völlig damit beschäftigt, angesichts von Jaspers Gesichtsausdruck Angst zu bekommen.

Offenbar hatte ich mich geirrt. Ich hatte nicht geträumt. Kein Traum konnte diesen Ausdruck von Wut, Besorgnis und nackter Panik im Gesicht von Alice' Freund hervorgerufen haben.

„Okay", flüsterte ich, weil die beiden noch immer schweigend und wie erstarrt vor mir standen, ohne mir von sich aus eine Erklärung anzubieten. „Was immer hier vorgeht, ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich endlich eingeweiht werde!"


Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit mal bei meiner ersten und bisher einzigen Reviewerin bedanken. Liebe Mari, ich freue mich sehr, dass Dir die Geschichte gefällt! Und ich hoffe, dass Du mir bis zum Ende die Treue halten wirst!

Und an alle Schwarzleser: Auch Autoren brauchen Zuspruch! Also bitte her mit Euren Kritiken und Anregungen, nur damit kann eine Geschichte wirklich gut werden.