Kapitel 10: Tanzstunden

Als Hermine an diesem Abend an die Kerkertür klopfte, spürte sie, dass sie feuchte Hände und eine Gänsehaut hatte. Und sie wollte erst gar nicht über das Kribbeln in der Magengegend nachdenken. Innerlich schimpfte sie mit sich selbst: Wer, bitte schön, ist denn so bescheuert, sich in den unberechenbaren Meister des Toxischen zu verlieben?

Genau in diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, Snape sah sie einen Moment an, lachte leise und sagte dann: „Gute Frage, Miss Granger. Allein dafür müsste ich Ihnen schon Punkte geben"

Einen Moment starrte sie ihn entgeistert bis dämlich an, bis ihr klar wurde, dass er mal wieder einen kleinen Blick in ihre Gedanken riskiert hatte.

Mit einer leichten Handbewegung bat der Professor sie ins Zimmer und dann legte Hermine auch schon los: „Ihnen auch einen wunderschönen guten Abend, Professor Snape! Und nur nebenbei: Ich finde es nicht nur unangebracht, sondern unhöflich und ungehörig, dass Sie – wann immer sich die Gelegenheit bietet und Sie Lust dazu haben – einen Blick in meine Gedanken werfen. Entweder Sie unterlassen das oder Sie müssen mir nicht nur Tanzen sondern auch Okklumentik beibringen, damit ich eine reelle Chance habe, Sie abzuwehren!"

Snape hatten wenigstens den Anstand, einen Moment schuldbewusst und zerknirscht auszusehen, bevor sein Mienenspiel zu sehr amüsiert wechselte:

„Na na, Miss Granger, so viele –un's? Ja, ich gebe zu, dass es nicht fair von mir ist, aber wer hat schon gesagt, dass die Welt fair ist?" Hermine starrte ihn wütend an und er fuhr ungerührt fort: „Ich empfehle Ihnen einen Band aus der Bibliothek – Sie sind schließlich genial, also können Sie sich das auch alleine beibringen. Außerdem sind Ihre Mitschüler definitiv zu neugierig – Sie können froh sein, dass mir die Sache mit dem Morgentaugift nicht entfallen ist, sonst müssten Sie wieder irgendwelche Ausreden fabrizieren. Und in meinem Alter kann mir leicht etwas entfallen"

Hermine schnaubte – sie kannte diese Andeutungen des Tränkemeisters, denn nachdem Anspielungen auf seinen schlechten Charakter nicht gefruchtet hatten, würde er es nun auf der Altersschiene versuchen – ziemlich lahmer Versuch, wie sie fand.

Aber sie war schließlich nicht hier, um mit ihm die Vor- und Nachteile seiner Person zu diskutieren, sondern um Tanzen zu lernen, denn wenn sie ehrlich war, hatte sie sich viel zu sehr auf diesen Abend gefreut, um jetzt mit Wortgefechten die Zeit zu vertrödeln, wenn sie ihm schon längst ein Stückchen näher sein könnte. Bei diesem Gedanken machte ihr Herz einen verräterischen Hüpfer, aber sie bemühte sich, so neutral wie möglich zu klingen, als sie sagte:

„Sind Sie jetzt damit fertig – ich denke, wir sollten dann nämlich anfangen..."

Wieder ein leises Lachen: „Wie immer eifrig und kratzbürstig – ich genieße diese Kombination. Aber ich frage mich auch, ob sich das auf alle Lebenslagen erstreckt"

Hier hob der Tränkemeister zweideutig eine Augenbraue und grinste zufrieden, als Hermine über und über rot wurde, aber dann war er doch ein bisschen verdutzt, als sie antwortete: „Es ist wohl an Ihnen, das herauszufinden..."

„Themawechsel, Miss Granger! Wir beschäftigen uns heute mit dem Walzer – ein absoluter Klassiker, den Sie unbedingt beherrschen müssen"

Hermine hörte ihm aufmerksam wie üblich zu, konnte aber nicht verhindern, dass sich ein zufriedenes Lächeln auf ihr Gesicht stahl: Sie hatte es geschafft, Severus Snape verlegen zu machen und ihn zu überraschen – sie konnte den Abend schon als gelungen verbuchen. Und, sagte ein kleines Winkelchen in ihrem Gehirn ziemlich eindringlich, der große Miesepeter aus den Kerkern flirtet mit dir...

Der Walzer machte Hermine mehr Schwierigkeiten als gedacht – immer wieder stolperte sie über ihre eigenen Füße und wenn sie dann nicht schon längst aus dem Takt war, dann schaffte ihr Tanzpartner das mühelos mit einem amüsierten Lächeln, denn sie musste immer wieder feststellen, dass ihm das ziemlich gut stand.

Nach zwei Stunden gaben sie für diesen Abend auf und Hermine trottete unzufrieden und recht deprimiert aus dem Raum.

Wie immer, wenn sie gerade an der Tür angekommen war, hielt ihr Lehrer sie noch einen kleinen Moment zurück – ihm war nicht entgangen, dass sie ein wenig niedergeschlagen aussah:

„Machen Sie sich nichts draus – ich mag auch keinen Walzer. Da wir beide da offensichtlich eine Abneigung teilen, werden wir diesen Tanz auch nicht unbedingt tanzen müssen"

Auf Hermines Gesicht stahl sich ein erleichtertes Lächeln, was ihn zu einem Schmunzeln veranlasste, bevor er sie mit einem „Gute Nacht!" verabschiedete.

Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors warteten Harry und Ron noch auf sie und wollten natürlich wissen, welche Strafarbeit sie bei Snape erwartet hatte.

Fieberhaft überlegte Hermine: Es durfte nichts zu Gemeines sein, sonst würden die Jungs, Severus und sie selbst nur in Schwierigkeiten kommen. Aber etwas zu Nettes wäre verdächtig. Schließlich entschloss sie sich für das Brauen einiger Tränke – das war für begabte, ältere Schüler keine Seltenheit und normalerweise eher das kleinere Übel bei einer Strafarbeit in den Kerkern.

Die Jungs nahmen ihr die Antwort auch anstandslos ab und so ging Hermine ziemlich bald zu Bett – tanzen konnte ganz schön anstrengend sein und besonders nervenaufreibend, wenn man ausgerechnet mit dem Mann übte, den man eigentlich beeindrucken wollte…

Hermine schlief wie ein Murmeltier und wurde am nächsten Morgen kaum von ihrem Wecker wach. Mühsam setzte sie sich auf, zog die Vorhänge des Himmelbetts zur Seite und blinzelte ins Tageslicht, als sich plötzlich ein Gesicht vor ihr Sichtfeld schob. Hermine quietschte erschrocken auf und erkannte schließlich Lavender, die sie neugierig anstarrte.

Als geborener Morgenmuffel war Hermine nur zu einem gereizten „Was?" fähig, das Lavender zum Grinsen und Hermines Laune noch ein bisschen weiter in den Keller brachte.

„Morgen, Mine, du hörst dich schon an wie unsere herzallerliebste Kerkerfledermaus…" Zuerst sah Hermine erschrocken und dann wütend aus, aber zum Glück deutete Lavender ihr Mienenspiel falsch und fuhr fort: „Keine Angst, so ähnlich bist du ihm dann doch nicht. Irgendwie fehlt da das Grimmige" Hermine wollte in diesem Moment ihrem Beschützerinstinkt nachgeben und biss sich im allerletzten Moment auf die Zunge – sie durfte Severus nicht verteidigen; das wäre einfach zu merkwürdig.

„Lavender, was willst du so früh am Morgen so gut gelaunt von mir?"

„Ich war bloß neugierig – du hast im Traum gesprochen und das klang sehr… na ja… zugeneigt und ich dachte, du könntest dich erinnern, um wen es ging?"

Hermine starrte Lavender drei Sekunden lang ungläubig an – genau so lange brauchte sie, bis die Information ihr schlafvernebeltes Gehirn erreicht hatte und dort die entsprechende Reaktion in Gang gesetzt hatte, denn dann…

„Lavender Sarah Brown, das geht dich gar nichts an, von wem ich wann wie lange warum was überhaupt träume! Halt dich gefälligst aus meinen Angelegenheiten raus, verstanden?"

Während ihrem wütenden Ausbruch war Lavender immer kleiner geworden und piepste schließlich nur noch: „Alles klar, Hermine, schon verstanden. Wir sehen uns dann später" und war damit in Lichtgeschwindigkeit verschwunden.

Hermine grinste zufrieden vor sich hin, als sie endlich aus ihrem Bett krabbelte – von dem Zaubertränkemeister konnte man nicht nur lernen, was ein Bezoar war …

Rechtzeitig zum Frühstück hatte sich Hermines Laune erholt und putzmunter saß sie zwischen Harry und Ron, als mit dem üblich dramatisch wehenden Umhang Snape die Große Halle betrat. Zielstrebig kam er wieder einmal auf Hermine zu und raunzte in typischer Manier:

„Miss Granger, denken Sie daran, heute Abend pünktlich zu sein. Es steht noch einiges auf dem Programm"

Hermine sah von ihrem Toast auf und entgegnete gelassen: „Guten Morgen, Professor Snape. Sicher, ich werde daran denken" und wollte sich damit wieder ihrem Frühstück widmen, als sie ein kurzes Schnauben hörte.

Snapes Augen funkelten amüsiert, aber er erwiderte gedehnt: „Wie schön, wir haben endlich zu etwas Selbstbewusstsein und Ruhe gefunden" und rauschte damit davon.

„Was war das denn für ein Auftritt?", fragte Harry verdutzt.

Hermine war auch ein wenig ratlos, aber da sie schon damit vertraut war, dass der Tränkemeister ihre Nähe suchte, zuckte sie nur die Schultern und bemerkte, dass er wohl eine Gelegenheit gesucht haben musste, um ein bisschen fies zu sein.

Den Jungs fiel nicht auf, dass Hermine wieder einmal ein Kompliment bekommen hatte – auch wenn es in eine anscheinend gemeine Bemerkung verpackt gewesen war.

Das System mit Ironie schien zu funktionieren…

Der Schultag, der Hermine normalerweise immer viel zu kurz vorkam, wollte auch heute wieder gar nicht zu einem Ende kommen und sie konnte die Male, die sie nervös auf die Uhr gestarrt hatte, schon gar nicht mehr zählen. Ein halbes dutzend Mal hatte sie schon einen Reparo angewandt, weil sie überzeugt gewesen war, dass ihre Uhr stehen geblieben war…

Endlich aber konnte sie zum Abendessen gehen und ihr Blick suchte automatisch die vertrauten Gesichter am Lehrertisch ab – kein Snape.

‚Sei nicht enttäuscht, du sieht ihn sowieso gleich', redete sie sich ein, aber sie musste zugeben, dass sie ihn einfach viel zu gerne beobachtete…

Nach dem Abendessen rannte Hermine fast in den Kerker und war viel zu früh dran, als sie gegen die inzwischen wohl vertraute Tür pochte. Es dauerte einen kleinen Moment bis diese wie gewöhnlich schwungvoll aufgerissen wurde und das verdrießliche Gesicht des Bewohners offenbarte.

„Guten Abend", Hermine strahle regelrecht wie eine kleine Sonne und Snape musste ein Schmunzeln unterdrücken.

„Sie sind zu früh, Miss Granger"

„Oh."

Beide schwiegen einen Augenblick, aber da sie sich nicht ewig stumm anstarren konnten, bat er sie mit einer Handbewegung herein und begann auch sofort, sie über den nächsten Tanz zu informieren – mit einigem Widerwillen.

Während er einen kurzen Überblick über den Cha Cha gab, machte sich langsam ein Grinsen auf Hermines Gesicht breit. Zuerst versuchte sie noch, es zu unterdrücken, aber irgendwann konnte sie einfach nicht mehr über ihre Mundwinkel bestimmen, die immer weiter nach oben wanderten. Zu allem Überfluss kam dann auch noch ein leises Kichern dazu und damit brachte sie Snape so aus der Fassung, dass er irgendwann mitten im Satz kurz verstummte und dann fauchte:

„Was bei Merlin ist so komisch?"

„Entschuldigung" Hermine brachte vor lauter albernem Gekicher fast kein Wort heraus, „aber die Vorstellung ist einfach zu komisch…"

„Welche?", da wat definitiv nichts mehr Seidiges in seiner Stimme sondern nur noch Genervtes.

„Ich habe mir gerade ausgemalt, wie Sie in der Sonne am Strand liegen und genüsslich einen Cocktail trinken…"

„Und was ist daran lustig?"

„Das ist einfach kein passendes Umfeld für Sie"

Dieses Mal war er definitiv wütend: „Klar, weil ich als Kerkerfledermaus gelte, bin ich schon in der Winkelgasse eine Sensation"

Hermine spürte, dass sich unter der Wut, die er an den Tag legte, auch eine gewisse Verletztheit verbarg: „Nein, Sir, es ist nur so, dass man Sie nie ohne Umhang und Gehrock und Hemd bis oben zugeknöpft sieht und dieses Outfit passt einfach nicht zu einem Strandfeeling"

Sein Blick war zwar immer noch böse, aber schon ein bisschen milder, als er sagt: „Und dann wollen Sie mir einfach unterstellen, dass der Cha Cha nicht zu mir passt? Ich muss Sie enttäuschen – das ist der Tanz, den ich am besten beherrsche. Hören Sie zu!"

Damit begann er genauere Erklärungen und war bald bei der Praxis angekommen und damit kam auch sein finsterer Blick wieder zurück: „So, Miss Granger, jetzt wird es Zeit, dass ich Ihnen das Gegenteil beweise und Ihr Weltbild ein bisschen erschüttere" auf diese Worte folgte ein gemeines Grinsen und er fuhr fort: „Meiner Meinung nach sind diese Art von Tänzen nichts für eine Schulveranstaltung – sie sind zu leidenschaftlich und emotional, aber da

unser Schulleiter gerade auf diese Tänze großen Wert legt, bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie Ihnen beizubringen"

Ohne Vorwarnung begann die Musik und Hermine war viel zu überrascht, um angemessen zu reagieren.

Dafür waren Snapes Reaktionen noch schneller, denn als sie einfach nur stehen blieb, zog er sie ohne großes Federlesen an sich und begann zu tanzen. Dank der Übung, die Hermine inzwischen hatte, folgte sie den Signalen, die er ihr gab, und bald war sie im Rhythmus versunken, dass sie ohne Mühe tanzte. Die Überraschung tat ihr Übriges und sie tanzte völlig fehlerfrei und sie genoss es.

Nach ihrem Geschmack ging das Lied viel zu schnell zu Ende und als der letzte Ton verklungen war, ließ Snape sie so schnell los, als hätte er sich verbrannt.

„Sie gehen wohl besser", murmelte er und drehte sich zu seinem Schreibtisch, um sich dort sehr demonstrativ mit einigen Papieren zu beschäftigen.

Für einen Moment war Hermine perplex, aber sie war schon lange nicht mehr das kleine Mädchen, das jedem Befehl – ohne zu fragen – gehorchte und so stand sie wie angewurzelt da und sprach schließlich die Frage aus, die ihr durch den Kopf ging:

„Was war das denn?"

„Nichts, Miss Granger, was soll schon gewesen sein?"

„Naja, kein einziges Stolpern, kein Blick auf meine Füße – es war einfach perfekt. Und schön"

„Das ist schön für Sie, dann brauchen wir die Stunden ja nicht fortzusetzen"

„Warum wollen Sie mich loswerden?"

Snape stand immer noch mit dem Rücken zu ihr, aber Hermine konnte spüren, wie er verzweifelt versuchte, kleiner und abwehrend zu erscheinen. Ihr fiel der Trank wieder ein – er würde ihr die Wahrheit sagen müssen. Fast hätte sie sich in diebischer Freude die Hände gerieben.

„Sie kommen mir zu nahe, Hermine. Das ist einfach nicht gut. Jetzt erst recht nicht und später auch nicht. Sie tanzen mit ganzer Seele und das, was Sie dabei unterbewusst von sich preisgeben, macht die Situation für mich nicht einfacher"

„Was ist es?", fragte Hermine – wie immer ganz die Wissbegierige.

„Sie genießen es. Das Tanzen mit mir. Gerade diesen Tanz, der so viel Begehren ausdrückt. Sie sollten das nicht genießen, sondern so schnell und so weit vor mir weglaufen wie Sie nur können. Ich kann spüren, wie Sie jedes bisschen an Körperkontakt förmlich herbeisehnen und das ist definitiv nicht gut. Ich bin nicht gut für Sie – Sie vergessen immer wieder, dass das nur ein Trank ist und wenn die Wirkung wieder nachlässt, werde ich wieder genau so sein wie all die Jahre zuvor. Und dann, Hermine? Ich will einfach nicht für Ihr gebrochenes Herz verantwortlich sein"

Hermine schwieg. Sie wusste, dass er Recht hatte – sie genoss die Zeit mit ihm viel zu sehr und er war ihr Lehrer und würde das auch noch für einige Monate bleiben. Aber dieser Trank ließ nur dann nach, wenn sich etwas in ihrer Beziehung zueinander ändern würde. Sie würde ihn nicht hassen können und zurückweisen, aber wenn aus dieser momentanen Situation nicht mehr wurde, würde sein Zustand so bleiben.

Aber Hermine spürte, dass das nicht der Moment war, um mit ihm über solche Feinheiten zu diskutieren – er war besorgt und leicht verzweifelt.

„Gehen Sie, Hermine. Unsere Tanzstunden sind beendet."

Hermine starrte ihn entgeistert und entsetzt an und rührte sich nicht von der Stelle.

Schließlich drehte er sich um und sein Gesicht drückte mehr als deutlich seine Wut aus, als er brüllte: „Gehen Sie ENDLICH !"

Hermine floh entsetzt aus den Kerkern und spürte gar nicht, wie ihr die Tränen übers Gesicht liefen.