Gefährten

Fanfiction von Lady of the dungeon


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Vielen Dank für Eure Reviews: Spitzohr, Palina, Sally S., istina, Whitewishes, Reditus Mortis und Moonlight. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen unbd alle Revs beantwortet. Früher konnte man immer sehen, ob ein Review schon beantwortet war, aber das ist irgendwie geändert *grummel*

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Beta: TheVirginian, der ich nicht nur für meergrüne Korrekturen danke, sondern auch für die Inspiration zu diesem und dem folgenden Kapitel – ach, deren „Captivitas" eigentlich überhaupt der Anstoß war, mich auf die „Gefährten" einzulassen

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Soundtrack: „The poet and the pendulum" von Nightwish

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Kapitel 10: Der Tod ist ein Meister aus Angst

Narcissa erwachte früh, wie so oft; draußen war es noch dämmrig. Doch nicht ihre eigene Rastlosigkeit, sondern das feine ‚tab, tab, tab' eines Vogelschnabels am Fenster hatte sie geweckt, wie sie verwundert feststellte. Wer schickte ihr zu dieser Zeit eine Eileule?

Sie erhob sich, strich eine Strähne aus der Stirn, die sich aus ihrem langen Zopf gelöst hatte und trat ans Fenster. Klar und kühl strömte die Luft über ihre nackten Arme, als sie öffnete, um die gefiederte Botin einzulassen. Doch keine Eule glitt sacht in den Raum, sondern eine braunscheckige, wehrhaft wirkende Möwe, die sich mit elegantem Schwung auf der Lehne des einfachen Holzstuhls niederließ, der in Narcissas Schlafzimmer stand.
Die Hexe runzelte die Stirn. Wer würde einen Seevogel schicken? Im Geist ging sie die Riege der wenigen entfernten Verwandten durch, doch niemand von diesen verwendete andere Boten als die üblichen Eulen.

Als die Möwe ihr fordernd das Bein entgegen streckte, bemerkte Narcissa, dass die Pergamentrolle daran in eine Wachstuchhülle eingeschlagen war, um sie vor Nässe zu schützen, und zusätzlich mit einem ‚Impervius' versehen. Der Vogel kreischte herausfordernd und durchdringend. Narcissa langte in die Dose mit den Eulenkeksen, und das Tier verschlang gierig die hastig zugeworfenen Brocken, die es geschickt mit dem Schnabel aus der Luft fing. Als es sich beruhigt hatte, zog Narcissa ihm das Pergament vom Fuß.
Der Boden unter ihr schien für einen kurzen Moment zu schwanken, als sie das Siegel von Askaban erkannte. Sie spürte, wie ihr das Blut aus den Wangen wich.

„Lucius", flüsterte sie. „Merlin bewahre, wenn dir etwas geschehen ist."

Doch entgegen ihrer gehauchten Hoffnung war Narcissa sicher, dass nur ein derartiges Ereignis die Gefängnisleitung dazu brachte, ihr eine dringliche Nachricht zu schicken. Mit zitternden Fingern entrollte sie die Nachricht und gebot der Lampe über dem kleinen Tisch mit einem strengen ‚Lumos', ihr Licht zu spenden.

„Sehr geehrte Mrs. Malfoy", begann der Text, mit zierlichem und doch energischem Federstrich, „entschuldigen Sie die Störung zu früher Stunde, doch leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann in Folge eines Angriffs anderer Häftlinge mit nicht unerheblichen Verletzungen auf die Krankenstation von Askaban verbracht wurde. Aufgrund der ergriffenen Maßnahmen ist sein physischer Zustand nicht mehr kritisch, allerdings halte ich Ihren Besuch im Hinblick auf eine baldige Heilung für medizinischen angeraten.
Bitte haben Sie Verständnis, dass ich Ihnen wegen der Verschwiegenheitspflicht meines Berufsstandes keine näheren Angaben machen kann.

Gegen Vorlage dieses Schreibens erhalten Sie unabhängig von den üblichen festgelegten Besuchstagen Zugang zur Haftanstalt. Eine kurzfristige Terminierung über das Ministerium ist ratsam, zumal Sie dort die Möglichkeit haben, gemäß Artikel 6 § 34 Ziffer 5.6.3. der Europäischen Verordnung über Haftbedingungen in magischen Resozialisierungszentren einen gebührenfreien Portschlüssel zu beantragen.

Im Auftrage
Dr. Joy
Heilerin
Krankenstation Askaban

Narcissa ließ das Pergament sinken. Lucius war verletzt. Sie versuchte, sich unter ‚nicht unerheblichen Verletzungen' etwas Konkretes vorzustellen, doch der Begriff war ebenso unbestimmt wie besorgniserregend.

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Obwohl die Angst um Lucius sie innerlich auffraß, nahm sich Narcissa die Zeit, ihren Besuch in Askaban gründlich vorzubereiten. Es kostete sie eine ganze Dose Hering in Tomatensoße, die Möwe davon zu überzeugen, nicht schlicht zurück zu fliegen, sondern unterwegs noch einen Brief zuzustellen. Doch schließlich hatte sie die Nachricht für Reprobate Lawbender, den Anwalt der Malfoys, am Fuß des Sturmvogels befestigt.

Als Narcissa an diesem nebligen Morgen um zehn vor sieben vor dem das Ministerium apparierte, erwartete sie noch nicht, den Anwalt zu sehen, doch der grauhaarige Zauberer in der zweireihigen Nadelstreifenrobe erwartete sie bereits am Eingang.

„Guten Morgen, Narcissa", grüßte er und tippte mit dem Finger an seine Melone.

„Reprobate, guten Morgen", erwiderte sie und reichte ihm ihre Hand, ohne den feinen Lederhandschuh auszuziehen. „Ich bin sehr dankbar, dass Sie gekommen sind."

Diese Aussage war keine Floskel, denn Narcissa war tatsächlich froh, dass der Anwalt ihr noch immer zu Seite stand, egal, worum es sich handelte. Immerhin war sie völlig außerstande, ihn für seine Bemühungen angemessen zu entlohnen, doch das schien den Mittfünfziger, der die Malfoys seit Jahrzehnten juristisch beriet, so wie es sein Vater und sein Großvater zuvor getan hatten, nicht zu bekümmern.

„Das ist schon Lucius' zweite gravierende Verletzung innerhalb von sechs Monaten", stellte der Advokat sachlich fest. „Das Ministerium wird uns das erklären müssen."

„Ich glaube, die Wachen hassen ihn", vermutete Narcissa leise, nachdem sie sich umgesehen und die Umgebung einer kritischen Kontrolle unterzogen hatte.

„Das verwundert mich nicht", gab Lawbender zurück. „Er symbolisiert etwas, das zu erreichen keiner von diesen Unterschicht- Zauberern jemals zu hoffen wagen darf. Kaum eine reinblütige Familie stand in den letzten Jahren derart im Fokus der Öffentlichkeit wie die Ihre, Narcissa. Ihr Mann steht für Reichtum, Eleganz und Einfluss."

„Wir haben nichts mehr davon", sagte sie bitter.

„Nein, aber der Nimbus haftet Ihnen an", gab Lawbender zurück. „Lucius hat seine Macht und sein Vermögen auf eine Weise benutzt, die dem gesellschaftlichen Konsens nicht entspricht. Er steht für die Werte der Dunklen Revolution, und man wirft ihm überdies Arroganz, Hochmut und Überheblichkeit vor. Jetzt empfängt er die Sanktion für jedes einzelne Mal, wenn ein Reinblüter aus alter Familie einem dieser Kleingeister auf die Füße getreten sein mag."

„Aus Ihrem Mund klingt das wie eine Rechtfertigung", beschwerte sie sich.

Der Anwalt lächelte. „Ich erläutere nur den Hintergrund der Vorkommnisse. Aber selbstverständlich müssen wir diesen Misshandlungen ein Ende bereiten. Ich befürchte nur, das wird nicht ganz einfach werden. In den meisten derartigen Fällen steht Aussage gegen Aussage, und im Zweifel wird der Gamot stets den Wachen glauben und nicht dem Häftling. Aber jetzt wollen wir erst einmal sehen, dass wir nach Askaban kommen und Lucius selbst befragen", meinte er beschwichtigend und begab sich auf eine schmale Gittertreppe, die außen an einer unscheinbaren Häuserwand entlang führte. „An einem Sonntag werden wir vermutlich wenig Begeisterung ernten, dafür jedoch leichtes Spiel haben."

Auf diese kryptische Aussage hin folgte Narcissa dem Anwalt bis zu einer unscheinbaren Stahltür, die die Aufschrift „Feuerschutz" trug. Lawbender tippte mit dem Zauberstab dagegen. Es dauerte einen Moment, dann schob sich ein Rohr aus rotem Metall durch die starre Materie der Tür.

„Ihr Begehr?" schnarrte das Rohr.

„Lawbender, Advokat und Notar. Ich möchte einen Antrag nach Artikel 6 § 34 Ziffer 5.6.3. der Europäischen Verordnung über Haftbedingungen in magischen Resozialisierungszentren stellen. Laut offizieller Auskunft der Anstalt liegt ein Dringlichkeitsfall vor."

„Warten Sie", raunzte das rot lackierte Rohr und verschwand spurlos in der Tür.

Lawbender drehte sich zu Narcissa um und erklärte flüsternd: „Aus den Aussagen der Heilerin eine Dringlichkeit nach § 56 Absatz 3 Ziffer d zu kreieren, ist natürlich gewagt, aber mit etwas Glück hat heute kein Advokat, sondern nur ein Beamter der gehobenen Laufbahn Dienst."

Tatsächlich knackte es nach etwa zwei Minuten, die Narcissa wie eine Ewigkeit erschienen, im Schloss, und mit einem mechanischen Surren sprang die Tür einen Spalt weit auf.

„Notfallportal für Feiertage", prangte jetzt plötzlich ein Schild mit auffällig leuchtenden Lettern über der Klinke. Lawbender nickte Narcissa ermutigend zu, dann betraten sie das Ministerium.

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„Das Problem ist, dass Askaban kein Resozialisierungszentrum ist", erläuterte ein kleiner, bebrillter Zauberer mit schütterem Haar, der fast hinter den Aktenbergen auf seinem schäbigen Schreibtisch versank. „Qua definitionem ist Askaban eine ‚Anstalt zur Bestrafung und Resozialisierung schwerstkrimineller Zauberer', und für diese Einrichtungen gilt die europäische Verordnung nicht, sondern nationales, das heißt, britisches Recht. Und dieses, mein werter Kollege Lawbender und sehr verehrte Mrs. Malfoy, sieht ein Sonderbesuchsrecht in Erkrankungsfällen nicht vor."

Narcissa schwirrte der Kopf vor lauter Paragraphen, Artikeln und Verordnungen, die sich Lawbender und der kleine Jurist des Ministeriums seit dreißig Minuten mit – wie es schien – wachsender Begeisterung an den Kopf warfen. Am liebsten hätte sie die beiden Männer angeschrieen, ob sie nicht begriffen, dass Lucius verletzt sei, und dass er sie, Narcissa, dringend brauchte, wie es in dem Brief der Heilerin stand. Doch sie wusste, wie unproduktiv und wenig zielführend ein solcher Gefühlsausbruch bei dieser Art Menschen sein würde.

„Meine Herren", unterbrach sie mit bemühter Ruhe in der Stimme den Diskurs der Juristen. „Ich verstehe die Bedeutung der Einstufung von Askaban. Aber bitte bringen auch Sie Verständnis dafür auf, dass sich an den Fakten unabhängig vom Status Askabans nichts ändert: Mein Mann ist verletzt und benötigt laut Aussage einer approbierten Heilerin seelische Unterstützung von seiner Familie. Wenn Sie mir nicht gestatten, ihn zu sehen, werde ich meine Kommilitonin Mrs. Rita Skeeter aufsuchen und sie exklusiv über die Haftbedingungen in Askaban informieren."

Narcissa pokerte hoch, denn aufgrund von Lucius' diesbezüglicher Schweigsamkeit besaß sie keinerlei Detailkenntnisse. Doch niemand konnte wissen, was und wie viel er ihr bei ihrem letzten Besuch erzählt hatte.

„Es gibt nicht viele, die einen verurteilten Schwarzmagier bemitleiden werden", erklärte der kleine Zauberer säuerlich.

„Seien Sie versichert, ich werde dafür sorgen, dass man unangenehme Fragen stellt", gab Narcissa selbstbewusst zurück.

Sie atmete tief durch und sah dem kleinen Beamten fest in die wässrig blauen Schweinsäuglein. Er wich ihrem Blick nicht aus.

„Sie haben eine Bewährungsstrafe erhalten, nicht wahr, Mrs. Malfoy?"

Er klopfte mit dem Zauberstab auf einen Kasten mit Karteizetteln, und sofort wand sich ein nicht besonders großer, aber eng beschriebener Bogen Pergament aus der hölzernen Kiste. Narcissa konnte den Text nicht lesen, doch sie erkannte das Bild, das am Tag ihrer Festnahme nach der großen Schlacht in der Arrestzelle des Ministeriums gefertigt worden war.

„Ich habe alle Todesser hier in dieser Kartei", informierte der Schweinsäugige mit hintergründigem Lächeln, das ihm etwas überraschend Diabolisches verlieh.

„Ich habe niemals das Dunkle Mal getragen", erwiderte Narcissa beherrscht.

„Und doch hat man Sie zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt", entgegnete der Beamte.

„Ich habe mir seitdem nichts zu Schulden kommen lassen", beharrte Narcissa steif.

„Noch nicht", bestätigte der kleine Mann. „Zumindest nichts, das dem Ministerium zur Zeit bekannt wäre. Aber schon eine kleine Verfehlung genügt, und Sie verschwinden für eine lange Zeit in Eastwick, Mrs. Malfoy. Gilt Ihr Sohn nicht als labil? Wie er damit wohl zurecht käme?"

„Ich nehme nicht an, dass Sie meiner Mandantin drohen wollen?", mischte sich Lawbender mit gerunzelter Stirn ein. Seine blauen Augen leuchteten kalt.

„Aber nicht doch", wiegelte der Schweinsäugige mit besänftigender Geste ab. „Ich bin Regierungsbeamter, wie käme ich dazu? Ich wollte Mrs. Malfoy nur noch einmal auf die…sagen wir, ‚Zerbrechlichkeit' ihrer Freiheit hinweisen."

Er beschwor aus der Luft einen dunkelmetallisch glänzenden Schlüssel, öffnete damit eine seiner Schreibtischschubladen und zog ein Formblatt heraus. Als er selbiges mit der Spitze seines Stabes berührte, füllten sich die leeren Formularfelder automatisch mit Daten: Narcissas Name und aktuelle Anschrift, Lucius' Name, die Angaben zu Lawbenders Person und Kanzlei und dazwischen jede Menge Paragraphen.

„Unabhängig davon, dass ich nach derzeitiger Kenntnis die Rechtslage anders einstufe als Sie, Mr. Lawbender, bin ich bereit, Mrs. Malfoy einen außerplanmäßigen Besuch in Askaban zu ermöglichen, allerdings erst in den Abendstunden, da die Anstaltsleitung natürlich noch informiert werden muss. Unterschreiben Sie hier."

Er schob beiden das Formular zu.

Lawbender nahm es Narcissa aus der Hand, die bereits eine Feder beschworen hatte. Aufmerksam las er es von oben bis unten, auch das Kleingedruckte.

„Wenn Sie das Papier unterzeichnen, verpflichteten Sie sich unter Strafandrohung, über die im Rahmen des Besuchs gemachten Feststellungen Stillschweigen zu bewahren, es sei denn, es käme zu einem Prozess, Narcissa. Der Weg zu Miss Skeeter wäre Ihnen dann verwehrt", gab Lawbender zu bedenken.

„Das ist mir egal", stieß Narcissa entschieden hervor. „Alles, was ich will, ist Lucius sehen und ihm beistehen."

Lawbender nickte, dann lächelte er. Der kleine Ministerialjurist drückte einen Stempel auf das Dokument und händigte Narcissa eine Kopie davon aus, zusammen mit einem hässlichen, grün lackierten Blumentopf, den er aus einer Schublade zog.

„Das ist Ihr Portschlüssel", klärte er sie auf. „Er aktiviert sich automatisch um siebzehn Uhr und bringt Sie - und nur Sie – zum Bootsanleger."

Lawbender nickte, verabschiedete sich knapp, aber nicht unhöflich und führte Narcissa aus der Amtsstube hinaus auf den grauen, faden Gang.

„Sie können mich nicht begleiten, Reprobate?", erkundigte sie sich bei ihm, nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

Ein kryptisches Lächeln spielte um seine schmalen Lippen. „Der Portschlüssel ist nur für Angehörige gedacht und seine Kapazität aus Sicherheitsgründen auf eine Person beschränkt", erläuterte er. „Aber ich werde am Bootsanleger auf Sie warten, Narcissa. Mr. Neunmalklug hier drinnen hat nicht bedacht", setzte er hinzu, als sie das Gebäude verlassen hatten, „dass ich als Lucius' Anwalt keinen Antrag stellen muss. Ich kann ohne Vorankündigung in Askaban auftauchen und verlangen, ihn zu sprechen – im Gegensatz zu Ihnen auch unter vier Augen. Natürlich bedarf es gewichtiger Gründe, und der Beamte hat – wie Ihnen vielleicht entgangen ist – den Brief der Heilerin einkassiert. Sehr geschickt, der Bursche. Was er allerdings nicht ahnen konnte, ist…" Eine graubetuchte Hand tauchte in die Aktentasche des Rechtsbeistandes und zog ein zusammengerolltes Pergament hervor, „… dass die gute Heilerin Joy nicht nur Ihnen geschrieben hat, Narcissa, sondern auch mir."

Ein vergnügtes Glitzern funkelte in den blauen Augen des Anwalts. „Ganz offenbar wollte sie sichergehen, dass zumindest einer von uns beiden Lucius noch heute zu Gesicht bekommt. Sie hat mir in ihrem Schreiben sogar mitgeteilt, dass Lucius' Zellengenosse, Mr. Lupin, Zeuge des Vorgangs gewesen sein soll, der zu Lucius' Verletzungen geführt hat, ohne dass sie allerdings auf die Art der Schäden näher eingegangen wäre."

„Lupin ist ein Werwolf und ein Feind", bemerkte Narcissa. „Er war Mitglied in Dumbledores Phönixorden. Was haben wir von einem wie ihm schon zu erwarten?"

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Remus erwachte, weil die Sonne ihm in die Augen stach. Träge blinzelte er in die Helligkeit und spürte der schläfrigen Schwere nach, die noch in seinen Gliedern hing. Früher – als junger Mann – war er stets mit den ersten Vögeln schon wach gewesen, doch je älter er wurde, desto mehr verschob der Wolf seine innere Uhr in die Abend- und Nachtstunden. Außerdem genoss er in diesem Augenblick das Gefühl weichen Stoffs auf der Haut und den frischen Duft der sauberen Bettlaken der Krankenstation. Das Vergnügen würde kurz genug sein; er zweifelte nicht daran, dass er sich am Abend in der kalten, stinkenden Zelle wieder finden würde, die er mit Malfoy teilte. Sein Blick wanderte durch den Raum, bis er an der zusammengerollten Gestalt im anderen Bett hängen blieb.

Lucius Malfoy schlief, die Arme schützend um die eigenen Schultern geschlungen. Remus fragte sich, wie in aller Welt er in einer solchen Haltung nur schlafen konnte. Malfoys Gesicht war blass, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen.

Bis aufs Blut hatten die Todesser Macnair, Lester und Lestrange ihn gestern gedemütigt. Die Wunden an Kopf und Körper mochte die Heilerin in der Nacht mit einem Schwenk ihres Stabes geheilt haben, doch die Tat würde Folgen haben, daran bestand kein Zweifel. Er fragte sich, wie lange Malfoy dem Druck, den die Haftbedingungen und die Schikanen von Mitgefangenen und Wärtern bedeuteten, noch standhalten würde. Wie er dort lag, der Welt für den Augenblick entrückt, bleich und ätherisch, hätte man den Slytherin mit etwas Fantasie tatsächlich für eine Figur aus dem Silmarillion halten können, einen verlorenen letzten Elben, der nicht in die brutale Welt Askabans gehörte und an ihr zu zerbrechen drohte.

Im nächsten Moment schüttelte Remus den Kopf über sich selbst. Was für Flöhe hatte ihm Malfoy nur ins Ohr gesetzt mit seinen Geschichten von den Erben Galadriels?

Leise öffnete sich die Tür, und das freundliche Gesicht von Heilerin Joy spähte durch den Spalt. Als sie sah, dass Remus erwacht war, trat sie herein und verharrte neben seinem Bett.

„Wie geht es Ihnen heute morgen, Mr. Lupin?", erkundigte sie sich freundlich und leise genug, um Malfoy nicht zu wecken.

„Ziemlich gut", antwortete er höflich. „Ihr Schlaftrank hat mich umgehauen gestern Nacht, aber der übliche schwere Kopf, den so ein ‚Traumloser Schlaf' hinterlässt, fehlt dankenswerterweise."

Sie lächelte. „Den können Sie bei einem schlichten Melissentee mit Honig auch nicht erwarten." Sie ließ ihm einen Moment, um das Gesagte zu verarbeiten. „Sie sahen nicht aus, als ob Sie wirklich eines Schlaftranks bedurft hätten gestern", setzte sie hinzu.

Er gab ihr Lächeln etwas reduziert zurück. „Was tut ein guter Mensch wie Sie an einem solchen Ort?", fragte er interessiert.

„Ich spezialisiere mich auf Unfall- und Notfallheilungen, und hier gibt es eine Menge zu lernen in dieser Hinsicht", erklärte sie. „Zudem ist die Nachtwache außerordentlich gut bezahlt. Ich weiß, wer Sie sind, Mr. Lupin", setzte sie hinzu, „und ich weiß, wer er war." Sie wies auf Malfoy. „Das gestern Nacht war eine verabscheuungswürdige Tat, niemand hat verdient, Opfer eines derartigen Übergriffs zu werden. Hat man Sie verschont wegen Ihrer Lykantrophie?"

„Es kam gar nicht so weit", beantwortete Remus die Frage wahrheitsgemäß. „Ich hatte eine Chance, mich zu wehren."

„Und wie wohl?", erkundigte sie sich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Teilpetrifiziert, mit einer Gehirnerschütterung, gegen mehrere Gegner, wie ich vermute?"

Remus sah sie an. Es lag kein Falsch in ihren Augen, doch er war nicht eben wild drauf, dass die Anstaltsleitung erfuhr, dass er einen Tag nach dem Vollmond Anzeichen einer beginnenden Verwandlung gezeigt hatte.

„Ich hatte Glück", brachte er vage hervor. Es klang selbst für seine Ohren nicht sehr überzeugend.

„Das hatten Sie wohl", bestätigte sie. „Und den Mond im Rücken."

Er starrte sie an. „Woher…ich meine, wie kommen Sie auf so eine Idee?"

„Ihre Iris ist noch immer bernsteingelb verfärbt", erwiderte sie. „Bei alten Lykantrophen kommt das gelegentlich vor, aber in Ihrem Alter ist es … ungewöhnlich."

Er schluckte. „Sie werden es melden", stellte er resigniert fest.

„Das müsste ich", informierte sie ihn. „Ich habe vorhin nachgesehen, welche Konsequenzen sich daraus für Sie ergeben würden: Einzelhaft, eine ständige Injektion einer Substanz, die dem Wolfsbanntrank ähnelt. Die Nebenwirkungen sind auf Dauer sehr schädlich."

Sie zog eine Phiole aus der Robentasche und reichte sie ihm. Eine träge Flüssigkeit in tiefem Schokoladenbraun benetzte die Glaswände.

„Harmlos", sagte sie. „Ein Schönheitsmittelchen, um die Augenfarbe zu ändern. Dies hier ist der Ladenhüter, braun ist nicht sonderlich gefragt."

„Warum helfen Sie mir? Das kann Sie den Job kosten", insistierte Remus. „Es ist doch gegen die Vorschriften, oder?"

Sie lachte leise und zuckte die Achsel. „Manchmal muss man etwas riskieren für seine Überzeugungen. Gerade Sie sollten das doch verstehen, Mr. Lupin."

Sie wandte sich dem Bett zu, auf dem Malfoy lag.

Indicare", klang ihr Diagnosezauber an Remus' Ohr. „Ich möchte wissen, welcher Dilettant diese Wunde auf seiner Stirn geheilt hat", murmelte sie und berührte sachte die wulstige Narbe, die immer noch rötlich schimmerte.

Malfoy gab ein Wimmern von sich. Joy hob ihren Stab und wirkte einen sanften Schlafzauber, dann setzte sie die Spitze des Werkzeugs auf die Narbe.

Reducere."

Das Rot verblasste, die Schwellung ging zurück. Remus beobachtete, wie nur mehr ein silbriger Strich auf Malfoys fast weißer Haut blieb.

„Er wird Ihnen sehr dankbar sein", prophezeite er mit sanftem Spott. „Malfoy ist eitel."

Sie wandte sich zu ihm um. „Jeder Heiler schuldet seinem Patienten den bestmöglichen Einsatz seiner magischen Kräfte. Diese Wunde hier wurde stümperhaft versorgt."

Sie trat zu Remus. „Er wird bis heute Abend schlafen, wenn es keinerlei Unterbrechungen gibt. Seine Frau habe ich verständigt, aber Merlin weiß, ob man sie zu ihm lässt. Natürlich habe ich als Heilerin keine Kompetenz, Sie nach den Tätern des gestrigen Abends zu befragen, und ihn will ich nicht wecken, er braucht Ruhe. Aber vielleicht wäre es sinnvoll, eine unabhängige Person ins Vertrauen zu ziehen."

Remus runzelte die Stirn, während sie ihn erwartungsvoll ansah.

„Ich verstehe nicht ganz…", sagte er bedächtig.

„Nun, mancher Gefangene konnte oder wollte sich gegenüber Angehörigen oder Rechtsbeiständen nicht an den- oder diejenigen erinnern, die ihm die Wunden beigebracht hatten, von denen in meinen medizinischen Berichten die Rede war. Und zwar, nachdem sie zuvor einer Spezialunterredung durch die Anstaltsleitung unterzogen wurden. Mr. Malfoy hat mir gestern Abend gesagt, wer ihn so zugerichtet hat. Aber wenn Sie es bestätigen, kann ich unter Veritaserum beim Ministerium eine Aussage machen, die nur schwer anzuzweifeln ist." Sie lächelte.

„Man wird nicht am Wahrheitsgehalt Ihrer Angaben zweifeln, Doktor Joy, sondern an dem, was Sie aus zweiter Hand von einem verurteilten Todesser und einem Werwolf erfahren haben", gab Remus leise zu bedenken. „Und ich glaube nicht, dass Mr. Malfoy oder ich so leicht durch Drohungen oder ein Prügelkommando zu beeinflussen sind."

Dennoch entschied er sich, ihr in knappen Worten den Hergang der Tat zu schildern. Sie hatte Recht, es konnte nicht schaden, ihr alles zu erzählen, sie mochte sich ohnehin das meiste zusammenreimen. An ein Eingreifen der Anstaltsleitung oder Einschüchterungsversuche glaubte Remus indes nicht. Wächter waren an dem Übergriff nicht beteiligt gewesen. Selbst wenn Drains die Finger im Spiel gehabt hatte, war das nicht zu beweisen.

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Als Remus wenige Stunden später – Doktor Joy hatte ihre Schicht beendet und die Krankenstation verlassen – an Malfoy gefesselt von zwei Wächtern in die Kellergewölbe Askabans geführt wurde, begann er die Befürchtungen der Heilerin zu teilen. Grob stießen die beiden Bewaffneten sie vorwärts, indem sie ihnen immer wieder mit den Stäben elektrische Schläge verpassten, insbesondere wenn Malfoy ihnen zu langsam lief. Es irritierte Remus, dass er die beiden Wachen noch niemals zuvor gesehen hatte, die am Mittag in die Krankenstation kamen und Malfoy mit einem Eimer eiskalten Wassers weckten, den sie ihm brutal überstülpten.

Rüde trieben sie die nur mit dem - in Malfoys Fall nassem - Nachthemd bekleideten Gefangenen vor sich her, tiefer und tiefer in die Eingeweide Askabans hinab. Hier unten, wo die Gänge feucht, fensterlos und nur von wenigen tranigen Fackeln erleuchtet waren, klang das Rauschen des umgebenden Meeres dröhnend und bedrohlich nah. Es roch nach Salz und abgestandenem Brackwasser.

Kein Wort kam über Malfoys Lippen, der blass und bemüht, nicht zu viele Schläge einzustecken, neben Remus einher eilte.

Vor einer kleinen, massiven Tür aus feuchten, dunklen Holzbohlen endete ihr Weg. Einer der Wächter öffnete, und wies sie grob an, hineinzugehen. Remus sah, wie Malfoy tief Atem schöpfte und schließlich vorausging, Remus an der magischen Fessel, die sie wieder verband, mit sich ziehend.

Mit einem unangenehmen Quietschen in den Angeln schloss sich die Tür hinter ihnen.

Remus sah sich um: Die Zelle war winzig, und sie enthielt weder Pritsche noch Stuhl, nur kalten, feuchten Stein. An der hinteren Wand rußte eine Fackel und verströmte ein flackerndes, unstetes Licht. Schatten tanzten über die Wände, ohne dass etwas sichtbar war, dessen Umrisse sich hätten abbilden können.

Malfoy und Remus standen unschlüssig im Raum. Es war kühl, und der nasse Stoff klebte an Malfoys Brust und Schultern.

„Du solltest es ausziehen", empfahl Remus.

Malfoy nickte stumm und zog das Hemd über den Kopf. Remus, der eigentlich diskret zur Seite sehen wollte, starrte ihn an: Kein Makel, keine Wunde, kein blauer Fleck befand sich auf der blassen Haut.

„Sie hat ganze Arbeit geleistet", sagte Malfoy anerkennend, der sich ebenfalls mit zunächst zweifelndem Blick betrachtete. „Mir tut nicht einmal mehr der Kopf weh." Er fuhr sich durch die Haare, die sauber und glänzend waren. Keine Spur von verkrustetem Blut. „Was ist mit deinen Augen?", erkundigte er sich wie beiläufig.

„Wieso?", fragte Remus.

„Sie leuchten im Dunkeln", gab Malfoy ruhig zurück.

Remus schnappte nach Luft und tastete nach der Phiole, die er mangels anderer Optionen in seiner Unterhose versteckt hatte. Sie war noch da.

„Keine Sorge", erklärte Remus, selbst wenig überzeugt. „Ich verwandele mich nicht." Niemals hätte die Heilerin ihm den Trank ausgehändigt, wenn diese Gefahr bestünde, versicherte er sich selbst, um seine eigene Panik, die plötzlich in ihm aufstieg, zu beruhigen.

„Ich habe keine Angst", erwiderte Malfoy ernsthaft. „Erstaunlich, nicht wahr? Obwohl ich weiß, dass du gestern den Beginn einer lunar entkoppelten Verwandlung durchgemacht hast, und obwohl wir hier im Dementorenraum stehen."

Remus starrte ihn an. „Das sind doch nur Gerüchte."

Doch Malfoy schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Aber nun, wir werden sehen."

Sie schwiegen, doch die Stille und das Stehen auf einem Fleck setzten Remus zu, der tief in sich eine furchtsame Nervosität spürte, für welche die Ungewissheit der Situation nicht ausreichend Grund bot.

„Können wir ein Stück gehen?", fragte Remus schließlich.

„Drei Schritte hin und her oder immer an der Wand entlang?", erkundigte sich Lucius mit spöttischem Unterton.

„Nicht die Wand", erwiderte Remus sofort, ohne zu wissen, warum ihm der Gedanke, die kahle Wand zu berühren, derartige Schauer über den Rücken jagte.

„Das ist der Dementor", erklärte Lucius leise. „Er ist noch nicht nahe bei uns, aber du spürst ihn bereits. Mir ist kalt, aber das kann auch einfach am Raum hier liegen."

Remus zappelte ungeduldig hin und her. „Das liegt ganz sicher daran, dass hier drin vielleicht fünfzehn Grad sind, oder auch nur dreizehn, und du keine Kleider anhast, Malfoy. Außerdem ist es feucht, und es riecht nach vermodernden Tieren."

Zu Remus' großer Verblüffung lachte Malfoy. „Welch ein Glück, dass ich nicht deinen feinen Geruchssinn habe, Lupin. Willst du eine Geschichte hören?"

Remus sah ihn verwundert an, nickte dann jedoch. Malfoy konnte fesselnd erzählen, das wusste er bereits, und etwas Ablenkung würde ihnen beiden nicht schaden.

„Also hör zu", begann Malfoy leise. „Dies ist die Geschichte von Celedrielle, der Kriegerprinzessin, die nur mit einem vergifteten Dolch und einem Flakon Sternenlicht bewaffnet die Aufgabe erhielt, das Ungeheuer von Rhea Doc zu vernichten..."

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, in der Remus sich mit aller Kraft auf Malfoys Stimme konzentrierte und seine ängstliche Nervosität im Zaum hielt. Dann plötzlich brach der Zauber. Mit einem hilflosen letzten Aufflackern erlosch die Fackel, während ein feiner Eispanzer die feuchten Wände überzog und den Boden in eine klirrende Rutschbahn verwandelte.

Mit einem Knarren öffnete sich eine Klappe in der dickwandigen Tür, und das Gesicht eines der beiden bulligen Wärter erschien, fahl angeleuchtet durch das Licht einer Fackel auf dem Korridor.

„Wenn ihr schwört, über die Ereignisse der letzten Nacht Stillschweigen zu bewahren, könnt ihr zurück in eure normale Zelle", teilte er trocken mit und musterte sie neugierig, wobei sein Blick ungehemmt über Lucius' nur mit einer Unterhose bekleidete Gestalt schweifte.

„Kein Interesse", verkündete Malfoy kalt.

„Moment mal", fiel ihm Remus ins Wort. „Die haben einen Dementor hier irgendwo, Malfoy. Wir können uns nicht wehren, ich will hier raus!"

Nackte Angst saß ihm im Genick. Er fragte sich, warum der Slytherin so cool blieb. Zwar klapperten seinem Mitgefangenen die Zähne, und seine Lippen waren bläulich verfärbt, doch dies schien nur der Kälte geschuldet, nicht der Furcht vor dem Dunklen Geschöpf, das irgendwo in ihrer Nähe lauerte.

„Die bluffen, Lupin", zischte Lucius und sah ihn beschwörend an. „Sie können das Ding nicht auf uns hetzen, das wagt selbst Hurt nicht."

Remus fragte sich, woher Malfoy die Zuversicht nahm. Er selbst traute der Gefängnisleitung mittlerweile fast alles zu. Dennoch lag etwas so Überzeugendes in der Ruhe, die Malfoy ausstrahlte, dass Remus seine Angst herunterschluckte.

„Wie ihr wollt", beschied der Wächter, und die Klappe schloss sich wieder.

Die eisige Kälte blieb. Blicklos starrte Remus in die Dunkelheit.

„Er wird nicht hereinkommen", hörte er Malfoys Stimme dicht an seinem Ohr, während sich Panik in ihm zusammenballte.

Der Dementor musste ganz in der Nähe sein, und dies wäre der richtige Augenblick gewesen, seinen Zauberstab zu ziehen und sich auf eine glückliche Erinnerung zu konzentrieren.

„Expecto patronum", murmelte Malfoy und atmete tief ein und aus.

Remus lachte bitter auf. „Du bist ein Todesser, du kannst ohnehin keinen beschwören."

Die Furcht vor dem Kommenden, die stetig weiter durch seine Adern kroch wie eine abartige, eisige Schlange, setzte ihm zu. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Malfoys leises Lachen brachte ihn im nächsten Moment völlig aus dem Konzept.

„Ich hatte immer genug Glück in mir, um einen ordentlichen Patronus zu erschaffen."

Remus spürte die Hand des anderen auf der Schulter. „Aber das spielt jetzt keine Rolle, denn ohne Stab verfüge ich leider nicht über diese Macht. Hör mir zu, Lupin. Sie hatten noch Dementoren, als ich vor drei Jahren das erste Mal hierher nach Askaban gebracht wurde. Sie lassen diese Biester nicht von der Leine. Ich weiß, dass du Angst hast, aber vertrau mir: Sie wollen uns mürbe machen. Es ist nur ein böses Spiel."

„Sie spielen es verdammt gut", knurrte Remus, doch Malfoys demonstrative Ruhe und Kaltblütigkeit färbten zumindest etwas auf ihn ab. Wenn der Dementor allerdings in die Zelle käme, könnte Remus für nichts mehr garantieren. Außerdem schmerzten seine nackten Füße, durch deren Sohlen eisige Kälte drang.

Malfoy zerrte an der Fessel. „Hier hinten ist der Boden trocken", kam seine Stimme aus der Dunkelheit.

Remus gab dem Ziehen nach und stieß gegen Malfoy, dessen kalte Haut –ebenso wie sein deutlich wahrnehmbares Zittern – nur erahnen ließ, wie sehr er fror. Das Nachthemd der Krankenstation, das Remus selbst trug, war nicht eben viel, doch immerhin hielt es einen Teil der Körperwärme an der Haut fest.

„Erzähl noch etwas", bat Remus und bemühte sich, die grässlichen Bilder zu verdrängen, die nun vor seinem inneren Auge heraufzogen: Dora – am Boden liegend, reglos, bleich und still. Remus starrte sie an, unfähig, sich zu rühren, unfähig, den Arm mit dem Zauberstab zu heben, als Bellatrix' irres Gelächter näher kam. Er sah Teddys kleinen Körper, aufgespießt von einem silbernen Pfeil, und in der Vollmondnacht schimmerte ein Bogen mit fremdartigen Runen durch die Büsche am Rand der Lichtung des Verbotenen Waldes. Hierher war Remus mit seinem kleinen Sohn geflohen, damit sie sich verwandeln konnten, ohne jemanden zu gefährden. Und nun hatte die Gefahr sie gefunden – eine tödliche Gefahr. Remus hörte einen Schrei – es war sein eigener.

„Lupin, verflucht, hör auf mich!"

Jemand schüttelte ihn. Ein Teil der Kälte im Raum schien gewichen – der unnatürliche Teil. Licht fiel durch die Klappe in der Tür.

„Ihr habt eine letzte Chance, Stillschweigen zu geloben", informierte sie der Wärter barsch. Ein boshaftes Grinsen manifestierte sich danach in seiner breiten Visage.

„Verpiss dich!", fauchte Malfoy wenig eloquent.

„Ich kann nicht mehr", flüsterte Remus ihm zu.

„Es war deine Idee, die Wachen hinzuzuziehen", zischte Malfoy. „Jetzt steh dazu!"

Die Klappe schloss sich mit einem hölzernen Klacken, und Remus spürte, wie ihm Tränen übers Gesicht rannen. Noch nie war er ohne seinen Zauberstab einem Dementor ausgesetzt gewesen. Dass er derart hilflos war, hätte ihn nicht überraschen sollen, doch er war schockiert. Das Knirschen der Türangeln bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Etwas, das dunkler war als die sie umgebende Finsternis, zeichnete sich im Türrahmen ab, eine hohe Gestalt. Der Dementor holte rasselnd Atem.

„Merde damné!", fluchte Malfoy, dann spürte Remus, wie sich der ehemalige Todesser zwischen ihn und die Kreatur schob.

Wie in Trance hörte Remus das Knacken an der Wand, als Malfoy die erloschene Fackel aus dem Halter zerrte. Was, bei Merlin, bezweckte er nur damit?

„Wenn er näher kommt, ziehe ich ihm das Ding über den verrotteten Schädel", erläuterte Malfoy flüsternd seine Absicht.

Der Dementor atmete wieder, fauliger Gestank entkam seinem Maul, und Remus' Eingeweide verwandelten sich endgültig in einen eisigen Klumpen. Obwohl wieder fürchterliche Bilder in ihm aufstiegen und rationales Denken unendlich schwer fiel, drängte sich die Erkenntnis auf, wie lächerlich Malfoys ‚Verteidigungsstrategie' war. Offenbar wusste das auch der Slytherin, denn er schob Remus langsam nach hinten an die rückwärtige Wand. Der Dementor folgte ihnen ohne Hast. Unter ihren Füßen schmolz das Eis, als sie nicht mehr weiter zurückweichen konnten. Malfoy drückte sich gegen Remus, während der Dementor unaufhaltsam näher kam. Remus spürte Malfoys Zittern, und dann die Kontraktion der Muskeln, als er ausholte. Die Handfessel spannte sich, ein dumpfes Geräusch erklang, und dem Dementor entwich ein ärgerlicher Laut.

Remus stöhnte entsetzt auf, als die Kreatur auf sie eindrang. Eine feuchte, kalte Hand tastete nach seinem Hals. Malfoy schlug ein zweites Mal zu, und die Klaue ließ von Remus ab. Sekunden später hörte er Lucius röcheln – diesmal hatte der Dementor den Richtigen erwischt. Mit einem Schrei, der mehr nach einem Heulen klang, dazu ein tiefes, drohendes Knurren ausstoßend, stürzte sich Remus wider jegliche Vernunft auf die Kämpfenden. Er konnte zunächst nicht einmal erkennen, ob er Malfoy oder den Dementor mit Schlägen und Tritten traktierte, doch das wabbelig-nachgiebige Fleisch musste zu der Dunklen Kreatur gehören, die ächzende, unmenschliche Laute ausstieß.

Remus hörte Malfoy würgen und bekam einen seiner verzweifelten Tritte ab, gleichzeitig vernahm er Doras Stimme, die flehend ihre bösartige Tante Bellatrix um Gnade für Teddy bat.

‚Sie wird unendlich sauer sein, wenn ich bei einer Prügelei mit einem Dementor meine Seele verliere', schoss es Remus durch den Kopf.

Schmerz explodierte in seiner Seite, wo Malfoy ihn versehentlich erwischt hatte. Er fragte sich, warum die Wachen nicht eingriffen. Offenbar hatten sie ein Problem, denn durch den Nebel aus Angst, Hass und Schmerz, der Remus' Bewegungen immer langsamer werden ließ, drangen Gebrüll, Flüche und lautes Knallen an sein Ohr.

In diesem Augenblick lief ein Zittern durch Malfoys Körper, und seine Abwehrbewegungen erstarben. Remus hielt inne, kämpfte gegen das Bild eines blutüberströmten Sirius an, dann hörte er Malfoys leise Stimme.

„Lupin. Hilf mir. Bitte."

Es war ein inständiges Flehen, währenddessen sich der Dementor langsam aufrichtete.

Remus beugte sich über Malfoy. Sein Körper war schlaff und kalt.

„Was ist los mit dir?"

Der Dementor holte wieder rasselnd Atem. Remus' Arme wurden schwer.

„Mein Nacken ist verletzt. Ich kann nichts mehr spüren", drangen Malfoys Worte an sein Ohr.

Der Kopf des Dementors kam näher. Der faulige Gestank seines Atems war jetzt überwältigend. Remus zog Malfoys schlaffe Gestalt in die Arme und bettete deren Kopf auf seiner Schulter, so dass das Gesicht des ehemaligen Todessers an seiner Brust lag, nicht zugänglich für die Dunkle Kreatur.

Er selbst barg sein Gesicht in der Halsbeuge des anderen. Er wusste, es würde nicht helfen, Dementoren waren um ein Vielfaches stärker als Menschen.

Jetzt, da es endete, spürte Remus keine Angst mehr. Er war eher überrascht, dass die Wachen sie hier wirklich dem Dementor überließen.

„Danke", murmelte Malfoy leise. „War ein guter Kampf."

Remus prustete. „Ich hätte dich bei den Tugenden deines eigenen Hauses lassen sollen. Feigheit und Raffinesse hätten uns das hier erspart. Seit du Mut entwickelt hast, besitzt du ein unglaubliches Talent, dich und andere in Schwierigkeiten zu bringen, Malfoy."

Er spürte das Lächeln des Slytherins.

„Ich war schon für den Dunklen Lord kein Glücksfall", flüsterte Malfoy. „Falls du es noch kannst, sag meiner Frau, dass ich sie liebe."

Remus grinste ob des pathetischen, aber zweifellos ehrlichen Wunsches, während sein ganzer Körper von Gänsehaut überzogen wurde. Der Dementor packte seine Schulter und tastete nach Malfoy. Remus war übel, als hätte er zwei Kelche Wolfsbanntrank inne – nur schlimmer.

„Optimist", presste er hervor, dann streifte der raue Umhang des Dementors seine Wange, und Malfoy wurde beinahe sachte, aber unnachgiebig aus seinen Armen gezogen.

Der Dementor holte rasselnd Atem.

xoxoxoxoxoxoxo


Fortsetzung folgt.