Zwischen zehn und halb elf Uhr wurde Chase müde. Träge schwang sein Kopf hin und her, die Kontraktionen wurden heftiger, und sein Blick verdunkelte sich, wie um sich gegen die Schmerzen abzuschotten. Einen Moment überlegte House, ob Valium ihm Linderung versprechen würde, doch er ließ den Gedanken ins Nichts driften. Keine Medikamente, weder für ihn noch für Chase. Dieses Versprechen hatte er sich abgenommen.
„Möchten Sie ins Bett?" Nirgendwo passte er nach seinem Dafürhalten besser hin. Chase war bettkompatibel, eine Bereicherung für klamme, zerwühlte Laken. Er hob seinen Kopf an und tupfte den Speichel ab. „Ins Schlafzimmer? Es ist kühler dort. Und bequemer. Wir schlafen da. Deshalb heißt es Schlafzimmer. Wir haben nur eines."
Okay, sagte er.
Mit einer Besonnenheit, die ihn selbst verblüffte, half er ihm auf. Mehr noch erstaunte ihn die Tatsache, dass Chase sich den Weg zum Bad gemerkt hatte und an seinem Arm darauf zustrebte, ehe er House aussperrte. Die Tür machte er zu, verzichtete jedoch darauf, sie zu verriegeln. Er wusste nicht, ob er Erleichterung oder Enttäuschung empfand.
„Falls Sie Hilfe benötigen, machen Sie Mmm."
Von drinnen kam keine Antwort. Neugierig drehte er am Knauf, als die Spülung nicht mehr rauschte. Chase versuchte, sich die Zähne zu putzen und knurrte, weil etwas nicht so funktionierte, wie er es sich wünschte. Die Zahnbürste drückte er an den Falz einer Tube, die House als Gleitmittel enttarnte. Offensichtlich erwartete er, sie gebe von selbst die gewünschte Menge her.
Amüsiert darüber, dass er sich erstens dumpf einigen eingeimpften Ritualen wie dem Zähneputzen entsann und zweitens KY mit der Zahnpasta vertauschte, näherte er sich und nahm Chase Tube und Bürste ab, um die Angelegenheit ins Reine zu bringen, bevor der Junge noch ungehaltener wurde.
„Ich weiß nicht, ob KY besser schmeckt, aber Sie sollten bei Colgate bleiben. Manchmal bewährt sich Althergebrachtes. Darf ich Ihnen helfen beim ersten Mal? Damit Sie für die Zukunft gewappnet sind?"
Eingedenk der pikanten Verwechslung klang das recht anzüglich, geradezu derb, doch es machte nichts, weil keiner außer House selbst die Pointe verstand und der geistig rege Chase darüber gelacht hätte.
Das Gel stammte aus seinen wilden Zeiten, als er noch käuflichen Damenbesuch gehabt hatte. Eine hübsche Brünette hatte sie mitgebracht und gesagt, dass sie es ohne Gel und Gummi nicht machte. Seitdem lag die Paste im Schrank. Mit Chase hatte er sie bisher nie verwendet, im Eifer des Gefechts vergessen. Meist hatte Speichel genügen müssen, oder sie waren beide so scharf, dass Chase schon bis zur begehrenswerten Pofurche feucht und seidig war, wenn er ihn penetrierte.
Nichtsdestoweniger durchwogte ihn eine eigenartige Hochstimmung ob der Tatsache, dass das KY noch im Haus herumschwirrte. Die Kleine damals hatte das Gefühl richtig genossen.
Solange Chase noch Chase gewesen war, hatte er sich eingeredet, enthaltsam bleiben zu können, doch nun, da ihm die Sinnlichkeit mit ihm zu entgleiten drohte, die für ihn so erfüllend war, wurde ihm klar, dass sie ihm bereits fehlte.
Er durfte helfen, sogar gern. Fasziniert starrte Chase mit weit geöffnetem Mund und sich auf dem Waschbecken abstützenden Händen in den Spiegel, während House seitlich an ihm stehend ein wenig täppisch die Zähne einschäumte. Es war ungewohnt für beide, aber irgendwie ein großer Spaß. Jede Spitze, jeden Winkel des Gebisses kannte er auswendig, und nach einer kurzen Umgewöhnung schrubbte er sie wie seine eigenen, die Finger der linken Hand fixierend unter Chase' Kinn.
Das Ausspülen demonstrierte ihm House, zumal er wusste, dass der Schluckreflex ein wunder Punkt bedeutete.
In der Absicht, ihn und sich selbst zu erheitern, gurgelte er Love me tender, woraufhin weiße Flocken an den Spiegel spritzten. Chase' nackter Rücken erbebte unter einem glucksend abgehackten Lachen. Er schmolz dahin, so wundervoll hörte es sich an. Nicht wie sein übliches, volltönendes, aber es war unbestreitbar ein Geräusch der Freude.
„Sie sind ein Wunder", hauchte er überwältigt, kurz davor, ihn an sich zu drücken.
Viel zu schnell und vermutlich durch seinen verbalen Gefühlsausbruch ausgelöst entschwand der Zauber. Die grünblauen Augen im Spiegel verschleierten, ehe sich der Blick nach innen kehrte. Auf der einen Seite fand er es bedauerlich, aber mit lichten Momenten war immerhin zu rechnen.
Im Schlafzimmer offenbarte Chase keinerlei Unruhe oder überhaupt irgendetwas, das auf eine beginnende Panik schließen ließ. Er hinkte zum Bett und legte sich behaglich schnaufend auf House' Hälfte, das T-Shirt unter die Wange geschmiegt, die störende Decke strampelte er zum Fußende. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich.
Zuviel war passiert, zuviel seinem geschädigten Gehirn abgetrotzt worden. Der Abschied von Mom, der lange Flug, eine neue Umgebung, der aus allen Wolken fallende Wilson beim Wiedersehen, seine perfiden Spielchen. Sich das stoppelige Kinn reibend, setzte sich House auf die Bettkante und betrachtete ihn versunken.
Im Halbdunkeln glomm die Haut fahl und glänzend zugleich und blendete ihn beinahe.
Vorsichtig kämmte er ihm das Haar zurück, woraufhin Chase schläfrig blinzelte und den Kopf hob, den er sanft ins Kissen zurückdrückte. Er sollte liegen bleiben. Ohne Worte erfasste Chase den Wunsch, doch seine Augen blitzten furchtsam auf, sobald sich ihre Blicke trafen.
Auf sonderbar isolierte Art wähnte er sich plötzlich in Chase' begrenzter Welt, abgerückt von äußeren Umständen.
Nur der wohlgestaltete Körper aus Samt und Seide war noch ein Teil davon, auf den er mit den Fingerspitzen meditativ Ornamente zeichnete und ihn allein durch die bedächtige Liebkosung der Haut mit Fingern und Lippen reizte; sein Atem ging schwer, und seine Lider schlossen sich genießerisch. Das linke Bein begann wohlig in wie im Traum verlangsamten Bewegungen zu treten.
Lächelnd, weil die Gebärde den verschütteten Chase verriet, der auf diese Weise House' und die eigene Erregung zu steigern pflegte, umfasste er die Fessel, unterstützte ihn in der Bewegung und kreiste mit dem Daumen um den Knöchel.
Voller Lust stöhnte Chase in das T-Shirt. Ihn aufzubringen, kostete House in der Regel nicht viel, aber dass er auch in einem geistig entfernten Chase derart heftige Gefühle aufrührte, hätte er nicht vermutet. Unter einer Kontraktion der Schulter- und Lendenmuskeln erschaudernd erhöhte Chase das Becken, indem er sich auf den Bauch wälzte, beide Knie anwinkelte und die Stirn und die Fäuste in die Matratze bohrte. Seine Wangen röteten sich, und er biss sich auf die Unterlippe. Die stumme, leidenschaftliche Sprache war klar zu entschlüsseln, denn die hatte auch der mental unversehrte Chase beherrscht.
House fragte sich, ob er sich an etwas erinnerte oder schlicht seinen Trieben nachgab, die er nun, da sein Denken eingeschränkt war, nicht mehr unterdrückte. Geflissentlich schob er die Hand zwischen die Shorts und das Steißbein und von dort weiter nach unten, woraufhin Chase sich wieder niederließ und leise seufzte.
Die süße, pralle Rundung seines Pos und das, was sie verbarg, war fast zuviel, als er ertragen konnte. Roher als beabsichtigt ergriff er ihn, krümmte die Finger in das feste Fleisch. Jäh keuchte er auf; ein Keuchen, in das sich Chase' wonnevolles Ächzen mischte. Sie wären beide bereit, zum Teufel mit der Gleitcreme. Aber Chase würde nicht wissen, wie ihm geschah. Schon auf der Schaukel hatte er ihn verwirrt, was ihm sehr leid getan hatte.
Und dann, weil er ein unverbesserlicher, alter Lüstling war und jedes Mal seine Prinzipien über Bord warf, wenn es um seinen auserkorenen Liebling ging, tat er es doch. Hinkte mit verzerrtem Gesicht zum Bad, schnappte sich das K-Y und kehrte nicht nur von der physischen Beschwerlichkeit erhitzt und japsend zurück.
Wir haben ein Spielzeug, Robert. Eines, das dir gefallen wird.
Chase lag auf der Seite, während House ihn von den Shorts befreite und mit der Neugier eines Kindes, das ein Spielzeug entdeckt, verschwenderisch das Gel verteilte, auf seiner Hüfte zur Leiste rieb und befriedigt erbebte, als der Junge unter der unerwarteten Konsistenz aufstöhnte. House schlang den Arm um seine Hüfte, streichelte sanft die Wirbelsäule hinauf.
Eine Spur des Gels sickerte zu beiden Seiten, das er dem Verlauf nach aufleckte und vor lauter Erregung nicht wusste, wo er anfangen sollte. Schließlich entschied er sich für vorne, damit Chase ihn im Auge hatte, der jetzt den Kopf neigte und in House' Haar fasste, allerdings ohne ihn abzuwehren, wie er zunächst vermutete. Noch war es gut. Himmel. Er mochte sich nicht ausmalen, wohin der Abend noch führen würde, und er musste sich schwer zusammenreißen, um Haltung zu wahren, und das im wahrsten Sinn des Wortes. Sonst war es vorbei, ehe es überhaupt angefangen hatte. Die Wucht der Begehrlichkeit nach dem schlanken Körper, von der er übermannt wurde, war schon fast verboten.
Das K-Y schmeckte süßlich und nicht halb so gut wie der Duft seiner Haut, den er dennoch unter der Schicht des Gels ausmachte; die herbe Würze, seine Jugend und nicht zuletzt seinen Instinkt, sein Verlangen nach Nähe, das sich zudem in einem heftigeren Treten äußerte, wobei er ihm um ein Haar das jäh hochgezogene Bein ins Gesicht rammte. Behutsam streckte House es sich quer über die Schulter, wo es liegen blieb und behaglich auf ihn einhämmerte.
Wenn er es schaffte, sich zwischen ihn zu schieben, könnte er ihn ansehen, aus nächster Nähe seine Empfindungen ausloten, Schmerz, Lust, Ekstase, vielleicht auch Angst, die ihn daran hindern würde, ihm unnötige Schmerzen zuzufügen. Merkwürdig, dass ihm der Gedanke erst jetzt kam. Vielleicht hatte er ihm doch unbewusst immer wieder seine Macht demonstrieren wollen.
Wahrscheinlich wäre es für Chase schöner gewesen, wenn er ihn hin und wieder hätte entscheiden lassen, wie er es haben wollte. Ganz so einfühlsam, wie er geglaubt hatte, war er doch nicht. Der jahrelange Umgang mit Prostituierten hatte ihn die Romantik einer festen Partnerschaft vermissen und ihn abstumpfen lassen. Aber Chase hatte eine so derbe Behandlung nicht verdient. Sein flaumiges, flauschiges Lämmchen, das sich nie beschwert hatte. Nicht dass er bezweifelte, es sei nicht schön für ihn (das Gegenteil hatte er ihm oft beteuert), aber er konnte sanfter sein, wenn er wollte, und er wollte es für Chase.
Es lag ihm fern, ihn zu erschrecken, und er musste sich zügeln, indem er ein paar Mal laut ausatmete.
Sich selbst erschreckte er ebenfalls. Vor diesem Tag hätte er nicht gedacht, wie scharf er auf den jungen Australier war, was für ein lüsternes Monster in ihm steckte, sobald er ihn berührte. Allein der Anblick genügte, ihn zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit aufzustacheln. Was er sich und dem arglosen Chase bot, brachte sein Selbstbild gehörig ins Wanken. Und doch konnte er den Drang, ihn zu nehmen, nicht niederringen. Er würde vorsichtig und sanft sein, das schuldete er nicht nur seinem Gewissen.
Alles war so unschuldig jungenhaft und doch sinnlich an ihm, der Mund, die Struktur seines Haares, das ihm jetzt über den Jochbogen fiel, die samtige Haut, die feuchte Tiefe seiner Bereitwilligkeit, an der er begehrlich entlang wanderte und sich ermutigt tiefer wagte, als Chase abermals wohlig schnaufte. Wie viel von seinen Gefühlen er allein durch Laute und Töne kundgab, überraschte House genauso wie die Tatsache, dass er die Sprache nicht mühsam lernen musste. Sie verstanden sich ohne Worte.
Mithilfe des Gels dehnte er ihn bedächtig und war erstaunt und vor Erregung fast wild darüber, wie willig er ihm nachgab. Als hätte er darauf gewartet und gehofft.
In sich horchend und auf House' Stimulierung konzentriert, hielt Chase die Augen geschlossen, sein Atem jagte und synchronisierte sich mit seinem, bis er ein kleines, überraschtes Fiepen ausstieß. Vielleicht – oh, das war frevlerisch und egoistisch – aber vielleicht kam er dank des kleinen Hilfsmittels doch noch auf seine Kosten, Selbstbild hin oder her. Erfahren musste es ohnehin keiner. Das war eine Sache zwischen ihm und Chase.
Er hatte ihn noch nicht ganz dort, wo er sie beide haben wollte, wenngleich er unbestreitbar erregt war.
„Mögen Sie es?" flüsterte er. „Sie hatten schon mehr von mir."
Die weichen Lippen wölbten sich zu einem betörenden Schmollen, das seine Lenden abermals kribbeln ließ; es konnte ja oder nein heißen, und das reichte ihm nicht.
Zu Beginn ihrer physischen Beziehung hatte er dann und wann Beklemmung empfunden, weil Chase soviel jünger und verletzter war, doch allmählich kannte er ihn besser. Sein Charakter, mit dem er andere über seine Raffinesse hinwegtäuschte, verlieh ihm etwas Kindhaftes, Naives, das es ihm trotz der gegenseitigen Attraktivität schwer gemacht hatte, ihn körperlich zu lieben, besonders da der Missbrauch wie eine Ermahnung an sein Gewissen über ihm schwebte. Umso mehr bewunderte er ihn jetzt für seine Hingabe und schätzte sie als das größte Geschenk ein, das ihm je gemacht worden war. Nicht nur aufgrund des langsam in den Hintergrund tretenden Traumas, sondern auch, weil Chase vorher selten dazu geneigt hatte, sich vorbehaltlos in etwas zu stürzen, das ihm eventuell zwei der wichtigsten Faktoren in seinem bisherigen Leben raubte: Selbstkontrolle und Würde.
Und er begriff, dass er nie jemanden finden würde, der ihm das Wasser reichen konnte, was Mut und Überwindung betraf, der sich so leicht von ihm lenken ließ und ihm vertraute. Das gleiche Geschlecht und der große Altersunterschied waren dabei nicht relevant, obwohl gerade Letzteres und House' Dominanz dazu geführt hatten, sich ihm ohne Druck Schritt für Schritt zu öffnen.
Er hatte gelernt, auf Signale zu achten, seien sie noch so subtil; das galt nicht nur für Chase, doch besonders für ihn. Eines dieser Signale sandten die flehenden Augen aus, selbst jetzt noch, als der Schluss nahe lag, er sei zu Kommunikation nicht mehr fähig. Etwas war nicht so, wie es sein sollte. Trotz der offensichtlichen Befriedigung (sein Bein zuckte immer noch ein wenig) hielt Chase sich zurück.
„Okay? Darf ich zu Ihnen kommen?" Bitte erlaube es mir. Ich vermisse dich. Wenn ich dich habe, finden wir uns vielleicht wieder.
Endlich wurde sein Blick klarer, zeigte etwas von dem, was er fühlte. In den regelmäßigen Gesichtszügen konnte er tatsächlich so etwas wie Skepsis lesen.
Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, was du vorhast. Bitte hör auf. Ich glaube, es macht mir Angst.
Wie konnte er jetzt noch darum bitten, aufzuhören! Er sah es Chase an, dass er es wollte, er die neue Variante in ihrem Zusammensein genoss. Trotzdem war es besser, sich zu fügen, seinem Willen nachzugeben. Beide waren außer sich, und Chase entwand sich ihm und presste die Knie aufeinander. Es war zu früh. Wenn es überhaupt je wieder sein sollte, musste er den ersten Schritt tun.
„Ich lasse Sie schlafen", sagte er heiser, der Versuchung widerstehend, sein zerzaustes Haar zu glätten. „Ich tue nichts, was Sie nicht möchten. Sie bestimmen die Regeln, so wie bisher. Es wird sich nichts ändern."
Bevor er voller Bedauern und Reue das Zimmer verließ, richtete Chase sich auf und bedachte ihn mit einem undefinierbaren Blick, der ihm nichtsdestoweniger durch Mark und Bein ging. Da keine offensichtliche Emotion darin lag, war es schwer, ihn zu deuten. Aber etwas war da, das zuvor nicht existiert hatte. Wie ein Tier auf der Lauer, das seine Beute keinen Augenblick aus den Augen lässt, kehrte er zurück und hockte sich mit schmerzend pochendem Oberschenkel vor das Bett.
„Sind Sie böse auf mich? Sie haben jedes Recht dazu. Sie kennen mich nicht mehr, daran habe ich nicht gedacht."
So überraschend, dass er im ersten Moment zurückzuckte, streckte der Junge die Hand aus, fuhr mit den Fingern langsam von der Stirn bis zur Kehle über sein Gesicht. Nachdenklich hielt seine Fingerspitze an den Augenhöhlen inne, modellierte sie nach und blieb auf der Furche der Nasenwurzel liegen. Zum ersten Mal unternahm er den Versuch, Kontakt zu knüpfen. Vielleicht erinnerte er sich an ihn auf diese Weise. Das war so aufregend, dass House beinahe zu atmen vergaß.
Du bist traurig.
„Ich habe Schmerzen im Bein", erklärte er. „Sie sind schlimmer geworden. Ich weiß nicht genau, seit wann."
Ist es meine Schuld?
Nein. Ja. Ich weiß es nicht. Du bist nicht mehr derselbe. Dafür kannst du nichts, aber ich weiß nicht, wie wir miteinander umgehen können, ohne dass du das Gefühl hast, etwas verloren zu haben. Ich strenge mich an, aber du musst Geduld mit mir haben.
Die habe ich. Wenn du mich nur nicht verlässt.
„Ich verlasse Sie nicht", versicherte er und umarmte ihn ein wenig linkisch. Anders konnte er seinen überbordenden Gefühlen momentan keinen Ausdruck verleihen. Sofort wich Chase mit einem nahezu furchtsamen Laut zurück, und er ließ ihn frei, beobachtete, wie er seine bevorzugte Schlafposition einnahm und hinkte dann aus dem Zimmer.
Lange blieb er wach und suhlte sich mit einem Glas Whisky, aus dem zwei oder drei wurden, in seiner Einsamkeit und einer unverhältnismäßigen Portion Selbstmitleid, statt sich mit der neuen Situation allmählich anzufreunden.
Das, was er befürchtet hatte, als es noch gar keinen Grund dafür gegeben hatte, war eingetreten. Sogar schlimmer, weil ein Teil von Chase ihn immer in Versuchung führen würde, ohne es zu forcieren. Es wäre besser, ihn nicht hier zu haben. Wenn er ihm etwas antat, er weiterging als heute, könnte er sich nicht mehr im Spiegel anschauen. Und er war knapp davor gewesen.
Trotzdem würde ihn eine Trennung von Chase zerreißen. Er wollte nicht darüber nachdenken und war fest entschlossen, durchzuhalten, solange es ging. Schließlich hatte er ihn schon einmal gepflegt, und das besser, als er es sich zugetraut hätte. Damals war Chase jedoch in der Lage gewesen, mitzuziehen. Dass er es jetzt nicht tun konnte, komplizierte die Sache erheblich. Von Natur aus war House kein geduldiger Mensch, obwohl er sich mit seinem Engagement für den von der Tollwut genesenden Jungen selbst erstaunt hatte.
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Darüber, wie und wann er ins Bett gekommen war, hatte er keinerlei Erinnerung. Anscheinend sturzbetrunken; seine Kleider waren kreuz und quer auf dem Boden vom Flur ins Schlafzimmer verstreut. Entblößt bis auf die Unterhose lag er rücklings ausgestreckt neben Chase, der von ihm abgewandt die äußerste Ecke des Bettes besetzt hielt. Auf einmal beschlich ihn die schreckliche Vorstellung, er sei im Schlaf erstickt.
Rasch federte er hoch und drehte ihn grob vor Aufregung zu sich herum. Sein Herz raste schmerzhaft gegen den Brustkorb, während sich die Gedanken überschlugen. Er hätte besser auf ihn aufpassen müssen. Wie konnte er nur so leichtsinnig sein, sich zu betrinken, wenn Chase auf seine Wachsamkeit, seine ärztliche Aufsicht angewiesen war?
Gott sei Dank, der Puls war vernehmbar. Mit unbewusst laszivem Schlafzimmerblick sah Chase zu ihm auf und hustete ein bisschen Schleim. Ihn an sich ziehend, nahm er ihn mit in eine sitzende Position, in der ihm das Atmen leichter fiel.
„Machen Sie das nie mehr", murmelte er in sein Haar und wusste nicht recht, was er ihm eigentlich vorwarf. Mehr als die ausgestandene Besorgnis um ihn schnürte ihm seine eigene unverzeihliche Nachlässigkeit immer noch die Kehle zu.
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Die gemeinsame Morgentoilette gehörte zum Standard und war etwas, das Chase sogar bisweilen genießen konnte, da er sehr taktil veranlagt war und House genau wusste, wie er ihn anfassen musste, ohne ihm Unannehmlichkeiten zu verursachen. Erstens war er darin geübt, und zweitens bemühte sich Chase, ihm keine Schwierigkeiten zu machen, woran er erkannte, dass er hier war mit ihm. Die unkontrollierten Bewegungen allerdings taten ihm weh, wahrscheinlich mehr als Chase, der nach der Tortur des Ankleidens erschöpft den Kopf an seine Schulter legte und sie mit Speichel verunzierte.
Sie würden sich beide daran gewöhnen müssen.
