Dritter Teil: All Our Yesterdays
Kapitel 10
Auf der Mauer
Da saßen sie nun auf ihrer winzigen Insel, den Augen des Feindes entzogen durch einen Nebel des Vergessens, aber auch abgeschnitten von ihren Freunden, von ihrer gewohnten Welt, im Ungewissen darüber, was dort vor sich ging und wie lange sie hier im Verborgenen würden bleiben müssen.
James ging langsam über das lange Gras und sah sich um. Es war absurd, in dieser vertrauten Umgebung aufgewacht zu sein. Die blasse Herbstsonne hatte den Nebel irgendwann durchdrungen und an Kraft gewonnen, und jetzt ließ sie den Garten in einem zaghaften Licht aufglänzen. Er blieb stehen, etwa in der Mitte zwischen dem Haus hinter sich und der Mauer vor sich. Die Baumkrone über ihm hatte fast alle Blätter bereits verloren. Sie lagen klatschnass und in allen Gelb- und Brauntönen um ihn herum und klebten an seinen Schuhen. Ihr Duft erfüllte den stillen Nachmittag.
Es war kein Unterschied zu erkennen zu den früheren Herbstnachmittagen, die er in diesem Haus, in diesem Garten verbracht hatte. Angeblich konnten sie das ummauerte Grundstück sogar verlassen, aber Dumbledore hatte sie dringend davor gewarnt. Nur innerhalb dieser Mauern würde der Fidelius sie zuverlässig allen Augen, allen Gedanken entziehen. Konnten sie eigentlich sicher sein, dass der Zauber funktioniert hatte?
Aber da war eine tiefe Einsamkeit, die sie umgab. Er konnte sie spüren, beinahe wie eine Kühle auf der Haut. Und die Stille. Sie waren allein. Der Zauber hatte funktioniert, und außer ihnen gab es jetzt nur noch Peter, der Zutritt zu ihrer Verborgenheit hatte.
Der arme, dumme Peter – James fragte sich, wie Sirius ihn wohl so weit gebracht haben mochte, dass er bei dieser Sache mitmachte, die ihm so ganz offensichtlich überhaupt nicht behagte. James hatte ihn nie so bleich, sein kümmerliches Gesicht bei aller Dicklichkeit nie so rattenähnlich gesehen wie in der vergangenen Nacht, als sie da zusammengestanden hatten, ein ängstliches Dreiergespann, um den im Sessel schlafenden Harry herum. Vier Anläufe hatte er gebraucht, bevor er die komplizierte Formel fehlerfrei herausgebracht hatte, obwohl das Buch des Arcanus aufgeschlagen vor ihm gelegen hatte; er stotterte, verhaspelte sich, vergaß Wörter – und die ganze Zeit über waren seine hellen, verängstigten kleinen Augen von hier nach da gehuscht, als suchten sie einen Ausweg. Oder als fürchteten sie bereits den Feind in jedem Schatten –
James hatte nur zu gut die Panik nachfühlen können, die sich allmählich auf Lilys Gesicht ausbreitete. Andererseits erinnerte er sich aber auch an jene andere Herbstnacht, als es ihnen nach zahllosen fehlgeschlagenen Versuchen endlich gelungen war, die Animagus-Formel perfekt hinzubekommen. Auch das war für Peter ein schweres Stück Arbeit gewesen, das er ohne die Hilfe seiner Freunde vermutlich gar nicht hinbekommen hätte. Aber geschafft hatte er es schließlich.
Anders als damals war das Ergebnis in der vergangenen Nacht nicht so eindeutig erkennbar gewesen.
"Du musst dich sofort verstecken, Pete", schärfte James ihm ein, als sie endlich überzeugt waren, dass es geklappt hatte. "Bleib solange du kannst in Rattengestalt. Besuche Sirius hin und wieder, um zu hören, wie die Dinge stehen. Er sagt dir dann auch, wo du Dumbledore treffen kannst."
"Ja, ja", sagte Peter ungeduldig und wischte sich den Schweiß vom teigigen Gesicht. "Ich weiß das jetzt allmählich. Ihr habt es mir oft genug gesagt." Dann war er mit einiger Mühe disappariert.
"Das war ein Fehler", hatte Lily kalt gesagt. "Sirius hat da einen riesengroßen Fehler gemacht."
James bückte sich nach einem Apfel, der rot zwischen den welken Blättern glänzte, schleuderte ihn dann angewidert in Richtung Mauer von sich, als er sah, dass er auf der anderen Seite völlig verschimmelt war. Es wurde Zeit, dass er hier ein bisschen aufräumte. Aber nicht jetzt. Zeit war ja genug. In den nächsten Tagen hatte er keine dringenden Termine.
Jetzt nicht mehr, dachte er bitter und trauerte einen Moment lang dem nun verpatzten Examen an der Aurorenakademie nach.
Er folgte der sanften Senke zur Mauer hin und kickte dabei hier und da vergammeltes Fallobst vor sich her. Schon als Kind hatte er keinen Gefallen an der Gartenarbeit gefunden, die sein Vater – der ehemalige Kräuterkundeprofessor und dann freiberufliche Kräuterkundler – so sehr geliebt hatte.
Für ihn, James, war dieser Garten hier vor allem der Ort, an dem er viele Stunden mit Sirius verbracht hatte, nachdem dieser in den Sommerferien nach ihrem fünften Jahr zu Hause rausgeflogen war. Oder gegangen war – so ganz genau hatte James das nie kapiert, weil Sirius nicht darüber reden wollte. Auf jeden Fall hatte er eines Tages Ende Juli hier in Godric's Hollow vor der Tür gestanden und mit seinem unwiderstehlichen Charme um Aufnahme gebeten – und natürlich auch erhalten. Artemis Potter war noch nie gut auf Orion und Walburga Black zu sprechen gewesen.
Sirius –
Hatte Lily Recht? Hatte er wirklich einen Fehler gemacht gestern, als er Peter in diese Sache reingezogen hatte?
In Gedanken versunken schlenderte er weiter, und seine Füße fanden wie von selbst den Weg zu einer Stelle der Mauer weit unten, wo sie zwischen den Zweigen von zwei großen Trauerweiden und den von draußen herüberragenden Ulmenästen ganz verborgen war. Dort hatte er als Junge immer gesessen. Oben auf der Mauer, von den langen Zweigen umgeben, ließ es sich sehr gut aushalten, wenn man nachdenken oder ganz einfach herumdösen und von niemandem gestört werden wollte. Man ließ die Beine über die Mauerkante baumeln und blickte in das rasch vorbeifließende Wasser des Baches auf der anderen Seite. Hier hatten sie oft zusammen gesessen, das heißt, Sirius hatte meistens auf der Mauerkrone gelegen – vermutlich, weil so der Reiz größer war, irgendwann doch mal plötzlich herunterzufallen.
Sirius –
James ging durch das knackende, knisternde Unterholz zwischen den Weiden und den zahlreich wuchernden Schösslingen – das wurde allmählich ein richtiger Wald hier unten, aber jetzt im Herbst war er ganz licht und vom starken Duft der zerfallenden Blätter erfüllt. Er zögerte einen Augenblick angesichts der feuchten, moosigen Mauersteine, dann zuckte er die Schultern und stieg hinauf. Er hatte so viel Zeit zum Nachdenken. Da konnte er sich auch auf den Platz setzen, der ihm dafür früher immer als der beste erschienen war.
Warum hatte Sirius nicht der Geheimniswahrer sein wollen? Natürlich war es ein guter Grund gewesen, den er angegeben hatte. Aber war das alles?
Er lehnte sich an den Weidenast, der immer noch eine bequeme Rückenlehne hinter der Mauer bildete, und sah in das glitzernde Wasser hinunter, in dem schmale gelbe Weidenblätter herumwirbelten.
Sirius und Lily – wie lang schon waren die beiden die Pole seiner Welt –
ooOoo
So richtig begonnen hatte sein Leben, wie es ihm schien, im Dezember 1972, als er eben dreizehn geworden war, in ihrem zweiten Jahr in Hogwarts. Sicher, an die Jahre davor konnte er sich erinnern, eine Sache hier, eine andere da hob sich aus dem behaglichen Strudel der Zeit damals heraus, ein wenig heller, ein wenig bunter. Aber diese Ereignisse waren mehr so, als hätte er sie gelesen, Geschichten über einen jüngeren James. Erst mit jenem Winterspätnachmittag damals begann die Zeit, die er wirklich fühlen konnte …
Es war fast Abendessenszeit, und er wusste noch, wie ausgehungert er gewesen war nach dem Nachmittag, den sie schlittschuhlaufend auf dem zugefrorenen See verbracht hatten. Jetzt schien das aprikosenfarbene Abendlicht zwischen den kahlen Bäumen hindurch, und die Eisfläche des Sees leerte sich ziemlich schnell. Alles stürmte ins Schloss zurück, nur einer nicht, und das war Sirius. Er hatte die Schlittschuhe über die Schulter gehängt und wartete ungeduldig darauf, dass James in seine Stiefel kam.
"Jetzt mach' endlich – sonst wird es dunkel und wir –"
"Ich beeil' mich ja schon. Was gibt's denn so Wichtiges? Und seit wann hast du Angst im Dunkeln?"
"Quatsch nicht", erwiderte Sirius grob. "Wir müssen ein ganzes Stück gehen. Und da liegt der Schnee ziemlich hoch."
James stapfte seufzend hinterher, den Kopf voller sehnsüchtiger Bilder von dampfendem Fleischeintopf mit mehr Fleisch als Gemüse –
Zu blöd, dass Remus wieder seine geheimnisvolle Krankheit hatte und für ein, zwei Tage verschwunden war. Manchmal war es gar nicht zu verachten, wenn einer Sirius ein bisschen bremste. Und Remus war immer so ruhig und vernünftig, der konnte das ganz gut.
Über der schneebedeckten Landschaft um das Schloss herum lag schon eine bläuliche Dämmerung, als er endlich in der Ferne das entdeckte, was vermutlich ihr Ziel war: eine kleine Hütte, ein völlig einsam gelegener, schwarzer Würfel mit erstaunlich wenig Schnee darauf. James blieb stehen.
"Nee, Mann, sag nicht, wir gehen zur Heulenden Hütte!"
Sirius wandte sich um und sah ihn stirnrunzelnd an. "Wieso nicht? Hast du etwa Angst?"
"Was sollen wir denn da? Das Ding ist total unheimlich!"
Sirius ging einfach weiter, und James folgte ihm schließlich. Als sie den kleinen schwarzen Holzbau erreichten, hatte er zu seiner Beruhigung noch kein einziges von den abschreckenden Geräuschen gehört, denen die Hütte ihren Namen verdankte. Aber jetzt war es wirklich fast dunkel. So nah waren sie noch nie hier dran gewesen – er zumindest nicht. Erst jetzt stellte er fest, dass die Hütte keine Fenster hatte. Und – auch keine Tür. Sie war einfach ein aus soliden Balken gebauter Kasten mit einem Dach darauf.
Sirius näherte sich leise und zielstrebig einer der Wände und winkte ihm, zu folgen. Zugleich gab er ihm zu verstehen, dass er still sein solle. Als wenn das nötig gewesen wäre –
Sirius duckte sich und sah durch eine relativ breite Ritze zwischen den Balken hindurch. James schob ihn schließlich zur Seite, mit einem bangen Gefühl – er war nicht ganz so scharf darauf, an einem dunkelnden Winterabend mitten im verschneiten Nirgendwo einem unbekannten Gespenst zu begegnen. Genau in diesem Moment ertönte ein hohes, lang gezogenes Heulen von drinnen, bei dem er vor Schreck fast in den Schnee gefallen wäre. Das Jaulen wollte gar nicht mehr aufhören, und dann kamen krachende Geräusche hinzu, so als werde da drin mit einer Axt auf alles eingeschlagen, was herumstehen mochte. James fühlte, wie eine Gänsehaut ihn überzog. Aber jetzt waren sie nun mal hier – und da war die Ritze zum Durchsehen – jetzt wollte er wissen, was Sirius entdeckt hatte. Er war doch kein Feigling.
Er bückte sich und erkannte überrascht, dass da drin eine Lampe brannte – seit wann brauchten Gespenster Lampen? – und dann sah er, dass das Jaulen von einem großen Hund kam, der sich eben auf den Boden legte. Seine Beine zuckten unruhig, als habe er Schmerzen. James' Angst war weg. Das Gespenst war ein eingesperrter Hund!
"Gemein, ihn da einzusperren – ohne Fenster, ohne Tür", sagte er leise zu Sirius.
"Das ist kein Hund", flüsterte Sirius, und in dem Moment begann das Heulen erneut.
James betrachtete das Tier genauer, das jetzt wieder aufsprang und wie von unsichtbaren Quälgeistern gejagt durch den kleinen Raum hetzte. Es verbiss sich in die Decke, die auf dem übel zugerichteten Bett in einer Ecke lag.
"Ein Wolf?", fragte er leise, mit neuem Respekt.
"Warte es ab. Wenn meine Theorie stimmt, erlebst du gleich die Überraschung deines Lebens. Vollmond war gestern, oder?"
"Mann, machst du es spannend! Und was hat der Mond damit zu tun –" Aber noch während er es aussprach, schlich sich die Erkenntnis in seinen Kopf. "Du meinst – das ist – das ist ein –"
"Genau. Und das ist noch nicht alles."
"Wie ist er denn bloß da rein gekommen? Ohne Tür?"
"Psst jetzt – sieh doch!"
Sie starrten gebannt durch die Ritze in den kleinen quadratischen Raum, dessen staubiger Boden voller Holzsplitter und Stofffetzen war. Der Wolf sprang jaulend im Kreis, und James sah entsetzt, wie er sich selbst biss, als könne er sein eigenes Fell nicht mehr ertragen. Schließlich begann er sich auf dem Boden zu wälzen, wild mit den Läufen um sich schlagend, als müsse er sich gegen einen Feind zur Wehr setzen, den nur er allein sehen konnte. Und dann – irrte er sich, oder lichtete sich das Fell plötzlich wirklich?
"Er verwandelt sich!", hauchte James.
So war es, und das ging auf einmal ziemlich schnell. Das Fell verschwand, die Gestalt warf sich zuckend hin und her, und dann war das Jaulen nur noch das erschöpfte Schreien eines Menschen, der schließlich reglos auf dem Boden liegen blieb.
Draußen im Schnee standen James und auch Sirius wie erstarrt.
"Ich hatte also Recht", sagte Sirius schließlich selbstgefällig.
Als hätte er es gehört, drehte sich der Mensch, der Junge da drin stöhnend auf die andere Seite.
"Das ist – das kann doch nicht –"
"Na klar ist er es. Es passt alles zusammen. Ich hatte schon 'ne Weile so einen Verdacht."
James, der noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sich mit dem Gedanken zu befassen, dass ihr bester Freund ein Werwolf sein könnte, war einfach nur fassungslos. Wenn er bisher etwas über Werwölfe gehört hatte, dann hatte er sich immer vorgestellt, wie faszinierend es sein musste, auch als Tier leben zu können. Aber als er jetzt dieser Rückverwandlung zugesehen hatte, schien ihm, dass das eine ganz schön schmerzhafte Angelegenheit sein musste. "Und er hat nie was gesagt – nicht mal zu uns – und wir sind doch seine Freunde!"
"Das müssen die doch geheim halten!", sagte Sirius. "Was meinst du, was Dumbledore für Probleme kriegt, wenn rauskommt, dass er einen Werwolf in der Schule hat!"
"Meinst du, er ist gefährlich – als Wolf? Ich meine – er ist doch immer noch Remus, oder?"
Sirius zuckte die Schultern. "Wenn er nicht gefährlich wäre, würden sie ihn sicher nicht so einsperren. Vermutlich verliert er die Kontrolle oder so, wenn er ein Wolf wird."
Für Sirius überwog die Tatsache, dass er ein Geheimnis aufgedeckt hatte, und das Abenteuerliche und Vielversprechende seiner Entdeckung. James jedoch kam zum ersten Mal in seinem Leben wirklich ins Grübeln. Aber während er noch überlegte, ob und wie sie Remus sagen sollten, dass sie Bescheid wussten, hatte Sirius bereits beschlossen, dass sie ihm auf seinem Weg folgen würden. Sie würden Animagi werden, alle beide – na, meinetwegen Peter auch noch, wenn du meinst, dass das unbedingt nötig ist! – und dann mit Remus zusammen die Welt als Tiere erkunden.
Natürlich stellte sich das als gar nicht so einfach heraus. Bis es ihnen tatsächlich gelang, Animagi zu werden, vergingen drei ganze Jahre. Aber ja, sie schafften es. Und das war dann tatsächlich der Auftakt zu einem ganz neuen Leben –
Ja, Sirius war immer schon ein Siegertyp gewesen, und was er sich in den Kopf setzte, das bekam er auch. James hatte nur ganz selten mal einen Sprung im Lack gesehen.
Sirius mit sechzehn, im Sommer drei Jahre später, da war er gerade bei ihm in Godric's Hollow eingezogen – und beim Quidditch-Spiel hier im Garten in das sorgsam gehütete Gewächshaus seines Vaters geknallt. Das hatte fast wie eine Explosion geklungen. Sirius war blutüberströmt in einem Scherbenhagel zwischen die seltenen Kakteen gekracht und von Artemis zu dem Heiler geschleift worden, der glücklicherweise im Ort lebte. Dabei hatte er die ganze Zeit wiederholt, dass er gewonnen habe, er habe den Schnatz gefangen –
James konnte gar nicht hinsehen, weil da so viele klaffende Schnitte in seinem Gesicht waren. Der Heiler hielt Sirius eine Predigt, während er die Wunden reinigte und dann mit einer hautfarbenen Paste bestrich. "Hast Glück gehabt, dass es nicht die Augen erwischt hat, Junge. Da hätte ich dann auch nichts mehr machen können."
James überlief es kalt. Er beschloss, seine Wut über den verlorenen Schnatz – der immerhin ein ganz besonderer Schnatz gewesen war – runterzuschlucken.
"Jedenfalls hab ich gewonnen", sagte Sirius bockig.
"Du darfst dich nicht bewegen, mindestens bis morgen früh, sonst übernehme ich keine Verantwortung für die Heilung. Pack ihn ins Bett, Artemis, und am besten bindest du ihn da fest."
Artemis folgte dieser Aufforderung ziemlich wörtlich. Zur Zimperlichkeit neigte sie nicht. Sie verpasste ihm einen nur leicht abgeschwächten Petrificus-Zauber und steckte ihn ins Bett. "Tut mir leid, Sirius, aber das ist die einzige Möglichkeit, die ich sehe. Wär' einfach zu schade um dein Gesicht."
James blieb bei ihm sitzen. "Wenn du wüsstest, wie bescheuert du mit dem Zeug aussiehst!"
Sirius konnte kaum die Augen bewegen, und seine Stimme war tonlos. "He, Potter", flüsterte er. "Sieh mal hier."
Ganz langsam und offenbar unter Aufbietung aller Kräfte öffnete er seine Hand. James sah etwas Goldenes darin schimmern. Dann flirrte der Schnatz unbeschadet hinaus. Sein Schnatz, auf den er mit einer Zaubertinte die – vormals unsichtbaren – Buchstaben L.E. geschrieben hatte. Jetzt konnte man die Buchstaben allerdings nur allzu deutlich erkennen. Und etwas wie ein triumphierendes Zucken ging über Sirius' beinahe versteinertes Gesicht.
Das hatte dann übrigens tatsächlich keinen Schaden davongetragen.
ooOoo
James auf seiner Mauer musste grinsen, als ihm diese Sache wieder einfiel. Den Schnatz hatte er heute noch. Er steckte im Kasten mit seiner Quidditch-Ausrüstung, oben im Haus.
Wo war Lily in jenen Jahren gewesen? Hatte sie damals schon einen Platz in seinem Leben gehabt? Er musste in seinen Erinnerungen nicht nach ihr suchen. Lily war von der ersten Fahrt im Hogwarts-Express an da gewesen. Er konnte sie noch heute vor sich sehen, wie sie da vor dem Abteil gestanden hatte, mit dem langen roten Haar über dem dunklen Umhang. Ihr Gesicht, ihr Kindergesicht, war verschwommen, mit den Jahren verdeckt durch das der erwachsenen Lily. Aber der Eindruck von etwas Strahlendem, von einer hellen Freundlichkeit, die schon damals um sie gewesen war, war ihm geblieben. Hinter ihr stand Severus Snape, schon auf den ersten Blick das genaue Gegenteil zu ihr, düster, geduckt und bösartig. Ihn hatte er vom ersten Moment an nicht leiden können, und das hatte sich auch nie geändert.
Es war seltsam – wenn er an die Zeit in Hogwarts dachte, fiel ihm nicht die Bedrohung ein, unter der sie damals schon alle gestanden hatten. Es war, als wäre die draußen geblieben, weit vor den Mauern des Schlosses. Klar, es gab diesen Spinnertrupp bei den Slytherins, aber die hatten sich mit ihrem Terror bis auf ganz wenige Ausnahmen auf ihr eigenes Haus beschränkt.
Schon damals hatte James nicht kapiert, worin für diese Typen die Faszination einer Sache liegen mochte, die sich im Wesentlichen durch die sinnlose Verbreitung von Angst und Schrecken auszeichnete. Es hatte lange gedauert, bis er begriff, dass es weit mehr als ein paar dumme Schuljungen gab, die diesen Ideen anhingen. Die Blacks zum Beispiel, Sirius' Familie, waren nach allem, was man hörte, ganz besessen von der Idee der Reinblütigkeit. Darüber hatte es auch den Krach gegeben, in dessen Folge Sirius von zu Hause weggegangen war. Sirius selbst war seit Menschengedenken der erste Black, der nicht in Slytherin war.
Die Bedrohung rückte für ihn seltsamerweise erst in den Vordergrund, nachdem Lily und er geheiratet hatten. Hätte er dazu geneigt, dann hätte er darin vielleicht ein schlechtes Vorzeichen sehen, hätte vielleicht sogar eine Verbindung zwischen diesen Tatsachen suchen können. Aber er wäre nicht James gewesen, wenn er das getan hätte. Lily zu heiraten blieb für ihn das Glücklichste und Beste, das er je getan hatte.
Dennoch es war tatsächlich so: Nach ihrer Hochzeit im August 1978, zwei Monate nach ihrem Schulabschluss, war der Terror der Todesser endlich ganz nahe gerückt. Während sie alle zusammen im Oktober die große Drachenshow besuchten, war seine Mutter von einem Mann in dunklem Kapuzenumhang ermordet worden – vor seinen Augen. Lily und er waren sich einig darüber gewesen, wer der Mann unter diesem Umhang war. Aber es gab keine Spur, keinen Beweis, nichts. Absurderweise hatte er ihr eine Kette vom Hals gerissen – ein altes Familienerbstück, angeblich sogar von Godric Gryffindor selbst, auf den sich ihre Familie gern zurückführte – und war ins Nichts verschwunden.
Die Machtlosigkeit, mit der er hatte zusehen müssen, veranlasste ihn, in den Orden des Phönix einzutreten. Und Lily kam mit. Lily begann auch mit ihm zusammen die Aurorenausbildung, obwohl sie eigentlich Zaubertränkemeisterin hatte werden wollen.
Und im Mai des vergangenen Jahres, an Lilys zwanzigstem Geburtstag, überbrachte ihnen Dumbledore dann die fürchterliche Nachricht, die ihr ganzes Leben verändert hatte.
Unwillig schob er diese Gedanken von sich. Nicht heute, nach dieser Nacht mit ihrer neuen Schreckensmeldung. Nicht jetzt, wo die ganze Welt auf so geheimnisvolle Weise still zu stehen schien und er seine Erinnerungen wie im Spiegel eines tiefen Brunnens sehen konnte –
Nein, wenn er an Hogwarts dachte, fielen ihm tausend glückliche Momente ein, und die meisten hatten irgendwie mit Sirius oder Lily zu tun. Manche auch mit beiden.
ooOoo
Sirius' siebzehnter Geburtstag, das war so eine Sache, an die er gern zurückdachte. Ein komischer Abend, aber das war auch eine komische Zeit gewesen. Damals, im April 1977, versammelten sich in Hogsmeade nämlich Musiker und Musikgruppen aller Richtungen zu einem großen Festival, das, wenn er sich recht erinnerte, am Wochenende nach Sirius' Geburtstag stattfinden sollte. Aber schon in der Woche vorher gaben die Beteiligten kleinere Auftritte oder auch richtige Konzerte. Ganz Hogwarts schwirrte vor Aufregung, fast jeder von der dritten Klasse an aufwärts versuchte, eine Karte für irgendeine Veranstaltung zu ergattern. So ein Festival hatte es vorher nie gegeben – und die meisten hatten ihre speziellen Lieblingsmusiker bis dahin noch nie live erlebt.
Sirius machte eine große Sache aus seiner Volljährigkeitsfeier. Sie würden nach Hogsmeade zu einem Konzert gehen, für das Sirius Karten bekommen hatte, und James fragte sich insgeheim, wie er das geschafft hatte, obwohl er doch immer ziemlich knapp bei Kasse war. Aber die Feierlichkeiten sollten sogar noch weiter gehen: Anschließend hatte er, ganz Mann von Welt, einen Tisch in den Drei Besen und ein richtiges Festessen bestellt. Und zur Krönung des Ganzen konnte auch noch jeder seiner drei Freunde einen Gast mitbringen – vorzugsweise ein Mädchen.
Der vierte April kam, und während Professor Binns sie mit den nicht enden wollenden Details irgendeiner Regierungskrise im letzten Jahrhundert langweilte, grübelte James darüber nach, ob Lily nun mitkommen würde oder nicht.
"Also, welche deiner Eroberungen hat es denn nun geschafft?", fragte er Sirius schließlich leise, als er in seiner Frage zu keinem Ergebnis kam.
"Meine Begleitung wird Miss Needlepick sein", sagte er gestelzt. "Sie ist schon ganz scharf darauf. War noch nie in den Drei Besen, kannst du dir das vorstellen? Eine Siebtklässlerin! Diese Ravenclaws nehmen das Leben einfach zu ernst."
"Nicht Maronia!", stöhnte James. "Die ist so was von witzlos!"
"Sie war die Einzige, die nicht in der Reihe anstand, als ich fragte, wer mit mir ins Konzert der Leaf Loving Loonies kommt", erwiderte Sirius selbstgefällig und die Wahrheit ein wenig ausschmückend. "Im Klartext, sie war eine Herausforderung."
"Ich habe die feine Nuance des 'war' vernommen, Sirius", gab James zurück. "Mit anderen Worten, du hast sie rumgekriegt – zu was auch immer, ich will's gar nicht so genau wissen. Aber das heißt doch auch, dass die Herausforderung nicht mehr besteht, oder?"
"Du musst noch eine Menge lernen, James, mein Junge. Es gibt Frauen, die auch danach noch eine gewisse Herausforderung darstellen! Und überhaupt – es ist mein Geburtstag, oder? Also kann ich ja wohl einladen, wen ich will."
James stöhnte.
"Hast du denn Evans jetzt endlich gefragt, ob sie mitkommt?", fragte Sirius.
"Klar. Na ja, gefragt hab ich jedenfalls. Vorhin. Sie – äh, sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie Zeit hat."
Sirius sah ihn zweifelnd an. "Also, James – hast du schon mal überlegt, ob du dich nicht vielleicht mal – nun ja, nach einer anderen umsehen solltest? Ich werd' so das Gefühl nicht los, dass du bei der Evans einfach nicht landen kannst."
"Schon gut, Sirius. Sie wird mitkommen. Du wirst schon sehen."
Sirius schüttelte den Kopf. Es war hoffnungslos. James wollte den Rotschopf. Da war nicht dran zu rütteln. Ihm war einfach nicht zu helfen. "Remus hat auch 'ne Verehrerin mit dabei. Du rätst nie, wen."
"Diese Kleine da, aus der Vierten. Leto, stimmt's?"
"Du überraschst mich immer wieder. Ja, genau die. Die ist ganz versessen auf ihn."
"Sie ist in ihn verliebt", sagte James einfach. Dann fiel ihm wieder ein, was er eben noch hatte anmerken wollen. "Ich dachte, du hasst die Loonies."
Sirius grinste. "Du weißt das. Ich weiß das auch. Aber offenbar wussten es die Mädels nicht."
"Lass mich raten – in Wirklichkeit willst du zu den Seven Screaming Sorcerers."
"Treffer. Ich geh doch an meinem Geburtstag nicht zu diesen bekifften Sülzheinis!"
James gab sich nun seinerseits kopfschüttelnd geschlagen. Konnte ihm ja egal sein, wenn Sirius dieser Maronia was vorgemacht hatte. Die Sorcerers versprachen jedenfalls eine Menge Spaß, wenn auch eine zumindest vorübergehende Taubheit für den nächsten Tag,
Und tatsächlich war das Konzert toll. Die Sorcerers begannen am späten Nachmittag, als das gewaltige Feuer, mit dem sie ihre Bühne zu umgeben pflegten, im Licht des Frühlingstages noch ganz blass und harmlos aussah, was Sirius und Peter auch prompt zum Meckern veranlasste. Für das nächtliche Konzert hätten sie allerdings keine Ausgeherlaubnis bekommen. Also fanden sie sich mit einer gemäßigteren Version der Show ab und wurden immerhin mit einem unglaublichen Höllenlärm belohnt. Außerdem sah das Feuer immer wilder und gefährlicher aus, je weiter die Dämmerung voranschritt. (Die Seven Screaming Sorcerers erhielten übrigens nach diesem Festival nie wieder die Genehmigung, in Hogsmeade zu spielen.)
James erinnerte sich noch genau an die prickelnde Stimmung dieses frühen Abends, wie sie da so eingekeilt in der Menge standen, die Hitze des großen Feuerrings spürten, während ihre Füße am noch fast winterkalten Wiesenboden allmählich festzufrieren drohten. Er war sich Lilys Nähe so bewusst, dass er sich ganz besoffen im Kopf fühlte. Es wurde dunkler und dunkler, und die Funken des Feuers stoben meterhoch in den Abendhimmel, und dann entdeckten sie die Gruppe Slytherins, die gar nicht weit von ihnen im Gedränge standen. Notts Spinnertruppe, die Schwarzen Wächter – da waren sie alle und sammelten vermutlich Anregungen für ihre düsteren Versammlungen. Scheiterhaufen und ohrenbetäubende Trommeln – das musste ihnen ja gefallen. Auch Sirius hatte sie entdeckt, und für ihn war die Anwesenheit seiner Lieblingsfeinde vermutlich eine weitere Bereicherung des Tages. James beschloss, ihn heute daran zu hindern, den Tag durch ein kleines Gefecht zu krönen. Seit Sirius' jüngerer Bruder auch bei den Wächtern war, tendierten ihre Begegnungen dazu, aus dem Ruder zu laufen. James war fast sicher, dass Remus' Gedanken in dieselbe Richtung gingen.
Als das Konzert auf die übliche Weise mit dem wie ein Wettstreit ausgetragenen Zerschlagen aller Trommeln endete, zogen sie Sirius kichernd und mit vereinten Kräften aus dem Gedränge auf die Straße, die nach Hogsmeade hinein führte.
"Keine Flüche und Verhexungen heute!", sagte Remus und packte seinen Freund an einem Arm.
"Du hast uns ein Festessen versprochen, vergiss das nicht!", sagte James und griff sich den anderen Arm.
Mit einem letzten bedauernden Blick auf die Slytherins, die eben gemeinsam davonmarschierten, ergab sich Sirius, und schließlich gingen sie alle untergehakt in einer breiten Reihe die Straße entlang zu den Drei Besen. Einer begann, und dann sangen sie schließlich alle lauthals und nicht besonders klangvoll die paar Melodien nach, die zwischen dem Getrommel der Sorcerers geschrieen worden waren. Nur Maronia fand das wohl unter ihrer Würde und blieb schweigsam, mit einem etwas peinlich berührten Gesichtsausdruck.
James, der an Sirius' anderer Seite ging, stellte mitten in diesem Krach wieder einmal fest, was ihm schon ein-, zweimal früher aufgefallen war: dass Sirius eine wirklich schöne Stimme hatte.
In den Drei Besen empfing sie Madam Rosmerta persönlich, die dem Geburtstagskind gratulierte und sie durch die gut besetzte Gaststube zu dem Tisch führte, den Sirius reserviert hatte.
"Volles Haus hier heute!", merkte Sirius an, als er sich setzte.
"Es war auf jeden Fall gut, dass du den Tisch vorbestellt hast", erwiderte die Wirtin (James hatte seit einiger Zeit den verwirrenden Eindruck, dass Rosmerta und Sirius ein bisschen vertrauter miteinander waren, als es ihre offiziellen Besuche hier wahrscheinlich machten, aber das konnte ja wohl nicht sein, oder? So weit würde doch wohl auch Sirius nicht gehen. Oder?). "Dieses Festival bringt uns jede Menge Gäste. Wir haben heute sogar auch noch eine kleine Musikeinlage hier. Also, setzt euch – das Essen kommt bald – und sagt mir, was ihr trinken wollt. Und damit das klar ist: Was Stärkeres als Butterbier ist nicht erlaubt. Hat mir euer Direktor extra noch mal eingeschärft."
Das machte die Stimmung nicht schlechter. Sie alberten herum, machten dumme Bemerkungen über die Harfe, die in einer Ecke des Gastraums stand und vermutlich die von Rosmerta angekündigte musikalische Attraktion war, und forderten Sirius heraus, seine Apparierkünste unter Beweis zu stellen. Als der Jüngste der Rumtreiber hatte er am längsten auf seine Lizenz warten müssen. Aber die war pünktlich noch an diesem Vormittag eingetroffen, und vor seinen applaudierenden Gästen apparierte Sirius von seinem Platz bis zur Theke und dann – mit sieben vollen Butterbierkrügen in den Armen – wieder zurück.
Sie genossen ihr Essen und machten Krach, bis Rosmerta an ihren Tisch kam und sie bat, für die nächste halbe Stunde die Lautstärke etwas zurückzuschrauben, denn ihre Gäste wollten jetzt den Harfner Gawain hören. Also rissen sie sich zusammen und versuchten nicht allzu deutlich zu zeigen, was sie von Harfenklängen hielten. Sie waren sich nicht mal sicher, ob sie sie heute Abend überhaupt würden hören können.
"Gawain scheint aber nicht gerade in Topform zu sein", kicherte Peter, als ein kahler, müde aussehender Mann mittleren Alters hustend bei seiner Harfe Platz nahm.
Damit hatte er Recht, wie die nächsten zehn Minuten zeigten. Gawain war offensichtlich so stark erkältet, dass ihm schließlich einfach die Stimme versagte. Was zumindest die Geburtstagsrunde nicht für einen großen Verlust hielt.
"Na, wie wär's, Sirius – du kannst das doch sicher besser!", sagte James, der sich an ihren Gesang vorhin auf der Straße erinnerte. "Schnapp dir die Harfe und zeig ihm, wo die Saiten hängen!"
"Ich kann das auf jeden Fall besser!", rief Sirius, der inzwischen bei der zweiten Hälfte seines zweiten Kruges angekommen und in bester Stimmung war.
"Dann los! Erlöse Gawain von seinen Qualen – und uns auch!"
"He, Mann, du wirst es nicht glauben, aber ich hab tatsächlich Harfe spielen gelernt!"
"Aber klar!", kicherten sie. "Können wir uns so richtig vorstellen!"
"Wetten! Ich kann das immer noch, und besser als der Typ da drüben!"
"Ich glaub', du verwechselst da was, Sirius, 'ne Harfe ist nicht das, was –"
Aber es blieb für immer unausgesprochen, was Remus hatte sagen wollen, denn in diesem Moment kam Gawain zu ihrem Tisch herüber, lächelte freundlich in die erstarrende Runde und sagte heiser: "Habe ich das eben richtig gehört, hier gibt's ein junges Talent? Dann los, an die Harfe, Junge. Ich bin heute Abend nicht bei Stimme. Und ich lasse die Leute ungern enttäuscht zurück!"
"Mach' ich doch glatt!", sagte Sirius, stand auf und warf seinen Freunden einen triumphierenden Blick zu.
Au Backe, dachte James.
"Nicht, Sirius – das wird doch peinlich!", versuchte Maronia ihn zurückzuhalten. "Du verdirbst dir nur den Abend!"
Aber er schüttelte unwillig ihre Hand ab und ging mit dem Harfner zu seinem Instrument hinüber.
"Der spinnt doch!", sagte Peter leise, als Sirius sich an die Harfe setzte.
"Oder er hat da irgendeinen nützlichen kleinen Spruch auf Lager", überlegte Remus.
Aber wie dem auch sein mochte, jetzt gab es kein Zurück mehr. Die übrigen Gäste hatten den Wechsel mitbekommen und verstummten allmählich. Sirius zupfte ein paar Saiten an, warf einen kühlen Blick in die erwartungsvollen Gesichter der Zuschauer, und dann konnte James richtig sehen, wie er seine ganze Konzentration nach innen richtete. Er begann zu spielen, und schon nach den ersten Tönen wusste James, dass hier etwas ganz Unerwartetes geschah.
Sirius konnte spielen, und er machte es gut. Und er konnte auch singen, das machte er sogar noch besser. Den Gästen gefiel es, aber seine Freunde waren regelrecht fassungslos. Nach Jahren voller gemeinsamer Unternehmungen feststellen zu müssen, dass er ihnen doch völlig fremd sein konnte – das hatte was Schockierendes.
Keiner von ihnen bemerkte, dass Nott und noch zwei andere von seinem Schlägertrupp hereinkamen und sich irgendwo an einen Tisch quetschten.
Sie wussten nicht, wie lange Sirius spielte – die Gäste riefen ihm Liedertitel zu und er griff sie auf, soweit er sie kannte. Aber irgendwann erwachte er aus diesem Bann – vermutlich ließ die Wirkung des Butterbiers nach – beendete sein letztes Stück und stand dann hastig auf.
Während er eine ganze Menge Beifall erhielt, versuchte Gawain noch, mit ihm zu reden. Aber Sirius ließ ihn einfach stehen und kam zu ihrem Tisch zurück. Blass und mit einem seltsamen, ganz untypischen Blick zu James hin ließ er sich an seinen Platz fallen. Er sah aus, als ob er sich schämte – begriff James Sekunden später. Und das kam bei Sirius eigentlich nicht vor.
"Wow – was war das denn für ein Zauberspruch?", platzte Peter schließlich heraus.
"Das war gar nicht schlecht, Sirius", sagte Maronia beeindruckt, und James strich sie im Stillen von der Liste mit Sirius' Freundinnen.
"Nicht schlecht?", wiederholte Lily. "Das war unglaublich!"
"Kein Zauber", erwiderte Sirius, plötzlich mürrisch. Das Strahlen hatte seine Augen verlassen. "Ich sag' doch, ich hab das als Kind gelernt. Meine Eltern – meine Mutter fand, dass ich singen konnte und beschloss, dass die Harfe ein angemessenes Hobby für einen Jungen aus einem traditionsreichen alten Haus wäre."
Er kippte den halben Krug Butterbier in einem Zug.
Und leider kippte auch die Stimmung irgendwie. Sie beendeten ihr Essen zwar einigermaßen vergnügt, aber es war nicht zu übersehen, dass zumindest Sirius die Lust an seiner Geburtstagsfeier verloren hatte.
Nach dem Essen zogen sie – ungeplant pünktlich – zusammen durch die Frühlingsnacht zurück nach Hogwarts, diesmal nicht mehr alle untergehakt. Remus, Leto und Peter gingen zusammen voran, und hinter ihnen gingen Maronia und Sirius neben James und Lily. Nur Leto und Remus hielten sich an den Händen, wie sie alle bemerkten. Sirius, an James' einer Seite, ging in unfreundliches Schweigen versunken neben Maronia, die sich nicht anmerken ließ, ob sie deshalb gekränkt war. Aber an James' anderer Seite ging Lily, und auch wenn sie schwiegen und nicht Hand in Hand gingen, so berührten sich doch ihre Arme hin und wieder, und James war es, als ginge er auf Wolken – solchen wie denen, die am sternfunkelnden Nachthimmel rasch über sie dahinzogen. Dieser seltsame Abend hatte sie aus unerfindlichen Gründen näher zusammengebracht, das konnte er ganz genau fühlen.
Als sie das Schlosstor erreichten, wurden sie von Filch eingelassen – der zählte sie sogar ab und tat so, als vergliche er ihre Namen mit denen auf seiner Liste.
Sirius verabschiedete seine Gäste mit einem merklichen Bemühen um Höflichkeit, nach der ihm offenbar nicht zumute war. Aber das kümmerte James in diesem Moment nicht. Lily war noch bei ihm stehen geblieben, als die anderen in Richtung Schloss davongingen.
"Ich fand's schön, dass du heute mit dabei warst", sagte James und fühlte seinen Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Jetzt! Das war der Moment!
Er konnte Lily lächeln sehen.
"Ich fand es auch schön", sagte sie.
Da küsste er sie, ziemlich zaghaft, aber als sie zurückweichen wollte, hielt er sie sanft fest. "Lily!", flüsterte er an ihrer Wange.
Und zu seiner Überraschung ließ sie sich halten und noch einmal küssen, und er fühlte die weiche, kühle Masse ihres Haares unter seinen Fingern, bis sie sich losmachte und rasch zum Schloss hinaufging.
ooOoo
Am nächsten Tag zeigte sich, dass Sirius' Zuhörer nicht alle so beeindruckt gewesen waren. Dank Nott und den beiden anderen Slytherins ging das unglaubliche Bild von Sirius Black, wie er singend die Harfe spielte, durch die ganze Schule, und Sirius erlebte ein paar Tage lang ein regelrechtes Spießrutenlaufen. Dass ausgerechnet er, der Draufgänger und selbsternannte coolste Typ der Schule, Harfe spielte und sang – das konnten selbst wohlgesonnene Gryffindors nicht unkommentiert lassen. Und Regulus, Sirius' kleiner Bruder, versorgte die Slytherins mit ein paar zusätzlichen, ziemlich gehässigen Informationen aus ihrer Kindheit, in der Sirius, wenn man Regulus glauben durfte, als eine Art Wunderkind bei den Blacks vorgeführt worden war, bis es Orion Black, seinem Vater endgültig gereicht hatte – er wollte Männer heranziehen und keine Bänkelsänger.
Sirius schickte in diesen Tagen mindestens zehn Leute in die Luft vor Wut über blöde Bemerkungen. Am Ende der Woche fand James ihn, wie er missmutig auf seinem Bett lag und sich damit beschäftigte, Peters Klamotten, die wie üblich überall herumlagen, bizarre Tänze aufführen zu lassen. Draußen regnete es in Strömen, aber James war bester Laune. Er würde sich gleich mit Lily zu einem Spaziergang treffen. Er warf die verschwitzten und durchgeregneten Quidditch-Sachen in seinen Schrank und nahm sich frische Wäsche heraus.
"Willst du das Zeug da drin verschimmeln lassen?", fragte Sirius sauer. "Reicht's nicht, wenn Pete seinen Krempel hier überall rumfliegen lässt?"
"Ach du Schande, haben wir immer noch schlechte Laune?", fragte James munter. "Willst du jetzt die Gouvernante spielen oder was?"
"Halt doch den Mund", knurrte Sirius und ließ Peters Hose mit obszönen Bewegungen vor ihm durch die Luft schlingern. James grinste.
"Ich weiß, warum du so sauer bist. Aber ehrlich, warum lässt du dich von diesen Blödmännern bloß so ärgern?" fragte er und zog das frische T-Shirt über den Kopf. "Ich versteh's nicht, Mann. Okay, es war die Idee deiner Mutter, dass du Harfe spielst – aber was soll's?"
"Du hast doch keine Ahnung, Potter", sagte Sirius in dem überheblichen Ton, der die beabsichtigte Wirkung auf James seltsamerweise immer verfehlte. "Sie hat sich nie was draus gemacht – aus Musik. Stockunmusikalisch, die Alte. Fand nur, es würde sich ganz gut machen, einen Sohn zu haben, den sie damit vorführen konnte. Alte Zauberertugend, diese Harferei." Mit einem Schnipsen schickte er Peters Hose an die Wand, wo sie klatschend kleben blieb.
"Na und? Vergiss doch deine Mutter. Ich fand es ganz toll. Ich war einfach platt. Wirklich, Sirius, ich kann's gar nicht sagen – es war einfach – schön!"
"Hör zu, Potter. Ich will nicht, dass du noch mal davon redest. Klar? Nie wieder. Kein Wort mehr." Er meinte es ernst. Er unterstrich das mit einem wütenden, beinahe drohenden Blick.
"Nenn mich nicht Potter, Black", erwiderte James gelassen und schnürte seine Schuhe zu.
"Wo willst du eigentlich noch hin?"
"Ich treff' mich mit Lily."
"Ist ja toll. Kleiner Spaziergang durch den Regen?"
"Ganz genau", sagte James strahlend.
"Oh meine Güte, seid ihr eigentlich immer noch nicht über die romantische Spaziergangsphase hinaus?"
"Sollten wir das etwa?"
"Ja, allerdings!" Sirius richtete sich auf und sah ihn böse an. "Willst du etwa sagen, sie hat dich immer noch nicht rangelassen? Worauf wartet die denn eigentlich noch?"
"He, Sirius –"
"Ich meine, wie lange willst du denn noch Balztänze vor ihr aufführen? Wie lang geht das denn jetzt schon, ein Jahr oder was?"
"Sirius – ich glaub', du bist heute Abend nicht so ganz beisammen. Ich geh' jetzt – vielleicht kriegst du dich in der Zwischenzeit ja wieder ein." Sprach's und ging.
"Tu doch bloß nicht so abgeklärt!", rief Sirius ihm wütend hinterher.
oooOooo
Allmählich begann der Ast in seinem Rücken unangenehm zu drücken, fand James, als er nachdenklich zurück in die Gegenwart kam. Er war eben doch keine vierzehn mehr. Seltsam, dass ihm diese Tage damals auf einmal wieder so lebhaft vor Augen standen.
Sirius – ein Fremder. Das war gerade heute kein beruhigender Gedanke.
Und an die kleine Leto hatte er ewig nicht gedacht – Remus' erste Freundin, die nach den Weihnachtsferien im folgenden Jahr einfach nicht mehr in die Schule zurückgekehrt war. Geflüsterte Gerüchte machten die Runde, aber er erfuhr nie, was wirklich geschehen war. Remus auch nicht, soweit er das wusste.
Er streckte sich und überlegte gerade, ob seine Beine wohl eingeschlafen sein mochten, als direkt vor ihm auf einem Ulmenast eine Amsel landete. Sie pickte an der Rinde herum und ließ sich durch seine Anwesenheit nicht im Geringsten stören. Er machte eine plötzliche, heftige Bewegung, die ihn selbst gefährlich ins Schwanken brachte. Aber der Vogel nahm keinerlei Notiz von ihm.
Er sieht mich nicht, dachte er ungläubig. Ich bin unsichtbar!
Ein Gefühl der Unwirklichkeit schwappte über ihn hinweg. Er atmete erst wieder auf, als er auf einmal die Stimmen von Lily und Harry aus dem vorderen Teil des Gartens hörte. Der Vogel, inzwischen weggeflogen, bestätigte nur, dass der Fidelius-Zauber tatsächlich gelungen war.
Eine Weile lauschte er ihren Stimmen. Es schien, dass Lily Harry irgendetwas vorsang. Komisch, wo er eben noch ans Singen gedacht hatte. Seine Lily –
Es hatte lange gedauert, bis aus Evans Lily wurde. Sehr lange. Und noch länger, bis aus Lily wirklich seine Freundin wurde.
Damals, nach der Geburtstagsfeier und ihrem ersten Kuss, hatte er gedacht, dass sein großer Traum kurz vor der Erfüllung stand. Lily war nicht mehr so ablehnend, sie trafen sich hier und da im Schloss und unterhielten sich. Und dann, ausgerechnet dann, musste diese blöde Sache passieren. Er dachte höchst ungern daran zurück. Er hatte sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als er da im Gewächshaus Snivs seltsame Liebeserklärung belauschte. Und ihn dann später vor der ganzen Klasse deshalb lächerlich zu machen – das war sicher nicht seine beste Tat gewesen.
Gut, er war tatsächlich immer eifersüchtig gewesen auf alle, die sich seiner Ansicht nach häufiger als nötig in Lilys Nähe aufhielten. Und da gab es einen Kandidaten, dessen Anblick er da schon gar nicht ertragen konnte. Snivellus, der schleimige, bösartige Kriecher, war ihm sowieso ein Dorn im Auge. Und ausgerechnet der saß im Tränkeunterricht neben Lily. Das war zwar allein Slughorns Entscheidung – der legte die Sitzordnung in seiner Klasse fest und hatte am ersten Tisch eben seine vier besten Schüler platziert, denen er Sonderaufgaben zu stellen pflegte, während der Rest der Klasse sich mit der Pflicht abmühte. Trotzdem konnte James es kaum ertragen, die beiden da immer nebeneinander zu sehen.
An einem Nachmittag zwei, drei Wochen nach Sirius' Geburtstag beobachtete er, wie Severus nach Kräuterkunde noch bei Lily im Gewächshaus zurückblieb. Für James war es ganz eindeutig, dass er mit ihr allein sprechen wollte.
Was konnte der von ihr wollen? Womöglich wurde er ihr noch irgendwie gefährlich, schließlich war bekannt, dass er inzwischen ziemlich dicke mit den Schwarzen Wächtern war – wenn er nicht sowieso dazu gehörte – und Lily war immerhin muggelstämmig. Das hatte er ihr im letzten Jahr auch hässlich und unüberhörbar an den Kopf geworfen. James hatte es nicht vergessen, und er beschloss, dass er ein Auge auf sie haben würde. Dankenswerterweise besaß er ja einen Tarnumhang.
Was er dann aber belauschte, ließ ihn aus allen Wolken fallen. Dieser hinterhältige Bastard bedrängte sie mit einer Liebeserklärung, einer ziemlich jämmerlichen noch dazu – derselbe Severus Snape, dessen "Schlammblut"-Auftritt er noch genau im Ohr hatte! Da stand er nun und jammerte ihr etwas vor. Es machte ihn ganz krank, Lily anzusehen, die mit gesenktem Kopf zuhörte. Sie drehte unablässig das Messer in den Händen, mit dem sie gerade gearbeitet hatte, und offenbar hatte sie Snivs Tirade nicht entgegenzusetzen. Er war sich ziemlich sicher, dass sie weinte, auch wenn er das nicht verstand. Sie hätte diesem unerträglichen Blödmann einfach eine reinhauen sollen! Am liebsten wäre er selbst irgendwie in diese Szene hineingeplatzt, nur damit das ein Ende hatte.
Stattdessen schlich er sich hinaus und beschloss, es zu vergessen. Eine Woche hielt er durch. Er konnte mit niemandem darüber sprechen, zumal Sirius zu dieser Zeit voller Energie (und gewohnt erfolgreich) ein neues Projekt verfolgte, das unter anderem den Diebstahl von Snivs Tränkebuch mit einschloss. James' Wut köchelte also unerlöst vor sich hin. Dass Lily ihm auswich, gab ihm den Rest. Und so war seine Selbstbeherrschung mit einem großen Knall geplatzt, natürlich bei Slughorn im Unterricht – wie konnte sie es nur aushalten, nach alldem noch neben Snape sitzen zu bleiben?!
Tatsächlich war es dieser peinliche Auftritt in Slughorns Unterricht gewesen, bei dem er sich mit Severus vor versammelter Klasse regelrecht geprügelt hatte, der ihn dazu gebracht hatte, dass er sich Lily in den folgenden Sommerferien aus dem Kopf zu schlagen versuchte. Okay, sie war ein paar Mal mit ihm ausgegangen. Aber es war wohl doch offensichtlich, dass sie seine Gefühle nicht erwiderte. Sirius hatte Recht. Es gab noch andere Mädchen.
Aber dann war doch alles ganz anders gekommen. Glücklicherweise.
ooOoo
Im Rückblick erschienen ihm die Sommerferien damals als die letzte unbeschwerte Zeit. Das Ende der Jugend, sozusagen.
Sirius hatte in der ersten Woche ein Motorrad angeschleppt, eine uralte Rostlaube, mit der ihm seine Mutter beinahe den Zutritt verweigert hätte. Aber Sirius versprach, dass das Ding in ein paar Tagen ein funktionstüchtiges Wunderwerk fortgeschrittener Zauberkunst sein würde, und Artemis ließ sich erweichen. Zusammen hatten sie an dem Teil herumgewerkelt, und am Ende der ersten Ferienwoche war Sirius stolzer Besitzer eines fliegenden Motorrads, um das ihn später die ganze Schule beneidete. Sirius und James verbrachten den Rest der Ferien damit, kreuz und quer durch Wales zu ziehen, und das Motorrad leistete ihnen dabei gute Dienste.
Es war, als habe es damals keinen Voldemort, keine Todesser gegeben. Ja, er schaffte es sogar beinahe, Lily zu vergessen. Aber das hielt leider nur so lange an, bis er nach den Ferien wieder nach Hogwarts zurückkam. Da stellte sich ziemlich schnell heraus, dass er Lily keineswegs vergessen hatte, dass Lily ihn auch nicht vergessen hatte und dass er sich in Severus endgültig einen Todfeind gemacht hatte.
An einem stürmischen Herbsttag nach einem Quidditch-Spiel, zu dem Lily auf seine Bitte hin als Zuschauerin gekommen war, hatte er sie noch einmal geküsst – und danach waren die Fronten endlich geklärt. Danach hatten sie zusammengehört.
oooOooo
Das leise, rhythmische Quietschen der Schaukel drang durch seine Erinnerungen, klang wie in einem Traum – ein Geräusch, das zuerst nicht auffällt, dann aber immer aufdringlicher wird, immer beherrschender – das einem etwas sagen will, aber man kommt nicht darauf, was – und in dem Moment, in dem man kurz davor ist, es zu erkennen, erwacht man. Im Allgemeinen hat es dann an die Tür geklopft, geklingelt, oder die Mitbewohner tanzen gerade besonders wild über der Zimmerdecke. James kletterte endgültig von seinem Mauersitz und ging über den Rasen hinauf zu seiner Familie.
Es war einer jener Oktobernachmittage, an denen der Sommer noch einmal zurückzukehren scheint. Im Sonnenlicht war die Luft jetzt warm, und die letzten noch nicht ganz verblühten Astern in den Beeten erglühten in erstaunlich kräftigen Farben.
James ging in den Vorgarten, wo die Schaukel stand. Die Haustür stand weit auf – etwas, das sein Vater nie hatte leiden können, auch im heißesten Sommer nicht, wie sich James nur zu gut erinnerte – und für einen Augenblick zeigte sich das Leben hier hinter der Mauer aus aufgeschichteten grauen Steinen fast wie ein Idyll. Lily saß auf der Schaukel und träumte. Der kleine Harry tappte auf noch nicht ganz sicheren Füßen durch das Gras einem Ball hinterher.
Im nächsten Jahr muss ich ihm unbedingt einen Sandkasten hier hinstellen, dachte er. Dann fühlte er einen kalten Schauder. Im nächsten Jahr – wer konnte wissen, was dann war! Ob sie immer noch hier festsitzen würden, abgeschnitten selbst von den nächsten Freunden?
Halbherzig rupfte er ein paar verwelkte Rosenblätter von dem Busch unter dem Küchenfenster, den seine Mutter immer so gehegt und gepflegt hatte. Und beobachtete Lily, wie sie gedankenverloren hin und her schwang.
Wo waren die halsbrecherischen Luftschwünge von früher geblieben? Bei der Erinnerung daran musste er lächeln. Ihre Art zu schaukeln hatte damals seine Mutter überzeugt, dass Lily vielleicht doch die richtige Schwiegertochter sein könnte – trotz Muggeleltern und einem herzlichen Desinteresse an Quidditch.
Aber jetzt saß sie da und war in Gedanken weit weg, und James fragte sich wieder einmal, wo sie eigentlich sein mochte. Sirius hatte Recht, etwas stimmte nicht mit Lily, schon das ganze Jahr über nicht. Andererseits, wer konnte es ihr verdenken, wenn sie die Unbeschwertheit verloren hatte, nach allem, was Dumbledore ihnen gesagt hatte, als Harry noch nicht einmal auf der Welt gewesen war?
Seufzend bückte er sich und hob Harrys Ball auf, um ihn noch einmal an die Mauer zu werfen. Dann ging er zur Schaukel hinüber.
"Lily?"
Die Schaukel war langsam ausgeschwungen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Sie sah auf ihre Schuhe, an denen Gras klebte und ein paar Klumpen feuchter Gartenerde. James hockte sich vor sie und sah zu ihr hinauf, lächelnd, fragend.
"Was ist los?" Er legte die Arme um ihre Hüften und hob sie von der Schaukel. "Blöde Frage, ich weiß", flüsterte er an ihrem Ohr. "Aber wir kommen hier wieder raus, ich verspreche es dir."
