Erstmal danke an Padblack und Pamela für eure Reviews! Hab mich riesig gefreut.

Morgen wird's wohl kein Kapitel geben, da bin ich nicht zuhause, aber dafür erfahrt ihr heute, wer da hinter Harry herschleicht.

Viel Spaß beim Lesen!


Rache

„Bist du an dem Gitter festgewachsen, Black?" fragte derselbe bullige Kerl wie zuvor genervt.

„Nicht direkt. Aber wenn ihr nachts die Heizung bisschen aufdrehen könntet, dann würde keiner mehr dran festfrieren. Wie wär's?" gab Sirius nicht minder gereizt zurück.

„Aber klar doch, und morgen willst du dann ein paar Hula-Tänzerinnen für dein Privatvergnügen, oder?"

Sirius hatte die Schritte gerade rechtzeitig gehört und sich schnell wieder daran gemacht, die Gitterstäbe zu verdecken, es reichte im Moment schon, wenn einer hier drin sich in einem ziemlich bescheidenen Gesundheitszustand befand, da musste er nicht noch mutwillig riskieren, dass Remus – ihn würde es ziemlich sicher treffen – sich Snape gleich unfreiwillig anschloss und die zwei den Club der Halbtoten gründeten.

Allerdings trug er sein T-Shirt wieder.

Die zwei Wärter zogen gerade Snape zurück in die Zelle und ließen ihn dann mitten am Boden liegen. Die Türen schlossen sich wieder und Sirius seufzte.

„Wenn ich gewusst hätte, dass das hier alles passieren würde, dann hätte ich ne Ausbildung zum Krankenpfleger und nicht zum Auror gemacht."

Mürrisch machte er sich auf den Weg in die andere Zelle und trug Snape auf die Pritsche.

„Ist das Blut?" fragte Remus besorgt.

„Ja. Und seine linke Gesichtshälfte wird gerade wunderschön blau. Offensichtlich ist Rukschow ein bisschen wütend geworden. Nur wieso?"

„Vielleicht hat Severus ihm nicht das gesagt, was er hatte hören wollen." mutmaßte Remus.

Sirius zuckte die Schultern. „Kann sein. Snape? Hörst du mich? Wie geht's dir?"

Und auch Sirius wurde Zeuge, wie die aufgesprungenen, rauen Lippen in diesem reglosen, schlaffen Gesicht begannen, sich wie von Geisterhand zu bewegen. „Grüne Gänseblümchen überall… und Drachen… Drachen lieben Schnee…"

Sirius runzelte die Stirn und blickte verwundert zu Remus hinüber, der genauso ratlos zurückblickte. „Wenn das schon länger so geht, dann erklärt das zumindest, wieso Rukschow sauer war."

„In der Tat. Stellt sich nur die Frage, ob das normal ist. Von so was hat er kein Wort erwähnt, als er die Nebenwirkungen aufgezählt hat." Damit nahm Sirius den Lappen vom Boden, befeuchtete ihn mit dem frisch aufgefüllten Wasser und legte ihn Snape auf die immer noch glühende Stirn, nachdem er das Blut aus dessen Gesicht gewischt hatte.


„Uns rinnt die Zeit davon, Tatze! Wir können nicht ewig einfach nur rumsitzen. Und je länger wir warten, desto unwahrscheinlicher wird es, dass wir hier noch rauskommen."

„Verdammt Moony, ich weiß. Aber wir können ihn so doch nicht zurücklassen!" Sirius Blick wandte sich Snape zu, der immer noch reglos und flach atmend auf seiner Pritsche lag.

Es waren inzwischen ein paar Stunden vergangen, sein Zustand war unverändert und Sirius und Remus debattierten schon ein Weilchen ergebnislos über ihren geplanten Fluchtversuch, wobei Remus dicht in seine Robe gehüllt auf seiner Pritsche kauerte und Sirius quer durch Snapes Zelle lief.

Remus fühlte sich ziemlich schlapp, sein Hals schmerzte, er konnte nur noch leise sprechen und der Husten quälte ihn immer öfter. Und dazu kam noch das überaus flaue Gefühl im Magen, der es offenbar aufgegeben hatte, sich durch krampfhaftes Knurren Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Sirius dagegen hatte jedes Hungergefühl gekonnt aus seinem Denken verbannt, die momentanen Geschehnisse beschäftigten ihn zu sehr, er spürte nur ein unangenehmes Drücken in der Magengegend, doch das ließ sich ignorieren. Sein Geist arbeitete auf Hochtouren und er war verdammt froh, dass er ein Animagus war, sonst wäre er in seinem T-Shirt wahrscheinlich schon lange nachts erfroren.

Schließlich sah Remus auf: „Dann nehmen wir ihn eben mit. Es wird schon irgendwie klappen."

Sirius verbarg sein Gesicht in seinen Händen und seufzte, ehe er sie sinken ließ. „Das wird ein absolutes Kamikaze-Unternehmen. Ist dir das klar?"

„Es gibt immer noch die Möglichkeit, dass nur einer geht."

„Und wer soll das sein? Wenn ich gehe, dann erfüllen diese Gitter hier genau ihren Zweck. Ihr zwei könnt euch dann nur noch dabei zuschauen, wie Rukschow einen nach dem anderen quält. Oh nein, da mach ich nicht mit."

„Ich könnte gehen." Remus sah ihn aus glasigen Augen an.

„Sorry, aber ich glaube nicht, dass du weit genug kommst, Moony. Jedesmal wenn du dich ein bisschen anstrengst, wird dir schwarz vor Augen und mit deinem Husten kommst du laufend nicht weit. Okay, wir versuchen es zu dritt. Wie auch immer das funktionieren soll. Wir müssen einfach improvisieren." Sirius wirkte nicht annähernd so sicher, wie seine Worte klangen. Im Gegenteil, er war sich eigentlich nur sicher, dass dieses Unterfangen geradezu zum Scheitern verurteilt war.

Da lenkte die beiden eine Bewegung ab. Eine Hand von Snape hob sich schwach und langsam, packte die zwei Laken etwas unbeholfen und zog sie sich dichter unters Kinn. Sofort kniete sich Sirius an die Pritsche, das war immerhin das erste Lebenszeichen von Snape, seit die Wärter ihn zurückgebracht hatten und die erste Bewegung seit gestern Abend.

„Snape? Kannst du mich hören?"

Ein genervt klingendes Grummeln war die einzige Antwort.

Er tauschte einen kurzen Blick mit Remus. Sie dachten beide an die verwirrten Antworten, die sie beim letzten Mal bekommen hatten.

„Kannst du mir sagen, wo du bist?"

„Wenn du hier bist… offenbar in der Hölle." Seine Stimme war noch schwach und brüchig, aber der bissige Unterton war schon wieder vorhanden.

Sirius grinste Remus an. „Der wird wieder!" Dann wandte er sich Snape zu und nahm ihm den Lappen von der Stirn, er legte seine Hand darauf, um zu sehen, ob sich sein Fieber schon gebessert hatte.

Da klatschte eine etwas unkoordinierte Hand gegen seinen Unterarm. Sie war ganz kühl und feucht. „Lass das! Du bist nicht meine Mutter."

Sirius hob überrascht die Augenbrauen und beobachtete, wie Snape sich auf die Unterlippe biss. Sein Fieber war gesunken, aber noch nicht ganz verschwunden. Es ging ihm besser, aber die Wirkung des Trankes hatte offenbar noch nicht ganz nachgelassen, was Snape auch gerade bemerkt hatte.

Erleichtert, dass es Severus offenbar wieder besser ging, konnte sich Remus ein Grinsen über diesen Kommentar nicht verkneifen.

Snape zog seine Hand zurück unter die dünnen Laken und wandte den Kopf mit den immer noch geschlossenen Augen etwas ab.

„Ich mag nicht deine Mutter sein – Merlin sei Dank übrigens – aber offenbar findet das Schicksal es wahnsinnig witzig, mich als deine Krankenschwester abzustempeln. Und als eben diese sag ich: du solltest aus diesen völlig durchgeschwitzten Klamotten raus! Also: ausziehen!"

„WAS?" Snape hatte den Kopf zurückgedreht und seine Augen aufgerissen. Seine Augen waren zwar noch glasig, doch es lag ein wütendes Funkeln darin, dass Sirius nur zu gut kannte.

Sie stritten noch eine ganze Weile hin und her, dann mischte sich Remus noch ein und irgendwann hatten sie Severus tatsächlich überzeugt – beziehungsweise er war einfach zu k.o. um den beiden richtig Paroli zu bieten – Hemd und Hose auszuziehen und trocknen zu lassen. Er brauchte allerdings Hilfe beim Ausziehen, was ein ständiges Gekeife mit sich zog, aber irgendwann, nachdem er noch etwas getrunken hatte, lag Snape in seiner Robe und mit zwei Laken bedeckt auf seiner Pritsche und drehte Sirius demonstrativ den Rücken zu. Kaum dass er die Augen geschlossen hatte, schlief er auch schon. Er hatte immerhin einiges an Schlaf nachzuholen.


Der Schlaf tat seinem geschundenen Körper gut, aber seinem Geist nicht ganz so. Der bildete sich nämlich ein, sämtliche Ereignisse in seinen Träumen verarbeiten zu müssen. Und das waren wirre Träume. Manche Dinge, die ihm nur noch schleierhaft oder gar nicht mehr bewusst waren, erlebte er einfach noch mal, nur jetzt bewusster, wenn auch immer noch alles ein bisschen verschleiert auf ihn wirkte. Und plötzlich sah er etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mit einem heftigen Ruck öffneten sich seine Augen und er war hellwach.

Seine Gedanken rasten. Er spürte sein Herz heftig und schnell in seiner Brust schlagen und hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Sein Magen rumorte. Und er hörte Stimmen hinter sich. Er bekam nicht ganz mit, worüber sie sprachen, aber das war im Moment auch egal. In seinem Kopf war nur eins von Bedeutung: Black.

Langsam und vorsichtig stützte er sich auf seine Arme und hievte sich in eine aufrecht sitzende Position. Seine Muskeln waren noch ganz steif von der Reglosigkeit und sie schienen auch plötzlich Probleme zu haben, ihre üblichen Arbeiten zu verrichten. Die Zelle um ihn drehte sich ein wenig, doch das gab sich recht schnell wieder.

Was er jetzt dringend brauchte, war gleich nebenan.

„Black?" Er wünschte sich, seine Stimme würde nicht so kratzig klingen.

„Snape? Schon wieder wach?"

Er beachtete Blacks Reaktion gar nicht richtig, sondern versuchte, langsam aufzustehen. Er musste sich mit einer Hand hinten an die Wand stützen und als sein Gewicht auf seinen Beinen lastete, zitterten diese unter der Belastung. Sein Blickfeld wurde dunkler, aber er biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich voll und ganz auf sein Vorhaben. Düster registrierte er, dass Black und der Werwolf ihm zuriefen, er solle das lieber lassen. Er schob sich noch ein bisschen höher und kam schließlich, wenn auch ein bisschen wackelig, zum Stehen. Mit geschlossenen Augen musste er ein paar Mal tief durchatmen, diese Kleinigkeit war anstrengender als er gedacht hätte, dieses Gebräu hatte ihm ziemlich stark zugesetzt.

„Wo willst du denn hin? Du solltest dich wirklich noch ein bisschen ausruhen."

Diesmal hatte die Stimme ihren Ursprung direkt vor ihm. Black war in seiner Zelle. Wunderbar! Er atmete noch mal tief durch und sammelte alles an Energiereserven, was noch in seinem ausgezehrten Körper schlummerte. Langsam öffnete er die Augen und funkelte Black düster und kalt an. Sein Gegenüber runzelte die Stirn, er ahnte, dass etwas nicht stimmte, doch bevor er irgendwas hätte tun können, riss Snape ruckartig seinen rechten Arm hoch und schlug seine Faust so hart er konnte gegen Blacks hässliche Visage. Mit einem genüsslichen Grinsen fühlte er, wie unter seinen Fingerknöcheln etwas splitterte.

„SEVERUS! Verdammt, was…" Ohne Probleme blendete er Lupins geschockte und ungläubige Stimme einfach aus.


Gleißender Schmerz flammte in seiner Nase auf und raubte ihm für einen kurzen Moment all seine Sinne. Von der unerwarteten Wucht des Schlages taumelte er haltlos zurück. Instinktiv streckte er eine Hand nach hinten, um Halt zu finden, die andere legte sich schützend über seine heftig pochende Nase. Blut rann auf seine Finger, sammelte sich in seiner Handfläche und suchte sich dann einen Weg zwischen seinen Fingern hindurch nach draußen, wo es auf sein Shirt und den Boden tropfte. Schließlich ertastete seine Hand hinter sich die Gitterstäbe der Zelle und im nächsten Moment schlug er hart dagegen.

Düster war er sich bewusst, dass Remus etwas rief, doch er konnte sich im Moment wirklich nicht drauf konzentrieren.

Er hob den Blick und sah, dass Snape auf ihn zukam, langsam aber stetig.

Wo nimmt er nur die Kraft her?

Aber im nächsten Moment konnte er sich diese Frage selber beantworten. Snape war vielleicht blass, aber seine fast schwarzen Augen funkelten kalt, sein Unterkiefer zuckte leicht, als würde er seine Zähne fest zusammenbeißen, seine Hände waren zu Fäusten geballt und eine Ader pulsierte heftig an seiner Schläfe. Dieser Kerl war wütend, um nicht zu sagen, stocksauer.

So ein Mist!

Er versuchte, zur Seite wegzurutschen, doch da packte ihn Snapes Hand bereits am Kragen seines Shirts und riss ihn vom Gitter weg, bis ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander trennten. Der warme und heftige Atem seines Gegenübers schlug Sirius ins Gesicht, doch er bemerkte es kaum. Er konnte nur noch in diese dunklen Augen starren, die ihn vor Wut und Hass mit zahlreichen Speeren aufzuspießen schienen.

Sein Blut lief über sein Gesicht und auf Snapes Hand, Schmerz pulsierte durch sein Gesicht, er schluckte.

Dann sprach Snape, die Stimme etwas kratzig, sehr ruhig und leise, was bei Snape immer bedeutete, dass man sich in Acht nehmen musste. Und im Moment klang er bedrohlicher, als Sirius ihn je erlebt hatte, sogar Remus verstummte in seiner Zelle.

„Wenn ich einen Zauberstab hätte, Black, sei dir versichert, ich würde mir meinen Aufenthalt hier mit einem weiteren Mord redlich verdienen." Ein Blick in Snapes Augen genügte, um Sirius zu bestätigen, dass er es voll und ganz ernst meinte. „Wenn du deine dreckige Schnauze noch einmal in Dinge steckst, die dich nichts angehen, wenn du so was unverschämtes noch einmal wagst, schwöre ich dir, ich werde keinen Zauberstab brauchen, um dich um Gnade winseln zu hören. Und jetzt…" Er packte Sirius noch fester. „… geh mir aus den Augen!"

Damit stieß er Sirius hart von sich, dass dieser mit dem Kopf gegen das Gitter prallte. Wieder wallten Schmerzwellen durch seinen Kopf, vereinten sich mit den bereits vorhandenen und ließen alles vor seinen Augen verschwimmen. Seine Beine gaben unter ihm nach und er sackte schwer zu Boden. Snape stand immer noch drohend über ihm und er war sich nicht sicher, ob er nicht noch einen Tritt zu spüren bekommen würde, wenn er nicht gleich verschwand.

Das hast du nun davon! schalt er sich selbst.

Er rappelte sich ein bisschen auf, schob den Schmerz so gut es ging beiseite und konzentrierte sich auf die Verwandlung. Mit gesenktem Kopf und weit eingezogenem Schwanz flüchtete er aus Snapes Zelle.


Mit offenem Mund stand Remus am Gitter und konnte immer noch nicht glauben, was sich hier gerade vor seinen Augen abgespielt hatte und immer noch tat. Sirius war wieder in seiner Zelle, saß auf der Pritsche mit nach vorn gelehntem Oberkörper und hielt sich sein ‚Kopfkissen' an die immer noch blutende Nase. Und Severus taumelte gerade zurück zu seiner Pritsche. Seine Schritte wurden immer unsicherer und am Schluss fiel er fast auf sein ‚Bett'. Offenbar waren die Energiereserven, die seine Wut freigesetzt hatte, verbraucht. Ein bisschen zittrig wickelte er sich in die Laken und wandte ihnen allen den Rücken zu.

Fassungslos wandte Remus seinen Blick von einem zum anderen und dann wieder auf die Stelle, wo Sirius Blut zu Boden getropft war.

Was war hier eigentlich gerade passiert?

Er hatte Severus schon oft wütend gesehen, aber gerade eben, das war mehr gewesen, er hatte geradezu innerlich gekocht.

Und Sirius war schon oft in Prügeleien geraten – oder hatte sie selbst angezettelt – aber erstens war das lange, lange Zeit her und zweitens hatte er nie klein bei gegeben. Aber gerade eben war er geflüchtet.

Was war nur vorgefallen?

Was hatte Sirius wieder angestellt, um Severus dermaßen zur Weißglut zu treiben?

Es konnte doch gar nicht viel gewesen sein, immerhin war Severus von dem Frangoppid völlig bedröppelt und Sirius hatte nur auf ihn aufgepasst und versucht, sein Fieber im Zaum zu…

Und plötzlich ging ihm ein Licht auf und gleichzeitig hoffte er, dass er Unrecht hatte.

Severus war letzte Nacht unfreiwillig in einem sehr redseligen Zustand gewesen. Eine falsche Frage und…

Er seufzte und wandte sich Sirius Zelle zu.

„Tatze?"

„Ich will nich darüber red'n!" knurrte Sirius grimmig und etwas gepresst zurück.

„Aber…"

„Schbar dir deine Moralbredigd. Ich will sie gar nich hör'n?"

Wieder seufzte er. Remus kannte Sirius einfach schon zu lange, er wusste, dass seine ablehnende Haltung gerade der beste Beweis für seine Theorie war.

„Wie geht's deiner Nase?"

Sirius hob den Kopf, seine untere Gesichtshälfte war blutverschmiert, seine Nase dick angeschwollen. „Sie is gebroch'n, wie soll's ihr da schon geh'n?" grunzte er genervt zurück. „Und jetz lass mich in Ruhe, Moo…"

Er brach plötzlich ab, seine dunklen Augen, die ihn gerade noch düster angefunkelt hatten, schienen auf einmal durch ihn hindurchzuschauen. Furcht spiegelte sich in ihnen. Dann klärte sich sein Blick wieder etwas, er starrte Remus durchdringend an.

„Dementoren!"

Im nächsten Augenblick verwandelte er sich in seine Animagusform und rollte sich eng auf der Pritsche zusammen, eine Pfote über seinen Kopf gelegt, als wollte er sich verstecken. Langsam spürte es auch Remus. Die Kälte kroch in seine Glieder und er zog seine Robe enger um sich. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck sank er auf seine Pritsche und wickelte noch sein Laken um sich, bevor die Wirkung der Dementoren ihn voll und ganz vereinnahmte.


Hogwarts…

Erschöpft und voller Sorge lehnte sich Dumbledore in seinem Schreibtischstuhl zurück. Mit kreisenden Bewegungen massierte er seine Schläfen um den leichten Kopfschmerz hinter seiner Stirn im Keim zu ersticken, doch er ahnte bereits, dass das nichts bringen würde. Seufzend stand er auf und wandte sich dem Fenster zu. Es war erst später Nachmittag, die Sonne brannte zwar nicht mehr so erbarmungslos vom Himmel wie zur Mittagszeit, doch heiß war es immer noch. Der See funkelte im Licht und der Verbotene Wald leuchtete auf in saftigem, einladendem Grün. Doch im Moment war er nicht in der Stimmung, diese Schönheit wahrzunehmen. Seine Gedanken drehten sich um die letzten Stunden.

Den ganzen Vormittag lang hatten alle aus dem Orden, die gerade abkömmlich waren, nach Harry gesucht, er selbst hatte lange mit Hermine, Ron und Ginny gesprochen und gemeinsam waren sie alle Möglichkeiten durchgegangen, wo er sein könnte, wenn er auf der Suche nach Pettigrew war. Am Nachmittag waren seine Leute dann zu jenen Orten ausgeschwärmt, doch er hatte zu wenige Leute zur Verfügung. Ein paar mussten arbeiten, zwei waren in Amerika, Moody beschäftigte sich mit Rukschow, drei seiner besten Leute saßen in Askaban, Poppy und Emmy waren mit dem Aurenaufguss beschäftigt – doch es sah nicht gut dafür aus, dass sie es ohne Severus hinkriegen würden – und dann durfte er die Suche nach Beweisen auch nicht vernachlässigen. Es war eine verdammte Zwickmühle und er wusste nicht, wie er ihr entrinnen konnte. Er durfte Sirius, Severus und Remus nicht im Stich lassen, ihnen lief die Zeit davon, doch jede Minute, die Harry alleine irgendwo dort draußen herumstreunte, bedeutete Gefahr für ihn und sie mussten ihn finden, bevor jemand anders ihn fand.

Hinzu kam noch sein ungutes Gefühl, was seine Freunde in Askaban betraf. Dieser Gedankenstrudel, der ihn am Tag zuvor fast mitgerissen hätte, machte ihm Angst. Etwas stimmte ganz gewaltig nicht, doch auf legalem Wege gab es für ihn keine Möglichkeit, etwas daran zu ändern. Schließlich hatte er am Nachmittag einen erneuten Versuch gestartet, doch diesmal war er in absoluter Dunkelheit gelandet. Einem dunklen, grausamen und eiskalten Ort. Egal, wie sehr er seine geistigen Fühler auch ausgestreckt hatte, es war ihm nicht gelungen, Severus Geist zu erspüren. Er wusste zwar nicht genau, was das zu bedeuten hatte, aber in diesem Fall tippte er auf Dementoreneinfluss.

Kurz darauf hatte Bill ihm dann über den Kamin erklärt, dass er und Hestia immer noch auf der Suche nach der Mutter und den Kindern waren und dass sie immerhin eine Spur verfolgten. Dann war Moody erschienen und hatte ihm alles erzählt, was er über Rukschow hatte herausfinden können, es war nicht übermäßig viel gewesen, doch das reichte. Sein Name war Serge Alexej Rukschow, 48 Jahre alt, in Moskau geboren. Fiel in der Schule und später in der militärischen Ausbildung beim Ministerium durch überhöhte Gewaltbereitschaft auf und wurde deshalb vom Dienst suspendiert. Vor 18 Jahren kam er nach England und ergatterte eine Stelle in Askaban, wo er sich innerhalb kürzester Zeit zum Sicherheitschef hocharbeitete. Er hatte keine Familie.

Anschließend hatte er noch mal die alten Prozessakten durchgesehen, doch er fand einfach keinen Fall, der mit dem ihren vergleichbar war. Er hatte einen Abstecher in die Krankenstation gemacht und sich nach den Fortschritten mit dem Trank erkundet, doch keine guten Nachrichten erhalten. Schließlich war er wieder in seinem Büro angekommen, hatte per Flohpulver das Hauptquartier kontaktiert und erfahren, dass Moody sich inzwischen an der Harrysuche beteiligte, ebenso wie Kingsley, der gerade von seiner Schicht im Ministerium gekommen war.

Er wandte sich vom Fenster ab. Es musste langsam etwas geschehen, etwas musste vorangehen. Entschlossen packte er seinen Zauberstab und verließ die Schule. Sein Blick fiel kurz auf Hagrid, der gerade aus dem Verbotenen Wald kam, ihn sah, den Kopf schüttelte und dann zum See weiterging. Hagrid hatte die Aufgabe, sich im Verbotenen Wald umzuhören, immerhin war Pettigrew durch diesen damals geflohen.

Als er die Apparationsgrenze hinter sich hatte, apparierte er direkt zum letzten bekannten Sitz von Voldemort. Einem Schloss nahe der Küste, von dem aus er vor seinem Sturz damals seine Intrigen gesponnen hatte. Vielleicht würde er etwas finden. Vielleicht.


Little Hangleton…

Die Sonne hing als orange Scheibe nur mehr knapp über dem Horizont. Bald würde sie untergehen und ganz verschwinden. Wieder ein Tag verstrichen, ohne dass sie Harry gefunden hätten, ohne dass sie Sirius', Severus' und Remus' Unschuld beweisen könnten, jeglicher Erfolg blieb ihnen verwehrt. Drei mögliche Orte hatte er jetzt schon abgeklappert, seit sein Dienst um 16 Uhr geendet hatte. Sein Magen knurrte, doch das kümmerte ihn im Moment nicht. Den Friedhof würde er noch absuchen, dann würde er zum Hauptquartier zurückkehren und sich einen kleinen Imbiss genehmigen.

Immerhin hatte Fred sich bereiterklärt, ihm zu helfen, so ging es schneller und vier Augen sahen mehr als zwei.

Sie traten durch das gusseiserne Tor und schritten den breiten Hauptweg entlang, an einer Baumreihe vorbei und vor ihnen eröffnete sich der Blick über den gesamten Friedhof.

„Wow, sieht das hier immer so aus?" fragte Fred überrascht.

Viele der Grabsteine vor ihnen waren kaputt, Teile davon abgesplittert, manche komplett zertrümmert. Weiter hinten stand eine große Engelsstatue, doch sie hatte nur noch einen Flügel.

Instinktiv stellten sich Kingsley die Nackenhaare auf. Irgendwas stimmte hier nicht. „Nimm dich in Acht und halt die Augen offen."

„Klaro."

Sie teilten sich auf. Kingsley ging direkt auf die Engelsstatue zu, sie schien irgendwie im Mittelpunkt der Zerstörung zu stehen, Fred machte einen kleinen Bogen und wanderte durch die Gräberreihen, bis er etwas hinter einem zersplitterten Stein entdeckte. Aufmerksam kniete er sich hin und inspizierte seine Entdeckung genauer. „Hey Kingsley, hier ist Blut. Nicht viel, aber Blut."

„Sonst noch was?"

„Ne."

„Such weiter."

Kingsley erreichte die Statue, hier war die Zerstörung wirklich am Schlimmsten. Suchend wandte er sich um, seine Augen auf jedes noch so kleine Detail konzentrierend. Und diesmal wurde er für seine Mühe belohnt. Neben einem Grabstein lugte etwas hervor, er trat näher. Auf dem Grab stand ‚om Riddle', am Boden davor fand er das abgefallene ‚T'. Und neben dem Grabstein stand ein Rucksack.

Sein Herz klopfte schneller. Rasch kniete er sich hin und öffnete den Rucksack. Er fand darin etwas Kleidung, zwei Tagespropheten – die mit der Meldung von Sirius, Remus und Severus Verhaftung – ein Spickoskop und einen Tarnumhang. Er schloss kurz die Augen, als sich ihm so eine Ahnung auftat.

„Hey, sieh mal, das hab ich da hinten gefunden." Fred stand jetzt neben ihm und hielt ihm ein Stück schwarzes, breites Wildlederband hin, das zu einer Schleife verknotet war. Darin verwickelt und verfangen hingen ein paar Haare; lange, weißblonde Haare.

Noch während Kingsley das Band anstarrte und eins und eins zusammenzählte und doch hoffte, dass er nicht Recht behalten würde, warf Fred einen Blick auf den Rucksack. „Ist das nicht das nichtsnutzige Spickoskop, das Ron Harry geschenkt hat?"

„Ich wünschte, du hättest das nicht gesagt. Wir müssen auf der Stelle Albus informieren, vielleicht ist es noch nicht zu spät." Doch nicht mal er selbst konnte seinen Worten Glauben schenken und auch Fred begriff, dass sie zu spät hier waren.


Little Hangleton, etwa eine Stunde vorher…

‚Dorffriedhof Little Hangleton – Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen'

Harrys Herz schlug schneller, als er diese Worte auf dem großen gusseisernen Tor las. Er war hier! Er war tatsächlich hier! An dem Ort, an dem Voldemort wieder auferstanden war, an dem er zum ersten Mal die Schmerzen des Cruciatus-Fluches erleiden hatte müssen, an dem er die Abbilder seiner Eltern aus Voldemorts Zauberstab hatte kommen sehen, an dem Cedric gestorben war. All die Erinnerungen schnürten ihm die Kehle zu und er war froh, dass er schon gegessen hatte, denn jetzt hätte er nichts mehr runter gekriegt.

Die Sonne stand knapp über dem Horizont im Westen und warf ihre goldenen Strahlen über die grüne Landschaft und tauchte den Friedhof mit seinen Büschen und Bäumen, seinen Steindenkmälern und Grabsteinen in ein malerisches Licht.

Er atmete tief durch, dann betrat er den Friedhof. Ziellos schlenderte er die schmalen, gepflasterten Wege entlang. Sein Blick streifte mal hierhin, mal dorthin. Hinter ihm hörte er etwas rascheln. Schnell wandte er sich um, den Zauberstab griffbereit in der Hand, doch er sah nur ein Eichhörnchen, das aus einem Gebüsch hervorflitzte und blitzschnell eine hohe Tanne erklomm.

An deinen Nerven solltest du noch arbeiten! riet er sich selbst und ging weiter, bis seine Augen fanden, was sie suchten. Die Statue des Engels.

Zielstrebig bahnte er sich seinen Weg jetzt zwischen den Grabsteinen hindurch, immer auf die Statue zu. Majestätisch stand sie da, mit ausgebreiteten Flügeln, als wolle sie sie gleich zum Schutz um einen legen. Doch diese Flügel hatten ihn damals nicht geschützt. Niemand hatte das.

Und schließlich fand er, was er suchte.

Ein marmorner Grabstein, auf dem in dunklen Lettern der Name ‚Tom Riddle' prangte. Er ließ seinen Rucksack von seinen Schultern gleiten und warf ihn achtlos neben dem Grab ins Gras.

„So sieht man sich wieder." murmelte er leise, während er sich hinkniete und mit seiner Hand langsam über den kühlen Stein strich. Eine Gänsehaut zog sich über seinen Rücken. So malerisch dieser Ort in diesem Licht auch aussehen mochte, es war dennoch ein böser Ort. Hier war Schreckliches geschehen.

Langsam stand er wieder auf, seinen Blick nicht von dem Grabstein nehmend.

Und jetzt? Was sollte er jetzt tun?

Mit einem Mal wusste er nicht mehr, wieso er mit aller Macht versucht hatte, hierher zu gelangen. Nur weil Wurmschwanz damals hier gewesen war, hieß das ja nicht, dass er immer noch hier war und nur auf ihn wartete.

Verzweiflung keimte in ihm hoch. Sirius saß in Askaban, Remus saß in Askaban, und Snape auch und was machte er? Er flüchtete sich quer durchs Land, um einen Friedhof zu finden.

Wütend über sich selbst trat er mit voller Wucht gegen den leicht verwitterten Marmor, so hart, dass das ‚T' von ‚Tom' abbrach und zu Boden fiel.

„Wo bist du?" schrie er in den Abend hinaus. „Zeig dich, du schleimiger Bastard!"

Natürlich erhielt er keine Antwort. Er kam sich dumm vor, und doch brauchten seine Wut und seine Verzweiflung ein Ventil und so schrie er weiter. Das leise Surren in seinem Rucksack hörte er nicht.

„Wo du auch bist, Wurmschwanz, ich werde dich finden! Und dann wirst du bezahlen, für alles, was du Sirius und Remus angetan hast! Ich werde dich finden! Hörst du? HÖRST DU?"

„Aber, aber… Kein Grund so zu schreien, Potter!"

Harry erstarrte. Seine Augen wurden groß, die Gänsehaut weitete sich über seinen ganzen Körper aus. Seine Finger schlossen sich fester um seinen Zauberstab, als er sich langsam zu der ihm wohlbekannten Stimme umdrehte.

„Malfoy."

In der Tat, vor ihm stand Lucius Malfoy persönlich. Er trug Muggelkleidung, was Harry ungewöhnlich vorkam, und diese war auch seltsam schlicht. Nur eine gewöhnliche schwarze Hose und ein einfaches, langärmliges dunkelblaues Hemd. Sein langes, weißblondes Haar hatte er im Nacken zusammengebunden. Um seine Lippen spielte ein selbstzufriedenes und zynisches Grinsen. Seine grauen Augen funkelten ihn kalt und abschätzend an.

„Wen hast du erwartet, Potter? Doch wohl nicht Pettigrew. Dachtest du wirklich, du würdest ihn hier finden?" fragte er belustigt.

Eine leichte Röte stieg in Harrys Wangen. Ja, er hatte es tatsächlich geglaubt und er wusste jetzt, wie unglaublich dumm das von ihm war. „Wieso sind sie hier?"

„Ach weißt du," Malfoy setzte sich langsam in Bewegung, er schlenderte zwischen den Grabsteinen hindurch, den Zauberstab fest in der rechten Hand, mit der linken strich er abwesend über ein paar Grabinschriften und wischte ein paar Blätter von kleineren Statuen. „ich hab mich gefragt, wo du wohl hinwillst. Du hast so zielstrebig gewirkt, also bin ich dir gefolgt. Ich war neugierig, was sich der große Harry Potter wohl zur Rettung seiner Freunde einfallen lässt. Und ich muss sagen, du enttäuscht mich."

„Seit wann verfolgen sie mich schon?"

„Als wenn das wichtig wäre. Aber ich hab dich kurz vor Crisby gefunden."

Harry schauderte innerlich. Solange war ihm Malfoy schon auf den Fersen und er hatte nichts davon bemerkt.

„Was wollen sie von mir?"

„Du enttäuscht mich schon wieder, Potter. Die Antwort auf diese Frage sollte doch wohl offensichtlich sein."

Malfoy war jetzt nur noch wenige Meter von ihm entfernt.

Harry zückte seinen Zauberstab. Er würde nicht zulassen, dass Malfoy ihn in die Finger bekam. Oh nein.

„Dann sollten sie wissen, dass ich nicht vorhabe, es ihnen so leicht zu machen! Stupor!"

Ein roter Blitz schoss aus Harrys Zauberstab, aber Malfoy sprang behände einen Schritt zur Seite. Er grinste abfällig.

„Ich das alles, was du parat hast, Potter?"

Harry versuchte es noch mal und noch ein paar Mal mit was anderem, aber Malfoy wich ihm entweder aus oder fing seinen Zauber mit einem Schutzzauber ab. Doch dann ging auch der Todesser zur Offensive über.

Auf dem Friedhof entflammte ein erbittertes Duell. Blitze in den verschiedensten Farben zuckten zwischen den Bäumen hindurch. Grabsteine barsten, die Vögel in den Bäumen flatterten aufgeregt davon und die Eichhörnchen flohen ängstlich. Sie benutzten die Statuen und Steine als Deckung. Harry keuchte schon bald vor Anstrengung, Malfoys Wangen waren leicht gerötet und sein Haar hing ihm in wirren Strähnen ins Gesicht – bei einem Ausweichmanöver war er an einem Ast hängen geblieben und hatte dabei sein Haarband eingebüßt. Doch keiner von beiden wollte klein beigeben.

Langsam wurde Harry bewusst, dass er vielleicht einen Fehler gemacht hatte. Er hätte auf Dumbledore hören sollen, er hätte dem Orden helfen sollen anstatt auf eigene Faust loszuziehen. Und wieder zersplitterte der Grabstein hinter dem er gerade kauerte. Die Splitter rissen ihm die Haut in Gesicht und Armen auf und dann sah er ihn. Malfoy stand direkt über ihm und grinste boshaft auf ihn herab.

So schnell es ihm gelang sprang er auf und rannte davon. Er musste Schutz finden, er musste…

„Aahh!"

Der Fluch traf ihn am rechten Schulterblatt, er taumelte, stolperte und stürzte schließlich zu Boden, dann wurde alles um ihn herum dunkel. Er war bewusstlos.


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lg, Bella