Bury my heart

Kapitel 10

Ungnade oder das Schwert von Gryffindor

Hermines Mund fühlte sich ganz trocken an, als sie die Frage an Snape richtete, die ihr schon die ganze Zeit im Kopf herumspukte. Sie musste es tun, komme was wolle. Es gab so viele Dinge zu klären, die sie nicht einfach so im Raum stehen lassen konnte.

„Warum sind Sie wirklich hier, Snape?"

Vielleicht wagte sie es ja einfach, weil sie das Gefühl hatte, dass nach all den Geschehnissen etwas anders zwischen ihnen war. Vielleicht aber auch, weil sie fürchtete, den Kerker im Haus der Malfoys nicht mehr lebendig verlassen zu können, denn jeden Augenblick konnte ein Todesser zur Tür hereinstürmen und ihrem Leben ein Ende bereiten.

„Ich bin in Ungnade gefallen", antwortete er knapp. „Deshalb."

„Das dachte ich mir schon. Aber wieso?"

Einen Augenblick sah es so aus, als würde er sich weigern, darauf einzugehen. Doch nach kurzem Zögern antwortete er. „Sie waren doch damals im Ministerium, als Potter die Prophezeiung an sich genommen hat, richtig?", fragte er dann.

Hermine nickte. Es hatte wohl keinen Sinn, es zu verleugnen. Er war ihr Lehrer gewesen und wusste davon, dass die Mitglieder von Dumbledores Armee die Schule verlassen hatten, nachdem Harry eine Vision von Voldemort und Sirius gehabt hatte. Der Tag würde ihr nie mehr aus dem Gedächtnis gehen, denn es war der Tag gewesen, an dem Sirius getötet wurde. Sie konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen, was das damit zu tun haben sollte. Zu ihrem Erstaunen aber dauerte es nicht lange, bis Snape sie aufklärte.

„Ich hatte, ebenso wie Lucius damals, die Aufgabe, dem Dunklen Lord etwas Wertvolles zu beschaffen. Etwas, das es auf der ganzen Welt nur einmal gibt und große Macht in sich birgt."

„Sie meinen, eine Art Waffe", stellte sie fest. Warum sonst hätte er die Anspielung mit den Ereignissen im Ministerium erwähnen sollen? In Snapes Leben gab es keine Zufälle.

„Richtig." Plötzlich lachte er bitter auf. „Sie dürften es sogar kennen, Miss Granger." Seine irren schwarzen Augen fixierten sie eindringlich, sodass sie schauderte. „Das Schwert von Gryffindor."

Hermine schluckte. Sie konnte es nicht länger ertragen, ihn anzusehen und senkte den Blick.

„Sie haben es nicht zufällig in letzter Zeit zu Gesicht bekommen?", fragte er süffisant.

Mit einem Schlag schien ihr die ganze Farbe aus dem Gesicht zu weichen. Was sollte sie tun? Wenn Snape dahinterkäme, dass sie, Harry und Ron das Schwert bei sich gehabt hatten, bevor sie gefangen genommen wurden, würde er sie auf der Stelle mit bloßen Händen erwürgen. Noch ehe sie wusste, wie ihr geschah, sah sie seine Augen aufblitzen.

„Dachte ich es mir doch." Ironischer Weise schien er nicht einmal wütend zu sein.

„Woher wollen Sie das wissen, Professor?", fragte sie vorsichtig.

Er schnaubte unbeeindruckt. „Es war meine Aufgabe, Menschen zu durchschauen, Granger. Sonst wäre ich wohl kaum so lange am Leben geblieben." Er schüttelte den Kopf. „Nun gut. Nehmen wir einmal an, ich hätte ihm das Schwert beschaffen sollen und es nicht getan. Jenes Schwert, das dem Dunklen Lord so unglaublich wichtig war. Was denken Sie, würde er mit mir tun, Miss Granger?"

Endlich schien sie zu begreifen, welche Rolle sie in dem ganzen Theater spielte: Er wollte das Schwert haben.

„Der Dunkle Lord vergibt nicht, weil er nichts zu vergeben hat", fuhr Snape ungehalten fort. „Das ist seine Meinung. Er foltert, er tötet. So einfach ist das."

Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte. Noch immer konnte sie seinen bohrenden Blick auf sich spüren. Sie wagte es kaum, ihn anzusehen. Doch selbst aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass er eine ungeheure Macht ausstrahlte.

„Ich habe das Schwert nicht", sagte sie schlicht.

„Ich weiß."

Verblüfft starrte sie ihn an. „Bitte?"

Er legte den Kopf schief und fixierte sie mit seinen schwarzen Augen. „Sie sind in Gefangenschaft, Miss Granger. Denken Sie da wirklich, ich wüsste nicht, dass Sie es nicht bei sich haben?"

Hermine stutzte. „Oh ..."

Seine Mundwinkel kräuselten sich zu einem leichten Grinsen und er faltete die Hände vor dem Schoß ineinander. „Wie dem auch sei, gehen wir einen Schritt weiter. Sagen wir, ich hätte ihm das Schwert beschaffen können."

„Das - das verstehe ich nicht", stammelte sie unbeholfen.

„Tatsächlich?" Er klang fast schon enttäuscht. „Sie, Miss Granger, wissen genauso gut wie ich, dass das Schwert auf sehr ungewöhnliche Weise in die Hände von Mr. Potter gelangte." Er beugte sich zu ihr hinunter, bis er fast mit der Nase ihr Gesicht berührte. „Richtig?"

Hermines Puls beschleunigte sich schlagartig, als seine langen Strähnen sie an der Wange streiften. Sie roch das Blut, das im Begriff war, zu trocknen. Sie konnte seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren und schauderte. Es war eigenartig und befremdlich. Trotz allem hatte sie keine Angst vor ihm, vermutlich eine Folge der ganzen Ereignisse.

„Warum tun Sie das?", fragte sie leise.

„Was tue ich?"

Seine Augen wirkten aus dieser Perspektive so unendlich tief und anziehend, dass sie für einen Moment alles andere um sich herum vergaß.

Verunsichert schluckte sie. „Sie wollen mir etwas sagen, nicht wahr?"

Noch immer sah er sie an. Sekunden vergingen. Die Stille zwischen ihnen war unerträglich. Dann senkte er seinen Kopf zu ihrem Ohr. „Ich habe es nicht getan", flüsterte er eindringlich. „Ich habe ihm das Schwert nicht beschafft. Und jetzt bin ich hier, weil er herausfinden möchte, ob ich es ihm hätte beschaffen können."

Ein Schauder durchfuhr sie. Seine Stimme so zu hören nahm ihr den Atem, gleichzeitig kreisten ihre Gedanken. Warum hatte er das gesagt? Warum hatte er das riskiert? Er hätte doch wissen müssen, dass Voldemort wütend sein würde, wenn er das Schwert nicht bekäme. Hermine hatte das ungute Gefühl, festzustecken. Und je mehr sie darüber nachdachte, umso verrückter machte es sie, dass sie keine Lösung wusste. Es ergab alles keinen Sinn. Es sei denn...

Endlich wich er ein wenig zurück. Zwar nicht so weit, wie zu Beginn der Unterhaltung, aber dennoch weit genug, um zumindest ihr Gesicht nicht mehr zu berühren.

„Woher soll ich wissen, ob das wahr ist, was Sie gesagt haben?", gab sie verunsichert von sich.

Er wippte seelenruhig mit dem Kopf. „Berechtigte Frage."

„Und?"

Nach kurzem Zögern wendete er den Blick ab. „Das kann ich Ihnen nicht sagen."

Damit war die Unterhaltung beendet. Snape rappelte sich auf und stellte sich mit vor der Brust verschränkten Armen in den Raum hinein. Hermine starrte ihm unablässig nach, bis seine Stimme sie aus ihren Gedanken riss.

„Wir bekommen Besuch."