Eine ereignisreiche Nacht

Kaum übertrat Laetitia sicher und ungesehen im siebten Stock die Schwelle zum Ravenclawturm, als ihr auch schon der C-Akkord von Daniel Davis' E-Gitarre entgegenschlug. Laetitia lächelte müde. Das konnte nur heißen, dass der Abend für sie noch nicht vorbei war. Aus welchem Grund auch immer feierten die Ravenclaws wohl ebenfalls eine Party. „Hey, Vogel, wach auf!" Der Adler des Türklopfers öffnete ein Augenlied. „Herrgott, hast du eigentlich kein Gefühl für die Tageszeiten?" grummelte er. „War das schon die Einlassfrage oder denkst du dir noch eine bessere aus?" stellte Laetitia grinsend die Gegenfrage. „Ich bin müde, also mach, dass du reinkommst", rief der Adler schläfrig. „Danke", sagte Laetitia erleichtert, der nicht der Sinn danach stand, jetzt noch irgendein Rätsel lösen zu müssen. Schon öffnete sich die Tür. Laetitia musste unverhohlen grinsen: Drinnen herrschte mindestens Konzertlautstärke. Ihr Erscheinen löste jedoch eine kurzeitige Minderung derselben aus – wo kam denn die kleine Snape jetzt noch her?

Laetitia stürzte sich mitten ins Getümmel und fand schon bald ihre Klassenkameraden. „Mensch, Laetitia, wo warst du denn bis jetzt?" fragte Hannah entsetzt. „Auf einer Slytherinparty", gab Laetitia zu. „Ich wusste ja nicht, dass unser Haus auch feiert."

„Das war auch nicht eingeplant, sondern ist spontan entstanden", erwiderte Delux schnell, der eine Spur von Enttäuschung in Laetitia Stimme zu hören glaubte. „Wie war es denn bei denen?" Laetitia zuckte mit den Schultern. „Ich weiß schon, warum man sagt, wir Ravenclaws würden etwas davon verstehen, Partys zu feiern. Ich bin nämlich anderes gewöhnt", - sie zwinkerte – „aber es war trotzdem lustig. Ich bin meinem Vater um Haaresbreite entkommen, als er der kleinen Feier ein jähes Ende bereitete." Michael lachte. „Na, das kann dir ja hier nicht passieren", erklärte er. „Flitwick hat sich bestimmt taub gezaubert!"

***

Erst beim Mittagessen des nächsten Tages erwachten die Lebensgeister der meisten Ravenclaws wieder; den gesamten Morgen über waren sie, wie Professor McGonagall sich ausgedrückt hatte „in keinster Weise zu gebrauchen" gewesen. Jedoch hatten die Slyhterins, obschon sie mehr Zeit zum Schlafen gehabt hatten, aufgrund des Donnerwetters ihres Hauslehrers ein noch trostloseres Bild geboten.

Diejenigen Ravenclaws, die mit seltener Genugtuung davon sprachen, heute Vormittag Professor Binns im Unterricht gehabt zu haben, konnten nun sogar ein bis zwei Stunden nachgeholten Schlaf vorweisen. So waren alle bei bester Laune, als in der großen Halle ein bekanntes Geräusch auftrat. „Die Eulen", wunderte sich Catrin. „Was machen die denn hier?" Normalerweise wurde die Post nur morgens zum Frühstück hereingebracht, Post zur Mittagszeit gab es eigentlich nie. Hannah, Catrin, Delux und Paul, die wie viele andere der Ravenclaws auch den Tagespropheten abonnierten, wurden von jeweils einer Eule angesteuert. Laetitia bekam ein ungutes Gefühl und warf dem Lehrertisch einen Blick zu. Aber wo war bloß Severus? Nicht da! Ebenso wenig wie Moody und Dumbledore. Was zum Teufel war denn hier los? „Ein Sonderprophet!" rief Catrin atemlos und lies Laetitia sofort mit in das Pergament ein schauen, das sie gerade vom Fuß der Eule abgemacht hatte. Laetitia starrte erschrocken auf die Überschrift: „Massenausbruch aus Askaban! Elf inhaftierten Todessern gelang in dieser Nacht die Flucht." Die Nachricht schlug in der großen Halle ein wie eine Bombe. Viele Schüler sprangen von ihren Sitzen und alles plapperte wild drauflos. Professor McGonagall, ebenso erschrocken über die Nachricht wie ihre Schüler, stand auf, um für Ruhe zu sorgen. Doch bevor sie etwas sagen konnte, öffneten sich am Ende der Halle die beiden großen Flügeltüren. Genauso schnell, wie der Aufruhr entstanden war, versiegte er wieder: Dumbledore betrat die große Halle und hinter ihm Mad-Eye Moody. Laetitia schluckte, denn Severus war nicht bei ihnen. Die beiden durchschritten den großen Gang zwischen den Haustischen und Dumbledore stellte sich vor dem Lehrertisch auf, um zu seinen Schülern zu sprechen. „Wie ich sehe, seit ihr bereits bestens über die aktuelle Lage informiert. Ich hatte vor, es euch selbst zu sagen, um den - mit Verlaub - sensationslüsternen Informationen des Tagespropheten zuvor zu kommen." Er machte eine Pause und blickte seine Schüler über die Gläser seiner Halbmondbrille hinweg ernst an. „Ich weiß, dass ihr alle Angst davor habt, der Krieg könnte erneut ausbrechen und es könnte so schlimm werden wie vor wenigen Jahren. Aber ihr vergesst ein winziges Detail, nämlich, dass Voldemort längst gestürzt ist und die Todesser keinen vergleichbaren Anführer in der Westentasche haben. Das Geschehene beunruhigt auch mich zutiefst, aber so schlimm es auch sein mag, eine vorschnelle Machtübernahme der Todesser, wie es damals der Fall war, ist bei unseren heutigen Sicherheitsstandards mehr als unwahrscheinlich."

„Wie konnten die überhaupt ausbrechen, Professor?" rief Daniel Davis. „Eine interessante Frage, Mr. Davis. Mir scheint es, als habe jemand die Dementoren mit einer Projektion absoluten Glücks aus Askaban gelockt. Es muss ein sehr guter Magier gewesen sein, denn einen Zustand des Glückes auf etwas zu projizieren und diesen Zustand eine Weile aufrecht zu erhalten, das ist ein selten gelingender Zauber."

„Und was werden wir jetzt tun?" fragte ein Gryffindor. „Wir werden gar nichts tun, Mr. Brown", sagte Dumbledore bestimmt. „Ich möchte, dass der Schulbetrieb ungehindert ablaufen kann und dass niemand glaubt, er könne in irgendeiner Form etwas zur Jagd auf die Todesser beitragen."

„Oh mein Gott", stöhnte Catrin, als sie später mit Laetitia, Michael und Delux allein war. „Elf schwer vorbestrafte Todesser; jetzt wird mich mein Opa gar nicht mehr aus den Augen lassen." Delux klopfte ihr auf die Schulter. „Keine Angst. Er und seine Clanauroren werden in nächster Zeit anderes zu tun haben, als auf dich aufzupassen", prophezeite er. „Da kennst du ihn aber schlecht. Zur Not stellt er extra einen für mich ab", wiedersprach Catrin. „Jedenfalls glaube ich jetzt nicht mehr, dass seine Theorie über die Allianz der Todesser nur ein Hirngespinst ist", sagte Michael. „Die haben ihre alten Freunde aus Askaban befreit, um ihre Gruppierung zu stärken." Catrin nickte. „Nur zu dumm, dass das Ministerium meinem Opa höchstwahrcheinlich immer noch nicht glauben wird", seufzte sie. „Hat er dir das gesagt?" fragte Michael interessiert. Catrin tippte sich an die Stirn. „Was sein Aurorenzeug anbetrifft, da lässt er mich ganz außen vor. Ich weiß doch auch nur das, was Laetitia an Flitwicks Bürotür mitbekommen hat." Laetitia runzelte die Stirn. „Was mag diese Allianz für einen Zweck verfolgen?" überlegte sie laut. „So wie ich das verstanden haben, war vorher doch du-weißt-schon-wer der Kopf und seine Männer haben einfach nur Befehle ausgeführt", meinte sie. „Vielleicht suchen sie nach einer Möglichkeit, ihn wieder auferstehen zu lassen", mutmaßte Delux. „Aber er ist doch tot", gab Laetitia zurück. „Sag das nicht zu laut." Catrin erschauerte. „Niemand kann genau sagen, was ihm wiederfahren sein mag, als sein Todesfluch an Harry Potter scheiterte, weil so etwas zuvor noch nie geschehen ist. Also, wer weiß es schon, vielleicht ist er noch irgendwo da draußen."

Eine kurze Stille trat ein. „Dein Vater", unterbrach Delux schließlich das Schweigen. „Er beschafft doch Informationen für Dumbledore, oder nicht?" – „Psst!" harschte Laetitia ihn an. „Nicht so laut, du Blödmann." Delux senkte seine Stimme. „Die Informationen werden jedoch nicht an das Ministerium weiter gegeben", stellte er fest. „Dumbledore muss noch mehr Männer und Frauen haben, wie Snape oder Moody, die in Zusammenarbeit versuchen, gegen die Todesser zu kämpfen." Michael pfiff durch die Zähne. „Das ist wirklich logisch, Delux", sagte er. „Hoffentlich wissen die wenigstens inzwischen, was die Allianz will und wozu sie in der Lage ist. Das würde mich brennend interessieren. Laetitia, könntest du nicht deinen Vater vorsichtig ein wenig ausfragen? Vielleicht haben wir Glück und ihm rutscht etwas heraus." Laetitia schüttelte bedauernd den Kopf. „Da habe ich den Bogen leider schon überspannt. Er ist richtig sauer geworden, als er herausgefunden hat, dass ich – ich meine, dass wir etwas über die Allianz der Todesser wissen. Ich musste ihm versprechen, nicht darüber zu forschen." Delux zuckte mit den Schultern und grinste frech. „Dann müssen wir eben abwarten, ob wir vielleicht rein zufällig etwas aufschnappen." Er unterbrach sich selbst. „Wo ist überhaupt dein Vater?" Laetitia machte ein besorgtes Gesicht. „Ich weiß es nicht. Eben war er ja nicht dabei. Vielleicht sollte ich einmal in den Kerker gehen und nachsehen. Und wenn er da nicht ist, frage ich Dumbledore. Ich finde, ich habe ein Recht darauf, zu wissen, ob er vielleicht in Gefahr ist."

Die Wohnung von Snape war leer. Doch als Laetitia wieder aus ihr raus treten wollte, bemerkte sie am Ende des Flures, dass zwei Gestalten auf sie zukamen. Keiner von den beiden war Severus. Erschrocken schlüpfte Laetitia in die Wohnung zurück und quetschte sich in Severus Wandschrank. Die beiden Männer betraten kurz darauf ebenfalls das Zimmer. „Er ist noch nicht hier." Das war Nott. „Dann warten wir eben auf ihn." Laetitia erschauerte. Die zweite Stimme gehörte demjenigen Todesser, dem sie im verbotenen Wald gegenüber gestanden hatten. Vorsichtig öffnete sie die Schranktür einen Spalt breit. Nott war in der Küche verschwunden und machte sich wahrscheinlich etwas zu essen. Der andere stand regungslos im Zimmer. „Er wird sauer sein, dass wir ihn nicht informiert haben", rief Nott hörbar besorgt aus der Küche. „Ich weiß", gab der andere Todesser zurück, jedoch ohne jegliche Beunruhigung in seiner dunklen Stimme. „Es ließ sich nun einmal nicht vermeiden."

Wie aufs Stichwort trat Severus ein. Laetitia lief ein Schauer über den Rücken, denn sein weiter schwarzer Umhang, die Kapuze über seinem Kopf und ein Schlangenmedaillon, das er wie die anderen trug, machten ihn zu Ihresgleichen. „Hier bist du also", sagte er zu dem Todesser in einem Ton, den Laetitia noch nie von ihm gehört hatte. „Dich treibt wohl das schlechte Gewissen her." Nott kam aus der Küche geeilt. „Severus!" rief er sofort. „Reg dich nicht gleich auf." Severus zog seine Umhangkapuze herunter. Sein Gesicht war kreideweiß vor Zorn, was ihn, der sowieso schon eine bleiche Haut hatte, noch gespenstiger erscheinen lies als sonst. Er schenkte Nott einen Blick, der ihn zwei Schritte zurückgehen lies. Der andere Todesser jedoch behielt seine Fassung. „Severus, Lucius wusste auch nichts davon. Wenn wir die Sache vorher geplant hätten, hätten wir euch informiert", versuchte er Severus zu beschwichtigen. „Nicht geplant also, ja?" flüsterte Severus bedrohlich. „Das habe ich gemerkt! Wie konntet ihr auf so eine hirnrissige Idee kommen, in Askaban einzubrechen?" Avery blickte gelassen zurück. „Mein lieber Freund", meinte er. „Ich möchte Nott in Schutz nehmen. Er war zwar dabei, aber die Idee kam von mir. Und was an dieser Idee war bitteschön hirnrissig? Nott und ich haben immerhin elf unserer Leute befreit!" Severus packte ihn am Umhang. „Es geht mir hier nicht um die positiven Auswirkungen, die diese Sache zufälligerweise mit sich gebracht hat! Ich spreche davon, dass du im Vorhinein nicht wissen konntest, dass alles so glatt laufen würde und dass du euch und unsere gesamte Operation damit willentlich in Gefahr gebracht hast!" Er ließ Avery los. Dieser schien nicht begeistert davon zu sein, sich von Severus die Meinung sagen lassen zu müssen. „Nun, der Erfolg gibt mir Recht!" beharrte er. „Also halt dich jetzt nicht mehr damit auf, was alles hätte passieren können." Severus kam Avery noch einmal bedrohlich nahe. „Ich sage dir eins, Lewis Avery Junior. Ständen wir noch unter dem dunklen Lord, dann wärest du jetzt tot." Avery schluckte. „Der dunkle Lord hätte sich einen solchen Einzelgang von dir nicht gefallen lassen. Auf uns, seinen inneren Kreis, musste er sich zu hundert Prozent verlassen können. Und wir können uns auch heute nicht mehr leisten, dass dich demnächst wieder spontan irgendeine wahnsinnige Idee überfällt, die uns Schwierigkeiten bereiten könnte. Und du bist wahnsinnig, Avery, glaub mir. Also sprech mit uns vorher über deine Vorhaben oder du stirbst das nächste Mal."

Severus setzte sich auf seinen Sessel und stützte seinen Kopf in einen Arm. „Und Nott", fügte er schließlich noch hinzu. „Ich hasse es, wenn du dich immer einfach nur aus Spaß in etwas hineinstürzt, ohne vorher einmal zu überlegen. Du bist und bleibst ein Kindskopf." Nott runzelte die Stirn. „Jetzt ist aber Mal gut Severus!" rief er. „Averys Glücksprojektion war die brillanteste Zauberei, die ich seit der Herrschaft des dunklen Lords gesehen habe. Und nur dadurch ist unsere Allianz endlich einmal tätig geworden. Die Leestranges sind unter den Befreiten; stell dir vor, der innere Kreis ist endlich wieder komplett: Lucius, Rabastan, Rodolfus, Bellatrix, Lewis, du und ich. Jetzt geht es wieder richtig los." Severus seufzte. „Wo sind denn jetzt überhaupt alle?" fragte er einlenkend. „In Malfoy Manor", gab Avery zurück. „M-Malfoy Manor?" wiederholte Severus ungläubig und regte sich sofort wieder auf. „Sag mal, ist euch da nichts Besseres eingefallen? Kurz nachdem Lucius in der Gesellschaft wieder rehabilitiert ist, schleust ihr elf Todesser bei ihm ein?" Nott, der nach Voldemorts Sturz ebenfalls nur um Haaresbreite seine Haut und seine gesellschaftliche Stellung hatte retten können, gluckste. „Bei mir war eben nicht genug Platz." Keiner der beiden anderen lachte über den kleinen Witz. „Ich schlage vor, wir treffen uns in einer viertel Stunde in Spinners End", fuhr Nott daraufhin sachlich fort. Avery blickte Severus mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. Dieser schwieg einen Augenblick, dann nickte er. „In Ordnung. Ich sage auch Lucius und den anderen bescheid." Avery verzog sein kühles und ernstes Gesicht zu einem höhnischen Grinsen. „Da kann es trotz allem wohl jemand nicht erwarten, seine alten Freunde wieder zu sehen", lachte er. „Sei es wie es sei, Lewis", gab Severus kühl zurück. „Aus meinem Mund wirst du kein lobendes Wort hören." Avery schüttelte verständnislos den Kopf. „Du bist immer noch der Dickschädel von damals", sagte er ärgerlich. „Komm Nott, wir gehen."

Nott und Avery schritten zur Tür und blickten vorsichtig in den Flur. Avery drehte sich noch einmal zu Severus um, bevor sie heraustraten. „Da fällt mir ein, dass ich das kleine Prince-Gör noch immer nicht gesehen habe", meinte er. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass sie eine Snape ist", fauchte Severus. „Na, wenn du ihr vorlautes Mundwerk erlebt hättest, wärest du dir da auch nicht so sicher." Avery zog seine Umhangkapuze hoch. „Nimm dich in Acht Severus. Die anderen werden eher meinen Wahnsinn ertragen als deine gute Ader." Severus hob eine Augenbraue. „Was meinst du damit?" fragte er verwundert. „Du warst damals nicht der einzige, der Latein verstehen konnte", meinte Avery ernst. „Und es besorgt mich, dass du auf ihre Worte gehört hast."

Severus Gesicht zeigte keinerlei Regung. Ganz langsam erhob er sich aus seinem Sessel. „Willst du meine Loyalität anzweifeln?" Die Frage kam wie ein Donnerschlag und stand nun unvermeidlich im Raum. Plötzlich entstand eine fühlbare Spannung, die zwischen Avery und Severus zu stehen schien. Avery zuckte. „Nein", sagte er nach einem kurzen Moment der Stille. „Das würde ich niemals tun." Er nickte Severus zu und verschwand hinter Nott aus der Tür.

Severus starrte einen Augenblick ins Leere, dann stützte er sich mit einer Hand an der Wand ab und atmete einmal tief durch. Daraufhin verließ auch er die Wohnung.

Laetitia rannte mit wehendem Umhang und ohne zu stoppen in den siebten Stock zum Ravenclawturm. „Leute!" flüsterte sie atemlos und aufgeregt Delux, Catrin und Michael zu. „Ich weiß, wo sich die Todesser befinden!" Catrin fiel der Unterkiefer herunter: „Ja, komm schon, raus mit der Sprache!" - „In Malfoy Manor", gab Laetitia zurück. „Und wo ist das?" fragte Michael trocken. „Keine Ahnung", gab Laetitia schnell zurück. „Aber Professor Moody müsste es doch wissen!" Catrin fasste sie am Arm. „Hoffentlich ist er da, schnell wir laufen zu ihm!" – „Nun einmal halblang", ging Delux dazwischen. „Woher weißt du das alles überhaupt?" Laetitia umriss kurz das Geschehene, während die drei anderen mit offenen Mündern lauschten. Delux blickte unsicher zu Laetitia, als sie geendet hatte. „Und du glaubst nicht, dass dein Vater Moody selbst informieren würde, wenn er es für nötig erachten würde?" fragte er. „Also ich an deiner Stelle würde ihm nicht ins Handwerk pfuschen."

Diese Worte wirkten. Laetitia brachte ihren Atem unter Kontrolle. Delux hatte verdammt nochmal Recht. Sie hatte gehört, dass ihr Vater nicht nur irgendein Todesser war, sondern zu den führenden Personen gehörte. Sie hatte gesehen, wie ein gestandener Todesser allein vor seinem Blick zurückgewichen war. Wer war sie, dass sie in seine Arbeit derart eingreifen wollte? Laetitia versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Ich verstehe es nicht, warum er sie nicht ausliefert. Die komplette Allianz will sich jetzt in Spinner's End treffen – wo auch immer das sein mag. Dort könnte Moody und sein Aurorenclan sie alle dingfest machen. Nur Severus lässt das nicht zu", meinte sie. „Es wäre sehr unauffällig, wenn Snape bei einer Razzia der Auroren als Einziger nicht festgenommen würde", gab Michael sarkastisch zurück. „Ich glaube", wandte Delux ein, „Dass es da noch irgendetwas gibt, was er für Dumbledore über die Allianz herausfinden soll." Laetitia hob die Augenbrauen. „Er gehört zum inneren Kreis der Todesser, Joe. Was könnte es da geben, über das er nicht informiert würde?" gab sie zu bedenken. „Ich weiß es nicht, Laetitia", meinte Joe. „Aber es muss doch stimmen; Dumbledore würde doch sonst keine nicht einschätzbare Todesserbande ungestraft rumlaufen lassen, wenn er sie eigentlich problemlos durch einen Mittelsmann dingfest machen könnte." Als Laetitia immer noch skeptisch dreinschaute, fügte Michael neckend hinzu: „Frag deinen Vater doch, wenn es dich so interessiert." Die beiden Jungs lachten und klatschten sich gegenseitig in die Hände. Catrin blickte sie wütend an. „Das ist ein ernstes Thema. Solange die Allianz so stark ist, wie ab heute, sind viele Menschenleben in Gefahr." Sie schluckte. „Zum Beispiel meines."

***

Die Ausgangssperre hatte gerade angefangen, als Daniel Davis auf Laetitia zukam und sagte: „Dein Vater lässt dich rufen." Laetitia, die sich nach der beinahe durchgemachten Nacht eigentlich nach einem frühen Zubettgehen gesehnt hatte, war mit einem Schlag hellwach und sprang vom Sofa auf. „Was jetzt noch? Ja, klar, ich gehe sofort."

Severus ließ Laetitia in seinem Büro Platz nehmen. Laetitia fiel sofort auf, dass er nicht bei besonders guter Laune war. „Die Ereignisse überschlagen sich, Laetitia und das bringt viele Menschen in Gefahr", begann er zu sprechen und ging dabei auf und ab. „Wusstest du denn vorher nichts von dem Ausbruch?" fragte Laetitia, um unauffällig zu wirken. Doch Severus hob auch schon die Hand, um zu zeigen, dass er ungestört sagen wollte, was er zu sagen hatte. Laetitia schwieg sofort Stille. „Es war eine ungeplante Sache", gab Severus dann zurück. „Und jetzt kann ich es nicht mehr ändern. Ich muss sehr vorsichtig sein, dass meine Deckung nicht auffliegt." Er blickte sie ernst an. „Und du musst genauso vorsichtig sein. Ich konnte nicht vorausahnen, vor Todessern welchen Kalibers ich dich für mich würde lügen lassen müssen. Es werden unvermeidlich Situationen auf dich zu kommen, die meine Loyalität infrage stellen und dich in Todesgefahr bringen könnten." Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. „Deswegen werde ich dich zusätzlich zu deinem Unterricht selber ein wenig unterrichten. Vor allem in Verteidigung gegen die dunklen Künste." Laetitia dachte voller Zorn an Avery, der ihrem Vater nun einmal diese Sorge bereitet hatte. „Dieser verdammte…" Als ihr klar wurde, was sie da gerade sagen wollte, brach sie die Beschimpfung sofort ab. „Ich meinte, du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen. Ich werde mich vor denen tunlichst zurückhalten", versprach sie und versuchte, ihren Vater anzulächeln. Sie hatte keine besonders große Lust, sich in ihrer Freizeit von Severus unterrichten zu lassen. Das hörte sich nach richtiger Arbeit an; da war ihr Zaubertränke allein schon zu viel des Guten. „Das war kein Vorschlag von mir, Laetitia", gab Severus bestimmt zurück. „Die Todesser haben Möglichkeiten, die du dir nicht ausmalen kannst." Laetitia schwieg einen Augenblick. „Ich verstehe nicht, warum du sie nicht einfach ausliefern kannst", wagte sie sich schließlich vor. „Das ist meine Sache, meine Arbeit, Laetitia. Und du hast mir versprochen, nicht über die Allianz der Todesser zu forschen"; gab Severus bemüht ruhig zurück. Laetitia biss sich auf die Lippen. „Ich weiß", sagte sie enttäuscht. „Desto weniger du weißt, desto sicherer bist du", versuchte Severus ihr zu erklären. „Und ich könnte es mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustößt. Du musst mir vertrauen, hörst du?" Laetitia hatte plötzlich einen ganz großen Kloß im Hals. „Ja, Severus", sagte sie leise. „Ich vertraue dir." Severus strich ihr väterlich über den schwarzen Haarschopf und legte dann ihren Kopf an seine Brust. „Ich passe schon auf uns auf."