Kapitel 10: Das Auge des Nordens


Gunnar kaute an dem Dolyak-Dörrfleisch, doch er konnte keinen Unterschied zu einem Lederriemen feststellen. Es sah aus wie Leder, es schmeckte wie Leder und es war auch mindestens so zäh wie Leder. "Das soll Dolyak sein? Also gebraten schmecken die mir besser..."
"Was habt Ihr erwartet, Gunnar?" fragte Kento, der gerade einen Bissen von dem zähen Fleisch nahm. Er war die Wachsamen-Rationen gewohnt.
"Orrianisches Trüffel-Steak?"
"Verdammt, was würde ich jetzt für ein saftiges Steak tun... Wenn wir wenigstens etwas Gewürz da hätten, dann würd ich das Zeug vielleicht runter bekommen." brummte Raegar. "Frag doch meinen Bruder nach diesem Feuer-Pulver da, vielleicht hilft das ja." schlug Gunnar vor.
"Muskelprotz, ich hab Leute von der Blut-Legion gekannt, die waren dümmer als du. Aber keiner von diesen Hohlbirnen wäre jemals auf die Idee gekommen, Feuerelementar-Pulver zu fressen! Nichts für ungut. Aber wo steckt dein Bruder denn überhaupt?"
"Das fragst du mich? Er hat irgendwas von einem Ofen gefaselt und dem Erz, das wir da vorhin gefunden haben. Das hätte nicht mal für einen Dolch gereicht, das bisschen."
Brinjolf verarbeitete "das bisschen Erz" in einem der Öfen an der Wand, den er mit einem gewissen Pulver etwas angefacht hatte, um die Temperatur eines Schmelzofens zu erreichen. Er goss das flüssige Metall in eine Form, in deren Mitte der feuerrote Stein saß, den er bei sich trug. Er trug ihn jedoch nie um den Hals, da diesen eine Rabenfeder an einem Lederband schmückte. Er sah zu Rabe auf, da dieser den Wert des Verstandes wie kein zweiter Geist der Wildnis zu schätzen wusste. Natürlich war sein Vater ein Schamane des Wolfs gewesen, doch die Norn sahen alle Geister der Wildnis als gleichberechtigt an, auch wenn es sowohl stärkere als auch schwächere unter ihnen gab. Manchmal jedoch kreuzten sich die Wege eines Norn mit einem bestimmten Geist öfter als mit den anderen. Brinjolf hatte Visionen. Rabe erlegte ihm manchmal in seinen Träumen Rätsel auf, die Ereignisse der Zukunft enthüllen konnten. Doch der letzte Traum war lange her. Er hatte ihm gezeigt, dass er in den Fernen Zittergipfeln sein würde. Und dass er dort vielleicht den Tod finden würde. Aber jemand hatte ihn gerettet. Jemand, bei dem er sich bedanken wollte. "He, Brinjolf, bist du etwa unter die Handwerker gegangen?" fragte Ysmir, der auf ihn zu kam.
"Morgen, Ysmir! Könnte man so sagen. Es ist... ein Geschenk." sagte Brinjolf leise. Ysmir zog die Brauen hoch. "Ein Geschenk? Hat Gunnar etwa Geburtstag?"
"Ha, gut geraten, mein Freund. Aber nein, es ist nicht für ihn. Es ist ein Dank."
Ysmir ließ den Blick unauffällig über die anderen schweifen, um die Person ausfindig zu machen, der Brinjolfs Dank gebührte. Cahirah saß zusammen mit Flaxx und Aela in der Nähe des zerstörten Asura-Portals. Er nickte schweigend, als Zeichen, dass er Brinjolf verstanden hatte. "Keine Sorge, das bleibt unter uns. He, das sieht wirklich hübsch aus. Gute Arbeit!"
Brinjolf hatte mit seiner Magie beim Abkühlen des Metalls etwas nachgeholfen. Das Amulett sah wirklich hochwertig aus, dafür, dass es unter bescheidenen Umständen gefertigt wurde. Der feuerrote Stein pulsierte zwischen dem verzierten Orichalcum-Rahmen, doch es war noch nicht ganz fertig. "Die Kette fehlt. Leider hat das Erz nicht ganz dafür gereicht..." seufzte Brinjolf. Ysmir trug ebenfalls ein Amulett. Er nahm es ab und hielt es Brinjolf hin.
"Meine Kette ist eh viel zu lang. Vielleicht kannst du sie ja etwas kürzen. Es sollte für ihren dünnen Hals sicher reichen." flüsterte er und gab dem Magier das Amulett, der es dankend annahm. "Fertig. Tausend Dank, Ysmir." sagte Brinjolf und klopfte Ysmir freundschaftlich auf die Schulter.
"Keine Ursache, Brinjolf. Also, worauf wartest du? Gib es ihr." drängte er und stupste ihn mit dem Ellbogen an. Brinjolf zögerte und starrte das Amulett in seiner Hand an. "Nein, ich... es ist zu früh." Er steckte das Amulett zurück in eine der Taschen an seiner Robe. "Vielleicht nimmt sie es falsch auf."
Ysmir verdrehte enttäuscht die Augen. "Ja genau, red dir das nur ein. Du traust dich nicht."
"Das macht es auch nicht viel besser. Verdammt, Ysmir." fluchte Brinjolf und trat mit dem Fuß gegen den Boden.
"He, immer langsam. So war das nicht gemeint, Brinjolf." sagte Ysmir aufmunternd. "Du hast recht, manchmal muss man den richtigen Moment abwarten. Ich weiß noch, als ich Sif damals diesen Bogen schenken wollte. Ich habe eine alte Bekannte bei den Wachsamen gefragt, Vanhe. Sie ist die Tochter vom alten Beigarth, also versteht sie ihr Handwerk. Es war ein wirklich hübsches Stück, das kannst du mir glauben, auch wenn ich nicht viel von Bögen versteh. Ich habe ihn Wochen lang aufbewahrt, weil ich nie wusste, ob die richtige Zeit gekommen war. Wir kannten uns natürlich schon seit einigen Monaten und waren schon fast mehr als nur Freunde. Dann eines Morgens wollte ich es endlich hinter mich bringen und ihr den Bogen überreichen. Da war das verdammte Ding plötzlich weg! Ich musste ihn irgendwo hingelegt haben. Ich habe ewig danach gesucht und dabei die Mission ganz vergessen, auf die wir beide geschickt wurden. Sif kam am Abend zu mir, wütend wie eine Furie, weil ihr Bogen zudem noch auf der Mission zerbrochen ist. Und da kam ich mit einem neuen, wundervollen Bogen, den ich nur für sie anfertigen ließ. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie glücklich sie darüber war! Was ich damit sagen will: Du wirst wissen, wann die Zeit reif ist. Obwohl, ich muss schon sagen... sie starrt dich in letzter Zeit ständig an, wenn du gerade nicht hinguckst."
"Was? Das bildest du dir ein." erwiderte Brinjolf.
"Das ist mein voller Ernst. Tu nicht so, du schaust ihr auch die ganze Zeit nach. Keine Sorge. Ich glaube, sie mag dich auch. Ihr passt gut zusammen." sagte Ysmir, klopfte Brinjolf auf den Rücken und ließ ihn wieder alleine, um die Truppe zum Aufbruch zu sammeln. Brinjolf sah zu Cahirah hinüber und ihre Blicke trafen sich kurz. Sie lächelte nervös und drehte sich dann wieder sofort zu Aela um, mit der sie gerade gesprochen hatte. Diese flüsterte ihr mit einem Schmunzeln etwas ins Ohr. Die Sylvari sah sie entsetzt an und starrte dann verlegen auf den Boden. Flaxx musste ebenfalls kichern, was sie bisher noch nie getan hatte. Die Asura schien den ganzen Morgen bereits ungewohnt gesprächig und gut gelaunt zu sein. Offenbar hatte sie ihren Verlust gut verkraftet.
Brinjolf vergrub das Gesicht in den Handflächen, weil er den Anblick der tuschelnden Weiber nicht länger vor Augen haben wollte. Er wusste genau, worüber sie tuschelten und kicherten. "He, Brüderchen. Du hast doch bestimmt Hunger. Hier, ich hab dir was übrig gelassen." sagte Gunnar, der sich neben seinen Bruder setzte und ihm einen angekauten Streifen Dörrfleisch anbot. Brinjolf nahm ihn, biss ein Stück davon ab und hielt ihm wieder Gunnar hin, der ihn verdutzt ansah. Er wunderte sich weniger über das Verhalten seines Bruders, sondern eher darüber, dass er wortlos auf dem Fleisch herum kaute und es ohne mit der Wimper zu zucken hinunter schluckte. Er nahm auch einen Bissen davon, doch er musste da Fleisch gewaltvoll hinunter würgen.
"Bäh. Je mehr man davon isst, desto schlimmer wird es!" meckerte er. "Mhm." antwortete Brinjolf.
"Sag ja nicht, dass dir das auch noch schmeckt! Du kannst meine Ration gerne haben, wenn du willst."
"Danke." sagte Brinjolf monoton und nahm einen weiteren, lustlosen Bissen von der Köstlichkeit.
"Bist du krank?" fragte Gunnar etwas besorgt. Ansonsten konnte er sich nicht erklären, wie Brinjolf diesen scheußlichen Fraß von einem vermutlich bereits in die Jahre gekommenen Dolyak essen konnte. "Nein." antwortete er gelangweilt. "Ich bin gesund. Aber nicht mehr lange bei dem Essen..." seufzte er. Gunnar lachte erleichtert.
"Na bitte, ich wusste es doch. Niemand mag verschrumpeltes Dolyak." sagte er und ging wieder zu Kento und Raegar.
"Seht ihr, ich hab's euch doch gesagt. Es gibt keinem, den dieser Mist schmeckt. Nicht einmal Schnee wollte was davon."
"Was ist mit dem Kodan? Er steht die ganze Zeit da hinten am Eingang rum und bewegt sich nicht einmal." sagte Raegar leise und schaute zu ihm hinüber.
"Meint ihr, er muss überhaupt noch essen und trinken? Nach dem, was die... mit ihm gemacht haben?"
"Ich glaube schon." antwortete Kento nachdenklich. "Er scheint noch klar bei Verstand zu sein. Vielleicht ist die Verderbtheit nur äußerlich."
"Hm, ich weiß nicht. Es fängt immer unscheinlich an. Ein Dröhnen im Kopf, ein Flüstern, bis man den Verstand verliert. Und dann, zack – Drachendiener. Bei den Sylvari war es genau das selbe."
"Und trotzdem haben sich viele dem Drachen widersetzt. Mordremoth ist tot. Sie sind frei."
"Daran zweifle nich nicht. Aber wie es bei Jormag ist, wissen wir nicht. Vielleicht ist der Kodan eine tickende Zeitbombe. Vielleicht sind wir alle das. Vielleicht ist niemand vor seinem Ruf sicher."
"Hör auf, du machst Gunnar noch Angst." scherzte Kento. Tatsächlich zitterte dessen Hand, in der er noch immer den halb gegessenen Streifen Dörrfleisch hielt. Doch er ließ sich nichts anmerken. "Ach was, soll der Drache doch reden, wie er will. Wir bringen ihn schon noch zum Schweigen!"
"Ha! Siehst du, Ken? Muskelprotz hat vor gar nichts Angst." sagte Raegar stolz. "Noch nicht einmal vor Jormag. Ich wette, die Schlange macht sich in die Schuppen vor Angst, wenn Gunnar brüllend auf sie zugerannt kommt!"
"Ich finde, ihr könntet die Sache etwas ernster sehen." sagte Ysmir, der sich zur Gruppe gesellte.
"Ach, sei doch kein Griesgram." murmelte der Charr. "Immer positiv denken, hat mal eine Asura-Freundin zu mir gesagt. Selbst, wenn mal einer deiner Pläne kräftig nach hinten los geht."
"Ich meine ja nur. Wir haben ja alle gesehen, was Jormag anrichten kann. Was, wenn wirklich jemand von uns verdorben wird? Ewiges Eis hat mir gesagt, dass er noch immer Jormags Ruf ganz leise hören kann. Er hat gesagt, wir sollen das Schlimmste verhindern, wenn er ihm erliegt."
Raegar schluckte. "Ich wusste es, eine Zeitbombe... Der Kerl tut mir leid."
"Mir auch." sagte Ysmir. "Aber ich werde seinem Wunsch nachkommen, wenn ich muss. Ich will euch nicht die Laune verderben, aber falls jemand von uns... Anzeichen zeigt, dass er Jormag erliegt, dann müssen wir tun, was notwendig ist. Das gilt für uns alle." stellte Ysmir klar, auch wenn es ihm nur schwer über die Lippen ging. Kento wurde nachdenklich. "Wir sollten nichts überstürzen. Wenn ich mich recht entsinne, verdirbt Jormag seine Opfer nur langsam. Solange sie noch nicht zur Eisbrut geworden sind, kann man sie noch immer vor seinem Einfluss schützen. Es gibt Svanir, die dem Drachen abgeschworen haben. Was die Eisbrut angeht..."
"Das stimmt." sagte Gunnar. "Ich kenne jemanden, der den Svanir abgeschworen hat. Er hat gesehen, wie jemand von einem Schamanen in Eisbrut verwandelt wurde. Das hat ihm gereicht."
Brinjolf war ebenfalls schweigend zu ihnen heran getreten, nachdem er ihnen einige Zeit zugehört hatte. "Je länger man Jormags Ruf ausgesetzt ist, desto schwieriger wird es, ihm zu widerstehen." warf er ein. "Wer ihn akzeptiert, der wird nach und nach verdorben, bis er nur noch eine leere Hülle aus Eis ist. Das passiert früher oder später mit allen, die sich nicht von seinem Ruf losreißen. Wenn man einmal seinem Einfluss ausgesetzt ist, muss die Verbindung zwischen dem Geist und Jormag aufgehoben werden, sonst verliert man früher oder später den Verstand. Und verwandelt sich. "
"Du kennst dich gut aus, Brinjolf." sagte Ysmir. "Es reicht nicht aus, Jormag einfach zu ignorieren und seinen Lügen keine Beachtung zu schenken. Man muss seinen Einfluss bezwingen und ihn aus seinem Kopf vertreiben. Aber ich glaube fest daran, dass das jeder von uns schaffen wird."
Sif kam gemeinsam mit Schnee von draußen herein und lief einfach an Ewiges Eis vorbei, der vor dem Eingang Wache hielt. "Ich habe eine Gruppe Svanir erwischt. Sie schienen nach etwas gesucht zu haben, vielleicht nach uns." berichtete sie aufgeregt. Ysmir fluchte. "Wie viele waren es? Und wo sind sie?"
"Drei. Unter der Erde. Sie waren tot, bevor sie mich überhaupt erst bemerken konnten."
"Unter der Erde? Hast du sie etwa gleich begraben?" fragte Gunnar.
"Ist das dein Ernst oder versuchst du nur wieder, lustig zu sein? Und hör auf, Schnee diesen Fraß hin zu halten!" zischte sie und nahm ihm das Dörrfleisch aus der Hand, bevor sie es in den Ofen an der Wand warf, in dem Brinjolf sein Amulett geschmiedet hatte. Gunnar sah sie begeistert an. "Du bist genial, Sif!"
"Was? Ich meine, natürlich bin ich das."
"Vielleicht schmeckt das Zeug ja, wenn man es eine Weile im Ofen backt!"
"Mir doch egal. Wir haben größere Probleme als dürftiges Essen, Gunnar."
Ysmir nickte zustimmend. "Wir sollten schnell aufbrechen, bevor noch mehr Svanir auftauchen."

"Also, was weißt du noch so über die Fernen Zittergipfel, Cahirah?" fragte Aela gespannt. Die Sylvari grübelte, da sie schon das spannenste erzählt hatte. "Die Ebon-Vorhut hatte das Auge des Nordens zu ihrem Stützpunkt in den Fernen Zittegipfeln gemacht. Eigentlich war ihr Ziel noch immer, den Charr in den Rücken zu fallen und somit den Krieg zu gewinnen. Dieses Ziel änderte sich jedoch, als die Zerstörer auftauchten. Einige Helden formten eine Allianz mit den Norn, den Asura an der Oberfläche, den Zwergen und sogar einigen Charr." erzählte sie.
"Ja, ich kenne die Geschichte. Vekk war der Asura, der die Allianz in die Wege geleitet hat. Leider erinnern sich nur noch wenige an ihn." fügte Flaxx hinzu. "Genie wird bei uns oft mehr geschätzt als Tapferkeit, auch wenn für mich beides zählt, wenn ihr mich fragt."
"Finde ich auch. Was nützen einem Muskeln, wenn man kein Hirn hat?" antwortete Aela.
"Ich hoffe doch, du spielst damit nicht auf einen unserer Gefährten an." flüsterte Flaxx ihr ins Ohr.
"Nein, nicht doch. Gunnar ist ein guter Kerl. Er handelt manchmal vorschnell, aber das macht ihn noch lange nicht dumm. Dafür hat er außerdem ja Brinjolf. Aber zurück zum Auge des Nordens. Ogden Steinheiler hat einmal davon erzählt. Er hatte die Allianz erst vorgeschlagen und war selbst dabei, als der Große Zerstörer besiegt wurde. Zusammen mit Jora..."
"All diese großen Helden... Ich frage mich, was wohl gewesen wäre, wenn noch alle von ihnen leben würden." seufzte Cahirah. "Vielleicht würden wir jetzt gemeinsam mit ihnen gegen die Altdrachen kämpfen."
"Tja, leider kann nicht jeder zu Stein werden so wie der alte Ogden. Ist vielleicht auch besser so." meinte Aela. Sie bemerkte, wie Raegar auf sie zu kam.
"Genug gequatscht, Mädels. Zeit, dass wir aufbrechen!" rief er. "Ach, und bevor ich's vergesse, ich wollte Euch noch was fragen, Kleines." sagte er zu Flaxx, die aufsprang und ihn verärgert ansah. "Schon gut, tut mir leid. Aber ich kann mir Euren Namen einfach nicht merken." gestand der Charr.
"Es ist eine einzige Silbe! Flaxx! Was gibt es da groß zu merken?" fragte sie entrüstet.
"Die ganze Sache gestern hat mich einfach verwirrt. Ich kannte auch mal diese Zwillinge, die konnte ich nie auseinander halten." erzählte er, bevor er inne hielt, als er merkte, dass Flaxx plötzlich schweigend den Kopf hängen ließ. "Ach, verdammt, ich hätte nicht..." fluchte er leise. Er wollte sich entschuldigen, aber er hatte Angst, wieder etwas Falsches zu sagen. "Schon gut." sagte Flaxx schwermütig. "Was wolltet Ihr mich fragen, Raegar?"
Raegar war sichtlich erleichtert. "Das Ding da hinten an der Wand. Das sieht aus wie ein Asura-Portal, oder irre ich mich da?" fragte er und zeigte auf das vermeintliche Portal. Flaxx nickte. "Ziemlich alt. Solche Portale verwenden wir seit fast einem Jahrhundert nicht mehr. Allein der Rahmen taugt zu nichts, selbst wenn er noch vollständig wäre. Allein die Energieeffizienz -"
"Ich habe mich eigentlich gefragt, ob man es reparieren könnte." unterbrach sie der Charr.
"Ich kennen niemanden, der das könnte. Es wäre schon möglich, aber die Energiekosten wären enorm. Außerdem wissen wir nicht, auf welchen Ort es eingestimmt wurde. Womöglich landen wir irgendwo in den Tiefen von Tyria inmitten einer Horde von Zerstörern. Aber ich frage mich, wer oder was es zerstört hat."
"Es wurde gezielt gesprengt. Muss verdammt lange her gewesen sein, also war es vermutlich bereits kaputt als die Inquestur hier eingetroffen ist."
"Vermutlich war es Teil unseres alten Netzwerks. Es wurde mit der Magie betrieben, die Primordus im Schlaf absonderte. Das heißt, das Ding ist jetzt völlig nutzlos. Vermutlich wurde es zerstört, um die Zerstörer aufzuhalten."
"Zu schade. Das hätte unser Rückweg sein können. Alles ist besser als dieser verdammte Gletscherpass!" murrte der Charr.
"Glaubt mir, der Rückweg wird unsere geringste Sorge sein..." entgegnete Flaxx.
"Wir haben momentan ganz andere Sorgen. Unser neuer Kodan-Freund scheint unruhig zu sein." bemerkte Aela. Ewiges Eis hielt die Waffe fest in den Händen und winkte die anderen zu sich her.
"Was ist? Svanir?" fragte Ysmir. Ewiges Eis schüttelte den Kopf. "Eisbrut. Dort hinten, auf der andern Seite der Schlucht." sagte er und zeigte mit dem eisbedeckten Finger. Es war eine Gruppe von etwa zehn verdorbenen Eis-Elementaren. Doch inmitten der Elementare lief eine riesige, drachenartige Gestalt. Sie kroch vielmehr mit mehreren seitlich aus dem Körper ragenden Füßen über den Schnee. Ysmir hatte noch nie so eine Kreatur gesehen. "Was ist das für ein Ding? Eine Art Champion von Jormag?" fragte er nervös.
"Nein." antwortet Cahirah. Sie hatte sich über die Kreaturen der Fernen Zittergipfel informiert und erkannte dieses Biest. "Sie werden Lawinen genannt. Es sind größere Elementare, die nur in den Fernen Zittergipfeln vorkommen. Sie wurden offensichtlich von Jormag verdorben." erklärte die Sylvari.
"Ihr überrascht mich immer wieder." gestand Ysmir. Die Sylvari lächelte und zuckte mit den Schultern. "Nun, ich... gebe mein Bestes."
"Und wie kommt man den Dingern am besten bei?" fragte Sif, während sie bereits nach einer Stelle an der Kreatur suchte, die besonders verwundbar aussah. Brinjolf beantwortet ihre Frage. "Feuer." Er entzündete eine kleine Flamme in seiner Handfläche.
"Richtig, Feuer." bestätigte Cahirah und lächelte Brinjolf entgegen. Er lächelte unbeholfen zurück und ließ dabei die Flamme außer Augen, mit der er beinahe Raegars Fell angekokelt hätte. "Pass auf, sonst fackelst du noch uns ab!"
"Tut mir leid, Raegar."
"Schon gut. Du bist Feuer und Flamme für sie, hm?" flüsterte er ihm zu. Leider laut genug, dass fast jeder es hören konnte. Es herrschte eine kurze, peinliche Stille voller Fremdscham. "Fackeln wir nicht lange, sondern erledigen wir das Ding." schlug Sif vor und tunkte ihre Pfeile in Öl.
"Brinjolf, wärst du so freundlich? Aber konzentrier dich, bitte."
Brinjolf entzündete ihre Pfeile, woraufhin sie die erste brennende Salve auf die Lawine abfeuerte. Leider traf sie nur mit dem ersten Pfeil, da die anderen kleinen Elementare sich schützend vor das Monster warfen. Sie erwiderten das Feuer mit einem Schauer Eisspeere, die Aela jedoch rechtzeitig reflektierte und somit den ersten Gegner zu Fall brachte. Ysmir, Gunnar, Kento und Ewiges Eis stürmten los und suchten gelegentlich zwischen den Bäumen Deckung vor dem Sperrfeuer der Elementare, da es ein gutes Stück bis zu der Stelle war, wo sie die Schlucht überqueren konnten. Die Fernkämpfer fingen bereits an, die Schar der Elementare etwas auszudünnen, doch als die Lawine einen schrillen, ohrenbetäubenden Schrei ausstieß, kamen bereits die nächsten Eisbrut-Elementare. Gunnar sah, wie Brinjolf mit seiner Feuermagie ihre Reihen nahezu im Alleingang lichtete. Er sprintete los, um noch rechtzeitig auf der anderen Seite der Schlucht zu sein, bevor der Kampf vorüber war. Nach ein paar Metern stolperte er jedoch, weil unter ihm plötzlich der Boden zu Beben begann. Auch die andere spührten, wie sich plötzlich der Schnee unter ihnen wölbte. Vor Gunnar kam ein sechs Meter hoher Eiswurm aus der Erde gebrochen und bäumte sich vor ihm auf. Der Wurm riss das geifernde Maul auf und brüllte Gunnar an, der sich angewidert den Speichel aus dem Gesicht wischte und auf den Wurm einschlug. Dieser schnellte jedoch nach vorne und schlug Gunnar mit seinem Körper einfach zurück wie ein Rammbock. Ysmir packte Gunnar gerade rechtzeitig, bevor er die Schlucht hinab fallen konnte und half ihm auf. Plötzlich brach ein weiterer, etwas kleinerer Wurm aus dem Schnee hervor. Und noch einer. Anscheinend hatten sie ein ganzes Wurmnest aufgescheucht. Die Lawine auf der anderen Seite der Schlucht wurde noch immer unter Beschuss genommen, doch sie wehrte sich noch immer. Sie hüllte die Angreifer in dichten, eisigen Dunst, der ihnen beinahe die Luft abstellte. Cahirahs Hände zitterten und sie konnte kaum noch einen Zauber wirken. Brinjolf absorbierte die Flammen, die er für den Angriff genutzt hatte, und entlud ihre Energie in einer Welle, die den Dunst aufhob und seine Kameraden wieder aufwärmte. Doch ihn erwischte ein Speer aus Eis an seinem Arm, der einen blutigen Schnitt zurückließ. Cahirah wollte ihm sofort helfen, doch er versicherte ihr, dass es nur ein Kratzer war. Denn nächsten Angriff lenkte er wütend auf das Elementar zurück, dass beim Treffer in seine Einzelteile zerfiel. Raegar hatte eine Idee, wie sie die Lawine ausschalten konnten.
"He, Wächterin! Deck meine Flanke, dann bereite ich eine nette Überraschung für das Biest vor!" rief er zu Aela.
"Ich habe einen Namen!" rief sie etwas beleidigt zurück, doch sie schützte den Ingenieur mit einer magischen Kuppel.
"Ich weiß, ich weiß, 'tschuldige. Spitznamen kann ich mir besser merken. Gefällt dir Schutzengel?"
Bevor er eine Antwort erhalten konnte, schleuderte er eine Granate über die andere Seite der Schlucht, der Bestie direkt an den Kopf. Die Lawine brüllte zornig und ließ den Schnee unter Raegars Füßen wallen, um ihn darunter zu begraben. Dieser verlor fast das Gleichgewicht, doch Aela ließ die Kuppel zusammenbrechen und verlieh ihm dadurch etwas Halt mit der restlichen Magie. Er schlug auf einen seiner Stiefel, und plötzlich flog er ein Stück durch die Luft und landete sanft neben Aela einige Meter weiter rechts. Er bedankte sich bei ihr, worauf sie ihm jedoch noch einmal darüber in Kenntnis setzte, dass ihr Name "Aela" und nicht "Schutzengel" war.
"Warum lebt das Ding noch?" brüllte Sif zornig, da ihre Pfeile gegen die Lawine kaum etwas ausgerichtet hatten. "He, Raegar! Wenn das schon wieder ein Blindgänger war, schuldest du mir zehn Gold!"
"Pech und Schwefel! Immer muss man nachhelfen bei diesen verdammten Dingern!" knurrte er und zielte auf die nicht explodierte Granate. Sein Zielauge war nicht mehr das beste, doch dafür trug er ein Gerät, das an ein Monokel erinnerte. Er drehte leicht daran und erfasste den Blindgänger. Durch den Schuss brachte er ihn zur Explosion und sprengte die Lawine damit in Stücke.
Ysmir und die anderen Krieger hatten die Würmer fast vertrieben, doch sie zogen sich immer wieder zurück und tauchten Augenblicke später wieder an anderer Stelle auf. Als Kento jedoch den Kopf der Wurm-Mutter abtrennte, nachdem er sie fast mühelos alleine bekämpft hatte, zogen sie sich endgültig zurück. Vielleicht auch, weil sie den Knall hörten, der auch Ysmir herumwirbeln ließ. Er sah, wie die Lawine in Stücke aus Schnee und Eis zerfetzt wurde. Er sah zu Raegar und den anderen Fernkämpfern hinüber, die triumphierend jubelten. Er wollte die Waffe wegstecken und zu ihnen hinüber rufen, doch da hörte er ein leises, schnell lauter werdendes Grummeln. Der Knall der Explosion hatte die Schneemassen auf dem Berg, der auf der anderen Seite der Schlucht lag, in Bewegung versetzt. Die Kreatur, die laut Cahirah als Lawine bekannt waren, war zwar tot, doch wie es schien hatte der Ingenieur eine tatsächliche Lawine ausgelöst. Zu ihrem Glück trennte die Schlucht sie von der weißen Gefahr, die den Hügel hinab raste und alles unter sich begrub. Wären sie bereits auf er anderen Seite gewesen, hätte die Lawine sie in die Schlucht hinab gerissen. Die Fernkämpfer schlossen zu den anderen auf, und Raegar machte sich auf eine wütende Zurechtweißung durch Ysmir gefasst, der ihn bereits vielsagend anstarrte. "War das wirklich nötig?"
"Ja, ich... also nein, eigentlich hatte ich mit einem kleineren Knall gerechnet." sagte er kleinlaut.
"Das meinte ich gar nicht. Ich meinte, dass du dieses Ding da zum Zielen brauchst. Was, wenn es mal ausfällt? Knallst du dann aus Versehen noch uns ab?" fragte er hämisch. Raegar seufzte. "Nur, weil ich nicht die Adleraugen von Rotschopf habe. Warte nur, bis du mal in mein Alter kommst, Grünschnabel." lachte er.
Sif stimmte in sein Gelächter ein. "Viel fehlt nicht mehr."
"Was? Komm schon! Ich bin gerade mal etwas über vierzig." erwiderte Ysmir beleidigt.
"Das ist fast doppelt so alt wie ich." fügte Sif hinzu. Ysmir zuckte mit den Achseln. "Und? Das heißt nur, dass ich mehr Kampferfahrung habe als du."
"Wenn hier jemand Erfahrung hat, dann wohl ich." warf Raegar ein.
"Ja, das sieht man." sagte Flaxx spottend und deutete mit dem Kopf auf die Schneemassen, die nun den Weg versperrten. "Ich schlage vor, wir graben lieber, anstatt uns den Weg frei zu sprengen. Wir haben schon genug Aufmerksamkeit erregt. Vergesst nicht, dass die Svanir hinter uns her sind."
"Guter Punkt." räumte der Charr ein. "Wartet mal. Täuschen mich meine ach so alten Augen mal wieder, oder bewegt sich der Haufen?"
"Tatsächlich." stellte Aela fest. "Es ist wohl noch nicht vorbei."
Die Schneemassen schienen sich wie von allein zu bewegen und wurden wie von Händen zusammengepresst. Aus dem Schnee formte sich ein riesiger Körper mit langen Krallen als Füße und einem Drachenkopf. Die Lawine war zu einer neuen Lawine geworden, die jedoch die vorherige Kreatur um einiges überragte. Und sie war äußerst wütend. Sie öffnete das Maul und brüllte, während ein eisiger Hauch aus ihrem Maul entwich und wie ein Schneesturm auf den Trupp einbrach. Aela und Brinjolf formten gemeinsam eine Barriere, die die Böe abhielt oder zumindest schwächte. Cahirah versuchte, das Biest mit einigen Illusionen abzulenken, die es jedoch einfach unter seinen Krallen zertrümmerte. Raegar warf Kento ein Gewehr zu, dass er noch in seinem Gepäck hatte. Es war eine experimentelle Waffe, die man in ihre Einzelteile zerlegen und innerhalb weniger Minuten wieder zusammen bauen konnte. Raegar brauchte dafür nur ein paar Sekunden. Vielleicht war das jedoch auch der Grund, warum der Abzug fehlte. "Ich glaube, du hast das was vergessen, Raegar!"
"Ach, wusst ich's doch! Schade, ich wollte sehen, ob zu wirklich so gut schießen kannst, wie du sagst, Ken!"
"Ohne Abzug wird das wohl nichts."
"Deshalb bleibe ich bei meinem Bogen..." murmelte Sif. Ihre Pfeile richteten ohne die Hilfe von Brinjolf nicht besonders viel aus, der jedoch seine ganze Kraft nutzte, um die gewaltige Bestie in ein Meer aus Flammen zu hüllen. Die Lawine heulte auf und schleuderte Eis und Schnee nach Brinjolf, doch ihn erreichten nur Wassertropfen. "Gut so, nicht nachlassen!" sagte Ysmir ermutigend. Brinjolf nickte und konzentrierte sich weiter, doch ihm lief der Schweiß von der Stirn. Die Lawine schmolz langsam unter lautem Geheule vor sich hin, doch der Magier hatte fast keine Kraft mehr. "Komm schon, Bruder! Heiz dem Ding noch einmal ordentlich ein!" rief Gunnar.
"Ich... versuch es ja!" presste er zwischen den Zähnen hervor, doch die Flammen aus seinen Händen wurden schwächer. Er atmete schwer.
"Du schaffst das. Ich glaube an dich!" flüsterte Cahirah zuversichtlich. Brinjolf brachte ein letztes Mal Kraft auf und ballte die Flammen zu einer Welle, die über die Lawine hineinbrach und die Pfütze, die von ihr übrig war, hinfort spülte. Erschöpft sank er auf die Knie und japste nach Luft. Die anderen jubelten ihm zu, allen voran Gunnar. "Das ist mein Bruder! Dem Ding hast du's vielleicht gezeigt! Ich wette, du machst das selbe mit Jormag. Aber bitte erst nachdem ich ihm ein paar Zähne als Trophäe ausgechlagen habe."
"Lass mich vorher bitte wieder zu Kräften kommen, Gunnar..." keuchte Brinjolf.
"Mann, das war ja vielleicht mal ein Inferno!" staunte Raegar. Dann bemerkte er, dass Kento völlig bleich geworden war, als stünde er unter Schock. "Was ist los, Ken? Alles in Ordnung?"
"Ich... ja, es ist nichts. Gehen wir, sobald Brinjolf bereit ist." antwortete er nervös. Doch nun hatte er die Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe, die ihn etwas besorgt ansah. "Gut, es bringt wohl nichts, es zu verheimlichen. Ich fürchte mich vor Feuer." gestand er. Feuer weckte bei ihm einige schreckliche Erinnerungen. Und dieses Inferno hatte ihn an jenen verhängnisvollen Tag erinnert, als die Flammen alles bis auf ihn verschlangen. Ein Unfall, der ihm alles genommen hatte.
"Das wusste ich nicht. Tut mir leid, dass Ihr das mit ansehen musstet." entschuldigte sich Brinjolf.
Kento seufzte schwer. "Das muss es nicht, es ist schließlich nicht Eure Schuld. Ihr habt Eure Sache gut gemacht, aber jetzt lasst uns lieber gehen."
Ysmir nickte. "Der Weg ist frei. Das Auge des Nordens sollte nicht allzu weit entfernt sein. Hoffen wir, dass überhaupt noch etwas davon übrig ist."
„Bisher scheint dieser Ort hier kaum von Jormags Verderbnis befallen zu sein." bemerkte Aela.
„Bis auf ein paar seiner Diener. Irgendwie glaube ich, dass das Auge des Nordens mehr als nur irgendein Turm ist."
„Das sehen wir, sobald wir dort sind." antwortete Sif ungeduldig.
„Los, gehen wir. Wir sind hier zu ungeschützt. Ich habe so langsam das Gefühl, beobachtet zu werden."


"Sie sind noch immer am Leben. Hadvar ist gescheitert. Was für eine Verschwendung... Er war dieses Geschenkes wohl doch nicht würdig."
Fimbul saß auf dem riesigen Thron aus Eis inmitten der kreisrunden Halle, deren Wände und Boden ebenfalls gänzlich aus Eis bestand. Es war jedoch kein klares Eis, sondern dunkel und von schwarzen Striemen durchzogen, verdorben durch die Macht des Drachen. Der Mesmer ließ seine dürren, fahlen Finger über die Klinge des Dolches streifen, mit dem er seinen Dienern die Macht des Drachen verlieh. Durch sie lauschte er den Worten von Drache, und gab sie an seine Untertanen weiter. Er war seine Stimme. "Nicht einmal der Sturm konnte sie aufhalten. Und was ist mit diesen... Asura?" fragte er ruhig und leise, denn seine Stimme hallte ohnehin durch den Raum, in dem noch zwei weitere Norn standen. Der eine, Svartur, war ein Berg aus Muskeln und Eis, der eine riesige Zweihandaxt führte, die kein normaler Norn hätte schwingen können. Doch Svartur hätte auch in jeder Hand eine davon tragen können. Seine Rüstung war pechschwarz, schimmerte durch das dunkle Eis, mit dem sie bedeckt war, jedoch in einem unheimlichen Blau. Sie war mit einem Muster aus Zacken verziert, die an spitze Drachenschuppen erinnerten. Sein Helm, der sein Gesicht fast vollständig bedeckte, sah aus wie eine finstere Krone. Der andere Sohn von Svanir war sein Bruder, Grimar, auch wenn dieser wesentlich kleiner war. Sein Gesicht war schmal und kantig mit zwei kleinen, hervorstehenden und blutunterlaufenen Augen und einer Nase, die beinahe an eine Schlange erinnerte. Er stand gekrümmt da und wirkte dadurch noch kleiner als sein Bruder, der in seiner mächtigen Rüstung knapp drei Meter hoch und einen breit war. Dieser spuckte durch seinen Helm auf den Boden, sehr zur Verärgerung von Fimbul, der jedoch äußerlich keine Reaktion zeigte. Er war sich seiner Überlegenheit gegenüber diesem Wurm bewusst. Für ihn waren er und sein Bruder nur weitere Werkzeuge, um die Vorherrschaft von Jormag zu sichern. Vielleicht hatte nun, nach Surts Tod, einer von ihnen das Potential, sein nächster Champion zu werden. "Diese Winzlinge sind zu nichts nütze!" antwortete Svartur wütend. "Schwächlinge, allesamt."
Fimbul legte die Hände auf die Lehne und atmete langsam ein und aus, während er Svartur durchdringend in die Augen starrte.
"Ich wusste, dass auf diese Wesen kein Verlass ist. Dann werdet ihr beide diesen... Missstand wohl beheben müssen. Unsere Reihen lichten sich und wir haben schon zu lange keine Anhänger mehr gefunden. Drache ist geduldig, aber er wappnet sich für die bevorstehende Schlacht. Ihr seid auf Euch allein gestellt. Aber keine Sorge. Wenn die Ungläubigen erst ihren Vormarsch wagen, werden wir sie von innen heraus vernichten, bis nur noch die Stärksten übrig sind. Sie werden sich uns anschließen, oder wie der Rest von ihnen sterben."
"Wir brauchen keine Hilfe! Ich werde sie unter meinen Stiefeln zerquetschen, bis nur noch Staub von ihnen übrig ist." versicherte ihm Svartur.
"Halte deinen Blutdurst im Zaum, Bruder." zischte Grimar. "List ist gefragt. Wir werden sie auftrennen und einen nach dem anderen bekehren, oder töten, wenn es sein muss. Oder wir hetzen sie aufeinander und sehen zu, wie sie sich selbst zu Grunde richten." schlug er vor und schnitt eine abscheuliche Grimasse voller Schadenfreude. Fimbul faltete die Hände und lächelte zufrieden. "Gut. Je mehr von ihnen sich uns anschließen, desto besser. Ich vertraue darauf, dass ihr euch Mühe gebt. Und trödelt nicht zu lange. Wenn sie das Auge des Nordens erst erreicht haben, werden sie die Kraft darin gegen uns einsetzen. Sie sind nicht zu unterschätzen."
„Welche Kraft auch immer in diesen alten Ruinen liegen mag, ist nichts im Vergleich zu meiner oder der von Drache!" entgegnete Svartur.
„Ich sorge dafür, dass sie es nicht vergessen werden."


„Dunkles Eis. Jormag hat dieses Ort nicht ganz unberührt gelassen." bemerkte Ewiges Eis. Der Kodan zeigte auf einen mit Zacken aus verdorbenem Eis übersäten Felsen. Auch weiter oben über den Gipfeln der spitzen Berge zog sich eine Schneise der Verderbtheit. „Das erinnert mich an den Drachenbrand." meinte Raegar.
„Und wo ein Drache seine Spuren hinterlassen hat, findet man seine Diener am häufigsten."
„In der Tat." stimmte Sif ihm zu. „Da hinten zwischen den Bäumen bewegt sich etwas. Etwas Großes. Vielleicht schon wieder eine dieser Lawinen."
„Nein. Das sind die Baumwesen, die einst hier lebten." erklärte der Kodan. „Sie wurden genau wie alle anderen Wesen verdorben."
„Stimmt. Sie sehen aus wie Eichenherzen. Ich hätte nicht gedacht, dass Jormag auch Pflanzen verderben kann." sagte Ysmir überrascht.
„Jormag verdirbt selbst die Toten." antwortete Ewiges Eis.
„Die Toten? Woher wisst Ihr das?" fragte Brinjolf. Der Kodan schwieg.
„Er ist wahr." sagte Aela. „Ich habe Euch von dem Dolch erzählt. Meine Kameraden waren bereits tot, als sie zu Eisbrut wurden. Und sie waren auch wesentlich träger als gewöhnliche Eisbrut, jedoch nicht weniger gefährlich." erklärte sie.
„Und ich dachte, Jormag würde seine Diener bekehren, anstatt sie gewaltsam zu verderben." murmelte Flaxx.
„Tut er auch, für gewöhnlich. Aber wenn er damit nicht erfolgreich ist, tut er es wie die anderen Altdrachen. Der Unterschied liegt darin, dass seine Diener stärker sind, wenn sie seine Macht aus freiem Willen einsetzen. Jormag denkt kompliziert. Daher ist er so gefährlich."
„Klingt fast so, als wäre er der Asura unter den Altdrachen." warf Flaxx schmunzelnd ein.
„Wart Ihr jemals beim Auge des Nordens?" fragte Ysmir den Kodan.
„Nein. Wir konnten den Turm jedoch vom Wasser aus sehen, als wir nach Süden flohen."
„Ihr sagtet, Eure Zuflucht sei die letzte gewesen. Was ist mit den anderen passiert?"
„Nur vier haben es weiter nach Süden geschafft. Die meisten anderen wurden von Jormag und seinen Dienern gekentert oder zerstört. Einer seiner mächtigsten Diener lauerte in der See, die entstand, als Jormag die Gletscher zerstörte. Er hat schließlich auch unsere Zuflucht zerstört und uns an Land gezwungen."
„Glaubt Ihr, es gibt noch mehr Zufluchten im Norden? In Eurer alten Heimat?" fragte Brinjolf. Ewiges Eis schwieg einige Zeit.
„Vielleicht. Aber auch dort ist Jormags Einfluss zugegen. Meine Brüder sind auf sich allein gestellt. Koda wird über sie richten, wie er über uns alle richten wird."

Der Trupp kam an einigen Eisenstangen vorbei, die aus dem Boden ragten. Schnee fing an, sie auszubuddeln. „Geh da weg! Wer weiß, ob das nicht eine Falle ist." rief Sif und schob ihn behutsam außer Reichweite. „Sieht nicht wie eine Falle aus." meinte Ysmir und fing vorsichtig an, etwas weiter zu graben. Das Ding sah wie ein Tor aus Eisen aus, das wie ein Halbkreis gewölbt war. Daneben ragte die Spitze eines Horns aus dem Schnee. Ysmir zog daran und hielt einen Helm in den Händen. Mitsamt dem Schädel des Besitzers. Erschrocken ließ er ihn fallen und fiel dabei auf den Boden, bevor er auf Händen rückwärts zurück kroch. Sif musste bei dem Anblick loslachen. Außer ihr und Flaxx war niemand anderem nach Lachen zumute. „Großartig, jetzt haben wir auch noch die Ruhe unserer Ahnen gestört..." seufzte Ysmir.
„Eure Ahnen werden Euch das sicher verzeihen, wenn Jormag tot ist." antwortete die Nekromantin. „Ich frage mich, was das ist. Dieser Norn muss es wohl bewacht haben." vermutete sie. Cahirah sah sich das Gebilde näher an, doch sie kam zu keinem Entschluss. Auch Brinjolf war ratlos, obwohl er vor der Expedition viel über die Fernen Zittergipfel gelesen hatte. Der Kriegsmeister wusste jedoch erneut Bescheid. „Das sieht aus, als wäre es ein Wegschrein gewesen." sagte Kento. Brinjolf sah ihn verwundert an. „Ein Wegschrein? Für Eure Mensch... Verzeiht, für die Sechs? Hier in den Fernen Zittergipfeln?"
„In der Tat. Man fand sie früher überall in ganz Tyria. Damit meine ich die Welt, also auch in Cantha und Elona. Meist wurden sie von einem Priester gehütet, der Reisende gegen eine kleine Spende heilte. Manchmal, so sagt man zumindest, wenn die Götter der Welt ihre Gunst erwiesen, konnte man dort sogar ihren Segen empfangen. Grenth soll es einigen tapferen Helden sogar erlaubt haben, ihre Gefallenen zurück ins Leben zu rufen, wenn ihre Zeit noch nicht gekommen war."
„Wiederbelebung? Ich will ja nicht böse klingen, aber das ist reiner Aberglaube. Wir sind alle Teil der Ewigen Alchemie, und dort kehren wir auch wieder zurück." widersprach Flaxx. „Das glaubt ihr Asura. Unser Platz ist an Grenths Seite in den Nebeln oder in der Halle der Helden bei unseren Ahnen. Zumindest war er das, bevor die Götter uns verließen..."
„Und deswegen verehren wir Charr weder Götter noch Geister." warf Raegar ein. „Aber das heißt nicht, dass ich das schlecht finde. Ich bin da nicht ganz so engstirnig wie die meisten. Aber ich schlage vor, wir lassen diesen Schrein in Ruhe, welchem Gott auch immer er gewidmet war."
„Ja. Gehen wir." beschloss Ysmir. Sie hielten sich links, da auf der anderen Seite die verdorbenen Baumwesen umher streiften. Unter ihrer Hülle aus Eis befand sich noch immer ein Körper aus Rinde und Holz, und sie wirkten noch immer so, als würden sie ihren Wald verteidigen, auch wenn dieser gerade mal aus einer Hand voll Bäumen bestand. Vielleicht war es ihnen egal, ob sie nun dem Drachen dienten, oder sie hatten ihre feste Aufgabe, von der nur Jormag wusste. Trotzdem waren sie der lebende Beweis dafür, dass Jormag wie alle anderen Altdrachen alles verschlang, was ihm im Weg stand. Doch es gab noch immer Orte, die noch voller Magie waren, unberührt von der Gier der Altdrachen. Einer dieser Orte offenbarte sich ihnen, als sie hinter einem Hügel die Fassade eines großen, goldenen Turms erblickten, dessen Anblick ihnen die Sprache verschlug. „Das Auge des Nordens..." stellte Ysmir fest und starrte gebannt auf den Turm in der Ferne. Er lag in der Mitte eines kleinen, gefrorenen Sees, von der Verderbnis des Eisdrachen vollkommen verschont. „Selbst Jormag scheint einen Bogen um diesen Ort zu machen." bemerkte Aela.
„Was könnte wohl in diesem Turm sein, wovor selbst ein Altdrache sich fürchten müsste?" fragte sich Cahirah. „Vielleicht dieses Spähbecken?"
„An diesem Ort wandelten die Helden, die den Nornbären zu Fall brachten." antwortete Brinjolf. „Vielleicht ist von ihrem Einfluss noch etwas übrig geblieben, auch nach so langer Zeit."
„Außerdem könnten dort noch immer Artefakte sein, die ihnen gehört hatten." fügte Kento hinzu. „Mächtige Waffen und Rüstungen, in der Halle der Monumente."
„Na, worauf warten wir dann?" rief Gunnar und eilte voraus, da er schon die mächtigen Waffen vor sich sah. Er stolperte jedoch über einen Stein und kullerte den Hang hinunter, bevor auch nur irgendwer reagieren konnte. Er blieb mit dem Gesicht voraus am Rande des zugefrorenen Sees liegen.
„Gunnar!" rief Binjolf besorgt. „Beim Raben, alles in Ordnung?"
Gunnar hob die Hand und murmelte etwas, als er jedoch aufstehen wollte, bemerkte er, dass sein Gesicht an dem Eis festklebte. Sif, Flaxx und Raegar konnten nicht anders, als lauthals loszulachen, während sie den anderen den Hügel hinab folgten. Auch Ysmir musste zugeben, dass Gunnar durch seine Unbeholfenheit für ein lustiges Spektakel sorgte. Brinjolf sah die Sache etwas ernster. „Du bist selbst schuld! Sei froh, dass du dir nicht den Hals gebrochen hast, du Tölpel."
„Ihh wollhhe dohh nuhh..." stieß er aus dem halb offenen Mund hervor. Damit löste er jedoch noch mehr Gelächter aus. Gunnar wurde wütend. Er hatte es satt, ständig Hohn und Spott zu ernten. Er würde sich beweisen, früher oder später. Er würde es ihnen allen noch beweisen. Brinjolf half ihm, sich von dem Eis zu lösen, Gunnar dankte ihm jedoch nur mit einem halbherzigen Brummen.
„Ach, komm schon, Gunnar. Jetzt schmoll doch nicht!" meinte Sif. „Du warst immerhin als Erster unten. Das ist doch auch schon was."
„Spar dir deine Sprüche, Sif!" brüllte Gunnar und jagte ihr damit einen gewaltigen Schrecken ein. „Versteck dich weiter hinter uns und schieß mit deinen blöden Pfeilen um dich. Vielleicht vergeht dir das Lachen ja, wenn plötzlich ein Gegner direkt vor dir steht und du dich nicht mehr verkriechen kannst!" spottete Gunnar. Er war zu wütend, um sich zu beherrschen. Er hatte es alles satt.
„Niemand wird in meine Nähe kommen. Dafür sorge ich mit meinen blöden Pfeilen!" zischte Sif.
„Es reicht!" brüllte Ysmir und baute sich vor den beiden auf. „Still, alle beide! Reißt euch zusammen."
Gunnar kochte noch immer vor Wut. Brinjolf sah ihn entsetzt an. „Was ist los mit dir?" fragte er.
„Ich bin es leid, dass man sich über mich lustig macht. Dafür habe ich nicht mein Leben lang geübt. Aber das verstehst du nicht. Vater hat dir alles geschenkt. Sogar deine Magie wurde dir geschenkt."
„Gunnar, was redest du da? Das ist Unsinn. Du nimmst das alles viel zu ernst."
„Tue ich das? Ich... vielleicht..."
Brinjolf bemerkte, dass sein Bruder bleich wurde. Der Verband, den er noch immer über der Brust trug, färbte sich leicht rötlich. „Gunnar, deine Wunde!"
Aela ging sofort zu Gunnar und untersuchte ihn. Er blutete stark. Sein Wutanfall hatte ihn außerdem etwas Kraft gekostet. „Verdammt, sie ist beim Sturz aufgerissen. Wir müssen sofort in den Turm. Hier auf dem Eis wird es mit jeder Sekunde, die wir herumstehen, kälter. Gunnar, hör mir jetzt genau zu. Ich und Brinjolf stützen dich. Bewege dich so wenig wie möglich. Verstanden?"
Gunnar nickte. Er war inzwischen kreidebleich und fühlte sich träge. Aela nahm seinen linken, Brinjolf den rechten Arm und sie halfen ihm so über den See zum Eingang des Turms, doch sie mussten feststellen, dass dieser eingestürzt war und ihnen den Weg in das Innere versperrte.
„Das darf doch nicht wahr sein..." stöhnte Ysmir. „Da kommen wir niemals durch!"
„Doch, mit einer kleinen Sprengladung. Wirklich nur eine ganz kleine." äußerte Raegar kleinlaut. „Aber dazu brauche ich etwas Zeit."
„Ausgeschlossen!" protestierte Kento. „Das ist ein uraltes Bauwerk, das ein Symbol für mein Volk ist. Nein, für alle Völker! Das kann ich nicht zulassen."
„Reg dich ab, Ken. Dem Turm passiert nichts, Ich sagte ja, eine kleine Ladung. Für die Trümmer."
„Nein, ich stimme ihm zu." meinte Cahirah. „Das scheint mir respektlos. Sicherlich finden wir eine Lösung, die für alle in Ordnung geht."
„Das wäre mir auch lieber, Blümchen, aber wir haben nicht viel Zeit, sonst verblutet Gunnar."
„Keine Sorge, mir geht's schon viel besser." versicherte ihm Gunnar. „Nicht reden." ermahnte ihn Aela. Sie hatte den Verband abgenommen, um die Wunde zu versorgen und die Blutung zu stoppen. Brinjolf half ihr dabei, einen neuen Verband anzulegen. „Brinjolf... tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist." entschuldigte sich Gunnar.
„Schon gut. Sei einfach vorsichtiger. Du bist eben manchmal etwas tollpatschig."
„Aber deswegen lieben wir dich, Gunnar." fügte Sif lächelnd hinzu.
„Danke, Sif. Ich hab's nicht so gemeint, das mit dem verstecken. Vielleicht war ich... neidisch."
„Neid ist gefährlich." warf Ewiges Eis ein. „Eine Schwäche, die Jormag ausnutzt."
„Ich weiß..." seufzte Gunnar. Nur noch eine meiner Schwächen.
„Hör nicht auf ihn." flüsterte Aela. „Du bist stärker, als du glaubst. Du willst es nur zu oft beweisen. Das musst du aber nicht. Denk an den Kampf gegen den Jotun. Du hast ihm ordentlich zugesetzt. Das war wirklich beeindruckend."
„Danke, Aela. Ich weiß das zu schätzen."
Brinjolf war erleichtert, dass sein Bruder sich wieder beruhigt hatte. Und natürlich, dass er nicht mehr am verbluten war. Aber er hörte seit einiger Zeit nun schon dieses Geräusch. Nun, da es etwas stiller geworden war, konnte er das Geräusch auch erkennen: Das Krähen eines Raben. Der Rabe sah ihn an, während er inmitten des gefrorenen Sees saß. Zuerst dachte Brinjolf, er würde sich das ganze nur einbilden, doch auch Cahirah schien das Tier sehen zu können.
„Vielleicht will er uns etwas zeigen." sagte sie nachdenklich. „Was meinst du?"
„Möglich. Oder jemand will uns in eine Falle locken. Könnte das eine Illusion sein?"
„Nein, ich glaube nicht. Ich kann es nicht eindeutig sagen, aber ich habe es... im Gefühl."
Brinjolf wollte den anderen Bescheid sagen, aber Cahirah war bereits unterwegs in die Richtung des Raben. Er eilte hinterher, da er sie nicht alleine lassen wollte, falls es doch eine Falle war. Sif bemerkte sie, aber sie entschloss sich, den anderen davon nichts zu sagen. Sie wollte die beiden zumindest einen Augenblick alleine lassen. Ysmir sah sich den verschütteten Eingang an, an dem kein Weg vorbei schien. Das Freiräumen würde ohne Sprengstoff mehrere Stunden, wenn nicht sogar den ganzen Tag dauern. Aber er glaubte auch nicht, dass Sprengen eine gute Idee war. Er fühlte, dass sie das bereuen könnten.
„Der Turm muss seit zweihundert Jahren verlassen sein, aber mir kommt es fast so vor, als wäre er das nicht."
„Mir auch." gestand Flaxx. „Ich kann es spüren. Ätherische Präsenz."
„Was so viel bedeutet, wie...?"
„Geister. Die Seelen der Verstorbenen wandeln noch immer hier. Auch, wenn sie sich nicht zeigen."

Der Rabe führte Brinjolf und Cahirah hinter den Turm, an den Rand des Sees. Dort am Berghang war eine kleine Anlage, die wir ein Garten aussah. Oder eher wie ein Friedhof. Ein großer, kahler Baum stand in der Mitte, von einigen Blumenbüschen umringt, die noch immer blühten. Cahirah ging vorsichtig auf den Baum zu und nahm eine der Blumen, die einzeln auf dem Boden lag. „Eine rote Schwertlilie. Ich dachte, sie galten seit langer Zeit als ausgestorben..."
„Jemand kümmert sich noch immer um diesen Ort. Glaubst du, diese Person... ist noch am Leben?"
„Vielleicht Norn, die sich vor Jormags Dienern verstecken konnten."
„Oder jemand, der vor langer Zeit hier lebte." antwortete Brinjolf.
„Ein Geist? Wie soll ein Geist sich um all das hier kümmern?"
„Manch einem bedeutet etwas so viel, dass er sich selbst im Tod nicht davon trennen kann..."
Der Rabe saß auf einem der Grabsteine und erregte Brinjolfs Aufmerksamkeit. Der Stein war wirklich nur ein grober Stein, im Gegensatz zu den anderen Grabsteinen. Deren Inschrift war jedoch völlig verwittert und kaum leserlich. Der große Stein war eingeschneit, und Brinjolf zögerte erst, den Schnee beiseite zu fegen. Der Rabe drängte ihn jedoch. Oder eher erlaubte er es ihm. Die Inschrift war noch immer gut zu lesen, daher konnte dieser Stein, der hier nicht hin zu gehören schien, noch nicht allzu alt sein. „Sieh dir das an..." sagte Brinjolf leiste und winkte Cahirah zu sich her. Sie lasen die Inschrift, die grob in den Stein gemeißelt wurde.

Hier ruht Harvall, genannt der Fels, Sohn von Ragnar Asgeirson.
Er brach mit fünfzig Gefährten in die Fernen Zittergipfel auf, um Jormag zu töten.
Durch Verrat wurden wir um den Sieg und unseren Anführer und Freund beraubt.
Er streckte einhundert Diener des Drachen nieder, bevor er seinen Wunden erlag.
Wir, die letzten fünf Überlebenden seiner Gefährten,
ehren sein Opfer, das uns vor dem Tod bewahrte:

Svari, Tochter von Sif Schattenjäger.
Alvarr, Sohn von Wolf.
Thor, Sohn von Odin.
Ismir, Sohn von Ingvarr.
Brynhildr, die Kühne.

Möge er in den Nebeln Frieden finden und über uns wachen, wenn die Zeit gekommen ist,
unsere Heimat aus den Klauen des Drachen zu befreien.

„Harvall... Ysmirs Vater." erkannte Brinjolf. Er las die Inschrift erneut durch, da es ihm vorkam, als wäre dies ein Traum. Oder noch eine Vision. Aber er träumte nicht. Harvall. Svari. Alvarr. All diese Namen kannte er. „Mein Vater... war hier?"
„Hatte er Euch das nie erzählt?" fragte Cahirah überrascht. Brinjolf schüttelte den Kopf.
„Ich wusste nichts davon. Ich habe noch nie von diesen fünfzig Gefährten gehört. Ich wusste nur, dass Ysmirs Vater in irgend einer Schlacht gestorben war, das hat er mir erzählt. Sifs Mutter war ebenfalls dabei. Und Thor... das ist der Vater von Denngar. Das kann alles kein Zufall sein."
„Wir sollten es den anderen zeigen. Besonders Ysmir." schlug Cahirah vor.
„Ja, du hast recht. Aber... Ragnar Asgeirson. Ysmir ist ein Nachfahre von Asgeir!"
„Asgeir? War das der Norn, der Hoelbrak gründete?"
„Ja. Der Norn, der Jormag einen Zahn ausgeschlagen hatte. Einer der größten Krieger, die Tyria je gesehen hat... wenn die Geschichten wahr sind."
Sif hatte sich heimlich an sie heran geschlichen. Eigentlich hatte sie etwas anderes erwartet, als die beiden schweigend vor einem Stein stehen zu sehen. Doch plötzlich krähte der Rabe auf. „Sif? Wo sind denn die anderen?" fragte Brinjolf überrascht. Sif war erleichtert, dass sie nicht bemerkt hatten, dass sie die beiden beobachtet hatte. „Sie suchen noch immer nach einem anderen Eingang. Oder einem Weg durch die Trümmer. Und was ist das hier überhaupt? Ein Friedhof?"
Brinjolf sah Cahirah an. Sie nickte. Sie taten beide einen Schritt vom Grabstein weg, damit Sif ihn lesen konnte. Sie sah zwischen den beiden hin und her, seufzte und las die Inschrift darauf.
„Das... kann nicht sein. Das glaube ich einfach nicht!" stammelte Sif.
„Ich weiß." sagte Brinjolf.
„Warum hat Mutter mir das nie erzählt? Ich meine... sie hatte vielleicht nicht mehr die Gelegenheit dazu. Verdammt, das..." flüsterte sie niedergeschlagen. Brinjolf legte die Hand tröstend auf ihre Schulter. „Vielleicht wollten sie, dass niemand davon erfährt. Oder bis die Zeit reif ist, dass wir es selbst erfahren."
Sif atmete tief durch. „Kein Wort davon zu Ysmir."
„Was? Nein, das dürfen wir ihm nicht verheimlichen, Sif!"
„Ich will nicht, dass er auch noch das erfahren muss. Er musste in letzter Zeit zu viel durchmachen. Er wird die Wahrheit früher oder später erfahren, aber vorerst bleibt das unter uns. Einverstanden?"
Brinjolf nickte widerwillig. Sif blickte Cahirah erwartungsvoll an. „Das fühlt sich nicht richtig an."
„Ist es richtig, ihn damit zu belasten? Wir wissen nicht, wie er es aufnehmen wird."
„Vielleicht... habt Ihr recht. Ihr kennt ihn länger als jeder andere von uns."
„Danke. Lasst uns zu den anderen zurückkehren."
Ihr wollt Eurem Freund etwas verheimlichen, was für ihn von größter Wichtigkeit sein könnte?"
„Wer seid Ihr? Zeigt Euch!" forderte Sif, ihren Bogen gezogen und die Finger bereits hinter ihrem Kopf in Reichweite ihres Köchers.
Ihr braucht mich nicht zu fürchten. Eure Entscheidung war richtig. Kameradschaft bedeutet, seine Gefährten vor allem zu schützen, manchmal auch vor der Wahrheit."
„Seid Ihr ein Geist? Jemand, der an diesem Ort lebte?" fragte Brinjolf. „Wir wollten Eure Ruhe nicht stören!"
Das habt Ihr nicht. Ihr habt Euch respektvoll verhalten. Ihr habt Ehre gezeigt. Und Tapferkeit, dass Ihr Euch an diesen Ort wagt. Werdet Ihr auch die Standhaftigkeit besitzen, ihn auch wieder zu verlassen?"
„Das werden wir." versicherte ihm Cahirah. „Gemeinsam." flüsterte sie und drückte die rote Schwertlilie an sich.
Ah, natürlich... Hingabe. Ihr habt alles, was einen Helden ausmacht. Genau wir Eure Freunde. Ihr habt es verdient, die Halle der Monumente zu betreten."
Die Stimme verstummte und aus einem der Gräber stieg ein Licht auf, dass vor ihnen Gestalt annahm. Die geisterhafte Erscheinung eines Mannes in schwerer Rüstung, der ein Zepter in der Hand hielt. Der Geist verbeugte sich vor ihnen, und sie taten es ihm gleich.
Zu Lebzeiten nannte man mich Mullenix, den Architekt. Aber nicht ich habe das Auge des Nordens erbaut, ich habe diese Hallen nur gehütet. Leider ging auch meine Zeit unter den Lebenden zu Ende, und es gab niemandem, der sich um den Turm kümmerte."
Der Geist von Mullenix führte sie zurück zum Eingang, vor dem die anderen bereits warteten. Ysmir war zwar verwundert, dass ein Geist bei ihnen war, doch er sorgte sich mehr darüber, wer nicht bei ihnen war. „Habt ihr Ewiges Eis gesehen? Der Kodan? War er nicht bei euch?"
„Nein. Ist er nicht mit euch mitgegangen?" fragte Sif. Ysmir schüttelte besorgt den Kopf.
„Er war plötzlich verschwunden. Wir wollten nach einem anderen Eingang suchen.
„Wie kann jemand so großes einfach so verschwinden?" murmelte Flaxx. „Sicher, dass er vorher nichts gesagt hat?"
„Nein. Er war weg. Einfach so. Vielleicht haben die Svanir ihn erwischt. Wenn wir ihn suchen, sollten wir uns unter keinen Umständen trennen." betonte Ysmir.
„Das könnte ewig dauern. Hier sind überall Schlupfwinkel." warf Raegar ein. „Ich will nicht böse klingen, aber das könnte ewig dauern. Selbst, wenn wir alle nach ihm suchen."
„Dann suchen ich und Schnee nach ihm." beschloss Sif. Raegar nickte. „Ich komme mit."
Ysmir nahm einen schweren Atemzug. „Gut. Seid vorsichtig. Wir warten hier auf euch."
„Wir kommen zurück, Ysmir. Das verspreche ich dir." sagte Sif und gab ihm einen schnellen Abschiedskuss. Sie ließ einen sehr schnelle, kaum merkbaren Blick über Brinjolf und Cahirah schweifen, die ihre Botschaft dennoch verstanden hatten. Kein Wort darüber.
Ihr alle habt es verdient, Helden genannt zu werden. Viel Glück auf Eurer Suche. Ihr anderen, tretet zurück. Ich werde Euch den Eingang öffnen."
Sie taten, wie geheißen, und ließen dem Geist Platz. Er hob sein Zepter und richtete es auf den Eingang. Ein blauer Strahl schmolz das meterdicke Eis und die Schneemassen, zusammen mit den Trümmern des Turms. Dann ging er hinein und bat dem Trupp, ihm zu folgen. Sie betraten endlich das Auge des Nordens.

Einst war dies unser Stützpunkt im Kampf gegen die Charr. Dann wurde er zu unserer Heimat. Nun ist es eine Ruine inmitten von Eis und Dienern des Drachen."
„Ihr wisst von den Drachen?" fragte Brinjolf überrascht.
Ja. Ich war noch am Leben, als Primordus erwachte. Da wurde uns bewusst, dass der Große Zerstörer erst der Anfang war."
Als sie die Halle des Turms betraten, wurden sie von seiner Pracht fast überwältigt. Auch wenn man überall die Spuren der Zeit sehen konnte, war es noch immer ein Bauwerk wie kein zweites. Für Kento war es jedoch mehr als das. Es war beinahe ein heiliger Ort, aus Gründen, die schon bald offenbart werden würden. Die Halle war nach oben hin offen und über der Mitte hing ein seltsames Gebilde, das bis zur Spitze des Turms führte. Mullenix hob seinen Stab und entzündete ein Feuer in dessen Mitte und an einigen Feuerschalen an den Wänden. An einer Seite hatte die Wand bereits den Schneemassen nachgegeben und war eingestürzt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Rest des Turms folgen würde. Jedoch nur, wenn sich niemand darum kümmern würde. „Wisst Ihr, wer diesen Turm erbaut hat?" fragte Cahirah begeistert. Sie fand dieses uralte Bauwerk faszinierend.
„Nein. Wir fanden den Turm leer vor. Bis auf das Spähbecken in der Halle, die wir unseren größten Helden widmen würden. Doch ich fürchte, seine Magie ist längst versiegt..."
„Was genau war dieses Spähbecken?" fragte Aela.
Eine Quelle der Weisheit. Es zeigte uns Visionen von dem Großen Zerstörer. Nur dadurch konnten wir die Gefahr rechtzeitig erkennen, bevor die Zerstörer uns alle ausgelöscht hätten. Wir konnten Primordius' Erwachen einige Jahre hinauszögern, aber nicht aufhalten."
„Und seit Jormags Erwachen hat diese Hallen niemand mehr betreten?"
Fast. Eine Gruppe von Helden kam vor Euch. Einige der Norn, die gegen Jormag in die Schlacht zogen, vor nicht allzu langer Zeit. Doch sie hatten keinen Erfolg."
Brinjolf und Cahirah wussten genau, von wem der Geist sprach. Aber sie schwiegen, da sie es Sif versprochen hatten. Auch wenn sie noch immer nicht wussten, ob dies richtig war.
Und da gibt es noch die Nachfahren jener Helden, denen wir hier ein Monument errichteten. Sie haben ihr Erbe in meine Hände gelegt, um es zu behüten, bis es jemand einfordern würde. Eine dieser Nachfahren war in Besitz eines Steins, der einst als Portal zu diesem Ort diente. Doch über die Jahre ist auch ihre Magie versiegt. Sie sehen nur noch eine Erinnerung vor sich."
„Natürlich! Denngar hatte den Portalstein erwähnt!" fiel Ysmir plötzlich wieder ein.
„Ja, wie konnte ich das nur vergessen?" sagte Aela. „Ist es möglich, mit den Trägern des Steins irgendwie Kontakt aufzunehmen?"
Leider reicht die Magie dieses Ortes dafür vermutlich nicht länger aus." musste der Geist sie enttäuschen.
„Nur die Besitzer des Steins können dies tun, mit dem Rest der Magie, die in den Artefakten schlummert. Doch ich kenne nur diese eine junge Frau, die so einen Stein noch besitzt. Ich habe ihr vor vielen Jahren mit dessen letzten Kraft das Erbe zukommen lassen, das ihr zustand."
„Dann ist es hoffnungslos..." seufzte Aela.
„Nein, ist es nicht." antwortete Kento. Er holte unter dem Kragen seiner Rüstung einen Beutel an einem Lederband hervor. Darin war eine runde, metallene Kugel. Ein Portalstein. „Was? Ihr hattet die ganze Zeit auch so einen?" staunte Ysmir. Kento nickte.
Dann kann ich vielleicht seine Macht nutzen, um mit dem anderen Stein Kontakt aufzunehmen. Folgt mir, in die Halle der Monumente."
Sie gingen durch einen kurzen Gang am anderen Ende des Raumes, der in die nächste Halle führte. Dort in der Mitte führte eine Treppe zu einem Wasserbecken hinab, auf dem einige Seerosen schwammen. Das Wasser war jedoch trotz des vielen Staubs, der in der Luft lag, glasklar. Direkt über dem Becken war ein sternförmiges Loch in der Decke, die ansonsten den ganzen Raum bedeckte. An den Wänden waren fünf heruntergekommene Podeste, auf denen einst etwas ausgestellt wurde. Jedoch waren nur die Podeste noch erhalten, vor denen gravierte Tafeln standen. Mullenix ging die Treppen hinab und kniete sich vor das Spähbecken. Er bot dem Becken den Stein dar, der plötzlich von innen zu glühen begann. Das Wasser leuchtete ebenfalls und geriet in Wallung. Aus der Mitte stiegen einige niedrige Wellen auf, die zu pulsieren schienen.

Denngar war noch immer über die Karten gebeugt und mit der Planung beschäftigt. Er wurde mit jedem Tag, der verging, unruhiger. Aber was hatte er sich erwartet? Dass der Trupp in drei Tagen durch die Fernen Zittergipfel marschiert und ohne Zwischenfälle am Auge des Nordens ankommt? Er wurde das Gefühl nicht los, all diese Leute in den Tod geschickt zu haben. Und seine Tochter mit ihnen. Warum hatte er sie nicht aufgehalten? Wie dumm war er gewesen, einfach nachzugeben?
Er konnte nicht warten, bis sie zurück kamen, oder bis der Pakt in wenigen Wochen seinen Vorstoß wagen würde. Er musste sicherstellen, dass sie überlebten. Er hatte den Brief von Loki erhalten. Der Rabe auf dem Brief war sein Zeichen, und er wusste, wie die unsichtbare Tinte zu entschlüsseln war. Wenn sie einen Weg in die Fernen Zittergipfel finden würden, könnten sie den Trupp ausfindig machen und zurück bringen. Vielleicht sogar die Mission erfüllen. Aber Denngar wollte sich selbst auf die Suche begeben. Er würde seine engsten Freunde, einige der besten Abenteurer Tyrias zusammentrommeln und seinen Trupp unterstützen. Diesmal würde er vor dem Pakt eintreffen, um eine weitere Katastrophe zu vermeiden. Wenn nötig würde er dafür sein Leben geben, aber nicht das seiner Tochter.
Plötzlich zuckte etwas in seiner Tasche. Der Stein!
Sofort ließ er von seinen Karten ab und nahm den Portalstein in die Hände. Sie zitterten vor Aufregung. Der Stein schien von innen heraus zu leuchten. Denngar folgte der Verzierung auf der Oberfläche mit den Fingern, die bei seiner Größe jedoch fast den ganzen Stein bedeckten. Der Stein öffnete sich plötzlich. Das Licht wurde stärker, es zog Denngar in seinen Bann. Und dann war er inmitten der Halle. Sie war prächtiger als alles, was er bisher gesehen hatte. Selbst die Goldene Stadt im Maguuma-Dschungel. Die anderen sahen, wie der Norn aus der Mitte des Beckens auftauchte. Er war halb durchsichtig, als wäre er nicht ganz an diesem Ort.
Für Denngar sahen die anderen jedoch ganz normal aus, sogar Mullenix. Und seine Tochter. „Aela!"
„Vater! Es tut gut, dich zu sehen." rief sie. Denngar kam auf sie zu und wollte sie umarmen, doch seine Arme gingen einfach durch ihre hindurch. „Oh... Nun, das..." murmelte er enttäuscht. „Ja... das, also..." stammelte sie verlegen. „Ich bin froh, dass es dir gut geht. Ich wusste bereits, dass du überlebt hast."
„Tatsächlich? Ja, es stimmt. Wir haben die Schlacht gewonnen, aber wir hatte einige Verluste."
Erschrocken stellte er fest, dass nicht alle Mitglieder des Trupps anwesend waren. „Was ist mit Sif? Und dem Charr... Raegar?"
„Sie sind noch am Leben, keine Sorge." beruhigte ihn Ysmir. „Sie sind jemanden suchen gegangen. Ein Kodan, der sich uns angeschlossen hat. Leider ist er plötzlich verschwunden."
„Es freut mich, dass Ihr bisher alle durchbringen konntet, Ysmir." sagte Denngar stolz. Dann verfinsterte sich seine Miene. „Aber ich muss Euch warnen. Jemand von Euch ist nicht der, der er vorgibt, zu sein." sagte er ernst und ließ seinen Blick auf Flaxx verharren.
„Ich weiß." antwortete Flaxx. „Ich habe den Trupp verraten. Meine Schwester hat für diese ganze Sache mit dem Leben bezahlt. Ich kann Euch nur mein Wort geben, dass ich diese Leute, die zu mir gehalten habe, kein zweites Mal hintergehen werde, auch wenn mich die Inquestur dafür tötet."
Aela sah ihren Vater flehend an. „Bitte, du musst ihr glauben. Man hat sie dazu gezwungen!"
Denngar wusste, dass Gnade und guter Willen nicht immer ein gutes Ende versprachen. Doch er wollte seiner Tochter und Flaxx glauben. Ihre Schwester, die den Verrat anscheinend geplant hatte, war immerhin tot. „Falls ich überlebe, werde ich mich meiner Strafe stellen. Ich werde nicht nicht fliehen. Das schwöre ich Euch, Kommandeur." fügte Flaxx hinzu.
„Ich sehe, dass Ihr es ernst meint. Flo... Flaxx, hiermit begnadige ich Euch bei meiner Autorität als Kommandeur des Paktes der Orden von Tyria. Ihr werdet nach Abschluss Eurer Mission von jeglicher Schuld freigesprochen und werdet keine Strafe davontragen."
Sowohl Aela als auch Flaxx waren Denngar von ganzem Herzen dankbar. „Ich danke Euch!" rief die Asura freudig. Aela hätte ihren Vater noch einmal umarmt, wenn es möglich gewesen wäre. „Da wäre noch etwas. Ihr seid vielleicht nicht mehr lange auf euch allein gestellt. Ein weiterer Trupp vom Pakt ist unterwegs, um einen Weg über die See westlich von hier zu finden. Sie sind vor einigen Tagen aus Götterfels aufgebrochen, aber es kann sein, dass sie keinen Weg finden und die Reise abbrechen müssen." berichtete er.
„Liegt dazwischen nicht die Heimat der Zentauren? Riesige Wälder?" fragte Brinjolf skeptisch.
„Ja, aber weiter nördlich gibt es ein Gebiet, das als die Grünen Kaskaden bekannt ist. Dies war früher ein Dschungel, der neben den Fernen Zittergipfeln begann. Dort waren auch einige Zwerge und Asura, wenn ich mich recht entsinne. Der Trupp sucht einen Weg, der groß genug für ein Schiff ist. Das würde uns neue Möglichkeiten im Kampf gegen Jormag ermöglichen. Luftschiffe haben uns letztes Mal schon nichts genützt. Und mit normalen Schiffen rechnet die Schlange vielleicht nicht." erklärte Denngar. Als er Brinjolf sah, erinnerte er sich daran, dass er den beiden Brüdern etwas mitteilen musste. Er wollte es nicht, aber sie mussten es erfahren.
„Brinjolf, Gunnar... ich muss Euch etwas sagen. Es geht um Euren Vater."
Es herrschte bedrückende Stille. Brinjolf befürchtete das Schlimmste.
„Eure Vater ist in der Schlacht gefallen. Es tut mir leid."
Brinjolf schloss die Augen und senkte schweigend den Kopf. Er hatte befürchtet, dass er es sagen würde. Er wollte es trotzdem nicht glauben.
Gunnar schüttelte langsam den Kopf. „Nein! Das kann nicht sein. Das darf nicht..."
Ysmir legte die Hand auf seine Schulter, doch Gunnar streifte sie wütend ab. „Dafür werden diese Svanir büßen, das schwöre ich. Ich werde keinen einzelnen am Leben lassen!"
„Ich habe getan, was ich konnte, um Euren Vater zu rächen." versicherte ihm Denngar. „Ich verstehe Eure Wut, Gunnar, aber seid vorsichtig. Ich sagte bereits, das soll keine Offensive werden."
„Einen Dreck versteht Ihr! Dann ziehe ich allein los, um ihn zu rächen, damit ich den Trupp nicht gefährde!" rief er zornig und stürmte aus der Halle.
„Gunnar!" rief Brinjolf, dessen Augen feucht waren, doch er konnte ihn nicht aufhalten. Ysmir ging ihm hinterher. Denngar seufzte.
„Danke, dass Ihr es uns mitgeteilt habt." sagte Brinjolf. Cahirah hatte ihren Arm um ihn gelegt, um ihn zu trösten. Es half etwas, doch der Schmerz saß tief. Er würde Zeit brauchen, um den Verlust zu verkraften. Gunnar brauchte Blut, das Blut seiner Feinde, selbst wenn ihm das zum Verhängnis werden würde. Doch Ysmir bremste ihn aus und redete ihm Vernunft ein. „Ich kann es verstehen, Gunnar! Wirklich, ich kann es. Aber lass nicht zu, dass dich diese Wut in den Untergang reitet. Verdammt, du bist ein Hitzkopf, das ist nun mal so. Aber du wirst deine Rache bekommen, das schwöre ich dir. Überlebe bis dahin und renne nicht in dein Verderben."
Gunnar schnaubte wütend und überlegte, Ysmir einen Schlag zu verpassen und hinaus zu stürmen. Aber Ysmir war sein Freund und wollte ihm nur helfen. Er überspielte seine Trauer erneut mit Wut, und diesmal erkannte er es selbst. Er brach aufgelöst vor Ysmir zusammen. Dieser versuchte, ihn zu trösten, so gut er nur konnte. Wenigstens hatten Gunnar und Brinjolf ihren Vater gekannt.

„Seid vorsichtig. Nördlich von hier lag einst Gunnars Feste. Sie wurde von Jormag zerstört, aber vielleicht werdet ihr dort auf einige seiner Diener stoßen. Haltet euch bedeckt. Geht kein Risiko ein. Falls der andere Trupp angekommen ist, wird er vielleicht Kontakt mit Euch aufnehmen. Haltet immer einen Blick auf das Wasser.
Eines noch. Weit im Norden, nahe den Gletschern, die das Ende der Fernen Zittergipfel markieren, habe ich von einem Ort erfahren. Einem riesigen Loch im Boden, das schier endlos in die Tiefe hinab führen soll. Vielleicht hält Jormag sich dort auf. Es ist nur eine Vermutung, aber dieses Loch scheint mir verdächtig. Passt auf euch auf." sagte Denngar zum Abschied. Er blickte noch einmal seine Tochter an. Er wusste, dass er sie eine Weile nicht mehr sehen würde. Sie lächelte. Sie hatte die Augen ihrer Mutter. „Bis bald, Vater."
„Bis bald, Aela..."
Die Halle vor seinen Augen verschwand und er war wieder in Hoelbrak, vor dem Tisch mit den Karten. Der Stein war kalt und das Licht darin erloschen. Es war ein Abschied. Vorerst... hoffte er.

Es herrschte eine Weile Stille in der Halle der Monumente. Gedenken. Mullenix ging auf eines der Podeste rechts von ihnen zu. Er ließ die geisterhafte Hand auf dem Monument ruhen, dass die Aufschrift „Tapferkeit" trug.
Verlust ist immer schwer zu ertragen. Doch wir müssen weiterkämpfen, damit er nicht umsonst war. Das macht einen Helden aus. Wenn Ihr wollt, zeige ich Euch, was diese tapferen Seelen, die wir hier vor so vielen Jahren ehrten, zu Helden machte."
Schweigend folgten Aela, Brinjolf, Cahirah, Flaxx und Kento dem Geist des Architekten. Er las ihnen die Inschrift vor, die auf dem Monument eingraviert war.

Des Helden mächtigste Waffen sind weder Axt noch Schwert

Sondern ein tapferes und gutes Herz, das Ungerechtigkeit verwehrt

Auf dass er niemals bezwungen werde."

Die Worte des Geistes hallten durch die Halle und erfüllten sie mit Leben. Die Gruppe konnte schemenhafte Waffen ausmachen, die einst auf Ständern auf dem Podest ausgestellt waren. Sonderbare Waffen aus pechschwarzem Metall, die mit abgerundeten Kanten geformt und von hell-violetten Blitzen durchzogen waren. Andere schienen aus Stein zu sein mit einem hellen Kern in ihrem Inneren, fast wie die der Zerstörer. Zwei der Podeste waren leer. Mullenix erinnerte sich an diese Waffen. „Diese Waffen waren ein Geschenk an die Helden, die vor Euch hier waren. Ein Hammer... und ein Stab. Diesen Stab habe ich einem Magier vermacht. Eurem Vater."
Brinjolf starrte ihn ungläubig an. „Meinem Vater? Sein Stab... mein Stab war aus dieser Halle?"
Ja. Eine Waffe, noch viel älter als Ihr glaubt."
„Und der Hammer muss Ysmirs Hammer sein. Den er von seinem Vater geerbt hatte."
„Ysmirs Vater war auch Teil dieser Gruppe?" fragte Aela überrascht.
Brinjolf fluchte lautlos. „Ja, aber erwähnt es nicht. Sif wollte, dass wir darüber schweigen."
Aela schüttelte enttäuscht den Kopf. Egal, was Sif vor Ysmir verheimlichen wollte, es war nicht richtig. Aber sie beließ es dabei.
„Außerdem gab ich einem dieser Helden ein Diadem. Ihm gefiel es so gut, dass er es seiner Frau schenken wollte. Ich willigte ein, denn er wollte es mehr als all diese mächtige Waffen hier. Ein Diadem aus Eis."
Aela nahm ihr Diadem ab. Ein Diadem aus Eis.
„Mein Vater... Nein, das kann nicht sein. Mein Großvater? Er war auch hier? Und mein Vater hat mir dieses Diadem geschenkt..."
Ein weiteres Zeichen, dass das Blut der Helden durch Eure Adern fließt. Kommt. Nicht nur Waffen machen einen Helden aus."
Mullenix führte sie zum nächsten Monument. „Standhaftigkeit".

Selbst die stärkste Festung dem Helden auch nichts nützt

Wenn sie ihn nicht wie seine Rüstung mit festen Mauern schützt

Auf dass er niemals schutzlos sei."

Einige prächtige Rüstungen offenbarten sich vor ihren Augen. Eine, die der von Kento ähnelte. Eine andere war mit Hörner bestückt und erinnerte an eine Rüstung der Norn. Und eine weitere sah aus, als wäre sie aus dem Pelz eines Charr gemacht. „Ein Glück, dass Raegar nicht hier ist..." murmelte Flaxx leise.
„Dies sind nur einige der Rüstungen, die diese Helden in der Schlacht trugen. Die meisten habe ich sicher verwahrt, doch nur wenige davon sind noch brauchbar. Selbst wenn sie Euch passen würden, wären sie Euch vermutlich keine große Hilfe."
„Wer waren diese besonderen Helden?" fragte Cahirah. „Waren sie alle Menschen?"
Ja. Es gibt Helden aller Völker, von denen auch einigen hier angedacht wurde. Aber diese besonderen Helden waren mehr als das. Sie waren wie Götter unter Sterblichen. Kommt."
Das nächste Podest war größer als alle anderen. An der Wand schien vor langer Zeit eine Art Statue zu hängen, von der jedoch nur noch ein verblasster Abdruck geblieben war. „Ehre" stand auf dem Monument.

Die Taten der Ehre werden selbst in tiefster Dunkelheit obsiegen

In Stein gemeißelt, in Sterne, den Himmel erhellend, geschrieben

Auf dass sie niemals vergessen werden.

Erana Flammenblut: Heldin von Tyria. Flammensucherin. Bezwingerin von allem.

Djurai: Held von Elona. Vernichter des gefallenen Gottes Abaddon. Champion von Kormir.

Kiku Ishimura: Heldin von Cantha. Bezwingerin von Shiro und Kanaxai. Verbündete der Luxon."

Der letzte Name kam Aela bekannt vor. Kento schwieg, doch man konnte sehen, dass er tief in Gedanken war. Als sie ihn anstarrte, klärte er sie auf.
„Meine Urgroßmutter. Von ihr habe ich den Stein geerbt. Sie war die Assassine, die den Verräter Shiro Tagachi besiegte und dem Kaiser das Leben rettete. Aber sie... ist in Ungnade gefallen."
„Wie das?" fragte Brinjolf.
„Als etwa fünfzig Jahre später der Kaiser starb und sein Nachfolger Usoku den Thron an sich nahm, ließ er mit seinem Ministerium der Reinheit sämtliche
Nicht-Menschen aus Cantha vertreiben. Die meisten von ihnen waren die Tengu. Die meisten Leute sahen in ihm einen Tyrannen und Rassisten. Kiku, meine Urgroßmutter, verübte ein Attentat auf ihn. Sie scheiterte."
„Sie wollte den Kaiser töten? Nachdem sie den vorherigen Kaiser davor bewahrt hatte?" fragte Cahirah. Kento schmunzelte.
„Ironisch, nicht wahr? Aber das Volk war der Meinung, dass er es durchaus verdient hätte. Sie sahen in Kiku eine Märtyrerin, doch jeder, der dies offen gestand, wurde hingerichtet. Und meine Familie floh nach Tyria. Gerade rechtzeitig, bevor der Drache im Ewigen Ozean erwachte und der Kontakt zu Cantha abbrach. Nun kennt ihr alle auch meine Geschichte."
„Klingt, als wäre Eure Urgroßmutter eine gute Frau gewesen. Dieses Monument ist der Beweis."
In der Tat. Auch die anderen beiden Helden waren edle Seelen. Eine Kriegerin aus Ascalon, meiner Heimat, die sich mit allen Rassen verbündete, selbst ihren Feinden, den Charr, um den Großen Zerstörer aufzuhalten. Und ein Derwisch aus Elona, der einen Gott zu Fall brachte."
„Mit diesen Helden können wir uns alle zusammen nicht einmal messen..." meinte Aela.
Nicht die Größe der Taten machen den Helden aus, sondern die Tat an sich. Jeder dieser Helden stand an der Spitze einer Gruppe, ohne die er niemals all dies hätte erreichen können. Folgt mir."
Sie folgten ihm ein weiteres Mal zu dem nächsten Monument, dem Monument der Kameradschaft.

Auf dieser großen Welt wirkt jeder Einzelne noch so klein

Doch große Taten er erreicht, lässt er sich mit anderen Helden ein

Auf dass niemand im Stich gelassen werde."

Sie sahen eine riesige Gruppe von Gestalten, die neben drei anderen in der Mitte des Podestes erschienen. Menschen, ein Asura, eine Norn, ein Charr, ein Zwerg und sogar ein Zentaur. Aela und Brinjolf erkannten die Norn sofort als Jora und den Zwerg als Ogden Steinheiler. Flaxx erkannte Vekk, von dem sie den anderen zuvor erzählt hatte. Sie schlussfolgerten, dass der Charr Brandor Grimmflamm sein musste, der mit den anderen gegen den Großen Zerstörer gekämpft hatte.
Wie ich sehe, kommen diese Helden Euch bekannt vor. Seht Ihr? Jeder einzelne von ihnen ein Held, doch gemeinsam erreichten sie das Unmögliche. Auch ich kenne noch heute ihre Namen. Gwen, Livia, Koss, Keiran... Alle von ihnen längst tot, aber nicht vergessen."
Niemand von ihnen wusste, dass der Geist sich bei einem von ihnen geirrt hatte. Eine von diesen Personen war noch am Leben, selbst nach zweihundert Jahren.
Ein Monument bleibt noch."
Das letzte Monument war links von dem Gang, der wieder in den anderen Raum des Turms führte. Das Monument der "Hingabe".
Ysmir und Gunnar stießen wieder zu den anderen. Leise, da der Geist wieder zu lesen begann.

Der Held weiß, dass selbst in dunkler Stunde Zeit für kleine Freuden bleibt

Für Schätze, die glücklich machen, oder Erinnerungen an eine bessere Zeit

Auf dass er nie in Trauer des Lebens müde werde."

Sie sahen eine glückliche Frau in einer Metallrüstung. Sie trug eine Puppe mit dunklen Haaren und einer Flöte in der kleinen Puppenhand. Eine zweite Frau, die der Puppe sehr ähnlich sah, kam hinzu und gab ihr eine Blume, die wie die aussah, die Cahirah aus dem Garten mitgenommen hatte. Die beiden Frauen umarmten sich schwesterlich. Die Szene war so schön, dass sie Cahirah fast eine Freudenträne in die Augen trieb. Auch die anderen wurden von einem Gefühl des Glücks erfüllt.
Selbst in der dunkelsten Stunde wird die Hoffnung Euch ein Licht sein. Denkt immer an das, was Euch wichtig ist. Diese beiden waren auch meine Freunde. Als das Große Feuer über Ascalon hereinbrach, dachten wir, das Ende wäre gekommen. Wir überlebten. Wir suchten uns eine neue Heimat. Wir waren glücklich, denn wir lebten. Gebt nie auf. Dann werdet Ihr wahre Helden sein."
Der Geist von Mullenix verschwand wieder. Der Trupp schwieg noch eine Weile und dachte über all das nach, was sie in diesen Hallen erfahren hatten.
Sie waren Helden. Sie würden es schaffen.
Sif und Raegar kamen in die Halle, doch ohne Ewiges Eis. Ysmir verlor sofort seine gute Laune. „Wo ist er?" fragte er.
Sifs Blick verriet alles. „Er ist tot."


Loki machte es sich in seiner Kajüte bequem und freute sich über die Beute, die seine Mannschaft in einem der Schiffswracks gefunden hatte. Doch sein Steuermann teilte diese Freude nicht wirklich. "Wein?! In der verdammten Truhe war... Wein? Nicht als ein paar Flaschen Wein?"
Kleinfinger starrte mit offenem Mund den grinsenden Norn an.
"Nicht irgendwelcher Wein! Zehn der edelsten Sorten aus ganz Tyria, dazu zwei aus Cantha und ein ganz besonderer aus Elona! Hast du je schon mal elonischen Wein probiert, Petyr?"
"Nein." antwortete Petyr trocken. "Im Gegensatz zu dir bin ich meistens nüchtern auf hoher See. Und wenn ich doch mal was trinke, dann Rum. Der hält länger und hilft gegen Schmerzen."
Loki lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und griff in die offenen Truhe. "Umso mehr für mich!" sagte er fröhlich und entkorkte eine Flasche mit dem Mund, bevor er einen genüsslichen Zug daraus nahm. Er verzog das Gesicht, als die nicht ganz so genüssliche Flüssigkeit seine Kehle benetzte. "Brrr... der ist älter, als ich dachte. Jahrgang 1230... Kein Wunder. Was für eine Schande."
"Wie wäre es, wenn du das Zeug nicht selbst weg säufst und wir es bei unserer Rückkehr teuer verkaufen?" schlug der Steuermann vor. "Falls irgendwer an 100 Jahre altem Wein interessiert ist."
"Da wird sich schon jemand finden lassen, keine Sorge. Da ist noch mehr. Vielleicht taugt der elonische ja noch was." Und auch die nächste Flasche fiel dem Norn zum Opfer. Petyr konnte es nicht mehr mit ansehen und verließ die Kapitänskajüte. "He, der hier ist noch gut! Kleinfinger?"
Loki zuckte mit den Schultern und schenkte sich ein Glas ein. So gute Beute hatte er lange nicht mehr gehabt. Vermutlich würde bis zu ihrer Rückkehr nach Götterfels keine einzige volle Flasche übrig bleiben. Aber das war ihm egal. Nimm dir, was du kriegen kannst, und gibt nichts wieder zurück.
Ein Klopfen an der Tür der Kajüte riss Loki aus seinen Gedanken. "Käpt'n? Können wir reden?"
"Komm rein, Eve."
Die Mesmerin öffnete die Türe und schmunzelte, als sie den Wein trinkenden Norn sah. "Ich wusste doch, dass du dich sofort darauf stürzen würdest."
"Du wusstest, dass da Wein in der Truhe war?" fragte Loki überrascht.
"Natürlich. Mir entgeht fast nichts. Deswegen hab ich auch mitbekommen, wie unsere kleine Asura am Antrieb herum gepfuscht hat." erzählte sie.
"Deswegen wollte ich dich darum bitten, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Du bist der Einzige, auf den sie zu hören scheint."
Loki hörte ihr nur beiläufig zu und stellte ein weiteres Weinglas auf den Tisch. "Bitte, setzt dich."
"Danke, aber ich..."
"Elonischer Wein aus Vaabi, Jahrgang 1135. Fast 200 Jahre alt und er schmeckt noch immer."
"200 Jahre? Das kauf ich dir nicht ab. Welcher Wein hält sich denn bitte zwei Jahrhunderte lang?"
"Na, hab ich dein Interesse geweckt? Komm schon, oder soll ich die ganze Flasche allein trinken?"
"Hm... Von mir aus, schenk ein. Aber wehe, das Zeug schmeckt nach Essig."
Mit einem triumphierenden Lächeln schenkte ihr der Norn ein. Die Mesmerin setzte sich ihm gegenüber, ein Bein elegant über das andere geschlagen und schwenkte skeptisch den Wein in ihrem Glas, bevor sie einen Schluck davon nahm. Sie war sichtlich erstaunt. "Der... ist wirklich gut."
"Ha, hab ich's nicht gesagt? Glaubst du mir jetzt? 200 Jahre alt... und nahezu perfekt."
"Mmh... Das hatte nicht erwartet. Zeig mal die Flasche. Jahrgang 1135... 1135, sehr interessant."
"Ein bedeutendes Ereignis? Ich muss zugeben, dass ich mich mit der elonischen Geschichte nicht wirklich auskenne." gestand Loki. Nicht, dass er sich viel besser mit tyrianischer Geschichte auskannte.
"Wenn ich mich richtig erinnere, ist das das Jahr, als der Kontakt zu Elona abbrach, nachdem der Untotenfürst Palawa Joko es erobert und unterworfen hatte. Deshalb ist der Orden der Gerüchte erst in Tyria gelandet. Ich war mir nicht sicher, ob du über die Geschichte unseres Ordens Bescheid wusstest. Deinem Schweigen und dem überraschten Gesicht nach zu urteilen, war dem wohl nicht so."
Loki verdrehte die Augen. „Ach, und wenn schon. Ich weiß, wozu wir beide beim Orden sind. Um die Drachen wieder schlafen zu schicken. Am besten für immer."
„Na wenigstens das hast du nicht vergessen. Tatsächlich glaubte der Orden lange nicht daran, dass man die Altdrachen töten könne. Sie hatten sich wohl geirrt. Ursprünglich wurde er gegründet, um die Wahrheit über Palawa Joko geheim zu halten. Die meisten glaubten nämlich, Turai Ossa hätte ihn vor langer Zeit getötet. Vor 200 Jahren wurde er befreit, um den gefallenen Gott Abaddon aufzuhalten. Leider dauerte es nicht lange, bevor er den Orden hinterging. Womit wir wieder beim Thema wären. Das bedeutet, dass diese Flasche Wein vermutlich eine der letzten ist, die tatsächlich aus Elona stammt, im Gegensatz zu den ganzen minderwertigen Nachahmungen."
Loki zog die Braue hoch. "Tatsächlich? Ich wusste doch, dass eine Weinkennerin in dir steckt."
Eve lächelte. "Nun ja, das ist eben ein beliebtes Thema unter den Adligen von Götterfels. Und wenn man nicht mitreden kann, erntet man schnell ihr Misstrauen. Es wäre doch schade, wenn sich herausstellen würde, dass ich gar keine Adlige bin, nur weil ich mich nicht mit Wein auskenne."
"Du bist also gar keine Adlige? Wer hätte das gedacht... Na, zum Glück sind wir nur in meiner bescheidenen Kajüte und nicht im Thronsaal der Königin. Hier sind wir alle gleich, egal ob Bauer oder Fürst. Ich verstehe eh nicht, warum ihr Menschen eure Herkunft immer so ernst nehmt."
"Na, das freut mich aber. Wir Menschen sollten uns in manchen Dingen ein Beispiel an euch Norn nehmen. Nichtsdestotrotz, um wieder auf den Wein zu sprechen zu kommen: Diese Flasche ist unbezahlbar. Oder wäre sie gewesen, wenn sie noch voll wäre. Wir trinken gerade flüssiges Gold, sozusagen. Das wollte ich dir nur gesagt haben." erklärte sie mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton, den sie jedoch mit einem Lächeln wieder ausglich.
Loki sah sie einem Moment schweigend an und starrte in ihre funkelnden, purpurnen Augen. Er fragte sich, ob sie ebenfalls nur ein Mesmer-Trick waren, oder tatsächlich diese Farbe hatten. Dann zuckte er mit den Schultern und hob das Weinglas in die Höhe. "Tja. Dann sollten wir wohl keinen Tropfen davon vergeuden!" lachte er. Die Mesmerin stimmte in sein Gelächter ein. "Und du willst ihn mit mir teilen? Was verschafft mir die Ehre?"
Loki lehnte sich zurück und trank noch einen Schluck. Mit jedem schmeckte der Wein ihm besser. "Du bist jetzt schon eine Weile Teil der Crew und hast mehr geleistet als die meisten hier. Außerdem bist du neben mir die einzige auf diesem Schiff, die guten Wein zu schätzen weiß."
"Tja. Man sagt ja, die meisten Piraten würden nichts als Rum und Grog trinken..."
"Pah, Piraten. Das Wort ist auch nicht mehr das, was es mal war. Cobiah Marriner, das war noch eine wahrer Pirat. Nicht diese Banditen, die jedes Schiff überfallen, das ihnen in die Quere kommt!"
Loki war mit dem ersten Glas bereits fertig, während seine Gesprächspartnerin langsam und genüsslich trank. Das Glas war vermutlich recht groß für eine zierliche Menschenfrau, dachte Loki.
"Weißt du, was man sich über elonischen Wein erzählt? Angeblich soll an einige Flaschen ein Dschinn gebunden worden sein." brach sie das Schweigen.
"Ein was?"
"Ein Dschinn. Mächtige Naturgeister aus Elona. Zomorros in Löwenstein ist einer von ihnen."
"Ach, Zomorros, der alte Gierschlund! Verspricht einem Reichtum und Geschenke, und letzten Endes haut er einen dann doch über's Ohr. Der würde auch 'nen guten Piraten abgeben."
"Die meisten Dschinn sind an einen Ort oder Gegenstand gebunden. Hattest du nicht den alten Marriner erwähnt? Eines seiner Schiffe, das er gekaperthatte, soll ebenfalls einen Dschinn beherbergt haben. Es hat ihm jedoch kein Glück gebracht. Dschinn sind sehr... eigenwillig."
"Du kennst dich ja gut damit aus. Weißt du viel über Elona?." fragte Loki. Bevor die Mesmerin antwortete, nahm sie einen weiteren Schluck. "Ein wenig. Mein Vater soll elonische Vorfahren gehabt haben. Meine Mutter war ascalonischer Abstammung. Hat man mir zumindest erzählt."
"Hast du sie gekannt? Ich meine, falls du darüber reden willst. Wenn nicht, auch gut."
"Schon gut. Sie starben im Dienste von Kryta, und der Krone, kurz nach meiner Geburt." seufzte sie. „Ich habe erst vor einigen Jahren von ihrem wahren Schicksal erfahren."
"Tut mir leid. Ich wollte keine Erinnerungen wecken." entschuldigte sich der Norn. Eve nahm noch einen Schluck Wein.
"Was ist mit dir? Kanntest du deine Eltern?" fragte sie.
"Meinen Vater, aber nicht besonders gut. Wir wuchsen bei meinem Onkel auf."
"Wir? Du hast also Geschwister?"
"Ja, einen Bruder. Halbbruder, um genau zu sein. Du hast bestimmt schon von ihm gehört." sagte Loki und schenkte sich und seiner Gesprächspartnerin ein weiteres Glas ein. Sie wussten nicht einmal, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. "Denngar."
"Der Kommandeur?" antwortete Eve erstaunt. Loki nickte. "Ihr seht euch gar nicht ähnlich."
"Tja, ich bin eben der Hübschere von uns beiden. Spaß beiseite, wir stammen beide vom alten Romke ab. Ich habe von ihm das Segeln geerbt, und Denngar den Drang nach Abenteuern. Und..." Loki schwieg einen Moment und musterte Eve. Ihr Kleid war noch immer makellos, nicht ein einziger Fleck . So langsam glaubte er, dass es doch eine Illusion sein musste. „Und was?" fragte sie. Sie hätte selbst mit geschlossenen Augen bemerkt, dass er sie anstarrte.
„Und dieses alte Horn. Das einzige Erbstück von ihm."
„Ach, dieses Horn. Und wie ist es in dem Schrank da hinten in der Ecke gelandet, hm?"
Loki starrte sie abermals an, diesmal mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen. Er lehnte sich langsam zurück und schmunzelte, um seine plötzliche Nervosität zu überspielen. „Vor dir kann man offenbar gar nichts geheim halten. Ja, ich habe das Ding. Er hat es verzockt, bei einem Trinkwettbewerb. Gut, sein Gegner hat geschummelt, wie man es von einem Sohn Svanirs auch erwartet hätte. Denngar hat es sich zurückgeholt, doch es war durch Drachenmagie verdorben worden. Er hat sich dazu entschlossen, es mit Eirs Hilfe zu zerstören. Das konnte ich nicht zulassen. Es bedeutet mir mehr, als er sich denken kann. Er wollte es mir einst schenken, aber ich habe abgelehnt, denn es war sein Erbe, nicht meines. Damals hat mich mein Ehrgefühl zurückgehalten. Aber als ich erfahren habe, dass er sein Erbe zerstören wollte, hab ich ihm das Ding heimlich unter der Nase weg geschnappt und mit einem falschen ersetzt, dass ich von den Svanir gestohlen hatte. Er hat es bis heute nicht bemerkt. Und eigentlich ist es ja auch mein Erbe, daher halb so schlimm."
„Du hast also ein Artefakt an Bord, das von Jormags Magie verdorben wurde?" fragte Eve ernst.
„Es war verdorben. Ich habe es... wie sagt man noch gleich? Geläutert. Es ist harmlos."
Eve blickte ihn skeptisch an, doch dann zuckte sie mit den Schultern und nahm einen Schluck Wein.
"Warum sitzen wir eigentlich noch gleich hier und trinken unglaublich teuren Wein, Käpt'n?"
Loki schmunzelte. "Weißt du, ein guter Freund hat mir mal gesagt: Im Wein steckt Wahrheit."
Eve erwiderte sein Lächeln charmant. "Ach? Glaubst du, was ich denke, was die Wahrheit ist?"
Loki schaute sie erwartungsvoll an. "Ich weiß nicht. Was denn?"
"Ich glaube, du hast ein Auge auf mich geworfen..."
Loki brach in kräftigem Gelächter aus. Er glaubte, dass sie sich einen Scherz erlaubt hatte und zeigte auf seine Augenklappe. „Du hast es erkannt. Du hast nicht vor, es mir zurückzugeben, oder?"
"Oh, ich wollte nicht... Das hatte ich gar nicht..." sagte Eve hastig, da der Witz eigentlich nicht beabsichtigt war. „Tut mir leid."
Loki lachte abermals auf. „Nicht doch, schon in Ordnung. Petyr hat schon schlimmere Witze über mich gemacht. Mach nur weiter so, du passt wirklich perfekt in die Crew!"
„Na schön, du verwegener, einäugiger Seebär. Dann erzähl mir doch mal, wie du wirklich dein Auge verloren hast."
"Wusste ich doch, dass du früher oder später fragen würdest. Gut, dann lasse ich dich nicht warten."
Er lehnte sich zurück, die Hände gefaltet.

"Es war vor einigen Jahren, noch vor dem Krieg mit Zhaitan. Ich war noch neu beim Orden, aber habe verdammt gute Arbeit geleistet, wenn ich das mal so sagen darf. So jemanden wie mich hatten sie schon lange nicht mehr gesehen! In der Blutstrom-Küste hatten wir gerade mit den ganzen Piraten zu kämpfen. Eigentlich hatte diese Bande den Namen überhaupt nicht verdient, schon ganz besonders nicht die Brut von Covington. Ach ja, Taidha Covington, diese verdammte... Hydrakönigin hat man sie genannt. Eine Hydra war sie vielleicht, aber ganz bestimmt keine Königin. Ich war schon damals ein echter Haudegen, also hab ich es mit einem direkten Angriff versucht, als sie gerade auf Beutezug war... Eine ziemlich blöde Idee, wie sich schnell herausstellte. Hat mich mein schönes Schiff gekostet zusammen mit der ganzen verdammten Besatzung! Na gut, eigentlich war es ein Schiff der Löwengarde gewesen, das ich mir... ausgeliehen hatte. Covington hat mich Wochen lang in einen Kerker geworfen und mir nichts als Salzwasser zu trinken gegeben, die sadistische Schlange. Ich hab's trotzdem ausgehalten. Sie mochte meinen Kampfgeist und ich hab sie schließlich sogar dazu gebracht, mich in ihre Crew aufzunehmen. War nicht leicht, aber ich hab mich schnell hochgearbeitet. Diese blutrünstigen Einfaltspinsel waren weder gegen meinen Rapier noch meinen messerscharfen Verstand gewappnet. Einige Duelle, Hinterhalte vom Orden und arrangierte Unfälle später hab ich ihren Ersten Maat zum Trinkduell herausgefordert. Der Kerl hatte eine Leber wie ein Schwamm, aber er wollte mich über's Ohr hauen. Hat mir Säure in den Grog gekippt. Ich hab es erst bemerkt, als mir nach dem siebten Schluck der Humpen in der Hand weg geschmolzen ist. Ich hab trotzdem gewonnen."
"Jetzt komm schon, so langsam wird's absurd..." warf Eve ein.
"Du zweifelst? Ich bin schockiert, Eve, das bricht mir ja fast das Herz! Ich schwöre, bei allen Geistern der Wildnis, es war so! Es ist ja nicht so, als wäre das Zeug an sich nicht schon ätzend genug gewesen. Ich war also Erster Maat unter Taidha Covington und hatte das alte Meeresungeheuer fast um den Finger gewickelt. Ich glaube fast, sie hatte Gefallen an mir gefunden. Als wir dann... unter vier Augen waren, bin ich im letzten Moment aufgeflogen. Ich war so kurz davor, ihrem Treiben ein Ende zu machen, da hat sie den verdammten Dolch bemerkt! Es war ja nicht so, das versteckte Dolche ungewöhnlich unter Piraten wären, aber auf dem war das Symbol vom Orden eingraviert. Ich war leider abgelenkt, daher hab ich erst bemerkt, dass der Dolch weg war, als sie ihn mir direkt in's Auge rammte. Hätte ich nicht dafür gesorgt, dass sie betrunken war, hätte sie wahrscheinlich besser gezielt und dann wär's das für mich gewesen. Ich bin lebendig entkommen, wenn auch mit einem Auge weniger. Aber am Ende hab ich meine Rache doch noch bekommen. Und... naja, außerdem steht mir die Augenklappe."
Eve fehlten die Worte. Daher beschloss sie, stattdessen ihr Glas auf den Norn zu erheben.
"Ach, jetzt fällt mir wieder ein, warum ich überhaupt hier bin." sagte sie nach einer Weile.
"Stimmt, du hast unsere kleine Technikerin erwähnt. Was hat die Maus denn diesmal wieder angestellt?" fragte Loki und nahm einen kräftigen Schluck, den er auch dringend brauchte, nachdem er die Geschichte erzählt hatte.
"Nichts schlimmes." antwortete die Mesmerin. "Aber sie ist völlig unbelehrbar. Meint immer, sie wüsste alles besser."
"Nun, sie hat ja auch Ahnung. Ohne ihre Verbesserungen am Antrieb wären wir vermutlich noch immer in Götterfels. Auch wenn ich immer noch finde, dass ein paar zusätzliche Kanonen noch besser gewesen wären."
"Noch mehr? Ohne den Antrieb würde das Schiff vermutlich sinken, bei den ganzen 30-Pfündern unter Deck." argumentierte Eve.
"32-Pfünder. Es sind gerade mal zehn auf jeder Seite. Dazu die acht Karronaden, zwei Drehbassen, zwei Mörser und die zwei Harpunen auf dem Hauptdeck..."
"Die Naglfar hat mehr Feuerkraft als die meisten krytanischen Fregatten!"
"Tatsächlich? Na dann können sie ja von Glück reden, dass sie unsere Verbündeten sind. Falls die Eisbrut in all den Jahren das Segeln gelernt hat, sind wir zumindest auf sie vorbereitet. Nicht, dass ich daran glaube. Aber... das ist nicht meine größte Sorge. Da draußen ist etwas viel Schlimmeres." Seine Miene verfinsterte sich und seine Stimme war nur noch ein Flüstern. "Drakkar!"
"Drakkar? Meinst du etwa das Gewässer, das mal der Drakkar-See war?"
"Nein, ich meine Drakkar. Hast du dich nie gefragt, woher der See seinen Namen hatte? Der See war bis vor Jormags Erwachen völlig zugefroren, und mit ihm ein riesiges Ungeheuer. Das ist Drakkar. Er war der Champion des Drachen, der den Norn Svanir bekehrte und aus ihm den Nornbären machte. Es gibt zahlreiche Legenden über ihn, in denen er als riesiges Meeresungeheuer beschrieben wird, das ein ganzes Schiff mit einem Schwanzschlag zerteilen kann."
Eve schien skeptisch zu sein. "Das hört sich alles nach Seemansgarn an. Im schlimmsten Falle ist es ein Leviathan, aber der sollte unser Schiff nicht so leicht klein kriegen."
"Pah, wir können froh sein, wenn es nur ein jämmerlicher Leviathan ist. Wenn es Drakkar wirklich gibt, und daran zweifle ich nicht, dann treibt er sich irgendwo in den Gewässern der Fernen Zittergipfel rum. Also sollten wir zu den Geistern der Wildnis und euren Sechs Göttern beten, dass wir ihm nicht begegnen, wenn die Geschichten über ihn auch nur annähernd wahr sind."
„Na schön. Dann kannst du mir aber auch ruhig glauben, dass dieses schwarze Schiff, dass wir vorhin gesehen haben, Mursaat waren."
„Mursaat... Das sind doch Geschichten, Eve, Petyr hat es dir doch gesagt."
„Was weiß der schon? Er meinte, wenn es Mursaat gäbe, dann wäre er der Irrkönig Thorn. In dem Falle wäre er zumindest lustig..." murrte die Mesmerin. „Aber das sind nun mal Tatsachen. Nördlich von hier liegen die Janthir-Inseln. Die vermeintliche Heimat der Mursaat."
„Vermeintlich. Du sagtest doch schon, dass niemand von dort zurückgekehrt ist."
„Niemand, bis auf Saul D'Alessio, Gründer des Weißen Mantels. Und kaum einige Jahre später tauchen die Mursaat auf ganz Tyria auf. Manche berichten, sie hätten sie nund wieder im Maguuma-Dchungel gesehen. Glaub, was du willst. Ich bin überzeugt. Sie sind zurückgekehrt."
„Na schön. Glaubst du, es waren diese Mursaat, die das Auge des Nordens erbaut haben?" fragte Loki.
„Wie kommst du jetzt da drauf? Keine Ahnung, es wäre möglich. Oder die Vergessenen."
„Es interessiert mich, weil ich mich Frage, ob unser Trupp dort womöglich gerade ist. Und ob er überhaupt noch lebt."
„Guter Punkt. Das werden wir sehen, falls wir überhaupt so weit kommen."
„Das glaube ich schon. Schließlich sind wir Helden." sagte Loki selbstsicher. Eve schmunzelte.
„Na dann, auf uns Helden!" sagte sie und erhob das Glas.
„Aye, auf uns!"