Kapitel 9
Der Markt in Gil'ead war vor allem laut und hoffnungslos überfüllt. Carsaib, der noch nie in einer der großen Städte gewesen war, blieb ständig mit vor Staunen offenem Mund stehen und musste von Haeg weiter gezerrt werden. Anjia hielt sich an den Arm ihres Vaters geklammert und biss sich auf die Lippen. „Junge, sieh zu, daß niemand etwas vom Esel stiehlt!", brüllte der alte Zauberer über den Lärm hinweg und stieß weiter durch die schubsende und drängelnde Menge vor.
Irgendwie gelang es Carsaib, den röhrenden und bockigen Esel hinter sich her zu ziehen und folgte seinem Lehrmeister, auch wenn er langsam Mühe hatte, seine aufkeimende Panik zu unterdrücken. Wie konnte man nur freiwillig in so einer Enge leben? Der ungeheure Lärm, die ständige Anwesenheit anderer, der Gestank, die stehende Luft... Nein, für ihn war das nichts. Er wollte so schnell wie möglich wieder raus auf das offene Land. In Gedanken versunken wäre er fast an Haeg vorbei gelaufen, der an einem Tuchstand aufs Bitterste feilschte.
Mehr beiläufig als bewusst nahm er wahr, daß der Händler unverschämt niedrige Preise für Anjias Webwaren bieten wollte und der alte Mann fluchte und schimpfte, wies auf seine blinde Tochter und schimpfte noch mehr, wie man nur so herzlos sein könne, so wenig zu zahlen, und so weiter. Alles Verhandlungstaktik, aber Carsaib wusste das nicht und fragte Anjia unschuldig, ob es nicht noch andere Tuchhändler in der Stadt geben würde. „Dummkopf! Der hier zahlt die besten Preise!", zischte sie ihm zu und kicherte: „Aber Vater spielt immer so ein Theater, das gehört dazu."
Peinlich berührt wendete er sich von der Szene ab und blickte über den restlichen Markt. Das Gewimmel der Menschen in ihren bunten Kleidern verwirrte ihn nicht weniger als das Stimmendurcheinander und der Geruch der verschiedenen Garküchen, deren Dämpfe hartnäckig mit dem Gestank der offenen Kloaken konkurrierten. Er bekam Kopfschmerzen und sein Magen deutete an, sich übergeben zu müssen, aber er würgte die Übelkeit hinunter und starrte gebannt auf eine Gruppe Marktbesucher, die ihm seltsam vertraut erschien. Einige Meter vom Tuchstand entfernt schob sich eine Nomadenfamilie durch das Gedränge. Carsaib erkannte die Muster der Kleidung und duckte sich. Es waren keine Angehörige des Stammes, dem seine Eltern und er früher angehört hatten, aber sie gehörten zu einer Gruppe, die oft mit ihnen Handel getrieben hatte. Es lief ihm gleichzeitig heiß und kalt über den Rücken: seit er bei Haeg untergekommen war, hatte er sich keine Gedanken mehr um sein früheres Leben und die dazu gehörenden Rituale gemacht. Nun aber wurde ihm schmerzhaft bewusst, daß er immer noch nur die Schmucknarben eines Jugendlichen trug.
Haeg hatte zu Ende gehandelt und lud den Esel ab, wobei er Anjia zunächst an Carsaibs Arm abgab. Dieser reagierte kaum und Anjia fragte leise: „Was ist?"
„Nichts.", log Carsaib und fasste sie fester unter. Die Gruppe war weitergezogen und er starrte ihr hinterher, bis das Gedränge auf dem Marktplatz ihm endgültig die Sicht nahm. Irgendwo vor den Toren der Stadt würde es ein Lager geben, wo die ganz Jungen und die Alten vor ihren Zelten auf die Rückkehr der Marktbesucher warten würden. Dann würde es am Abend ein Fest geben, wo jeder seine eingetauschten Waren dem Stamm zeigen würde – damit jeder wusste, wem was gehörte und niemand später behaupten konnte, es wäre seines, auch wenn das nicht stimmte. Carsaib schüttelte unwillkürlich den Kopf. Einerseits schien ihm das alles jetzt so primitiv, andererseits aber auch so einfach und logisch. Ein simpler Knochenkamm würde genauso bewundert werden wie ein Spiegel aus purem Gold – in den menschenleeren Ebenen war Gold genauso wenig essbar wie Stein, warum also neidisch sein auf den Besitz anderer?
„Auf, meine Wüstenratten! Erst holen wir uns etwas zu essen, dann suchen wir Manel auf!" Haeg klatschte vor Begeisterung in die Hände und zog den um etliche Stoffballen erleichterten Esel hinter sich her. Anjia ließ sich von Carsaib führen und sie kamen gut voran. Die vor Fett triefenden gefüllten Fladen waren schnell verzehrt und die ganze Gruppe seufzte erleichtert auf, als sie aus dem dicksten Getümmel in eine Seitenstraße traten. Hier überlagerte zwar der Gestank des Abwassers, das in der Straßenmitte in einem kleinen Rinnsal vor sich hin floß, alles andere, aber wenigstens waren hier weniger Menschen unterwegs.
„Ist das immer so voll auf dem Markt?", fragte Carsaib und rieb sich die Stirn. Seine Kopfschmerzen klopften immer heftiger vor sich hin.
„Heute war es noch harmlos! Wenn wir erst morgen hier gewesen wären, hätten wir den Esel zuerst bei Manel lassen müssen.", lachte Haeg und führte sie tiefer in ein Gewirr aus kleinen Gässchen und schmalen Straßen. Einmal mussten sie einer Gruppe betrunkener Zwerge ausweichen, was angesichts der Enge eine ziemliche Schubserei wurde.
Manels Haus stellte sich als schmal gebaute und windschiefe Behausung heraus, die eingezwängt zwischen anderen Häusern, die nicht weniger schief standen, im Südteil der Stadt, nahe der Stadtmauern, den Gesetzen der Physik trotzte. Es dauerte eine Weile bis Carsaib erkannte, daß die Häuser ab dem ersten Stock „überhingen", um so mehr Platz zu bieten, als die Grundfläche hergab. Die zweiten Stockwerke drängten noch weiter über die Straße, und die wenigen Häuser, die sogar drei Etagen besaßen, wurden von den gegenüberliegenden Gebäuden mit schweren Balken am Umfallen gehindert. Den Himmel sah man in diesen Gassen kaum und die Sonne war sicher seit Jahrhunderten nicht mehr auf die klobigen Steine gefallen, mit denen die Straßen gepflastert waren.
Der Hexer selbst war klein, runzelig und von überschäumender Herzlichkeit, die nur noch von der seiner runden Frau übertroffen wurde, die alle Besucher an ihren gewaltigen Busen drückte – mit Ausnahme des Esels. Letzterer wurde von einem jungen Burschen aus der Nachbarschaft zu einem Stall gebracht, der einige Straßen entfernt war. Nachdem Manel sie alle in seine Stube geführt hatte, atmete Carsaib das erste Mal wieder richtig durch, seit sie in der Stadt waren. Nie hätte er sich träumen lassen, sich je so eingeengt fühlen zu können. Wie hielten die Menschen das nur in den Städten aus?
Manel lachte bei dieser Frage und erklärte: „In den Städten glauben die Bewohner, dem Dreck und Staub der Felder entronnen zu sein. Sie handeln mit Waren, an deren Herstellung sie nicht mehr beteiligt sind und die Handwerker arbeiten mit Rohstoffen, von denen sie meist nicht einmal wissen, wo sie gewonnen wurden. Und dieses Unwissen macht sie glauben, etwas besseres als die Bauern draußen in den Dörfern zu sein!" Er schüttelte den Kopf und fuhr fort: „Dabei wimmelt es in den Städten von Ratten, Krankheiten breiten sich schneller aus und die Abwasser stinken zum Himmel. Gil'ead ist eine Garnisonsstadt und der König achtet sehr darauf, daß seine Soldaten nicht krank werden. Hier werden noch alle paar Wochen die Abfälle vor den Toren verbrannt und die Straßen gespült, in Teirm geschieht das nur einmal im Jahr."
Anjia und Carsaib schüttelten sich vor Ekel, als Manels Frau Herak mit einem Tablett auf den Armen in den Raum polterte: „Esst, Kinder, esst!" Heißer Tee und süße Kuchen vertrieben vorläufig alle schlimmen Gedanken und erst spät abends, als alle sich schlafen gelegt hatten, dachte Carsaib noch einmal über seine Vergangenheit nach. Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn seine Familie nicht verstoßen worden wäre? Hätte er dann jetzt schon Frau und Kinder? Ein eigenes Zelt und eine kleine Herde Rotschafe? Auf jeden Fall hätte er nie Lesen und Schreiben gelernt. Dieser Gedanke traf ihn wie ein Schwertstreich. Bei allem worauf er gelernt hatte zu verzichten in seinem jungen Leben bisher, diese Fertigkeiten waren sein eigen und wesentlich wertvoller, als es eine Herde Schafe je sein könnte.
Und doch schmerzte es ihn, nicht mehr Teil einer Stammesgemeinschaft zu sein.
TBC
