Kapitel 10
Schwermütig erinnerte sich Durza an seine Gefährtin. Zu ihren Lebzeiten hatte Kazit'ra ihm beständig zu verstehen gegeben, dass er ein miserabler Lehrer wäre und gut daran täte, niemals einen Schüler anzunehmen. Geduld, Nachsicht und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erklären gehörten einfach nicht zu seinen Stärken. Zähneknirschend kämpfte er sich in den nächsten zwei Tagen zusammen mit Niniel durch das Alphabet der Alten Sprache. Wenigstens zeigte das Mädchen Geduld und Nachsicht. Und eine unglaubliche Wissbegier, welche Durza ein ums andere Mal dazu brachte, den Unterricht nicht abzubrechen.
In der folgenden Nacht wurde der Schatten von einem Palastdiener bei seinen eigenen Studien gestört: „Der König wünscht Euch zu sehen, Lord Durza!"
„Ich komme…" Er musste kurz nachdenken, dann fiel ihm wieder ein, dass Torwec in dieser Nacht zurückerwartet wurde. Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht: wie enttäuscht musste wohl Torwec's verrückter Drache sein, ihn nicht ein weiteres Mal durch eine luftige Hölle getragen haben zu dürfen… Durza hasste diesen Drachen. Überhaupt hatte er diese Wesen noch nie leiden können. Noch bevor die Elfen in diesen Landen ankamen, waren die Drachen schon arrogant und selbstherrlich gewesen. Aber sich nach einem langen Krieg so eng mit dem ehemaligen Feind zu verbünden, das war in Durza's Augen Selbstverrat. So, wie er sich ebenfalls selbst verraten hatte, als er in Galbatorix' Dienste trat… Nein, das war etwas anderes. Galbatorix war nicht sein Feind gewesen… außerdem wurde er gezwungen zu dienen. Aber warum belastete es ihn, vom König nicht vollends ins Vertrauen gezogen zu werden? ‚Langsam werde ich selbst für mich zu wunderlich…' dachte er und trat in den Thronsaal ein.
Es dauerte noch einige Minuten, bis alle Wyrdfell sich versammelt hatten und auch Galbatorix erschien – bester Laune und mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. „Da wären wir also wieder!" rief der König aus und klatsche freudig in die Hände. Wenn Durza zuvor noch nicht am labilen Geisteszustand seines Herrn gezweifelt hatte, nun tat er es. „Setzt euch, wir haben viel zu bereden, Freunde!"
Zweifelnd suchte sich Durza einen Platz auf den Kissen, die vor dem Thron auf dem Boden verteilt lagen. Was ihn nicht überraschte war, dass auch Galbatorix auf diesen Kissen Platz nahm. Seinen alten Gefährten gegenüber spielte er sich nicht als König auf – nur Durza kam öfter in den Genuss der Selbstherrlichkeit des neuen Herrschers. Aber er war ja auch nur ein Sklave, ein Schoßhündchen, ein Botenjunge… Wütend biss er die ohnehin schon schmalen Lippen zusammen und bekämpfte seinen Zorn.
Lange berichteten die Drachenlords aus den Städten und Provinzen, in denen sie die letzten Wochen unterwegs gewesen waren. Allianzen waren geschmiedet, Verteidigungsheere ausgehoben und Vorräte an strategisch wichtige Stellen verteilt worden – hätte Durza nicht von den außenpolitischen Schwierigkeiten durch eine gewisse Adlige erfahren gehabt, er wäre gänzlich verwundert gewesen über diese Kriegsvorbereitungen. So zweifelte er aber nur an der Sinnigkeit, direkt vor dem Winter, für alle potentiellen Feinde ersichtlich, Heere in Stellung zu bringen. Bis zum Frühjahr, wenn die Kämpfe beginnen konnten, wären diese doch längst selbst vorbereitet…
„Gut, gut. Morgen feiern wir Feriol, danach marschieren wir nach Feinster. Noch vor Julante will ich die Küstenregion zwischen Aroughs und Feinster unter Kontrolle wissen. Zum Jahreswechsel besetzen wir die Inseln, dann im Frühjahr ziehen wir über das Küstengebirge hinauf nach Kuasta. Irgendwelche Fragen?"
Allerdings hatte Durza noch Fragen! Aber er verbiss sie sich und schüttelte zur Antwort nur den Kopf. An sich war der Plan so simpel wie genial: im Süden wurde es im Winter nie so kalt, dass ein Heer nicht mehr kämpfen konnte – dafür waren die Sommer umso heißer. Für Soldaten aus den gemäßigteren Regionen Alagaësias wäre ein Krieg zu dieser Jahreszeit also angenehmer… Im Frühjahr wären die Gebirgspässe wieder frei und Kuasta nicht mehr von Schnee und Eis in den Höhenlagen geschützt.
Und selbst wenn die Reiche im Norden einen Angriff auf Broddring in Erwägung zogen, würde dieser aufgrund der Wetterlage nicht vor Ende des Winters stattfinden können. Würden die südlichen Reiche Aberon, Lithgow und Cithrí einen früheren Vorstoß wagen, hätte Galbatorix bereits einen Großteil seines Heeres im Süden und könnte feindliche Truppen in kurzer Zeit von ihrer Versorgung abschneiden. Simpel und genial zugleich.
Fragte sich nur, warum Durza sich so mit den Geistern vom Helgrind beeilen sollte.
Die nächtliche Versammlung löste sich auf, doch der König hielt Durza zurück. „Warte. Mit dir habe ich noch unter vier Augen zu sprechen. Etwas Wein?"
Der Schatten verneinte. Er mochte weder Wein noch Bier. Selbst wenn der Alkohol auf ihn irgendwelche Auswirkungen gehabt hätte, Durza bezweifelte, dass er ihn dann zu sich genommen hätte. Klares Denken und vollständige Körperkontrolle waren ihm weit wichtiger als kurzfristiger Rausch. Nicht, dass sein Volk nicht auch ausgelassene Feiern und Rauschmittel gekannt hätte, aber das war niemals seine Welt gewesen – und würde es auch nie werden.
„Du fragst dich sicher, warum ich dich so kurzfristig zum Helgrind geschickt habe. Nun… du wirst nicht an den Kämpfen im Süden teilnehmen, Durza." Galbatorix nahm einen tiefen Schluck aus seinem Weinbecher und seufzte danach geräuschvoll. „Du ahnst nicht, was dir mit diesem Tropfen entgeht…"
Der Schatten verzog keine Miene und schwieg.
„Ich wusste nicht, ob du bei deinem… Volk genug Einfluss besitzt, um die Verhandlungen für mich zu führen. In der Tat bin ich positiv überrascht und erfreut über das Ergebnis. Ich denke, mein alter Freund Pamuk wäre hier gescheitert…" Der König grinste und trank noch einen Schluck.
Pamuk konnte bei seinem nächsten Besuch am Helgrind froh sein, wenn Vila und Mikel ihn nicht sofort selbst wieder auf die andere Seite zurückschickten. Die beiden Wächter des Tores waren, gelinde ausgedrückt, etwas gereizt durch den vorzeitigen Tod eines Orakels. Es kostete immer viel Zeit und Vorbereitung, um die Menschen dazu zu bringen, ein geeignetes neues Opfer auszuwählen und durch Rituale, die sie nie so recht verstehen würden, in die Höhle des Tores zu geleiten. Dort woben die beiden Schatten dann ihre Zauber, bis aus dem Opfer ein Orakel wurde.
Aber auch abgesehen von diesem unangenehmen Vorfall, war die Annahme des Königs richtig. Pamuk war schon immer ein selbstsüchtiger Egozentriker gewesen, der nur von wenigen seines Volkes geschätzt wurde.
Zur Antwort nickte Durza nur kurz. Was genau am Helgrind geschehen war, brauchte Galbatorix nicht zu wissen.
„Ich möchte, dass du in der Zeit, wo mein Heer und die Drachenlords im Süden beschäftigt sind, eine kleine Intrige einfädelst. Es soll so aussehen, als würden die Jünger der Heffna und des Kolus gemeinsame Sache mit den Verrätern im Süden machen, die unsere Versorgung bedrohen. Richte es so ein, dass diese beiden Orden in Ungnade fallen beim Volk. Wie du das anstellst, bleibt dir überlassen. Ich vertraue auf deine Fähigkeiten, mein Freund." Er nahm noch einen Schluck Wein, dann fasste er Durza am Ellenbogen und geleitete ihn langsam aber bestimmt zum Ausgang des Thronsaals. „Wie ich höre, hattest du einige… Probleme mit deiner Dienerin. Man munkelte da dunkle Dinge…"
Aha. „Ein Missverständnis, mein König. Das Mädchen ist nicht meine Dienerin, sondern eine Schülerin. Ich hatte sie angewiesen, in meiner Abwesenheit weiterhin zu studieren. Das führte offenbar zu einiger Verwirrung…"
„Eine Form der Verwirrung, die ich nicht geneigt bin, zu tolerieren." Der Blick des Königs wurde hart. „Offiziell ist sie deine Kammerdienerin. Ich will weder hören, dass der Hof sie für deine Gespielin hält, noch, dass man von deinen Unterweisungen erfährt. Wenn du sie ausbilden willst zu was auch immer, halte es geheim. Lady Marita hat ein recht lockeres Mundwerk, wie dir bereits aufgefallen sein dürfte! Sie hat dir das Mädchen geschenkt, also verärgere sie nicht! Ich darf ihren Einfluss noch nicht verlieren! WACHEN! Lord Durza möchte gehen…"
Gut. Das war ein klassischer Rauswurf. War ihm eigentlich eine Frist gesetzt worden, zu wann er die beiden größten Orden Alagaësias zu kompromittieren hatte? Durza schwirrte der Kopf. Eigentlich wollte Galbatorix sich doch zunächst nur an den Drachenreitern rächen und König von Broddring werden, um eine Rückkehr des Ordens zu verhindern. Oder hatte er da etwas missverstanden? Warum jetzt diese Großmachtpläne? Zur Sicherung des Reiches? Dazu würde ein schmaler Streifen an der Küste unter seiner Kontrolle an sich genügen. Wenn Feinster und Aruoghs besetzt wären, würde das doch die Versorgung sichern, wozu noch die Inseln und Kuasta erobern?
Dem Schatten schwante Übles. Und er sollte Recht behalten.
TBC
