Kapitel 10
Fleischbällchen und mehr
Ennis lehnte gegen die Spüle, nippte an einem Bier und sah zu, wie Jack eine Mischung aus Rindfleisch und Reis zu kleinen Kugeln formte. „Schon wieder diese blöden Fleischbällchen?", fragte er.
Jack nickte. „Ja, ich mach jetzt schon dreißig Jahre lang Fleischbällchen und sie sind noch nie schlecht angekommen."
Ennis kicherte. „Aber du machst die echt oft für uns."
"Wenn du dich über meine Kochkünste beschwerst, kannst du es gerne selber tun, wann immer du willst." Er nickte in Richtung seiner Kochbuchsammlung auf dem Regal. „Ich kann dir für den Anfang ein paar leichte Rezepte geben."
„Ich weiß, wie man kocht.", warf Ennis ein. „Ich brauch kein Kochbuch."
„Du kannst genau drei Dinge kochen: Bohnen, Rührei und Erdnussbutter- Marmeladen- Sandwichs.", erwiderte Jack.
„Das stimmt aber nicht. Ich weiß, wie man Bacon macht."
"Du weißt, wie man Bacon verbrennt."
Ennis lachte. „Ich mag es eben kross, nicht so weich und labberig, wie du ihn machst."
"Zu Kohle verbrannt trifft es eher.", murrte Jack und häufte ein weiteres Fleischbällchen auf einen Teller.
Ennis sah ihm noch bei einigen weiteren zu. „Ich erinnere mich noch daran, als du die zum ersten Mal gemacht hast."
„Ich mich auch – das war als Junior und Jenny uns hier in unserem ersten Sommer besucht haben."
Ennis nickte. „Jap. Junior hat sie hinunter geschlungen und Jenny hat sie auf ihrem Teller hin und her geschoben. Sie war schon immer eine verwöhnte Esserin."
„Oh Gott, ja.", sagte Jack. „Erinnerst du dich an das Jahr, als sie bei uns war? Ich dachte, ich werd' wahnsinnig bei dem Versuch, Gerichte zu finden, die sie isst. Das Gute an dir ist, dass du alles isst, was ich vor dich hinstelle."
„Außer Krabbeneintopf.", antwortete Ennis zwinkernd.
„Fick dich, Ennis, hältst du mir das ewig vor?", sagte Jack aber sein Lächeln machte den barschen Tonfall zunichte.
Ennis nahm einen weiteren Schluck Bier, als das Telefon klingelte. Er wollte abnehmen, aber dann zögerte er kurz, als er dir Anruferidentifizierung sah. „Wenn man vom Teufel spricht. Das ist Jenny." Er nahm den Hörer. "Süße, hi, hier ist Dad.", sagte er.
"Daddy!", rief sie aus. Ihre Stimme war laut genug, dass Jack sie von seinem Standpunkt aus hören konnte. „Wie geht's dir?"
„Super, Süße, und dir?"
„Auch super. Wir haben Neuigkeiten aber bevor ich dazu komme, sag Onkel Jack, dass er seine E-Mails checken soll. Ich hab eine Einladung für eure Party entworfen und gerade abgeschickt."
„Mach ich, Liebes."
„Und Kelly will mit ihm auch über Chili Kochwettbewerbe reden. Sie hat da ein paar Informationen."
„Hat sie Ahnung von Kochwettbewerben?"
„Klar, Daddy, sie arbeitet in der Gastronomie. Kochwettbewerbe sind beliebt, besonders für gute Zwecke. Darüber könntet ihr nachdenken… aber lass sie das mit Onkel Jack besprechen."
„Ja, er kümmert sich um all die Details. Also, was sind die tollen Neuigkeiten?"
„Gleich, Daddy. Zuerst will ich von dir hören. Bist du okay?"
"Natürlich bin ich okay, warum denn auch nicht?"
„Naja, als ich das letzte Mal mit dir geredet hab, bist du zum Arzt gegangen. Ich wollte nur hören, ob alles klar ist."
„Süße, das war nur ein Check-up. Ich bin kerngesund wie ein Pferd. Das hat der Doc selbst gesagt."
„Oh, das ist gut, du weißt, ich mach mir Sorgen."
„Du brauchst dir über nichts Sorgen machen. Mir geht's gut, Jack geht's gut und wir werden beide leben, bis wir alt und grau sind." Er sah Jack an, als er dies sagte. „Naja, Jack ist schon grau aber er wird noch lange leben." Er zwinkerte Jack zu und der lächelte ihn an. „Jetzt komm schon, Süße, was hast du für Neuigkeiten?"
Ennis hörte, dass sie Luft holte, dann platzte sie damit heraus. „Kelly ist schwanger. Wir werden noch ein Baby kriegen."
"Oh Süße!", rief Ennis aus. „Das ist ja toll! Bleib dran." Er hielt die Hand auf den Hörer und wandte sich an Jack. "Du wirst wieder Opa."
Jack nickte. "Ich konnte sie hören. Sag ihnen herzlichen Glückwunsch."
Jack sagt herzlichen Glückwunsch, Liebes. Wann ist denn der Geburtstermin?"
„An Weihnachten. Der Termin ist der 25. Dezember."
"Wow, ein besonderes Datum, nicht wahr? Ein Weihnachtsbaby."
„Evan ist außer sich. Auch wenn er erst drei ist, ist er so aufgeregt, dass er einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester haben wird, dass er es kaum aushält. Ich weiß nicht, wie er das noch bis Dezember schafft."
Ennis kicherte. „Deine Schwester war genauso, als sie herausfand, dass du kommst. Also vermute ich mal, dass ihr nicht wisst, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?"
„Noch nicht, aber Kelly hat in sechs oder sieben Wochen eine Amniozentese. Dann wissen wir's."
„Amnio…?", wiederholte Ennis.
„Das ist ein besonderer Test, Daddy. Man macht das, um mentale Störungen und andere Probleme aufzuspüren. Und dann erfahren wir auch das Geschlecht des Kindes."
„Ihr wollt euch nicht überraschen lassen?"
„Wir wussten es letztes Mal, dann können wir es auch diesmal wissen. Das macht die Planung einfacher."
„Also Liebes, bei all den Tests und dem ganzen Zeug, heißt das, dass ihr nicht zur Party kommt?"
„Oh, Daddy, wir hoffen, dass wir kommen können. Wenn wir drei es nicht schaffen, komm ich eben allein… aber Kelly sollte reisen können. Der Doktor sagt, dass sie im Juli weit genug sein wird, sodass das Risiko einer Fehlgeburt ausgeschlossen ist."
„Naja, Süße, die Party ist nicht das größte Event der Welt, wenn Kelly lieber zu Hause bleiben sollte, bleib ruhig bei ihr."
„Weiß ich ja, aber ich will euch sehen! Es ist jetzt schon fast ein Jahr her und Evan sagt ständig, dass er seine Opas aus Texas vermisst."
Darüber musste Ennis lachen. „Sag dem kleinen Kerl, dass seine Opas aus Texas ihn auch vermissen. Wollt ihr denn hier übernachten oder soll ich eine Reservierung im Quanah Parker machen?"
„Daddy, wenn im Haus Platz ist, weißt du, dass uns das lieber wäre."
„Es sollte noch Platz sein, du bist die Erste, die sagt, dass sie kommt, das kommt daher, weil wir noch keine Einladungen verschickt haben."
Jenny lachte. „Ich hab eben mit Junior geredet und ihr die Neuigkeiten erzählt. Sie sagt, sie kommt mit ihrer ganzen Familie zur Party."
„Oh, das ist gut zu wissen. Wie es aussieht, brauchen wir die Einladungen gar nicht." Ennis lachte über seinen eigenen Witz, dann sagte er: „Junior wird im Motel wohnen wollen. Ihre Jungs mögen den Pool. Also kannst du dein Stammzimmer im Haus haben."
"Junior sagt, dass sie mit Mama spricht.", sagte Jenny und ihre Stimme wurde ernst. „Damit sie die Neuigkeiten erfährt."
„Liebes, quäl dich nicht selber mit Mama. Darüber haben wir doch gesprochen. Ich denke nicht, dass sie ihre Meinung geändert hat."
„Weiß ich, Daddy, ich kann einfach nicht verstehen, dass sie einen Enkelsohn… und bald zwei Enkelkinder… hat, deren Existenz sie einfach verleugnet."
„Liebes, manchmal kann ich es auch nicht verstehen, denn das ist nicht die Alma, die ich kenne… aber manchmal ändern sich die Menschen. Ihr Herz ist für uns verschlossen."
„Weiß ich, weiß ich… egal, ich will darüber jetzt nicht reden. Ist Onkel Jack da? Kann er mit Kelly sprechen?"
"Klar, Liebes, er wäscht gerade seine Hände." Ennis reichte den Hörer weiter, nahm sich noch ein Bier aus dem Kühlschrank und wanderte auf die Veranda. „Noch ein Enkelkind.", dachte er bei sich. „Kaum zu glauben, das sind dann acht." Er zählte sie alle in Gedanken auf. „Juniors drei Söhne, Bobbys zwei Söhne und seine Tochter und Jennys kleiner Evan. Irgendwie hoffe ich, dass dieses hier ein Mädchen wird. Jungs haben wir schon so viele." Er kicherte leise, dann wurde er etwas traurig. „Nicht, dass die Cousins und Cousinen sich sehr oft sehen." Plötzlich bemerkte er, wie viel die Party ihm als ein Familientreffen wirklich bedeutete und er hoffte inständig, dass Jenny, Kelly und Evan den Trip von Massachusetts schaffen würden.
„Familie", dachte er, „das ist etwas, was ich nie hatte, während ich aufwuchs. Da muss man sich mal ansehen, was Jack und ich aufgebaut haben. Wirklich besonders."
Die Vordertür schlug zu und Ennis wandte sich um. „Fertig mir telefonieren?"
Jack nickte. „Jap. Kelly hat ein paar tolle Ideen, jetzt können wir ernsthaft mit der Planung beginnen. Und ich muss noch die E-Mail mit Jennys Einladung checken."
„Echt aufregende Neuigkeiten, was?", fragte Ennis. „Mit dem Baby."
Jack nickte. „Klar, und Kelly hat mir erzählt, dass das der dritte Versuch war… es hat drei Anläufe gebraucht, bis die Befruchtung erfolgreich war. Wenn es diesmal nicht geklappt hätte, hätten sie es vielleicht aufgegeben."
Ennis sah ihn an. „Das ist so verdammt kompliziert.", sagte er. „Das war was anderes bei mir und Alma… wir haben gar nicht nachgedacht, sie wurde einfach schwanger."
„Es ist kompliziert und es hat damit zu tun, dass Menschen das Leben leben können, das sie sich wünschen. Und dass sie mit der Person zusammen leben können, die sie lieben."
Ennis nickte. „Manchmal, Jack, wenn ich an unsere verlorenen Jahre denke, rufe ich mir unsere Kinder und Enkel ins Gewissen… weißt du, wenn wir schon 63 zusammengekommen wären, hätten wir niemals Kinder gehabt. Und das wäre eine echte Schande."
Jack grinste in sich hinein. „Stimmt, En. Ich dachte immer, dass ich nie Kinder wollte, aber du hast das verändert… du hast mich auch zu einem besseren Vater für Bobby gemacht."
Sie standen in bedeutungsschwerer Stille auf der Veranda und sahen über die Felder und Farmgebäude, dann wandte sich Ennis an Jack. „Wir haben es gemacht, Babe. Wir haben gemacht, was wir wollten. Wir haben uns ein Leben aufgebaut, ein gemeinsames Leben – mit einer Familie."
Jack nickte aber er antwortete nicht. Ennis sah, dass seine Augen glänzten. „Sind die Fleischbällchen schon fertig?", fragte er.
„Gleich.", erwiderte Jack. „Lass uns in der Zwischenzeit mal nach der E-Mail sehen und schauen, welche Einladung Jenny entworfen hat."
„Gute Idee.", sagte Ennis und sie gingen gemeinsam ins Haus.
