Zweiter Teil: Die Jagd beginnt

Kapitel 9:

Forgettable Island

Brian Skanne stand an Deck und sah über die aufgewühlte, eisgraue Wasserwüste hin, die sich ringsum bis zum Horizont erstreckte. Er fand es erholsam, für eine Weile mit niemandem sprechen zu müssen. Die letzten Wochen waren voller Unruhe gewesen, der Fall Frizzleburst hatte Teile des Ministeriums in Aufruhr versetzt und eine Menge Diskussionen, Untersuchungen und Befragungen ausgelöst. Skanne, der an diesem Fall mehr als nur berufsmäßiges Interesse hatte, sah in seinem heutigen Auftrag deshalb eine lästige Unterbrechung seiner eigentlichen Nachforschungen. Aber Scrimgeour, der ihm vor Wochen empfohlen hatte, sich noch einmal mit Severus Snape zu unterhalten, hatte dieses Anliegen gestern mit ungleich größerem Nachdruck wiederholt.

Der unselige Harry Potter war tatsächlich wieder aufgetaucht. Scrimgeour hatte das nur durch Zufall bei einer Dinnerparty erfahren und sich sofort an das dumme Geschwätz dieser Reporterin erinnert, von dem Skanne ihm damals selbst berichtet hatte. Diskrete Nachforschungen ergaben, dass Potter im September eine Woche bei alten Freunden gewohnt hatte, dann aber wieder aufgebrochen war – wohin, blieb vorerst unklar. Scrimgeour war beunruhigt. Und er war entschlossen, die Sache im Auge zu behalten. So kam es, dass Skanne heute hier an der Reling stand und sich widerwillig noch einmal mit längst vergangenen und – da war er sicher – längst abgeschlossenen Geschichten befassen musste.

Zwischen den Wellen jagten immer wieder Möwen hindurch, und für einen müßigen Moment fragte er sich, wie es ihnen dabei stets gelang, den überstürzenden Wassern zu entgehen. Dann rief er seine Gedanken zur Ordnung. Das fiel ihm nicht ganz so leicht wie gewöhnlich. Das Wetter war unangenehm, der alte Frachter kämpfte schwerfällig gegen den beständigen, starken Wind und die kabbelige See an, und Skanne, der sich eigentlich für seefest gehalten hatte, fühlte, wie sich ein sanftes, ungutes Schlingern irgendwo hinter seiner Stirn auszubreiten begann. Deshalb hatte er das verqualmte, nach altem Bratfett und faulendem Holz riechende Zwischendeck verlassen und war an Deck gegangen, wo ihm nun der Wind eisige Gischt ins Gesicht schlug und wütend an seinem Umhang riss.

Der Frachter war einer von denen, die schon zwischen Azkaban und dem Festland hin- und hergefahren waren – mit den kärglichen Vorräten für die Gefangenen, mit Inspektoren und ganz selten einmal auch mit einem Besucher an Bord. Und natürlich hatten sie die Gefangenen selbst an ihren Bestimmungsort gebracht. Das taten sie immer noch. Die einzige wesentliche Änderung dieser Fahrten bestand in ihrer Richtung: Seit einem Jahr liefen sie nicht mehr Azkaban an, sondern Forgettable Island.

An diesem kalten Novembertag nun war Skanne der einzige Passagier; außer ihm und der Crew befanden sich nur noch Mehl, Kartoffeln, Pökelfleisch und Fässer mit eingemachtem Gemüse an Bord, und das war ihm auch ganz recht so. Dies war seine zweite Überfahrt in zwei Wochen, und bei der letzten war er ständig mit einem Team der Magischen Brigaden, verstärkt durch eine gelangweilte Aurorin, zusammen gewesen, die lärmend und mit kläglich wenig Einblick in die tatsächlichen Zusammenhänge den Fall Frizzleburst bearbeiteten.

Es fing an zu regnen, aber er beschloss, trotzdem an Deck zu bleiben. Es war angenehmer, Möwen und Wolken zuzusehen, als unten auf die irritierend schwankende Einrichtung zu starren. Je weiter das Festland hinter ihm zurückblieb, desto weiter rückte seltsamerweise auch der Zweck dieser Überfahrt in den Hintergrund. Mit den Überlegungen zu Frizzlebursts Tod im Kopf war es Skanne unmöglich, sich der Erinnerung an jene erste Überfahrt vor über zweiundvierzig Jahren zu verschließen.

ooOoo

Die See war spiegelglatt in dieser Julinacht des Jahres 1956, und oben an Deck hörte man nur das leise Dröhnen des Schiffsmotors. Brian Skanne, zwanzig Jahre alt und ein kleiner Beamter der Magischen Strafverfolgung, stand an der Reling und betrachtete den Sternenhimmel, der sich klar und deutlich wie gemalt über dem Meer wölbte. So hell wie in dieser drückend warmen Sommernacht hatte er die Sterne noch nie gesehen – und es war gut, sie jetzt zu sehen.

An diesem Tag hatte er zum ersten Mal einen Gefangenentransport nach Azkaban begleitet. Nun war der Frachter auf der Rückfahrt, und er hatte seine beiden Kollegen bei Bier und Sandwiches unten zurückgelassen, um hier heraufzugehen und für eine Weile die Stille zu genießen. Er war damit beschäftigt, seine Astronomiekenntnisse zusammenzukratzen und Sternbilder zu suchen, als rasche Schritte auf der Treppe seine Ruhe wieder störten.

„Brian, bist du hier?" Sein Kollege Max Torrance klang beunruhigt. „Ich glaube, einer von den Entlassenen ist krank. Ich meine – richtig krank."

„Wir sind doch bald da – zwei Stunden noch, höchstens drei. Dann kann sich ein Heiler um ihn kümmern", erwiderte Skanne. Wenn es weiter nichts war! „Welcher ist es denn?"

„Es ist dieser Fugit. Die beiden anderen schreien, er hätte Fieber und so. Sie wollen da raus."

Jetzt horchte Skanne auf. Er war es also tatsächlich! Dann hatte er sich am Kai von Azkaban, als die Entlassenen an Bord gebracht worden waren, doch nicht geirrt.

Schon als Junge war er von allem, was mit Zeitzaubern zu tun hatte, gefesselt gewesen, und so hatte er den Fall Caducus Fugit vor zwei Jahren genau und mit widerstreitenden Gefühlen verfolgt. Der Mann war noch vor wenigen Jahren ein angesehener Erfinder und Künstler gewesen. Seine beeindruckende Zeitglocke hatte Skanne selbst gesehen, bevor Fugit sie der Mysteriumsabteilung des Ministeriums geschenkt hatte. Bald danach aber schien sich sein Glück gewendet zu haben – warum, wusste niemand genau. Er verlor seine Arbeit bei Dervish & Banges, Frau und Kind verließen ihn, und schließlich zeigte ihn jemand anonym beim Amt gegen Missbrauch der Magie an, weil er angeblich etwas Verbotenes gebaut hatte. Er wurde verhaftet und verweigerte die Aussage. Die folgende Untersuchung erbrachte dann aber tatsächlich eine Reihe von Indizien, die es sehr wahrscheinlich machten, dass er mithilfe eines magischen Gerätes mehrmals in der Zeit gereist war. So wurde er schließlich wegen schweren Verstoßes gegen das Gesetz zum Schutz vor Zeitmanipulation zu zwei Jahren Azkaban verurteilt. Den Zeitenwandler selbst, den er gebaut haben sollte, hatte man allerdings nie gefunden.

Und dieser Mann war nun hier an Bord, auf dem Weg zurück in die Freiheit.

„Die haben mir schon in Azkaban gesagt, dass er nicht in Ordnung ist", sagte Torrance unbehaglich. „Wir sollten drüben sagen, dass er erst auf der Überfahrt krank geworden ist. Wollten nichts damit zu tun haben – von wegen Verwaltungsaufwand und so."

„Hast du mal nachgesehen?"

„Klar. Der Typ ist total hinüber. Wenn du mich fragst, schafft er es nicht mehr bis zum Festland." Torrance machte eine Pause, bevor er seine Hauptsorge in Worte fasste. „Wir kriegen Probleme, wenn der hier auf dem Schiff stirbt, Brian!"

Minuten später standen die Beamten in einem trostlosen Raum irgendwo tief unten im Schiffsbauch – demselben Raum, in dem die Gefangenen auch ihren Weg nach Azkaban antraten, das verlangten die Vorschriften, um Schiffscrew und Beamte vor Übergriffen zu schützen. Vor der offenen Tür waren zwei Mitglieder der Crew mit neugierigen, ängstlichen Augen stehen geblieben.

„Schafft den hier raus!", schrie der eine der beiden gesunden Entlassenen. „Der steckt uns alle an, bevor wir drüben sind! Wir sind freie Leute! Ihr könnt uns nicht hier einsperren!"

Der Kranke war von seinem Platz gesunken, an den ihn noch immer eine Fußfessel band, und lag zusammengekrümmt am Boden. Er schlotterte, obwohl es hier unten noch viel drückender war als draußen. Sein Atem ging rasselnd, und in seinem stark geröteten Gesicht zeigten sich blassgrüne Flecken. Als Skanne sich über ihn beugte, entdeckte er an seinem Hals mehrere Stellen, die selbst bei dem schummrigen Licht nach einem eitrigen Ausschlag aussahen. Genau in diesem Moment richtete sich der Mann ein wenig auf und begann zu husten. Aus seiner Nase flogen dabei kleine Funken. Dann schlug eine kränkliche Flamme aus seinem Mund, und Skanne sprang auf und wich zurück. Während der Kranke qualvoll mit dem Husten rang, der sein Inneres versengen musste, hatte es schon irgendeiner der Umstehenden ausgesprochen.

„Drachenpocken!"

Das Wort stand im Raum, und plötzlich sah sich Skanne alleine neben dem Kranken. Seine Kollegen waren bereits an der Tür, und die beiden anderen Entlassenen brüllten wieder los. Skanne aber stellte fest, dass er nicht fortgehen konnte.

Das war Caducus Fugit, der da neben ihm auf dem schmutzigen Boden lag und innerlich verbrannte – Caducus Fugit, der ein faszinierendes Geheimnis mit ins Grab nehmen würde. Ein Geheimnis, das dem, der es kannte, die Macht geben mochte, die Welt auf nie gekannte Weise zu entdecken – und zu verändern.

Während er nachdenklich auf den Kranken hinunterblickte, stellte er sich wieder die Frage, die ihn schon damals beschäftigt hatte, als er Fugits Prozess verfolgte: Warum war er nicht geflohen, wenn er tatsächlich diesen Zeitenwandler gebaut hatte? Ihm hätten doch nicht nur alle Orte, sondern auch alle Zeiten offen gestanden!

Ein Stöhnen, das annähernd wie ein Wort klang, riss ihn aus seinen Gedanken. Wasser – der Mann rief nach Wasser. Kein Wunder, er musste höllischen Durst leiden.

„Brian, du musst da weg!", rief Torrance von der Tür her. „Die Sache ist ansteckend! Wir können nichts für ihn tun!"

„Binden Sie uns endlich los! Wir sind frei!"

„Sie können uns nicht einfach hier mit dem sterben lassen! Das ist Mord!"

„Wasser! Bitte!" Ein wilder Hustenanfall folgte, dessen Flammen und Funken den Umhang des Kranken an mehreren Stellen versengten. Skanne stoppte das Schwelen mit einem raschen Zauberspruch.

„Also, bringt Wasser!", rief er den anderen zu, die das mit aufgerissenen Augen verfolgt hatten. „Und ich schlage vor, dass wir die beiden hier woanders hinbringen."

Das musste Skanne dann allerdings selbst tun, denn die anderen wollten nicht einmal mehr in die Nähe der beiden Ex-Häftlinge kommen, auch wenn diese allem Anschein nach völlig gesund waren. Er brachte sie hinauf an Deck und ging dann zurück zu Fugit. Jemand hatte eine Kanne mit Trinkwasser vor die Tür gestellt.

Der Kranke lag jetzt reglos da. Seine Augen waren geöffnet und schienen die Umwelt wahrzunehmen, aber Skannes Versuche, ihm Wasser einzuflößen, blieben vergeblich. Seine Kehle war bereits so versengt, dass er nicht mehr schlucken konnte.

Während der ganzen Zeit, die Skanne neben dem Sterbenden verbrachte, berührte ihn der Gedanke an eine mögliche Ansteckung überhaupt nicht. Er konnte nur an das Geheimnis denken, das irgendwo in diesem verbrennenden Gehirn stecken musste.

Sein Ruf als Legilimens, den er sich später erwerben sollte, lag damals noch Jahre in der Zukunft. In jener Nacht war er nichts als ein junger Ministeriumsbeamter, der seine Begabung für die Legilimentik bisher nur spielerisch erprobt hatte. Er versuchte mit Fugit zu reden, musste aber schnell einsehen, dass dieser nicht mehr sprechen konnte, sondern zusehends in Fieberträumen versank. Skanne fragte sich gerade, was ihn eigentlich noch in diesem beklemmenden Raum hielt, als der Kranke plötzlich auffuhr. Für einen Moment waren seine Augen auf einmal wieder klar, und bevor Skanne ausweichen konnte, hatten die fieberglühenden Hände des Mannes ihn gepackt. Fugit starrte ihn an und versuchte, mit verbrannten Lippen Worte zu formen. In dem hilflosen Röcheln glaubte Skanne ein einziges Wort zu verstehen: Mord! Da wischte er seine Skrupel beiseite.

Legilimens!", flüsterte er, und dann wurde er Hals über Kopf in eine Welt voller greller Trümmer gezogen. In diesem Geist waren nur noch die Splitter von Gedanken und Erinnerungen übrig, die vor Skannes suchendem Verstand davonwirbelten wie die Bruchstücke eines geborstenen Asteroiden. Unmöglich, darin Zusammenhängendes zu erkennen. Skanne jagte eine Weile dem schwindelerregenden Flug dieser Trümmer hinterher, bis er auf einmal auf einen dunkelnden, kreisrunden Fleck zuzustürzen schien. Durch Fugits Augen sah er hinunter auf die Oberfläche eines Teiches, dessen Wasser schwarz und unbeweglich einen wolkenlosen Abendhimmel spiegelte. Und dann schoss aus diesem trügerisch stillen Spiegel etwas hervor, das dem zurückzuckenden Skanne wie eine Monsterfratze erschien. Bis er ein Drachengesicht erkannte, blassgrün, gefleckt, die messingfarbenen Augen mit der senkrechten Pupille voll bösartiger Intelligenz. In glitzernden Tropfen perlte das Wasser von den Schuppen seiner Haut, auf der Skanne die dunkelblauen, verschlungenen Linien einer Tätowierung erkennen konnte –

Mit einem Mal nahm Skanne auch den Hass wahr, der dieses Bild förmlich pulsieren ließ. Es zitterte und wurde unscharf. Angst und Verwirrung blieben wortlos. Der Mann hielt seine Hand umklammert, versuchte dann, als seine Kräfte immer mehr nachließen, ihn allein mit seinem Blick festzuhalten. Angst vor dem Tod stand darin, und schließlich, als der Tod unausweichlich schien, die Angst davor, diesem Tod allein begegnen zu müssen. Nach der Einsamkeit in Azkaban entlassen zu werden, nur um dann ganz allein im stinkenden Bauch eines Schiffes sterben zu müssen, aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen wie ein Aussätziger – Skanne empfand nicht leicht Mitleid, aber in diesem Fall hatte er es getan.

Schließlich war Fugit in eine Art Fieberkrampf gefallen, und als sie noch etwa eine Stunde vom Festland entfernt waren, stellte Skanne seinen Tod fest.

Max Torrance und der Kapitän des Frachters beschlossen, die Leiche über Bord zu werfen. Drüben wollten sie erklären, dass Fugit durch einen Unglücksfall gestorben und über Bord gefallen sei. Das würde ihnen allen lästige Untersuchungen und Quarantäne ersparen – wenn sie gesund blieben.

ooOoo

Sie waren alle gesund geblieben, damals. Über den Vorfall hatten sie Stillschweigen bewahrt, und Caducus Fugit, nach dem im Übrigen ohnehin kein Angehöriger mehr fragte, galt offiziell als das Opfer eines Unfalls.

Brian Skanne, in der Gegenwart auf dem Weg nach Forgettable Island, löste sich mit Mühe von seinen Erinnerungen. In jener Nacht war er auf die Fährte gesetzt worden, die er seitdem immer wieder einmal aufgenommen hatte. Es war die Tätowierung auf dem Drachenhals gewesen, die ihn ziemlich bald zum Arkturischen Zirkel führte, und von da an hatte er diesem, so oft es sein ausgefülltes Berufsleben erlaubte, auf eigene Faust nachgespürt. Anfangs vielleicht, weil er das Gefühl hatte, dass er dem unglücklichen Caducus Fugit das schuldig war, bald aber, weil er begriff, dass er da auf einige dunkle Geheimnisse gestoßen war –

Der Fall Frizzleburst hatte in gewisser Weise einen Kreis geschlossen, der in jener Julinacht begonnen hatte, und die Erkenntnis, dass er immer noch nicht viel schlauer war als damals, traf Skanne in seinem Stolz.

Snape!, mahnte er sich selbst. Ich sollte mich jetzt auf Snape konzentrieren.

Severus Snape – ehemals Professor in Hogwarts, Todesser und schließlich so etwas wie Voldemorts Erster Mann. Man hatte ihm bereits im November den Prozess gemacht, wobei Scrimgeour schließlich darauf verzichtete, die Todesser-Thematik mit ins Spiel zu bringen – das wäre in Snapes Fall viel zu kompliziert geworden. Immerhin hatte sich ja dank der Zeugenaussagen und ganz besonders dank Dumbledores aufbewahrter Erinnerung zweifelsfrei herausgestellt, dass Snape ein erbitterter Feind Voldemorts gewesen war und seine Todesser-Identität der Tarnung diente. Und so war er allein wegen der Morde an Regulus Black und Lucius Malfoy angeklagt und verurteilt worden. Da er ein volles Geständnis abgelegt hatte, war das alles schnell über die Bühne gegangen, und er verschwand hinter den Mauern des eben erst fertig gestellten Gefängnisses – für immer. Der Fall Snape war damit abgeschlossen.

Dennoch fragte Skanne sich jetzt, ob ihnen bei den Verhören damals nicht vielleicht doch etwas Wesentliches, etwas Relevantes entgangen sein mochte. Er zweifelte gar nicht daran, dass Snape eine Menge Geheimnisse mit sich in seine Zelle genommen hatte, aber er war überzeugt gewesen, dass der Fall Voldemort hinreichend aufgeklärt worden war. Er sah es schon lange nicht mehr als seine Aufgabe an, wirklich alles über eine Angelegenheit ans Licht zu zerren. Manche Dinge ließ man besser ins Dunkel des Vergessens hinabsinken, damit man sich dem Leben wieder zuwenden konnte.

Er seufzte. Wie es aussah, würde er heute allerdings doch im Dunkel fischen und die Angelegenheit mit diesem obskuren Übertragungszauber noch einmal durchleuchten müssen.

Der Frachter hatte seinen Zielort inzwischen fast erreicht und manövrierte jetzt vor dem kargen Inselchen, das eigentlich nicht viel mehr war als eine Ansammlung von Felsen mitten im Meer, auf den Karten der Muggel nicht verzeichnet und für ihre Augen auch niemals auffindbar, so wenig wie Azkaban es gewesen war. Auch Skanne musste seine Augen anstrengen, um den Gefängnisturm zwischen den steil aufragenden Klippen auszumachen, so perfekt fügte er sich in diese Landschaft ein. Der Vorhang aus Regen und Nebel, in den sich das Inselchen wieder einmal hüllte, erschwerte die Sicht zusätzlich.

Als er eine Viertelstunde später den rutschigen Weg zwischen den Klippen hindurch und über Felsstufen hinauf zum Gefängnis hastete, verfluchte er nicht zum ersten Mal das absolute Apparierverbot, das auf der Insel galt. Die Arbeiter, die hinter ihm lautstark den Transport der Versorgungsgüter beaufsichtigten, durften dafür einen Schwebezauber verwenden – anders wäre es auch kaum möglich gewesen, Fässer und Kisten diesen Weg heraufzubringen.

Das Gefängnis Forgettable Island, ein turmartiger Bau aus grob behauenen Blöcken des Felsgesteins, krönte seit dem letzten November die ansonsten unbewohnte Insel. Es war der Stolz des Ministeriums, und das nicht nur, weil es damals innerhalb kürzester Zeit erbaut worden war, um die zahlreichen Gefangenen aufzunehmen, die man nach der Vernichtung von Azkaban zunächst in einem behelfsmäßigen Gefängnis im Ministerium hatte unterbringen müssen. Der dunkle Schrecken der Dementoren, den nicht wenige Beamte des Ministeriums für einen Schandfleck der Justiz gehalten hatten, gehörte endlich der Vergangenheit an. In Forgettable Island kümmerte man sich um Zucht und Ordnung, aber auch um das maßvolle Wohlergehen und seit neuestem sogar um die moralische Wiederherstellung der Insassen …

Skanne erreichte kurz vor dem Vorratstransport die Mauer, die das Gefängnis umgab, wurde nach der Kontrolle seiner Genehmigung von einem höflichen Angestellten eingelassen und über den Hof zum eigentlichen Tor geführt. Vor diesem bildeten wuchtige Apparaturen eine Art Schleuse, die er mit einem ergebenen Seufzen betrat.

„Die Geräusche sind schrecklich", sagte sein Begleiter gut gelaunt, als ein fürchterliches Piepsen und Schnarren ertönte. „Aber das soll angeblich noch verbessert werden. Bis dahin sind wir sehr froh, dass wir diese Neuerungen überhaupt einbauen konnten. Oh, Achtung jetzt, der letzte Schritt ist ein bisschen unangenehm!"

Das wusste Skanne bereits. Zwei metallene Greifarme senkten sich herab – nur ein kleines Stück, denn Skanne war ein groß gewachsener Mann – entfalteten tatsächlich Hände an ihren Enden und umfassten damit für einen Moment seinen Schädel. Ein heftiges Prickeln erfüllte Skannes Kopf, und dann war er durch die Schleuse hindurch. Er nieste, und der junge Mann lachte (womit er sich in Skanne keinen Freund machte).

„So geht es jedem", merkte der Angestellte munter an. „Nur unsereins scheint allmählich immun dagegen zu sein. Willkommen auf Forgettable Island!"

Skanne gönnte ihm einen ironischen Blick und stellte dabei wieder einmal fest, dass die fliederfarbenen Umhänge, die nach dem Willen der Direktion zur Uniform der Angestellten gehörten, kaum unpassender hätten sein können.

Sie standen jetzt in der halbkreisförmigen Eingangshalle des Gefängnisses, deren Atmosphäre von Würde und Ernsthaftigkeit jeden Besucher erst einmal überraschte. Der Boden war mit dunklen, geschliffenen Steinplatten ausgelegt, und das Licht der Wandleuchter sowie der drei großen Feuerschalen, die an Ketten von der gewölbten Decke herabhingen, entlockten den bronzefarbenen Äderungen im Stein einen warmen Schimmer.

Die Angehörigen, die an den Besuchstagen zumeist gedrückt und ängstlich hier eintraten, hatten stets den irritierenden ersten Eindruck, sich in der Empfangshalle eines großen Geschäftsgebäudes zu befinden, in einer Bank wie Gringotts vielleicht – ein absurder Eindruck, der sich aber noch verstärkte, wenn sie dann den Angestellten begegneten. Diese waren nämlich fast ausschließlich Kobolde. Mit ihrer gründlichen und eher emotionslosen Wesensart schienen sie für die Arbeit in dieser Art Einrichtung bestens geeignet. Man durfte außerdem argwöhnen, dass es den Kobolden – die im Allgemeinen von der Unzulänglichkeit der (aller kosmischen Gerechtigkeit zum Trotz vorherrschenden) menschlichen Rasse überzeugt waren – eine gewisse schadenfrohe Befriedigung bedeutete, die Aufsicht über deren inhaftierten Abschaum auszuüben. In jedem Fall war die Direktion, wie Skanne wusste, mit den Angestellten sehr zufrieden.

Im Zentrum der Halle stand, vom Licht der Flammen umspielt, die steinerne Statue von Fortinbras Forgettable, jenem unglückseligen Beamten, der, nachdem er eine strahlende Karriere bei der Einheit für Erinnerungskontrolle gemacht hatte, nur eine Stunde nach seiner Ernennung zum Leiter der Abteilung gegen den Missbrauch von Magie von einem umstürzenden Aktenschrank erschlagen worden war. Nun hatte man ihm mit der Benennung der Insel und des Gefängnisses posthum die Ehre erwiesen. (Skanne, der Forgettable kennen gelernt hatte, fragte sich immer, ob er diese Ehre wohl zu schätzen gewusst hätte.)

Er ging an der Statue vorbei zum Empfangsschalter, der ebenfalls von fern an Gringotts erinnerte – umso mehr, als dahinter ein Kobold saß.

„Brian Skanne. Ich bin im Auftrag von Minister Scrimgeour hier." Er legte sein Schreiben vor, das der Kobold mit strenger Miene studierte, bevor er schließlich ein Pergament zu Rate zog. Skanne war ihm natürlich bekannt, ebenso wie dessen Status als Berater des Ministers. Aber an den Vorschriften änderte das gar nichts.

„Sie sind nicht angemeldet", sagte er dann. „Die Direktion schätzt unangemeldete Inspektionen nicht, auch nicht, wenn sie vom Minister selbst autorisiert sind."

„Ich komme inoffiziell, sozusagen als Besucher", sagte Skanne demütig. „Es geht um ein dringendes Gespräch im Zusammenhang mit einer Untersuchung."

„In diesem Fall muss die Direktorin entscheiden", sagte der Kobold so ungnädig wie möglich und streckte die Hand aus. „Ihren Zauberstab!"

Skanne knöpfte seinen linken Ärmel auf, entnahm ihm den Zauberstab und reichte ihn mit Widerwillen dem Kobold. Dieser verschloss ihn in einer der schmalen Boxen, die eine ganze Seite im Raum hinter ihm einnahmen, und gab Skanne dann eine münzenförmige Metallplakette.

„Heften Sie das gut sichtbar an Ihre Kleidung. Wenn Sie es verlieren, erfordert die Herausgabe Ihres Zauberstabes einen beträchtlichen Verwaltungsaufwand. Mein Kollege wird Sie hinaufbegleiten."

Skanne befestigte die Plakette vorne an seinen Umhang. Sie trug die Aufschrift „Scan", aber er verzichtete darauf, den Fehler korrigieren zu lassen. Die hatten seinen Namen hier noch nie richtig geschrieben. Zwischen Ärger und säuerlicher Belustigung schwankend, wie bei jedem seiner Besuche hier, folgte er einem anderen Kobold hinauf in den zweiten Stock.

oooOooo

Das Direktionsbüro war ein Albtraum in Rosentönen. Nach dem Weg durch die gemauerten Gänge war der Schock beim Eintreten immer besonders schmerzhaft, fand Skanne. Er war schon mehrfach hier gewesen, aber die rosige Flut dieses Büros erschlug ihn jedes Mal aufs Neue. Sogar der Schreibtisch, der neckisch ein wenig schräg im Raum stand, war ganz in einem hellen Rosenholzton gehalten. Entschieden das Schlimmste aber waren die gestickten Lebensweisheiten, die sich, sorgfältig in Rahmen gespannt, überall an den Wänden fanden.

Die Direktorin, die an ihrem Schreibtisch saß, nickte dem Eintretenden huldvoll zu, zog aber die Augenbrauen in die Höhe.

„Professor Skanne – was für eine Überraschung! Ihr letzter Besuch liegt ja noch keine zehn Tage zurück! Nehmen Sie doch Platz!", winkte sie ihn heran. „Sie müssen entschuldigen, dass ich Sie warten ließ, aber ich habe gar nicht mit Ihnen gerechnet. Aus unerfindlichen Gründen wurde mir Ihre Anmeldung nicht weitergegeben."

Skanne grüßte, ließ sich auf einem der mit rosenfarbenem Damast bezogenen Sessel nieder und bemühte sich, die Wanddekorationen auszublenden. „Es hat keine Anmeldung gegeben, Madam Umbridge", erklärte er dann. „Ich bin sozusagen inoffiziell hier. Minister Scrimgeour wünscht, dass ich noch einmal mit Severus Snape spreche. Hier ist sein Schreiben." Er reichte das Pergament der Direktorin, die sich darüber beugte und es minutenlang gründlich studierte.

Dolores Umbridge hatte sich begeistert für den Posten der Gefängnisleitung beworben, und weil sie bekanntermaßen über organisatorisches und disziplinarisches Talent verfügte und es außerdem nicht viele qualifizierte Beamte gab, die sich um die Arbeit hier draußen rissen, hatte sie ihn auch bekommen.

„Snape –", murmelte sie, schlug ein riesiges Buch auf, das auf der einen Seite der Schreibtischplatte gelegen hatte und begann darin zu blättern. „Snape, Severus – hier haben wir ihn – Neun-Null-Eins-Sechzig-S. Ein BS." Sie sah auf. „Natürlich, er ist auch in der Hochsicherheitsverwahrung untergebracht, aber denken Sie wirklich, dass er etwas mit dieser unerfreulichen Angelegenheit zu tun hat? Er ist doch schon beinahe ein Jahr hier – ich glaube nicht, dass er Frizzleburst überhaupt kannte."

„Es geht nicht um Frizzleburst", sagte Skanne knapp.

„Nicht? Sie überraschen mich schon wieder. Ist die Sache denn bereits aufgeklärt?"

„Verzeihen Sie, Madam, aber ich bin nicht befugt, über die Entwicklungen im Fall Frizzleburst zu sprechen. Der Anlass meines heutigen Besuchs ist ausschließlich ein Gespräch mit dem Häftling Snape."

Umbridge warf noch einen Blick in ihr Buch. „Sie sollten wissen, dass er heilerische Maßnahmen ebenso wie Besuche abgelehnt hat. Nur für den Fall, dass er Ihnen etwas anderes erzählt –"

„Es gab Besucher?" Skanne war ehrlich überrascht.

„Es gab zumindest Anträge. Als BS steht ihm ein Besuchstag im Jahr zu, und der wäre im Juni gewesen", erklärte die Direktorin. „Für diesen Tag habe ich hier Anfragen von Minerva McGonagall und von Hekate Harper vorliegen."

„Hekate Harper?"

„Ich dachte mir schon, dass Sie das interessieren würde", sagte Umbridge mit einem selbstgefälligen Lächeln. „War sie nicht Ihre Schülerin? Aber wie dem auch sei, er hat sie jedenfalls beide abgelehnt." Sie strich mit der Hand glättend über die gelbliche Buchseite. „Übrigens hoffe ich doch, dass es nicht um die Gnadengesuche geht, mit denen seine frühere Kollegin McGonagall den Minister seit Monaten behelligt?"

Skanne verneinte.

„Nun, Professor Skanne –" Umbridge verbarg ihren Unmut nicht allzu erfolgreich. „Ihr Anliegen kommt, wie gesagt, ein wenig unerwartet, aber Minister Scrimgeour wird sicherlich wissen, was er tut. Da werde ich Ihnen natürlich keine bürokratischen Steine in den Weg legen."

„Danke, Madam."

„Sie werden keine Legilimentation durchführen, nicht wahr?", vergewisserte sich die Direktorin und schloss das Buch wieder. „Benötigen Sie andere, spezielle Vorrichtungen?"

„Nein", erwiderte Skanne. Er hatte nichts übrig für Gewalt – oder für die Methoden, die Umbridge einsetzen ließ. In einem Verhör sollte man mithilfe seiner geistigen Fähigkeiten gewinnen, fand er. Manipulation war akzeptabel. Körperliche Bedrohung oder die Zufügung von Schmerz nicht.

„Dann nehme ich an, der gewöhnliche Besuchsraum genügt Ihren Zwecken?" Jetzt war ein bissiger Unterton nicht zu überhören.

„Ein Raum, in dem wir vor Zuhörern sicher sind", sagte Skanne sanft.

„In diesem Fall schlage ich vor, dass Sie doch besser einen der Räume für die Intensive Befragung drüben im Untergeschoss nehmen. Die liegen sowieso näher bei der Hochsicherheitsverwahrung. Ich werde Sie selbst hinunterbegleiten, und ein Wärter wird Ihnen dann Snape bringen."

„Ich würde gern dabei sein, wenn Snape aus seiner Zelle geholt wird."

Umbridge hob die Augenbrauen. „Zu welchem Zweck?"

„Ich möchte mir ein Bild von der täglichen Umgebung des Gefangenen machen. Das macht es mir leichter, ihn im Gespräch einzuschätzen."

„Nun ja – das klingt einleuchtend. In diesem Fall werde ich Sie allerdings nur bis hinunter begleiten, dann müssen Sie mit einem der Wärter vorlieb nehmen. Der Weg zum HSV-Trakt ist recht umständlich, wie Sie wissen, und meine Verpflichtungen lassen eine solche Exkursion heute bedauerlicherweise nicht zu." Sie stellte die Teetasse ab und stand auf. „Ich muss in einer Viertelstunde Unterricht geben."

Skanne erwiderte nichts darauf, weil er keine Lust hatte, sich einen Vortrag über Umbridges Umerziehungsunterricht anzuhören. Als sie ihm Zeit genug für einen Kommentar gelassen hatte und dieser nicht kam, stand sie auf.

„Also dann, Professor Skanne", sagte sie mit einem mädchenhaften Lächeln. „Machen wir uns auf den Weg, nicht wahr? Die Arbeit ruft!"

Sie gingen in das Vorzimmer hinaus, ein düsteres Kabuff, in dem eine grämliche kleine Sekretärin zwischen Bergen von Aktenordnern beinahe verschwand.

„Lucy, ich brauche eine Anweisung – Verhör für Neun-Null-Eins-Sechzig-S, einen BS", rief die Direktorin munter in die Richtung, aus der es raschelte. „Und geben Sie Gripwart Bescheid, dass er uns im Erdgeschoss erwarten soll."

Während die Sekretärin ein rosafarbenes Formular ausfüllte, wandte sich Umbridge an ihren Besucher. „Hoffentlich konnten meine Ausführungen den Minister davon überzeugen, dass es für die Institution zu teuer würde, wenn wir die Kleiderspenden der Angehörigen aufgrund dieses einzelnen Unglücksfalls von nun an verbieten würden. Wir gestatten sie ja ohnehin nur den Häftlingen in der Hochsicherheitsverwahrung – und pro Häftling nie mehr als ein Stück, Pullover oder Decke." Sie warf ihrer Sekretärin einen stirnrunzelnden Blick zu, als diese den Befehl für Gripwart in einen kleinen Schalltrichter sprach.

„Sind Sie fertig mit dem Formular?", fragte sie ungnädig.

oooOooo

Gripwart, der Chefaufseher, erwartete sie bereits. Er war stämmig und respekteinflößend und für einen Kobold ziemlich groß. Nachdem die Direktorin zu ihrem Unterricht davongegangen war, marschierte er ohne ein weiteres Wort los.

Der Trakt für die Hochsicherheitsverwahrung, wie Umbridge es nannte, war auf der Rückseite des Gebäudes untergebracht, wo der Fels steil zum Meer hin abfiel und so etwas wie ein natürliches Untergeschoss zum eigentlichen Gefängnisturm bildete. Hier hatten die Konstrukteure und Raumverwandler, die das Ministerium mit dem Bau beauftragt hatte, auf ein natürliches Höhlensystem zurückgreifen können, das dann zweckgemäß ausgebaut worden war. Diesen Trakt konnte man nur durch das Hauptgebäude erreichen. Von dort führte ein langer, in den Fels gehauener Gang hinüber, der stellenweise so niedrig war, dass Skanne sich bücken musste. Es ging steil hinab, manchmal über Stufen. Der würdevolle Eindruck, den man von der Eingangshalle bekommen haben mochte, verlor sich hier jedenfalls schnell und gründlich.

Sie kamen bald an der Abzweigung vorbei, über die Skanne schon mehrmals zu den Verhörräumen gelangt war. In der Nähe dieser Räume wurde, wie er wusste, auch das Eigentum der Häftlinge aufbewahrt, das sie bei der Einweisung abgeben mussten – Zauberstäbe, magische Waffen und Geräte aller Art, Schmuck und Kleidung lagerten dort säuberlich katalogisiert und in Kisten verschlossen, die sich für nicht wenige der Inhaftierten nie wieder öffnen würden.

Heute führte Gripwart ihn an dieser Abzweigung vorbei, und Skanne betrat erstmals die lange, gewundene Treppe, die schließlich auf eine Art Plattform mündete. Mehrere Fackeln erleuchteten diesen Platz, ohne seinen trostlosen Gesamteindruck verscheuchen zu können. Gripwart wandte sich am Fuß der Treppe nach links, wo in einem großen, offenen Raum zwei weitere Kobold-Wärter an einem Tisch saßen und in ein Spiel vertieft waren.

Blogga!", rief der eine von ihnen gerade in triumphierendem Ton. Das bedeutete wohl so etwas wie „Schachmatt", denn der andere schob mit verbissener Miene eine Flasche und einen Stapel Münzen über den Tisch und wischte die Figuren vom Spielbrett.

Skanne sah die Fässer und Kisten, die an den Wänden aufgestapelt waren – die mussten durch irgendwelche Versorgungsschächte hierher gebracht worden sein, durch den Gang hätten sie jedenfalls nicht gepasst.

„Neun-Null-Eins-Sechzig-S zum Verhör", sagte Gripwart knapp, während die Flasche rasch unter dem Tisch verschwand. Er warf seinen Kollegen das rosa Formular hin und ging hinüber zu den voll gestopften Regalen. Die beiden Wärter betrachteten Skanne mit ausdruckslosen Mienen. Skanne entdeckte neben dem Regal einen großen Herd, auf dem mehrere riesige Kessel standen – die Quelle des penetranten Kohlgeruchs, der in Schwaden in diesem Raum hing.

„Neun-Null-Eins-Sechzig-S? Das ist ein BS, oder?", sagte jetzt einer der Kobolde am Tisch, offenbar bemüht, einen guten Eindruck zu machen. Er musterte prüfend die beiden Fesseln, mit denen Gripwart zurückkam. „Für den brauchen Sie auch noch einen Welldone", sagte er dann. „Vorschrift!"

„Dann her damit", sagte Gripwart lustlos, und der andere eilte zum Regal, wo er aus einem Kasten etwas hervorzog, das wie ein Hundehalsband aussah. Als er es seinem Chef aushändigte, erkannte Skanne, um was es sich handelte: Das Hundehalsband war eine Schwarzmagische Klammer, die verbesserte Version. Offenbar nannte man die hier nach ihrem Erfinder, Perpetuon Welldone.

„Welche Zelle?"

Der andere Kobold huschte zu einem großen Plan, der an der Wand hing. „Dritte Reihe. Letzte Zelle links."

„Gut. Und jetzt hier abzeichnen."

Der Kobold, der eben gewonnen hatte, nahm den rosa Zettel, unterschrieb mit einem knappen Haken, riss sich den Durchschlag ab und schlurfte damit zu dem Bord mit den Aktenordnern, das auf der anderen Seite des Herdes hing.

„Also dann, kommen Sie mit", sagte Gripwart und ging voraus.

Skanne folgte ihm, bis er am Rand der Plattform vor einem im Halbdunkel versinkenden Abgrund stehen blieb. Vielleicht vierzig Meter weit entfernt befand sich die gegenüberliegende Felswand, in die die Einzelzellen eingelassen waren. Dort gab es keine Fackeln; nur durch die spaltförmigen Auslassungen in der Wand drang ein wenig Licht in den Schacht.

Der Kobold öffnete soeben die Tür eines seltsamen Kastens, der von der Felsdecke hing und ein bisschen wie der Korb eines Ballons wirkte. Als Skanne hinaufsah, entdeckte er dort außer einer Art Seilwindensystem auch etwas Dunkles, das sich träge und wie im Schlaf bewegte. Unwillkürlich fühlte er sich an die Dementoren erinnert.

„Was ist das da oben?"

„Hallagaplas. Höhlenfledermäuse. Bringen das Essen rüber zu den Zellen."

Davon hörte Skanne zum ersten Mal. „Sie meinen, diese Tiere sind abgerichtet?"

„Ja. Sie lebten sowieso auf der Insel. Wir schlugen der Direktion vor, dass wir sie zu diesem Zweck abrichten. Wurde angenommen. Steigen Sie ein", antwortete Gripwart mürrisch und winkte ihn zu sich. „Das ist der einzige Weg zu den Zellen."

„Gute Idee, das mit diesen Hallagaplas", sagte Skanne anerkennend. „Dürfte Ihnen eine Menge Fahrten mit diesem Ding hier sparen." In einem Bau, in dem so viele Vorrichtungen die Ausübung von Magie unterbanden, schien ihm das geradezu eine geniale Methode zu sein, die Gefangenen mit einem Minimum an Personal zu versorgen. Außerdem verschärfte das natürlich auch die beabsichtigte Isolation der Gefangenen.

Skanne betrat den schwankenden Korb, Gripwart schlug die Tür zu und hakte sie nachlässig fest.

„Bringen die Fledermäuse auch das Trinkwasser hinüber?"

„Nein. Die Häftlinge haben selbstfüllende Kannen. Einzige Ausnahme vom Magieverbot hier. Wurde vom Ministerium genehmigt, nachdem sich alle anderen Methoden als zu aufwändig herausgestellt hatten." Der Kobold drückte auf einen Knopf neben der Tür, und dann fiel der seltsame Aufzug mit einem magenerschütternden Ruck in die Tiefe. Ebenso plötzlich hielt er wieder inne und glitt dann langsam auf den Zellentrakt zu.

Dank der entsprechenden Krümmung der Felswand waren die Einzelzellen im Halbkreis angeordnet, je zehn Zellen in acht Reihen untereinander, zählte Skanne rasch, während seine Augen über die vergitterte Front glitten. Schwere Eisengitter, dicke Mauern und Böden aus dem dunklen Felsgestein, aus dem die ganze Insel bestand. Es war sehr kalt hier. Skanne sah seinen Atem in weißen Wölkchen davonschweben und verstand jetzt, warum den Gefangenen geschenkte Kleidungsstücke und Decken gestattet wurden. In der Anstaltskleidung allein wären sie vermutlich ständig krank gewesen.

Schon oben auf der Plattform hatte er Ausläufer des Geruchs empfangen, der jetzt mehr und mehr seine Nase bedrängte. Nasser Stein, vergammelndes Stroh, vor allem aber dahinvegetierende Menschen. Wie faulender Tang, dachte er angewidert. Von der Gerechtigkeit der Bestrafung war er vollkommen überzeugt, aber diesen Geruch von menschlichem Elend in der Nase zu haben – darauf hätte er verzichten können.

„Reihe drei, letzte Zelle links", sagte der Kobold, und kaum hatte er ausgesprochen, setzte sich der Korb wieder in Bewegung und sauste schräg nach unten in die Düsternis. Skanne taumelte gegen die Holzwand; die plötzliche Bewegung ließ ihn beinahe das Gleichgewicht verlieren, was Gripwart erstmals so etwas wie ein Lächeln entlockte. „Vorsicht", sagte er. „Sie sollten sich festhalten."

Der Korb schlingerte die letzten Meter an der vergitterten Zellenfront vorbei, und Skanne strengte seine Augen an, um in der tiefen Dämmerung die Insassen hinter den Gittern auszumachen. Hier und da erhaschte er einen Blick auf eine armselige Gestalt, alle in das demütigende Knallrot gekleidet, das Direktorin Umbridge für disziplinarisch wertvoll hielt.

Seit sich der Korb in Bewegung gesetzt hatte, war es laut geworden im Schacht. Beschimpfungen, Flüche, Unschuldsbeteuerungen, Hilferufe und unartikulierte Schreie begleiteten ihre Fahrt an den Zellen vorbei und verstummten aus unerfindlichen Gründen in dem Augenblick, in dem der Korb abrupt vor einem Gitter anhielt. Noch während das seltsame Gefährt nachschwang, öffnete der Kobold die Tür und klappte einen hölzernen Steg mit mannshohen Seitenwänden und zwei Haken am Ende aus. Kreischend rasteten sie in den beiden dafür vorgesehenen Metallösen unterhalb des Gitters ein, und als sei das irgendein geheimes Signal gewesen, brach das Geschrei aus den bewohnten Zellen ringsum plötzlich wieder los, laut, wütend. Die Häftlinge brüllten nach mehr Licht, nach Decken, nach Essen, nach ihren Anwälten, ihren Familien.

In der Zelle, vor der Gripwart jetzt stehen blieb und seinen rosa Zettel zückte, rührte sich jedoch nichts. Skanne sah dem Kobold über die Schulter, der Steg war zu schmal, als dass auch er hätte aussteigen können.

„Neun-Null-Eins-Sechzig-S, zum Verhör! Kommen Sie langsam, mit erhobenen Händen zum Gitter", rief Gripwart.

Der Gefangene, der auf seiner Pritsche gelegen hatte, kam an die dafür vorgesehene Stelle des Gitters, wo er reglos die Sicherungsprozeduren über sich ergehen ließ – Gripwart legte ihm Hand- und Fußfessel durch das Gitter hindurch an und befestigte zum Abschluss die Schwarzmagische Klammer an seinem Hals. Dann öffnete er die schmale Gittertür.

„Warum den?", brüllte jemand. „Nehmt mich mit! Ich kann euch jede Menge erzählen! Nehmt mich! Nehmt mich!"

„Ruhe!", zischte Gripwart.

Als der Gefangene mit den kleinen Schritten, die ihm die Beinfesseln erlaubten, über den Steg hinüber in den Korb ging, gellte von oben ein Schrei herunter. „Snape!", kreischte es. „Ich mach dich kalt! Irgendwann mach ich dich kalt! Das ist alles deine Schuld hier! Ich bring dich um!"

Daraufhin brach ein Lärmen los, das Skanne deutlich vor Augen führte, wie richtig es gewesen war, Snape in einer Einzelzelle unterzubringen. Snape, dem dieser Tumult galt, hatte den Korb jetzt endlich erreicht und stellte sich in eine Ecke, ohne Skanne mehr als einen flüchtigen Blick zuzuwerfen. Dieser musterte ihn hingegen voll Interesse.

Er hatte ihn schon einmal gesehen, seit er in Haft war, im März nämlich, bei der Befragung bezüglich Draco Malfoy. Inzwischen hatte Snape ein gutes Jahr auf Forgettable Island hinter sich, und das sah man ihm an.

So wie er sich bewegte, hätte man sich die Hand- und Beinfesseln wohl auch sparen können. Anscheinend war die alte Verletzung immer noch nicht wirklich verheilt, denn er bemühte sich offensichtlich, sein linkes Bein nicht zu belasten. Allerdings konnte das natürlich auch Show sein. Die Gefängniskost hatte ihn so weit abmagern lassen, dass die lächerlichen roten Klamotten an ihm wie an einer Vogelscheuche herumschlotterten. Der dunkle Vollbart – der es schwierig machen würde, in seiner Miene zu lesen – veränderte sein Gesicht erheblich; Skanne war sich nicht sicher, ob er ihn damit überhaupt wiedererkannt hätte. Was der Bart von seiner Gesichtshaut frei ließ, hatte jenes krankhafte Weiß, das man nur durch langen Lichtmangel erwirbt. Sein Haar, das ihm wirr und zottelig bis weit über die Schultern fiel, war dagegen wie zum Hohn ebenso wie der Bart tiefschwarz geblieben. Skanne sah nicht eine einzige graue Strähne darin.

Ruhe!", schrie Gripwart jetzt noch einmal in den Aufruhr hinein, und dann setzte er eine kleine Pfeife an die Lippen. Ihren Ton hörte Skanne nicht, wohl aber das unheimliche Schwirren wenige Sekunden später, als die Korbtür endlich geschlossen war. Er sah hinauf und hätte sich beinahe geduckt unter dem Schwarm aus flatternden, dunklen Körpern, der über sie hinwegstob. Mit einem Ruck nahm der Aufzug die Fahrt wieder auf, schräg hinauf ging es, und für einen Moment glitten sie durch die zerplatzende Wolke aus Hallagaplas, die sich nun einzeln auf die wütenden Häftlinge stürzten.

„Sind ziemlich schmerzhaft, die Bisse", bemerkte Gripwart. „Das sorgt immer schnell für Ruhe." Er ignorierte die Versuche des Gefangenen, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, das er verloren hatte, als der Korb loslegte.

Während der ganzen Fahrt, während sie ausstiegen und, von Gripwart geführt, langsam durch die Gänge zu dem von Umbridge bestimmten Verhörraum gingen, wurde kein weiteres Wort gesprochen.

oooOooo

Der Verhörraum war eine kleine, fensterlose Zelle mit zwei Fackeln in Wandhaltern, einem an der Mauer befestigten Sitz, an den der Gefangene gekettet wurde, und einem Stuhl für den Verhörenden. Skanne hätte bei Snape auf die Ketten verzichtet, aber der Wärter bestand auf die Einhaltung der Vorschriften.

„Wie kommen Sie mit Ihrer Unterbringung zurecht?"

Die Frage, die Skanne üblicherweise zur Auflockerung stellte, schien diesmal unbeachtet zu bleiben, und damit hatte er auch gerechnet. Snape saß ihm angespannt gegenüber und versuchte vorsichtig, sein linkes Bein auszustrecken, so weit die Ketten es zuließen. Skanne wollte gerade etwas über Snapes offensichtlich angegriffene Gesundheit sagen, als doch noch eine Antwort kam.

„Man hört das Meer." Snapes Ton ließ offen, ob dies nun positiv oder negativ war, und Skanne hatte auch keine Lust, das weiter zu ergründen. Die wenigen Minuten in seiner Gesellschaft hatten ihm schon wieder deutlich gemacht, wie sehr ihm dieser Mann zuwider war, selbst wenn er sich letzten Endes als Feind Voldemorts entpuppt hatte.

Im Verlauf der Legilimentation damals hatte er mit angesehen, wie Snape Regulus Black und Lucius Malfoy kaltblütig getötet hatte. Darüber hinaus konnte er nur mutmaßen, wie oft dieser bevorzugte Diener Voldemorts an der Seite seines Herrn Verhöre durchgeführt hatte – Verhöre, bei denen nicht er derjenige gewesen war, den man an die Wand gekettet hatte. Und an Voldemorts Seite hatten ihn nicht allein die noblen Motive gebracht, die seine wenigen Fürsprecher vorbrachten, sondern auch ein ungesundes, verzerrtes Verlangen nach Ansehen und Macht. Skanne hatte diesen Antrieb in ihm schon erkannt, als Snape ihm das erste Mal gegenübergetreten war.

„Erinnern Sie sich an unsere erste Begegnung?", fragte er aus diesem Gedanken heraus. Er ließ sich bei Vernehmungen gern von seinem Instinkt leiten, dem er im Allgemeinen auch vertrauen durfte. „Sie waren zwanzig Jahre alt und sprachen bei Professor deFence vor. Sie wollten unbedingt bei der Akademie für Verteidigung gegen die Dunklen Künste angenommen werden."

„Einundzwanzig", korrigierte Snape leise.

„Er konnte Sie nicht annehmen. Ich habe mich in meiner Einschätzung nicht geirrt, nicht wahr? Hervorragende Talente. Zweifelhafte moralische Verfassung. Sicher verstehen Sie heute, dass wir Sie ablehnen mussten?"

„Ich bin sicher, dass Absolventen wie Gilderoy Lockhart Ihrer Schule mehr Ehre eingebracht haben", erwiderte Snape steif.

Skanne lächelte kalt. „Irrtümer sind nie ausgeschlossen."

„Vor allem dann nicht, wenn sie mit einer Menge Geld winken."

„Sie waren damals bereits ein Todesser, Snape."

„Richtig. Aber haben wir das nicht alles bereits vor einem Jahr geklärt? Was wollen Sie von mir?"

Skanne ließ sich Zeit mit der Antwort. Minutenlang war nur das Flackern der Fackeln an der Wand zu hören, und während dieser Minuten ließ er Snape nicht aus den Augen.

„Es gibt einen ganz einfachen Grund für mein Hiersein, Snape", sagte er schließlich. „Harry Potter." Wenn er jedoch gehofft hatte, dass Snape auf diesen Namen reagieren würde, hatte er sich getäuscht. Snape sah nicht einmal auf.

„Angeblich ist Harry Potter wieder in der magischen Welt gesichtet worden", fuhr Skanne fort. „Es gibt – nennen wir es: unausrottbare Gerüchte, wonach dieser junge Mann den Geist Voldemorts in sich trägt. Wofür ein obskurer Übertragungszauber verantwortlich sein soll, den wiederum Sie damals Voldemort gegeben haben sollen."

Snape verzog keine Miene. Als Skanne seinen Blick nicht von ihm wandte, sagte er endlich: „Was für ein Blödsinn."

„Was genau davon ist Blödsinn – dass Potter der wiedergeborene Voldemort ist, der Übertragungszauber selbst, oder die Tatsache, dass Sie diesen Zauber kannten?"

„Skanne, diesen ganzen Quatsch haben Sie auch schon vor einem Jahr wieder und wieder durchgekaut, oder? Sie haben sogar in meinem Hirn herumgestochert. Warum jetzt noch einmal?" In der erloschenen Stimme klang auf einmal ein Rest des alten Jähzorns auf, und Skanne war überrascht, wie schnell das gegangen war.

„Helfen Sie mit, die magische Welt vor Voldemort zu bewahren, Snape!", sagte er voll böser Ironie. „Das war doch immer das mehr oder weniger offensichtliche Motiv Ihres Handelns, wenn man Ihren Aussagen glauben darf, nicht wahr? Also, dann sollte diese Frage Sie doch interessieren!"

„Das tut sie nicht. Voldemort ist vernichtet. Harry Potter kann nicht mehr zaubern. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe." Er schluckte heftig, und Skanne begriff, dass die Schwarzmagische Klammer fest genug um seinen Hals lag, um ihn beim Sprechen und vielleicht sogar beim Atmen zu behindern.

„Snape, ich will Antworten. Vorher bekommen Sie Ihre Ruhe nicht zurück", sagte er in eindringlichem Tonfall. „Ich glaube nicht an diese Gerüchte. Potters Wiederauftauchen hat nichts zu bedeuten, davon bin ich überzeugt. Nach ihm oder Voldemort kräht inzwischen kein Hahn mehr. Trotzdem bleibt ein – Restrisiko. Das will ich gerne zugeben. Deshalb bin ich hier: um dieses Restrisiko einschätzen zu können. Und deshalb werden Sie mir antworten."

Snape sah nach wie vor an seinem Gegenüber vorbei und war offenbar bemüht, seinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Es war deutlich, dass ihn das Gespräch tatsächlich nicht interessierte.

Skanne fühlte Ungeduld mit der Situation in sich aufsteigen. Er hatte ja gewusst, dass er hier nur seine Zeit verschwenden würde! Über eines war er sich im Klaren: Snape hatte Voldemorts Vernichtung wirklich mehr als alles andere gewollt. Wenn er nun so desinteressiert war, konnte das nur bedeuten, dass er aus dieser Richtung keinerlei Gefahr mehr sah.

„Wie dem auch sei", begann er nach einer Weile mit deutlich sanfterer Stimme. „Es kostet Sie nichts, mir Antworten zu geben, nicht wahr? Zeit haben Sie genug, und auch nichts zu verlieren. Also. Sehen Sie das Ganze meinetwegen als ein rein akademisches Gespräch an, bei dem es nur um die Aufdeckung der Wahrheit geht – selbst wenn diese praktisch nichts mehr zu bedeuten hätte. Fangen wir mit Ihrem ehemaligen Schüler an. Wieso sind Sie so sicher, dass Potter nicht mehr zaubern kann?"

„Das war die Konsequenz des Zauberspruchs, den er angewendet hat."

„Da Sie das wissen, darf ich davon ausgehen, dass er den Zauber also tatsächlich von Ihnen hatte?"

„In gewisser Weise –", murmelte Snape. Sein Blick irrte jetzt über den Fußboden. So gleichgültig, wie er sich gab, war er anscheinend doch nicht.

„Was bewirkt dieser Zauber, abgesehen davon, dass er denjenigen, der ihn verwendet, seiner Fähigkeiten beraubt? Was ja, nebenbei bemerkt, wohl der Grund dafür gewesen sein dürfte, dass Sie ihn nicht selbst angewendet haben."

„Ich habe Ihnen das damals schon gesagt. Er hebt Schwarze Magie auf."

„Ganz generell? Ganz einfach so?"

„Er löst das, was der Getroffene mithilfe von Schwarzer Magie erschaffen oder gebunden hat."

„Und Potter hat also diesen Zauber eingesetzt, um Voldemorts Horcruxe zu vernichten. Die nicht einmal alle in seiner Festung, geschweige denn in jenem Raum versammelt waren –"

Snape nickte.

„Woher hatten Sie diesen Zauberspruch?"

„Aus einem alten Buch."

„An dessen Titel Sie sich selbstverständlich nicht erinnern –"

„Ich bin als Kind darauf gestoßen. Mein Großvater hatte eine große Sammlung alter Bücher. Darunter auch vieles über Schwarze Magie, ja. Bevor Sie fragen."

„Und darin haben Sie schon als Kind herumgeschmökert und sich hier und da die besten Stücke herausgepickt? Oder wie soll ich das verstehen?"

„Verstehen Sie das, wie Sie wollen", gab Snape grob zurück. Seine Stimme, die das Sprechen nicht mehr gewohnt war, wurde allmählich heiser. „Meine Mutter gab mir Bücher, die die meisten Hogwarts-Absolventen nie im Leben sehen werden. Sie hatte da keine Skrupel – wollte, dass ich so früh und so schnell wie möglich lerne. Ich habe mir schon als Kind eine Sammlung von Zaubersprüchen zusammengestellt, die mir besonders stark und wirksam vorkamen."

„Eine interessante Beschäftigung für ein Kind. Und dabei stolperten Sie also über einen Zauberspruch, der gegen Schwarze Magie wirkt? Fremdsprachig noch dazu, wenn ich richtig informiert bin?" Aber sein höhnischer Ton sollte Snape nur provozieren. Skanne erinnerte sich an die Bilder, die er in Snapes Kopf gesehen hatte und die seine Worte bestätigten: Die verhärmte, fanatische Frau – die Bücher – Kinderhände auf Buchseiten, die mit fremdartigen Schriftzeichen bedruckt waren – die Feder, die am unteren Rand eines Pergaments akribisch Vokabeln notierte –

„Wäre Ihnen ein solcher Spruch etwa nicht besonders mächtig und stark vorgekommen?"

Ich stelle die Fragen, Snape. Wie hieß das Buch, in dem Sie den Spruch fanden?"

Stille.

Dann hob Snape den Blick und sah ihn an, zum ersten Mal. „Es hieß Über die Heilung", sagte er leise, und seine Augen glitzerten.

Verdammt, dachte Skanne. Ich dachte, jetzt habe ich ihn. Und dann so was! „Kein sehr signifikanter Titel, wie?", fragte er spöttisch. „Mir fallen auf Anhieb zwei Schriften ein, die genauso heißen, und mindestens drei, deren Titel sehr ähnlich lauten. Wer war der Verfasser?"

„Es war einfach – eine Sammlung von Texten."

Na gut, dann nenn mir doch den Editor, dachte Skanne entnervt. Dieses Gespräch drehte sich im Kreise. Das Stichwort Heilung brachte allerdings etwas in seinem Kopf zum Klingen. Richtig. Vielleicht war es an der Zeit, die Richtung ein wenig zu ändern.

„Stammt aus diesem Buch auch das Rezept für den Trank, mit dem Slughorn Sie damals geheilt hat?", fragte er geradeheraus.

Snape hustete unterdrückt. „Was?"

Skanne seufzte. Wieso hatte der sich überhaupt so mit diesem Buch? Die Tatsache, dass er nicht damit rausrücken wollte, musste die Sache doch erst recht interessant machen – war ihm das nicht klar? Oder war das Absicht? Wollte Snape ihn vom eigentlich Wissenswerten weglocken und stattdessen mit Nichtigkeiten durcheinander bringen? Es war schwer, den Mann einzuschätzen, sogar jetzt noch, als er aussah wie eine Leiche auf Urlaub und sich offenbar kaum aufrecht halten konnte –

Er beschloss, sich erst einmal auf dieses Spiel – wenn es eins war – einzulassen. „Nach übereinstimmender Aussage aller Befragten wurden Sie in Voldemorts Festung von mehreren Inferi gebissen und schwer verletzt, bevor Sie auf ziemlich spektakuläre Weise von einem Patronus aus dieser Festung herausgetragen wurden. Angeblich haben Sie von diesem Zeitpunkt an keine weitere Erinnerung mehr bis zu dem Moment, in dem Sie in der Krankenstation in Hogwarts erwachten. Die Heilerin dort war überzeugt, dass Sie sterben würden. So weit alles zutreffend?"

Snape nickte.

„Ich habe damals mit mehreren Heilern gesprochen. Sie alle waren der Ansicht, dass das Gift dieser Kreaturen Sie hätte töten müssen. Aber weit davon entfernt – Sie standen nach ein paar Tagen schon wieder auf Ihren eigenen Füßen, nicht wahr? Das ist doch mindestens so spektakulär wie der Patronus, denke ich. Von der Schul-Heilerin habe ich erfahren, dass Slughorn und Harper Ihnen mehrmals einen Heiltrank verabreicht hatten. Nach Pomfreys Meinung verdanken Sie dem Ihr Überleben." Er machte eine Pause, aber Snape reagierte nicht, und so fuhr er fort: „Das muss ein sehr wirksames und – mit Verlaub gesagt – der übrigen Heilkunde vollkommen unbekanntes Mittel gewesen sein. Die Heiler waren überzeugt, dass es gegen das Gift eines Inferius kein Heilmittel gibt. Die Verletzten sterben immer, lautet die Fachmeinung zum Thema."

„Geheilt bin ich nicht, wie Sie zweifellos bemerkt haben", erwiderte Snape zynisch.

„Sie haben Ihren eigenen Tod jetzt schon länger als ein Jahr überlebt", gab Skanne kalt zurück. „Und ich will wissen, woher Slughorn dieses Heilmittel hatte."

„Dann sollten Sie am besten Professor Slughorn selbst fragen."

„Das habe ich. Und was glauben Sie, was er sagte? Er druckste herum, etwas über eine Sammlung alter Heiltexte, an die er überraschend gekommen sei. War sichtlich geschockt über meine Frage, der alte Knabe."

Snape sagte nichts.

„Und das gibt mir doch zu denken – vor allem, nachdem ich nun weiß, dass es sich bei Ihrem geheimnisvollen Buch um ein Werk der Heilkunde handelt … Ein Zauber, mit dem man seinen Geist auf einen anderen Körper übertragen kann. Ein Spruch, der Schwarze Magie im großen Umfang aufhebt. Ein Heiltrank, der gegen üblicherweise tödliches Gift wirkt –" Skanne beugte sich vor und sah Snape genau in die Augen. „Ich komme allmählich zu der Auffassung, dass Sie da ein Buch besaßen, das der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden sollte! Warum machen Sie ein solches Geheimnis daraus?"

Snape verlagerte sein Gewicht. Es war offensichtlich, dass ihm die durch die Fessel erzwungene Beugung des linken Beines Schmerzen bereitete. „Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?", fragte er schließlich angewidert. „Wieso kommen Sie nach all der Zeit wieder hierher und fangen mit dieser Fragerei von vorne an? Was interessieren Sie irgendwelche Heiltexte? Halten Sie mich für so dumm, dass ich Ihnen die Sorge um potentielle Kranke abkaufe?"

Und jetzt hat er mich wieder da, wo er mich haben wollte, dachte Skanne. In irgendeiner Sackgasse, weitab vom Eigentlichen. Und ich hab mich reinführen lassen. Allerdings – sein Ärger ist jedenfalls echt –

„Hören Sie, Skanne! Sie haben alle Gefolgsleute Voldemorts eingesperrt, zumindest die, die überlebt haben –" Snape fixierte sein Gegenüber aus schmalen, fast schwarzen Augen. „Wozu also dieses Gerede? Was wollen Sie noch von mir? Voldemort ist tot!"

„Ist er das wirklich?"

„Haben Sie dazu noch nicht genug Zeugenaussagen gehört? Sie glauben doch nicht wirklich, dass er diesen Übertragungszauber durchgeführt hat, oder?"

Skanne betrachtete Snape mit leiser Ironie. „Zumindest haben Sie damals alles darangesetzt, mich denken zu lassen, dass es ein einziger großer Bluff Ihrerseits war – das Gerede über ein geheimnisvolles altes Buch, über angebliche geheimnisvolle Zaubersprüche – Sie gaben sich große Mühe, mir klarzumachen, dass Sie Voldemort damit betrogen haben und Potter möglicherweise auch", sagte er dann. Jetzt fühlte er einen dumpfen Zorn in sich aufkommen – Zorn und Verunsicherung. Ja, Snape hatte geblufft. Allerdings nicht Voldemort gegenüber. „Angesichts der Tatsache, dass Sie ganz offensichtlich doch im Besitz eines sehr machtvollen Buches waren, sollte ich über die Wahrscheinlichkeit eines solchen Übertragungszaubers aber wohl noch einmal nachdenken!"

„Sparen Sie sich das!", sagte Snape grob. „Dieser Zauber, ob es ihn nun gibt oder nicht, ist jedenfalls nicht ausgesprochen worden."

„Wie wollen Sie da so sicher sein?", fragte Skanne milde zurück. Zumindest hatte er Snape aus seiner Teilnahmslosigkeit aufgestört. Vielleicht ließ sich doch noch etwas Nützliches aus ihm herausbringen. „Wie wir ja bereits klargestellt haben, waren Sie zu dem Zeitpunkt, als Potter sein Sprüchlein aufsagte, schon gar nicht mehr in der Festung! Sie selbst haben das Ende doch gar nicht gesehen, richtig?"

Jetzt stutzte Snape und warf Skanne einen misstrauischen Blick zu.

Er sieht beinahe so aus, als wäre ihm das selbst gerade zum ersten Mal bewusst geworden, dachte Skanne interessiert.

„Wollen Sie mir wirklich weismachen, dass Sie diesen Blödsinn glauben? Dass er es geschafft hat und jetzt in Potter weiterlebt?" Snape klang überzeugend verächtlich, aber seine Stimme hatte kaum noch Ton, und da war etwas in seinen Augen –

„Auszuschließen ist diese Möglichkeit doch wohl kaum, vorausgesetzt, es gibt diesen Zauber wirklich – und das wissen im Moment nur Sie allein genau, nicht wahr?", führte Skanne langsam aus, ohne den Blick von seinem Gegenüber zu wenden. „Aber um ehrlich zu sein: Nein. Angesichts all dessen, was ich im Laufe der Verhöre von den verschiedensten Augenzeugen erfahren habe – von Leuten also, die das Ende tatsächlich mit angesehen haben – halte ich diese Möglichkeit für nicht sehr wahrscheinlich. Nein, die Gefahr, die ich sehe, ist – nun, direkter. Simpler."

„Gefahr? Wovon reden Sie denn eigentlich?" Snapes Hände, die an die Mauer hinter seinem Sitz gekettet waren, zuckten. „Abgesehen von dem, was Sie von mir erfahren haben – aus all den Verhören müssen Sie es doch selbst wissen: Seine Horcruxe sind vernichtet! Er ist tot – nicht einmal er konnte nach dem Verlust dieser Gegenstände einem Todesfluch widerstehen! Es ist vorbei!"

Skanne gab ihnen beiden Zeit, diesem unerwarteten Ausbruch nachzulauschen. Das letzte Wort schien immer noch in der Stille des kleinen Raumes zu hallen. Skanne versuchte zu begreifen, was er da eben erfahren hatte. Es war schwer zu glauben – andererseits war der Ausbruch echt gewesen, dafür hätte er seine Hand ins Feuer gelegt. Snape kämpfte noch immer gegen die Klammer um mehr Atem.

„Das Avada Kedavra, meinen Sie?", brach Skanne schließlich das Schweigen. „Wovon sprechen Sie? Es gab keinen Todesfluch! Sie sind der Erste, der etwas Derartiges erwähnt, und Sie waren, wie gesagt, nicht einmal dabei. Das müssen Sie mir jetzt wirklich genauer erklären!" Dieser verdammte Bart! Skanne hätte etwas darum gegeben, Snapes Mienenspiel besser beobachten zu können.

"Wie Sie zweifellos wissen", knirschte Snape, „gab es damals kaum eine Gelegenheit für mich, Genaueres zu erfahren. Ich war bewusstlos, mehrere Tage lang – und abgesehen davon hatten die Leute offenbar Anweisung, nicht mit mir zu sprechen." Seine Stimme krächzte nur noch, und er versuchte zu husten.

„Wollen Sie mir jetzt im Ernst sagen, dass Sie nie nachgefragt haben?", fragte Skanne ehrlich verblüfft. „Dass Sie sich das, was in der Festung nach Ihrem Abgang geschehen ist, nie haben schildern lassen?!"

Snapes Blick war Antwort genug. Skanne konnte es nicht fassen.

„Potter war erfolgreich, das weiß ich –", keuchte Snape. „Und in diesem Saal waren damals eine Menge Leute, die nichts dringender wollten als Voldemorts Tod. Nach Potters Zauber war alles bereit dafür! Wollen Sie mir jetzt etwa sagen –"

„Oh, Severus Snape, hat Ihr Mut Sie tatsächlich so weit verlassen, dass Sie nicht einmal nachfragen konnten?!", unterbrach Skanne ihn spöttisch, aber nicht ohne ein gewisses Mitgefühl. „Dann lassen Sie sich jetzt von mir erzählen, wie es weiterging! Der junge Potter scheint zwar diesen merkwürdigen Spruch mit seinen so überaus spektakulären Folgen aufgesagt zu haben. Voldemort brach daraufhin zusammen, hat sich angeblich – aufgelöst. Aber einen Todesfluch – den hat es nie gegeben! Die Festung stürzte ein und fing an zu brennen, was die Erinnerung der Anwesenden zusätzlich verwirrt hat. Aber ich habe die klare Aussage, dass Potter einen seiner Freunde sogar daran gehindert hat, das Avada Kedavra auszusprechen. Weniger klar ist, was von Ihrem Herrn nun tatsächlich übrig geblieben ist – die Zeugenaussagen reichen von gar nichts über irgendetwas Kleines bis hin zu ein bisschen Staub. Diesen soll übrigens Miss Harper in ein Medaillon eingesperrt haben."

„Was – wie – sie war blind – hatte nicht mal einen Zauberstab –"

„Sie hat das angeblich zusammen mit demselben jungen Mann gemacht, der sich kurz zuvor Potters Zauberstab genommen hatte und den Todesfluch sprechen wollte." Skannes Ton war lässig, aber er beobachtete Snape scharf. Der schien zu erstarren, und einen Moment lang konnte Skanne in seinen plötzlich weit aufgerissenen Augen das sehen, was er schon einmal darin gesehen hatte, bei der Legilimentation vor einem Jahr nämlich: Angst.

Für Sekunden war er Snape damals in einen Abgrund gefolgt, an einen Ort unbeschreiblicher Angst. Dann hatte er sich hastig zurückgezogen. In den Köpfen der verhafteten Todesser hatte er einiges von dem Entsetzen gesehen, das Voldemort selbst in seinen Anhängern geweckt hatte, aber das Grauen, das er in Snapes Erinnerung miterlebt hatte, schien ihm unerträglich. Kurz danach war Snape einfach weggekippt. Die Vernehmung musste unterbrochen werden.

Das geschah diesmal nicht. Snape saß nur stumm da, den Blick unbewegt auf den Steinboden gesenkt.

„Ich denke, Sie verstehen meine Sorge", sagte Skanne schließlich. „Potter und die anderen könnten da einen Fehler gemacht haben. Verständlich vielleicht – was wussten sie schon von der genauen Wirkung dieses Spruchs, nicht wahr? Aber ein Fehler nichtsdestotrotz, ein gefährlicher und möglicherweise folgenschwerer Fehler." Das Seltsame war, dass er selbst bis eben niemals ernsthaft erwogen hatte, dass das wirklich ein Fehler gewesen sein könnte. Erst Snapes Reaktion brachte ihn ins Grübeln.

„Und was –", begann Snape nach einer Weile mit einem tiefen Luftholen, „was habe ich noch damit zu tun?"

„Vielleicht findet sich in Ihrem Buch auch dafür eine Lösung, meinen Sie nicht?", sagte Skanne sanft. Sein Instinkt hatte ihn über verschlungene Wege zu unerwarteten Ergebnissen gebracht. Und jetzt hatte er ihn. Endlich. „Wie heißt dieses Buch? Wo ist es?"

„Das Buch –" Snape wiederholte es in nachdenklichem Ton, mehr wie zu sich selbst. „Über das Flüchtige und Bezwingende – uralte Zaubertexte, eingebettet in –"

Wie? Was war das für ein Titel?" Skanne wäre beinahe aufgesprungen und hielt sich erst im letzten Moment zurück. Kontrollierte seine Stimme nur mit Mühe.

Snape sah auf, immer noch mit diesem abwesenden Blick. „Über die Heilung und Die Stärksten und Mächtigsten Magischen Worte und Gegenstände, beide Teile zusammengefasst in einer umfassenderen Schrift mit dem Titel Über das Flüchtige und Bezwingende" sagte er leise und so flüssig, als hätte er sich nie gesträubt, etwas über dieses Buch preiszugeben. Offenbar war sein Widerstand einfach zusammengebrochen. „Wo es heute ist? Wer weiß. Hogwarts, vielleicht."

Skanne zwang sich, ganz langsam zu atmen, und stellte sich Zahlen vor, große, in bunten Farben geschriebene Zahlen. Eine Methode, sich von heftigen Emotionen zu lösen, die er schon als Junge mit Erfolg angewandt hatte. Snape durfte auf keinen Fall bemerken, wie wichtig ihm dieses Buch nun tatsächlich geworden war.

Trotz seiner Verwirrung ließ er Snape nicht aus den Augen. Ob der irgendeine Ahnung davon hatte, was seine Worte möglicherweise bedeuteten? Es war nicht zu erkennen; er saß noch immer wie erstarrt da. Skannes Verstand arbeitete fieberhaft.

„Also gut", sagte er schließlich. „Ich biete Ihnen einen Handel an. Sie sagen uns, wo das Buch zu finden ist und machen uns die Texte darin zugänglich. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind sie weder in Englisch noch in Latein verfasst, und meine Aramäischkenntnisse beschränken sich auf einige wenige Zaubersprüche. Sie übersetzen also, kommentieren, erklären, wo das nötig ist. Als Gegenleistung werden wir über Ihre Begnadigung nachdenken." Seine Stimme klang souverän und ein bisschen herablassend. Ein Meisterstück.

Snape hob langsam den Blick, bis er an Skannes Gesicht hängen blieb.

„Wo ist das Buch? Ich bin ganz sicher, dass Sie das wissen." Immer noch war sein Ton beinahe lässig. „Sie wissen zumindest, wer das weiß. Slughorn? Harper?"

Snape schüttelte den Kopf, und ein paar der langen, verfilzten Haarsträhnen fielen über sein Gesicht. „Ich sagte doch, dass ich es nicht weiß! Es könnte in Hogwarts sein, ja, aber –"

„Kommen Sie, Snape!", rief Skanne ungeduldig, als Snape wieder verstummte. „Ich nehme Ihnen Ihre scheinbare Gleichgültigkeit nicht ab! Sie haben sich hier nicht zum Sterben hingelegt. Ein Mann wie Sie erträgt das Eingesperrtsein nicht, wenn es noch irgendeine andere Möglichkeit gibt! Sie sind krank, wer weiß, wie viel Zeit Ihnen noch bleibt – wollen Sie die im Gefängnis vergeuden?"

„Wo immer es ist – ohne meine Hilfe können Sie es nicht einmal an sich nehmen", sagte Snape und sah Skanne kalt an. Es klang nicht herausfordernd, sondern gleichgültig. Und auch deshalb klang es leider nach der Wahrheit.

Danach blieb es lange still, so still, dass Skanne glaubte, das feine Ticken seiner Taschenuhr hören zu können. Vor der Tür hustete einer der dort postierten Wärter.

„Noch einmal, Snape – wenn wir dieses Buch komplett und verständlich in den Händen halten, sind Sie frei – richtig mit Begnadigung und allem, was dazu gehört, damit es ganz unverdächtig für die zweifelsohne zahllosen Leute bleibt, die Ihnen misstrauen. Sie werden für gute Führung und Ihre anerkennenswerten Dienste bei der Vernichtung Voldemorts begnadigt. Das Angebot steht."

„Seit wann können Sie hier über Freilassungen verfügen?"

„Ich werde Minister Scrimgeour noch heute darüber unterrichten und bin zuversichtlich, dass er in diesem Fall zustimmen wird. Sagen Sie mir, wo sich dieses Buch befindet!"

„Wie ich schon sagte, das würde Ihnen gar nichts nützen, selbst wenn ich es so genau wüsste, wie Sie anzunehmen scheinen! Es ist – gesichert."

„Gut – dann führen Sie uns hin und entsichern es!" Skanne versuchte zu erkennen, ob Snape wieder einmal bluffte, aber er musste einsehen, dass er dazu noch immer viel zu verwirrt war.

Nun sah Snape ihn tatsächlich mit leisem Spott an. „Sie würden einen Mörder freilassen, damit Sie an dieses Buch kommen? Ich fange an, mich zu fragen –"

„Treiben Sie keine Spielchen mit mir, Snape. Ich bin Ihre einzige Chance. Und ich verrate Ihnen noch etwas. Uns ist wohl beiden klar, dass sich dieses Buch irgendwo in Hogwarts befindet. Und wenn nicht, so befindet sich in Hogwarts zumindest ganz sicher jemand, der etwas darüber weiß." Er beugte sich vor und fixierte Snape mit einem unerbittlichen Blick. „Sie haben einen Tag, um darüber nachzudenken. Sich zu erinnern, wenn das nötig sein sollte. Wenn Sie mir dann nicht sagen, was ich wissen will, werde ich dafür sorgen, dass in Hogwarts das Unterste zuoberst gekehrt wird. Wenn es sein muss, werde ich dort jeden Stein umdrehen. Wir werden das Buch finden."

„Dann brauchen Sie mich ja nicht dazu", sagte Snape und parierte Skannes Blick mit einem Anflug von Sarkasmus. Aber Skanne sah, dass seine Stirn hinter den Haarsträhnen schweißnass war. Und in seinen dunklen Augen flackerte es immer noch.

Skanne erhob sich. „Denken Sie genau darüber nach."

oooOooo

Das Tageslicht, das durch den schmalen Spalt in der Mauer hereindrang, erlosch allmählich. Snape lag auf seiner Pritsche und versuchte zu denken. Das war nicht leicht. Eine unglaubliche Wut tobte in ihm, und es kostete ihn alle Kraft, sich so weit zu zügeln, dass er nicht brüllend an den Gittern rüttelte.

Diese Idioten! Diese arroganten, hirnlosen Schwachköpfe

Sie hatten die Sache nicht zu Ende gebracht – sie hatten es nicht zu Ende gebracht!!

Potter hatte sogar irgendwen daran gehindert, es zu tun – war das zu fassen?! Was hatte er geglaubt zu tun? Hatte er etwa gedacht, er könne Voldemort begnadigen? Und wie hatte Harper das durchgehen lassen können? Sie musste doch am besten wissen, wen sie da verschonten! Wie hatte sie Potter seinen Willen lassen können!

Dieser idiotische Schwächling – aber wieso hatte er von James Potters Sohn eigentlich etwas anderes erwartet? Der war so überheblich, dass er glaubte, Gnade gewähren zu dürfen … dass er glaubte, Voldemort etwas gewähren zu können …

Snape hörte seine Zähne knirschen.

Er musste sich jetzt beruhigen. Aufhören mit dem nutzlosen Toben.

Doch hinter der Wut lauerte das Entsetzen.

Er hatte einen Tag. Er musste nachdenken.

Skanne. War der wirklich wegen Potter und diesem verrückten Gerücht hier erschienen? Möglich. Aber was ihn am Ende zu seinem völlig unerwarteten Angebot veranlasst hatte, hatte mit Potter nichts mehr zu tun gehabt, davon war Snape überzeugt. Da war es nur noch um das Buch gegangen …

Eigentlich hatte er nur Skannes bohrenden Fragen ein Ende setzen wollen, als er ihm die Titel hinwarf. Mit denen würde Skanne kaum etwas anfangen können und vielleicht endlich Ruhe geben. Wer außer ihm selbst kannte denn den wahren Titel der Schrift, die als das Siegel des Siebten bekannt war? Dumbledore hatte es vermutlich gewusst. Wahrscheinlich war auch Harper darauf gestoßen. Aber sonst? Offiziell war das Siegel schon vor vielen Jahren zur Legende erklärt worden … Nein, darum konnte es nicht gehen. Skanne konnte unmöglich argwöhnen, dass sich hinter dem Titel Über das Flüchtige und Bezwingende das Siegel des Siebten verbarg – das doch nach herrschender Meinung nicht einmal existierte.

Darum konnte es Skanne also nicht gehen.

Aber als er diesen Titel genannt hatte, da war Skanne aus seiner lässigen Überlegenheit aufgeschreckt. Snape hatte die Stichflamme, die daraufhin in Skannes Kopf hochgeschlagen war, geradezu sehen können. Erst danach war er mit seinem mehr als überraschenden Angebot herausgerückt. Warum? Was konnte ihm dieser Titel bedeuten?

Ob es vielleicht etwas mit diesem alten Geheimbund zu tun haben konnte? Er wusste, dass dieser Bund, der Arkturische Zirkel, früher hinter der Schrift eines Arkturius her gewesen war, und deren Titel sollte angeblich nahezu gleich lauten. Dieser Arkturius hatte allerdings viel später gelebt als der Verfasser des Siegels – soweit Snape wusste, irgendwann im zwölften Jahrhundert.

Der Arkturische Zirkel … Snape gab ein höhnisches Keuchen von sich. Früher einmal mochte dieser Bund eine Elite gewesen, wenn man nach dem urteilen durfte, was gelegentlich über ihn bekannt geworden war. Ein großer Teil der alten Reinblüter-Familien hatte traditionell diesem Zirkel angehört. Von den Malfoys, den Blacks und den Dolohovs wusste Snape es mit Sicherheit. Aber in diesem Jahrhundert war der Zirkel dann wohl endgültig zu einem arroganten Club der Reinblütigen und Unfähigen verkommen, und zwar schon vor Voldemorts Aufstieg. Voldemort hatten sie allerdings den Weg geebnet mit ihrem Ideal vom reinen Zaubererblut. Und während sie ihn noch als einen gesellschaftlich unmöglichen Emporkömmling verlachten – einen Mann, der vehement für die Reinblütigkeit eintrat, selbst aber nicht einmal Eltern vorweisen konnte! Einen Mann, der sich als Krönung der Lächerlichkeit ausgerechnet einen Muggel-Adelstitel zugelegt hatte! – währenddessen hatte Voldemort sie schon ausgesaugt. Hatte ihre Söhne auf seine Seite gezogen und zu Todessern gemacht. Denn die Todesser taten etwas, die hatten keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen. Snape erinnerte sich gut, wie Lucius sich über den Zirkel lustig gemacht hatte, in dem sein Vater noch ein wichtiges Mitglied gewesen war. Hatte ihn einen verknöcherten Altherrenclub genannt, der sich mit seiner Ignoranz und Unbeweglichkeit selbst zu Grabe trug.

Nach Voldemorts erster Niederlage war dann auch der Arkturische Zirkel verboten worden, weil man vom Reinblütigkeitswahn nichts mehr hören wollte. Soweit Snape wusste, war da allerdings nicht mehr viel zu verbieten gewesen. Voldemort hatte den Zirkel so gründlich ausgehöhlt, dass kaum jemand von Bedeutung übrig geblieben sein konnte.

Konnte es dennoch sein, dass Skanne hinter dem Titel „Über das Flüchtige und Bezwingende" die verschollene Schrift jenes Arkturius vermutete? Dass er aus irgendeinem Grund an diesem längst eingegangenen Geheimbund interessiert war – und zwar interessiert genug, um Snape die Begnadigung in Aussicht zu stellen, wenn er ihm zu diesem Buch verhalf?

Snape lag in der Dunkelheit und grübelte. Diese Theorie hatte natürlich nur dann ein Minimum an Wahrscheinlichkeit, wenn der Arkturische Zirkel wieder in Erscheinung getreten war –

Er stellte fest, dass ihn das im Moment nicht weiter interessierte. Es genügte ja, wenn er Skanne und Scrimgeour an der Angel hatte. Das Warum war ihm beinahe egal.

Skanne irrte sich, wenn er dachte, dass er ihn mit der Freiheit noch locken konnte. Er hatte hier in seiner Zelle so etwas wie Ruhe gefunden, wie ein Stein, der auf den Grund eines Ozeans hinabgesunken war und nun in dort in der Dunkelheit lag, wo die kalten, unsichtbaren Strömungen über ihn hinwegspülten. Das war tatsächlich das Bild gewesen, das er manchmal vor Augen gehabt hatte. Wie lächerlich. Ein Stein – nein, so viel Würde ließen die ihm anscheinend nie. Nein, er war ein Ertrunkener, den man herauf- und ins Leben zurückreißt, wo er zappelnd und würgend wieder Abschied von dem Frieden nehmen muss, den er gerade erst entdeckt hat.

Denn mit dem Frieden war es vorbei.