Jinai: Ich lieg da also gestern so im Bett, will gerade einschlafen, da denk ich mir: Böses Wort! Ich hab vergessen zu updaten!
Raffael: Du hast wirklich 'Böses Wort' gedacht?
Jinai: Neeiiin, ich wollte jetzt nur nicht grafisch werden. Es war ein sehr böses Wort.
Raffael: Du hast es dir auch verdient. Es ist Montag!
Jinai: Na, immer noch besser als Freitag.
Raffael: *grummel* Mach einfach weiter.
Lysslass: Wo wir gerade bei pünktlich sind ... chrm. Sprechen wir nicht mehr davon xD Du bezeichnest Kanda als klug? :D Naja, also, ich will ja jetzt keine Fangirls verärgern, aber ähem ... *hinter schutzschild krabbel* wir wissen alle, was Hoshino-sensei über Kandas Intelligenz gesagt hat :D Darum müssen wir jetzt unser bestes geben, um ihr das Gegenteil zu beweisen, nicht wahr? *fangirls hoffnungsvoll anschau* Nicht wehtun, bitte. 'Er will' Kie ist genau der richtige, um Kandas Autorität durchzusetzen, da erspart es Kanda, sich darum zu kümmern xD Je mehr ich an Kie bastle, desto besser arbeitet er mit Kanda zusammen, hm o.o Auch wenn sie privat auf Kriegsfuß stehen. Nur leider hat Kie nicht das gleiche Durchsetzungsvermögen wie Kanda, sonst käme er gegen den Japaner auch an. Nun, sagen wir besser nicht leider, sondern ... glücklicherweise :D
sternenhagel: Das mit den Drogen kann ich erklären, ehrlich. Es waren bloß Schmerzmittel und die hab ich alle ganz legal erworben und ehrlich bezahlt. Ob er wirklich zwei Konkurrenten hat, naja, ich weiß nicht. Schauen wir mal, wie es weitergeht. Ich glaube, nach diesem Kapitel hast du eine andere Meinung über das Verhältnis zwischen Kanda und Korbinian. Ich mag Namen mit K, schon mal bemerkt? Kanda, Kie, Korbinian. Haben alle einen Platz ganz nahe am Kamin in diesen kalten Tagen. *neben ihnen sitz und paprikahendl ess*
Psychomantium: Auch dir sage ich: Schweigen wir über das Thema Verspätungen ... chrm xD Wie es jetzt weitergeht? Jetzt beginnt endlich die Mission! Nach nur NEUN Kapiteln! xD Ich werde immer besser. Das hast du richtig erkannt, Kommunikation und Kanda vertragen sich wie Wasser und Öl. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er weiß, wie man das Wort schreibt ... *von den fangirls eine auf den deckel krieg* Hey, das war im übertragenen Sinne gemeint! Na klar, jeder hätte so reagiert! o.o Hallo, Kie bei Jinai schlafen lassen? Das geht ja mal gar nicht. Gut, dass Kanda die Passagierkabinen noch rechtzeitig gefunden ha- *wieder von den fangirls eine auf den deckel bekomm* Hey, jetzt reicht's aber mal langsam! Hier wird man immer nur missverstanden -.-
Rated: T
Disclaimer: Jinai gehört nichts, weder der Manga noch die Charaktere noch die Zeit. Wenn ihr das letzte nämlich gehören würde, wäre sie nicht immer so spät dran.
10. Hundert Punkte für Hebbel
Als Jinai aufwachte, war die erste Wahrnehmung Schmerz.
Ihre Verletzungen waren nicht wie durch ein Wunder über Nacht abgeklungen – so schön das auch gewesen wäre. Manchmal beneidete sie Kanda um dieses Talent. Es wäre bestimmt sehr nützlich, wenn sie das auch beherrschen würde.
Müde kämpfte sie sich unter der Decke hervor und kniff die Augen zusammen, als das Sonnenlicht ihre ungeschützten Augen traf. Wie lange hatte sie geschlafen? War es noch Heute oder schon Morgen?
Blinzelnd sah sie sich um und orientierte sich, um sich zu erinnern, wo sie war. Ihr Bett schaukelte und erinnerte sie einen Moment lang an die Kiste, in der sie gelegen hatte, aber der Gedanke verschwand sofort wieder. In der Kiste war es nicht so hell und weich gewesen. Sie befand sich an Bord eines Schiffes, in der Koje, die Kie ihr überlassen hatte. Und wo war der Finder?
Nicht da, aber dafür blieb Jinai für eine Sekunde das Herz stehen, als sie eine dunkle Gestalt neben der Tür sitzen sah. Wegen den langen Stirnfransen konnte sie nicht sehen, ob Kanda die Augen offen oder geschlossen hielt, aber es sah ganz so aus, als ob der Exorzist schlafen würde. Wieso er allerdings nicht einfach die andere Koje genommen hatte und stattdessen auf dem Boden saß, konnte sie nicht verstehen.
Er hatte die Beine im Schneidersitz übereinander gelegt und die Klinge seines Schwertes darauf platziert, eine Hand auf dem Schwertgriff – der ewig wachsame Exorzist. Manche Dinge änderten sich anscheinend nie. Von ihrer Koje aus betrachtete Jinai ihn eine Weile lang. Gerade schoben sich keine Erinnerungen an das Akuma vor ihre Augen, gerade machten sie ihr keine Angst und trübten ihren Blick. Sie sah nur den Exorzisten, in den sie sich entgegen aller Vernunft verliebt hatte, der nie ein Traumprinz sein würde und den sie auch nicht so haben wollte. Und in gewisser Weise hatte er ihr auch einen Gefallen getan, als er einfach gegangen war, denn sie hätte sonst viel länger gebraucht, um sich zu entscheiden. So hatte er ihr wieder vor Augen geführt, warum sie in diese Welt zurückgekommen war, und ihre Entscheidung rapide beschleunigt. Sie konnte damit leben, dass er nicht ganz menschlich war, Hauptsache, er blieb bei ihr.
Jinais Blick wanderte über sein schlafendes Gesicht, von dem sie nur die Nasenspitze und den Mund erahnen konnte, die sich stetig hebende und senkende Brust, die Hände, die locker auf den Oberschenkeln lagen und von denen eine Mugens Griff berührte. Wie immer hatte er die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst und es juckte sie förmlich in den Fingern, diesen zu öffnen und ihre Finger durch die langen, seidigen Strähnen wandern zu lassen. Stattdessen blieb sie liegen und betrachtete ihn einfach, weil er bestimmt aufwachen würde, wenn sie ihn berührte; und wann sah er schon so friedlich und entspannt aus wie im Schlaf?
Es währte ohnehin nicht lange, denn bald kam Bewegung in den Japaner: Seine Hand schloss sich fest um Mugens Griff, seine Atmung veränderte sich, wurde tiefer und kräftiger, und dann hob er den Kopf. Jinai konnte förmlich sehen, wie seine Pupillen kleiner wurden, als sie sich dem Licht anpassten, dann sah er sie an. Sie starrten sich ein paar Sekunden lang wortlos an, dann klopfte es an der Tür. Jinai hätte schwören können, dass Kanda nur aufgewacht war, weil er die Schritte der Person schon auf dem Gang gehört hatte.
„Kommt ihr? Es gibt Frühstück", klang Kies Stimme dumpf durch das Holz.
„Wir kommen gleich", antwortete Jinai, ohne den Blick von dem Exorzisten zu nehmen. Nach einer Sekunde entfernten sich die Schritte wieder und Jinai schlug die Decke zurück und schwang die Füße aus dem Bett. Jetzt hielt sie den Blick gesenkt, während sie in die Stiefel schlüpfte, dann aufstand und nach dem Exorzistenmantel griff, den sie an einen der beiden Haken an der Wand gehängt hatte. Es war eine Kabine der ersten Klasse, aber auch eine kleine Fähre, in der es nicht viel Platz gab.
„Wieso sagst du mir nicht, wer dir diese Verletzungen zugefügt hat?"
Da. Da war es wieder, das Schreckgespenst ihrer Erinnerungen, das bei jedem falschen Wort über sie herfiel und sie jeden Schlag, jeden Tritt, jedes Detail noch einmal fühlen ließ. „Du würdest es nicht hören wollen", entgegnete Jinai kurz angebunden und presste die Lippen fest zusammen. Es war selten, dass Kanda einmal ein Gespräch begann, aber sie konnte das im Moment nicht wirklich würdigen.
„Versuch es."
„Du willst es wirklich wissen? Na schön", fauchte Jinai aufgebracht und drehte sich zu ihm um. Er stand inzwischen auch – genau zwischen ihr und der Tür. „Du warst es!" Damit hatte sie sich auf jeden Fall einmal seine Aufmerksamkeit gesichert, denn aufmerksamer als Kanda in diesem Moment konnte man wohl nicht zuhören. „Es war ein Akuma mit deinem Gesicht, das mich in die Irre geführt, niedergeschlagen, in eine Kiste gesperrt, in einen See geworfen, fast ertrinken lassen, quer durch zwei Länder verfolgt, am Rande der Erschöpfung überwältigt und mit Fäusten bearbeitet und schlussendlich vor meinen Augen einen unschuldigen spanischen Bauern getötet hat, der mir nur zu Hilfe kommen wollte!" Den Schluss schrie sie ihm schon fast entgegen, bevor ihre Stimme, schrill vor Aufregung, versagte und kippte. Ein paar Augenblicke lang sagte keiner von beiden ein Wort, dann drängte sich Jinai schweigend an ihm vorbei und verließ die Kabine.
Sie hatte gesagt, was zu sagen war. Sie hatte seine Frage beantwortet. Das war es doch, was er wollte, also hoffentlich fühlte er sich jetzt besser. Denn Jinai fühlte sich keinen Deut besser durch ihren Ausbruch. Angeblich half es ja, wenn man darüber sprach, was einen plagte, aber sie würde das, was gerade geschehen war, nicht wirklich als vernünftiges Gespräch bezeichnen. Eigentlich hatte sie nur geschrien und Kanda hatte stumm zugehört.
Jinai wollte sich nicht vorstellen, was er von ihren Worten halten musste. Wahrscheinlich war er entsetzt über das, was er erfahren hatte. Entsetzt, was ihr passiert war, was sie zugelassen hatte, was sie auf eine verquere Art und Weise jetzt ihm zur Last legte. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hatte sie ihn auch verletzt dadurch, dass sie diese ungewollte Verbindung zwischen ihm und dem Akuma zog und darum nicht normal mit ihm umgehen konnte, und Jinai hätte selbst nicht gedacht, dass es ihr so schlimm vorkommen würde. Ihr Körper reagierte aber anders, nämlich mit Angst und entwickelte ein regelrechtes Eigenleben, drängte sie dazu, schleunigst das Weite zu suchen. Als Kanda geschlafen hatte, hatte sie nicht das Bedürfnis zu fliehen gehabt, aber kaum, dass er aufgewacht war, hatte sie es kaum noch im selben Raum mit ihm ausgehalten.
Wie wollte sie in diesem Zustand mehrere Monate in der Wüste verbringen – mit ihm? Im Moment schien es Jinai jedenfalls schier unmöglich.
oOo
Zweiunddreißig Stunden und sechzehn Minuten. Das waren Minuten.
Und genau so lange sprach Jinai schon nicht mehr mit ihm, von ihrem Gefühlsausbruch heute Morgen einmal abgesehen. Kanda wusste nicht, ob er diesen zählen sollte oder nicht, aber da es danach genauso weitergegangen war wie zuvor, zählte er wohl nicht als 'mit ihm reden'.
Vor einer Stunde hatte die Fähre Mostaganem erreicht und im Hafen angelegt. Da es bereits später Nachmittag war, würden sie heute nicht mehr aufbrechen, sondern die erste Nacht hier in der Stadt verbringen. Das verschaffte ihnen zusätzliche Zeit, um sich mit dem Orden in Verbindung zu setzen, Proviant für ihre weitere Reise zu besorgen und einen Führer zu finden, der sie nach Ouargla brachte.
In Kandas Sprache hieß das: Sie waren wieder zum Nichtstun verdammt, während Kie sich um alles kümmerte.
In Jinais Sprache hieß das wohl: Krempel die Ärmel hoch und mach. es. selbst.
Die Exorzistin hatte es sich nicht nehmen lassen, Kie zu begleiten und sich selbst in der Stadt umzusehen, während sie und der Chinese die notwendigen Vorbereitungen trafen. Da Kanda in dieser exklusiven Tour nicht vorgesehen war, saß er am vereinbarten Treffpunkt fest. Das wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, wenn …
„Als höchstes Wunder, das der Geist vollbrachte,
preis ich die Sprache, die er, sonst verloren
in tiefste Einsamkeit, aus sich geboren,
weil sie allein die andern möglich machte …"
… er alleine gewesen wäre.
Korbinian Hase war der nächste unerwünschte Kandidat auf dieser Reise, an den der Exorzist nun gebunden war. Um es mit Kies Worten auszudrücken: „Pass auf, dass er nicht verloren geht, während wir weg sind." Vom Leibwächter eines Colonels, der sich dazu berufen fühlte, für eine Kommerz-Gesellschaft durch die Wüste zu krabbeln – was an sich schon schlimm genug war – degradiert zum Aufpasser für einen dichtenden Schreiberling, der anscheinend selbst nicht mehr ganz dicht war.
„Ja, wenn ich sie in Grund und Zweck betrachte,
so hat nur sie den schweren Fluch beschworen,
dem er, zum dumpfen Einzelsein erkoren,
erlegen wäre, eh' er noch erwachte."
Wieso hatten Kie und Jinai nur beschlossen, gemeinsam mit dem Zeitungsschreiber weiterzureisen? Für Kanda war eine solche Entscheidung nicht nachvollziehbar. Andererseits waren die anderen beiden für den Moment auch noch vor dem Herumdichten des Mannes gefeit, während sie Mostaganem unsicher machten. Kanda hingegen saß auf dem Rand eines Brunnens, der aus der Schlucht* des Aïn Sefra gespeist wurde, des Flusses, der Mostaganem in zwei Hälften spaltete, mit dem alten muslimischen Teil im Nordosten und der neueren Stadtsiedlung unter französischer Herrschaft auf der anderen Seite im Südosten. Um ihn herum standen niedrige ein- oder zweistöckige Gebäude aus Lehmziegeln, die die gleiche Farbe hatten wie die rötliche Erde zu seinen Füßen, und vor ihm stand der Journalist, deklamierte und wurde von niemandem beachtet außer von einem Hund, der seine Schuhe interessanter fand als Hebbels hunderstes Gedicht.
„Denn ist das unerforschte Eins und Alles
in nie begriffnem Selbstzersplittrungs-Drange
zu einer Welt von Punkten gleich zerstoben:"
Hase zitierte bevorzugt Hebbel. Auch das hatte Kanda im Laufe der vergangenen Stunde mehrfach festgestellt, denn jedes Mal, wenn der Reporter ein Gedicht beendet hatte, erzählte er seinem nicht existierenden Publikum – und Kanda, der sich auch dringend wünschte, woanders zu sein – von wem das Gedicht stammte. In den meisten Fällen war es Hebbel.
„So wird durch sie, die jedes Wesen-Balles
geheimstes Sein erscheinen läßt im Klange,
die Trennung völlig wieder aufgehoben!"
„Lassen Sie mich raten", knurrte der Exorzist. „Wieder Hebbel."
„Es ist immer wieder Hebbel."
„Wie wäre es, wenn Sie sich mal etwas neues einfallen lassen? Oder noch besser: Schweigen."
Korbinian Hase betrachtete ihn kritisch. „Sie sind kein Freund der Dichtkunst."
„Ich bin kein Freund von vielen Worten und Sie haben in der letzten Stunde einen Wochenvorrat verbraucht", gab Kanda missmutig zurück.
„Und ich glaube, ihre Verdrießlichkeit rührt eher daher, dass das Mädchen nicht mit Ihnen spricht."
Hundert Punkte für Hebbel.
Schnauze. Es reichte Kanda schon, wenn Hase sich hier wichtig machte, da sollte wenigstens sein Unterbewusstsein die Klappe halten.
„O, dass der Freude lichter Born,
Einmal getrübt, so leicht versiegt,
Und unser Glück und unsre Lust
Spurlos wie Schaum im Wind verfliegt!
Indes von jedem Unglück doch
Ein Stachel tief im Herzen bleibt
Und unauslöschbar seine Schrift
Der Schmerz in Stirn und Wangen schreibt!"
„Hebbel?"
„Nein, Ernst Scherenberg. Ich habe noch eines für Sie:
Sein Wahnsinn war ihm hinderlich,
dies Erdeleben abzukürzen.
Er wollt' in der Verrücktheit sich
zugleich in alle Brunnen stürzen."
„Soll das eine Anspielung sein?"
„Nein, ein Gedicht von Friedrich Haug, Sie Banause."
„Sagen Sie mir Bescheid, wenn Ihr Gehirn endlich in der Sonne schmilzt und Ihnen aus den Ohren läuft."
„Frechheit."
Daraufhin zitierte er ungefähr noch eine halbe Stunde lang weiter und Kanda malte sich inzwischen allerlei schöne Todesarten für diesen Mann aus. Die Gedichte waren ebenso unergiebig für ihn wie das Gespräch, das sie zwischendurch einmal geführt hatten, denn dass er hauptsächlich wegen der Sache mit Jinai schlecht gelaunt war, wusste Kanda selbst.
Wütend war er vor allem auf die Akuma, die sich angemaßt hatten, ihre Gesichter zur Schau zu tragen. So hatten sie nicht nur ihn getäuscht, sondern auch Jinai, aber während er nur eine Nacht im Gefängnis verbracht hatte, hatten sie Jinai wesentlich übler mitgespielt. Für Kanda ergab es überhaupt keinen Sinn, dass das Akuma, das sie verfolgt hatte, beim zweiten Mal offenbar gar nicht versucht hatte, sie zu töten, sondern lange genug mit ihr gespielt hatte, um das Risiko einzugehen, dass sie irgendwann zum Gegenschlag ausholen würde. Kanda vermutete, dass der Bauer den Ausschlag gegeben hatte, der, wie sie gesagt hatte, nur getötet worden war, weil er ihr helfen wollte. Jinai kam nicht zurecht damit, dass jemand ihretwegen leiden oder gar sterben sollte.
Aber sie war siegreich aus dem Kampf hervorgegangen, wenn auch mit einigen Blessuren. Bis heute Morgen hate Kanda bloß gedacht, dass sich das auf die beschränken würde, sie sie sichtbar auf ihrer Haut zur Schau trug. Wie es aussah, war das jedoch noch längst nicht alles.
Es erinnerte ihn an den Anfang, als sie ständig diese verdammten Handschuhe getragen hatte, um ihren Waschzwang zu verbergen. Zwar konnte er mit Sicherheit sagen, dass sie den inzwischen längst verloren hatte, aber jetzt durfte er ihr wieder nicht zu nahe kommen. Weil sie Angst vor ihm hatte, so absurd das auch klang. Von allen Exorzisten, die es gab und je gegeben hatte, hätte er das von Jinai am allerwenigsten erwartet.
„Bist du der Trübsal
Zu sehr ergeben,
Ist's nicht wie Diebstahl
Am eig'nen Leben?"
Diesmal war das Gedicht wieder direkt an Kanda gerichtet und der Exorzist richtete sich verärgert auf. Fand der Journalist es etwa lustig, seine Situation mit Gedichten zu vergleichen? Er hatte doch überhaupt keine Ahnung, worum es ging.
„Können Sie Hebbel nicht einfach in Frieden ruhen lassen? Der Mann ist längst tot."
„Das war auch nicht Hebbel, sondern Johann Meyer, und der lebt noch."
„Inzwischen sicher nicht mehr, so wie Sie seine Werke schänden."
„Lassen Sie Ihren Frust nicht an mir aus, sondern an demjenigen, der ihn verdient hat."
„Tun Sie das gleiche mit Ihren Gedichten."
„Banause."
„Sie wiederholen sich."
Aber Hase hörte ihn schon nicht mehr, denn etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Sie befanden sich auf der südöstlichen Seite des Aïn Sefra, wo die französische Regierung in den letzten Jahrzehnten viele Häuser gebaut hatte und es den Leuten generell besser ging als auf der anderen Seite der Schlucht. Allerdings war davon hier, so nahe am Hafen, noch nicht viel zu sehen, und umso verwunderlicher war es, dass eine Gruppe Frauen sich alleine hierher wagte, ohne einen Begleiter, der auf sie aufpasste. Sie waren es, die Hases Aufmerksamkeit beanspruchten, und kaum dass Kanda sie bemerkt hatte, hatte der Reporter sie schon in ein Gespräch verwickelt und begann wieder, Gedichte zu rezitieren, diesmal solche, mit denen er das Aussehen der jungen Frauen in den höchsten Tönen pries.
Kanda liebäugelte indes mit dem Brunnen und überlegte, ob es sich lohnte, einen Kopfsprung zu machen, oder ob er lieber Hase hineinwerfen sollte. In beiden Fällen wäre er das Problem Korbinian Hase los.
„Zu unendlich und zu lose
Ist des Sommers Schönheit. Ja!
Nur in dir steht sie, o Rose,
Fasslich und gebunden da!"
Das, was sich vor seinen Augen abspielte, konnte mit einem Unfall verglichen werden: Man wollte nicht hinsehen, aber wegsehen konnte man auch nicht. Auf eine befremdliche Art und Weise war es erstaunlich, wie der Journalist es schaffte, die Gedichte, obwohl sie von einem Deutschen stammten, so ins Englische zu übersetzen, dass die jungen Frauen sie auch verstanden, obwohl ihre Muttersprache französisch war und sie nur sehr wenig Englisch beherrschten.
„Wär' ich ein König, baut' ich dir,
Das schönste Haus mit Turm und Wall
Und setzte dich hinein zur Zier,
Wie eine Ros' in den Kristall."
Sie kicherten. Kanda zog den Kopfsprung in den Brunnen dem Hineinwerfen von Hase vor. Damit würde er nicht nur dem Dichterstudenten entkommen, sondern auch den Frauen, die diese nichtssagenden Zeilen auch noch toll fanden. Sie mussten doch wissen, dass Hase diese Gedichte nicht eben erfand, weil sie so gut zu ihren Gesichtern passten, sondern dass sie ursprünglich für eine gänzlich andere, unbekannte Person geschrieben worden waren, und fühlten sich trotzdem geschmeichelt.
Kanda hätte es am liebsten gesehen, wenn die Frauen wieder verschwinden würden. Nicht nur, weil sie lästig waren und auch ständig zu ihm hinüber sahen, wenn sie glaubten, er würde es nicht bemerken, sondern auch, weil sie ihn nervös machten. Der Japaner hatte in Gibraltar zu viel erlebt, um dem Frieden in Mostaganem jetzt zu trauen, und wartete nur darauf, dass sie wieder angegriffen würden. Wenn diese Frauen Akuma waren, dann war Hase viel zu nahe bei ihnen, um ihn verteidigen zu können, falls sie angriffen. Wenn sie es nicht waren, waren sie genauso im Weg wie der Journalist, falls Akuma auftauchten.
Sie waren jetzt schon fast zwei Stunden in dieser Stadt und verhielten sich nicht gerade unauffällig, aber es waren noch keine Akuma erschienen. Und angesichts der Tatsache, dass da draußen immer noch ein Akuma mit seiner Schwertscheide herumlief, falls es diese noch nicht wie Abfall entsorgt hatte, konnte Kanda nicht glauben, dass Mostaganem akumafrei sein sollte. Im Vergleich zu Gibraltar hielten sich die Akuma jetzt aber erstaunlich lange zurück. Er rechnete trotzdem jeden Moment damit, gerade weil es bis jetzt so ruhig war.
Glücklicherweise waren auch die Frauen irgendwann wieder weg und nicht so glücklicherweise wandte sich Hase jetzt wieder ihm zu. Es schien dem Mann zu gefallen, seiner weiblichen Zuhörerschaft zu schmeicheln, denn er schien jetzt sehr viel zufriedener mit sich zu sein. Zumindest glaubte Kanda das, denn er schaffte es, volle fünf Minuten kein Gedicht aufzusagen. Irgendwann überkam es ihn aber doch wieder, wenn auch nicht in gereimter Form, aber der Journalist schaffte es anscheinend nicht, lange genug still zu sein, um die Stille auch wirklich genießen zu können.
„Diese Reise ist ein einziges großes Abenteuer", sagte er mit strahlender Miene.
Offenbar erwartete er von Kanda dieselbe Begeisterung. Manchmal fragte der Exorzist sich, wer von ihnen beiden der ältere war. „Sie meinen, erst von Akuma angegriffen zu werden und dann herumzusitzen und sich zu langweilen, bis es endlich wieder weitergeht?"
„Ich meine, neue Leute und fremde Orte kennen zu lernen. Reisen bildet ja bekanntlich."
„Bisher haben Sie doch bloß uns kennen gelernt", widersprach Kanda. Und das war ja wirklich nichts besonderes: Ein übermäßig motivierter Finder und zwei verrückte Exorzisten, die sich entweder anschwiegen oder stritten.
„Und diese reizenden Damen gerade eben."
„Die schon längst weg sind und die Sie sowieso nie wiedersehen werden." Was hatte er sich denn davon versprochen; von einer Bekanntschaft, die höchstens zehn Minuten gehalten hatte? Mal abgesehen davon, dass sie sowieso nur auf der Durchreise waren.
„Ach was, das war doch nur ein wenig Zeitvertreib. Nicht jeder Mann hat ernste Absichten und erst recht nicht jede Frau. Manche Sünden machen umso mehr Spaß, weil sie verboten sind."
Kanda glaubte, sich gerade verhört zu haben. Das war ihm neu, dass der Deutsche auf einmal zu fröhlicher Unzucht aufrief. Bisher hatte er jedenfalls einen eher biederen Eindruck gemacht, was der Exorzist aber vielleicht auch nur auf die vielen Gedichte zurückgeführt hatte, die der andere ihm Minute um Minute ins Ohr trompetet hatte.
Korbinian Hase schien ihm seine Verblüffung anzusehen und lachte.
„Wenn der Schönheit schöne Frucht
Wäre Keuschheit, Ehr und Zucht,
Wären manche schöne Wangen
Nicht ins Hurenhaus gegangen,
Manches krauses Haar wär nicht
Mit der Griechen Pi verpflicht."
„Nicht Hebbel."
„Friedrich Logau."
„Und was bitte soll dieses 'der Griechen Pi' sein?"
„Das sind kleine Besucher, die man nicht bekommt, wenn man ehrbar bleibt, und zwar da un-"
„Danke, ich kann es mir bildlich vorstellen." Kanda hätte am liebsten gar nicht gefragt.
„Gebundene Leute neigen dazu, entsetzlich bieder zu werden."
„Wie bitte?"
„Zumindest solange die Beziehung intakt ist. Oder zum Beispiel, wenn", meinte Hase ganz abgeklärt, lehnte sich neben ihn an den Brunnenrand und überkreuzte Arme und Beine, „es gerade nicht so gut läuft und sich eigentlich jeder heimlich nach dem anderen sehnt, ohne es zugeben zu wollen."
Kommentarlos starrte Kanda den älteren Mann ein paar Sekunden lang an und griff dann nach seiner Schulter. „Hundert Punkte für Hebbel, wenn Sie auf dem Kopf landen."
Und damit schubste er den Journalisten in den Brunnen.
Nach ein oder zwei Sekunden war ein befriedigendes Platschen zu hören und kurz darauf empörte Rufe, dass er wieder raus wolle. Kanda ignorierte sie und machte es sich auf dem Brunnenrand bequem. Es war heiß und Hase hatte diese Abkühlung gebraucht, außerdem hing ein Eimer im Brunnen, an dem er sich festhalten konnte – worüber regte er sich also auf?
Der Journalist hatte noch gar nicht lange aufbegehrt, da tauchten Kie und Jinai wieder auf. Suchend sah sich der Finder um. „Wo ist Herr Hase?"
„In den Brunnen gefallen."
Er erntete zwei skeptische Blicke von den beiden, die sich wohl fragten, warum er ihn dann noch nicht wieder herausgefischt hatte. Kanda war es egal; den Reporter in den Brunnen zu werfen hatte seine Laune beträchtlich gehoben.
„Und warum ist er hineingefallen?"
„Weil er ziemlich schwer an Herrn Hebbel zu tragen scheint", entgegnete der Exorzist lapidar und stand von seinem bequemen Platz auf den sonnengewärmten Steinen auf, ohne sich zu einer weiteren Erklärung herabzulassen.
Hundert Punkte für Kanda.
Jinai: Zu dem Sternchen: ich weiß nicht, ob das WIRKLICH eine Schlucht ist, in dem englischen Text über das Mostaganem dieser Zeit habe ich dieses Wort jedenfalls gefunden, aber ob da eine Schlucht quer durch die Stadt verläuft ... ich weiß nicht. Jedenfalls ist es sehr schwierig, Bilder von Mostaganem aus dem Ende des 19. Jahrhunderts zu finden, die mehr von der Stadt zeigen als saufende Kamele, also hoffe ich, dass man mir diese kleine Ungereimtheit verzeiht.
Raffael: Reicht es dir nicht, was du in Gibraltar aufgeführt hast?
Jinai: Wieso? Was hab ich denn gemacht?
Raffael: Jaja, ich sage nur: Krankenschwesteruniform.
Jinai: Ich wollte halt wissen, wie die damals aussah *kreise auf den boden mal*
Raffael: Landkarten aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Jinai: Also, die sind ja wohl Grundvoraussetzung!
Raffael: ZUCKERPRODUKTION IM NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERT!
Jinai: Sonst hätten wir nicht herausgefunden, dass Staubzucker damals noch ein Luxus war.
Raffael: UND FRANKREICH!
Jinai: Was ist mit Frankreich?
Raffael: *schnaub* Ein ganzer Nachmittag damit vergeudet, Karten mit Bahnverbindungen zwischen England und Gibraltar zu finden, die Politik von Frankreich und Spanien zu studieren und einen See in der Nähe von Poitiers zu finden!
Jinai: Hättest du gewusst, dass die Abstände zwischen den Schienen in Spanien anders waren als die von Schienen in Frankreich, weil die Spanier damit angeblich verhindern wollten, dass die Franzosen ihre Truppen direkt mit dem Zug über die Grenze schicken konnten? Ich nicht.
Raffael: *luft anhalt**jinai wütend anstarr*
Jinai: Mach kein solches Drama daraus.
Raffael: *immer noch starr*
Jinai: Ähm, Raffael? Du läufst langsam blau an. Ähm ... gut, ich nutze die Gelegenheit, das Wort zu ergreifen, ich habe nämlich eine unangenehme Mitteilung zu machen: Das nächste Kapitel bekommt ihr erst in zwei Wochen, genauso wie das nächste Kapitel von Sie & Sie. Für Dezember sehe ich nämlich schwarz, was das Schreiben von zwei Kapiteln pro Woche angeht, also muss ich ein wenig kürzer treten. Sobald ich wieder mehr Zeit habe, bekommt ihr die Updates wieder wöchentlich, aber diesen Winter wird das vermutlich nichts mehr *seufz*
