Während Kanada durch das große, wie ausgestorben wirkende Gebäude des Russen schlich, saßen Amerika und Frankreich auf dem großen Sofa in Russlands Wohnzimmer, auf dem Ivan sich Stunden zuvor ausgestreckt hatte, und fühlten sich äußerst unwohl.
Nicht doch, es hatte nicht das Geringste mit der Tatsache zu tun, dass sie einer der größten und mental labilsten Nation der Welt gegenübersaßen (um ehrlich zu sein, fiel ihnen niemand ein, der auch nur ansatzweise mit Ivan konkurrieren konnte… außer Schweden, aber selbst der benahm sich normalerweise vernünftig und rational), und es lag auch auf keinen Fall daran, dass diese Nation lächelte (oder vielmehr grinste), als ob er überlegen würde, auf welche Art man die beiden am besten aus dem Weg räumen könnte.
Nein, sie machten sich lediglich Sorgen um England, der überall auf der Welt sein konnte und dem offenbar etwas Ernstes zugestoßen war. Yup. Definitiv.
Russland räusperte sich, was Francis zusammenfahren und Alfred die Augen verengen ließ, und fragte sanft: „Kann ich euch eine Tasse Tee anbieten? Zufällig habe ich mir gerade eine Kanne aufgebrüht." Der Amerikaner verharrte bei seinem misstrauischen Gesichtsausdruck, wusste er doch, dass sein Erzfeind in der Regel nur Wodka trank. Trotzdem nahm er das Angebot an; er wollte nicht unhöflicher erscheinen als nötig und er hatte immerhin ein paar Fragen. Auch Frankreich rang sich zu einer Tasse des heißen Gebräus durch, das sein Freund slash Feind so liebte.
Während Amerika seine Hände an dem heißen Becher wärmte, beäugte er den ihm gegenüber sitzenden Mann unauffällig. Er sah nicht anders aus als sonst, immer noch so unheimlich wie früher, doch da war etwas, was ihn stutzen ließ. Der beinahe fröhlich-heitere Ausdruck in den lavenderfarbenen Augen? Die Hände, die entspannt in seinem Schoß lagen, was kein bisschen zu seiner steifen Körperhaltung passte?
Russland bemerkte seinen neugierigen Blick, und sein Lächeln wurde schmaler. „Kommt zur Sache, Kameraden. Was wollt ihr hier?"
Nun ergriff Frankreich die Initiative. „Wir alle (und damit meine ich auch alle anderen Nationen) haben uns gefragt, warum du beim Meeting gefehlt hast. Du hast dich weder abgemeldet noch warst du krank, wie wir sehen." Fragend blickte der Blonde Ivan an.
Russland fluchte innerlich, als ihm einfiel, dass er das Treffen komplett versäumt hatte. Zunächst hatte er sich schlecht gefühlt wegen der ganzen Probleme in seinem Land, welche in den letzten Tagen glücklicherweise abgenommen hatten, und er hatte ursprünglich geplant, direkt nach dem Treffen mit seinem Boss abzureisen, doch dann war der Zwischenfall mit England geschehen. Seufzend ließ er die Schultern sinken. Wahrscheinlich hatte er nichts allzu Wichtiges verpasst; solche Treffen waren meistens höchst unproduktiv. Er starrte eindringlich auf seine beiden Besucher und runzelte die Stirn. „Warum ich gefehlt habe, ist allein meine Angelegenheit. Gibt es noch einen anderen Grund für euer… Eindringen… in mein Land?"
Frankreich und Amerika sahen sich an, dann warfen sie einen hastigen Blick auf den Russen, der stocksteif auf seinem Sessel saß und sie beide mit einem unergründlichen Blick durchbohrte. „Wie sollen wir das Thema zur Sprache bringen?", flüsterte Francis besorgt. „Wenn wir ihm unsere Vermutung direkt erzählen, wer weiß, wie er reagieren wird! Lass uns hoffen, dass er deine Worte vorhin in der Eingangshalle nicht mitbekommen hat." Er schauderte und strich sich nervös eine blonde Locke aus dem Gesicht.
Amerika grinste plötzlich selbstbewusst und richtete sich kerzengerade auf. „Keine Sorge, ich weiß, wie man den Feind ausfragt, ohne dass er selbst es überhaupt mitbekommt!", meinte er laut. „Äh…" Er wandte sich Russland zu, der bei seiner Aussage amüsiert eine Augenbraue hochgezogen hatte. „Yeah… Russland, du weißt nicht zufällig, wo England steckt? Er war auch nicht beim Meeting, und da dachten wir, dass du etwas damit zu tun haben könntest!"
Frankreich schlug sich die Hand gegen die Stirn und schüttelte fassungslos den Kopf, während Ivan ihn und seinen ahnungslosen Gefährten mit einem eisigen Blick bedachte. „Ich soll etwas mit Anglyas Verschwinden zu tun haben? Vielleicht ist er einfach nur krank oder hat den Termin vergessen." „Das ist nicht wahr", fiel ihm der Amerikaner ins Wort. „Das alles haben wir nachgeprüft, und es bleibt nur noch eine einzige Möglichkeit: Du hast ihn gekidnappt!" Bei diesen Worten blitzten Alfreds himmelblaue Augen gefährlich, und seine Hand zuckte in Richtung seiner Pistole, die bislang nahezu vergessen an seiner Seite hing.
Russland verdrehte die Augen. Warum dachten alle immer nur Schlechtes von ihm? Nun ja, dies war nüchtern betrachtet eine rhetorische Frage, denn er war sich seiner Wirkung auf andere durchaus bewusst, aber dennoch versetzte es ihm einen Stich ins Herz.
Ungeachtet dessen, was er gesagt hatte, fuhr Amerika fort. „Du bist gruselig, unheimlich, jeder hat Angst vor dir und keiner will etwas mit dir zu tun haben. Hast du dir ein neues Opfer für deine finsteren Machenschaften ausgesucht? Habe ich recht, Russia?" Das letzte Wort zischte er beinahe heraus.
Die Temperatur im Raum sank unmerklich, und das Feuer flackerte wild im Kamin. Ob es ihre Einbildung war oder nicht, das konnten Frankreich und Amerika nicht sagen, aber allmählich begann sich eine dunkle Aura um die russische Nation herum zu bilden und breitete sich in ihre Richtung aus. Mit weiten Augen lehnten sie sich in ihr Sofa zurück, so weit es ging.
Ivan atmete schwer, und mit aller Kraft drängte er seine aufkeimende Wut und Trauer zurück, bis das Zimmer im Normalzustand war. Dann streckte er eine große Faust in ihre Richtung aus, während er zwischen seinen blassen Lippen ein einziges Wort hervorpresste.
„Raus."
Frankreich und Amerika gefroren; jetzt wurde es ernst. Sie mussten sich jetzt entscheiden, ob sie die größte Nation trotz aller Gefahren weiterhin nach England fragen wollten (natürlich würden sie sich vorher entschuldigen müssen), oder ob sie ihre Mission als gescheitert betrachten wollten… Dann müssten sie allerdings vorher Kanada informieren, und das war im Augenblick nicht möglich.
„Russland", begann Frankreich so vorsichtig wie möglich, „er hat es nicht so gemeint. Alfred kann seine Phantasie einfach nicht im Zaum halten. Lass uns… lass uns das ganze vergessen und noch einmal von vorne anfangen, in Ordnung?" Mit angehaltenem Atem blickte er Russland an, der mitten in seiner Bewegung innegehalten hatte.
Besagte Nation lehnte sich erneut zurück, doch das Lächeln, das all die Augenblicke zuvor auf wundersame Weise auf seinem Gesicht gewesen war, war nun komplett verschwunden. Seine beiden Besucher wussten, dass jetzt höchste Alarmbereitschaft ratsam war.
Anmerkungen des Autors: Es tut mir leid wegen des späten Updates, aber wie ich auch schon auf meinem Profil erklärt habe, funktioniert mein Wordprogramm momentan nicht, sodass ich gezwungen bin, an den PC meiner Eltern zu gehen, und deswegen habe ich kaum Möglichkeiten, viel zu schreiben…
Aber ich gebe weiterhin mein Bestes! Das nächste Kapitel wird hoffentlich länger; dann bekommen wir endlich wieder einen Einblick in Kanadas Perspektive des Ganzen… XD Vielen Dank fürs Lesen~
Oh, and thank you Lemonkeygirl for being my future beta reader for this story :D I will try and send you the English translation as soon as possible~
