Rush hatte die Augen geschlossen und versuchte halbherzig, dem Wunsch von TJ nachzukommen, aber die jüngsten Ereignisse ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, geschweige denn, Schlaf zu finden.
Er rätselte zwar immer noch darüber nach, was mit Melody in dem Obelisk geschehen war, als die neurale Verbindung zustande gekommen war, aber das Rätsel würde er erst lösen können, wenn das Mädchen wieder wach war. Zu seinem Unmut drängte sich dafür die Erinnerung an das Gespräch mit ihr in den Vordergrund, kurz nachdem sie hereingekommen war.
Er konnte sich noch gut an die Nacht erinnern, in der er einen guten Bekannten als Projektmitarbeiter verloren hatte, weil er mit seinen Launen nicht mehr umgehen konnte. Er wußte auch noch, daß er geweint hatte, aber nicht, daß ihn dabei jemand gesehen hatte. Daß es ausgerechnet die junge Frau war, von deren Existenz er bis vor einem Tag noch nicht einmal wußte, wurmte ihn. Nur Mandy wußte über alles Bescheid, und das hätte auch so bleiben sollen. Und dann war ihr scheinbar noch aufgefallen, daß es zwischen Eli und ihm eine Kluft gab. Für einen Moment dachte er daran, daß Miss Hansen dieselbe Gabe zu haben schien wie Mandy – sie war einfühlsam und sanft und behielt Dinge für sich. Sie ähnelte ihr sogar von der Erscheinung.
Jetzt fang nicht an für das Mädchen auch noch Sympathie zu empfinden, Du siehst doch, wohin Dich das bei Eli gebracht hat, dachte er ärgerlich über sich selbst. Doch es war wohl schon zu spät. Er sorgte sich tatsächlich um beide. Diese Erkenntnis machte ihn wütend. Auf sich und seine mangelnde Kontrolle über seine Emotionen, auf die Situation auf dem Schiff mit einem Haufen unfähiger Leute, die nur nach Hause wollten und jammerten. Er war wütend weil niemand außer ihm die einmalige Chance erkannte, die dieses Schiff ihnen bot und er war wütend, weil er schon wieder auf der Krankenstation seine Zeit vergeuden mußte. Colonel Young brauchte er erst gar nicht auf seine Liste mit drauf zu setzten, er nahm unangefochten eh schon den ersten Platz ein, mit seiner Übervorsicht, seiner Ignoranz, seiner Inkompetenz und seiner Einbildung, er könne diese Leute anführen. Unbewußt ballte er seine Hand zur Faust und hieb damit vor Frust einmal auf sein Bett ein.
Zum Glück bemerkte es TJ nicht und Rushs Gedanken wanderten abermals zu Eli. Wie würde der Junge auf seinen Zustand reagieren, wenn er wieder wach war? Die Narben würden ihn für immer kennzeichnen und sowohl ihn als auch Rush jedes Mal an den Obelisken erinnern und daran, daß er letztenendes dafür mit die Verantwortung trug. Hätte er das allein gemacht, wäre es gar nicht so weit gekommen. Die Wut wandelte sich langsam in ein Schuldgefühl, erst hatte er Eli mit Worten verletzt, jetzt sogar physisch. Wenn Gloria nur bei ihm wäre… er wünschte sich in dem Moment so verzweifelt, in ihren Armen zu liegen, daß sich in seinen Augen zwei Tränen sammelten.
„Dr. Rush? Ist alles in Ordnung?", hörte er auf einmal TJs Stimme neben ihm. Er hoffte, sie würde die Tränen nicht bemerken, daher ließ er die Augen geschlossen und nickte nur. Kurz darauf fühlte er ihre Hand auf seinem Arm. Sie drückte ihn kurz und ließ dann wieder los.
„Die beiden kommen schon wieder in Ordnung", wollte sie ihm etwas Zuversicht geben da sie annahm, er wäre wegen dem Zustand der beiden so aufgewühlt.
„Versuchen Sie zu schlafen", sagte sie noch einmal und ließ ihn dann allein.
Er versuchte, an die friedvollen und ruhigen Stunden mit Mandy zu denken und allmählich dämmerte er in einen unruhigen Schlaf über.
Als er wieder aufwachete hörte er gedämpfte Stimmen neben sich. Seine Kopfschmerzen waren zu einem dumpfen Pochen abgeklungen und dieses mal bewegte er seinen Kopf nur langsam zur Seite. Neben dem Bett von Eli saß Chloe und unterhielt sich leise mit TJ. Dann bemerkte sie, daß Rush wach war und machte die Sanitäterin darauf aufmerksam. Sie kam zu ihm.
„Guten Morgen, wie geht es Ihrem Kopf?"
„Besser als gestern", antwortete Nicholas und wartete, bis TJ ihn durchgecheckt hatte.
„Nun, Ihre Werte gefallen mir deutlich besser. Wenn Ihre Kopfwunde auch gut aussieht, dürfen Sie vorerst gehen. In Ihr Quartier", fügte sie nachdrücklich hinzu und half dem Wissenschaftler in eine sitzende Position. Während sie den Verband entfernte fragte Rush: „Wann werden Sie Miss Hansen wecken?"
TJ antwortete nicht sofort und atmete erst einmal tief ein. Was hatte sie auch erwartet?
„Falls ich sie wecke", sie betonte das „falls", „dann erst am Nachmittag oder Abend."
Sie sah sich seine Wunde an und bemerkte dann: „Sieht gut aus, den Verband brauchen Sie nicht mehr, aber passen Sie auf. Kein Herumrennen auf dem Schiff, Sie dürfen in Ihrem Quartier leichte Arbeit verrichten. Maximal eine Stunde am Stück, dann werden Sie eine Pause einlegen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?", fragte sie mit einem strengen Blick.
„Ja, ja", meinte Rush nur und rutschte dann vom Bett. Er warf noch einen Blick zu Melody und Eli, dann verließ er den Raum.
Chloe blickte ihm kopfschüttelnd hinterher.
„Du wirst sie doch nicht wirklich wecken, oder?", fragte sie.
Tamara blickte sie an und seufzte dann. „Ich möchte es wirklich nicht, aber Dr. Rush hat leider einige sehr gute Argumente vorgebracht, weshalb es nötig ist."
„Und was ist mit Eli?"
„Ihn betrifft das nicht. Ich werde ihn so lange sediert halten, bis die Haut soweit verheilt ist, daß es nicht zu schmerzhaft für ihn wird."
Chloe blickte Eli eine ganze Weile an und fragte schließlich leise: „Seine Haut wird vernarben, oder?"
Tamara seufzte leise. „Ja, es wird ihn ein Leben lang kennzeichnen. Tut mir leid, Chloe."
„Warum Eli? Warum bekommt er es immer ab, wenn Rush wieder irgendetwas Dummes anstellt?" In ihrer Stimme klang unterdrückter Zorn mit und TJ wußte nicht Recht, was sie ihr antworten sollte.
Doch Chloe schien auch gar keine Antwort zu erwarten. Sie blieb noch eine Stunde bei Eli sitzen, bis Matt sie schließlich abholte und überredete, eine Pause zu machen.
TJ ihrerseits bat Camile Wray sie eine Weile zu vertreten, sie brauchte ebenfalls dringend etwas Ruhe, wollte aber vorher noch überprüfen, ob Dr. Rush sich auch an ihre Anweisung hielt. Daher machte sie einen Umweg über sein Quartier und klopfte höflich an. Sie stellte sehr schnell fest, daß er nicht da war.
Ärgerlich zog sie ihr Funkgerät hervor und wandte sich an Dr. Park.
„Ich suche Dr. Rush, ist er vielleicht bei Ihnen?", fragte sie.
„Er ist auf der Brücke", kam die Antwort von der Wissenschaftlerin und TJ bedankte sich bei ihr, bevor sie die Verbindung beendete.
Mit einem finsteren Blick machte sie sich auf den Weg zur Brücke. Als sich die Türen öffneten saß der Wissenschaftler in dem Kirk-Stuhl, massierte sich mit der linken Hand die Stirn und tippte mit der rechten auf irgendwelchen Kontrollen herum. TJ trat die wenigen Stufen hinunter und stellte sich dann mit verschränkten Armen direkt vor ihn.
„Ich glaube, ich sagt etwas von Quartier, leichter Arbeit und Pausen, Dr. Rush."
Der schloß resigniert die Augen und zog eine Grimasse, als er bemerkte, daß Lieutenant Johansen vor ihm stand. Trotzdem versuchte er, sie zu überreden.
„Mir geht es gut und ich habe noch eine Menge Daten zu sichten. Hören Sie bitte auf so einen Wind zu machen, nur weil ich etwas Kopfschmerzen habe."
Tamara bemerkte natürlich, daß alle um die beiden herum zwar so taten, als ginge sie das nichts an, aber in Wirklichkeit spitzen sie die Ohren. Daher beugte sie sich dicht zu Rush heran und flüsterte: „Wenn Sie sich kaputt machen wollen, bitte sehr. Aber das können Sie dann tun, solange ich nicht für Ihre Gesundheit verantwortlich bin. Und deshalb befehle ich Ihnen, sofort Ihr Quartier aufzusuchen und sich hinzulegen. Ich verordne Ihnen Bettruhe. Sollten Sie auf stur schalten, dann werde ich Colonel Young und Lieutenant Scott auf die Brücke rufen, denen es sicher ein Vergnügen wäre Sie vor aller Augen von der Brücke zu schleifen und Sie dann zur Krankenstation bringen, wo ich Sie unter Arrest stellen werde und am besten sediert halte." Tamaras Augen blitzten gefährlich, als sie direkt in Rushs Augen schaute. Für zwei Sekunden erwog er ernsthaft, es darauf ankommen zu lassen, aber er kannte sie inzwischen auch so gut, daß er wußte, sie würde ihre Drohung wahr machen.
Um seine Mundpartie zuckte es, als er langsam aufstand und die Brücke verließ. Tamara folgte ihm.
Kaum hatten sich die Türen hinter den beiden geschlossen prustete Brody los. Die anderen grinsten schadenfroh. Es war ihnen ein Genuß gewesen zu sehen, wie Lieutenant Johansen ihren Chef in seine Schranken gewiesen hatte.
„Er kann einem fast ein wenig Leid tun", meinte Brody, als er sich von seinem Lachanfall erholt hatte und arbeitete dann entspannt weiter.
Auf der anderen Seite der Türen blieb Rush stehen und wandte sich wütend zur Sanitäterin um. Dann fauchte er: „Was sollte das? Ich bin kein Spielball. Mir geht es gut und ich habe eine Menge Arbeit zu erledigen. Hören Sie auf, mich ständig zu bevormunden und herumzukommandieren!"
Tamara ließ sich von seiner Schimpftirade nicht beeindrucken. Ganz ruhig erwiderte sie nur: „Wie gesagt, solange ich für Sie und Ihr Wohlbefinden verantworlich bin, werden Sie sich an meine Anweisungen halten müssen. Ich verstehe, daß Sie in Anbetracht von den vielen, neuen Entdeckungen hier ganz aus dem Häuschen sein müssen, aber Sie übertreiben es zu oft. Sie schlafen zu wenig, Sie essen zu wenig und unregelmäßig, Sie sind immer am Rand der Dehydration und hatten vor wenigen Wochen eine lebensgefährliche Verletzung. Gestern wurden Sie reanimiert und Sie leiden noch immer unter Kopfschmerzen, was bei der Platzwunde kein Wunder ist. Sie machen es mir wirklich schwer, Dr. Rush."
TJ hatte die ganze Zeit über ruhig und eindringlich gesprochen und mit dem letzten Satz tatsächlich erreicht, daß Rush ein wenig schuldbewußt dreinblickte. Seine Kopfschmerzen waren ebefalls wieder stärker geworden, seit er auf der Brücke gewesen war, und mehr unbewußt massierte er sich nun die Stirn.
„Ihre Kopfschmerzen sind wieder stärker geworden, nicht wahr?"
Rush äußerte sich dazu lieber nicht und nahm die Hand wieder vom Kopf.
„Kommen Sie, es ist vielleicht besser, Sie begleiten mich wieder zur Krankenstation."
„Nein!", protestierte er lauthals. „Ich habe genug herumgelegen und meine Zeit vergeudet." Ein heftiges Pochen hinter seiner Stirn ließ ihn aufkeuchen und er verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
„Kommen Sie", sagte TJ nur, und faßte ihn stützend am Oberarm.
Rush taumelte etwas, schaffte es aber mit etwas Hilfe der jungen Frau aus eigenen Kräften zurück zur Krankenstation.
Camile, die ziemlich überrascht war, als TJ schon nach einer halben Stunde wieder kam und außerdem noch Dr. Rush hereinführte, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Stirn hielt, half sofort dabei, den Wissenschaftler wieder auf ein Bett zu verfrachten.
„Was ist passiert?", fragte sie.
„Er hat sich mal wieder nicht an meine Anweisungen gehalten und zahlt jetzt dafür den Preis", meinte TJ säuerlich.
„Ihre Wunde blutet auch wieder ein wenig", stellte sie fest, als sie Rushs Kopf genauer in Augenschein nahm. „Haben Sie irgendwelche heftigen Bewegungen gemacht?"
„Es war unumgänglich ein paar Mal aufzustehen um einigen unfähigen Dilettanten zu erklären, was sie zu tun haben", erklärte er.
„Und vermutlich haben Sie dabei auch ein wenig gestikuliert und den Kopf geschüttelt?"
Sowohl TJ als auch Rush wußten, daß es sich um eine rhethorische Frage handelte und diese keiner Antwort bedurfte. Tamara verschwand kurz und kam gleich darauf mit einigen Utensilien zurück.
„Sie kennen das ja schon", warnte sie ihn kurz vor, bevor sie seine Wunde erneut desinfizierte.
Rush zuckte zusammen, diesmal brannte es noch mehr, er versuchte aber, stillzuhalten. TJ hatte nicht allzuviel Mitleid mit ihrem Patienten, aber sie beeilte sich trotzdem und ein paar Minuten später lag Rush schon wieder auf dem Bett und versuchte, das schmerzhafte Pochen auszublenden.
Er hatte dazu die Augen geschlossen und war daher nicht darauf gefaßt, daß es plötzlich an seiner Armbeuge kalt wurde. Als er die Augen wieder öffnete, sah er TJ neben sich stehen, mit einer Miene, die nichts Gutes für ihn verheißen konnte. Außerdem hatte sie eine Infusionsnadel in der Hand.
„Was wird das?", fragte er skeptisch.
„Nur eine Garantie, daß Sie sich diesmal auch wirklich ausruhen", meinte sie süffisant. Bevor Rush protestieren konnte, hatte sie binnen ein paar Sekunden einen Zugang gelegt und den Tropf aufgedreht. Rush fühlte, wie seine Kopfschmerzen abklangen und er gleichzeitig ziemlich müde wurde.
„…will… nicht schlafen…", brachte er hervor.
„Keine Sorge, das ist das Alien-Gift in einer sehr kleinen Dosis, sie werden davon nur ein wenig benommen werden. Es wäre allerdings Ihrer Genesung zuträglich, wenn Sie ein wenig schlafen."
Rush schaffte es noch, ihr einen bösen Blick zuzuwerfen, doch TJ lächelte nur und wandte sich an Camile: „Ich werde mich eine Stunde ausruhen, solange sollte er Ruhe geben. Falls Sie Probleme haben sollten, rufen Sie mich sofort."
Die Zivilistin nickte nur und TJ warf noch einen letzten Blick auf ihre Patienten, bevor sie ging.
Camile trat neben Rush, der Mühe hatte, seine Augen offen zu halten und meinte: „Sie sollten auf sie hören. Es nützt keinem etwas, wenn Sie sich immer so verausgaben. Wir brauchen Sie, Dr. Rush."
Dem Wissenschaftler gelang es, seine Augen zu verdrehen, was Camile zum Schmunzeln brachte.
„Das hier haben Sie sich selber zuzuschreiben", meinte sie noch und tätschelte einmal kurz seinen Arm, bevor sie nach Eli und Melody sah. Rush schloß verärgert die Augen. Hier hatte wirklich keiner Verständnis für die Lage. Und daß TJ jetzt zu solch drastischer Maßnahme griff fand er nicht lustig. Aber im Moment konnte er auch nicht gegen die Müdigkeit ankämpfen und gab ihr daher nach. Wenigstens waren seine Kopfschmerzen abgeklungen.
Eine Stunde später erschien die Sanitäterin wieder, doch in Anbetracht der Tatsache, daß es Dr. Rush wohl doch vorgezogen hatte, zu schlafen und Eli und Melody ebenfalls stabil waren, schlug ihr Camile vor, sich für eine längere Pause noch einmal zurückzuziehen. Sie hatte alles im Griff und Tamara war froh, daß sie jetzt ein wenig schlafen konnte.
