Nuda veritas

Die nackte Wahrheit (Horaz)

Lucius zog sich zurück und ließ Hermione wieder ihren Gedanken, denen sie jedoch nicht lange frönen konnte, da es wieder an ihre Türe klopfte.

Diesmal stand ihr Vater vor der Türe.

„Draco hat mich vorhin gerade um deine Hand gebeten. Ich nehme an, dass du ihm also verziehen hast?"

„Wie hätte ich denn etwas anders tun können?"

„Du hast wohl kaum etwas von meinen Erbanlagen mitbekommen, was das angeht." Severus lächelte. „Deine Mutter konnte auch vieles Verzeihen, was ich niemals gekonnt hätte."

Eine kurze Stille trat ein.

„Möchtest du deine Mutter einmal sehen?"

„Was für eine Frage, natürlich!"

Mit einem Wink seines Zauberstabes erschien ein kleines Denkarium vor ihnen. Severus holte einige kleine Fläschchen aus seinem Umhang hielt sich eines kurz an die Schläfe und leerte es dann in das Denkarium. Dann fasste er seine Tochter an der Hand und begab sich gemeinsam mit ihr in seine Erinnerung.

Sie waren am Bahnsteig des Hogwartsexpress gelandet. Irgendwie war es ein komisches Gefühl. Hermione legte ihre Hand in die ihres Vaters, um sich ein bisschen Sicherheit zu holen. Severus deutete auf ein kleines Mädchen, dass sich gerade mit seinem Koffer abmühte. „Das ist deine Mutter auf ihrer ersten Hogwartsreise. Dort ist Lili Evans. James Potter brauche ich dir nicht zu zeigen, Harry sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. (Hermione nickte und stellte verwundert fest, dass es sich tatsächlich auch um Harry handeln hätte können.) Neben Potter steht Black. Die beiden waren schon immer unzertrennlich. Der etwas abgewrackte Typ mit dem alten Lederkoffer ist Lupin und um das Quartett zu vervollständigen dort drüben, der blasse Dreikäsehoch, der sich in Mutters Rock verkriecht, das ist Pettingrew."

„Und wo bist du?"

„Da drüben. Der schüchterne Junge, der alles mit großen Augen beobachtet und nebenbei das blaue Auge zu verdecken versucht, dass mir mein besoffener Vater am Morgen angehängt hat, als ich versuchte ihn davon abzuhalten meine Mutter zu schlagen. Sie steht übrigens direkt daneben." Hermione erkannte ihn schnell und stellte mit Entsetzen fest, dass es sich da um ein gewaltiges blaues Auge handelte, das er durch den gesenkten Blick zu verstecken suchte.

„Komm, wir gehen näher hin, dort kommen nämlich die Malfoys." Hermione sah einen blonden Jungen an der Hand seiner ebenfalls blonden Mutter. Mit etwas Abstand folgte ein sehr streng aussehender auch blonder Mann, der immer wieder bösartige Kommentare zu anderen Zauberern fallen ließ. Die Frau steuerte auf Eileen Snape und ihren Sohn zu. „Eileen, schön dich wieder zu sehen!" „Marleen, welch eine Freude! Geht es dir gut?" „Aber natürlich, was man von dir nicht unbedingt behaupten kann. Warum musstest du diesen Muggel nehmen? Er hat dir bisher nichts als Unglück gebracht." Die Angesprochene schüttelte energisch den Kopf. „Nein, hätte ich ihn nicht genommen, hätte ich auch meinen Severus nicht." Sie strich Severus über das Haar. Marleen Malfoy stupste ihren eigenen Sohn an und sagte: „Das ist mein Lucius. Ich nehme an, dass er sich sicher um Severus kümmern wird, oder?" „Natürlich Mutter. Ihr entschuldigt uns, der Zug wird demnächst abfahren." Mit diesen Worten nahm Lucius Severus' Hand und zog ihn in den Zug. Sie suchten sich ein Abteil. Während dieser Suche stolperte ein Mädchen, das Severus vor einem Sturz bewahrte. Dieses Mädchen war keine andere als Viola.

„Das war der Augenblick, in dem sie mir aufgefallen ist." Severus lächelte traurig. „Möchtest du noch mehr sehen?"

„Gerne, Vater."

Für einen Augenblick blieb Severus die Luft weg. Hatte er sich da eben verhört? Nein, sie hatte ihn mit Vater angesprochen. Das war für ihn wie ein Traum. Er drückte ihre Hand etwas fester, bevor er sie aus dieser Erinnerung holte und sie sich wieder in dem Raum befanden, den sie vor kurzem erst verlassen hatten.

Wiederum legte er das Fläschchen vorher an seine Schläfe, legte dieses aber zurück und nahm ein neues, das er dann auch wieder ins Denkarium leerte.

„Wir machen jetzt einen Zeitsprung. Das ist jetzt mein letztes Schuljahr." Hermione schaute sich um, überall schwebte Kürbisse herum, der Halloweenball war in vollem Gange. Alle waren maskiert. Severus deutete auf ein Pärchen auf der Tanzfläche. „Das sind deine Mutter und ich."

Hermione musste gestehen, dass die beiden verdammt gut miteinander aussahen und ihre Mutter glich einem Engel, trotz der Maske, die sie trug. Außerdem war Severus damals auch nicht so schlechtaussehend... er war vor allem noch nicht so verbittert, wie jetzt. Obwohl, der Severus, den sie in den letzten Stunden kennengelernt hatte unterschied sich deutlich von der Kerker-Fledermaus, die sie gewohnt war. Es war ihr auch seine Reaktion auf das Wort Vater nicht verborgen geblieben, sie konnte sich schön langsam mit dem Gedanken anfreunden.

Das Paar hatte inzwischen die Tanzfläche verlassen und zog sich zurück. Hermione und ihr Vater verfolgten die beiden. Severus wollte seiner Tochter noch ihre demaskierte Mutter zeigen. Sie erreichten das Zimmer und als sich die Portraittüre geschlossen hatte, löste der junge Severus das Band, das Violas Maske an deren Platz hielt. Hermione staunte nicht schlecht, als sie ihre Mutter sah. Sie war wirklich wunderschön. Plötzlich zog sie etwas aus der Erinnerung, in der sich die beiden jungen Leute gerade stürmisch küssten.

„Ich denke, was dann passiert ist, brauche ich dir nicht zu zeigen" meinte Snape mit einem Slytherin'schen Grinsen.

„Es gibt Dinge, die möchte eine Tochter nicht sehen!" antwortete Hermione frech.

„Möchtest du noch eine Erinnerung sehen?"

„Warum nicht?"

Der Tränkemeister nahm die Phiole, die er zuerst beiseite gelegt hatte nun wieder zur Hand und ließ den Inhalt in das Denkarium tropfen. Dann nahm er seine Tochter an die Hand und machte sich mit ihr gemeinsam auf den Weg in die Erinnerungen.

Hermione wunderte sich. Das war doch Hogwarts, diesmal Weihnachtlich dekoriert. „Wir sind hier in der Wohnung, die wir uns nach unserem Abschluss mit meiner Mutter geteilt hatten." Hermione blickte ihn fragend an. „Ich dachte..." „Nicht alles was du denkst, muss immer der Wahrheit entsprechen. Ja, es stimmt, Eileen Prince gibt es nicht mehr in der Zaubererwelt, das bedeutet aber nicht, dass sie gestorben ist. Sie hat es nur vorgezogen weder dem dunklen Lord noch meinem Vater eine Angriffsfläche zu bieten und somit ihren Tod vorgetäuscht." „Lass mich mal raten, Dumbledore hatte auch hier seine Finger im Spiel."

„Natürlich, was denkst du denn. Der alte Mann hat überall seine Finger im Spiel. Meine Mutter hat ihren Tod vorgetäuscht und lebt nun unter einem anderen Namen mit einem anderen Aussehen. Ich bin mir sicher, dass du sie schon kennst. Sie war zeitweise sogar eine Art Vertraute für dich, hat sie mir erzählt."

„Du meinst doch nicht wirklich unsere Bibliothekarin, Madame Pince!"

„Doch, und sie hat mir oft genug die Leviten gelesen, dass ich endlich etwas freundlicher zu dir sein soll, schließlich wärst du ja meine Tochter."

„Und du hast gesagt, du könntest die Farce nicht auffliegen lassen, der Sicherheit wegen."

„Naja, so ähnlich. Doch nun schau endlich hin. Das ist unser erstes und bisher einziges gemeinsames Weihnachtsfest."

Hermione wendete ihren Blick zu der glücklichen kleinen Familie. Ihre Mutter saß am Sofa vor dem Kamin und hatte ein kleines Bündel auf dem Arm. Zärtlich strich sie an der Wange des Babys entlang, was diesem ein fröhliches Glucksen entlockte. In diesem Moment betrat ein viel jüngerer Severus den Raum. Er sah wirklich fantastisch aus, das musste Hermione neidlos zugeben. Langsam ging er auf das Sofa zu und küsste zuerst seine Frau und dann seine Tochter auf die Stirn. Schließlich überreichte er Viola ein Päckchen und nahm im Gegenzug das Baby auf den Arm, das ihn zufrieden anlächelte.

„Du warst ein so wundervolles Baby. Meistens fröhlich und zufrieden, es war wirklich einfach dich zu lieben und es brach mir das Herz, als ich dich weggab. Es tut mir leid." Der sonst so griesgrämige Mann rang mit den Tränen. Dieser Erinnerung löste etwas in ihm aus, das er längst vergessen glaubte. Liebe. Oh ja, er hatte sie geliebt, alle beide und er wollte sie in Sicherheit wissen, doch Viola musste ihren Dickschädel durchsetzen und selbst für den Orden auf Missionen gehen und sich dabei töten lassen. Er konnte sich die Szene nicht länger ansehen. Mit einem kurz angebunden „Ich muss gehen!" riss er sich von Hermione los und verließ das Denkarium. Die junge Frau konnte gar nicht so schnell reagieren, war ihr leiblicher Vater auch schon aus dem Zimmer gestürmt.

Sollte sie ihm nachlaufen? Nein, lieber nicht. Sie würde mit ihm morgen nochmals darüber reden. Sie zog es vor nochmals zum Weihnachtsfest zurückzukehren und das einzige gemeinsame Weihnachtsfest bewusst mitzuerleben.


und hat es gefallen oder war es vielleicht doch etwas zu kitschig? lasst es mich wissen!

lg, vic