Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus eine sehr kurze Vergangenheit.
- Arthur Schopenhauer (1788-1860)
Die Dunkelheit hatte die Ländereien von Hogwarts schon längst für sich eingenommen, als sie sich zum Black Hind aufmachten. Während die beiden durch den Schnee stapften, ohne sich dem anderen zuzuwenden, bildete Dracos Atem weiße Wölkchen, so kalt war es.
Zum Glück, was er nie zugeben würde, dauerte es nicht lange und er war froh, als der schwarze Schemen des Felsens in der Nacht aufragte. Er war auch im Mondlicht kaum vom dunklen Himmel zu unterscheiden, was durch den umliegenden Schnee nur noch mehr betont wurde.
„Hier lang", wies Draco sie an und machte einen Bogen um einige kleinere Felsen. Weaslette folgte ihm zwar, doch ihre Nervosität war deutlich zu spüren.
„Und jetzt?", fragte sie, als die beiden im Schatten des Black Hinds und einiger anderer Steinmonumente standen. „Wir wissen immerhin nicht, wo R etwas versteckt hat …"
„Ich sagte doch, dass es unwahrscheinlich ist, etwas zu finden."
Weaslette beachtete ihn nicht und legte den Kopf in den Nacken. „Wo würde man etwas verstecken, was nicht jeder finden soll …", murmelte sie vor sich hin, die Arme mit nachdenklichem Gesichtsausdruck vor der Brust verschränkt.
Draco zuckte nur mit den Schultern und lehnte sich gemächlich gegen den kalten Fels. Er beobachtete die Gryffindor, wie sie auf dem unebenen Boden vorsichtig umherging, immer darauf bedacht, nicht in eine Pfütze zu treten oder über eine Wurzel zu stolpern. Sie erhoffte sich offenbar tatsächlich etwas zu finden, was er ihr auch nicht verdenken konnte, da sie vorhin eine ziemlich dicke Lippe riskiert hatte. Aber so kannte man die Weasleys schließlich. Sie waren ein Haufen von überfreundlichen, unkontrollierten, temperamentvollen Idioten, die glaubten, dass alles gut und schön werden würde.
Er sah auf seine Armbanduhr. Nur noch wenige Minuten bis zehn. Ungeduldig sah er erneut zu Weaslette, die immer noch damit beschäftigt war, die Gegend zu durchkämmen. Es war nichts Ungewöhnliches, dass zumindest die älteren Schüler teilweise bis Mitternacht aufblieben, doch Draco fand trotzdem, dass er um diese Uhrzeit und bei dieser Kälte lieber in den Kerkern wäre. Die waren zwar auch um diese Jahreszeit herum sehr eisig, aber immerhin hatte man dort Kamine und Decken zum Aufwärmen.
„Weaslette, wie lange hast du noch vor, hier herumzustaksen?"
„Schnauze, Malfoy, wir hatten kein Zeitlimit vereinbart", knurrte sie und stolzierte hocherhobenen Hauptes zu ihm herüber. „Und außerdem könntest du-"
Dracos Blick schnellte hoch. „Still", zischte er und lauschte in die Stille des Waldes hinein. Offenbar hatte sie das Gleiche wie er gehört, denn sie war zu erschrocken, um seine Hand wegzuschlagen, die er aus einem Reflex heraus auf ihren Mund gepresst hatte.
Als eine Weile nichts passierte, spürte er ihre verkrampften Finger um seine, die seinen Griff von ihr lösten. „Ich habe mir das doch nicht eingebildet? Du hast dieses Rascheln auch gehört, oder?", flüsterte sie.
Draco nickte und wandte sich nur langsam ab. „Das war jedenfalls etwas Größeres als ein herumstreunender Hund. Lass uns verschwinden."
„Mh", stimmte sie zu, immer noch um sich schauend.
Er sah auf sie hinunter und stutzte. „Sag mal, Weaslette … wie lange hast du eigentlich noch vor meine Hand zu zerquetschen?", grinste er.
Hastig ließ sie ihn los und wich mit geröteten Wangen zurück. „Guck nicht so, das war echt gruselig", nuschelte sie und boxte ihn mit der Faust verärgert gegen die Schulter. „Lass uns einfach gehen."
„In Ordnung", sagte er, immer noch schelmisch feixend. „Dir ist aber schon-"
Doch was ihr 'aber schon' sein sollte, das würde sie nicht mehr erfahren, denn in diesem Moment knackte es im Unterholz. Eine Stimme räusperte sich hinter ihnen. „Was sucht ihr hier?"
Sie wirbelten herum und sahen sich einem großen, vom Mondlicht beschienenen Zentauren mit weißblondem Haar gegenüber. „Firenze!", rief die Gryffindor erleichtert aus. Bei Draco selbst dämmerte es erst, als er den Namen des Waldgeschöpfs hörte, während Weaslette neben ihm aufseufzte und sich zu einem Lächeln zwang. „Du hast uns ziemlich erschreckt."
„Entschuldigen Sie. Sie sollten um diese Uhrzeit aber nicht hier sein. Was tun Sie hier?" Er sah flüchtig zu Draco hinüber. „Und noch dazu mit dieser Person?"
„Wir haben nach etwas gesucht, also Malfoy und ich", meinte sie und deutete auf ihn.
„Und was wäre das?"
„Nun ja", begann sie und beeilte sich, dem ehemaligen Professor für Wahrsagen zu erzählen, was sie hergebracht hatte. Dieser hörte aufmerksam zu und schwieg, bis sie geendet hatte. Die Art, wie sie mit Firenze sprach, war Dracos Meinung nach zu entspannt – er war immerhin ein Zentaur und kein Zauberer. Draco schüttelte missmutig den Kopf. 'Bei ihr hört es sich an, als hätten wir einen netten, kleinen Spaziergang unternommen', dachte er genervt, doch er bemerkte, dass Firenze offenbar die Fähigkeit besaß, hinter die verharmlosten Aussagen des Mädchens zu blicken.
„Dann suchen Sie das, was dieser jemand hier vor einiger Zeit versteckt hat?" Zustimmend nickte Weaslette und seufzte: „Allerdings habe ich bisher nichts gefunden."
Firenze schnaubte, wobei sein Schweif unruhig zuckte. „Nun, Sie kommen zu spät, die Briefe wurden schon geborgen."
„Briefe?", fragte sie fassungslos. „Bedeutet, du weißt davon?"
„Ja. Viele der Zentauren waren damals darüber verärgert, dass man den Wald in solcher Weise schändete, doch da das Mädchen schon am nächsten Tag kam und sie an sich genommen hat, geriet die Aufregung in Unbedeutsamkeit."
„Welches Mädchen?"
„Noch am darauf folgenden Tag kam sie her und nahm die Briefe ohne viele Worte an sich. Allerdings ..."
„Allerdings?" Sie beugte sich noch ein bisschen vor, sodass Draco genervt mit den Augen rollen musste. „Jetzt lass ihn doch ausreden", brummte er.
„Allerdings kam sie einige Jahre später wieder her. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, doch die Sterne sagten mir, dass sie kommen würde. Sie sprach nicht viel, sondern bat mich nur, das, was sie an der gleichen Stelle vergrub, wie damals der andere Mensch, zu beschützen. Sie war ein wirklich kluges Mädchen für eine Hexe, sie hatte ein gutes Auge für die Sterne. Nur an diesem Tag schien sie sehr traurig. Sie weinte, glaube ich …"
„Das hieße ja … du weißt, wo die Briefe jetzt sind?!", rief Weaslette triumphierend und strahlte über das ganze Gesicht. Sie schien seine letzten Worte nicht mehr gehört zu haben.
Firenze trat unruhig einen Schritt zurück und sah mit funkelnden Augen zu Draco. „Sie schwankt ein bisschen viel", meinte er. Draco zuckte lediglich zustimmend mit der Augenbraue, sodass sich Firenze wieder Weaslette zuwandte. „Sie hat sie damals, wenn ich mich recht erinnere, unter den Wurzeln des Waldbeerenstrauchs vergraben, der am Fuße des Schwarzen steht."
Weaslette verlor keine Zeit und hastete davon, um nach den Briefen zu suchen. Draco nickte dem Zentaur zu. „Nennt ihr den Black Hind so?"
„Ja. Obwohl diese beiden von damals ihn anders genannt haben."
„Biche noir."
„Ich erinnere mich."
Draco schwieg. Dann fragte er bedacht: „War dieser Junge ein Bekannter von euch?"
„Nein, der Junge nicht, aber das Mädchen. Sie kam oft her. Auch vor den Briefen schon, kümmerte sich um den Wald. Daher akzeptierten wir Zentauren auch ihre Bitte, die Briefe dort begraben zu lassen."
Der Slytherin schwieg daraufhin und sah Weaslette entgegen, die auf sie zukam. „Ich habe sie!", sagte sie lachend und funkelte Draco an. „Ich schätzte, jetzt bist du mir einen 'kleinen Gefallen' schuldig!"
Er rümpfte die Nase. „Davon träumst du, nicht wahr?"
ooooo
„Beeil dich, Malfoy!", rief Ginny und rannte fast die Stufen zum Schloss hinauf.
Der Slytherin hinter ihr schien zwar nicht besonders außer Atem, doch sein Gesicht sprach Bände davon, wie genervt er von ihr war. „Wieso können wir uns das Rennen nicht sparen und du liest diese Briefe, oder was auch immer, ganz einfach hier draußen?"
Augenblicklich beschleunigte sie noch ein Stück und zwang sich dazu, in sorglosem Ton zu antworten: „Mir ist kalt!"
„Ach ja? Und du bist dir sicher, dass du nicht einfach Angst vor der Nacht hast?", spottete Malfoy hinter ihr.
Sie blieb sofort stehen und verschränkte wütend die Arme. Verhindern konnte sie dabei allerdings nicht, dass sie einen nervösen Blick in Richtung Wald warf. Eigentlich hatte sie wirklich keine Bedenken in der Dunkelheit, doch seit Firenze wieder zu seiner Herde zurückgekehrt war, hatte sie ein unangenehmes Gefühl, als würden Blicke sie verfolgen.
Doch das hatte sie natürlich nicht vor, Malfoy zu erzählen. Er hatte schon genug Munition, um sie zu verspotten – und als paranoid oder feige wollte sie nun wirklich nicht gelten. „Natürlich nicht!", antwortete sie also, doch ihre Stimme klang nicht halb so selbstbewusst, wie beabsichtigt. „Wenn du so faul bist, kann ich sie auch hier lesen!" Mit sturem Gesichtsausdruck starrte Ginny ihn herausfordernd an.
Malfoy musterte sie kurz eingehend, dann schüttelte er überraschenderweise den Kopf. „Lass mal." Er ging an ihr vorbei und stapfte wortlos weiter durch den Schnee auf das Schloss zu.
Ginny konnte es nicht fassen und blieb gebannt stehen, bis ihr wieder einfiel, dass sie zurückblieb, wenn sie ihm nicht folgte. Als sie sich beeilte, ihm hinterherzukommen, schossen die Gedanken wie Blitze durch ihren Kopf, sodass sie ihnen kaum folgen konnte. Sie war sich sicher, dass sie sich täuschen musste – nein, dass sie sich täuschte. Das konnte ganz einfach keine freundliche Geste gewesen sein. Unmöglich. Wahrscheinlich fror er nur und wollte das nicht zugeben oder so …
Während sie sich dem Schloss näherten, merkte Ginny, wie spät es sein musste. Es brannte kein Licht mehr hinter den Fenstern und die Eulen, die zur Jagd antraten, warfen schaurige Schatten auf die Ländereien. „Was die Briefe angeht, interessiert dich eigentlich der Inhalt?", platzte es plötzlich aus ihr heraus. Zum Teil nur, um die unheimliche Stille zu überbrücken.
„Was?", fragte er abwesend. „Die Briefe? Nein, wieso sollte mich der Inhalt interessieren? Wahrscheinlich ist das nur das Gesülze von zwei verknallten Teenagern."
„Und das ist so uninteressant?" Ginny sah neugierig zu ihm auf. Stimmt, wenn sie sich vorstellte, wie Draco Malfoy alte Liebesbriefe las, konnte sie sich das Kichern fast nicht verkneifen. Eine Vorstellung, an der ganz eindeutig etwas nicht stimmte.
„Bin ich ein Mädchen?", antwortete er wie erwartet. „Komm schon, kein vernünftiger Typ findet so was spannend … korrigiere, jeder Typ, der diese Bezeichnung auch nur ansatzweise verdient. Longbottom und Potter schließen wir hier aus."
Sie ignorierte seinen Seitenhieb. „Fändest du es denn so schlimm, dir das anhören zu müssen?"
„Ja", sagte er knapp, ohne zu zögern.
„War ja nicht anders zu erwarten", nuschelte sie. „Dann werde ich sie mitnehmen."
„In Ordnung", erwiderte er gelangweilt und trat mit einem deutlich fröhlicherem Gesichtsausdruck – wenn das bei ihm überhaupt möglich war – in die Eingangshalle. Er wandte sich nicht einmal zu ihr um, als er ihr zurief: „Auf nicht baldiges Wiedersehen!"
„Klappe", murmelte sie. Inzwischen sollten seine Kommentare sie eigentlich vollkommen kalt lassen, so oft, wie er die gleiche Leier abspiel- „Die gleiche Leier …?", flüsterte sie irritiert und starrte die im Dunkeln liegende Treppe zu den Kerkern verdutzt an. Es war ja nichts Neues, dass er eigentlich grundlegend dieselben Beleidigungen verwendete, aber … er hatte sie ausgelassen. Den ganzen Weg zum Schloss und wenn sie genau nachdachte, eigentlich den ganzen Tag. Er hatte sie genervt, aber nie war etwas Bösartiges dabei gewesen …
„Nichts Bösartiges …", wiederholte sie ihre eigenen Gedanken. Um genau zu sein war er geradezu freundlich gewesen. Doch momentan fühlte sie sich, so überrascht wie sie über diese Entdeckung war, nicht in der Lage, weiter darüber nachzudenken.
Sie wurde daraus nicht schlau. Um genau zu sein, wurde sie aus ihm einfach nicht schlau. Wer war Malfoy und was hatte er mit dem alten Malfoy gemacht?
ooooo
Entgegen Ginnys Erwartungen hatte sie wirklich Spaß, sobald ihre anfängliche Befangenheit sich erstmal gelöst hatte. Malcom Richard war, wie sie feststellte, ein netter Kerl, wenn man davon absah, dass er sich wirklich gerne mit seiner charmanten Art aufspielte und ernsten Themen grundlegend auswich. Allerdings verstand er es, sie eloquent zu unterhalten, was dazu führte, dass sie schon auf dem Weg zum Dorf warm mit ihm wurde.
Den Vormittag über schlenderten die beiden durch das Dorf und machten Erledigungen, dann gingen sie in den Honigtopf und anschließend in die Drei Besen. Die Zeit verging so schnell, dass sie nicht einmal merkte, dass es bereits Abend wurde, als Malcom sie fragte, ob sie mit ihm etwas essen gehen wollte, weil er keine Lust hatte, im Schloss zu essen.
„Gern", antwortete sie erfreut. „Wohin denn?"
Malcom grinste und nahm sie an der Hand. Er trug Handschuhe, doch trotzdem war sie angenehm warm und Ginny flocht ihre Finger durch seine. „Lass dich überraschen. Komm", sagte er geheimnisvoll und führte sie durch einige Straßen bis zu einem hübschen Restaurant, in das man durch ein großes Schaufenster hineinsehen konnte.
Genau, wie es von draußen versprach, war es drinnen gemütlich und schön ruhig. Es spielte leise Musik im Hintergrund und Kerzen standen auf allen Tischen. Ginny musste sagen, dass sie es ein wenig übertrieben romantisch fand, aber in gewisser Weise hatte es schon etwas.
„Zwei Personen", sagte Malcom zu der Kellnerin, die freundlich auf sie zugekommen war und sie nun an einen kleinen Tisch in der Mitte des Raumes führte. „Ich mach das schon", meinte er, als sie schon Richtung Garderobe gehen wollte, und nahm ihr ihren gerade ausgezogenen Mantel aus dem Arm. Gentlemanlike brachte er ihn mit seinen eigenen Sachen weg, dann kam er kurz darauf zurück.
Ginny war zwar leicht verdutzt gewesen, ließ sich aber auf ihren Platz sinken und nahm die schon bereitliegende Karte. Skeptisch betrachtete sie die Preise, die am Rand standen. „Ist das nicht etwas teuer?", fragte sie ihn, als er sich ihr gegenüber fallenließ. „Wir können auch woanders hingehen."
„Nein, das ist doch noch billig", tat Malcom ihren Einwurf amüsiert ab und studierte selbst die angebotenen Speisen. „Ich empfehle dir übrigens die Pastagerichte hier, die machen grandiose Saucen."
Bevor sie etwas erwidern konnte, kam die Kellnerin zurück und brachte ihnen einen Krug Wasser. „Wissen Sie vielleicht schon, ob Sie noch was trinken wollen?", erkundigte sie sich. „Oder essen?"
Er nickte und sie gaben ihre Bestellung auf, dann verschwand die junge Frau wieder. „So", meinte Malcom und lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück, „wie hat dir der Tag bisher gefallen?"
Ginny lächelte belustigt. „Alles in allem hast du dich ganz gut geschlagen – für einen Slytherin."
„Ich nehme demütigst dein Urteil an. Aber vertrau mir, nach dem Essen hier wirst du nicht mehr so herablassen reden können – es wird dich nämlich umhauen. Und ich werde nicht zögern, das auszunutzen und dich zu Lobeshymnen über meinen brillanten Geschmack zu bringen."
„Mal sehen", entgegnete sie herausfordernd. Und eine Stunde später wurde aus dem 'Mal sehen' ein 'Ziemlich wahrscheinlich', denn das Essen war wirklich gut. Malcom bezahlte die Rechnung und gerade, als sie ihre Sachen wieder angezogen hatten, betraten drei Personen das Restaurant, die Ginny lieber nicht getroffen hätte. Es waren Harry, Ron und Hermine.
„Oh verdammt", murmelte sie. Wenn Harry sie jetzt sehen würde …
„Ist was?"
„Ja", antwortete Ginny und sah sich hektisch um. Die Kellnerin, die sie vorhin bedient hatte, kam gerade an ihr vorbei und sie hielt sie zurück. „Entschuldigen Sie, haben Sie zufällig eine Hintertür?"
„Ähm, ja", sagte diese verwirrt und deutete auf eine Tür neben der, die zur Küche führte.
„Danke." Damit zog sie Malcom hinter sich her und auf die Straße.
„Was sollte das denn jetzt?", fragte er genervt, als sie ihn losließ. „Doch nicht etwa wegen Potter?"
Entschuldigend sah sie ihn an. „Tut mir leid. Ich wollte nur nicht, dass sie uns jetzt eine Szene machen." Dass sie hauptsächlich keine Lust hatte, Harry zu verletzen und möglicherweise noch mehr von sich wegzustoßen, verschwieg sie ihm lieber. Aber Harry musste wirklich nicht sehen, dass sie sich mit jemandem – und vor allem einem Slytherin – traf.
„Na schön", seufzte Malcom. Dann streckte er die Hand nach ihr aus und erleichtert nahm sie sie. So gingen sie schweigend nebeneinander her, doch plötzlich, als sie gerade auf den Pfad abbiegen mussten, der zum Schloss führte, zögerte er.
„Was ist los?", fragte sie überrascht.
„Ich … Komm mal mit." Er zog sie, ohne auf eine Antwort zu warten, hinter sich her in eine Seitenstraße. Es war wirklich kalt und die dunklen Schatten machten ihr leichtes Unbehagen nicht gerade besser. Als Malcom vor ihr hielt und sich zu ihr umdrehte, blieb sie ebenfalls stehen.
Fragend schaute sie zu ihm hoch. „Was ist denn?"
„Weißt du, ich mag dich …", sagte er leise und hob seine Hand zu ihrem Kopf. Er begann, mit seinen Fingern an ihren roten Haarsträhnen zu spielen und zu zupfen und strich hindurch, bis er an ihrem Nacken Halt machte. Eine Gänsehaut überzog Ginnys Arme, als er sich näher zu ihr beugte. „Ich mag dich schon seit einiger Zeit."
Sie schluckte. „Oh", machte sie nur, während sie beobachtete, wie sein Blick von ihren Augen zu ihren Lippen wanderte. Ginny wünschte, sie könnte sich etwas von ihm entfernen, doch sie wollte ihn auch nicht von sich stoßen.
„Ginny?"
„Äh, ja?" Sie sah nervös zur Seite. Doch bedauerlicherweise sagte er nichts mehr. Stattdessen lehnte er sich noch ein Stück zu ihr hinunter und presste seinen Mund auf ihren.
Ihr erster Reflex war, ihn von sich zu schieben, doch dann hielt sie inne. Eigentlich … küsste er nicht mal schlecht. Es war nicht so, dass sie geküsst werden wollte, aber es war trotzdem ganz schön. Und in diesem Moment hatte sie keine Argumente, die dagegensprachen. Also legte sie ihre Arme um ihn und erwiderte den Kuss.
Bis sie eine Hand spürte, die sich auf ihren Oberschenkel legte und langsam daran hochfuhr. Sie wollte sich von Malcom lösen und ihm sagen, dass es das lassen sollte, doch plötzlich packte er ihre Handgelenke und hielt sie fest. „Malcom, was sol-"
Er trennte seine Lippen von ihren. „Shh, sonst hört uns noch jemand. Du willst doch auch mit mir allein sein, oder?"
„Was?" Ginny verstand gar nichts mehr. Nur, dass in ihrem Kopf alle Alarmglocken anschlugen, weil er nun über ihre Taille strich und sich den Knöpfen ihres Mantels widmete. „Lass mich los, Malcom. Das ist nicht lustig!" Panik machte sich langsam in ihrer Stimme bemerkbar und scheinbar hörte er das auch, denn er lachte rau.
„Du willst also spielen, ja, Ginny?" Das letzte Wort hauchte er nur noch gegen ihren Hals, bevor er langsam mit den Zähnen darüber strich.
„Malcom, ein letztes Mal: Lass mich los! Ich will das nicht."
Er kicherte nur wieder, ohne darauf einzugehen. Jetzt war er bei ihrem Ohr angelangt und biss nicht gerade vorsichtig hinein. Ginnys Herz raste und sie spürte, wie die Angst sich auch in ihren Knochen ausbreitete. Was sollte sie tun? Sie konnte sich nicht von ihm losmachen, denn er hielt sie weiterhin fest. Ihren Zauberstab konnte sie so also auch nicht ziehen und obendrein war sie zwischen ihm und der Wand in ihrem Rücken eingekeilt. Es gab keinen Fluchtweg.
Nur, wenn sie es schaffen könnte, ihn zu treten und während des Überraschungsmoments zu fliehen, dann könnte sie möglicherweise entkommen. Malfoys Worte kamen ihr plötzlich in den Sinn: „Wenn du mich fragst, ein bisschen zu viel wenn und vielleicht, um dem nachzugehen …" Aber sie war eine Weasley, eine Gryffindor, sie würde das schaffen!
Ginny atmete tief ein, dann biss sie die Zähne aufeinander. Gerade wollte sie ihr Knie hochschnellen lassen, um ihm zwischen die Beine zu treten, da wurde Malcom von ihr weggerissen. Erst verstand sie nicht wirklich, was los war, doch schließlich sah sie eine Gestalt hinter dem Slytherin.
„Ich will dir ja nicht zu nahe treten, Richard … aber du stehst im Weg", knurrte die Person leise und bedrohlich, während sie ihn am Kragen gepackt hielt. Ginny wusste sofort, wer das war.
„Malfoy …", fauchte Malcom und schlug seine Hand weg. Er wich ein Stück zurück, klopfte sich die Kleidung ab und rückte seinen Schal zurecht. „Was willst du? Ich wüsste nicht, was dich das hier etwas angeht."
Doch Malfoy beachtete ihn nicht. Er blickte zu Ginny und musterte sie eingehend. „Hat er dich verletzt?", fragte er knapp.
„Ich …", murmelte sie und räusperte sich schnell. „Nein."
Malcom schnaubte. „Als ob ich sie verletzt hätte. Das war ein Spiel und das weiß sie genau. Tu nicht so, als hättest du es nicht gewusst, Ginny. Du wärst gar nicht mit mir ausgegangen, wenn du es nicht gewollt hättest."
Ginny sah, wie Malfoy einen Schritt auf ihn zumachte, doch sie war schneller. „Furunculus!", rief sie und zielte mit ihrem gezückten Zauberstab auf Malcom. Dieser schrie sofort in einer Mischung aus Wut und Schmerz auf und hielt sich das Gesicht, auf dem bereits unzählige Furunkel sich ausbreiteten.
„Du …!", zischte er, aber sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.
„Halt dein Maul, Richard!", schrie sie. „Wenn du länger hier bleibst, weiß ich nicht, ob ich noch für dich garantieren kann – also verschwinde!" Drohend zuckte sie mit ihrem Zauberstab.
Malfoy grinste und wandte sich an Richard. „An deiner Stelle würde ich auf sie hören. Sie kann einen verdammt guten Flederwichtfluch."
„Ich-", machte der, doch dann unterbrach er sich selbst. Er wirbelte auf dem Absatz herum und mit hocherhobenem Kinn stolzierte er davon.
Ginny sah ihm nach und versuchte, sich selbst zu beruhigen. Sie atmete einmal tief durch, bevor sie sich dazu bereit fühlte, sich zu Malfoy umzudrehen. Dieser musterte sie mit wie eh und je unergründlicher Miene und während sie sich gegenseitig stumm anschauten, wurde ihr plötzlich bewusst, was hier gerade eigentlich passiert war. Bevor sie jedoch irgendetwas sagen konnte, seufzte Malfoy und steckte die Hände in die Hosentaschen, wobei ihr erst auffiel, wie angespannt er war.
„Du könntest ruhig mal Danke sagen, Weasley. So was wie 'Oh, mein strahlender Held, danke, dass du mich vor diesem widerlichen Lustmolch gerettet hast!'. Obwohl du den 'strahlenden Held' meinetwegen auch weglassen kannst."
Ginny blinzelte heftig, zwang sich jedoch dazu, etwas zu erwidern. „Danke …", presste sie widerwillig zwischen ihren Zähnen hindurch. „Bild dir aber nichts darauf ein. Ich hätte es früher oder später auch allein geschafft." Was eine Lüge war. Er hatte sie gerettet. Schon wieder.
„Schon gut", meine Malfoy und zuckte nur lässig mit den Schultern. „Allerdings sollte ich anfangen eine Strichliste zu führen – das wievielte Mal war das jetzt?"
Sie schwieg nur und richtete ihre Kleidung. In Wahrheit fühlte sie sich schrecklich, aber sie hatte nun wirklich keine Lust, jetzt auch noch vor ihm rumzujammern. Oder gar zu heulen. Deshalb fragte sie nur: „Wollen wir zum Schloss zurückgehen?"
„Angsthase", feixte er belustigt und Ginny rümpfte die Nase, während sie brummte: „Schnauze, Malfoy …"
„Beruhig dich, Weaslette", seufzte er und hob beschwichtigend die Arme. „Es ist ja auch nicht so, als hättest du es nicht verdient. Ich habe immer noch Horrorversionen deiner Stimme …"
Verwirrt sah sie auf. „Was meinst- Oh. Das." Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, als sie an den gestrigen Abend zurückdachte. Ihr Quidditchtraining war ausgefallen, also hatte sie Malfoy auf den Plan gerufen und sie hatten sich in der Heulenden Hütte getroffen.
Allerdings war das nach dem Abendessen gewesen, bei dem sie weniger gegessen, sondern stattdessen mehr die Briefe gelesen hatte, die sie mit dem Slytherin gefunden hatte. Und dabei hatte sie wieder so die Zeit vergessen, dass Malfoy sie nicht nur am Gryffindortisch hatte abholen, sondern sich in der Hütte auch noch die Briefe hatte vorlesen lassen müssen. Und das wiederum, weil er keine andere Wahl gehabt hatte, nachdem sie die Wette gegen ihn gewonnen hatte.
Ginny konnte zufrieden behaupten, dass sie seine Selbstkontrolle, auf die er ja sonst ach so stolz war, bis an die äußerste Grenze getrieben hatte, wenn nicht sogar bis zur Kesselexplosion. Und das mit ein paar rosigen Liebesschwüren unter zwei Teenagern. Er hatte definitiv sonderbare Schwächen.
Doch in diesem Moment unterbrach ein Geräusch die Stille um sie herum. Nein, eigentlich kein Geräusch. Vielmehr ein so markerschütternder Schrei, bei dem Ginny das Gefühl hatte, die Welt wäre in einem Zug zu Eis erstarrt.
Ihre Blicke trafen sich. „Was war das?", fragte sie geschockt, mehr zu sich selbst, als zu Malfoy.
„Ich weiß es nicht", antwortete er trotzdem und schob sich an ihr vorbei, um in die Richtung zu rennen, aus der sie die Stimme gehört hatten.
Ginny folgte ihm auf dem Fuß, wobei sie dafür dankbar war, dass sie früher immer mit Charlie Fangen gespielt hatte, sodass sie problemlos mit ihm Schritt halten konnte. Sie bogen um zwei Ecken und stoppten, als sie drei Viertklässlerinnen vor sich sahen, die Ginny ihrem eigenen Haus zuordnete. Eine von ihnen kniete schluchzend an der Wand, während die anderen beiden wie betäubt dastanden und auf etwas starrten, das vor ihnen lag.
Malfoy, der weitaus größer war, als sie, schien das etwas zu sehen, doch Ginny musste sich erst an den beiden Mädchen vorbeidrängeln.
Sie wurde bleich. Nein, nicht bleich, kreidebleich. Ein Schauder überlief sie, ihre Glieder fühlten sich wie gefroren an.
Vor ihnen lag Theodore Nott. Sein slytheringrüner Schal wehte leicht im Wind und wäre da nicht das dunkelrote Blut gewesen, das den Schnee unter ihm verfärbte, hätte er ausgesehen, als würde er nur schlafen. Oder wäre zumindest nur ohnmächtig. Aber Ginny war klar, dass er auf keinen Fall schlief. Und auch nicht ohnmächtig war. Denn er war tot.
„Merlin", flüsterte sie nur. Das war definitiv zu viel für einen Abend.
