Kurztrip ans Meer

Um sieben Uhr früh trugen die meist noch verschlafenen Mutanten ihre Taschen in den Blackbird, mit dem sie diesmal Reisen durften, Ausnahmsweise. Marie hatte drei Stunden geschlafen, bis die Träume der anderen sie wieder geweckt hatten. Nach einer langen ausgiebigen Dusche war sie hellwach und freute sich auf das Meer und ein paar entspannende Tage.

Das Haus war traumhaft. Rogue war vor einigen Jahren schon mal dort gewesen, doch irgendwie erschien es ihr nun noch ruhiger und abgeschiedener als früher. Zum Anwesen gehörte ein eigener Strandabschnitt, der beinah ihren Namen zu rufen schien. Der Professor hatte für alles gesorgt. Der Kühlschrank war prall gefüllt, Handtücher waren im Überfluss vorhanden und die einzelnen Schlafräume vorbereitet. Die anderen gingen sofort an den Strand hinunter, nachdem sie ihre Sachen in die Zimmer gebracht hatten, nur Rogue ging in die Küche und braute zuerst mal Kaffee auf. Als sie bald darauf auf die Terrasse mit einer dampfenden Tasse hinaustrat und es sich auf der Hollywoodschaukel bequem machte, war gerade eine Wasserschlacht im Gange. Remy, Bobby, John und Scott spritzten Jubilee, Kitty, Storm und Jean nass, als ginge es um ihr Leben. Nur Logan lag auf seinem Badetuch und sah dem Treiben zu und rief den Männern hin und wieder etwas zu, damit sie die Oberhand über die Frauen behielten.

Jean rief Rogue ihre Freundin in Gedanken. Wenn ihr euch zusammentut, könntet ihr…

Die rothaarige Ärztin hatte verstanden und nickte grinsend. Die acht Freunde hörten auf, als Jean ihnen die Idee von Marie gedanklich mitteilte. Auch sie schienen die Idee gut zu heißen, und machten sich an die Übeltat. Logan lag entspannt auf seinem Tuch und vermutete nichts Böses, als sich plötzlich Hände um seine Arme und Beine legten und ihn hochhoben. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, sich loszureißen, das wussten alle, doch er war gespannt, worauf sie hinaus wollten. Er knurrte laut auf, als sie mit ihm zum Meer liefen, und bevor er es sich versah, landete er auch schon im kühlen Nass. Mit Jeans und Shirt. Ein Gejohle und Lachen war weithin zu hören. Jubilee und Storm hielten sich den Bauch vor Lachen, während die anderen triumphierten, den großen Wolverine überlistet zu haben. Doch sie hatten offensichtlich nicht mit der schnellen Rache von ihm gerechnet. Denn einen Augenblick später hatte er auch schon Jubes, Kitty und Storm von den Füßen gefegt, und sie fanden sich im Wasser wieder. Bobby und Scott warfen sich auf ihn, doch ehe sie wussten was ihnen geschah, waren auch sie von oben bis unten nass. Das gleiche Schicksal erreichte John und Remy. Nur Jean hielt Logan mit ihren Fähigkeiten von sich fern. Leider hatte sie nicht mit Scott gerechnet, der sich von hinten angeschlichen hatte, und sie nun seinerseits ins Meer warf. Prustend und lachend tollten sie noch einige Zeit wie Kinder im Wasser herum.

Lächelnd trank Marie ihren Kaffee und sah ihnen zu. Das flaue Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich wieder, als sie sich bewusst wurde, dass sie nie an so einer ausgelassenen Badeschlacht teilnehmen konnte, außer sie würde ihren Ganzkörperschwimmanzug tragen. Wenn sie schwimmen ging, achtete sie darauf, dass niemand zu der Zeit im Pool des Mansion war, damit sie nicht laufend Angst haben musste, jemanden aus Versehen ins Koma zu befördern. Sie sah traurig an sich hinunter. Sie trug lange Jeans, ein Top ihre langen Handschuhe und einen durchsichtigen Schal und saß im Schatten. In der prallen Sonne würde sie vergehen in ihrem Outfit. Die einzige Freiheit, die sie sich gönnte, waren ihre Sandalen, an denen sie vor einiger Zeit nicht im Shoppingcenter vorbeigehen hatte können. Sie atmete tief durch und zwang sich an etwas anderes zu denken, doch Kitty tauchte plötzlich neben ihr auf. „Komm schon Rogue", lachte sie ihre Freundin herzlich an. „Rein ins Wasser mit dir, komm runter zu uns."

Klar ich komm runter und geh ins Wasser und ihr wartet inzwischen draußen, damit ja nichts passiert. Da fühl ich mich doch gleich besser, schoss es ihr durch den Kopf. Doch entgegen ihrer Gedanken sagte sie: „Nein danke Kitty. Ich bin heut wasserscheu", und zwinkerte ihr zu. „Später, ich brauch noch meine tägliche Frühkaffeeration." Die braunhaarige junge Frau gab sich anscheinend damit zufrieden und spazierte wieder zu den anderen. Rogue hatte wieder einmal ihre Gefühle hinter die der anderen angestellt. Sie wollte nicht, dass sich ihre Freundin schlecht fühlte, nur weil sie es gut gemeint und darüber vergessen hatte, was passieren könnte, wenn sie jemanden versehentlich berührte. Als sie wieder ihre Freunde von ihrem Schattenplatz aus beobachtete, bemerkte sie, dass Logan wohl einen Geruch aufgeschnappt hatte, so wie er schnupperte. Er tippte Storm auf die Schulter und flüsterte ihr etwas zu. Marie verfolgte das Geschehen durch ihre neue Sonnenbrille und sah, wie die beiden aufstanden und auf sie zukamen.

„Durch deine Adern muss ja schon Koffein pur fließen", grinste Storm, als sie sich setzte und sich auch eine Tasse einschenkte, die Marie zuvor mit heraus genommen hatte. Logan tat es ihr nach und ließ sich neben Rogue auf die Schaukel fallen, die auch gleich etwas schwankte.

Nach einer Weile gesellten sich auch die anderen zu ihnen und genossen den Kaffee.

Nach dem Mittagessen überredeten Bobby und Remy die anderen Volleyball zu spielen, obwohl Logan der Meinung war, dass das hier Erholung sein sollte und nicht Dauerbeschäftigung und Hitzeresistenzprüfungen. Alle waren in ihren Badeanzügen bis auf Logan, der nur eine Jeans, und Marie, die Jeans, Shirt und Handschuhe trug.

Rogue fühlte sich einiger Maßen sicher in ihrer Kleidung und so spielte sie ohne große emotionale Beeinträchtigung aber mit vollem Einsatz mit. Früher hatte sie Volleyball in der Schule gespielt und war sogar Kapitän gewesen.

„Na toll, jetzt hab ich wieder überall Sand", murmelte Marie, als sie nach einem Schmetterball im weichen weißen Sand landete und hinfiel. Die anderen krümmten sich vor Lachen, als sie sie schief angrinste und aufstehen wollte. Logan schnappte sich sie, warf sie sich über die Schulter und trabte mit ihr zum Wasser. „Lass mich sofort runter, Logan", schrie sie und wand sich auf seiner Schulter.

„Ich kümmer mich nur darum, dass der Sand weg kommt", grinste er, während die anderen ihn anfeuerten und hinter ihnen herliefen.

„Lass mich runter" rief sie wieder, konnte aber ihr Lachen nun nicht mehr verbergen. „Wag es nicht und wirf mich…" Sie trommelte mit ihren Händen auf seinen Hintern und schon lag sie im kalten Wasser. Ehe er es sich versah, hatte sie sofort einen Griff angewandt und er lag neben ihr im Meer.

„Gut gemacht, Rogue! Zeig's ihm" jubelten Jean und die anderen Frauen, und gleich darauf war die schönste Wasserschlacht im Gange. Ausgelassen tobten sie im Meer herum, bis Marie plötzlich das vertraute und gleichsam gehasste Gefühl ihrer Mutation fühlte. Ihr rechter Handschuh war heruntergerutscht, während Logan sie wieder ins Wasser zu tauchen versuchte und sie berührte. Reflexartig reagierend tauchte sie einige Meter von den anderen weg, um nicht auch noch andere in Gefahr zu bringen. Als sie weiter draußen auftauchte und sich umsah, erblickte sie ihn, wie er sich gerade schüttelte, als könnte er damit die Absorption abschütteln. Es waren nur einige Sekunden gewesen, doch reichte es, um einige seiner Gedanken aufzufangen. Noch einen Augenblick zuvor hatte sie Angst gehabt, was sie ihm diesmal angetan hatte, doch dann hörte sie seine Stimme in ihr. Jean sah wirklich gut in ihrem Bikini aus, das konnte sie nicht einmal bestreiten. Nach all den Jahren dachte er also noch immer an sie. An die hübsche perfekte Ärztin, die ihn mit einem Fingerschnippsen haben könnte, wenn sie nur wollte. Es tat unsagbar weh. Auch wenn sie sich dessen immer bewusst war, dass wohl niemand ihr das Wasser reichen konnte in seinen Augen, und er sie noch immer begehrte, obwohl er nie einen Schritt in diese Richtung machen würde. Dafür schätzte er seine Freundschaft zu Scott und Jean zu sehr. Ob er sich Jean vorstellte, wenn er mit anderen Frauen schlief? Marie wusste, dass er hin und wieder jemanden in einer Bar traf und anscheinend auch nichts anbrennen ließ. Er hatte seine Gelüste und auch wenn sie es noch so sehr schmerzte, das konnte sie ihm wirklich nicht vorhalten. I am not that girl, schoss ihr die Liedzeile durch den Kopf. Gedankenverloren starrte sie auf die andern, die näher am Strand standen und zu ihre sahen.

„Marie", hörte sie Logan rufen, „es ist alles in Ordnung."

Nichts war in Ordnung, verdammt noch Mal. Nichts, rein gar nichts. Sie hatte ihre Gefühle ihm gegenüber nicht unter Kontrolle. Ihr Herz raste und alles in ihr schien sich zu verkrampfen, als seine Gedankenfetzen in ihrem Kopf herumsausten. Jean… der Bikini… die perfekte Ärztin. Hör auf Rogue, schalt sie sich selbst. Du liebst sie doch wie eine Schwester. Sie kann nichts dafür, dass sie ist wie sie ist.

„Kommst du raus", fragte Storm, als Rogue sich nicht vom Fleck bewegt hatte. Sie waren nicht wegen des Unfalls erschrocken, sondern wegen ihrer Reaktion, oder weil sie eben nicht reagierte. Niemand konnte ahnen, was in ihr vorging. So lange war nichts geschehen, wieso gerade jetzt in den ersten freien Tagen die sie nun endlich hatten? Sie sahen zu wie Rogue sich im Wasser abstrampelte und ihnen dann ihre Jeans und Handschuhe zuwarf. Verblüfft fing Logan ihre Kleider auf. Was war nur los mit ihr? Ihre Mutation hatte kaum Effekt gezeigt an ihm. Er musste ihr sagen, dass alles in Ordnung war. Er musste sie umarmen, sie bei sich fühlen. Er musste wissen, dass es ihr gut ging. Er musste sie wissen lassen, dass es nicht ihre Schuld gewesen war.

„Marie", fragte Storm nun wieder. Die andern nannten Marie nur selten bei ihrem wirklichen Namen, nur wenn sie sich ernsthafte Sorgen um sie machten.

„Ich schwimm noch eine Runde, wenn ich schon mal drin bin", zwang sich Rogue zu einem Lächeln, winkte ihnen kurz zu und schwamm Zug um Zug immer weiter von ihnen weg. Scott hielt Logan zurück, der ihr nach wollte. „Nicht, lass ihr ein paar Minuten."

Widerwillig ging er mit den anderen zum Haus zurück, aber ließ Marie nicht eine Sekunde aus seinen Augen, als hätte er Angst sie würde jeden Moment verschwinden.

„Ich hol sie da jetzt raus", grummelte Logan nach einiger Zeit.

„Bleib hier, Logan. Es muss wie ein Schock gewesen sein für sie nach all den Jahren, in denen sie sich erfolgreich vor einem solchen Zwischenfall geschützt hatte", erwiderte Storm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Es war meine Schuld, ich hätte sie nicht…" murmelte er und fuhr sich durch die Haare.

„Nein war es nicht. Du wolltest genauso wie wir anderen ihr einen normalen Ausflug geben. Es war einfach ein blöder Zufall", entgegnete Jean nun, und die anderen nickten zustimmend. In diesem Moment wurde allen wieder bewusst, wie schwer es für Rogue sein musste, mit anderen „normalen" Mutanten ihr Leben zu verbringen. Jeden Tag aufs Neue musste sie auf der Hut sein, um nicht jemanden zu verletzten.

Marie schwamm Meter um Meter. Erst als sie den Schmerz langsam der Müdigkeit weichen spürte, kehrte sie um, zurück in Richtung Strand. Gott sei Dank war ihre Schulter wieder voll belastbar, ansonsten hätte sie wohl nicht so weit schwimmen können.

Als sie zum Strand kam, fiel ihr plötzlich ein, dass sie nur in ihrem Top und ihrem Slip geschwommen war. Sie blickte kurz auf, um zu sehen, ob die anderen noch da waren, doch konnte nur Logan erkennen, der auf dem Geländer der Terrasse saß und zu ihr hin sah. Sie atmete tief durch und stand langsam auf. Es war früh am Abend und ein frischer Wind wehte um ihren nassen Körper, also schlang sie ihre Arme um sich, um sich einerseits ein wenig vor der Kälte zu schützen und andererseits davor, dass sie nicht gerade viel anhatte. Sobald Logan sie gesehen hatte, sprang er vom Geländer in den weichen Sand mit einem Badetuch in der Hand und kam zu ihr. Atmen Rogue, atmen, erinnerte sie sich selbst, als sie ihn sah. Ohne zu zögern und ohne ein Wort zu sagen, schlang er das Tuch um sie, vorsichtig darauf bedacht ihre Haut nicht zu berühren.

„Wo sind die anderen", fragte sie leise, als sie zusammen zurück zum Haus gingen.
„Kochen das Abendessen", antwortete er mit rauer Stimme. „Es tut…"

„Ich zieh mich mal schnell um. Bin gleich wieder da", unterbrach sie ihn lächelnd und versuchte locker und unbefangen zu klingen.

Während sie duschte und sich umzog, zwang sie sich nicht über Logan und Jean nachzudenken. Die beiden konnten schließlich nichts für ihre Gefühle. Das war einzig und allein ihr Problem mit dem sie umgehen musste. Sie konnte es die letzten Jahre und würde es auch jetzt wieder können.

Als Scott beim Abendessen den Vorfall anschneiden wollte, gab sich Rogue betont locker, was die Stimmung der anderen sofort hob. Sie würde sich nicht unterkriegen lassen, nicht davon und auch nicht von ihren Gefühlen Logan gegenüber.

Nachdem sie den Abwasch gemacht hatten, verzogen sich Scott und Jean in ihr Zimmer, während Remy, Jubilee, Bobby und Kitty in die nah gelegene Stadt gingen, um die Clubs unsicher zu machen. Rogue lehnte ihre Einladung dankend ab, genauso wie Storm. Logan war nirgends zu finden.

„Alles ok mit dir", fragte Ro ihre Freundin, als sie zusammen auf der Terrasse saßen und gemütlich eine Flasche Wein tranken.

„Ja, alles ok", antwortete diese und lächelte ihr aufmunternd zu. „Musste wohl mal wieder passieren. Es ging schon zu lange gut."

Ororo sah sie mitfühlend an und legte einen Arm um sie. „Manchmal vergessen wir einfach, dass es für dich anders ist als für uns mit anderen umzugehen."

„Gut. Ich will auch nicht, dass ihr euch laufend darüber Gedanken macht", erwiderte Rogue und nahm einen Schluck von ihrem Glas. „Ich komm damit klar. Ich denke, ich hab in den letzten Jahren einen guten Job gemacht."

„Das hast du, Marie, das hast du", stimmte ihr Ro zu und drückte sie an sich.

„Vermisst du Hank?"

„Ja. Auch wenn es kitschig klingt. Ich vermisse ihn, wenn ich in einen Tag nicht sehe", antwortete ihre Freundin wahrheitsgemäß.

„Das versteh ich."

„Ich hab ihn vorhin nicht erreicht, als ich angerufen habe. Wahrscheinlich ist er mit Xavier in einer Partie Schach so vertieft, dass keiner der beiden auch nur irgendetwas in ihrer Umgebung wahrnimmt", lächelte Storm.

„Das kann bei denen gut sein", grinste Marie.

„Ich bin total ko. Ausspannen ist anstrengender als ich dachte", sagte die weißhaarige hübsche Frau. „Ich werd schlafen gehen und meinen Mann morgen früh aus den Träumen reißen."

„Mach das", lachte Rogue und wünschte ihr eine gute Nacht.

„Es tut mir leid", sagte plötzlich eine Stimme neben ihr, und als sie aufsah, erblickte sie Logan, der an der Hausmauer lehnte. Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Mir tut es leid, Logan." Er tat ein paar Schritte auf sie zu und nahm neben ihr Platz.

„Hast du viel von mir abbekommen", fragte er besorgt und tippte ihr kurz an die Schläfe, die von ihren Haaren geschützt war vor Hautkontakt.

„Nein, so gut wie nichts", log sie tapfer und sah ihn an. „Es war ein Unfall."

„Der nicht hätte sein müssen", erwiderte er.

„Logan, ich will jetzt nicht darüber streiten", murmelte sie müde.

„Ich will doch nur…" begann er, doch sie fiel ihm ins Wort: „Ich weiß, ich soll ein normales Leben führen. Aber weißt du was? Ein normales Leben wird für mich nie möglich sein. Für keinen von uns. Es ist so lange gut gegangen. Es musste wohl mal so kommen. Ich bin nur froh, dass ich dir nicht zu wehgetan hab." Ihre Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

„Du könntest mir nie wehtun, nicht so", lautete seine einfache Antwort, und er zog sie an sich.