Vertrauen

***

Der blonde Slytherin lief nervös hin und her. Es war kurz vor drei und langsam kamen ihm Zweifel, ob Hermine auch wirklich kommen würde.

Nahm sie ihn nur auf den Arm oder wollte sie ihn zappeln lassen?

Sein Herz raste. Er betete, dass sie doch noch auftauchen würde. Sie war seine einzige Hoffnung. Seine einzige Hoffnung, die Prüfung zu bestehen. Er ließ sich mit schweren Beinen auf einen Stuhl nieder und legte seine Stirn in die zittrigen Hände. Langsam schloss er seine Augen und seine Gedanken flohen. Flohen zu einem Mädchen. Zu einem Mädchen, dass gerade mit ihren Freunden diskutierte…

„Jungs, ich muss langsam weg."

„Wohin denn?"

Ihr stockte der Atem und schnell erwiderte sie:

„Äh, sorry, dass kann ich nicht sagen. Wirklich nicht."

„Aber wir sagen uns doch immer…"

„Alles?! Ich weiß! Nur… diesmal geht es nicht.", versuchte sie sich rauszureden.

Ohne noch eine Antwort abzuwarten packte sie ihre Tasche und lief fort. Raus aus dem Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Sie lief die ganzen Treppen hinunter, bis sie schließlich die Eingangshalle erreichte und in Richtung Bibliothek rannte. Vor einem blonden Jungen machte sie halt und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl neben ihn fallen. Sie legte sich zurück und ruhte sich erst einmal aus. Der Blonde sah hoch. Vor ihm saß Hermine und war sichtlich außer Atem. Draco wäre kein Malfoy wenn er jetzt nicht gelacht hätte.

„Was hast du denn gemacht?", fragte er mit seinem Malfoy-Grinsen.

„Ich? Ich?", sagte sie zornig, „Ich habe wegen dir Harry und Ron angelogen und bin einen Marathon gelaufen, damit du nicht abhaust."

„Du bist doch nicht im ernst von ganz oben bis hier unten… gelaufen, oder?"

„Nein, ich bin nur einmal quer durch die ganzen Ländereien von Hogwarts gerannt.", kam es sarkastisch als Antwort.

„Entschuldige bitte."

„So eine dumme Frage hättest du dir auch sparen können, Malfoy!", sagte sie und verschränkte die Arme.

„Jetzt bin ich auf einmal wieder Malfoy?"

„Du warst es immer und wirst es auch immer sein."

„Und wieso hilfst du mir dann?", wollte er wissen und zog beide Augenbrauen hoch. Für ihn war es einfach untypisch für jemanden etwas zu tun, wenn man diesen einfach nicht ausstehen konnte. Also musste Hermine schon etwas wollen.

„Ich will dir helfen!"

Draco sah erstaunt aus. Das Schlammblut hatte es also wirklich ernst gemeint.

„Lass uns anfangen, Draco, wir haben nicht viel Zeit. Wo hängt es denn?"

„…"

„Draco…"

„Ü - Überall…", kam es kleinlaut als Antwort.

„Draco, dass ist doch jetzt nicht dein ernst…"

„Leider doch."

„Aber ich kann doch nicht alle Schuljahre wiederholen.", seufzte sie.

Hermine war von einer Sekunde auf die andere komplett entmutigt. Wo sollte sie nur anfangen?

„Draco… ich weiß was.", sagte sie plötzlich.

Draco hob den Kopf, den er kurz zu vor gesenkt hatte und starrte sie erwartungsvoll an.

„Du beherrscht doch den Zauber Feraverto, oder?"

„Die Technik vom zweiten Schuljahr beherrsche ich…"

„Okay, dann machen wir direkt die Verwandlung am Menschen."

„Am Menschen?", kam es ungläubig von ihm. Er, der so seine Probleme in Verwandlung hatte, sollte einen bis jetzt nicht gekonnten Zauber ausführen? An einem Menschen? Hatte er das richtig verstanden?

Ihm viel die Kinnlatte hinunter. War sie verrückt?

„Natürlich zuerst an einer Puppe!"

„Ach so.", sagte er erleichtert.

Hermine nahm einen Stuhl, stellte ihn auf den Tisch und verwandelte den in einen großen Puppenkopf. Draco war über das Können von Hermine sichtlich erstaunt.

„Na los, zeig mal was du kannst."

Draco räusperte sich und sagte:

„Feraverto!" Es gab einen lauten Knall. Hermine und Draco rissen ihre Köpfe automatisch zur Seite, um sich zu schützen. Einen kleinen Moment warteten sie noch ab, bis sie den Mut fanden, wieder zu dem überdimensionalen Puppenkopf zu sehen.

Die Haare der Puppe standen zu allen Seiten, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Die Seitenhaare standen wild nach rechts und links, die Deckhaare waren wie eine Spitze auf ihren Kopf aufgebaut und der Pony stand wie ein Pavillon nach vorne.

Hermine hielt sich vor Lachen am Regal fest. Draco sah abwechselnd zu der Puppe und dem lachenden Mädchen.

„Du bist gemein weißt du das?", sagte er gespielt verletzt.

Hermine schüttelte den Kopf und lachte weiter. Draco saß dort auf dem Stuhl und beobachtete sie. Das Hermine so hübsch war, war ihm nie aufgefallen. Sonst war sie für ihn immer ein Schlammblut gewesen und er hatte sich nicht die Mühe gemacht mehr in ihr zu sehen. Von dem wunderschönen Lachen, dass wie eine Melodie klang angesteckt, konnte er nicht mehr und musste auch lachen. Draco Malfoy lachte über seine eigene Dummheit. Wieder eine Tatsache, wofür man den Tag im Kalender einkreisen konnte.

***

Harry und Ron gingen gerade an der Bibliothek vorbei und hörten das Gelächter.

„Hörst du das?", fragte Harry.

„Ja, aber das Madame Pince nicht kommt…"

„Das ist nicht so wichtig, hör mal genau hin!"

Ron hielt den Atem an und spitze die Ohren. Was sollte er denn hören? Aber dann merkte er es auch! Die Stimme von Hermine hallte bis zu ihnen.

„Wer ist denn der andere?", fragte Ron.

„Keine Ahnung. Jetzt bin ich neugierig. Uns wollte sie nichts sagen. Ob sie…?"

„Moment du meinst doch nicht etwa,…!"

„Ganz genau, komm!" Harry packte Ron am Arm und zog ihn in die Bibliothek. Die beiden mussten nicht lange suchen. Das Lachen war so laut, dass sie ihm einfach folgten. Es dauerte nicht lange, da standen Harry und Ron vom Lachen angelockt neben dem Tisch von Draco. Sie glaubten nicht was sie dort sahen. Hermine verstand sich doch nicht so gut mit Malfoy, oder doch?

Ron konnte es nicht länger ertragen und räusperte sich. Schlagartig hörten Draco und Hermine auf zu lachen und sahen sich um.

„Harry, Ron was macht ihr denn hier?", fragte Hermine schnell.

„Eigentlich wollten wir runter nach Hogsmeade, aber dann wurden wir von eurem Gelächter unterbrochen. Was war denn hier so lustig?", erklärte Harry.

„Das geht dich nichts an, Potter!"

„Ich habe nicht dich gefragt, sondern Herm!", konterte der Brillenträger und sah seine Freundin erwartungsvoll an.

„Hier war wirklich nichts besonderes, Harry. Glaub mir! Ich muss jetzt weiter machen, also wenn ihr so nett wärt…?"

„Womit denn weiter machen?", fragte Ron und sah skeptisch nach Draco.

„Mit gar nichts, Weasley!", sagte Draco.

„Das sah aber ganz anders aus."

„Harry, Ron, bitte, könnt ihr nicht gehen?", flehte Hermine.

„Natürlich, aber zu erst möchte ich wissen, wieso ihr so gelacht habt! Das muss doch einen Grund gehabt haben.", sagte Ron.

„Es hatte Keinen, Weasley!", spuckte Draco.

„Bist du dir so sicher, Malfoy?"

„Jungs bitte, hört auf!", flehte Hermine.

„Ihr braucht uns doch nur sagen, was passiert ist!"

„Aber wenn wir nicht wollen?!", entgegnete Draco und verschränkte seine Arme.

„Dann bleiben wir hier!", sagte Ron und tat es Draco gleich.

„Wisst ihr was, dass könnt ihr gerne machen!", schrie Malfoy.

Er stand auf und ging. Ohne sich von Hermine zu verabschieden.

„Draco, wo willst du denn hin?", rief sie. Doch von Draco kam kein Wort mehr. Er verließ die Bibliothek und bog um die Ecke.

„Was habt ihr eigentlich für ein Problem?", schrie Hermine.

„Unser Problem?"

„Ja!"

„Du vergnügst dich mit Malfoy! Was hatte der denn überhaupt bei dir zu suchen oder anders rum?", fragte Harry.

„Das geht euch nichts an!"

„Ich denke aber doch.", sagte Ron.

„Muss ich euch alles sagen?", fragte sie wütend und verwandelte mit einem Schlenker ihres Zauberstabes die Puppe in den Stuhl zurück.

„Ja!"

„Wisst ihr was? Ihr könnt mich mal! Ich bin euch keine Rechenschaft schuldig und mit wem ich lache und mit wem nicht, entscheide immer noch ich!", entrüstete sich Hermine laut und ging. Madame Pince kam um ein Bücherregal geschlichen und sah Harry und Ron, mit lila Augen böse an. Die machten, dass sie so schnell wie möglich verschwanden.

***

Am Abend fanden Harry und Ron Hermine im Gemeinschaftsraum. Sie saß auf dem Sofa und hatte ein Buch in der Hand, aber aus irgendeinem Grund las sie nicht. Harry und Ron setzten sich zu beiden Seiten neben ihr. Hermine beachtete es nicht und verdeckt ihr Gesicht immer noch mit dem Buch. Die Jungs sahen sich eine Zeit lang ihre Freundin an.

„Hermine, alles in Ordnung?", fragte Harry.

„…"

Ron machte sich langsam auch Sorgen. Er blickte Harry an und der verstand. Gleichzeitig nahmen sie das Buch und drückten es sanft nach unten. Der Anblick von Hermine erschreckte beide. Sie hatte geweint. Warum um alles in der Welt hatte sie geweint?

„Hermine, was ist denn los?", fragte Harry.

„Gar nichts!"

„Hermine…!", sagte Harry sanft.

„Ihr könnt mir nicht vertrauen, oder?"

„Wie kommst du denn darauf?", wollte Ron wissen und legte ihr einen Arm um die Schulter.

„Was war dort in der Bibliothek?"

„Das…", Ron kannte keine Antwort. Hermine hatte recht, aber warum vertraute er ihr nicht? War er wütend gewesen oder beleidigt? Hatte er eigentlich einen Grund dazu gehabt?

„Siehst du!", sagte Hermine schnippisch. Ron sah Hilfe suchend zu Harry, doch der konnte auch nichts machen.

„Ich habe gedacht ich wäre eure Freundin.", sagte sie und schniefte. Die Augen geschlossen.

„Das bist du ja auch, unsere Beste!", sagte Harry.

„Wieso vertraut ihr mir denn dann nicht? Ich vertraue dir jedes mal Harry. Ich habe auf dich gezählt, als du den Stein holen solltest, als du mich von den versteinerten zurück geholt hast, als du den Patronus heraufbeschworen hattest und mich vor Lupin gerettet hast. Ich habe auf dich gezählt, als du im Trimagischem Turnier warst und letztes Jahr, als wir im Ministerium waren. Es gab kein Jahr, indem ich dir nicht vertraut oder auf dich gezählt habe."

„Dafür danke ich dir auch!"

„Und was ist mit mir?", fragte sie und sah ihn scharf an.

„Wir vertrauen dir auch. Ab sofort kommen Ron und ich nicht mehr mit so doofen Sprüchen."

„Wir halten uns raus. Versprochen!"

„Das verlange ich ja gar nicht, nur, dass ihr mir vertraut!"

„Versprochen!", sagten beide mit einem lächeln.

Hermine breitete die Arme aus und nahm beide in den Arm. Sie war glücklich solche Freunde zu haben. Auch wenn sie sich so einmischten, wusste sie, dass beide nur das Beste für sie wollten.